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Das Buch "Traumwelten" versteht sich als eine Art "Brücke" zu einer anderen Wirklichkeit des Menschen. Es nimmt einen mit auf eine Entdeckungsreise zum Menschen hin, statt von ihm fort. So mag der eine oder andere Gedanke absolut unsinnig sein, weil wir nicht gelernt haben, mit den Augen des Herzens zu sehen. Herz und Verstand müssen lernen, zusammenzuleben. Gongina, ein kleines Dadafumädchen, und der Kleine Schatz, Herz im Herzen der Herzen, machen sich gemeinsam auf die Reise, um sich und die Menschen besser verstehen zu lernen. Und während Gongina in Badasin-ju-Harim einen liebevollen Lehrer und Freund findet, trifft der Kleine Schatz im Tempel der Schatten auf Argamon, den wahren Herrscher dieser Welt! Solange wir nicht wirklich wissen, wo wir herkommen und was wir sind, werden wir auch nicht wissen, wo wir hinkommen, noch, was wir dort wollen! So hat sich der Homo sapiens, der schöpferische Mensch, mehr und mehr zu einem Sklaven seiner eigenen Welt gemacht, um ihr als Homo Faber zu dienen. Der wahre Fortschritt des Menschen bedeutet immer den tiefen Eingriff in andere Welten, die still und stumm leiden oder sterben, weil der Mensch nur eines sieht: "Sich selbst!" Entgegen dem Perfektionismus unserer Zeit ist das Buch nicht perfekt. Es hat Fehler und Sprünge, weil es nichts Perfektes gibt! Alles ist im Werden, so, wie alles in einem Sein ist. Gongina und der Kleine Schatz beleben Religionen, die heute ohne Leben existieren. Sie gehen in die Philosophie genauso hinein, wie in die Psychologie und die Naturwissenschaften. Aber sie tun das so leicht und oft voller Gefühl, dass ein Außenstehender sofort das Empfinden hat, dazuzugehören. Und das ist auch richtig so, weil ein jeder ein Teil eines Lebens ist, dass in seiner Gänze unüberblicklich ist!
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Inhalt
Einleitung..1
Die Glocken von Arabesi – 1. Teil.3
Der Kleine Schatz … im Dorfe Grenofils.4
Stimmengewirr in der Nacht.5
Die Sage vom Kleinen Schatz.7
Gongina trifft auf den Kleinen Schatz.11
Grenofil geht in sich..15
Gongina und der Kleine Schatz fliehen..16
Die Reise zur ersten Glocke beginnt.17
Schattenwelten..21
Im Dorf der Arabesiden..22
Gongina trifft auf Badasin-ju-Harim...24
Die Sage von Arabesi28
Badasin ju Harim erzählt Gongina von Khalib.31
Badasin und Gongina gehen in die Tiefe.35
Der Tempel der Schatten..40
Der Kleine Schatz trifft Argamon!44
Argamon erklärt sich und seine Welt.47
Die Verklärung des Kleinen Schatzen..49
Im Garten Badasins.51
Dreierpasch mit einem Würfel.54
Geschichte der Zukunft.59
Morgen wird alles anders.80
„Jeder ist eine Burg, in der nur einer lebt! Und sehnt er sich doch danach, mit anderen zusammen zu sein, so muss er zumindest eines tun: Sich selbst öffnen!“
Diese einfachen Worte des Kleinen Schatzen werden so leicht und locker von unseren Gedanken gelesen oder überflogen. Dabei haben sie es in sich! Eine Burg ist und war immer ein Zeichen für Macht, Stärke und Würde! Sie wurde immer so geplant und gebaut, dass es möglichen Feinden schwergemacht wurde, sie zu erobern. Und waren die damaligen Ritter oder Burgherren auch mehr arm als reich, so wurde ihre Burg doch von weitem schon gesehen. Die Burg steht für den Schutz des zerbrechlichen Lebens, dass in ihr lebt oder besser gesagt, keimt. Die Burg steht für eine demonstrative Stärke und Macht, die ihr nicht immer innewohnt, weil die äußere Stärke eine innere Schwäche zu schützen versucht. So sind auch wir „Burgen“, in denen das „Selbst“ lebt, ohne wirklichen Kontakt nach außen zu haben!
Die „Burg“ steht für die sich dynamisch anpassende und sich kontinuierlich entwickelnde Persönlichkeit, in der wir unser Selbst zu schützen versuchen. Die Persönlichkeit trägt eine Macht, Stärke und Würde zur Schau, die uns innerlich fehlt! Dabei geht es nicht einmal um das Bewusstsein des Selbst, oder um Selbstbewusstsein, weil auch das nur Zeichen der Persönlichkeit sind, die nach außen gezeigt und gelebt werden, wobei bei genauerem Hineinhorchen ein Weinen von einem Wesen zu hören ist, welches unser Selbst ist! Wir lachen in einem Drama, weil alle lachen! Wir machen überhaupt alles, was alle anderen machen! Wir machen es, weil wir nicht den Mut, die Kraft und die Liebe haben, uns und unser Selbst so leben zu lassen, dass wir wirklich Eins sind!
Wir wissen ja nicht einmal, wie es sich anfühlt, „Sich-Selbst-zu-Sein!“ Gongina macht es vor! Sie legt vor sich selbst ihre Schwächen offen, damit sie sichtbar werden, und an Kraft und Stärke gewinnen. Sie öffnet sich von innen her, lässt das Licht der Bewusstheit auf etwas scheinen, dass bisher in völliger Dunkelheit lag. Gongina spürt den Schmerz der Trennung und Verschlossenheit, und öffnet sich und damit die Burg, in der sie sich zu leben erlaubte! Badasin-ju-Harim und der Kleine Schatz sind stolz auf das, was Gongina vollbracht hat, weil es der Stärke der Mauern der Burg zum Trotz geäußert wurde, um der Freiheit näher zu kommen.
Alles wäre wunderbar und wunderschön, gäbe es da nicht den Verstand, den ich Argamon getauft habe. Er macht die Persönlichkeit zur Wahrheit und behauptet sich als Herr und Meister über alles! Wenn wir einmal versucht haben, zu verstehen, was er mit uns und dieser Welt anstellt, dann wird die Situation richtig erschreckend! Und dann erst begreifen wir, was Gongina, dieses kleine Dadafu-Mädchen wirklich geleistet hat!
Wir leben in einer sehr spannungsreichen Zeit von der wir nicht wissen, was sie an Veränderungen mit sich bringt. Die zum Teil jahrtausendealten Staatsformen fangen an, sich aufzulösen und lassen Spannungen und Emotionen aufleben, die durch die Regierungen unterdrückt wurden. Innerhalb Europas, dass nicht einmal wirklich in den Köpfen seiner Bürger ein Ganzes geworden ist, sind sich die Politiker so uneins, wie es das Europa für jeden ist! Noch immer glauben die Staatsregierungen des 21.ten Jahrhunderts eine bald 9 Milliarden Menschen zählende Erdbevölkerung durch Zucht und Ordnung und durch Zuckerbrot und Peitsche regieren zu können. Dabei sind die meisten von ihnen zu Flickschustern ihrer eigenen Verordnungen und Gesetze geworden. An der einen Stelle wird nachgebessert, während es an einer anderen Stelle wieder einreißt! Eine politische Lösung der uns umgebenden Probleme ist nicht zu erwarten, wenn die Politik weiterhin ihre Augen vor dem verschließt, was sich direkt vor ihr auszubreiten bereit ist: Bevölkerungsexplosion, Erwärmung der Meere und Schmelzen der Pole, Zunahme von Vulkanaktivitäten, tektonische Plattenverschiebungen verbunden mit Erdbeben und Tsunamis, Ungleichgewicht zwischen arm und reich, u.a.
Die Zunahme der chaotischen Zustände auf der Erde führen auch zur Zunahme uns noch fremder Zustände im Sonnensystem und im ganzen Universum! Wenn auch die Politik derzeit noch nicht bereit ist das Zepter der Macht an jeden einzelnen abzugeben, wobei die meisten Religionen schon lange ihre Macht verloren haben, so ist doch nun ein jeder berufen, sich selbst und sein Leben und das seiner Kinder zu hinterfragen.
Das Buch ist in leichtverständlicher Form geschrieben, und verzichtet ganz bewusst auf den regen Gebrauch von Fremdworten. Auch versteht sich das Buch als Reihe, wobei es das Erste sein soll. Vornehmlich werden Gedanken und Ideen vermittelt, wobei viele Gedanken im Text verstreut sind, ohne, dass weiter auf sie eingegangen wird. Andere werden ausführlich diskutiert. Sinn und Zweck ist es, dass jeder Leser seinen eigenen „Argamon“ kennenlernt, der ihm zu erklären versucht, dass das Geschriebene nur Unsinn sein kann, weil die „Realität“ doch ganz anders ist.
Wenn wir dann bereit sind, uns der Welt außerhalb der Burg zuzuwenden, weil wir erkennen, wie einsam wir in Wirklichkeit sind, dann öffnen wir von innen das Tor! Wir tun das, weil wir es wollen und nicht, weil uns jemand gesagt oder vorgeschrieben hat, es zu tun. Argamon zu überlisten, bedeutet, kurzfristig ein Kind zu sein, um sich selbst und anderen zu zeigen, nichts zu wissen, und aus dieser Unkenntnis heraus eine neue Erfahrung seines Selbst zu erleben!
„Wie konnte er mir das nur antun?“, dachte der Kleine Schatz. „Erst zeige ich ihm alle meine kleinen und großen Geheimnisse, zeige ihm meine Familie und Freunde, und dann kommt so ein dummer Spruch! Ich hätte es wissen sollen, dass er ist, wie er ist, auch, wenn ich an das glaube, was ich in ihm sehe!“, sagte der Kleine Schatz zu sich selbst und vergrub seine kleinen Hände vor seinen kleinen Augen, bevor es zu weinen begann.
Es weinte, weil es so naiv war, zu glauben, dass seine Anwesenheit ausreichen würde, um einen Menschen zu ändern. Es weinte, weil es sich in all den Herzen wiederfand, die verwundet, verstört, misshandelt und benutzt wurden, und doch dem Menschen dienten, dem sie zugedacht waren. Vor allem aber weinte es, weil es traurig war! Auch, wenn es sich zusammengezogen hatte, gleichsam erstarrte, so vermisste es doch dieses Menschenkind, dass es geneigt war, seinen Freund zu nennen. „Ich lebe für ihn“, dachte es, während es weinte, „und werde einst für und mit ihm sterben, wenn er es nicht schafft, sein Leben zu leben, in dem ich eine große Rolle übernommen habe! Nur ich kann ihn in die Welt führen, von der er glaubt, sie sehen zu können, aber, wenn er nicht an mich glaubt, und mich mit Leben erfüllt, werden wir beiden sterben!“
Der Kleine Schatz lag in einem Mooshügel, weich gebettet, der ein letzter Ausläufer eines Waldes war, die in eine hüglige und trockne Landschaft führte, die es hinter sich zu bringen hatte, bevor es sein nächstes Reiseziel erreichen würde. Während seine Tränen in das offene Moos liefen, sah es, einer Vision gleich, einen Jungen, der in einem Bett aus Moos lag. Er wollte nach seinem Herzen greifen, konnte aber seine Arme nicht bewegen. „Wäre ich doch nur dort, um dem Jungen helfen zu können!“, dachte es, während es gleichzeitig erkannte, dass das, was dort geschah, weit größer und mächtiger war, als es sich vorzustellen vermochte!
„Hey Du da! Nun weine doch nicht so!“ Vor dem Kleinen Schatz stand ein Dadafu des Waldes, der in zartes grün gekleidet nicht auffallen wollte. Die Dadafus haben ähnlich große Hände wie Maulwürfe, Augen wie junge Robben, sind ungefähr so groß wie Erdmännchen, haben aber keinen Schwanz und sind reine Vegetarier. Sie tragen einen kurzen struppigen Pelz, und haben kleine Ohren, die sie zu allen Seiten drehen können.
„Nun hör doch auf zu weinen, Du machst doch alles salzig mit Deinen Tränen!“, sagte Grenofil.
Dabei hatte er selbst schon Tränen in den Augen, weil er es nicht ertragen konnte, wenn jemand in seiner Anwesenheit weinte. Er war ein Fürsorger und Freund des Waldes, dem er sehr zugetan war. Er liebte den Duft jeder Pflanze und jedes Tieres, kannte jeden und alles im Walde beim Namen, und wunderte sich, wer und was es sich in seinem Moos so gemütlich gemacht hatte, um dort Tränen zu weinen. Dann erinnerte er sich an eine Nachricht, die er vor vielen Wochen mit dem Wind erhalten hatte.
„Ich glaube, Dich gefunden zu haben, Kleiner Schatz!“, dachte Grenofil bei sich. „Komm mal her! Ich werde mich um Dich kümmern. Vor allem aber mag ich nicht, dass das Moos zu viel Salz durch Deine Tränen bekommt!“
Grenofil hatte verglichen mit seiner Körpergröße riesige Hände, und doch waren sie so voller Zärtlichkeit, als hätte er es tagtäglich mit den zerbrechlichsten Wesen überhaupt zu tun. „Ich liebe sie alle.“, dachte er bei sich, und barg den Kleinen Schatz aus dem Moos, um es an sein großes Herz zu drücken. „Ich werde Dich heim bringen, zu Freund und Familie, und wir werden gemeinsam schauen, wie wir Dir helfen können!“, sagte er dem Kleinen Schatz, das sich zusammenrollte, weil es sich in den Händen Grenofils sicher und geborgen fühlte.
Die am Himmel stehende Sonne schien zu zwinkern; ein Zeichen, dass sie bereit war, ihr Licht einer anderen Welt zu spenden. Grenofil sah zu ihr auf, dankte ihr für alles, was er durch sie sehen konnte, und war voller Freude, etwas in seinen Händen und an seinem Herzen zu tragen, das ihm als der Kleine Schatz angekündigt wurde. Grenofil ist der Weise seines Dorfes, und König der Dadafus.
„Wir leben in schweren und düsteren Zeiten“, sagte er oft zu seiner Familie, „aber es wird eine Königin geboren, Saabi, die in ferner Zukunft für uns sorgen wird. Noch ist sie im Dorf der Kinder; noch schläft diese Königin in ihr. Unter ihrer Herrschaft dürfen wir die Düfte und Herrlichkeit jeder Pflanze genießen und uns des Daseins erfreuen!“ Dann senkte er sein Haupt voller Dankbarkeit, um es auf die Erde zu legen. Seine Familie folgte seinem Beispiel und tat es ihm gleich.
An diesem Sonnenuntergang kam Grenofil mit verschränkten Händen aus dem Walde. Ein jeder, der ihn sah, verbeugte sich und neigte sodann seinen Kopf gen Erde, um dieser Dank für das zu sagen, was Grenofil in seinen Armen trug, ohne zu wissen, was es war.
„Wenn er es in seinen Händen trägt, so, und auf diese Weise, dann ist es von ganz besonderer Art!“, dachten die meisten, und trauten sich nicht ihr Haupt zu erheben, bevor Grenofil es ihnen erlaubte.
Grenofil machte sich nicht viel aus Respekt, doch er fand es beizeiten spaßig, wenn alle das taten, was er wollte; denn schließlich nannten ihn alle „König Grenofil“. Aber auch alle anderen dieses kleinen Volkes machten sich einen Spaß daraus, ihn glauben zu lassen, dass diese Achtung wirklich wichtig war. Wirklich wichtig war den Dadafus nur das Durchkreuzen des Waldes nach leckeren Kostbarkeiten, wie zum Beispiel Tau- oder frische Harztropfen. Das größte Glück aber war für sie das gemeinsame spielen und jagen und herumtollen. Die markante Fellzeichnung um den Mund herum, die dunkler war, als der Rest des Pelzes, wuchs in einem Bogen über die zarten Wangen in Richtung der Ohren. Jeder mit Phantasie begabte mag sich selbst ein Bild davon machen, wie ein jeder der Dadafus aussieht, wenn sie wirklich am Lachen und damit glücklich sind!
Für einen kurzen Moment dankte Grenofil dem „Herrn“ dafür, dass alle ihre Blicke gen Erde richteten, denn er befürchtete, dass ihre Neugier den Kleinen Schatz erschrecken könnte. Denn auch das ist jedem Dadafu eigen: Immer muss er seine Nase in die Angelegenheit anderer stecken, muss wissen, was dieser zu verbergen versucht, um dann diese Neuigkeit gleich anschließend allen anderen mitzuteilen. So gibt es hier auch keine unglücklichen Babys! Kaum auf die Welt gekommen, tauchen alle ihre Gesichter ganz nah zum Neuankömmling herab, um ihn beschnüffeln und bestaunen zu können. Das Baby aber sieht nur diese großen schwarzen Augen und die Fellzeichnung!
Grenofil trug seinen Schatz in seinen mit Moos bewachsenen Erdbau und legte es sachte in ein Bett aus Moos und Blättern, denen er Tannennadeln untergemischt hatte, damit es immer frisch roch. Im Schutze dieser riesigen Hände und bei der Wärme seines Herzens, schlief der Kleine Schatz tief und fest. Es merkte nichts von der Umbettung, die so zart und voller Liebe geschah, dass selbst Grenofil müde zu werden schien, um sich neben den Kleinen Schatz zu legen.
Als Grenofil nachdenklich und müde aus seinem Bau trat, standen schon alle seine Freunde direkt davor. „Nun sag schon, was es ist!“ „Ich will es auch sehen!“ „Tu nicht so ernst, komm schon!“ Einige seiner Freunde bemerkten Tränen in den Augen Grenofils.
„Du hast etwas gefunden, von dem wir nicht wissen, was es ist, und Du scheinst traurig zu sein. Wenn wir wüssten, was es ist, so könnten wir mit dir traurig sein. Wir könnten es aber auch lustig finden und darüber lachen! Komm, lass uns gemeinsam lachen!“
Aber Grenofil war nicht zum Lachen zumute. Er wusste, dass er den anderen von dem würde erzählen müssen, was sich in seinem Bau befand. Mit seinen großen Händen wischte er sich die Tränen aus den Augen. Anschließend nickte er nachdenklich, um dann den linken Arm richtungsweisend gen Lichtung zu richten. Und während die einen langsam und bedächtig in Richtung Versammlungsplatz schritten, sprangen die anderen vergnügt auf, um als erster dort zu sein. Jeder wollte den besten Platz haben. Bis Grenofil die Lichtung erreicht hatte, hatte sich die Bande beruhigt.
Die Lichtung war ein freier Platz inmitten des Waldes, in deren Mitte ein riesiger Stein lag. Der Stein war für das Volk der Dadafus magisch, denn einst musste er Wesen gedient haben, die auf ihm sonderbare Zeichen und Spuren hinterlassen haben. Moose und Flechten machten sich auf dem Stein breit, weil es sie nicht interessierte, wer und was die guten Haltemöglichkeiten extra für sie geschaffen hatte. Grenofil betrachtete kurz den Stein, verneigte sich sodann, und bestieg den Stein. Dann drehte er sich entgegen dem Uhrzeigersinn im Kreis, um jedem Anwesenden voller Würde und Dankbarkeit in die Augen schauen zu können. Dann schloss er seine Augen, so, als suche er in sich die passenden Worte, während er alle Bilder dessen, was er zu sagen hatte, klar sehen konnte. Dann erhob er seine Stimme:
„Wir sind ein lustiges und voller Herzlichkeit lebendes Volk. Wir kennen keine Missgunst, streiten uns aus Freude, doch tun wir uns niemals weh! Wir sind traurig, wenn einer von uns traurig ist, was ja einmal vorkommen kann, weil ein Tautropfen auf den Boden gefallen ist, oder weil andere Tiere die Beeren vor uns gefressen haben, denen wir auf der Spur waren. Ihr nennt mich „König Grenofil“ und ich weiß, dass es für euch eine Freude ist, mir diesen Titel zu geben, weil ihr selbst nicht an das glaubt, was ihr mir an Achtung entgegenbringt. Auch ich lächle dann immer in mich hinein, so, wie ihr es tut, weil auch ich nicht an das glaube, was ihr mir an Achtung entgegenzubringen versucht. Wie schon gesagt, wir sind ein lustiges und voller Herzlichkeit lebendes Volk.“
Dann lächelte er und freute sich, eben genau diesem kleinen Volk von Wesen anzugehören, die nur die Freude und das Glück kannten, welche diese große Familie einem jeden Mitglied zu schenken imstande war. Sodann aber bahnte sich wieder die Aufgabe, vor der er nun stand, ihren Weg in sein Bewusstsein, und damit in den Vordergrund.
„Vor einiger Zeit, ich saß gerade bei den vier großen Eichen, da fuhr ein Wind über mich, der einen Klang in sich trug. Der Wind machte nicht den Klang, sondern der Klang ließ sich vom Wind tragen. Viele Weise, Frauen und Männer, übertragen das, was sie zu sagen haben, dem Wind, um es dann dem Ohr zugänglich zu machen, dass dafür offen ist. Dabei ist es nicht das Ohr, sondern vielmehr das Herz in uns, dass die Nachricht empfängt.“
Dann schloss er wieder seine Augen, und dankte dem, der ihm das, was er jetzt weiß und kann, gelehrt hatte.
„Ich führe euch nicht, weil ich mit euch lebe! Und doch führe ich euch, weil ich euch liebe! So, wie mein verehrter Meister Luidator mich das lehrte, was er selbst wusste, so lebe und lehre ich Euch. In den Anachronismen steht alles geschrieben, was jemals war und was jemals sein wird. Als ich den Klang vernahm, als ich zu lauschen begann und dann verstand, was er in sich trug, wusste ich, das im gesamten Reich eine Veränderung stattfinden wird, die ihres gleichen sucht! Ich habe den Kleinen Schatz gefunden, von dem der Klang sprach, dass er wieder hier wäre.“
Der „Kleine Schatz“ war eine Sage, eine Legende, von der jeder wusste. Sodann ging ein Raunen durch die Menge, bis sich die ersten Stimmen erhoben.
„Bring es doch einfach zurück an den Ort, wo Du es gefunden hast!“
„Es kann nicht hier bleiben, weil Du den Grund dafür kennst!“
„Wir können nicht tun, was die Legende verlangt. Wir sind zu klein und unbedeutend, als das wir das tun könnten!“
Andere Stimmen wollten sich erheben, doch Grenofil hob seine Hände, als Zeichen dafür, ein jeder möge schweigen.
„Ein jeder von Euch hätte der Finder sein können! Ein jeder von euch wäre glücklich heimgekommen, im Wissen, einen ganz besonderen Schatz gefunden zu haben, von dem niemand wüsste, was es für ein Schatz ist! Als ich es fand, wusste ich es auch nicht, aber dann kam die Erinnerung an den Klang, und da wusste ich es!“
„Es kann nicht hier bleiben, und Du weißt das! Mehr noch, die Macht weiß, dass es hier ist, und wird es suchen kommen.“
„Ja, das weiß ich!“, sagte Grenofil. „Deshalb treffen wir uns hier, um darüber zu beraten, was als nächstes zu tun ist.“
Gongina, ein kleines Dadafu-Mädchen, dass mit aufgerissen Augen und Ohren dem zu folgen versuchte, was es gerade zu hören vernahm, erhob dennoch seine zarte Stimme, und sprach: „Grenofil, bitte sage auch mir, was es mit diesem Kleinen Schatz auf sich hat, damit ich weiß, wie es zu dieser Aufregung kommt, die mich verunsichert, weil ich nicht weiß, was hier vor sich geht!“
Grenofil liebte dieses kleine Mädchen! Unter all den raufenden und lachenden Freunden hörte gerade er immer das Ihrige Lachen heraus, und es schien, als wäre sie immer mitten im Tumult. Sie ließ keine Gelegenheit aus, um bei den Großen zu sein, und es schien, als wäre sie glücklich! Ja, wahrlich! Diese Geschichte und das, was gesprochen wurde, musste sie verunsichern. Dann dachte Grenofil kurz an einen Moment, wo er sich dieses Mädchen als Jungen wünschte, den er gerne als seinen Schüler angenommen hätte. „Es steht mir nicht an, mit den Regeln zu brechen, auch, wenn sie bestens geeignet dazu wäre!“, dachte er. Er musste sich wahrlich Mühe geben, einen gewissermaßen bösen Eindruck zu machen, als er sagte:
„Ich dachte bisher, dass ihr Lauser und Rabauken sowohl mit als auch untereinander sprecht, was wohl nicht der Fall zu sein scheint. Nun ist es also an mir, geliebte Gongina, dir von dem zu erzählen, was die anderen nicht taten, um Deiner Furcht entgegenzuwirken.“
Bevor Grenofil zu sprechen begann, schaute er seiner geliebten Gongina voller Freude in die Augen. Als er sah, dass sie seine Liebe erwiderte, setzte er sich auf den Stein und fing zu sprechen an:
„Geschichten, Sagen und Legenden mag jeder gerne hören. Es gibt Momente, da diese Geschichten nur der reinen Unterhaltung dienen, weil niemand da ist, der sie zu verstehen scheint! Dann wieder, wenn die Geschichte erzählt wird, sieht der Erzähler einen unter vielen, der zu verstehen scheint. Dessen Augen scheinen verträumt und doch voller Licht und Freude. Dann, wenn das geschieht, wird die Geschichte nur für diesen einen erzählt, der sie zu begreifen scheint, während die anderen sich unterhalten fühlen und nach dem Sinn suchen, der sich ihnen gegenüber aber versperrt. Geschichten, Sagen und Legenden treffen immer den, den sie betreffen! Viele von Euch kennen daher die Sage vom Kleinen Schatz, und auch heute, wie so oft, schauen meine Augen auf den, der in die Geschichte zu schauen vermag.“
Wenn er auch so tat, als schaute er einen jeden der Anwesenden an, so traf der liebevolle Blick doch immer auf das kleine Mädchen. Er wusste, dass der Bruch mit den Regeln bevorstand, ohne, dass er eine Entscheidung getroffen hatte; wusste, dass sie verstehen würde, weil ihr Blick eine Sehnsucht zeigte, die er in keinem der Blicke seiner Freunde jemals gesehen hatte.
„Der Kleine Schatz wurde in einer Welt jenseits der Welt geboren, die wir kennen. Damals gab es diese, unsere Welt noch nicht. Ein Herz, voller Liebe, schlug, und suchte in den Wirren des Universums nach seines gleichen. Da es nichts zu geben schien, was ihm glich, wurde diese Welt erschaffen. Überall wurde es Licht, und überall entstanden Welten und Galaxien, die in ihrer Einzigartigkeit und Helligkeit die Dunkelheit zu verdrängen versuchten. Bevor es das Licht gab, war alles dunkel! Bevor es die Zeit gab, stand alles still!“
Nachdem Grenofil diese Worte gesprochen hatte, neigte er seinen Kopf gen Erde, diesmal aber aus zwei Gründen: Er dankte dem großen Herzen für alles, was es geschaffen hatte, und war selbst so gerührt von den gesprochenen Worten, dass er seine Tränen vor den Blicken der anderen zu verbergen versuchte. Dann richtete er sich wieder auf, fuhr sich aber mit den großen Händen so durch das Gesicht, als würde er es sich waschen, was er in gewisser Hinsicht auch tat. Nur diesmal mit Tränen, statt mit Wasser! Als er in die Runde schaute, sah er, dass die anderen es ihm gleichgetan hatten, weil sie sich ebenfalls gen Boden geneigt hatten. Dann sah er Gongina, die wie er, zu weinen schien.
„Der Kleine Schatz wurde der Sage nach, in unsere Welt geschickt, um dem großen Herzen ein Spiegelbild zu sein. Alles aber war ruhig und still, lag in einem Schlaf versunken, der durch die Dunkelheit bewacht wurde. Nun aber traten die ersten Sterne hervor, die mit ihrem Licht in die Finsternis strahlten. Geblendet von diesem Licht wich die Dunkelheit zurück. Die Macht des Lichts, die Macht der Liebe, war so gewaltig, dass die Finsternis Angst bekam. Und so, wie sich das Licht entfaltete, fing die Finsternis ihrerseits an, sich gegen das Licht zu wenden. Die Finsternis geht niemals weg, sie weicht nur zurück! Wo Licht ist, ist auch immer Schatten!“
Als wollte sich Grenofil überzeugen, ob auch wirklich jeder verstanden hatte, was gesprochen wurde, schaute er wieder in die Runde. Dann lächelte er. Er sah freundliche Gesichter vor sich sitzen, deren dunkle Pelzzeichnung durch die am Himmel stehenden Sterne hervorgehoben wurde. „Ja“, dachte er bei sich, „ich lebe für euch, weil ich euch liebe!“
„Ist Liebe Licht? Ist Liebe warm und herzlich?“, unterbrach Gongina die nun eingetretene Stille. „Ich frage, weil ich das nicht verstehe! Wie kann die Liebe in Form des Lichts die schlafende Dunkelheit stören und sie verängstigen?“
Wenn Grenofil auch wollte, dass die Geschichte von jedem verstanden wird, so fürchtete er sich auch gleichzeitig vor den Fragen, die aufsteigen, wenn einer anfing, das, was nur für ihn gesprochen wurde, zu verstehen.
„Ich sehe Gongina, dass Du dem Kleinen Schatz sehr ähnlich bist“ entgegnete Grenofil, „denn der Kleine Schatz hat auch viele Fragen gestellt.“
„Aber, Fragen sind doch nicht schlecht, oder?“ entgegnete Gongina.
„Du weißt, dass ich Dich liebe! Du spielst mit der Rasselbande, als gehörtest Du schon immer dazu. Statt abzuwarten, bist Du immer mittendrin! Höre zu, lausche und versuche zu verstehen!“
Ohne, dass er es begriffen hatte, ohne, dass er eine bewusste Entscheidung gefällt hatte, wurde ihm klar, dass die Regeln neu aufgestellt worden sind, weil er Gongina nun als die ansah, die einst in seine Fußstapfen treten wird. Zwei oder drei Millimeter hinter dem Horizont, den Grenofil zu überblicken vermochte, wurde indes in diesem Moment eine Entscheidung getroffen, die seinen inneren Horizont bei weitem überstieg.
„Das Große Herz nahm wahr, wie sich die Dunkelheit benahm, nahm wahr, wie das Licht empfangen wurde. Die Sterne, Galaxien und Sonnen würden strahlen, würden ihr Licht der Dunkelheit entgegenhalten, und es zu verdrängen versuchen. „Um den Kleinen Schatz zu schützen, werde ich mit der Finsternis einen Pakt schließen!“ dachte das Große Herz. So wurde ein Vertrag erklärt, der besagt, dass dem Kleinen Schatz kein Schaden zugefügt werden dürfe. „Du darfst mit ihm sprechen, darfst ihm nahe sein, auch dann, wenn sein kleines Licht scheinen mag, aber Du darfst es niemals berühren!“ war die Forderung des Großen Herzens, auf das die Finsternis ihr Versprechen abgab, niemals Hand an den Kleinen Schatz legen zu wollen.
