Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Köln. Der Autor begann damit, seine Erinnerungen aufzuzeichnen, nachdem ihm die behandelnden Ärzte einen massiven Gedächtnisverlust in Folge einer massiven Hirnblutung prognostiziert hatten.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Da ja heutzutage kaum ein Buch ohne Danksagung auskommt, möchte auch ich nicht aus der Reihe tanzen. Darum danke ich an dieser Stelle meiner Frau, die durch ihre deutlich verträglichere Art der Tyrannei eine deutliche Verbesserung meiner Lebensqualität herbeiführte. Gleichzeitig möchte ich meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, dass meine Tochter sich nicht der Mühsal, knapp 200 Seiten über ihren Vater niederschreiben zu müssen unterziehen möchte.
Ralf Bielenberg, Sohn des Haupthelden folgender Geschichten, wenn nicht versehentlich nach der Geburt verwechselt, ein These, die kontinuierlich wiederkehrend thematisiert wurde. Mittlerweile 60 Jahre alt / also 1958 geboren) das wäre dann auch so ziemlich alles Positive zum Schreiber, bzw. über den Rest will ich lieber nix sagen.
Neben der Tatsache, dass kaum ein nennenswerter Inhalt in den folgenden
Seiten zu finden ist, werden die einzelnen Geschichten natürlich auch noch völlig unstrukturiert und ohne jeden erkennbaren roten Faden erzählt.
Es gibt allerdings eine grobe zeitliche Ordnung.
Das titelgebende Möbelstück, Teil eines aus dem Tisch selbst, einer Küchen-Eckbank und zwei Stühlen bestehenden Ensembles optisch eher unansprechender Möbel. Auf dem kurzen Teil der L-förmigen Eckbank pflegte Colonia Jupp Hof zu halten. Dort labte er sich nach des Tages harter Arbeit an den dargebotenenen Speisen, dort spielte er den Inquisitor, den Richter und letztendlich den Tyrannen und Herrscher über seinen Sozialwohnungsstaat. Dieser Platz auf der kurzen Eckbankseite hatte zudem den unbestreitbaren Vorteil der kürzesten Verbindung zwischen dem Ort der Nahrungsaufnahme und dem Ort der Entsorgung. Um die Zeit, die man brauchte, vom Küchentisch bis zur unmittelbar neben der Küche gelegenen Toilette/Badezimmer auf ein rekordverdächtiges Niveau zu minimieren, verzichtete Jupp gerne darauf, die Badezimmertür zu schliessen, bevor er sich mit dem nötigen Ernst dem dort installierten Keramik-Ensemble widmete. Da die Küchentür sowieso immer offen stand, bekamen damit alle anderen noch am Küchentisch Verweilenden, die noch dabei waren, ihr Abendessen in sich zu schaufeln, somit eine genaue akustische und olphaktorische Vorstellung der Fortschritte im benachbarten Badezimmer geboten. Nach einiger Zeit, die Jupp dank seiner Fähigkeiten, mehrere Tätigkeiten gleichzeitig auszuführen, in der Regel nutzte, neben seiner Darmentleerung noch wichtige Artikel im Express, der neuen Revue oder der Praline zu studieren, kündigte sich seine Rückkehr an den Küchentisch für alle hörbar durch die Toilettenspülung an. Zufrieden mit sich und der Welt machte sich Jupp dann daran, am Küchentisch sitzend seinen Elektrorasierer in Gang zu setzen. Alternativ hatten die mittlerweile recht grüngesichtigen am Tisch Sitzenden manchmal das Vergnügen ansehen zu dürfen, wie Jupp mit einer speziell zur Nagelbearbeitung bestimmten Zange, seine Fussnägel schnitt. Gar lustig war es, zu erraten, in welche Richtung die gekappten Nägel davon flogen. DAS war das Szenario eines normalen Abends in Jupps Küche. Unangenehmer waren die Tage, an denen Jupp danach war, den Untertanen mal wieder zu zeigen, wo der Hammer hing. Die heilige Inquisition des finsteren Mittelalters war vergleichsweise ein harmloses Witzchen gegen die finstere Mine Jupps, mit der er bohrende Fragen stellte, auf die man tunlichst gute Antworten gab, wollte man das Privileg des Fernsehens nicht verspielen. Und wer wollte schon darauf verzichten, die Sportschau sehen zu dürfen.
Auch die aktuellen schulischen Leistungen - oder in meinem Fall das Ausbleiben derselben - wurde am Küchentisch zum Abendessen thematisiert, meist endend mit einigen Anmerkungen über meinen Hintern in Verbindung mit Jupps rechtem Fuss. So war also tatsächlich der Küchentisch in unserem Heim der zentrale Ort, an dem sich das Familienleben abspielte. Heutzutage weiss man ja leider gar nicht mehr, wie wichtig und wohltuend solch ein Möbelstück für den sozialen Zusammenhalt sein kann, man fast täglich mitgeteilt bekommt, was man zu tuen und zu denken hat, solange man seine Füsse unter Denselben stellt. Stilsicher und im Bewusstsein der eigenen Klasse vermittelte Jupp hier, was als normal anzusehen war, wie lang man die Haare zu tragen hatte, welche Musik man gut zu finden hatte, welchen Ausbleichungsgrad die Blue Jeans höchstens haben durfte, welche Hobbys man haben sollte und dergleichen lebensnotwendige Informationen. Zur Bekräftigung seiner Ausführungen durfte man sich dann noch anhören, was Jupp alles erreicht hätte wenn er denn in unserem Alter die gleichen Chancen geboten bekommen hätte, die wir hatten. Schade dass er sie nicht gehabt hatte, denn als Sohn des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue aufzuwachsen wäre sicher toll gewesen - und der Küchentisch wäre dort wohl auch erheblich grösser gewesen. So aber war es nur ein Küchentisch normalen Ausmasses mit heller Resopaloberfläche, aber immerhin genug Platz darunter um das Privileg zu geniessen die Füsse drunter stellen zu dürfen. Zu einem echten Küchentisch-Eklat kam es eines Abends, als ich mich gerade anschickte, meine Füsse mal wieder unter Jupps Tisch zu stellen. An diesem bewussten Abend nun trug ich meine neuen Stiefel für die ich des Abends zuvor Geld bekommen hatte. Wahrscheinlich war aber meine Beschreibung der Lederware eher vage ausgefallen. Jedenfalls schien sich an angesichts meiner neuen Fussbekleidung eine gewisse Überraschung in der Küche auszubreiten. Tatsächlich waren die Teile giftgrün und auf der Oberseite jeden Stiefels war mit Srasssteinen eine Palme aufgesetzt. Als unauffällig oder gar dezent konnte man die Dinger also wirklich nicht bezeichnen. Gut ich würde wohl aus heutiger Sicht eine erheblich höhere Toleranzschwelle gegenüber kritischer Anmerkungen sowohl hinsichtlich der Farbe wie auch der Applikation der nur mässig dezenten Fussbekleidung an den Tag legen. Aber Jupps Reaktion auf die Stiefel übertraf deutlich meine hochgesteckten Erwartungen. Ein gut gezielter Hieb mit einem Baseballschläger mitten in die Kronjuwelen hätte wohl eine vergleichbare Wirkung gezeigt. Seine Augäpfel schienen den enormen Drang zu verspüren die Augenhöhlen ruckartig zu verlassen so dass man unwillkürlich an die Zeichentrickfilme mit Tom and Jerry denken musste wenn jemand der Katze mächtig auf den Schwanz getreten war. Seine sonst eher laute und herrisch anmutende Stimme wirkte plötzlich etwas heiser und ich begann über das Thema Herzinfarkt zu grübeln. Nach einiger Zeit dann normalisierte sich aber der Gesichtsausdruck wieder. Dennoch zeigte sich Jupp stark überfordert in der Aufgabe, nun mit den der Situation angemessenen Repressalien zu kontern. So blieb es dann stattdessen bei Beleidigungen, einigen Anmerkungen darüber dass man mich wohl im Krankenhaus verwechselt habe und dergleichen mehr. Ich nehme an ihm, die Farbe grün hielt er für unpassend zu blauen Jeans.
Colonia Jupp
und das Reich der Demütigungen
Zur Vorgeschichte - also zur Geschichte, bevor ich das Licht der Welt erblickte und den dornigen Weg als Sohn des Colonia Jupp zu beschreiten. Wie zu erwarten waren auch an meiner Zeugung insgesamt ZWEI Personen beteiligt. Eben besagter JUPP und ferner in einer wohl eher unwichtigen Rolle meine Mutter. Nun muss man sich einmal ganz klar vor Augen halten, dass im Zeitraum meiner Zeugung bzw. der Anbahnung des dazu nötigen Aktes die Menschen weder über Smartphones, PCs, E-Mails oder Facebook verfügten. Einen Meister sozialer Kompetenz wie Colonia Jupp konnte das natürlich nicht aufhalten. Begünstigt durch die Tatsache, dass meine spätere Mutter im selben Mietshaus in Köln Kalk wohnte, in dem Colonia Jupp im Parterre bei seinen Eltern residierte und Jupp ausserdem in der Lage war auf zwei Fingern zu pfeifen, wenn ein weibliches Wesen an der Kirchengartenmauer vorbeiflanierte, an der er sich gerade seinen Hintern plattwetzte, kam es irgendwann dann wohl zu einer wie auch immer gearteten Verständigung zwischen meinen Erzeugern. Ein paar Grunzlaute später, irgendwann im Jahr 1957 kam es dann wohl zu dem Ereignis, welches mangels Anti-Baby-Pille (gab es auch noch nicht und hätte eine so streng katholische Frau wie meine Mutter auch nicht eingeführt) mich zur Folge hatte. Im Januar 1958 dann erfolgte meine Geburt und ich konnte einen ersten Blick in die mich umgebende Welt werfen. Mein erster Blick offenbarte einen weit verbreiteten Irrtum - Der Kreisssaal war keinesfalls rund. Der zweite Blick offenbarte mir, ein Umstand für den ich im Nachhinein nur dankbar sein kann, die Abwesenheit meines Erzeugers. Für die im Sankt-Josephs Hospital Köln Kalk arbeitenden Nonnen wäre es völlig undenkbar gewesen, den Vater des im Geburtsvorgang befindlichen Kindes dabeisein zu lassen. Mein erster Schrei war also keine Reaktion auf den kritisch unzufriedenen Blick aus Jupps krassgrauen Augen. Andererseits könnte man natürlich behaupten, dass die Anwesenheit des Erzeugers spätere gehässige Bemerkungen dahingehender Natur, dass man mich im Krankenhaus versehentlich verwechselt hätte unterbunden hätte. Dem entgegen steht allerdings dann die Tatsache, dass die definitive Anwesenheit meiner Mutter während des Geburtsvorgangs nicht dazu geführt hat, mir diese als ultimative Gehässigkeit gedachte Bemerkung während meiner gesamten Kindheit und Jugend zu ersparen. Aber egal, mit der Zeit habe ich mich damit abgefunden, dass keine Verwechslung stattgefunden hatte. Jedenfalls bekamen meine Eltern den Zuschlag und ich wurde wenige Tage später verschleppt und musste damit zurechtkommen. Danach wurde alles immer schlechter, bis ich die elterliche Bevormundung durch die eheliche Bevormundung ersetzen konnte. Seitdem wurde dann alles besser.
Die ersten Jahre
Kapitel 1
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 17
Nachwort
Anfang 1958 also, genauer gesagt im Januar des Jahres wurde ich also in Köln-Kalk geboren. Es gibt das Geburtshaus von Goethe, von Beethoven und so manch anderer berühmten Persönlichkeiten, erkennbar meistens an einer mehr oder weniger aufwändig gestalteten Messingplakette, auf der auf den Umstand der Geburt der jeweiligen Persönlichkeit hingewiesen wird. Mein Geburtshaus war das katholische Krankenhaus in Köln-Kalk. Es war wohl sicher nur ein Zufall, dass es sich dabei um das katholische Sankt-Jupp-Hospital (oder eigentlich St.Josef-Hospital) handelte. Eine Plakette aus Messing, Weissblech oder Alufolie gibt es auch nicht, was wohl in erster Linie daran liegt, dass ich im Vergleich zu Göthe, Beethoven und Otto Waalkes ein nicht unerhebliches Defizit betreffs des Popularitätsgrades aufzuweisen habe. Aber wenn es eine entsprechende Plakette gegeben hätte, wär sie nun ohnehin futsch, denn das Hospital schloss im Jahr 1979 und wurde jüngst in 2015 abgerissen. Getauft wurde ich damals gleich an Ort und Stelle in der Krankenhauskapelle, die den Charme eines Wartezimmers in einer proktologischen Praxis hatte (Die Kenntnis über die liebevoll gestaltete Kapelle erlangte ich knapp neun Jahre nach meiner Geburt bei der Taufe meines Bruders). Bei dessen Geburt kam es übrigens aus leicht zu erkennenden Gründen zu keinerlei Verwechslungen auf der Säuglingsstation. Zurück zu meiner Geburt: Meine Eltern galten beide nicht als bibelfest, besonders religiös oder sonstwie spirituell vorbelastet, und so nimmt es im Nachhinein etwas wunder, warum man eine derartige Eile an den Tag legte, das neugeborene Kind im Kreis der getauften Katholiken einzuführen. Vielleicht versuchte man sich auf diese Art, sich vor dem Ausrichten einer Feier zu drücken, die ja fällig gewesen wäre, wenn man die Taufe erst später in der Gemeindekirche hätte vornehmen lassen, die sich selbstverständlich gleich neben Jupps zu diesem Zeitpunkt aktueller Adresse befand und natürlich Sankt Josef hiess und immer noch heisst. Die ist im Gegensatz zum St.Josef Hospital noch nicht abgerissen worden. Vielleicht versuchte man aber auch nur, dem Krankenhauspersonal, welches zum grossen Teil noch aus katholischen Nonnen bestand, zu zeigen was für unglaubliche Vorzeigekatholiken meine Eltern waren. Nun muss man schon anerkennen, dass meine Eltern den fundamentalen Grundsätzen des Christentums recht aufgeschlossen gegenüber standen. So zum Beispiel dem Grundsatz „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“. Zumindest der zweite Teil dieser Aussage war die Lebensphilosophie Nummer 1 für meine Eltern. Jeder von ihnen liebte sich selbst über alle Massen und da sie stets nach dem Motto agierten „jeder ist sich selbst der Nächste“, liebten sie mithin also auch stets den Nächsten über alle Massen. Wie dem auch sei, ich war also schon zwei oder drei Tage nach meiner Geburt getauft und damit Angehöriger der katholischen Sekte. Der Grad meiner aktiven Glaubensausübung hat sich seit dieser Zeit praktisch nicht geändert. Beide Elternteile waren eher schlichten Gemütes, obwohl zumindest der Vater des Neugeborenen eine Art Supermensch war oder sich zumindest stets dafür hielt. Leider hatten die Umstände, die Gesellschaft, der zweite Weltkrieg oder sonst irgendetwas verhindert, dass er die ihm eigentlich vom Schicksal zugedachte Karriere als Staranwalt oder Oberstudienrat erleben konnte und so musste er sich mit einer schlichten Lehre in einer Schreinerei zurecht geben - warum auch nicht, schliesslich gibt es ja in der Geschichte des Christentums schon einen Schreiner namens Josef, der in der einen oder anderen Art und Weise von sich reden gemacht hatte, obwohl dessen glanzvollste Auftritte ja wohl darin bestanden hatten, sein Unvermögen bei der Beschaffung einer anständigen Reiseunterkunft zu demonstrieren um dann seiner hoch schwangeren Gattin einen schlichten Stall zuzumuten. (vielleicht hatte er auch nicht so die rechte Motivation aufbringen können, ihr mehr Luxus zuzugestehen, da er sich gar nicht daran erinnern konnte, sie in dem ungefähren Zeitpunkt der Empfängnis gevögelt zu haben - schon allein wegen des ständigen geistlosen und esoterischen Gesülzes seiner Gemahlin über irgendeinen sogenannten „heiligen Geist“ in dieser Zeit. Bei der aktuellen Empfängnis, von deren Endergebnis hier die Rede sein soll, ging jedenfalls alles garantiert geistlos zu. Ich bekam nach verschiedenen conträr geführten Diskussionen auf des Vaters Wunsch oder Befehl hin den Namen Ralf. Familientraditionen gemäß hätte der Name eigentlich Josef oder Jupp lauten müssen, aber zumindest das hatte das Veto der Kindesmutter Anneliese verhindert. Eventuell hatte Jupp aber auch schon gleich nach der Geburt mit Kennerblick erkannt, dass ich mich des erlauchten Namens nicht als würdig erweisen würde. So blieb mein Vater also der letzte Jupp in der Familie, lange Zeit später bekannt unter dem Namen Colonia-Jupp. Meine Eltern wohnten zunächst nach Ihrer Hochzeit, die erst kurz vor meiner Geburt zelebriert wurde (siehe hier auch wieder die enorme Bibelfestigkeit) bei den Großeltern väterlicherseits in einem Zimmer einer über insgesamt drei Zimmer und eine Wohnküche verfügenden Wohnung. Das Badezimmer habe ich bei dieser Aufzählung nicht etwa vergessen, es gab einfach keins. Das Haus hatte, obwohl es rings herum auch während der Folgejahre noch eine Menge Trümmergrundstücke gab, den Krieg einigermassen heil überstanden, aber ein Badezimmer hatte man in den Wohnungen leider nicht vorgesehen. Aber, so muss man schon positiv anmerken, gab es eine Toilette mit Wasserspülung, fliessend Wasser in der Küche und Strom. Sich waschen konnte man also praktisch nur in der Küche und ich kann es mir als eine einigermaßen originelle Szenerie vorstellen, wie gerade ein Familienmitglied mit einem Block Kernseife in der Hand versucht, ein wenig Schaum im Genitalbereich zu erzeugen während ein anderes Familienmitglied daneben steht und in der köchelnden Kohlsuppe rührt. Lange hatten aber diese Wohnverhältnisse nicht Bestand, denn die junge Familie zog alsbald von Kalk nach Vingst, wo gerade ein neues Wohngebiet für Asoziale entstanden war. Vielleicht war es ja nicht als Solches geplant, aber genau das war nach 20 Jahren des Wohnens in diesem Stadtteil der Eindruck, der sich unausweichlich aufdrängte.
Wohnungseinbrüche, Schlägereien allabendlich auf offener Strasse, brennende Autos und so weiter lieferten diesem Eindruck nachdrücklich Nahrung. Gerüchteweise wollte man vor einigen Jahren bereits eine Drehgenehmigung für den Film „Stirb langsam 6.0 - gefangen im Stadtviertel des Grauens“ erwirken, aber der Brief mit den Anträgen war wohl gestohlen worden.
Die neue Wohnung war eine kleine Parterrewohnung mit zwei Zimmern, Küche, Diele und tatsächlich einem Badezimmer. Völlig entrückt über soviel Luxus entging den Eltern anscheinend, wie es um das Umfeld bestellt war. Zunächst war es mir natürlich auch egal, da ich ja noch viel zu klein war, um irgendetwas mitzubekommen.
Als ich fünf Jahre alt war, luden mich die Grosseltern väterlicherseits, sozusagen die familieneigenen Pioniere des modernen Individualtourismus, ein, einen zweiwöchigen Sommerurlaub in dem holländischen Küstenstädtchen Stavoren mit ihnen zu verbringen, eine Einladung, die ich gerne und sehr zur Überraschung und vor allem Unmut meiner Mutter annahm. Ein Onkel von mir, der damals bereits in Besitz eines eigenen VW-Käfers war, fuhr das Trio also zu besagtem holländischen Ort, in dem meine Grosseltern ein kleines Haus für die beiden Wochen angemietet hatten. Für mich war es sehr schön, abends im ersten Stock des Hauses im Bett zu liegen die Positionslichter der Schiffe zu zählen und die entfernten Lichter der am gegenüberliegenden Ufer der ehemaligen Zuidersee liegenden
