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Igor, der Reisende von der Erde bekommt eine wichtige Aufgabe. Kalmer tappt in eine Falle. Gleichzeitig eskalieren die Spannungen mit den frustrierten Ilonern auf Arca-Nihil und es kommt zu einem gefährlichen Konflikt in den etliche konkurrierende Parteien hineingezogen werden. Eine aufregende Geschichte mit vielen Facetten, die gleichzeitig einen Reiseführer für die Hauptstadt darstellt. Der aufmerksame Leser wird auch etliche Hinweise auf schlummernde Geheimnisse finden, welche erklären helfen, warum diese Welt genau so ist und nicht anders.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
Itanos – Murl Valley
Igor – 111.V98.ANZ - Der Aufzug
Igor – 112.S02.ANZ - Sightseeing
Marlen – Valoria
Igor - 112.S10.ANZ - Silvertrail
Ironix – Nur ein Job
Igor – Besuch
Tim – Computer, was ich sag, das tut er
Igor – Liftspitze
Igor – The Honest Chicken
Marlen – Sonderauftrag
Ironix – Attentat
Lucky – Reise mit Ausblick
Ironix – Immunität
Ironix – Provokationen
Igor – 112.S30.ANZ – Murl Valley
Marlen – Diplomatie
Ghan – Urlaub am Meer
Igor – 112.S38.ANZ – Fall Iwan
Lucky – Tagschicht
Pesta – Stiller Alarm
Igor – Mission Impossible
Lucky – Alte Freundschaften
Ghan – Kinderzimmer
Marlen – Belagerung
Ironix – Die Entscheidung
Marlen – Gegenangriff
Ghan – Battlemech
Itanos – Trollwut
Marlen – Feuerteufel
Itanos – Sphärenklänge
Marlen – Auf nach Murl Valley
Itanos – RAN
Ghan – Aleppo
Igor – Der Bruder
--- Arcapedia ---
--- Anhang ---
Deckplan für Luftschiffe der Stonehavenklasse (Modell 78.ANZ)
Brief Dr. Abelhouse an RAN
Rosamunde Tecot - 13 Jahre alt (82.ANZ)
--- Feedback und Newsletter ---
--- Andere Arca-Nihil Veröffentlichungen ---
Treibstoff der Macht
Arca-Nihil®
Beholder-Reihe, Band 1
Arnold Nirgends
--- Impressum ---
Fiction Roman
Arca-Nihil®
Treibstoff der Macht
Beholder-Reihe, Band 1
1.Auflage August 2020
Arnold Nirgends
5271 Moosbach, Hufnagl 8
Copyright© 2020 Arnold Nirgends
Covergestaltung: Arnold Nirgends
Cover Image von Shutterstock.com
www.arcanihil.com
www.facebook.com/arcanihil
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors gestattet. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Alle Markennamen und Warenzeichen, welche in diesem Roman vorkommen, sind natürlich Eigentum ihrer rechtmäßigen Besitzer.
Arnold Nirgends
www.arcanihil.com/impressum
Dieser Roman baut auf seinen Vorgängern auf, kann aber auch unabhängig davon gelesen werden. Vorkenntnisse sind nützlich, aber nicht erforderlich!
Am Ende des Buches befindet sich die Arcapedia, wo etliche Begriffe und Abkürzungen aus dem Text ausführlicher erklärt werden.
--- Danksagung ---
Mein großer Dank geht an Josef Eslbauer, der mich ermutigt hat tiefer in die Geschichte einzutauchen und regelmäßiger zu schreiben.
Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und dennoch den Mund halten!
(Oscar Wilde)
(Beliebtes Sprichwort bei den Ilonern)
--- Einleitung ---
Arca-Nihil ist eine wunderschöne kleine Welt. Mit einem Durchmesser von etwa sieben Kilometern schwebt sie 500 Meter über dem umliegenden Gelände. Seine Bewohner, mehr als 100.000 an der Zahl, dominieren den nördlichen Teil des riesengroßen Kontinents Caltha und die Arca-Nihil-Föderation, eine Ansammlung kleiner Reiche, welche sich rund um dieses Zentrum der Macht gegründet haben.
Ihre Vormachtstellung behauptet die Stadt durch eine für diese Welt fortschrittliche Technik im Bereich Luftfahrt und Kriegsführung. Riesengroße Luftschiffe erreichen auch die entferntesten Winkel des Kontinents in kurzer Zeit und gepanzerte Battlemechs dominieren die Schlachtfelder, wenn dies erforderlich sein sollte.
Um diesen Vorsprung aufrechtzuerhalten, ist der Rat von Arca-Nihil stets bemüht offen und attraktiv für andere zu sein. Arca-Nihil ist eine Zuwanderergesellschaft und mehr als 20% der Einwohner wurden nicht auf Arca-Nihil geboren.
Der neueste Zustrom bestand aus mehr als der Hälfte des Volkes der Iloner, welches nach herben Niederlagen in seinem Kernland sein Heil in der Flucht gesucht hatte und in einem seit kurzem unbewohnten Tal nahe des Stadtzentrums Zuflucht gefunden hatte. Man erhoffte sich davon, einen ähnlich positiven Impuls zu bekommen wie von der Zuwanderung der den Ilonern ähnelnden Rotonern. Diese waren vor Jahrzehnten sehr gut in der Stadt aufgenommen und integriert worden.
Igor, der ehemalige russische Privatdetektiv, kommt nun nach einer langen Reise, welche ihn durch die Ukraine, Sibirien, den nördlichen Pazifik, Devenport Island und Tlinax endlich in die Hauptstadt der 32 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernten Zivilisation geführt hat, endlich auf Arca-Nihil an.
Sein Wissen und seine Erfahrung werden bei der Errichtung einer modernen Extraktionsanlage benötigt. Diese soll den Fortbestand der militärischen Überlegenheit des kleinen Reiches garantieren. Darum sind höchste Qualitätsstandards bei deren Errichtung gefragt. Standards, welche durch einen Techniker von der Erde garantiert werden sollen.
Ob dies gelingt und was Igor mit seinen Freunden sonst noch in dieser exotischen und vielschichtigen Stadt erleben wird, sowie Einblicke in das Leben der immigrierten Iloner erfährt ihr hier im ersten Band der Arca-Nihil Beholder-Reihe.
IgorSix Sigma Experte in der SirupfabrikCpt. Marlen BlackBringt ihre Lanze auf VordermannGhanDer Syrer hat große PläneLucky MurlSucht seinen BruderItanosGeneral und Anführer einer VerschwörungTimFertigt den ersten IndustriecomputerFreudlos blickte der Krieger auf die Kolonne gebeugter humanoider Gestalten hinunter. Wie Ameisen kamen sie aus einem frisch angelegten Stollen gekrochen und schleppten ihre schwere Last auf den Schultern. Große Körbe voll lehmiger Erde trugen sie heraus und im strömenden Regen schlingerten sie mit unsicheren Schritten über die notdürftig befestigten Stufen den Hang hinauf, um die feuchten Lehmklumpen nahe an der Baumgrenze in Form eines anwachsenden Walls abzuladen.
Herumstehende Iloner gaben immer wieder lautstark Kommandos, welchen sofort Folge geleistet wurde. „Gute Arrrbeitsdrrrohnen diese Menschengestalten“, wurde er von der Seite angesprochen. Itanos nickte und wandte sich Iolon zu, der neben ihm stand. „Ja, grrroßer Generrral. Man kann zufrrrieden sein.“
Er war tatsächlich zufrieden mit der Leistung der ihnen überlassenen Arbeitskräfte. Aber er wusste auch, dass nur ein Wort vom RAN notwendig war und sie würden all dieser helfenden Hände wieder verlustig sein. Das ärgerte ihn.
Iolon hatte seine eigenen Pläne und stand in der Gunst des Iluminators über ihm. Darum musste er doppelt umsichtig sein, wenn seine Pläne nicht vorzeitig auffliegen sollten. Also schmierte er, wie die Leute in Arca-Nihil so gerne sagten, dem Iloneranführer so viel Honig wie möglich um das nicht vorhandene Maul. Wissend, dass dieser noch ein viel gefinkelteres Spiel als er zu spielen imstande war. Das hatte Iolon in den letzten Jahrzehnten wieder und wieder bewiesen und ihm die zweithöchste Position im Ilonerreich eingebracht.
Im ehemaligen Reich, korrigierte er sich in Gedanken. Gerade erst waren sie von den Silonern und deren Verbündeten auf hinterhältige Art überfallen und ihres Reiches beraubt worden.
Er knurrte übel gelaunt.
„Gibt es Prrrobleme?“, fragte Iolon.
„Alles läuft langsamerrr als geplant ab.“
Itanos lenkte das Gespräch in unverfängliche Bahnen.
„Dieses Tal ist ziemlich herrrunterrrgekommen. Kaum vorrrstellbarrr, dass es nurrr wenige Kilometerrr vom Zentrrrum Arrrca-Nihils entferrrnt einen derrrarrrt ungepflegten Orrrt zu geben verrrmag. Wo unserrre guten Frrreunde doch so auf Orrrdnung und Sauberrrkeit bedacht sind.“
Iolon sprach gerne über das Menschenreich. Itanos störte das nicht. Er selbst hatte Arca-Nihil erst bei der Flucht das erste Mal gesehen und deshalb viel nachzuholen. Wollte er doch gerne die Menschen und insbesondere deren Motive so gut wie möglich kennen, bevor er seine Pläne umzusetzen gedachte.
Gemeinsam gingen sie vorsichtig eine gezimmerte Treppe ins Tal hinunter. Das Tal war jetzt schon über ein Jahr ihre Heimat. Aber seit die Grabungsarbeiten im nördlichen Teil begonnen hatten, war es kaum wiederzuerkennen und auch für die grundsätzlich sehr anspruchslosen Iloner sehr ungemütlich. Zu viele Arbeiter und zu viel Aushub auf zu wenig Raum.
Sie passierten den Gedenkstein von Vater Ibrahim. Itanos hatte diesen wochenlang fast täglich getroffen. Er war einer jener Menschen, welchen ein Iloner normalerweise auf der Stelle getötet hätte. Hier auf Arca-Nihil, wo sie ja nur Geduldete waren, hatten sie natürlich umsichtiger agieren müssen. Vater Ibrahim war der gewählte (sic!) Vorstand der freien Republik Elmwood. Eine kleine Enklave Naturverrückter, welche direkt neben dem Tal im Wald eine kleine Siedlung bewohnte und dort im Einklang mit der Natur leben wollte. Sie nahmen den Ilonern übel, dass diese einen angeblich zahmen Bären getötet und gehäutet hätten. Der Gedenkstein war das Ergebnis der wochenlangen zähen Verhandlungen vor einem Bezirksgericht im nahe gelegenen Ledan. Welche Schmach für jeden aufrechten Iloner das doch gewesen war.
Sie passierten eine Kolonne Aushub tragender Arbeiter und gelangten schließlich zur ersten nun freigelegten Halle. Darin befand sich eine der Ursachen für die Arbeiten. Eine unterirdische Halle, welche vor mehr als einhundert Jahren angelegt worden war, beherbergte ein Juwel. Dieses Juwel hatte den Namen ANS Beholder. ANS für ‚Arca Nihil Schiff‘ und der Beholder war eines der mächtigsten und gefährlichsten Wesen, welche das Universum je hervorgebracht hatte.
Itanos fand den Namen deshalb passend, weil das Schiff, kugelrund und zehn Meter im Durchmesser, das Bedrohliche mit diesem grauenhaften Wesen teilte. Schwere, kantige, dunkel eingeölte Baumstämme definierten den Schiffskörper. Dazwischen gab es Luken, einige Türen, Metallplatten und Verstrebungen. Das Schiff war eine in Kugelform dastehende Bedrohung. Jederzeit bereit den unbedacht davor Stehenden unter seinen stummelförmigen Landebeinen zu zermalmen.
Leider war es den Ilonern nicht gestattet worden, das Schiffsinnere zu betreten. Itanos hätte nur zu gerne den sogenannten Helm des Schiffes gesehen. Der Helm war ein schwerer Stuhl im Zentrum des Schiffkörpers, mit dessen Hilfe ein psionisch begabter Pilot das Monster erwecken konnte.
Er bemerkte, dass Iolon stehen geblieben war und das Schiff eindringlich besah.
„Es gab eine Zeit, da habe ich gegen die ‚Beholderrr‘ gekämpft. Kannst du dirrr das vorrrstellen?“, fragte er Itanos.
„Ja, ich weiß, dass du einst auf Arrrca-Nihil gelebt hast. Jederrr von uns hat irrrgendeine Verrrgangenheit. Warrrum sagst du das gerrrade jetzt?“, fragte er den Höherrangigen.
„Es sind einfach starrrke Bilderrr, die mirrr gerrrade durch den Sinn gehen. Stell dirrr vorrr, wie diese Kugel in gerrringerrr Höhe überrr golden glänzende Weizenfelderrr fliegt und vom Boden aus hunderrrte Kugeldienerrr mit ihrrren Arrrmbrrrüsten hinauf schießen. Hunderrrte Bolzen trrreffen das Ungetüm, doch dieses schüttelt sich nicht einmal, sonderrrn behält seinen Kurrrs bei. Am selben Tag landet es dann im Hof der Burrrg des Herrrzogs von Olbia und besiegelt dessen Schicksal.“
„Wirrrst du jetzt etwa sentimental?“, fragte Itanos besorgt.
Iolon schüttelte nur kurz seinen massiven Schädel und sie verließen den Hangar. Iolon machte sich auf den Weg zum Iluminator und Itanos ging durch eine Tür, welche einen Weg tiefer in den Berg hinein freigab. Es war ihnen nicht entgangen, dass die fünf menschlichen Wachen am Schiff sich sichtlich entspannten, als sie den Hangar verließen.
Itanos war froh, dass er Iolon so einfach losgeworden war und kam nun in einem für Menschen komfortabel eingerichteten Besprechungsraum an. Hier waren bereits sechs andere Iloner anwesend. Der Kern der Verschwörung traf sich in diesem Raum unter elektrischem Kunstlicht in den Tiefen der ehemaligen Murl Festung.
Weil noch etwas Zeit war und niemand sprach, nahm Itanos deutlich das Ticken der Uhr wahr. Er hatte noch nie so viel Zeit wie jetzt gerade hier in diesem Raum verbracht und studierte deshalb von seinem Sitzplatz aus jedes sichtbare Detail des technischen Wunderwerkes. Ihm war klar, dass dieses Gerät vor ihm der manifestierte Beweis für die Überlegenheit Arca-Nihils gegenüber der Ilonerrasse war. Trotz seines Ärgers darüber, faszinierte ihn die Technik. Die Uhr war fast zwei Meter groß. Eine Standuhr, an der Wand aufgestellt und mit einer Glasfront versehen, damit man die vielen Zahnräder, Metallfedern, Gelenke, Lager und die Unruhe von außen betrachten konnte. Was ihn besonders faszinierte, war die Energiequelle der Uhr. Ein modriger, menschlicher Finger mit drei Nägeln an der Basis an ein Brett genagelt bewegte sich pausenlos. Vermutlich war es ein alter Reflex, die nicht mehr vorhandene Hand zur Faust zu ballen und wieder loszulassen. An der Feinheit der Fingerglieder erkannte er, dass es vermutlich ein Frauenfinger war. Darauf deutete auch der verblichene aber nichtsdestotrotz erkennbare rote Nagellack hin, den normalerweise nur weibliche Menschen aufzutragen pflegten, um ihre Männer anzulocken.
Nun, dieser Finger bewegte bei jedem Zusammenziehen einen feinen Messinghebel. Dieser wirkte auf ein Zahnrad ein, welches zum Spannen der Hauptfeder diente und einen Überlastausgleich hatte, weil der Finger viel zu oft den Hebel betätigte und die Feder dadurch zu stark gespannt worden wäre.
Eine erneuerbare Energiequelle, dachte er anerkennend und war gleichzeitig stolz darauf, dass er die Mechanik schon so gut zu deuten imstande war. Man merkt, dass hier einst ein großer Nekromant tätig war. Einer der Iloner ergriff das Wort, es war Iguando, ein alter Haudegen, der schon in Roto Keep gekämpft hatte.
„Meine Frrreunde! Gesterrrn hatte ich eine Unterrrrrredung mit dem Iluminatorrr und ich bin entsetzt. Denkt errr doch tatsächlich errrnsthaft darrrüber nach, das Angebot derrr Rrrotonerrr anzunehmen.“
Kein Mucks kam trotz der schockierenden Nachricht von den anderen Ilonern. Darum setzte Iguando nach einer kurzen Wirkpause seine Ausführungen fort.
„Wirrr alle wissen, dass uns der RrrAN lieberrr heute als morrrgen los haben möchte. Wirrr sind nicht gerrrade beliebt in dieserrr Stadt. Leiderrr geht die urrrsprrrüngliche Idee, derrr Technologietrrransferrr, auch nicht auf. Wirrr bekommen Almosen, aberrr kein moderrrnes Wissen. Also sollten wirrr aktiv werrrden und uns selberrr bedienen. So sage ich es und stehe hierrr vorrr euch.“
Es trat eine kurze Pause ein und nach altem Ilonerbrauch war es nun an Itanos, seine Stimme zu erheben.
„So sagst du es und so stehst du hierrr vorrr uns.
Auch ich finde, dass es nicht so läuft, wie es uns gebührrrt. Wirrr errrnten wenig Rrrespekt und alle Arrrbeiten, die uns zugeteilt werrrden, sind niederrre Aufgaben. Unwürrrdig fürrr uns. Außerrrdem wurrrden uns viel zu wenige Orrrcdiener zugesprrrochen. Manchmal muss ich mich sogarrr um Dinge im Haushalt selberrr kümmerrrn. Woherrr kennt man das? Wo führrrt das hin, frage ich euch! Und ich sage, wirrr müssen Pläne schmieden. Lasst uns dem Gegnerrr Sand in die Augen strrreuen und die Verrrwirrrrrrung nützen. Hörrrt herrr, was ich zu sagen habe!“
Und sie begannen an bereits vorhandenen Plänen zu feilen und neue Aspekte einzubeziehen. Breiten sich bereits erste Schatten über der schönen Stadt Arca-Nihil aus?
Liebes Tagebuch!
Besorgt blickte ich gen Himmel. Ein Schatten zog verdunkelnd über das Land, weil die schwache Herbstsonne gerade von einer Wolke verdeckt wurde. Ich fröstelte und zog den Kragen der gefütterten Lederjacke enger. So begann mein Tag heute. Es sollte für einige Zeit der letzte Tag auf dem Gehöft der Blacks, nahe Tlinax, sein. Herzlich fiel der Abschied mit den zurückbleibenden Sippenmitgliedern aus. Besonders die Trennung von Lucky fiel mir schwer. War mir der nette Kerl doch inzwischen so sehr ans Herz gewachsen. Geradeso wie ein zugegeben etwas naiver Bruder erschien er mir. Kurt und Berta brachten mich mit der Kutsche zum Lufthafen, wo die ANS Pentoria über Nacht geankert hatte und für den Abflug bereitstand. Schnell waren die Koffer verstaut, das Ticket gelöst und ein Platz im Schiffsinneren gefunden. Kurt und Berta verließen den Lufthafen vor Abheben des Schiffes, weil sie es wegen weiterer Erledigungen noch eilig hatten. Das gab mir Zeit mit der Besatzung zu plaudern. Nach dem Start des Luftschiffes starrte ich wie gebannt aus den Fenstern und aus der Ladeluke zum sich entfernenden Boden hinunter. Es war zwar inzwischen mein dritter Flug mit einem Luftschiff. Aber diesmal gab es auch etwas ganz besonders Interessantes zu sehen. Wir überflogen die Kernlande der ANF und landeten in Raganos. Raganos war ein Königreich und die Hauptstadt, nur wenige Kilometer von der Arca-Nihil Platte entfernt, wurde genauso genannt. Während des ganzen Fluges dominierte der Anblick dieses Konstruktes meine Wahrnehmung.
Sie war auch von Tlinax aus an heiteren Tagen wie ein kleiner Berg in der Ferne sichtbar. Vom etwa eintausend Meter hoch fliegenden Luftschiff aus konnte man bereits aus über fünfzig Kilometer Entfernung die grundsätzlich bekannten Details auch optisch wahrnehmen. Die ‚Platte‘ schwebte in der Luft und hatte einen Durchmesser von vielen Kilometern. Mitten auf der Platte befand sich ein tausende Meter hoher bewaldeter Berg.
Nach der Landung, am deutlich größeren Lufthafen in Raganos, war leider keine Zeit diese wunderschön anzuschauende, mittelalterlich wirkende Stadt auch nur ein bisschen zu besichtigen. Ungeduldige Hände schubsten mich und etliche andere Mitreisende in eine sehr große Kutsche. Vier Pferde waren angespannt und der Kutscher machte sich zügig auf den Weg zu einer zweispurigen, gepflasterten Straße. Diese führte auf direktem Weg zu der nun riesengroß vor uns schwebenden Plattform im Himmel. Als wir nach kurzer schneller Fahrt auf einem großen Platz ankamen, der von alten Eichen gesäumt und von regem Treiben ausgefüllt war, verließ ich die Kutsche mit offenem Mund und weit nach hinten gebeugtem Kopf.
Es war einfach unglaublich, was sich mir darbot.
Von eifrigen Beamten erfuhr ich beim Herzeigen meines Tickets, dass ich erst in einer halben Stunde den Aufzug nach oben würde betreten können. Also machte ich einen Spaziergang und ging hinunter zum See. Eine Legende besagte, dass jene riesige Platte, die jetzt frei in der Luft über mir schwebte, einst den See hier unten ausgefüllt hätte und aus diesem Loch heraus hochgestiegen war. Irgendeine Form von Magie habe dabei vor Jahrzehnten eine etwa. 40 Quadratkilometer große und mehrere hundert Meter dicke Schicht aus dem Erdboden gerissen und in 500 Metern Höhe über der Oberfläche in eine stabile Flugposition gebracht. Dies war damals zum Schutz vor den Orcarmeen der Iloner passiert, weil es noch keine starken Legionen gegeben hatte. Von Marlen hatte ich dies einmal erzählt bekommen. Auch sie hatte keine Ahnung gehabt, wie das denn hätte bewerkstelligt werden können. Wie kann man Millionen Tonnen Erde und Gestein schweben lassen? Und das über Jahrzehnte? Hatten die da ‚Oben‘ keine Angst einfach mal abzustürzen, wenn der Spuk vorbei war? Solche Fragen stellte ich mir, als ich am Seeufer saß und über die schattigen Weiten des Sees blickte. Weil jener sich genau unter der Platte befand, wurde er nur am Nordrand direkt von der Sonne ausgeleuchtet. Dementsprechend düster wirkten die paar Fischerhäuser hier. Und was mir auch aufgefallen war: Es fiel kein einziger Stein von oben herunter. Obwohl der hoch oben fliegende Fels sehr zerklüftet wirkte, löste sich kein Steinchen, auch kein Erdbrocken und das Wasser lag ruhig vor mir und kräuselte sich höchsten ein wenig durch gelegentliche leichte Windböen.
Ein Fischer, der gerade mit einem winzigen Boot zurück ans Ufer kam, erzählte mir von seinem Fang und schien ganz zufrieden hier zu leben. Er wusste nichts von Felsstürzen oder Ähnlichem zu berichten und hatte keine Angst eines Tages von dem über ihm schwebenden Felsungetüm erschlagen zu werden. Er meinte, dass, so lange er zu Sarn bete und dieser ihm keine Warnung zukommen ließe, auch jede Sorge unnötig sei. Mit ‚Ehre dem RAN‘ verabschiedete er sich von mir, was mir verdeutlichte, dass ich jetzt tatsächlich dem Zentrum der Macht auf dieser Welt nahe wie nie zu sein schien. War der RAN ja die gewählte Regierung des Volkes auf der merkwürdigen Platte über meinem Kopf.
Es war nun an der Zeit, zurück zur Liftstation zu gehen. Der Lift, das war erstmal ein massiver, eckiger Korb mit etwa vier Metern Kantenlänge. Der Boden bestand aus einer Metallplatte und seitlich schützte ein engmaschiges Netz Passagiere vor dem gefürchteten ungewollten Absturz. Es waren acht Stahlseile befestigt, welche gleichmäßig auf den Umfang des Korbes verteilt vermutlich über eine Seilwinde und Gegengewichte die erforderliche Kraftübertragung für die Horizontalbewegung bewerkstelligten. Ich stellte das nüchtern fest, während ein paar Wachleute die mitgeführten Dokumente überprüften und mich dann einsteigen ließen. Außer mir betraten noch sieben weitere Personen den Käfig. Zwei davon fielen mir auf wegen ihres sehr merkwürdigen Aussehens. Es waren kugelförmige Wesen mit nur einem zentralen, riesengroßen Auge und spindeldürren Armen und Beinen. Ich hielt einen möglichst großen Abstand zu ihnen, was durch die Größe des Aufzugskorbes auch gut möglich war. Eine Art Stapler beförderte eine ganze Reihe von Kisten in die Mitte des Aufzuges und eine Kutsche sowie zwei Pferde wurden ebenfalls eingeladen. Nachdem die weiten Türen des Aufzuges geschlossen und gesichert worden waren, ging ein Ruck durch die Konstruktion und es ging mit unerwartet großer Geschwindigkeit nach oben. Spätestens nach einer Minute Fahrt wurde mir dann doch etwas mulmig, weil die Fahrt wirklich lange dauerte und man jede Menge Zeit hatte sich Gedanken zu machen. Gedanken darüber, dass diese Seile schon ziemlich lang waren. Gedanken darüber, dass der leichte Wind die Kabine doch sehr stark zum Schaukeln und Straucheln gebracht hatte, seit man die Bodenstation nur mehr als kleine Schachtel weit unten sehen konnte. Ich fixierte eine Zeit lang den fernen Horizont, um mich nicht übergeben zu müssen. Als das Gefühl im Bauch sich wieder besserte, schaute ich wieder vorsichtig nach unten und stellte fest, dass wir jetzt schon extrem hoch oben waren. Nach einem weiteren Blick nach oben musste ich mir eingestehen, dass meine Schätzung, wir wären nun bald am Ziel der Reise angelangt, zu optimistisch gewesen war. Wir waren nun in etwa in der Mitte angelangt und die Kabine schaukelte sehr unruhig, was außer mir niemanden zu beunruhigen schien. Also fügte ich mich meinem Schicksal, seufzte und genoss, soweit es unter den gegebenen Umständen möglich war, den zweiten Teil der Fahrt nach oben, ins gelobte Land.
Meine Erleichterung kannte keine Grenzen, als wir endlich angekommen waren, die Türen weit offen standen und wir in einen kleinen Raum geführt wurden, damit unsere Personalien erneut aufgenommen werden konnten. Die freundliche Dame vom Sicherheitsdienst wünschte mir noch einen guten Aufenthalt und so wurde ich nach Arca-Nihil entlassen. Ganz mein eigener Herr versuchte ich erst einmal mich zu orientieren. Die Liftstation war neben dem Lufthafen das einzige Eingangstor nach Arca-Nihil und dementsprechend belebt war dieser Ort. Es gab sofort erkennbar etliche Herbergen und Hotels, Stallungen und Lagerhäuser. Neben Kutschen und Karren gab es auch motorgetriebene Fahrzeuge, die an kleine Lastwagen erinnerten. Ein paar Golfkarren nicht unähnliche Gefährte standen ebenfalls herum. Diese wirkten erlesen und nur fein gekleidete Menschen beobachtete ich bei dem Luxus, diese Fahrzeuge zu besteigen. Ich erinnerte mich an die Anweisungen von Marlen und wartete auf die Ankunft der Straßenbahn. Es dauerte auch nicht lange und ich konnte mit jener in das für mich gemietete Zimmer im Friedhofsbezirk fahren. Übermorgen war Neujahrsfeier in Arca-Nihil und da wollte ich dabei sein. Mein Dienst in Silvertrail wird erst in einigen Tagen beginnen. Bis dahin betrachtete ich mich als Tourist, um in dieser Zeit ein wenig Höhenluft zu schnuppern und meine wohlverdienten ANMASS auszugeben.
Liebes Tagebuch!
Der Jahreswechsel war beeindruckend, aber ich habe mich ehrlich gesagt etwas fern gehalten. Hier im Friedhofsviertel war es ruhig gewesen. Man konnte Feuerwerk aus der Ferne betrachten und es gab auf Plätzen und in Lokalen nette Feiern zum Jahreswechsel. Ich habe sogar getanzt, bin aber sonst eher bei einem wodkaähnlichen Getränk sitzen geblieben und habe den Leuten zugesehen.
Als alles vorbei gewesen war, traute ich mich dann aus meiner Unterkunft weiter hinaus in das Zentrum der Hauptstadt und machte einige Tage richtiges hardcore Sightseeing. Der Stadtkern ist von einer mächtigen Mauer umgeben. An der Außenseite sind Keramikschalen eingemauert und mit Pflanzen bestückt. Das Zentrum macht ein halbkugelförmiger Berg aus um den, ‚Doronir Circle‘ genannt, die wichtigste Straße als Ring geführt wird. Straßenbahnen verkehren hier und viele der kleinen Elektrogolfkarren sind unterwegs. Die ganze Stadt ist eine Art Fußgängerzone, wobei aber Autos in Schrittgeschwindigkeit erlaubt sind. Pferde sind im Zentrum eher selten. Es gibt auch eine umfassende Straßenbeleuchtung. Was habe ich mir angesehen? Nun, das volle Programm. Also, großer Marktplatz mit Druidenbaum, Genesis Watch, Mindoras Tears, Flaming Tower, Royal Lyceum, Doronir Palast, Sarn Tempel, Syna Tempel (gruselig), Sesosta Tempel, Mindora Tempel, Lufthafen, Doronir Burg, Stonehaven Burg, Drowsbane Schloss und Burg, alte Grenzburg von Olbia, Border Forest (auf dem Touristenpfad) und so weiter und so weiter.
Wie man an der Aufzählung schon erkennen kann, gibt es wirklich viele Sehenswürdigkeiten in der Stadt. Interessant daran ist, dass es keine antiken Stätten sind, sondern alles noch so in Betrieb ist, wie es vor teilweise mehr als einhundert Jahren geschaffen wurde. Die Stadt ist insofern interessant, als sie von einem Baumeister, Fridius genannt, von Anfang an als Einheit geplant worden war, es ausreichend Mittel für die Umsetzung gegeben hatte und seither kontinuierlich erweitert und verbessert worden ist. All das ohne Zeiten der Verwüstung und Zerstörung zwischendurch.
Einige Dinge sind auch sehr ungewöhnlich, ja wirken eigentlich unerklärlich und magisch. Als Beispiele führe ich hier Mindoras Tears an. Eine Quelle, die aus einem Fels zu kommen scheint und vom Ursprung weg einen großen Bach mit reinstem Wasser speist. Unabhängig von Wetter und Jahreszeit immer die gleiche Menge, ohne je zu versiegen oder überzuquellen. Ein anderes Beispiel ist die Genesis Watch. Den Worten des Reiseführers nach wurde sie kurz nach der ersten Besiedlung von Arca-Nihil geschaffen, um immer genau anzuzeigen, wie spät es ist – seit dieser Gründung. Die Uhr arbeitet angeblich so genau wie eine Atomuhr auf der Erde und sie schlägt zu jeder Stunde seit nunmehr 112 Jahren, ohne je gewartet worden zu sein. Die Uhr ist in einem 12m hohen Glaskolben eingeschlossen. Man kann das feine Uhrwerk genau betrachten, sieht, wie jedes Zahnrad sich bewegt und eine Unruhe hin und her schwingt. Jahre, Monate und Tage werden durch kleine Ziffernblätter angezeigt und ein großes Ziffernblatt präsentiert die aktuelle Uhrzeit weithin sichtbar. Ein Tag hat zwanzig Stunden. Sekunden und Minuten gibt es genau so viele wie bei uns. Lange bin ich vor diesem Wunderwerk der Technik gestanden, das so gar nicht auf den mittelalterlich anmutenden Marktplatz zu passen scheint und hier schon gestanden hat, bevor das erste Steinhaus errichtet werden konnte. Wie hatte Kane da Niwinsky, der Erbauer der Uhr, das fertiggebracht? Woher kamen diese wunderbaren Zahnräder? Mit welcher Energie wird die Uhr angetrieben? Ich staunte nur und wendete mich dem nächsten Phänomen zu. Erinnert ihr euch, dass ich in meinem letzten Eintrag, beim Anflug, von einem Berg geschrieben habe? Diesen Berg gibt es gar nicht. Die Stadt liegt auf einer Ebene, von dem halbkugelförmigen Burgberg als einzige Ausnahme abgesehen. Aber rund um die Stadt sind in regelmäßigen Abständen auf einem Ring genau 18 mal Baumgruppen gepflanzt worden. An jeder dieser Stellen befindet sich ein Baum in der Mitte umringt von 7 weiteren Bäumen. Diese Bäume besitzen, das habe ich jedenfalls so gelesen und konnte es aus meinen Beobachtungen nur bestätigen, jeweils einen Durchmesser von ungefähr 50 Metern(!) und wachsen sich gegenseitig umschlingend und umwindend in die schwindelerregende Höhe von 2,5 Kilometern. Irgendwie ist es gelungen, alle 18 Baumkonstrukte in Schräglage zu versetzten, was dazu führt, dass sie sich direkt über der Stadt alle vereinen und so einen kegelförmigen Dom über der Stadt bilden. Von weit weg sieht das aus wie ein Berg. Von unten, von der Stadt aus betrachtet, sieht es wunderbar schön aus. Es gibt Zahnradbahnen, welche die Bäume hinauf fahren. Dort oben wohnen Leute. Es ist einfach unglaublich. Irgendwann möchte ich herausfinden, wie dieses Baumgebirge geschaffen werden konnte und wozu es dient.
Neben all dieser Wunder habe ich fast vergessen zu berichten, was ich sonst so beobachten konnte. Nun ja, es waren ständig einige Luftschiffe am Himmel. Ein paar standen einfach so ganz unmotiviert in der Luft herum und andere waren unterwegs. Neben dem Lift, welchen ich benutzt hatte, ist der große Lufthafen in Westend das Tor zur Welt für diese Stadt. Die Luftschiffe teilen sich den Himmel mit Hippogriffen. Auch diese sind ein gewöhnlicher Anblick für die Städter und ich konnte einige dieser wunderbaren Tiere am Himmel beobachten. Wie wirkt die Stadt selbst? Sie ist erst einmal ruhig und sauber. Es gibt viel Gewerbe. Gute Handwerker dürfen sich Artisan nennen. Sie bauen das für das tägliche Leben Nötige oder sind auf spezielle Produkte spezialisiert und beliefern größere Unternehmen, welche dann zum Beispiel die Luftschiffe bauen, die Legionen ausrüsten, Fahrzeuge konstruieren oder ähnlich komplexe Dinge herstellen. Man sieht in jeder Straße einen bunten Mix an Handwerksbetrieben, Geschäften und an Menschen. Nun, das mit den Menschen kann ich so nicht stehen lassen. Warum nicht? Weil es eine große Vielfalt an Lebewesen hier gibt. Menschen scheinen die vorherrschende Rasse zu sein. Aber neben ihnen sieht man oft sogenannte Kugeldiener, Würfeldiener, menschenähnliche Androidenwesen, Orcs im Gefolge von Ilonern, gelegentlich riesengroße Ohrwürmer im Gefolge von Rotonern, leichenblasse Githianki, vierarmige Naali und ganz selten einen unheimlichen Mek. Für mich wirkte es hier so als ob ich im Starwars Imperium auf Tatooine wäre, um dort Luke Skywalker zu treffen.
Ihr könnt mir glauben, dass mir das Ganze hier nicht ganz geheuer war.
Nie wurde ich allerdings angepöbelt, bedrängt, ausgeraubt oder beschimpft. Auch dann nicht, wenn mich mein ANOS mal im Stich gelassen hatte und ich in dem Mix aus Englisch, Deutsch und einer anderen exotischen Sprache hin und wieder etwas völlig Deplatziertes von mir gegeben hatte. Die Leute waren stets geduldig und hilfsbereit. Weiters sind die Tavernen häufig, geräumig und gut ausgestattet. Igor, was willst du mehr? Ich freue mich jetzt schon sehr auf meinen ersten Arbeitstag in Silvertrail. Bin gespannt, was es mit dieser Siruperzeugung auf sich hat.
(Arca-Nihil Platte)
Langsam drehte sich der orange gefärbte Trainingsmech von links nach rechts und gab kurze gezielte Salven auf die an verschiedenen Stellen im Tal aufgestellten Zielscheiben ab. Die Zielscheiben waren für dieses Training statisch und es galt in möglichst kurzer Zeit und munitionssparend so viele Treffer wie möglich zu landen. Dabei war es egal, ob man einmal oder öfter traf, weil ein Treffer mit der schweren Gatling des Mechs als Eliminierung eines potenziellen Gegners gezählt wurde.
Das Schultermagazin des Demon 100 fasste 200 Schuss und es waren 50 Zielscheiben für diese Übung vorgesehen. Selten gelang es einem Schützen mehr als zehn dieser bis zu 300m entfernten und lediglich brustgroßen Ziele in der dafür vorgesehenen Zeit zu treffen. 30 Treffer und mehr waren äußerst selten und nur alle paar Jahre gelang es einem Ausnahmetalent alle 50 zu löchern.
Ghan war gut. Marlen beobachtete diesen talentierten Kadetten schon seit einiger Zeit und es freute sie, dass er sich für ihre Lanze beworben hatte. Aber er war noch zu jung, zu unerfahren und seine Sippe konnte nicht das Geld aufbringen einen Mech für ihn zu stellen. Gerne hätte Marlen einen dritten Mech in ihrer Lanze gehabt. Das wäre eine enorme Aufwertung und eine immense Erhöhung der Schlagkraft für die Lanze. Nach so einem Upgrade wäre es schwer möglich, sie auf irgendwelche Provinzposten zu versetzen, weil Mechs einfach zu wertvoll dafür waren.
Spielerisch kratzte sie ein wenig von der abblätternden orangen Farbe des Mechs herunter, während sie Ghan dabei half, die Kampfmaschine zu öffnen und zu verlassen. Das olivgrüne T-Shirt des Jungen war dunkel vor Schweiß. Er strahlte über das ganze Gesicht und während er sich das Kleidungsstück vom muskulösen Oberkörper schälte, grinste er Marlen an.
„Na, nimmst du mich jetzt? Ich schieße jeder Ameise auf einen Kilometer die Antennen vom Kopf!“, behauptete er ohne rot zu werden.
„Garantiert. Aber bis es so weit ist, bin ich froh, wenn du dich um die Kakerlaken und Termiten hier vor Ort kümmerst.“ Marlen gefiel die Selbstsicherheit des Kleinen, aber leider konnte sie ihm derzeit nicht viel versprechen.
„Du nimmst mich also nicht auf? Hat der Chef was gegen mich?“ Ghan war tatsächlich enttäuscht.
„Schau doch – Eddi will noch ein Jahr bleiben und Mechs fallen nicht vom Himmel. Wenn du noch ein Jahr hier bleibst, dann wäre es gut möglich.“
Große Enttäuschung auf der ganzen Breitseite von Ghans Gesicht. Hatte er doch das ganze letzte Jahr nur dafür gelebt.
„Ich habe gehört, dass man deine Dienste im Lyceum sehr zu schätzen weiß. Vielleicht ist die Legion gar nicht der rechte Ort für dich. Du bist so ein Talent. Nütze es anderweitig.“ Sie wollte ihn trösten.
„Dafür habe ich zu viel gesehen. Wenn es darauf ankommt, will ich bereit sein. Und das am besten in einem dieser Dinger.“
Er deutete auf den offenstehenden Mech.
„Du hast keine Ahnung wie es ist, seine Familie sterben zu sehen. Das will ich nicht noch einmal erleben.“
Seine braunen Mandelaugen blickten sie traurig an.
„Muss ich wirklich noch ein ganzes Jahr warten?“, fragte er schon wieder. „Und wie sicher ist es nachher überhaupt?“
Marlen zuckte mit den Schultern. „Sicherheiten kann ich dir sowieso nicht geben. Probiere es bei der 6’ten Legion. Die verlegen gerade nach Roto Keep, um gegen die Formians zu kämpfen. Da sind Ausfälle garantiert und du kannst sicher bald für jemanden einspringen, der im Holzkoffer nach Hause zurückkehrt. Aber da bist du dann eben auch Kanonenfutter.“ Sie sprach aus Überzeugung und da sie wusste, dass er zu ihr wollte, waren ihre Bedenken gering, ihm diese Option aufzuzeigen. Diese war einfach nicht attraktiv genug für den Jungspund. Zum Glück nicht.
„Was soll ich also deiner Meinung nach tun?“, fragte er resignierend, aber auch einsichtig.
„Wenn ich du wäre, würde ich das Privileg meiner Herkunft nützen und damit im Lyceum auftrumpfen. Hilf den Forschern dort und du wirst dir einen guten Namen machen. Geh regelmäßig auf Kaderübungen nach Valoria und nimm die Stelle an, welche ich für dich gefunden habe. Ganz nebenbei würdest du mir da auch einen großen Gefallen tun, weil Igor, der Mann aus meiner Sippe, jemanden braucht, der vernünftig ist und ein wenig auf ihn aufpasst. Ich glaube, er tut sich nicht so leicht wie du, sich hier einzuleben. Da wärst du genau der Richtige dafür.“, Sie sah ihn erwartungsvoll an.
„Woher und von wann kommt er?“
„2014 Erdzeit, Ukraine, soweit ich das im Kopf habe.“
„Das klingt interessant. Ob er weiß, dass sie inzwischen bei uns alles mit Fassbomben in Schutt und Asche verwandeln? Wir werden eine gute Zeit miteinander haben.“
„Kann ich das als ein ‚Ja Marlen, ich nehme den Job‘ betrachten?“, fragte sie augenzwinkernd.
„Ja, Marlen, ich nehme den Job!“
Beide lachten und gingen gemeinsam in die Soldatenkantine.
Es duftete verlockend nach Grillfleisch.
Marlens Lanze war vor einer Woche vollständig in Valoria eingetroffen, um ein intensives Waffentraining zu absolvieren. Bei den SERAN war zusätzlich der Austausch aller Mekmuskel fällig. Diese Arbeit erfolgte in dem direkt neben der Kaserne befindlichen Montagewerk des GrausMaffei Konzerns. Übungen, Kurse und Servicearbeiten würden insgesamt etwa drei Wochen dauern. Danach waren zwei Wochen Urlaub festgelegt. Wie es anschließend weitergehen sollte, würde sich in der Zwischenzeit wohl klären lassen. Eine Möglichkeit war, dass die Lanze für zumindest ein Jahr pausieren könnte, die andere, dass ein Einsatz stattfände. Die Lanze selbst hatte sich für einen Einsatz ausgesprochen und darum war von Marlen schon zu Beginn des Trainingsaufenthaltes ein diesbezüglicher Antrag bei der LoAN Verwaltung eingebracht worden. Interessanterweise bekam sie daraufhin einen Termin beim ANF Botschafter und nicht wie gewohnt nur eine schriftliche Verständigung.
„Guten Tag, liebe Marlen. Schön, dich wiederzusehen!“
Der Botschafter saß im Rollstuhl und hatte ihr schon beim Eintreten die Hand geschüttelt. Er lächelte sie freundlich an.
„Ganz meinerseits, Helmut. Ich fühle mich geehrt wegen dieser Einladung von dir!“
Unausgesprochen blieb dabei ihre Verwunderung darüber, dass dieses Treffen überhaupt stattfand. Es war selten, dass Lanzenkommandanten extra nach Stonegate geflogen wurden, um ihre Einsatzpläne vom aktuell nach dem RAN wichtigsten Politiker Arca-Nihils zu erhalten.
Freundlich nickte sie dem Muskelberg zu, der hinter Botschafter Solos Schreibtisch mit verschränkten Armen stand und dabei keine Miene verzog. Gut konnte sich Marlen daran erinnern, wie Vorr sie und ihre Begleiter mehr als einmal in der verbotenen Zone vor dem sicheren Tod bewahrt hatte. Schade, dass er nicht in meiner Lanze dient, dachte sie seufzend.
„Wirklich ein schöner Mann, mein Beschützer, findest du auch?“, meinte Solo feixend, ihr Seufzen bewusst fehlinterpretierend.
„Aber leider schon vergeben.“, zwinkerte er. Vorr hob mürrisch blickend eine Augenbraue, um anzudeuten, dass er dem Gespräch folgte.
Marlen lächelte den Botschafter an. „Immer einen Scherz auf den Lippen. Du musst wirklich den tollsten Job im Reich haben, wenn deine Laune ständig so herzerfrischend ist.“, sagte sie ein wenig schelmisch, aber auch aus Überzeugung.
Sie tauschten noch einige scherzhafte Höflichkeiten aus. Marlen fühlte sich wie immer bei Solo getestet. War Sir Helmut Solo von Olbia doch nicht nur ein höflicher Mann, sondern auch ein erbarmungslos berechnender Machtmensch. Und so wusste man bei ihm oft nicht, ob man nun ehrlich umworben, scherzhaft geneppt, oder einfach nur getestet wurde. Sicherheitshalber nahm sie Letzteres an und wartete nur darauf, welche Art von Himmelfahrtskommando der Machtmensch Solo diesmal für sie und ihre Gruppe vorgesehen hatte. War es doch das letzte Mal um ein Haar schief gegangen, als sie den Dungeon Mister in seinem Gebiet besucht und damit zu einer Offenlegung seiner Absichten provoziert hatten.
Umso überraschter war Marlen, als Solo nach dieser Serie von ausgetauschten Banalitäten und einem Gläschen Rotwein endlich zur Sache kam:
„Es geht zurück nach Noric!“
Marlen hatte mit allem gerechnet, inklusive einem weiteren Selbstmordkommando. Aber dass man sie extra hierher holte und Solo sich den ganzen Vormittag Zeit nahm, nur um ihr mitzuteilen, dass sie wieder in diesen Provinzort zurück musste! Das war zu viel. Mit offenem Mund sah sie ihn an und wirkte dabei sicher nicht sehr intelligent.
„Ich weiß, Marlen. Du hast dir vermutlich einen spannenden Auftrag erwartet. Aber es ist nicht einfach. Der König. Du weißt schon. Neophlan hat eine Schwäche für dich. Und der Bürgermeister von Noric ist nicht zufrieden mit deinen Nachfolgern. Und es gibt tatsächlich erhöhte Aktivitäten von Sauhagians in der Gegend. Also ein paar Mechs müssen da wirklich vor Ort sein, sonst…“
Er stoppte seinen Redefluss, weil er merkte, dass Marlen etwas sagen wollte.
„Herr Solo! Weißt du, wie lange wir da schon oben sitzen. Das geht einfach nicht.“
„Sprich es nicht aus. Ich weiß, es war hart für dich. Aber er war ein Dämon. Und du hattest keine Kontrolle über dich. Niemand ist gestorben.“
Er stoppte, weil er merkte, dass er Marlen da tatsächlich an einem wunden Punkt getroffen hatte. Dankend nahm sie das angebotene Taschentuch, schnäuzte sich, räusperte sich und blickte ihn offen an.
„Ja, das war echt hart damals. Aber auch dank der Betreuung durch Silvia von Syna bin ich da echt darüber hinweg. Mir geht es mehr darum, dass ich meinen Leuten etwas bieten möchte. Niemand will wieder für Jahre da hinauf. Es gibt zehn Legionen und trotzdem trifft es immer nur uns. Warum?“
„Es liegt am König. Wenn wir politisch denken, dann ist eine Verlegung von euch die einzig richtige Option.“
Marlen seufzte.
„Wie kann ich dir diesen Auftrag schmackhaft machen?“, hakte Solo nach. „Ich habe Geld. Es dürfte für einen Mech reichen. Neue Baureihe. Extraleichtes Schnellfeuergewehr und Bordfunk.“
Er lauerte wie eine Spinne auf ihre Reaktion.
„Maximal für zwei Jahre und doppelte Urlaubsintervalle für die ganze Truppe.“, forderte sie.
Mit, „Ehre dem RAN“ war es dann besiegelt. Noch am selben Tag ging es mit der ANS Groundlift, dem Schiff des Botschafters, zurück nach Valoria.
Liebes Tagebuch!
Nach spannenden und lehrreichen ersten Tagen, die ich hier als Tourist verbringen durfte, bin ich schlussendlich in Silvertrail angekommen. Es handelt sich dabei um ein kleines und altes Dorf in einer hügeligen Landschaft nordöstlich des Zentrums von Arca-Nihil. Es ist in etwa genauso weit vom großen Lift entfernt, wie der vorher von mir bewohnte Friedhofsbezirk.
Man hat ein wenig den Eindruck, als wäre man in einem kleinen englischen Dorf irgendwo in Cornwall. Lyncht mich dafür, aber ich habe früher gerne Rosamunde Pilcher Liebesfilme auf ausländischen Kabelsendern gesehen. Genau in so ein Szenario sehe ich mich jetzt hineinversetzt. Es fehlt nur die Herzensdame, um die ich mich jetzt bemühen sollte. Stattdessen lernte ich Georg kennen. Georg ist Projektleiter von ANSE1. ANSE steht für ‚Arca-Nihil Sirup Extraktor‘. Und die 1 dafür, dass es der erste seiner Art sein soll. Georg erzählte mir bei einem malzigen Bier, dass fünf derartige Anlagen im nächsten Jahrzehnt notwendig sind, um die Kriegsmaschinerie der LoAN am Laufen zu halten. Früher war Sirup aus der Wahren Welt importiert worden. Aber seit das Zentrum der Wahren Welt, die Stadt Nexal zerstört worden ist, kommt von dort nichts mehr und die zum Glück gehorteten Vorräte reichen noch für eine Weile.
