Türkisches Fieber - Reni Aksay - E-Book

Türkisches Fieber E-Book

Reni Aksay

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Beschreibung

Ich möchte sie ansprechen vielleicht auch warnen, eine Urlaubsliebe differenziert zu sehen. Möchte über große Gefühle, Liebe, Sex und Geld aufklären und Ihnen unterhaltsam berichten wie weit man gehen kann, ohne daran zu zerbrechen. " Türkisches Fieber " wird den Frauen ins Herz stechen die ähnliches als Touristinnen erlebt haben.Schonungslos,offen herzig, naiv, berichte ich, aber bewusst, wie ich mein Leben auf den Kopf stellte und sogar zur Aussteigerin wurde. Ich wurde immer wieder gefragt: Aksay, sind sie Türkin? Da ich mein Herz auf der Zunge trage, war ich versucht mein Leben zu erzählen. Jetzt habe ich es leichter. Ich sage: Nein, aber lesen sie mein Buch. Nach einer Reihe von Schicksalsschlägen verliebt Reni sich bei einem Urlaub in Antalya in einen jungen Türken. Sie lernt ihn in einer Hotelbar kennen, hält ihn für 35, und er sie für 45, während er 26 ist und sie 56 – älter als seine Mutter. Sie sehnt sich nach Ismail und seiner unverbrauchten Welt, die sie nach mehreren Aufenthalten kennen lernen durfte. Es gelingt ihr, Ismail unter Schwierigkeiten nach Deutschland zu holen. Kurz vor Ablauf seines Visums heiraten sie. Seine Verbundenheit zu den anatolischen Wurzeln und der islamischen Kultur erschweren ihnen unter anderem das gemeinsames Leben und die Zukunft in Deutschland. Nach einigen Schwierigkeiten entschließen sie sich, in Deutschland alles aufzugeben. Das Haus wird verkauft, der Job gekänzelt, die Möbel werden eingelagert. In der Türkei versuchen sie sich ein gemeinsames neues Leben aufzubauen. Sie reflektiert auch darüber, warum sie die Liebe mit dem jungen türkischen Mann ausleben will, wo es doch in ihrer Welt genügend Männer gibt. Bald äußert Ismail seinen Kinderwunsch, den Reni ihm nicht erfüllen kann, und er spricht davon, Kinder zu adoptieren oder gemeinsam eine zweite Frau für ihn auszusuchen, die seine Kinder gebärt.

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Seitenzahl: 250

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Türkisches Fieber

Bekenntnis aus reinem Herzen

von  Reni Aksay

Impressum

Türkisches Fieber

Copyright 2011 Reni Aksay

published by epubli GMBH, Berlin, www.epubli.de

ISBN 978-3-8442-1527-4

1 Schicksalsschläge

Vom ersten Tag an wussten wir, dass es eine Liebe auf Zeit war. Wir sprachen von sechs bis acht Jahren, immer darauf bedacht, dass seine Zeit für eine Ehe im Dorf kam. Nie hatte ich einen Menschen kennen gelernt, der so eng mit seiner Familie verbunden war, so eng, dass er auch auf große Entfernungen auf geheimnisvolle, esoterische Weise immer spürte, wenn etwas mit seinen Lieben nicht in Ordnung war. Oft sprachen wir über Familie, und er neckte mich, ich solle sie mit aussuchen, seine Frau fürs Dorf, und er wünsche sich, dass ich später gemeinsam mit ihr seine Kinder hüte. Nur wer dort geboren war, konnte dort leben, denn sie waren so sehr in ihrer Welt gefangen. Tagaus, tagein, Haus, Land, Tiere, Arbeiten, Schlafen und wenig Privatleben. Anfangs konnte ich nicht hinter die Kulissen schauen, weil ich der Sprache nicht mächtig war, sie diente gerade mal zum Überleben und zur allgemeinen Erheiterung. Trotz dieser Eintönigkeit und den vielen Alltagssorgen wirkten die Menschen glücklich und zufrieden und in sich ruhend. In den letzten Jahrzehnten hatte sich hier sicherlich nicht viel verändert. Manchmal hatte ich Momente, in denen ich dachte, hier könnte ich leben. Mir gefiel diese Ruhe und Gelassenheit. Es fühlte sich an, als plätschere das Leben einfach so dahin, ich ergab mich ihm, weg von Neid, Stress und Hast, alles was das westliche Leben ausmachte. Mein Haus, mein Auto, mein so überaus toller Typ. Genau das war es, das mich in die Arme des ärmsten Mannes am letzten Zipfel der Welt in der Ost-Türkei trieb. Ich wollte keinen Schaumschläger mehr und nicht entsprechend bewertet werden. Die menschliche Wärme, die mir entgegenschlug, tat mir gut. Weg von der Oberflächlichkeit, einfach nur Mensch sein, das hatte mich verführt, diesen Weg zu gehen, egal wie weit. Er war nicht nur weit, er war auch sehr steinig, dieser Weg. Und er endete damit, dass ich am zweiten Tag von Hamides Hochzeit morgens beim Frühstück zu meiner Schwiegermutter sagte: „Anne, ich sehe die viele Arbeit, die du nicht mehr alleine bewältigen kannst. Ismail soll sich eine junge Frau seines Standes nehmen, ich sehe keinen anderen Weg, ich bin damit einverstanden.“ So kam der Stein ins rollen.

Alles fing damit an, dass meine Kollegin Karla, die auch meine Freundin war, einen Urlaub in der Türkei machte. Sie war nebst Gatte und ihrem Tanzclub zum Trainieren in ein 5-Sterne-Hotel nach Side geflogen. Es war Mitte April 2001. Eine Freundin nötigte sie förmlich, doch eine Massage de Luxe zu nehmen, und sie tat es. Sie tat es danach jeden Tag. Oh Gott, der Masseur gefiel ihr gut, und sie beobachtete ihn immer im Spiegel. Als er das merkte, legte er ihr ein Handtuch aufs Gesicht und lachte. Am siebten Tag küsste er sie ganz zart, sie hatte die Augen geschlossen, und in diesem Augenblick passierte das Unglaubliche. Eine Lawine stürzte herab. Blitze durchfuhren den Leib. Erotik pur durchströmte ihren durch trainierten 51-jährigen, wohlgeformten Körper. Ein Kuss – und Dornröschen war erwacht. Sie verliebte sich unsterblich in Yasin. Karla und ich hatten bis dahin ein gutes freundschaftliches Verhältnis; das sollte sich auch nicht ändern, aber es veränderte mein Leben. Denn ich war gerade in ein Loch gefallen. Mir waren zu der Zeit Dinge widerfahren, da ich dachte, das kann nur anderen passieren. Nein, es traf mich Schlag auf Schlag. Mein ach so geliebter Ehemann hatte mich im April 2000 verlassen. Nach der Maueröffnung hatten wir einer ostdeutschen Familie aus Eberswalde sehr geholfen. Dem Mann hatten wir einen super Job in der Firma, in der mein Mann eine Führungsposition hatte, vermittelt, und seine Frau bedankte sich nach ein paar Jahren derart dafür, dass sie sich meinen Mann angelte. Dass da ein Altersunterschied von dreißig Jahren war, störte die beiden nicht. Er hatte übertrieben, sie zugeschlagen, aber das ist eine andere Geschichte. Ich hatte in der Fußgängerzone eine traditionelle Gaststätte mit Bier begleitenden Speisen, das ich erfolgreich zwölf Jahre selbst führte, es noch ein paar Jahre verpachtete und schließlich verkaufte. Dort hatte ich wunderbare, erlebnisreiche Jahre. Zu der Zeit boomte die Gastronomie, und wir hatten jeden Abend irgendwie Party. Es war schon eine schwere anstrengende Zeit für mich, manchmal tat ich mir selber leid, meine Familie vermisste mich oft, denn der Job forderte mich Tag und Nacht. Meine lieben Stammgäste hatten einen Spruch für mich: alle Frauen gehen stricken, nur nicht Reni, die geht arbeiten. Aber im Nachhinein möchte ich diese Zeit nicht missen. Sehr verbunden war ich mit meinen Gästen, und wir hatten irre viel Spaß. Mein Mann legte eine erfolgreiche Karriere bei Umweltschutz Nord hin. Zu der Zeit waren wir achtzehn Jahre zusammen, und es ging uns gut. Irgendwann gab ich die Gastronomie auf, um unserer Ehe eine neue Chance zu geben, aber es war wohl zu spät. Ich schulte noch einmal um, war zu dieser Zeit bei einer namhaften Bausparkasse tätig und verkaufte fleißig Baufinanzierungen, was mir sehr viel Spaß machte. Wir kauften uns eine alte Hofstelle und bauten ein großes Friesen Haus in Ganderkesee. Wir pflanzten 100 und mehr Bäume und hatten 7000 qm Land, einen Fischteich mit Karpfen Besatz, und nach und nach hielten wir uns Gänse, Hühner, Schafe, Puten, Ziertauben und Hängebauchschweine. Mit unseren Magellan-Gänsen, frei brütenden Vögeln, die keinen Stall brauchen, hatten wir uns scharfe Wachhunde angeschafft. Wenn sie Junge bekamen oder hatten, konnte kein Mensch den Hof betreten, ohne angegriffen zu werden. Und irgendwann bekam mein Bruder Walter als Junggeselle seine Ziege Waltraud geschenkt, weil jeder Mann eine Ziege braucht, und Kurt, unser Ziegenbock, wurde uns einfach auf den Hof gebracht mit der Begründung: „Kurt, der Bock, er war so einsam“, geschenkt von unserem lieben Freund und Chef meines Mannes. Da wir die Arbeit mit den Tieren bald nicht mehr alleine bewältigen konnten, bauten wir eine Wohnung für meinen Bruder und ein Appartement für meine Mutter aus. Endlich konnte ich mich bei den beiden revanchieren. Mein Bruder war Junggeselle geblieben. Ich heiratete mit siebzehn und hatte mit neunzehn zwei Kinder. Das schockte ihn, und er entschloss sich, sein Leben zu genießen, was er bis zu seinem Tode tat. Ein Leben lang hat er dafür gesorgt, dass es mir gut ging. Wir sind in den Kriegswirren ohne Vater aufgewachsen, und er war sechs Jahre älter und hat die Vaterstelle eingenommen. Ich war die jüngste, und mein Vater war ein Franzose, der als Zivildienst-Arbeiter in Halberstadt stationiert war. Bei einem Verwandtenbesuch verliebte sich meine Mutter in meinen Vater, und als ich zwei Jahre alt war, musste er zurück, und ich litt mein Leben lang unter diesem Verlust. Dafür bekam ich aber in der Schule in Bremen meine Schulspeisung umsonst. Als Halbwaise sogar Kakao, das fand ich toll. Der Vater meiner Geschwister war nie wiedergekommen, er hatte sich in den Osten abgesetzt, aber dass er noch lebte, erfuhren wir erst zwanzig Jahr später. Doch das ist wieder eine andere Geschichte. Dies Haus in Ganderkesee war das Beste, das mir je passiert ist. Wenn meine Kinder und die Enkelkinder kamen, waren wir vier Generationen unter einem Dach. Das liebte ich über alle Maßen. Lebendiges Leben, einfach eine zufriedene Familie. Unsere Familienfeiern waren nicht zu toppen. Diese Ehe war meine Dritte. Nach der Kinder-Ehe heiratete ich noch einen Gastwirt, der mittlerweile verstorben ist. Mit ihm war ich zehn Jahre verheiratet, und vorher war er Koch auf dem griechischen Passagierschiff „Lakonia“, das einen Tag vor Heiligabend kurz vor Madeira in Flammen aufging, und er gehörte zu den  Überlebenden. Mit ihm machte ich wunderbare Reisen. Mein damaliger Mann hatte Familiensinn, das gefiel mir, und dafür liebte ich ihn. Schade, aber er konnte leider nicht treu sein. Seine Überheblichkeit und übersteigerte Selbstliebe veranlassten ihn immer wieder zu neuen Ausschweifungen. Die Enkelkinder liebten es, uns Theaterstücke vorzuführen und besaßen dafür einen Fundus gebrauchter schöner Kleider und Schals. Oft übernachteten sie im Gartenhaus, kochten für sich allein auf einem Lagerfeuer und lagen ständig bei den Fischen im Teich. Gebaut für die Ewigkeit. „Hier gehe ich nur mit den Füßen zuerst raus“, war einer der Sprüche meines Gatten; darum waren wir auch alle so erstaunt, dass er dies für die Ewigkeit gebaute Haus so ohne weiteres aufgeben konnte. Jedes Wochenende wurde mit und ohne fremde Hilfe an dem Haus und Grundstück gebaut, gewerkelt und verschönert. Das letzte Werk war eine 70 qm große, umbaute Terrasse, die aus einem 300 Jahre alten, zerlegten  Eichenfachwerkhaus gefertigt wurde, das ein Geschenk eines sehr engen Jagdfreundes war. Sogar unsere Tische wurden aus dem Eichenholz in liebevoller Handarbeit hergestellt. Als mein Mann mich verließ, waren die Schraubzwingen noch auf seinem aus Edelstahl gebautem Platz, der dazu diente, das Wild zu verarbeiten. Das Kühlhaus, das er sich jahrelang gewünscht hatte, war noch nicht verfließt. All das hatte er aufgegeben. Dass er mich verließ, war okay - aber das Haus! „Es ist so schön, ein Schwein zu sein“, war sein Spruch, und später begriff ich, dass er seine Sprüche auch lebte. „Das Leben ist schön, muss nur gelebt werden.“ Das hatte er sicherlich auch getan. Ohne mich.

Jetzt zu dem besagten Loch, in das ich fiel. Der plötzliche Herztod meines Bruders traf mich wie ein Blitz. Die Nachricht ereilte uns im Schwimmbad, wo ich zu der Zeit mit meiner älteren Tochter und allen drei Enkelkindern war. Tina, meine Jüngere, war mit ihrem Mann in Berlin zu einer Hochzeit. Mein Mann in unserer Jagdhütte bei Berlin, die volle vier Autostunden entfernt war. Es war furchtbar. Gerade hatten wir Walters 60-jährigen Geburtstag mit 100 Freunden, Nachbarn und Verwandten gefeiert. Erstaunlicherweise ertrug meine Mutter diese Nachricht mit Fassung, aber doch ist sie daran zerbrochen. Sieben Monate später war sie tot. Sie hatte sich sehr spektakulär verabschiedet, denn an dem Tag, als sie starb, brannte unser direktes Nachbarhaus ab, und an dem Tag ihrer Beerdigung, die sehr schön war, brannte es bei dem anderen Nachbarn. In der Nacht hatten die Feuerwehrleute bis zum anderen Morgen bei uns gefeiert. Danach gab es in unserem Haushalt nicht einen Tropfen Alkohol mehr. Am Tag ihrer Beerdigung kam mein Mann von einer Baustelle in Italien zurück und hatte von dort alle Spezialitäten sowie Schinken, Käse und Wein mitgebracht. Wir hatten an dem Tag 30 Grad im Schatten, und die Familie war komplett angereist. Also machten wir das Beste daraus und verabschiedeten sie so, wie sie gelebt hat. Mit 80 hat sie noch eine ganze Gesellschaft unterhalten und mit 86 verstarb sie vor Kummer. Sie war ein immer fröhlicher Mensch, und selten traf man sie ohne ein Glas Wein oder eine Zigarette. Sie hatte ihr Leben gelebt. Ein paar Tage nach ihrem Tod starb meine liebe Freundin Helga an Krebs. Mein Bruder Walter, Oma, meine Freundin Helga, aber nicht genug – meine Schwester erlitt kurz darauf einen Gehirnschlag. Es war unglaublich, aber sie lag immer noch im Wachkoma. Unfassbar: innerhalb kürzester Zeit waren meine Lieben tot. Aber ich wurde nicht geschont. Unser Jagdhund, der meinen Bruder jeden Tag vermisste, kam bei der Suche nach ihm im Dorf unter ein Auto und erlag seinen Verletzungen. Genug! Genug? Nein, auch meine Katze Mieze kam nicht mehr nach Hause. Viel, viel später schleppte unser Jagdhund den Kadaver mehrmals an. Hölle, Hölle. Sie hatte sich zum Sterben zurückgezogen: Meine geliebte Katze, die mich nicht vom Hof fahren ließ, wenn sie Babys erwartete. Sie legte sich auf die Pedalen. Wir verstanden uns ohne Worte. Ein Haus voller Lebendigkeit. Leer! Was nun? Tiefe, tiefe Traurigkeit. Nicht zu ertragender körperlicher Schmerz. Ich fühlte mich wie in einem Vakuum, und wie konnte es anders sein, mein Körper flüchtete sich in eine Krankheit. Über drei Monate lag ich im Bett und hatte eine Kieferoperation nach der anderen. Es heilte nicht, und ich hätte mich beinah in meine Krankheit ergeben und mich dem Tod hingegeben. Sie denken jetzt reicht es, das Loch ist tief, nein, jemand buddelt noch. Ich erfuhr es im Auto auf der Autobahn. Wir waren auf dem Weg in unsere Jagdhütte, mit unserem nigel nagel neuen Auto und super neuer Sprechanlage. Es sollte eine schöne Urlaubswoche werden. Hinter uns saßen zwei quietsch vergnügte Kinder, unser neuer Hund Don und Simba, der neue Kater. Für unsere Enkelkinder war es immer riesig. Sie gingen alleine, bewaffnet mit Ferngläsern, in grüner Montur am Körper und Hut auf dem Kopf auf den Hochsitz. Sie hatten oft Waldmanns Heil, denn sie sahen Rehe, Fuchs, den großen Brachvogel, Hasen und das in freier Wildbahn. Wir beobachteten Biberbauten und das Größte war, mit unserem Trabbi, der als Jagdwagen diente und einen Anhänger hatte, Mais zu stoppeln. Sie waren damit aufgewachsen, und es gehörte zu ihrer Welt, wenn morgens ein Wildschwein oder Reh im Baum hing und aus der Decke geschlagen wurde.

Also auf der Autobahn – das Telefon klingelte. Sie hauchte und stöhnte mit Berliner Dialekt. Ich verstand sofort. Er schaute mich an und fragte, soll ich umkehren oder schaffen wir die Woche noch. Wo ist das Loch, ich will da rein. Irgendjemand hat mich tief in den Sitz gedrückt, und ich war unfähig zu sprechen. Irgendwann sagte ich: „Die Kinder können nichts dafür, ich halte das aus.“ Irgendwie habe ich vier Tage durchgehalten, wohl auch in der Hoffnung, dass wir ein klärendes Gespräch führen würden oder er mir eine Verfehlung beichtete. Es geschah nichts. Wir gingen Einkaufen, weil wir vier Jagdgäste erwarteten, und plötzlich sah ich mich außerstande, noch heile Welt zu spielen. Meine Tochter Susanne machte zu der Zeit Urlaub an der Nordsee, und weil ich den Kindern den Urlaub nicht verderben wollte, machte ich ihnen den Vorschlag, die restlichen Tage an der See mit ihrer Tante zu verbringen. Also beluden wir das Auto wieder mit Hund, Katze und Kindern, und er fuhr uns nach Hause. Als er wieder vom Hof fuhr, sagte eine innere Stimme: `Verfolge ihn´. Und das war gut so: er fuhr nicht auf die Autobahn, sondern nach Delmenhorst. Die Auserwählte hatte sich dort eine Wohnung angemietet. Nun hatte ich Gewissheit. Sie hatte ihn in ihren Klauen und setzte auf alles oder nichts und war dabei umzusiedeln, aus dem Osten in den Westen. Sie war dabei, sich eine Wohnung einzurichten. Nun erfuhr ich auch, wer sie war. Tja, Pech gehabt. Ich wollte nicht kämpfen. Gott sei Dank habe ich da einen Überlebensmechanismus, was soll ich mit einem Mann, der seine Liebe zu mir verloren hat. Jetzt hatte ich so viel überstanden, das schaffte ich auch noch. Ich baute mir einen Kontakt zum Universum auf und lebte seitdem mit dem Gefühl: mein verstorbener Bruder Walter wird die Dinge jetzt für mich richten. Ich setzte mich mit den Kindern ins Auto, und wir fuhren nach Tossens. Als ich am nächsten Morgen vom Bett aus in den Himmel sah, war der genauso traurig wie ich. Es hingen dicke schwarze Wolken über mir. Weinen konnte ich nicht. Ich habe in den vergangenen Wochen zu viel geweint. Nur eine innere Leere, die fast schmerzte, fühlte ich. So ist das Leben, Reni, nun kommt ein neues auf dich zu, nimm es an, es gehört zu dir. Erst ein Mal raus aus dem Loch. Du bist 55 Jahre alt, gesund, Kinder und Enkel auch, du hast einen guten Arbeitsplatz, einen gesunden Menschenverstand – und nun durch. Wir führten ein vernünftiges Gespräch, nahmen uns einen gemeinsamen Rechtsanwalt und einigten uns gütlich. Meine Sorge, Mann und Haus zu verlieren, war unbegründet, denn er ließ sich darauf ein, dass ich ihn auszahlte. Außerdem sollte das Haus meine Altersvorsorge sein. Nun hatte ich ein Haus, besser gesagt, ein Zuhause, denn irgendwie hatte ich das nie sagen können. Als Nachkriegskind und ohne Vater im Frauenhaushalt hatte ich schon schwere, entbehrungsreiche Jahre. Meine Mutter, Oma und Tante versuchten uns zu erziehen. Das bessere Wort ist aber verziehen. In einer intakten Familie wäre ich vielleicht nicht mit Siebzehn schwanger geworden. Ich erinnere mich gut, dass jemand fragte: „Hast du deine Tochter aufgeklärt?“ Darauf sagte meine Mutter: „Ach, die Kinder heutzutage wissen doch mehr als wir.“ Da irrte sie sich gewaltig. Da mein Bruder Walter in unser Haus so viel Liebe und  Arbeitskraft investiert hatte, auch wenn er es nicht mehr erlebte, wollte ich das Haus nicht verlieren. „Gemeinsam sind wir stark.“ Aber sie war stärker. Was war es? Der Sexappeal, die Midlifecrisis, egal, jetzt musste ich alleine stark sein. Ich vermietete die leer gewordenen Wohnungen und stürzte mich in meine Arbeit. Trostlos, wenn ich am Abend in ein dunkles, ruhiges Haus kam. Kein Kamin brannte, kein Hund empfing mich, aber Simba mein Kater, Gott sei Dank, war mir geblieben. Kämpfen für ein Zuhause.

2 Erster Türkei-Urlaub

Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was Dornröschen leidet. Karla wollte unbedingt ihren türkischen Prinzen wieder sehen. Als junge Frau hatte sie eine Amnesie, bedingt durch einen Verkehrsunfall. Sie musste ihre Familie neu kennen lernen. Seit dem empfindet sie für ihren Mann wie für einen Bruder. Er hat sie nicht neu erobert, sondern zu der Zeit, als er ein fremder für sie war, verlangte er seine ehelichen Pflichten. Er war sonst ein wunderbarer Ehemann und Partner, aber die Erotik ist nie wieder aufgeflammt. Yasin oh Yasin, Herzschmerz endlich, auch wenn es erst mit 53 Jahren ist, besser als nie. Also: kommt Karla eines Tages in mein Büro und sagt: „Wir fliegen in die Türkei, ich habe gebucht.“ Erst war ich entsetzt, aber die Argumente „du kannst nicht immer nur Arbeiten, du hast genug durchgemacht“ überzeugten mich. Ihr lieber Mann wünschte uns einen guten Flug. Das 5-Sterne-Hotel, in dem Yasin arbeitete, war leider ausgebucht, und wir nahmen ein Nachbarhotel, nutzten aber die Annehmlichkeiten gegen Bares in dem  Hotel, wo Yasin immer noch als Masseur arbeitete und Karla durch das Tanzen keine Unbekannte war. Wir konnten dort die Strand und den Service nutzen und hatten Yasin voll im Blick. Beide wirkten sehr glücklich. Karla blühte über die Maßen auf und hatte eine tolle Ausstrahlung. So hübsch hatte ich sie lange nicht gesehen. Ich gönnte es ihr von Herzen. So pendelten wir zwischen den Hotels hin und her. Um mit Yasin zu schlafen, musste sie auch noch eine kleine Pension anmieten, weil die Einheimischen nicht mit ins Hotel durften, und ich nächtigte allein in unserer Suite. Am Abend gingen wir zu dritt noch ein bisschen tanzen, und danach ging ich solo in unser Hotel. Nach einer Woche hatte ich am Abend noch keine Lust ins Bett zu gehen, so suchte ich die Pool-Bar auf und bestellte mir ein Bier. Ich ging zur Toilette, und als ich zurückkam, war allgemeine Aufbruchstimmung, und ich knallte buchstäblich mit einem Kellner zusammen, der ein volles Tablett fallen ließ. Wir räumten den Schaden zusammen und lachten. Er sagte: „Ich heiße Ismail, wollen wir noch in eine Bar gehen? Denn hier ist Feierabend.“ Ich sagte Ja, und wir trafen uns vor dem Hotel. Ein Freund gesellte sich in der Bar zu uns und übersetzte, denn Ismail sprach vielleicht zehn deutsche Sätze. Wir tranken Alkohol und tanzten. Ismail war mir auf Anhieb ungeheuer sympathisch. Irgendwann landeten wir in meiner Hotel-Suite, die für ihn eigentlich strengstens verboten war. Sex, wunderbarer  Sex – endlich. Ismail – ein Bild von einem Mann. Und ich spürte, dass ich bereit war, das zu leben, was ich vom ersten Moment an spürte. Ein Jahr später erörterten wir die Frage: Warum? Allah, sein Gott, nur sein Gott allein hatte es so entschieden. Es sei alles vorbestimmt. Ismail, meine Gefühle stehen Kopf. Vom ersten Moment an berührte dieser Mann meine Seele. Es brach ein Gefühl in mir aus, das schwer zu beschreiben ist. Frühmorgens stand Ismail auf und verließ hoch flüchtig das Appartement, denn wenn sie ihn erwischt hätten, wäre sicher sein Arbeitsplatz in Gefahr gewesen. Ich schlief erst ein Mal aus. Als er mich verließ, fragte er, ob wir uns wieder sehen würden. Ich bejahte und dachte mir nichts dabei. Zunächst musste ich meine Gedanken ordnen. Okay, Reni, du hattest eine wunderbare Nacht, aber was ist dir hier und jetzt passiert? Von dem Moment, als wir uns an dem Abend trafen, war es um mich geschehen. Sicherlich können viele Leserinnen es mir nachempfinden, die ähnliches in der Türkei erlebt haben, aber ich war da total unbedacht reingeschlittert, und dann nahmen die Dinge Ihren Lauf. Viel, viel später lebte ich in Antalya, und dort erkannte ich erst, welch enge Verbindungen es zwischen Touristen und türkischen Männern gibt. Ja, und so nahmen wir uns auch ein nettes kleines Hotel, und wenn Ismail Feierabend hatte um 22 Uhr 30 bis zum anderen Morgen, blieben wir dort. Es war unbeschreiblich schön. Es gab nur noch uns beide. Wir wussten nichts voneinander, auch nicht wie alt wir jeweils waren, da wir uns nicht verständigen konnten. Ich schätzte ihn auf 35 und er mich auf 45. Wie wir später erfuhren, war er tatsächlich 26 und ich 56 Jahre, aber keiner in unserem Umfeld hatte ein Problem damit. Wir waren einfach nur glücklich. Lange schon vermisste ich Zärtlichkeiten und Sex, und ich genoss diese symbiotische Nähe, die ich noch nie vorher in meinem Leben erlebt hatte. Kein Mann ist mir je so nah gekommen. Es war einfach anders, es ging unter die Haut. Wir konnten zusammen lachen, aber auch weinen. Wenn ich traurig war, weinte mein lieber Ismail mit mir und umgekehrt. Nicht: was hast du, wer bist du? Nur zwei Körper, die sich über alle Maßen liebten. Ich spürte, dieser junge Mann gehörte in mein Leben, das nie wie ein ruhiger Fluss war. Er erfüllte Sehnsüchte, die sich über Jahre verborgen hatten. Ich mochte ihn riechen, schmecken und hatte ihn zum Fressen gern. Wir verstanden uns ohne Worte und wollten auch immer das gleiche, ob essen, schlafen, spazieren, schwimmen oder faulenzen. Erst als wir die Heiratspapiere ausfüllten, begriff er, dass ich älter war als seine Mutter, aber es war ihm egal. Bei einem Besuch sagte ich über einen sehr gut aussehenden Cousin von ihm, was für eine alte hässliche Frau er hätte. Ismail reagierte höchst empört und sagte: „Hast du nicht gesehen, wie nett sie ist, was für ein gutes Herz sie hat und welche Wärme sie ausstrahlt?“ Ich musste wohl umdenken, denn ich wollte es verstehen. Erst viel später, als er Deutsch gelernt hatte, erfuhr ich, dass er sich in seinem Dorf in ein Mädchen verliebt hatte, das er bei gemeinsamen Festlichkeiten traf. Er konnte sie auch einmal im Verborgenen küssen. Sie beschlossen zu heiraten. Der normale Weg ging so: er sagte es der großen Schwester, die sagte es der Mutter, und sie ging zum Vater. Dann verhandelte die Familie. Ungeduldig ging er zum Militär zurück, wo er zu der Zeit seinen Dienst ableistete, als ein Telefongespräch seiner Mutter ihn bis ins Mark erschütterte. Das Mädchen hatte sich verlobt. Sie wählte einen Jungen aus einem Nachbardorf, der ein Auto und ein Haus besaß. Seine kleine Welt brach zusammen, und als er einmal zufällig das Mädchen traf, schenkte sie ihm einen spöttischen Blick. Dieser Blick war wohl das Schlimmste für ihn. Sein Leben lang würde er keinen Spott mehr ertragen können. Darunter litt er sehr. Für mich waren diese Aussagen Mosaiksteine, die sich zusammenfügten, um zu verstehen, warum es mit uns trotz des Altersunterschieds funktionierte. Wenn wir in unserem kleinen Familienhotel waren, blieb die Welt draußen. Ich entdeckte fürchterlich dicke Blasen an Ismails Füßen, wie konnte man so arbeiten, den ganzen Tag in festen Schuhen am Pool, die Drinks servieren bei extrem heißen Sommertemperaturen. Mein Mutterinstinkt war geweckt, und ich kaufte Pflaster und Sachen für die Freizeit sowie Sandalen, und innerhalb einer Woche hatte ich ihn gesund gepflegt und in unseren gemeinsamen darauf folgenden Jahren war ich ihm Mutter, Schwester, Freundin, Geliebte, Lehrerin und Ehefrau. Ich war einfach alles für ihn. Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg. Am Tag gingen Karla und ich auf Shoppingtour, wir machten Strandausflüge und pendelten zwischen unseren Hotels hin und her. Auch ich war hin und her. Alle Sorgen und Nöte schienen vergessen. Ich wollte nur noch fühlen, fühlen, fühlen. Nicht mehr denken. Denken ist Morgen. Doch der Morgen kam viel zu schnell, weil ja alles Schöne viel zu schnell vorbei ist.

3 Wieder zu Hause

Zu Hause, dieses wunderschöne Zuhause. Es empfing mich eine große Leere. Ein Lichtblick – mein geliebter Kater Simba, der mittlerweile größer war als der Dackel meiner Tochter. Leer, alles leer, leise, nie hatten wir ein leises Haus. Der Rasen war gemäht. Es war Juni, und mein neuer Mieter Michael, dem es gefiel, mit dem Aufsitzrasenmäher drei Stunden herumzufahren, nahm mir Gott sei Dank diese Aufgabe oftmals ab. Außerdem freute er sich, wenn er aus seinem Fenster in einen gepflegten Garten blickte. In mir aber war auch alles leer. Eigentlich liebte ich es, nach Hause zu kommen, endlich sagen zu können: „Ich bin zu Hause“, denn es war mein erstes selbst geschaffenes Heim. Durch Hände Arbeit, wie man so sagt. Nie habe ich mich irgendwo so wohl gefühlt wie in diesem Haus, das ich unbedingt erhalten wollte. Nur schöne Erinnerungen verbanden mich. Hier waren wir endlich eine glückliche Familie. Der Weg bis hierher war weit.

Nun kam der Alltag. Büro, Büro. Das Geschäft lief gut. Es gab noch Eigenheimzulage, und Geld wird immer gebraucht, außerdem machte mir die Arbeit Spaß. Das war überraschend meine Materie, und ich war auch sehr erfolgreich. Meine liebe Karla saß in ihrem Büro mir gegenüber. Wir schauten uns an und sagten: „Was machen wir hier?“ Nun ja, Arbeit macht das Leben süß. Aber was kam danach? Endlich 22 Uhr 30. Mein Ismail lieh sich das Telefon seines Kollegen und wartete auf meinen Anruf. Das ging dann ungefähr so: „Hello Schatz, wie geht es dir?“ - „Gut, und Dir?“ - „Gut, danke.“ Dann hörte ich viel Straßenlärm, er, neu gelernt: „Wann kommst du?“ - „Ich weiß nicht ........“ Straßenlärm. „Hallo Ismail, bist du noch da?“ - „Ja. (Ag`lamak – weinen)“ - „Weinst du?“ - „Was?“ - „Weinst du?“ - Straße - „Hallo, gute Nacht, bis morgen.“ - „Bis morgen. Kuss, Kuss; Kuss....... Tschüss.“ - „Ja, Kuss, Kuss. Gute Nacht.“ - „Gute Nacht.“ Wunderbares Gespräch. Dann fingen wir an, fleißig SMS zu schreiben, und seine Kollegen hatten reichlich zu tun, um das Geschriebene zu übersetzen. Karla ging es mit Yasin ähnlich, auch sie schrieben sich reichlich hin und her. Leider konnten wir aus unserem Büro keine Ferngespräche in die Türkei führen, und mit dem Handy war es viel zu teuer. In unserer kleinen Stadt hatte ein Telefonladen eröffnet. Also sind wir gemeinsam in jeder freien Minute dorthin gelaufen und versuchten unser Glück. Letztendlich änderte sich nicht viel mehr am Text. Und trotzdem war es schön und aufregend. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren, immer kehrten meine Gedanken an unsere schöne, aufregende Zeit zurück. Abends saß ich todtraurig in meinem Sessel und schrieb einen Brief an einen Toten, an meinen Bruder Walter. Ich steckte den Brief hinter sein aufgestelltes Foto, und da steckt er heute noch. Ich habe nicht den Mut, ihn zu lesen, weil er die traurigen Gedanken zurückholt. Ich trank meine Weinschorle, küsste meinen Kater und hatte jeden Lebensmut verloren. Freute mich auf 22 Uhr 30, da ich mich mehr mit der Straße unterhielt als mit Ismail. Abend für Abend weinen, küssen, stöhnen, Straße. Schlafen. Büro, Büro. So, wieder Karla. Nach drei Wochen Gejammer sagte sie zu mir: „Du bist ja ganz schön blöd, wenn das so schön war, warum fährst du nicht wieder hin. Du bist gut im Rennen. Deine Umsatzzahlen für diesen Monat sind drin. Geld ist kein Problem, nimm dir dein Stück vom Kuchen, du hast genug gelitten in den letzten Jahren. Fang an, dein Leben zu genießen und genieße noch einmal dieses Gottesgeschenk.“ Recht hatte sie. Unser Direktor Herr H. verdrehte kurz die Augen, und ich versprach, nächsten Monat doppelt fleißig zu sein. „Hurra, ich komme! Ich komme, Ismail, ich komme wirklich! Holst du mich ab?“ Dann los, und dann in Antalya! Erst einmal sammelte ich alle gebrauchten Handys ein, die ich bekommen konnte. Die Firma meines Ex-Mannes hatte Konkurs angemeldet (was ja für ihn der Oberhammer war, Oberbauleiter, Job, Auto, Telefon, sämtliche Vergünstigungen – alles weg und das mit der Superfrau, die sicherlich etwas anderes erwartet hatte) und keine Sache konnte so schlecht sein, das sie nicht auch was Gutes hatte. Ich bekam einige Handys für kleines Geld, die zu der Zeit noch sehr gefragt waren – und in der Türkei für die jungen Leute das wichtigste Gut.

4 Zweiter Türkei-Urlaub