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Die junge Studentin Tugce Albayrak half im November 2014 zwei Mädchen in Not, die von mehreren Jugendlichen auf einer Damentoilette bedrängt wurden. Im Rahmen dieser Hilfeleistung zog sie die Aggression des späteren Täters auf sich. Er schlug Tugce Albayrak so hart, dass sie mit ihrem Kopf auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants aufschlug. Durch den Aufprall wurde Tugce schwer verletzt. Aus dem Koma wachte sie nicht mehr auf und verstarb an ihrem 23. Geburtstag. Tausende Menschen nahmen im Krankenhaus und auch später am Friedhof Abschied von Tugce. Doch was war das Geheimnis, dass tausende Menschen so großen Anteil an Tugces Schicksal nahmen? Tugces Mutter Sultan Albayrak erzählt in diesem Buch über das Leben ihrer Tochter, aber auch über die dramatischen Krankenhaustage.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Copyright: Ismail Erel
Gestaltung: Şükrü Uyanık
Dieses Buch ist Tuğçe Albayrak gewidmet. Der jungen, mutigen Frau, die sich am 15.11.2014 in einem Offenbacher Schnellrestaurant schützend vor zwei Mädchen gestellt hat. Tuğçe bezahlte ihren Mut mit dem Leben. Doch sie soll unvergessen bleiben.
Danksagung
Vorwort: Kai Diekmann
Sultan Albayrak: Meine Tochter war ein Engel
Ismail Erel: 14 Tage im November
Tuğçe Albayrak
Kapitel
Tuğçe Albayrak – Ein zu kurzes Leben
Der letzte Blick
Kapitel
Die Tage im Krankenhaus
Der Abschied
Kapitel
Die Trauerfeier
Kapitel
Der Schmerz ist unerträglich
Kapitel
Die Gerichtsverhandlung
Ehrungen für Tuğçe
An dieser Stelle möchte ich mich bei den Menschen bedanken, die uns in der schwersten Zeit unseres Lebens beigestanden haben.
Hervorheben möchte ich dabei;
Meine Mutter Güler Yıldırım sowie meine Schwester Gülşen Erdoğan, meine Nichte Yasemin Çapri und ihren Mann Murat Çapri, der eine große Hilfe war, sowie Hülya, die Mutter von Tuğçes verlobtem Tuncay.
Außerdem gilt unser Dank an folgende Personen:
Macit Karaahmetoğlu, der uns nicht nur als Rechtsanwalt Tag und Nacht zur Seite stand. Er war uns in dieser Zeit eine große Stütze.
Rechtsanwalt Alexander Freiherr von Malsen-Waldkirch, der Ali und Ulaş vertreten hat.
Dr. Yaşar Bilgin, dem Vorsitzenden der Türkisch Deutschen Gesundheitsstiftung, der uns in dieser schwierigen Situation unterstützt hat.
Arif Aydemir, dem Gelnhausener Imam.
Dem Wächtersbacher DITIB-Moscheeverein und ihrer Gemeinde.
Der DITIB-Hessen für die Organisation der Beerdigung.
Hüseyin Avni Karslıoğlu, dem Türkischen Botschafter in Berlin.
Ufuk Ekici, dem damaligen Türkischen Generalkonsul in Frankfurt.
M. Mustafa Çelik, dem Türkischen Generalkonsul in Frankfurt.
Volker Bouffier, dem Hessischen Ministerpräsidenten und allen Personen, die uns zur Seite standen.
Sultan Albayrak
Zuallererst möchte ich den Leserinnen und Lesern danken, die sich die Zeit nehmen, dieses Buch zu lesen.
Dann gilt mein persönlicher Dank vor allem;
Kai Diekmann für das Vorwort,
Christian Stenzel für seine Hilfe rund um dieses Buch sowie der Berichterstattung in der BILD,
Max Schneider, der das Drama um Tuğçe in BILD Frankfurt publik gemacht hat.
Jürgen Mahnke, Kazım Doğan, Mario Vedder, Necdet Karaşahin, Michael Kreft, Seyfi Alp, Orhan Gedik, Markus Hibbeler und Orhan Önaldı möchte ich persönlich für die schönen Fotos danken, die sie für dieses Buch zur Verfügung gestellt haben.
Und vor allem möchte ich mich bei Eva Bös bedanken, die dieses Buch korrekturgelesen hat.
Danken möchte ich auch meiner Frau Zuhal Erel, für die Hilfe und die mir entgegengebrachte Geduld.
Ismail Erel
Als ich das Foto von Tuğçe Albayrak zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich, ich würde sie kennen.
Ein Selfie in dieser typischen Instagram-Optik, wie es Millionen junger Frauen von sich haben. Zu Hause mit dem Handy geschossen, abends kurz vor dem Weggehen. Ein paar Mal auf den Auslöser gedrückt, das Schönste gespeichert und gepostet im Internet.
Ich glaube, dass es vielen Menschen so ging und sie auch deshalb mitgefühlt haben wie bei kaum einem anderen Schicksal, über das wir Journalisten berichten und Leser erfahren müssen.
Doch natürlich war es nicht nur das Foto.
Deutschland nahm Anteil am Schicksal einer jungen Studentin, die mit ihren Freundinnen Geburtstag feiern wollte und nach 14 Tagen im künstlichen Koma auf der Intensivstation gestorben ist.
Wir waren nicht dabei, am 15. November. Ein kühle Nacht zu Samstag. Die meisten von uns haben geschlafen oder mit einem Auge wach gelegen und gehofft, dass ihre Kinder, Freunde, Geschwister gesund von der Disco wieder nach Hause kommen. Die Eltern von Tuğçe warteten vergebens.
Im Prozess gegen Sanel M. blieb ungewiss, warum genau er Studentin Tuğçe so brutal gegen den Kopf geschlagen hatte, dass sie auf das Pflaster eines McDonald’s-Parkplatzes knallte. War es, weil sie zwei Mädchen vor ihm beschützen wollte? Ergab in einem Streit mit dem Schläger ein Wort das andere?
Die Medien, auch BILD, wurden kritisiert, weil sie zu voreilig Partei für Tuğçe ergriffen hätten. Am Ende spielt es nur eine nebensächliche Rolle.
Wahr ist: Eine junge Frau, die in ihrem Leben niemandem ein Haar gekrümmt hat, ist tot. Weil die Aggression eines unbelehrbaren Wiederholungstäters stärker war als sein Verstand. Tuğçe - ich denke, da wird niemand widersprechen - ist gestorben: für nichts.
Als Vater denke ich an beide Eltern. An die Eltern von Tuğçe, die ihr Leben verloren hat. Und an die Eltern von Sanel, der daran Schuld trägt.
In diesem Buch soll es aber um Tuğçe gehen.
Mein Name ist Sultan Albayrak. Ich bin die Mutter von Tuğçe Albayrak. Tuğçe hatte zwei minderjährigen Mädchen in einer bedrohlichen Situation geholfen. Später wurde sie selbst Opfer eines Angriffs des Jugendlichen, der die Mädchen bedrängt hatte.
In meiner Kindheit war ich für kurze Zeit von meinen Eltern getrennt. Meine Eltern lebten in Deutschland und ich in Istanbul. In den Sommerferien machte ich Urlaub in Deutschland bei meiner Familie. Im Alter von 14 Jahren, 1983, kam ich nach Deutschland. Nur vier Jahre später, im April 1987, heiratete ich im zarten Alter von 18 meinen Mann Ali. 1988 kam mein Sohn Ulaş, im folgenden Jahr, 1989, mein jüngerer Sohn Doğuş auf die Welt. 1991 wurde Tuğçe geboren. Somit hatte ich schon mit 22 Jahren drei Kinder auf die Welt gebracht.
Als junge Mutter konnte ich mit meinen Kindern eine gute Kommunikation aufbauen. Und weil Tuğçe ein Mädchen war, hatte ich natürlich eine noch engere Beziehung zu ihr. Obwohl Tuğçe nicht nur mit mir, sondern mit fast jedem gut auskommen konnte.
Jetzt ist der Name meiner Tochter ein Synonym für Zivilcourage geworden. Meine Tochter starb, weil sie anderen geholfen hat. Es wurde viel geschrieben über meine Tochter. Überwiegend wurde über die Hilfsbereitschaft meiner Tochter berichtet. Wie richtig ihr Verhalten doch sei und natürlich über ihren beispielhaften Charakter. In diesem Buch möchte ich allgemein über Tuğçe erzählen. Allgemein über den Menschen Tuğçe. Aber auch über die 14 Tage im Krankenhaus, die unser Leben komplett verändern sollten.
Eine Tragödie, die sich am 15. November 2014 in Offenbach ereignet hat, bewegte ganz Deutschland. Eine junge Frau eilte zwei jungen Mädchen zur Hilfe geeilt. In Folge dieser Hilfeleistung rückte sie später selbst ins Visier der Jugendlichen, die die Mädchen belästigt hatten. Als die Lage eskaliert, wird Tuğçe von einem der Jugendlichen geschlagen.
Der Schlag des 18-Jährigen Sanel M. trifft die junge Lehramtsstudentin Tuğçe Albayrak so hart, dass sie mit dem Kopf auf dem Boden aufschlägt. Der Aufprall ist so hart, dass Tuğçe ins Koma fällt, aus dem sie nicht mehr aufwacht.
Als die BILD Frankfurt Tuğçes Drama auf die Titelseite bringt, ist die Reaktion darauf gewaltig. Fast die ganze Welt nimmt Anteil an dem Schicksal der jungen Deutsch-Türkin. Als klar wird, dass es die 22-Jährige nicht schaffen wird, ist ihre Geschichte bereits weltweit ein Thema. An ihrem 23. Geburtstag stellen die Ärzte die lebenserhaltenden Maschinen ab. Was danach kommt, ist einmalig. An diesem Tag strömen tausende Menschen ins Krankenhaus, um Abschied von Tuğçe zu nehmen. Die Trauerfeier wird live übertragen.
Doch was war das Geheimnis der schönen Studentin? Was hat Millionen von Menschen so gerührt?
Tuğçe war eine junge, selbstbewusste Frau, die für ihre Hilfsbereitschaft und ihren starken Charakter bekannt war. Mit ihrer Hilfeleistung für die in einer bedrohlichen Lage befindlichen Mädchen wird sie über Nacht zur Heldin. Millionen junger Frauen zeigten Mitgefühl für Tuğçe und stellten sich die Frage: »Wie hätte ich gehandelt?« Tuğçes Selfies wurden Symbole für eine moderne junge Frau. Millionen verglichen ihre Selfies mit denjenigen von Tuğçe. Sie litten mit dieser schönen Frau, die zu früh diese Welt verließ.
Mehrere Journalisten kamen ins Krankenhaus. Jeder wollte über das mutige Mädchen berichten, das sich schützend vor zwei jüngere Mädchen gestellt hatte. 11 Tage lang beteten Menschen in ganz Deutschland, der Türkei und in all den anderen Ländern, in denen über Tuğçes Drama berichtet wurde, für die junge Frau. Doch es sollte nicht sein. Tuğçe verstarb am 28. November, ihrem 23. Geburtstag.
Dieses Buch erzählt aus dem Blickwinkel der Mutter Sultan Albayrak. Das Buch arbeitet nicht penibel die Geschehnisse auf. Und das ist auch nicht beabsichtigt. Vielmehr geht es darum, die Mutter zu Wort kommen zu lassen, die wie kein zweiter Mensch Tuğçe Albayrak gekannt hat.
Tuğçe Albayrak kam am 28. November 1991 im hessischen Bad Soden-Salmünster als Kind von Ali Albayrak und der Istanbulerin Sultan Albayrak auf die Welt. Sie hatte mit Ulaş und Doğuş zwei ältere Brüder.
Tuğçe besuchte 1994 den sogenannten »Sportkindergarten« in Bad Soden-Salmünster. Ab 1998 besuchte sie die Henry Harnischfeger-Schule im selben Ort. 2009 kam sie auf das Berufliche Gymnasium Schlüchtern. Nach ihrem Abschluss im Jahre 2012 begann sie ihr Studium an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Sie war Lehramtsstudentin der Fächer Deutsch und Ethik.
Schwimmen, Ballett, Klavier spielen, fotografieren. Das waren die Hobbys der jungen Studentin, die am 15. November niedergeschlagen und mit dem Bericht in der BILD-Zeitung urplötzlich bekannt wird.
Tagtäglich kamen Menschen in das Krankenhaus und beteten für Tuğçe. Der letzte Geburtstag von Tuğçe war einzigartig. Fast fünftausend Menschen nahmen vor dem Krankenhaus Abschied von Tuğçe. Hunderte von Kerzen wurden für Tuğçe aufgestellt. Der Abschied von Tuğçe wurde zeitweilig sogar live übertragen. Zahlreiche Journalisten kamen, um über den Abschied von Tuğçe zu berichten.
Nachdem am 26. November der Hirntod der jungen Studentin festgestellt worden war, wurden die lebenserhaltenden Maschinen am 28. November 2014, an ihrem 23. Geburtstag, abgestellt.
Zur Trauerfeier kamen über fünftausend Menschen. Die Trauerfeier in der DITIB Moschee Wächtersbach wurde von Fernsehsendern live übertragen. Fast 100 Journalisten aus aller Welt kamen nach Hessen. Darunter auch die BBC. Spätestens ab da war Tuğçe weltweit bekannt. Ein zu kurzes, aber gefülltes Leben, ein Tod, der fünf Menschen Leben schenkt.
Tuğçe bezahlte ihre Zivilcourage mit dem Leben. Doch dieses schöne Herz schlägt in einem anderen Menschen weiter. Ihr Name indes wird ewig bleiben. Mit dem gegründeten Tuğçe Verein, aber vor allem in den Köpfen der Menschen.
Wer war diese mutige junge Frau, die sich schützend vor zwei Mädchen stellte und so die ganze Aggression auf sich zog? In diesem Buch erzählt die Mutter Sultan Albayrak über das Leben ihrer Tochter.
Donnerstag, der 28. November 1991. Es war ein kalter Novembertag. Als ich sie zum ersten Mal in meinen Armen hielt, wurde mir warm. Ich fühlte ein nicht zu beschreibendes Glück. Nach zwei Söhnen hatte ich nun eine Tochter bekommen. Meiner Tochter, die mein Leben verändern sollte, gaben wir den Namen Tuğçe. Eigentlich hatten wir einen ganz anderen Namen im Sinn.
Als wir erfuhren, dass es ein Mädchen werden sollte, fing schon die Namenssuche an. »Was für ein Name könnte es sein?« Das war die Frage aller Fragen. Sie war etwas Besonderes. Das erste Mädchen. Also sollte sie auch einen besonderen Namen haben.
1991, während der Schwangerschaft, hatten wir unseren Sommerurlaub in Alanya verbracht. In unserem Hotel war auch ein süßes Mädchen. Dieses Mädchen hieß Ceren. Der Name gefiel uns sehr, sodass wir uns für »Ceren« entschieden. Ich hatte fast jeden gebeten für mich eine Namensliste zu erstellen. Doch mit der Zeit verging mir die Lust am Namen »Ceren«. Da der Name immer wieder ausgesprochen wurde, fand ich ihn auf einmal langweilig. Mein neuer Favorit war jetzt »Gözde«.
Doch auch diesen Namen ereilte das gleiche Schicksal. So oft wie die Frage: »Welchen Namen soll sie denn haben?« gestellt wurde, so oft kam auch der Name »Gözde« über unsere Lippen.
Kurz bevor Tuğçe geboren wurde, lag ich im Krankenhaus. Fehlalarm. Dort lag eine türkische Frau. Wir sprachen miteinander. »Meine soll Gözde heißen«, sagte ich. Ich glaube, auch sie sollte eine Tochter bekommen. Als wir uns über Namen unterhielten, fiel auf einmal der Name »Tuğçe«. Ich merkte mir den Namen. Bis zum Schluss hielt ich eigentlich an »Gözde« fest. Bis mein Cousin auch den Namen »Tuğçe« erwähnte. Erst da gefiel mir der Name richtig gut. Dann gab ich meine Entscheidung bekannt. Doch jeder war irgendwie dagegen. Man hatte sich schon an »Gözde« gewöhnt. »Was ist das denn für ein Name?« sagten einige. »Was bedeutet der Name überhaupt?« fragten andere. Meine Schwiegermutter und sogar mein Vater waren auch dagegen. Ich sagte nur: »Ich werde schon noch erfahren, was der Name bedeutet.«
Weil es damals ja kein Internet gab, war es auch nicht leicht, sofort etwas herauszubekommen. Dabei kam mir der Gedanke, eine Zeitung anzurufen und nachzufragen. Also rief ich die »Hürriyet« an. Am anderen Ende der Leitung war eine Frau. »Hallo. Ich möchte meine Tochter gerne Tuğçe nennen. Doch ich kenne die Bedeutung nicht. Deswegen habe ich Schwierigkeiten den Namen durchzusetzen. Und das nervt mich. Können Sie mir sagen, was der Name Tuğçe bedeutet?« fragte ich sie.
Prompt kam die Antwort: »Tuğçe ist ein sehr schöner Name. Tuğçe bedeutet Krone. Der unbezahlbare Stein auf der Krone.«
Ich war ausgesprochen froh über diese Antwort und bedankte mich bei der Frau: »Auch die Bedeutung ist schön. Keiner kann mich jetzt noch umstimmen.«
Ich habe später noch einmal nachgeschaut. »Tuğçe« soll auch »Der größte Stern« oder »Ast eines Baumes im Paradies« bedeuten. Wir hatten bei der Namenswahl aber »Krone« berücksichtigt.
Tuğçe ging unerwartet von uns. Genauso unerwartet, wie sie zur Welt gekommen ist. Ich hatte mit meinem Mann Ali und unseren beiden Söhnen Ulaş und Doğuş ein glückliches Leben. Um unseren Kindern eine gute Zukunft vorzubereiten, taten wir alles, was in unserer Hand lag. Wir arbeiteten beide.
Eigentlich wollten wir kein drittes Kind. Doch Gott schenkte mir eine Tochter wie Tuğçe. Gott gab, Gott nahm. Ich wusste nicht, dass ich schwanger war. Auf der Arbeit hatte ich immer Hunger auf Salziges. Als ich kurze Zeit später mal beim Arzt war, erfuhr ich, dass ich schwanger bin. Ich kann ganz ehrlich sagen, dass ich mich in diesem Moment überhaupt nicht gefreut habe. Das war etwas, was wir überhaupt nicht erwartet oder geplant hatten. Weil wir schon beide arbeiten mussten, passten auf die Kinder meine Mutter oder meine Nichte Yasemin auf. Wie sollte das mit dem dritten Kind überhaupt gehen?
Tuğçe mit ihren Brüdern Doğuş (links) und Ulaş.
Auch an dem Tag, als ich von der Schwangerschaft erfuhr, waren meine Kinder bei Yasemin. Ich kam nach Hause und fing sofort an zu weinen. Yasemin fragte, was los sei. »Yasemin, ich bin schwanger«, antwortete ich. Doch Yasemin munterte mich auf. »Ach, wie schön! Dann wird es ein Mädchen und wir ziehen sie groß«, sagte sie. Wie gesagt passten schon auf meine beiden Söhne entweder Yasemin oder meine Mutter auf. »Wir kümmern uns auch um die Kleine«, sagte Yasemin. Aber ich war mir unsicher. »Drei Kinder hintereinander? Das muss ich mir überlegen.« Ich fühlte mich gewaltig unter Druck.
Als ich dann Ali von der Schwangerschaft erzählte, war er auch froh. »Wie schön. Dann wird’s halt ein Mädchen«, sagte er. Doch ich wollte nicht. »Nein, ich werde abtreiben«, sagte ich. Ali war strikt dagegen.
Ich ging zum Arzt und erklärte ihm die Lage. »Ich habe bereits zwei kleine Kinder zu Hause. Ich kann mich nicht um das Neugeborene kümmern.« Ich wollte abtreiben.
Dann bekam ich den Termin. Ich habe in der Zwischenzeit noch ein bisschen überlegt. Ali wollte ja auch nicht, dass ich abtreibe. Aber ich war eigentlich fest entschlossen. Doch die Menschen in meiner Umgebung gaben mir Mut: »Wir können uns auch um die Kleine kümmern.«
Ich sagte den Termin ab. Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Dank dieser Entscheidung konnte ich eine wunderschöne Tochter auf die Welt bringen.
Tuğçe beim Klavierspielen.
Die Entscheidung war gefallen. Das Kind sollte geboren werden. Aber war es ein Mädchen oder doch ein Junge? Weil das Baby im Bauch sehr ungünstig lag, konnte man das Geschlecht nicht eindeutig bestimmen. Der Arzt sagte: »Sieht zwar aus wie ein Mädchen. Machen Sie sich aber nicht allzu große Hoffnungen.«
In der Türkei war Ali mit den Kindern auf einem Jahrmarkt im Gülhane Park in Istanbul. Ich blieb zu Hause. Auf dem Jahrmarkt seien zwei junge Mädchen auf Ali zugekommen und hätten gefragt, ob sie ihm die Karten legen dürften. Sie würden dann über seine Zukunft etwas erzählen. Ali erzählte mir davon zu Hause und wie die Mädchen ihm gesagt hätten: »Sie werden ein Mädchen bekommen«. Ich glaube sogar, dass er das Ergebnis von damals immer noch aufhebt.
Meine Schwester kann auch gut Karten lesen. Auch sie meinte damals: »Ihr werdet eine Tochter bekommen, wie eine Prinzessin, wie eine Königin.«
In unserem Verwandtenkreis gab es zu diesem Zeitpunkt kein einziges kleines Mädchen. Als Tuğçe geboren wurde, war sie schon fast heilig für uns. Am 28. November 1991 hielten wir unsere kleine Tochter in den Armen.
Die Schwangerschaft war aber ganz anders als bei den beiden ersten Geburten. Bei meinen Söhnen sehnte ich mich nach Kakao. Abends trank ich immer Kakao. Bei Tuğçe war das anders. Bei Tuğçe wollte ich immer saure Gurken, eingelegte Peperoni, Ayran (türkisches Joghurtgetränk) und andere, sehr salzhaltige Lebensmittel. Bei Doğuş war das eher Schokolade, Kakao. Tuğçe scheint sich im Mutterleib an Salziges gewöhnt zu haben. Auch sie mochte eher salzige Lebensmittel.
Ich arbeitete damals mit meiner Mutter und meinem Onkel zusammen in einer Firma. Mein Onkel hatte immer Ayran dabei. Natürlich hat er uns immer ein Glas angeboten. Damals wusste ich noch nicht, dass ich schwanger bin. Aber nach jedem Glas bat ich meinen Onkel, den nächsten Ayran mit noch mehr Salz zu machen. Doch egal wie salzig der Ayran war, ich hatte immer das Bedürfnis, ihn mit noch mehr Salz zu trinken. Das fiel anscheinend meinem Onkel auf. Er soll daraufhin meine Mutter gefragt haben, ob ich schwanger sei. Weil zu diesem Zeitpunkt die Schwangerschaft noch niemandem bekannt war, habe meine Mutter das natürlich auch verneint.
Als Tuğçe schließlich geboren wurde, waren wir überglücklich. Wie gesagt hatte damals auch keiner unserer Verwandten eine kleine Tochter. Nicht nur wir: alle hatten Tuğçe sehr lieb. Mein Mann Ali nutzte das ab und zu natürlich aus, um seine Brüder zu ärgern. Wenn wir bei ihnen waren und die Onkel Tuğçe küssen wollten, meinte Ali einfach: »Moment. Ihr habt keine Tochter. Um sie küssen zu können müsst ihr erst einmal 5 Mark bezahlen.«
Ali mochte es, die nahen Verwandten mit Tuğçe zu ärgern. Weil es für uns alle auch sozusagen ein »Alleinstellungsmerkmal« war. Denn wir hatten eine Tochter. Und jeder mochte Tuğçe.
Als jüngstes Kind hat man ja allgemein mehr Beachtung, man bekommt mehr Aufmerksamkeit. Und weil Tuğçe auch noch ein Mädchen war, war die ihr von der Familie entgegengebrachte Zuneigung für die anderen Kinder fast bedrückend. Als Kind hatte man bestimmt das Gefühl, nicht das Lieblingskind zu sein. Das scheint wohl auch Ulaş ein wenig gestört zu haben. Eines Tages bemerkte ich eine verdächtige Stille im Kinderzimmer. Als ich das Zimmer betrat, sah ich wie Ulaş ein Kissen in der Hand hatte. Und das Kissen war direkt über Tuğçes Gesicht. »Ulaş, was machst du da?« fragte ich ihn, obwohl die Situation natürlich für mich klar war. »Nichts. Ich spiele mit ihr. Ich hab sie lieb«, sagte er. Dann habe ich mit ihm ein kurzes Gespräch geführt. »Wenn du das machst, dann tust Du ihr aber weh. Gott bewahre, sie könnte sogar sterben.«
Von diesem Moment an habe ich Tuğçe als Baby nicht eine Sekunde alleine gelassen.
Mit Tuğçe wurden wir noch glücklicher, unser Leben noch bunter. Als Baby war sie sehr süß. Jeder Tag mit Tuğçe hatte eine andere Besonderheit. Tuğçe war ein sehr lebensfrohes Mädchen. Sie war aber auch ein sehr aufgewecktes, bewegungslustiges Kind. Man musste wirklich immer aufpassen, damit sie nichts anstellte. Mit anderthalb oder zwei Jahren hat sie uns einen Riesenschreck eingejagt. In der Küche ist ein Glas auf dem Boden zersplittert. Und Tuğçe ist auf dieses Glas gefallen. Sie hat sofort geblutet. Auf ihrer Augenbraue ist da eine Narbe geblieben.
Sie war glaube ich 2,5-3 Jahre alt. Ali fuhr sie sofort ins Krankenhaus. Sie bekam einen Gips, weil sie sich ihren Arm gebrochen hatte. Sie war jetzt aber kein wehleidiges Kind. Wieder im Auto, verlangte sie schon von ihrem Vater, dass er ihr Lieblingslied von Tarkan abspielen sollte.
Sie konnte Schmerzen ertragen.
Wir mussten sie aber immer im Blick behalten. Eines Tages büxte sie aus. Ich glaube sie war erst zwei Jahre alt. In der Nähe unserer Wohnung war eine Brücke. Sie wollte unter der Brücke durch auf die andere Straßenseite. Ali konnte sie noch im letzten Moment festhalten. Sonst wäre sie unter ein Auto gelaufen. Als Ali sie gefragt hat, wo sie denn hinwolle, antwortete sie knapp: »Zur Oma.«
Ihrem Bruder Ulaş hat sie auch mal einen großen Schrecken eingejagt. Beim Spielen ist sie in die Hecken reingegangen. Irgendwie hat sie dann beim Rauskommen einen Stachel unter ihrem Auge gehabt. Weil es blutete, bekam Ulaş große Angst. Es war aber nur ein Stich. Viel schlimmer war ihr Sturz mit den Inlinern. Die Kinder sind mit ihren Fahrrädern ins Schwimmbad gefahren. Tuğçe hat aber ihre Inliner genommen und wollte sich hinten an Ulaş’ Fahrrad festhalten. Doch weil Ulaş schon losfuhr, ohne dass sich Tuğçe richtig festhalten konnte, stürzte sie. Sie fiel auf ihre Knie. Beide Knie waren aufgeschlagen und bluteten.
Aber sie tat nicht nur sich selbst weh. Wie gesagt, sie war ein lebhaftes und impulsives Kind. Sie war 6 Jahre alt. Wir waren in Erdek im Türkei-Urlaub. Sie war im Wasser, spielte im Sand herum. Nach einer Weile kam sie jedoch zu mir und setzte sich ruhig hin. Weil mir das verdächtig komisch vorkam fragte ich: »Was ist los Tuğçe?« Sie sagte aber einfach nur: »Nichts.«
Aber sie umarmte mich. In dem Moment bemerkte ich auch die große und wütende Menschenmenge. Mit Worten wie: »Wenn wir den Finden, bringen wir den um, der kriegt Prügel« suchen sie jemanden. Erst dann erfuhr ich, dass sie Tuğçe suchen. Beim Spielen hätte ein Mädchen eine Qualle nach Tuğçe geworfen. Daraufhin habe Tuğçe einen Stein genommen und den gegen den Kopf des Mädchens geworfen. Meine Mutter hat schließlich die Gemüter beruhigt und halt erklärt, dass doch beides Kinder seien. Die hatten das schon ernst gemeint. Die wollten Tuğçe dafür bestrafen.
Tuğçe bei einer Ballettaufführung.
Tuğçe hat zwei solcher Fälle zu vermelden. Beim zweiten Mal hatte sie mit einer Schaufel dem Freund von Doğuş auf den Kopf geschlagen. Zuerst sagte sie: »Du darfst nicht in unseren Garten!« und dann kam auch schon der Schlag. Sie hatte ihm die Augenbraue aufgeschlagen. Der Junge hat diese Narbe immer noch. Heute sagt er: »Gut dass Tuğçe mich geschlagen hat. Jetzt habe ich für immer eine Erinnerung an sie.«
Als 3-Jährige wurde Tuğçe an der Leiste operiert. Ich blieb mit ihr eine Woche im Krankenhaus. So vergingen die Tage mit Tuğçe. 1994 fing sie an, in den Kindergarten zu gehen. In kurzer Zeit fand sie Freunde. Auch die Erzieher hatten Tuğçe sehr lieb. Ihr gesamtes Schulleben sollte das so bleiben. Sie war immer eine Schülerin, die Aufmerksamkeit auf sich zog, sie war eine gute Schülerin. Nie hatten wir irgendwelche Beschwerden wegen ihrem Verhalten.
Mit 5 habe ich sie beim Ballettunterricht angemeldet. Eigentlich fing der Kurs mit 6 Jahren an. Doch ich habe die Kursleiterin darum gebeten, und so durfte Tuğçe schon mit 5 Jahren mit Ballett anfangen. Bis 12 Jahre hat sie Ballett gemacht. Ihre erste Aufführung werde ich niemals vergessen. Das war 1997.
Tuğçe hatte ein schönes gelbes Kleid. Doch das Kleid kratzte Tuğçe. Das hat sie so genervt, dass sie sagte, sie habe keine Lust mehr aufzutreten. Sie fing an zu weinen. Ich versuchte sie zu beruhigen und sagte, dass sie jetzt ihre Freunde nicht alleine lassen könne. Ich konnte sie überzeugen und sie trat auf. Es war eine sehr schöne Aufführung. Aber kaum war sie von der Bühne, schon zog sie das Kleid aus. Sie kratzte sich wie wild. Ich küsste sie und lobte ihre Aufführung. Es war eine schöne Erinnerung. Auch wenn sie nicht wollte und sie sich in ihrem Kleid nicht wohlfühlte, trat sie aus Ehrgeiz doch noch auf.
Sie ging öfters schwimmen, sie sang gerne, spielte Flöte mit ihren Brüdern. Ich habe mich schon immer gefragt, wo sie die Energie her hatte. Sie ging ja auch noch in die Musikschule. Dort nahm sie Klavierunterricht. Ihr erstes Lied am Klavier war »Titanic«. Sie hat das auch auf der Beschneidungsfeier ihrer Brüder gespielt. Klavier spielen machte ihr große Freude. Tuğçe hat auch großes Interesse an Fußball gehabt. Sie war Fan von Fenerbahçe Istanbul. Sie hat den Fußball nicht nur als Fan gelebt. Sie hat auch noch in der Fußball-Schulmannschaft gespielt.
Doch mit zunehmendem Alter wollte ich eigentlich, dass sie mit Fußball aufhört. Bis zu ihrem Abschluss hat sie Fußball gespielt. Es war kurz vor den Sommerferien 2010, als ein Anruf kam: »Tuğçe hat sich beim Fußball den Arm gebrochen.« Im ersten Moment wurde mir so schlecht, dass ich fast geweint hätte. Doch schnell wandelten sich meine Gefühle in Ärger um.
Alle Vorbereitungen für den Urlaub waren getroffen. Da bricht sich meine Tochter den Arm. Ich bat eine Bekannte, Tuğçes »Tante Naile«, Tuğçe von der Schule abzuholen. Sie ist natürlich traurig zur Schule gefahren, mit den Gedanken, wie weh es jetzt bestimmt tut und Tuğçe am Weinen ist. Doch die Tuğçe, die sie antraf, habe sie sehr überrascht. Tuğçe wäre sehr ruhig gewesen und hätte nur gesagt: »Tante Naile. Ich habe mir den Arm gebrochen. Meine Mutter wird bestimmt sauer sein.«
Wie gesagt. Sie war nicht wehleidig. Sie konnte schon Schmerzen aushalten.
Als Tuğçe nach Hause kam, habe ich schon vorwurfsvoll mit ihr gesprochen. »Ach Tuğçe. Wir wollen Urlaub in der Türkei machen und was machst Du? Du brichst Dir den Arm. Wie willst Du jetzt dort schwimmen?« Das hat aber Tuğçe nicht davon abhalten können, ins Wasser zu gehen und einen schönen Urlaub zu verbringen. Doch nachdem sie sich den Arm gebrochen hatte, war Schluss mit Fußball. Das war sozusagen ihr Abschiedsspiel. Danach konzentrierte sie sich nur noch aufs Zuschauen.
Tuğçe (stehend, 2. von rechts) mit ihrer Fußballmannschaft.
Tuğçe trieb gerne Sport. Hier ist sie auf einem Kletterausflug, den sie auch postete.
Sie spielte zwar kein Fußball mehr, aber Sport machte sie weiterhin. In den vergangenen zweieinhalb Jahren hatte sie regelmäßig Sport getrie-ben. Auch ihr Bruder war im gleichen Fitnessstudio. Allgemein mochte sie Sport. Meine Cousine Mihrican und ich fingen dann auch dort an. Wenn wir mit einem der Geräte nicht klar kommen konnten, fragten wir halt Tuğçe. Obwohl ich manchmal schon das Gefühl hatte, dass sie sich durch unsere ständige Unterbrechungen gestört fühlte.
Doch auch Essen war für Tuğçe wie eine Art »Hobby«. Sie aß sehr gerne. Mit 12-13 Jahren hatte sie schon ein leichtes Übergewicht. Sie mochte Schokolade und hatte auch überhaupt nicht vor, darauf zu verzichten. Doch das führte dazu, dass sie nicht alle Kleider anziehen konnte, die ihr gefielen. Ich hatte große Probleme, die passenden Kleider zu finden. Die, die sie haben wollte, passten ihr nicht. Weil sie auch ein Teenager war, musste ich sie ab und zu ermahnen: »Iss bitte nicht zu viel«.
Ihre Brüder nutzten das natürlich aus, um sie zu ärgern: »Du isst viel mehr als wir. Du bist fett.« Es war schon so, dass sie gerne aß. Schon als Kind war sie eine Naschkatze. Wir haben mal eine Zeit lang über meiner Schwester gewohnt. Die Kinder mochten ihre Tante und waren deshalb sehr oft bei ihr unten. Später erfuhr ich von meiner Schwester, dass sich Tuğçe hin und wieder am Kühlschrank bediente und auch so ziemlich alles mit nach oben nahm, was sie fand. Schokolade, Nutella oder auch andere Süßigkeiten hätte sie einfach mitgenommen und gesagt: »Das gehört uns.« Weil sie so viel Süßigkeiten zu sich nahm, hatte sie natürlich schnell ein Gewichtsproblem. Und das hatte zur Folge, dass sie nicht alle Kleider anziehen konnte, die ihr auch wirklich gefielen.
Das hatte sie unter anderem vor einer Hochzeitsfeier eines Verwandten erlebt. Sie kam einige Tage vor der Feier zu mir und sagte, »Mama, die Mädchen werden alle mit einem Abendkleid zur Hochzeit kommen. Ich möchte auch ein Abendkleid anziehen.« Sie bestand darauf.
Ich musste ihr erklären, dass sie erstens 13-14 Jahre alt ist und es zweitens mit ihrem derzeitigen Körpergewicht nicht so vorteilhaft aus-sehen würde. »Das würde dir nicht stehen Tuğçe«, sagte ich zu ihr. Später sind wir dann gemeinsam ein Kleid kaufen gefahren, das auch ihrem Alter entsprach. Doch langsam merkte man, dass Tuğçe darauf zu achten begann, sich wie eine junge Dame zu kleiden. Darum fing sie auch an, auf ihr Gewicht zu achten.
Weil Tuğçe sich nun so wie eine junge Frau benahm, haben wir sie auch wie eine junge Frau behandelt. Ich habe Tuğçe auch beigebracht, wie sie sich verhalten müsse, wenn Besuch kommt und was dann von ihr erwartet würde. Bei uns gibt es einen Brauch. Die Jüngste im Haus macht die Bedienung. Da Tuğçe langsam größer wurde, war auch sie natürlich immer öfter an der Reihe. Wir sagten: »Los Tuğçe, du bist dran«, und sie übernahm das Bedienen.
Tuğçes Projektarbeit über Rassismus.
Doch schnell bemerkte ich, dass Tuğçe das überhaupt nicht gefiel. Vor allem wenn es darum ging, Tee einzuschenken. Das hasste sie. Als wir eines Tages Besuch hatten und Tuğçe den Tee-Service machte, fiel meiner Nichte Çiğdem auf, dass Tuğçe sehr lange brauchte, um den neuen Tee einzuschenken. Daraufhin ging sie in die Küche. Dort sah sie aber, dass Tuğçe gar nicht vorhatte, Tee nachzuschenken. Nein. Im Gegenteil! Tuğçe schüttete den ganzen Tee in die Spüle! Ihr Gedanke war klar: Wenn jemand wieder Tee haben möchte, würde sie sagen, »Leider kein Tee mehr da.« Damit musste sie natürlich nicht nochmal in die Küche, um die leeren Teegläser zu füllen.
Als Tuğçe 14 Jahre alt war, haben wir gemeinsam Sport gemacht. Doch das war jetzt nicht nur ein Sportkurs, uns wurde dabei auch gesunde Ernährung beigebracht. Der Kurs hat sechs Wochen gedauert. Dabei haben wir abgenommen und uns gesund ernährt. Eigentlich hatte ich das nicht nötig. Doch um meine Tochter zu unterstützen habe ich mitgemacht. Wir waren jeden Tag da und haben uns so ernährt, wie uns das vorgeschlagen wurde. Die Einkäufe mussten wir natürlich so regeln und gesund einkaufen. Auch nach diesem Kurs haben wir weiterhin auf unsere Ernährung geachtet.
Mit 15-16 Jahren fing bei Tuğçe der Schulstress an. Bis 15 Jahre war sie noch wie ein Kind. Als Kind lief sie in Salmünster auf den Straßen, spielte fast den ganzen Tag mit ihren Freunden Melda und Aytaç. Ihre Freunde wohnten auch in der Nähe. Sie spielten sehr oft verstecken. Und wenn es mal schneite, fuhren sie den ganzen Tag Schlitten.
Mit Aytaç war Tuğçe auch in den Schuljahren zusammen. Aytaç kam später auch zu Tuğçe ins Krankenhaus. Er kam am letzten Tag. Zum Abschied von Tuğçe im Krankenhaus.
Das Interessante dabei ist, dass ich unter so vielen Menschen ausgerechnet Aytaç sah. Wir sahen uns an. Ich kann meine Gefühle nur sehr schwer beschreiben. Das hat sich für mich so angefühlt, als ob mich Tuğçe von unten anschauen würde. Ihre Kindheit kam mir vor Augen. Weil die beiden ihre Kindheit miteinander verbracht hatten, war das für mich ein sehr emotionaler Moment. Ich konnte es einfach nicht glauben. Unter den tausenden Menschen habe ich ausgerechnet Blickkontakt mit Aytaç. Er war erst vor einigen Tagen operiert worden. Die Ärzte hatten ihm nicht erlaubt, zu Tuğçe zu kommen. Er hat sich einfach aus dem Krankenhaus geschlichen, nur um Abschied von Tuğçe nehmen zu können. Sein Gesicht war immer noch geschwollen.
Sie hat ihre Kindheit in vollen Zügen gelebt. Sie war immer glücklich. Ihren 16. Geburtstag wollte sie draußen feiern. »Wo man fei-ern kann, wo es Musik gibt«, sagte sie. Wir kamen Ihrem Wunsch nach. Ali fuhr Linda und Tuğçe in ein schönes Lokal. Ihre Brüder Doğuş und Ulaş fuhren nach. An Tuğçes 18. Geburtstag sind wir gemeinsam in eine Taverne gegangen. Ihre Jugend hat sie auch genossen.
Danach wurde Tuğçe eine erwachsene junge Frau. Das dauerte aber leider sehr kurz. Nur zwei Jahre.
Wir hatten zwischen 2004 und 2008 einen Lebensmittelladen in Bad Soden-Salmünster. Der Laden hieß »Sultan Market«. Und wenn ich mal draußen etwas zu erledigen hatte, wie z.B. Bankgeschäfte, hatte ich Tuğçe gebeten, im Laden zu bleiben und aufzupassen. Und Tuğçe hat dann öfters mit ihrer Freundin Melda auf den Laden aufgepasst. Eines Tages musste ich zur Bank. Tuğçe und ihre Freundin Melda bat ich, im Laden zu warten. Als ich später zurückkam, sah ich, wie sich die beiden vor Lachen den Bauch hielten. »Was ist denn mit euch passiert? Warum lacht ihr so? Habt ihr etwa etwas angestellt?« fragte ich besorgt. Doch anstatt zu antworten, lachten sie einfach weiter. Mit Tränen in den Augen erzählten sie dann was vorgefallen sei.
