Über 7 Grenzen - Saeed Nedjadi - E-Book

Über 7 Grenzen E-Book

Saeed Nedjadi

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Beschreibung

Afghanistan leidet seit über 40 Jahren an kriegerischen Auseinandersetzungen. Die ehemalige Sowjetunion und die USA beeinflussen das Geschehen, wie die jüngsten Ereignisse wieder zeigen. Die Wirtschaft liegt am Boden, das Volk, insbesondere die Frauen werden mörderisch unterdrückt. Immer wieder finden Bombenanschläge statt, die viele unschuldige Opfer fordern. Der elfjährige Saeed verliert durch einen Anschlag in Nimrus seine Eltern. Verzweifelt und doch zuversichtlich macht er sich auf den Weg in den Iran. Er möchte Geld verdienen, um für sich und seine Geschwister zu sorgen. Eine Schul- und Berufsbildung ist ihm als Flüchtling im Iran verwehrt; mutig nimmt er den weiten, gefährlichen Weg nach Europa unter die Füsse um dort sein Glück zu machen. In freundschaftlicher Zusammenarbeit über zwei Jahre hinweg, oft in bitterer Erinnerung, entwickelte sich Saeeds Geschichte.

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Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Herzlichen Dank an Markus Brändle, pensionierter Leiter des Seniorenzentrums Solino in Bütschwil. Er ermöglichte grosszügig die Realisierung dieses Buches.

Besten Dank auch an TISG für die finanzielle Unterstützung zum Erscheinen dieser Geschichte in Buchform.

Inhaltsverzeichnis

Nimrus

In der Schule

Bairam

Abschied

In Teheran

Amir

Pläne

Teheran alaikum salam

In der Türkei

In Bulgarien

In Serbien

Am Grenzzaun

Budapest

Schau selber

In der Schweiz

Im Haus am Fluss

TISG - Trägerverein Integrationsprojekte St.Gallen

Tipiti

Nimrus

In der Schule nannten sie mich Klein-Bronze. Der Name gefiel mir. Ich weiss nicht so genau, weshalb Ramon und die anderen mir diesen Namen gegeben haben, wahrscheinlich wegen meiner Hautfarbe. Man kann schon sagen, dass sie aussieht wie Bronze. Andere sagten schokobraun. Das tönte auch nett, fand ich. Üble Kerle aus der dritten Klasse verglichen meine Farbe mit Kacke. Das war mir egal. Was können solche Typen mir anhaben; die haben doch keine Ahnung, dachte ich dann. Muttersöhnchen, die sich nicht getrauen würden, alleine nach Zürich oder Genf zu fahren.

Meine Geschichte ist eine andere. Es ist die Geschichte von Saeed.

Saeeds Familie gehörte zum Stamme der Balutch. Sie war vor langer Zeit aus dem Süden in das Grenzgebiet zum Iran eingewandert. In Afghanistan und im Iran sind die Balutch für ihren Mut und ihre Abenteuerlust bekannt. Viele Männer arbeiten als Händler, Kleinbauern. Manche verdienen ihren Lebensunterhalt auch als Schmuggler oder sie schliessen sich einer militärischen Freischärlergruppe an.

Saeeds Vater Abdullah war 1975 geboren. Er gehörte zu den Männern, die in der nahen Stadt im Bazar einen gutgehenden Tuchhandel betrieben. Er verkaufte Stoffe aller Art. Am meisten Freude machten ihm die bunten Stoffe für festliche Frauenkleider. Sie waren auch am einträglichsten. Wenn die Frauenaugen ob der satten Farben und den grosszügigen Mustern glänzten, fühlte er sich als wichtiger Mann. Abdullah war gross und stark, er konnte lesen, schreiben und gut rechnen; der kleine Saeed war stolz auf ihn.

Wie alle Kinder unter vier Jahren verbrachte Saeed seine Tage zusammen mit seiner Mutter im Hause oder im geschlossenen Vorhof. Dort spielte er mit seinem jüngeren Bruder. Sie zeichneten Muster in den Sand, spielten mit Stöcken aus dem Holzvorrat neben dem Haus oder blickten den Wolken nach, die am hohen Himmel hin und wieder vorüberzogen. Nie brachten sie Regen, nicht in ihrer Gegend. Immer zogen sie weiter, gegen Osten, in die Berge. Saeed stellte sich dann vor wie es wäre, mit ihnen zu reisen. In die schneebedeckten Berge oder in die Hauptstadt Kabul. Saeeds Grossvater hatte als Offizier dort gedient und bei seiner Rückkehr von seinen Erlebnissen erzählt. Nicht von den Bomben und den Toten, nicht vom Grauen des Krieges. Dazu blieben seine Lippen verschlossen. Von wunderbaren Gärten der früheren Moguln berichtete er an langen Abenden beim flackernden Licht der Laternen. Wunderbar blühende Gärten erstanden vor den Augen der Kinder. Darin wuchsen Aprikosenbäume mit saftig süssen Früchten. Bienen und Wespen summten durch die dichtbelaubten Äste. Die Kinder träumten sich mit glänzenden Augen in ihren Schatten. Mandelbäume blühten nach der Schneeschmelze, und jeder konnte im Sommer Kirschen pflücken, soviel er wollte. Der Krieg hatte alles zerstört, nur ein einziger parkartiger Garten war in der Stadt wieder angelegt worden. Eine wunderbare Moschee hatte der Veteran vor ihren Augen erstehen lassen. Auch den Fluss, der gleich hiess wie die Stadt, hatte er beschrieben. Das mit dem vielen Wasser konnte sich im Dorf kaum einer vorstellen. Auch was ein Mogul war ging über Saeeds Verständnis. Aber seine Mutter erklärte ihm, dass ein Mogul ein sehr reicher Mann sei, der in einem wunderbaren Palast wohnte und über die anderen Menschen herrschte. Der Palast war mit Mosaiken und Teppichen geschmückt. In grossen und kleinen Höfen und Gärten plätscherten Springbrunnen in weite Becken. Die Frauen und Kinder des Moguls lebten mit ihm im Palast. Sie trugen seidene Kleider aus China und assen jeden Tag, was ihr Herz begehrte: Wachteln an Honigsauce, parfümierten Reis und Eis aus Marash. In den Gärten wuchsen Palmen und Sträucher mit wunderbaren Blüten. Bunte Vögel und Schmetterlinge umschwirrten sie. Die Moguln besassen auch Hunde. Sie hatten eigens Männer angestellt um die langhaarigen Windspiele zu betreuen und zu züchten. Diese Tiere waren so kostbar, dass es bei Todesstrafe verboten war, sie in ein anderes Land zu verkaufen.

Wenn die Mutter von dieser vergangenen Pracht erzählte, glänzten ihre Augen. «Ach Kinder», schloss sie dann seufzend. «Das sind alte Geschichten. Jetzt ist alles anders. Es gibt schon lange keine Moguln mehr. Die Brunnen sind verschüttet, die Bäume abgeholzt und verbrannt. Unser Afghanistan ist arm geworden, ausgeplündert, ausgeblutet; der Krieg hat alles gefressen.»

Jede Woche brachte ein Tanklastwagen Wasser ins Dorf. Der Fahrer schloss dann einen dicken Schlauch direkt an den Wasserspeicher im Hof an. Der Lastwagen und das Hantieren des Fahrers mit dem schweren Schlauch faszinierten die älteren Buben. Sie stiegen in die Fahrerkabine und legten ihre Hände um das riesige Lenkrad. Der Fahrer schickte sie gutmütig schimpfend weg. Jede Familie konnte sich Wasser leisten, aber es war kostbar und man ging sparsam damit um. Auch Holz war kostbar im Dorf. Es musste von weit hergebracht werden. Hier, im staubigen, kahlen Grenzland wuchsen keine Bäume, kaum Sträucher. Das Holz, das die Frauen zur Befeuerung der Backöfen brauchten, kam aus den Bergen im Osten. Der Holzhändler brachte seine Fracht mit einem alten Lastwagen. Er war ein grober Mann; die Buben fürchteten sich vor ihm. Er kam aus Kandahar und sprach einen anderen Dialekt; die Dörfler verstanden ihn kaum. Wenn die Buben während seiner Tour durch das Dorf nur schon in die Nähe des Holzes kamen, setzte es Kopfnüsse und böse Worte.

Mit vier Jahren öffnete sich Saeed die Welt ausserhalb des Hofes. Ganze Tage strolchte er mit gleichaltrigen Buben durch die kahle Umgebung. Sie stromerten durch das ausgedörrte Bachbett, durch Felsen und Büsche. Sie folgen den winzigen Spuren der graugrünen Eidechsen, die durch den Sand huschten. Diese waren flink und entwischten in den Felsen. Das war gut so, denn die grösseren der Buben hätten sich einen Spass daraus gemacht sie zu quälen oder gar zu töten. Hin und wieder legten sich die Buben an solchen Tagen in den heissen Sand und lauschten dem ewigen Wind. Er säuselte und sang, er trieb winzige Sandkörner in die Augen und weckte in Saeed die Sehnsucht nach Abenteuern. Wenn er abends nach Hause kam, stellte ihn die Mutter in die Dusche. Sie schruppte seine Beine und Füsse mit einem schwarzen Bimsstein, bis seine Haut krebsrot war. Er jammerte und die Mutter schimpfte, dass er unnütze Arbeit bereitete. «Ach Mama», umarmte Saeed sie dann und schmiegte sich an sie. «Sei doch lieb, ich bin doch dein Bub.» Dann lachte sie und nannte ihn einen Schmeichler.

Seine Mutter Nazbibi war klein und hübsch. Ihre Haut war golden und zart. Ihre Kleider dufteten leicht nach Sandel und frischem Brot. Im Lehmofen im Hof buk sie jeden Tag leckere Fladenbrote. Auf einer grossen Eisenplatte formte sie den Teig zu einem dünnen Fladen und klatschte diesen im Ofen an die heisse Wölbung. Manchmal half er beim Herausholen der Brote. Mit der langen, zweizinkigen Gabel stach er die Fladen an und hangelte sie durch das Loch heraus. Es war nicht so einfach. Saeed liebte den Geruch des Brotes. Am liebsten hätte er sofort eines gefaltet, hineingebissen und sich damit davongemacht. Aber die Mutter klopfte ihm auf die Finger. «Saeed, du Hungertiger. Dass du immer essen musst! Na ja, du wächst ja auch, wie ein junger Hund», lachte sie. Meistens überliess sie ihm dann doch einen kleineren Fladen, den er mit Daniyal teilte.

Mutter war fünf Jahre jünger als Vater. Reinlichkeit war ihr wichtig. Sie hielt Haus und Hof sehr sauber. Das war nicht leicht in einem Haus aus Lehm. Immer bröckelte da und dort in der trockenen Luft hart gewordener Lehm aus den Wänden. Auch wenn nie jemand mit Schuhen an den Füssen ins Haus trat, das gehörte sich nicht, wurden die Teppiche staubig und mussten jeden Tag sauber gebürstet werden. Die Decken der Schlafstätten mussten gelüftet und ausgeschüttelt werden. Die Wäsche erledigte sie wie alle Frauen im Dorf in einem Trog im Hof. Zum Trocknen hängte sie die Wäsche über die Mauern oder über lange Holzstangen. Saeed sah seiner Mutter gerne beim Kochen zu. Sie sass vor dem niederen Gasherd und schnitt Fleisch, wusch den Reis und das Gemüse und bereitete daraus einen leckeren Eintopf. Zusammen mit den Bohnen bildete er das übliche Essen in Abdullahs Haus. Je nach Jahreszeit kamen Tomaten, Zucchetti oder Gurken in den Topf, selten Kartoffeln. Frisches Fladenbrot gehörte immer dazu. Süssigkeiten gab es nur an Festtagen. Die Mutter bereitete dann einen speziellen Teig zu und erhitzte Öl in einer tiefen Pfanne. Die Kleinen durften nur in grossem Abstand zuschauen, es war gefährlich. Aus einem grossen Löffel liess sie den Teig langsam in das heisse Öl laufen, wo er knusprig ausbuk. Sie hob das Gebäck mit einer riesigen Gabel heraus, drehte es in einer Schale mit Zucker und legte es wieder ins Öl. Diesen Vorgang wiederholte sie einige Male, bis ein handgrosses glitzerndes Gebäck entstand. Es knirschte zwischen den Zähnen und schmeckte himmlisch.

Im Haus und bis zur Türe des Hofes trug Nazbibi ihre Haare offen. Das taten alle Frauen im Dorf. Man kannte sich und war unter sich. Niemand nahm Anstoss daran. Nur wenn sie in die nahe Stadt gingen, trugen sie einen Schleier. Saeed liebte die dichten, schwarzen Haare seiner Mutter. Sie schimmerten blauschwarz in der Sonne wie die Federn der wilden Raben in den Felsen.

Angrenzend an ihren Hof lebte Saeeds Onkel mit seiner Familie. Obwohl er Vaters Bruder war, sah er ganz anders aus; er war klein und plump. Er arbeitete auf dem Feld, baute Melonen, Zucchetti und Gurken an. Schon früh am Morgen verliess er den Hof und wanderte zu seinem Feld und kehrte erst abends zurück. Meistens war er mürrisch. Er knurrte unzufrieden über den Ertrag seiner Äcker, oder schimpfte über den Händler, der das geerntete Gemüse mit einem Traktor holte. «Der miese Kerl haut mich über’ s Ohr, der Sohn einer verfilzten Ratte», schimpfte er dann und stiess seine Frau grob zur Seite.

In der Schule

Mit sieben Jahren trat Saeed in die Schule ein. In seiner neuen Kurta marschierte er mit vielen anderen Buben jeden Morgen sauber gewaschen die dreissig Minuten in die Stadt. Hin und wieder konnten sie in einem Taxi mitfahren, oder ein Bekannter nahm sie in seiner Rikscha mit. Rechtzeitig schlenderten sie dann durch den hohen Bogen in den Schulhof. Wenn alle Schüler angekommen waren, schloss der Hauswart das schwere Tor. Niemand konnte unbemerkt herein oder hinaus. Im riesigen, kahlen Schulhof stellten sich die Buben in Klassen-Kolonnen auf. Der Ablauf war streng geregelt und jeden Tag gleich. Sie sangen bei gehisster Fahne die Nationalhymne, vom scheppernden Lautsprecher unterstützt. Dabei standen sie stramm, die rechte Hand feierlich auf das Herz gelegt.

Dieses Land ist Afghanistan.

Es ist der Stolz aller Afghanen.

Das Land des Friedens, das Land des Schwerts.

Alle seine Söhne sind tapfer.

Das Land aller Stämme.

Land der Belutschen, und Usbeken,

Paschtunen und Hazaras,

Turkmenen und Tadschiken

Mit ihnen Araber und Gojaren.

Bewohner des Pamir, Nooristanier

Barahwi und Qizilbash, auch Aimaken und Pashaye.

Dieses Land wird ewig leuchten wie die Sonne am blauen Himmel.

In der Brust Asiens wird es ewig als Herz Asiens vorhanden sein.

Wir folgen dem einen Gott.

Gott ist gross, Gott ist gross.

Über ihnen wehte die Fahne. Der Lehrer hatte am ersten Schultag den Sinn der Farben erklärt. Die Buben hatten andächtig gelauscht. Schwarz symbolisiert die schwere, traurige Vergangenheit des Landes. Die rote Farbe steht für das viele Blut, das tapfere Männer in manchen Kriegen für ihre Heimat vergossen haben. Grün als Sinnbild für den Islam, der alle Stämme vereinte und den Frieden bringen sollte.

Schon in der ersten Woche mussten die neuen Schüler den Text auswendig lernen. Er gefiel Saeed. Wenn sie vom Frieden und den tapferen Söhnen des Landes sangen, wenn sie dabei alle Volksstämme des ganzen Landes priesen, ging sein Herz auf. Dass er zum erstgenannten Stamm der Belutschen gehörte, machte ihn stolz. Besonders gefiel ihm auch ‘Dieses Land wird ewig leuchten, wie die Sonne am blauen Himmel’. Dass im letzten Satz Gott gelobt wurde, schien ihm logisch. So hielten es auch seine Eltern und Verwandten. Sie vertrauten auf Allah und hielten sich an den Koran. Nach der Hymne liess Herr Chayat, der Schulleiter alle Schüler ins Schulhaus. Er war lang, dünn und sehr streng. Er kontrollierte die ausgestreckten Hände und besonders die Fingernägel der Schüler auf ihre Sauberkeit und hatte ein scharfes Auge auf ihre Köpfe. Alle Buben trugen die Haare sehr kurz, so wollte es die Vorschrift. Zur Kontrolle fuhr der Schulleiter dem einen und anderen mit der flachen Hand durch die Haare. Standen sie über seine Finger hinaus, setzte es Schläge. Das Lineal aus Metall zeichnete dunkelrote Male auf den Händen. Sie brannten wie Feuer. Keiner der Buben weinte, das war Ehrensache.

Im Klassenzimmer, ein grosser Raum mit einem Lehmboden, gab es keine Möbel, nur eine Wandtafel. Die Buben sassen auf dem Boden, ein Heft und ein Buch auf den gekreuzten Beinen. Manche der rund vierzig Buben schrieben die Wörter und Sätze von der Tafel ab, andere sassen einfach da. Wenn es zu unruhig war, befahl der Lehrer die Störer nach vorne und verdrosch sie mit einer Weidengerte. Diese zischte böse durch die Luft und hinterliess schmerzhafte Striemen. Einige der Lehrer schlugen oft und hart.

Saeed ging eigentlich nicht gerne zur Schule, obwohl ihn alles Neue interessierte. Lesen und schreiben, Mathematik, Geografie und Geschichte, alle Fächer gefielen ihm. Ab der dritten Klasse lernte er neben der Amtssprache Dari/Pastunisch auch Englisch, das machte ihm Spass. Bei der riesigen Klassengrösse ergaben sich viele Wiederholungen, das langweilte die Klügeren. Zusammen mit diesen Kollegen machte sich Saeed hin und wieder in der Pause über die hohe Mauer des Schulhofes davon. Dabei half ihnen ein Absatz im alten Mauerwerk. Auf der anderen Seite hangelten sie sich hinunter, liessen sich fallen und liefen lachend zum Fluss oder in den Bazar in der Stadt und genossen ihre Freiheit. Die Strasse, in welcher Saeeds Vater im Tuchladen arbeitete, mieden sie. Wenn Asad dabei war, gingen sie meistens zuerst zu den Kamelen, die frei vor den Mauern herumliefen. Asad liebte es, die Kamele zu reizen. Er warf mit Steinen nach ihnen, bis sie sich schwerfällig in Gang setzten und in ihrem wiegenden Gang davontrabten. Keiner der Buben machte sich Gedanken darüber, dass es gemein war, Tiere zu plagen; es gehörte einfach dazu. Die Kameltreiber auf dem Bazar behandelten sie nicht besser, es waren nur Tiere. Wenn der Lehrer, was selten vorkam, ihre Abwesenheit bemerkte, spürten sie am nächsten Vormittag die Weidenrute; aber das war es wert.

Mittags war die Schule aus, das freie Leben begann. In Afghanistan werden die Buben auf dem Dorf nicht verwöhnt und gehätschelt. Sie sollen ihre eigenen Erfahrungen machen und daraus lernen. Keine Mutter befiehlt, tu dies, mach das nicht. Das Leben und die Regeln des Koran zeigen von klein auf den Weg. Saeed lernte in seinen jüngsten Jahren durch das gute Beispiel seiner Eltern Gut und Böse zu unterscheiden. Abdullah und Nazbibi waren gläubig, sie kannten und befolgten die Suren im Koran.