Über den Wipfeln - Toni Waidacher - E-Book

Über den Wipfeln E-Book

Toni Waidacher

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Beschreibung

Mit dem Bergpfarrer hat der bekannte Heimatromanautor Toni Waidacher einen wahrhaft unverwechselbaren Charakter geschaffen. Die Romanserie läuft seit über 13 Jahren, hat sich in ihren Themen stets weiterentwickelt und ist interessant für Jung und Alt! Toni Waidacher versteht es meisterhaft, die Welt um seinen Bergpfarrer herum lebendig, eben lebenswirklich zu gestalten. Er vermittelt heimatliche Gefühle, Sinn, Orientierung, Bodenständigkeit. Zugleich ist er ein Genie der Vielseitigkeit, wovon seine bereits weit über 400 Romane zeugen. Diese Serie enthält alles, was die Leserinnen und Leser von Heimatromanen interessiert. Alexandra Ullrich fühlte sich sofort heimisch, als sie die Pension Stubler betrat. Die Ausstattung war einfach und nüchtern gehalten und alles blitzte geradezu vor Sauberkeit. Sogar der Geruch, der hier herrschte, war erfrischend. Der Eindruck, den die Fünfundzwanzigjährige verinnerlicht hatte, als sie durch den Ort gefahren war, fand hier eine positive Fortsetzung. ›Da bist du richtig‹, sagte sie sich zufrieden. ›Das war kein Fehlgriff ... Aus einer Tür im Flur, der hinter der kleinen Rezeption beim Beginn der Treppe zum Obergeschoss begann, trat ein Mann. Er war um die sechzig und hatte ein von Falten und Furchen zerklüftetes Gesicht, das von einem grauen Bart eingerahmt wurde. Alexandra konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, ihn schon gesehen zu haben. Bekleidet war er mit einem grauen Trachtenanzug. Ja, er kam ihr bekannt vor, doch sie kam nicht drauf, woher dies rührte. »Grüaß Ihnen Gott, junge Frau«, grüßte der Mann. »Sind Sie die Frau Ullrich aus Freudenstadt? Wenn ja, dann möchten S' sicherlich einchecken.« »Hallo«, erwiderte Alexandra den Gruß, und fügte sogleich hinzu: »Richtig, ich bin die Alexandra Ullrich und ich wohne ab heute für zwei Wochen bei Ihnen. Sind Sie der Herr Stubler, der Pensionswirt? Ich habe mit einer Frau Stubler telefoniert. Ich nehme an, es handelte sich um Ihre Gattin.«

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Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Der Bergpfarrer – 539 –Über den Wipfeln

Ein Flug verändert alles

Toni Waidacher

Alexandra Ullrich fühlte sich sofort heimisch, als sie die Pension Stubler betrat. Die Ausstattung war einfach und nüchtern gehalten und alles blitzte geradezu vor Sauberkeit. Sogar der Geruch, der hier herrschte, war erfrischend. Der Eindruck, den die Fünfundzwanzigjährige verinnerlicht hatte, als sie durch den Ort gefahren war, fand hier eine positive Fortsetzung. ›Da bist du richtig‹, sagte sie sich zufrieden. ›Das war kein Fehlgriff ...‹

Aus einer Tür im Flur, der hinter der kleinen Rezeption beim Beginn der Treppe zum Obergeschoss begann, trat ein Mann. Er war um die sechzig und hatte ein von Falten und Furchen zerklüftetes Gesicht, das von einem grauen Bart eingerahmt wurde. Alexandra konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, ihn schon gesehen zu haben. Bekleidet war er mit einem grauen Trachtenanzug. Ja, er kam ihr bekannt vor, doch sie kam nicht drauf, woher dies rührte.

»Grüaß Ihnen Gott, junge Frau«, grüßte der Mann. »Sind Sie die Frau Ullrich aus Freudenstadt? Wenn ja, dann möchten S‘ sicherlich einchecken.«

»Hallo«, erwiderte Alexandra den Gruß, und fügte sogleich hinzu: »Richtig, ich bin die Alexandra Ullrich und ich wohne ab heute für zwei Wochen bei Ihnen. Sind Sie der Herr Stubler, der Pensionswirt? Ich habe mit einer Frau Stubler telefoniert. Ich nehme an, es handelte sich um Ihre Gattin.«

»Nein, der Pensionswirt bin ich net. Mein Name ist Hoffmann. Die Ria, das ist die Frau Stubler, hat mich aber informiert. Sie ist im Moment im Ort, weil sie noch ein paar Sachen besorgen wollt‘. Sie hat aber alles vorbereitet. Sie bekommen das Zimmer mit der Nummer vier. Ihr Gepäck haben S‘ gewiss noch im Auto. Wenn S‘ mir den Autoschlüssel geben, dann hol‘ ich’s heraus und bring’s aufs Zimmer.«

»Es ist eine Menge Zeug«, erwiderte Alexandra. »Ich weiß nicht, ob Ihnen die Frau Stubler verraten hat, dass ich Drachenfliegerin bin. Es ist als viel Equipment, das ich aus dem Auto holen muss. Sie können mir aber gerne helfen.«

Gesagt, getan. Eine Viertelstunde später befand sich alles im Zimmer, das Ria der jungen, hübschen Frau zur Verfügung gestellt hatte.

»Berge haben wir ja in der Runde genug«, sagte der Mann mit dem grauen Bart, der sich Alexandra als Florian Hoffmann und Lebensgefährten der Ria Stubler vorgestellt hatte. »Und einen Berg brauchen S‘ ja, um mit ihrem Drachen vom Boden wegzukommen. Haben S‘ schon einen ins Auge gefasst?«

»Ja. Ich hab‘ einen guten Bekannten, ebenfalls Drachenflieger, der vor einiger Zeit schon mal hier im Tal war. Er hat mir den Kogler empfohlen. Es soll auf dem Berg gut erreichbare Hänge, Felskanzeln und Plateaus geben, von denen aus man seinen Flug starten kann.«

»Ist denn dieser Sport net gefährlich. Ich mein, die Luft hat keine Balken. Da muss meiner Meinung nach alles stimmen. Maßgeblich dürft‘ doch die Thermik sein. Ich glaub‘, ich würd‘ mich net besonders wohlfühlen, würd‘ ich hunderte von Metern über dem Erdboden unter so einem Ding hängen.«

Alexandra lachte amüsiert auf. »Das lernt man. Und man sammelt Erfahrung. Sicher, es kommt zu Unfällen. Aber verunglücken kann man auch mit dem Auto und mit dem Fahrrad, und wenn man ein besonderer Pechvogel ist, sogar zu Fuß.«

»Da haben S‘ auch wieder recht. Na ja, Sie werden das schon hinkriegen. Ich hab‘ völlig vergessen, sie in St. Johann und in der Pension Stubler willkommen zu heißen. Entschuldigen S‘ bitte, aber mir fehlt ein bissel die Übung. Die Gäste empfängt normalerweise die Ria selber. Ich hol‘ das jetzt nach. Also, herzlich willkommen bei uns hier in St. Johann und in der Pension Stubler. Ich wünsch‘ Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Für Ihre Flüge mit dem Drachen kann ich Ihnen nur Hals- und Beinbruch wünschen.«

»Danke, vielen Dank«, erwiderte Alexandra lachend.

Florian Hoffmann ließ die Fünfundzwanzigjährige alleine. Sie räumte ihre Reisetasche aus, trug die Toilettenartikel ins Badezimmer und stellte sich unter die Dusche. Es ging auf vierzehn Uhr zu, als sie die Pension verließ. Sie begegnete niemand, weder Florian noch Ria Stubler.

Alexandra hatte beschlossen, zum Kogler zu fahren und sich eine geeignete Stelle für den Start ihres ersten Drachenflugs am folgenden Tag auszusuchen. Sie trug eine bequeme Wanderhose mit Beintaschen, ein leichtes T-Shirt und feste Sportschuhe. Als sie bei der Bäckerei Terzing vorbeifuhr, sagte sie sich, dass eine Tasse Kaffee und ein Stück Gebäck nicht zu verachten wären, suchte einen Parkplatz und begab sich gleich darauf in die Bäckerei. Sie erstand ein Haferl Kaffee und eine Käsebreze, stellte sich an den Stehtisch und verzehrte die Breze. Dazu trank sie den Kaffee. Der Hunger war gestillt. Für den Abend nahm sie sich vor, sich ein vernünftiges Essen im Biergarten des Hotels zu genehmigen.

Sie fuhr zu dem Wanderparkplatz am Fuß des Kogler. Bewaldete Berge waren dem Zweitausender vorgelagert. Der Wald war von einem dunklen Grün und sah gesund aus. In den Schattenfeldern des Kogler konnte man hoch oben noch große Schneeflächen wahrnehmen. In tieferen Regionen waren Rinnen, die mit hellem Sand und Geröll gefüllt waren, zu dem die Erosion im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende das Felsgestein zermalmt hatte.

In der Bergwelt herrschte – abgesehen vom Zwitschern der Vögel -, Schweigen.

Eine Weile musste Alexandra auf einem stetig ansteigenden Wirtschaftsweg zwischen blühenden Bergwiesen marschieren. Auf den Blüten krochen Bienen, Hummeln und Schmetterlinge herum. Süßlicher Frühlingsduft lag in der Luft. Alexandra wurde fast ein bisschen demütig angesichts der gewaltigen, alles beherrschenden Berge in der Runde. Sie kam sich klein und unbedeutend vor. Darüber dachte sie aber nicht lange nach.

Die Wiesen endeten und Wald nahm Alexandra auf. Der Geruch änderte sich. Er wurde harzig und vermischt mit dem Duft von Fichten- und Tannennadeln. Alexandra atmete tief ein. Sie fühlte sich eins mit der Natur, die sie umgab, als ein Teil von ihr.

Der Weg war schlechter geworden. Regen- und Schmelzwasser hatten ihn ausgeschwemmt und die Wurzeln der Bäume zu beiden Seiten ausgewaschen. Kleines Geröll hatte sich in Rissen und Kuhlen gesammelt. Es verlieh dem Untergrund keine Festigkeit, und Alexandra musste achtgeben, wohin sie beim Gehen ihre Füße setzte.

Unter den Bäumen fand ein ständiges Wechselspiel von Licht und Schatten statt. Im Hintergrund wirkte der Wald düster, geradezu unheimlich. Als einmal ein Eichelhäher seinen lauten, quäkenden Warnruf erschallen ließ, hörte sich das an wie ein Geräusch aus einer anderen Welt.

Der Begriff Zauberwald, verhext und von Dämonen bewohnt, zog durch ihr Bewusstsein.

Alexandra war jedoch eine taffe, junge Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand, und so konnte ihr die Atmosphäre kein Gruseln entlocken. Im Gegenteil: Sie fühlte sich wohl in der Einsamkeit. Einen kurzen Moment dachte sie an den Mann, dessen Verlobungsring sie am Finger trug, doch sie dachte nicht mit Wärme oder gar Liebe an ihn. Der Gedanke an ihn ließ sie kalt. Sie fragte sich lediglich, weshalb sie überhaupt noch seinen Verlobungsring am Finger hatte. Rechnete sie damit, dass sich das Verhältnis zwischen ihr und Holger noch einmal bessern würde? Vielleicht hatte sie ihm seinen Ring nur noch nicht zurückgegeben, weil sie Ärger fürchtete und ihm aus dem Weg gehen wollte. Sie schimpfte sich selbst als schwach und inkonsequent.

Seit etwa anderthalb Stunden stieg Alexandra auf. Sie hatte den Wald hinter sich gelassen. Steile Hänge schwangen sich nach oben, die bei den zum Teil senkrecht abfallenden Felswänden des Zweitausenders endeten. Ein Weg, der in Serpentinen angelegt war, führte hinauf zu einer Felskanzel. Die Steilhänge waren jedoch für einen Start mit dem Drachen geeigneter. Wichtig war, dass sie abhob, ehe sie in die Nähe des Waldrandes gelangte. Sie stellte sich vor, wie es sein würde, über die Gipfel der Bäume hinwegzuschweben und bald darauf das Tal mit seinen drei Gemeinden weit unter sich zu haben.

Sie freute sich darauf, der Schwerkraft wieder einmal ein Schnippchen schlagen zu dürfen.

Sie stieg bis zu der Felskanzel empor, setzte sich dort auf einen kniehohen Felsblock und nahm die Eindrücke auf, die sich ihr boten. Was sie sah, verzauberte sie regelrecht. Für sie zählte nur die Gegenwart. Das Unerfreuliche der zurückliegenden Wochen war in den Nebeln der Vergangenheit versunken. Allerdings nur für den Augenblick ...

*

Am nächsten Tag, es war Sonntag, verließ Sebastian Trenker, der Gemeindepfarrer von St. Johann, das Pfarrhaus, um der Einladung seines Bruders Max und dessen Gattin Marion zum Nachmittagskaffee nachzukommen. Im Ortskern herrschte eine Menge Betrieb. Die Außenservicebereiche der Cafés, Eisdielen und Restaurants waren gut besucht. Ein Gewirr von Stimmen, Gelächter und leiser Musik aus den Lautsprechern erhob sich. Es waren Urlauber, aber auch Tagesausflügler, die den Ort an diesem schönen, warmen Frühlingstag bevölkerten. Über dem Wachnertal spannte sich ein ungetrübter blauer Himmel. Die Sonne stand um diese Tageszeit fast senkrecht über dem Tal.

Das Haus Max Trenkers lag am Ortsrand von St. Johann. Sebastian ließ sich Zeit. Einheimische, denen er begegnete, grüßten ihn freundlich, und er erwiderte ihren Gruß. Mit dem einen oder anderen wechselte er sogar ein paar unverbindliche Worte.

Es war wohl Zufall, dass er den Blick hob und zum Himmel hinaufschaute. Er blieb unwillkürlich stehen, als er hoch oben einen Drachenflieger sah. Er beschattete die Augen mit der flachen Hand, um nicht geblendet zu werden. Der Drachenflieger kam aus der Richtung, in der sich der Kogler befand, schwebte über St. Johann hinweg, verlor an Höhe und verschwand nach einer Weile hinter den Häusern, wo er nach Auffassung Sebastians landete. Paragleiter oder Drachenflieger hatte Sebastian – außer über dem Achsteinsee, wo Parasailing als Wassersport betrieben wurde -, über dem Wachnertal schon lange nicht mehr gesehen.

Seine Neugier war geweckt. Er wollte nicht, dass diese Sportart im Wachnertal Schule machte. Das Überfliegen der Wälder und Wiesen konnte Wildtiere erschrecken und Fluchtreaktionen auslösen oder Vögel beim Brüten stören. Zudem wurde durch die Starts von den Steilhängen fast gezwungenermaßen seltene Vegetation geschädigt oder gar vernichtet.

Ihm war aber auch klar, dass er niemand verbieten konnte, seinem Hobby zu frönen.

Er erreichte schließlich das Haus seines Bruders. Die beiden Kinder, der kleine Sebastian und dessen jüngere Schwester Luisa, freuten sich über den Besuch des Onkels. Er hatte auch kleine Geschenke für sie dabei, was die Freude noch steigerte. Für Marion, seine Schwägerin, hatte Sebastian einen bunten Frühlingsstrauß in der Gärtnerei erstanden, was ihre Augen zum Strahlen brachte. Max musste sich mit einem kräftigen Händedruck und einem freundschaftlichen Klaps gegen den Oberarm begnügen.

Es wurde ein gemütlicher Nachmittag. Ganz beiläufig erwähnte Sebastian seine Beobachtung mit dem Drachenflieger. Max und er waren sich einig, dass es für das Tal nicht erstrebenswert war, dass sich diese Sportart etablierte. »Wenn es erst mal einer vormacht«, kommentierte Max die Beobachtung seines Bruders, »dann finden sich sehr schnell Nachahmer, und bald ist der Himmel über dem Tal voll mit Paragleitern und Drachenfliegern.«

»Das ist zu befürchten«, pflichtete ihm Sebastian bei. »Es ist ja net nur, dass Flora und Fauna drunter leiden würden. Der Sport ist auch net ungefährlich. Es sind ja net immer erfahrene Paragleiter oder Drachenflieger, die sich in die Lüfte wagen. Es gibt auch in diesem Sport Leut‘, die sich absolut überschätzen.«

Am späten Nachmittag kehrte Sebastian nach Hause zurück. Er musste noch den Spätgottesdienst halten. Natürlich sprach er auch mit seiner Haushälterin, Sophie Tappert, über seine Beobachtung. »Es ist kaum anzunehmen, dass der Drachenflieger nur für den heutigen Tag ins Tal gekommen ist«, schloss er. »Ich denk‘, es ist jemand, der hier Urlaub macht und während dieser Zeit seinem Hobby nachgeht. Während ich die Abendmesse les‘, Frau Tappert, könnten Sie im Hotel oder in den Pensionen nachfragen, ob jemand eingecheckt ist, der als Gepäck unter anderem einen Drachen mitgebracht hat.«

»Was haben S‘ davon, wenn S‘ das wissen?«, erkundigte sich Sophie.

»Ich werd‘ ihn bitten, sich einen anderen Startplatz zu suchen. Es gibt genug Hänge rund ums Tal, die frei von Wald sind, sodass Tiere weder erschreckt noch beim Brüten gestört werden können.«

»Sollten S‘ den Drachenflieger ermitteln, Hochwürden, werden S‘ mit Ihrer Forderung kaum auf Verständnis stoßen. Diese Flüge werden ohne Motorenlärm durchgeführt. Man verursacht also keine Geräusche, die störend sein könnten. Das wird man Ihnen entgegenhalten.«

»Das wird sich herausstellen, Frau Tappert. Allein ein vorübergleitender Schatten kann ein Tier erschrecken. Außerdem wird viel Flora durch die Starts beschädigt. Es geht ja net um den einen Drachenflieger, den ich gesehen hab‘. Ich befürcht‘, dass es sich unter Umständen in den infrage kommenden Kreisen herumspricht, dass das Gelände sich gut für diese Sportart eignet, und dann kommen immer mehr Drachenflieger und Paragleiter ins Tal, und der Raubbau an Flora und Fauna nimmt seinen Lauf.«

»Diese Argumentation lassen S‘ nur net den Bürgermeister hören«, erklärte Sophie. »Der würd‘ sofort wieder behaupten, dass Sie mit Kanonen auf Spatzen schießen.«

»Wehret den Anfängen«, verteidigte sich Sebastian. »Wir wissen doch alle, wie’s ist, Frau Tappert. Einer macht’s vor, andere springen auf den Zug auf und machen’s nach. Mit der Zeit nimmt es derart überhand, dass man’s gar nimmer steuern respektive kontrollieren kann. Dass dem Markus ein massenhafter Zulauf von Drachenfliegern und Paragleitern recht wär‘, das dürft‘ ja jedem hier im Tal klar sein. Wenn’s drum geht, den Tourismus anzukurbeln, dann nimmt der Markus weder auf Flora noch auf Fauna Rücksicht. Jeder im Tal weiß, wie er tickt. Und wenn er erst mal – hm, Blut geschleckt hat, dann ist er nimmer zu bremsen.«

»Ich versteh‘ Ihre Einstellung, Hochwürden«, gestand Sophie. »Vielleicht find‘ ich raus, wo der Drachenflieger gegebenenfalls hier im Tal wohnt.«

»Das wär‘ mir sehr recht, Frau Tappert«, erklärte Sebastian.

Und als er zwanzig Minuten später das Pfarrhaus verließ, um die Abendmesse zu lesen, setzte sich Sophie Tappert ans Telefon. Der erste Anruf erfolgte bei Susanne Reisinger, im Hotel ›Zum Löwen‹. Dort war der Drachenflieger nicht bekannt. Der zweite Anruf bei Ria Stubler aber war schon erfolgreich. Als Sebastian eine knappe Stunde später ins Pfarrhaus zurückkehrte, empfing ihn Sophie, indem sie sagte: »Es handelt sich um eine junge Frau, die mit ihrem Drachen über das Tal hinweggeflogen ist, Hochwürden. Ihr Name ist Alexandra Ullrich, sie ist fünfundzwanzig Jahre alt und kommt aus Freudenstadt. Sie ist gestern Mittag angekommen und wohnt bei der Ria. Ein Bekannter, der früher schon mal im Wachnertal war und hier mit seinem Drachen geflogen ist, hat sie auf das Tal aufmerksam gemacht.«

»Wird sie von jemand begleitet?«, fragte Sebastian.

»Nein.«

»Danke, Frau Tappert, gute Arbeit«, lobte Sebastian. »Ich werd‘ mich mal mit der jungen Dame unterhalten.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Ich denk‘, sie wird den Abend in der Pension verbringen. Also werd‘ ich nach dem Abendessen einen kleinen Verdauungsspaziergang zum Tannenweg machen. Vielleicht kann ich sie bewegen, net gerade auf einer Bergwiese mit gefährdeten Pflanzen zu starten und über den Wald hinwegzufliegen, wo jetzt im Frühjahr die Wildtiere und Vögel brüten.«

»Verbieten werden Sie’s ihr net können, Hochwürden«, murmelte Sophie. »Aber vielleicht ist das Madel einsichtig und sucht sich einen anderen Startplatz. Am steilen Gelände solls bei uns gewiss net scheitern.«

*

Sebastian aß also zu Abend, dann machte er sich auf den Weg zur ›Pension Stubler‹, die am Tannenweg lag. Es war die Zeit des Sonnenuntergangs. Die Schatten der Berge im Westen fielen weit ins Tal. Ihre Gipfel wirkten im Abendsonnenschein wie vergoldet. Weit im Osten verfärbte sich der Himmel schon grau. Der Tag begann, sich nach Westen zu verabschieden.

Da die Rezeption verwaist war, schlug der Bergpfarrer mit der flachen Hand auf die Klingel, die auf dem Tresen stand. Ein metallisches Schellen erklang, das durch und durch ging und wahrscheinlich bis in den letzten Winkel des Hauses zu vernehmen war. Tatsächlich erklangen im Obergeschoss Schritte. Jemand betrat die Treppe und kam nach unten, und als diese Person auf dem Treppenabsatz erschien, konnte Sebastian sehen, dass es Ria selber war.

»Habe die Ehre, Ria«, grüßte der Pfarrer, als sie unten angekommen war. »Ich hoff‘, ich stör‘ net.«

»Guten Abend, Hochwürden«, erwiderte Ria den Gruß. »Schön, Sie mal wieder in meinem bescheidenen Heim begrüßen zu dürfen.«

»Jetzt übertreib‘ mal net ...«

Ria lachte. »Man sieht und hört nimmer viel von Ihnen, Hochwürden. Wenn ich net ab und zu die Sophie beim Einkaufen treffen würd‘ ...«

»Es gibt halt keinen Grund, herzukommen, Ria«, entgegnete Sebastian.