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»Mut ist der Preis, den das Leben verlangt, für inneren Frieden und Freiheit. Ich genieße die Reise über das freie Land. Ich entdecke viele bekannte Gesichter, eigentlich nur bekannte Gesichter. Warum tu ich mir das an? Der Platz ist voll, alle sind draußen, das gesamte und gewohnte Geschehen, irgendwie vertraut, und ich sitze hier, als hätte sich nichts verändert. Ich atme durch den Schmerz vergangener Jahre, als wäre es heute. Doch ich sehe jetzt mit anderen Augen.« Ulli ist 46 und kommt gerade von seiner x-ten Entgiftung nachhause. Wenn er so zurückblickt, war sein Leben bis jetzt vor allem eins: ein Kampf um Anerkennung und Liebe. Diese Sehnsucht begleitete ihn vom Heim in den Knast, nach Hamburg in die Sucht, von einer Therapie in die nächste und immer wieder zurück. Heute ist Ulli 61, lebt immer noch auf St. Pauli und hat endlich jemanden gefunden, der ihm half, sein Buch zu vollenden. »Ich kenne »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« und kann mir vorstellen, wie jemand abstürzt. Ich kenne »Trainspotting« und kann mir vorstellen, wie jemand voll auf Entzug ist. Doch was passiert danach? Ulli zeigt uns einen Kreislauf, der sich so oft wiederholt, dass er nie zu enden scheint. Es scheint aber nur so. Denn der Schlüssel zum Glück ist, es auch zu wollen.« (Daniela Reis)
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2020
Schonkost und Bananensaft
Eine wirklich gute Idee
Der Knacki
Der Anfang meiner zweifelhaften Karriere
Wenn du eine Flasche dabeihattest, warst du immer willkommen
Mach mal
Petra die erste
Finster
Der Abgrund
Anstatt einfach mal aufzuhören
Der Österreicher
Jugend hilft Jugend
Voll auf Droge, voll im Programm
Mut ist der Preis
Immer, wenn ich die Sonne spüre
Nachwort
»Ich kenne »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« und kann mir vorstellen, wie jemand abstürzt. Ich kenne »Trainspotting« und kann mir vorstellen, wie jemand voll auf Entzug ist. Doch was passiert danach? Ulli zeigt uns einen Kreislauf, der sich so oft wiederholt, dass er nie zu enden scheint. Es scheint aber nur so. Denn der Schlüssel zum Glück ist, es auch zu wollen.« (Daniela Reis)
Ärztlicher Befundbericht:
Vorgeschichte, soweit für den Fall wichtig:
Langjährige Mehrfachabhängigkeit (seit 13. Lebensjahr Alkohol, z.T. exzessiv, seit 25. Lebensjahr Cannabis, seit 29. Lebensjahr Benzodiazepine, seit 30. Lebensjahr Kokain, seit 31. Lebensjahr Heroin), deshalb seit 31.1.1994 L-Polamidon- / Methadon-Substitution.
Allgemeineindruck:
Untergewichtig, depressiv, ansonsten freundlich und kooperativ
Dunkel ist die Welt, die mich begleitet,
Weil jeder Schritt mir Schmerz bereitet.
Trotzdem muss ich weitergehen,
Um am Ende Licht zu sehen.
Hamburg, den 19. 8. 2005
St. Pauli, Eröffnung Park Fiction
Mut ist der Preis, den das Leben verlangt, für inneren Frieden und Freiheit. Ich genieße die Reise über das freie Land. Ich entdecke viele bekannte Gesichter, eigentlich nur bekannte Gesichter. Warum tu ich mir das an? Der Platz ist voll, alle sind draußen, das gesamte und gewohnte Geschehen, irgendwie vertraut, und ich sitze hier, als hätte sich nichts verändert. Ich atme durch den Schmerz vergangener Jahre, als wäre es heute. Doch ich sehe jetzt mit anderen Augen.
Als ich dich das erste Mal sah, konnte ich eigentlich nur deine schönen Haare sehen. Aber ich glaube, dass ich da bereits ein Auge auf dich geworfen hatte. An deinen ersten Tagen in der Entgiftung beobachtete ich dich oft, du warst immer am Schreiben. Ich weiß noch genau, was ich dachte: Man, hat die viel zu schreiben. Morgens, mittags, abends. Erst in ein kleines Buch und dann noch mal ins Reine. Zwischendurch noch Briefe an deine Kinder oder an deinen Freund? Als Thomas dann anfing, sich mit dir zu beschäftigen, war das Thema erstmal durch für mich. Dann kam ich sowieso ins Krankenhaus, Scheißspiel, aber auch da musste ich oft an dich denken. Als ich dann wieder zurück in Bokholt1 war, hatte ich so meine Probleme und zweifelte stark an mir. Weswegen und wofür mache ich das hier eigentlich, leben und Liebe zulassen, und wie viel Schmerz kann ich noch ertragen? Auf provokante Art und Weise versuchte ich schließlich, deine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Wahnsinnig gut fand ich dann, wie wir uns mit den Augen begegneten, immer und immer wieder. Es hat mich so viel Überwindung gekostet, dich in den Arm zu nehmen und zu küssen, aber es war tierisch schön.
Ich muss lachen, wenn ich über mein Leben nachdenke und Bilder aus alten Tagen vor Augen habe. Petra ist tot – ob das stimmt? Am Sonntag war ich bei Norbert am Grab, wie so oft. Ich brauche Kraft und finde sie bei ihm. Auf dem Rückweg musste ich weinen, beschissene Gefühle kamen hoch. Aber ich muss nicht so hart sein, wie das Leben mir mitspielt.
Sieben Jahre früher…
Amtsgericht Hamburg, den 12. 6. 1998
»HAFTBEFEHL
gegen
Vorname und Familienname: Ulrich Koch
Zeit und Ort der Geburt: 8.1.1959 in Marne
Er ist aufgrund von Zeugenaussagen dringend verdächtig, durch mehrere Straftaten gewerbsmäßig eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht weggenommen zu haben, sich dieselbe rechtswidrig zuzueignen, indem er in Hamburg
am 25.9.1997, 18:30 Uhr der Fa. New Yorker, Lüneburger Str. 31 ein Sweat-Shirt im Wert von 39,95 DM,wenige Minuten später der Fa. Sobottka, Lüneburger Tor 9 einen Messingleuchter, einen Brieföffner, sowie eine Metalldose im Wert von insgesamt 176,20 DM,am 22.10.1997, 14:00 Uhr der Fa. Outfit Jeans and More, Amalienstr. 4 zwei Jacken im Wert von insgesamt 318,00 DM,am 11.11.1997, 15:10 Uhr der Fa. Karstadt, Schloßmühlendamm 2 ein Computerspiel im Wert von 109,00 DM,am 2.2.1998, 16:55 Uhr der Fa. Douglas, Lüneburger Str. 37 eine Flasche After-Shave im Wert von 19,50 DM,am 4.2.1998, 17:30 Uhr der Fa. Jean Pascal, Spitaler Str. 4 eine Lederhose im Wert von 149,00 DM entwendete.Die Untersuchungshaft wird verhängt, weil der Angeklagte einschlägig vorbestraft und unter seiner Meldeanschrift nicht anzutreffen ist. Sollte die stationäre Therapie in der Fachklinik Bokholt durchgeführt werden, wird ein erneuter Antrag gemäß §35 BtMG2 anheimgestellt.
Richter am Amtsgericht«
Fachklinik Bokholt, den 22. 6. 1998
»Hallo Ulrich,
wir haben Deine Bewerbung für einen Entgiftungsplatz erhalten. Wir gehen davon aus, dass Du über unsere besondere Form der Entgiftung informiert worden bist. Da wir den Entzug ohne Medikamente durchführen, ist Deine Mitarbeit besonders wichtig. Du kannst Dir den Entzug enorm erleichtern, indem Du Dich bis zur Aufnahme hier herunterdosierst. Wir können Dir jetzt schon einen Termin vorschlagen, und zwar den 19.10.1998.
Herzliche Grüße«
Bokholt-Hanredder, den 19. 10. 1998
Norbert hat mich heute morgen abgeholt und hierhergefahren. Wir frühstückten auf dem Fischmarkt und kauften noch ein paar Klamotten für mich. Mein Onkel ist immer ziemlich geradeheraus und hielt mir mal wieder den Knast vor Augen. Wie soll ich es auch lernen, wenn ich nicht immer wieder damit konfrontiert werde? Dann musste er dringend noch acht Kisten Dithmarscher für den Pudel3 kaufen. Die passten gerade so in den Opel Combi rein. Um kurz vor elf waren wir hier und wurden direkt gefragt, was wir damit vorhätten. Bis jetzt alles ganz nett. Mal abwarten, wie es noch wird. Bekomme gleich zum ersten Mal eine Akupunktur.
20. 10. 1998 2. Tag
Nachts so im Zweistundentakt geschlafen. Habe leichten Affen4 und im Rücken leichtes Ziehen. Bewege mich nicht, so bleibt die Droge länger im Körper, hoffe ich mal. Kann nichts essen und kaum was trinken, bekomme Schonkost und Bananensaft.
21. 10. 1998 3. Tag
Gestern Abend eine Valium und ein Schlafkranz5, eine Stunde später war ich weg. Viel zu früh aufgestanden und gebadet. Rückenschmerzen.
22. 10. 1998 4. Tag
Die Nacht über kaum geschlafen, höchstens eine Stunde am Morgen. Eigentlich bin ich ganz gut drauf, aber dieses ständige Motzen! Post von Mutter aus Tunesien bekommen, das macht einen ja neidisch, aber Hauptsache, es gibt überhaupt noch Leute, die an mich denken und auch wissen, wie schwer so eine Entgiftung ist.
23. 10. 1998 5. Tag
Mir geht’s schon wesentlich besser. Vor dem Mittagessen waren wir mit dem Chefarzt in Wilster beim Schwimmen und Saunen. Das kam tierisch gut! Zum Mittagessen gab es Matjes mit Bratkartoffeln und Salat. Küchendienst mit René, so ein Sonnyboy, ganz cool über die Bühne gebracht. Habe Danny geschrieben, da er sie kennt. Übrigens bekam ich heute ein Frühstücksei und gestern Abend die letzte Valium mit Baldrian. Wenn es einem hier einigermaßen gut geht, heißt es »alles im grünen Bereich«. Habe Natalie, die kleine, süße Kölnerin kennengelernt und sie ein bisschen mit Massage verwöhnt. Leider bricht sie ab. Muss wohl noch eine Runde im roten Bereich drehen. Am späten Nachmittag suchte ich das Gespräch mit meinem Therapeuten. Ich wollte mal mit meiner Oma telefonieren. Das durfte ich auch, allerdings war es Norbert, der den Hörer griff. Er erzählte mir, dass es Oma sehr schlecht geht. Scheißspiel. Ich bin heute schön kaputt und glaube, dass ich ein paar Stunden Schlaf bekomme.
24. 10. 1998 6. Tag
Heute Nacht fast verrückt geworden vor Schlaflosigkeit, aber nach einem Entspannungsbad, morgens um halb fünf, bin ich doch tatsächlich eingeschlafen bis zum Wecken. Dank leichter Kopfschmerzen gleich eine Akupressur bekommen. Es ist der Wahnsinn, wie gut mein Körper auf diese Chinaheilmethoden reagiert. Norbert war nach dem Mittagessen hier und brachte eine Kiste mit geilen Fressalien mit. Dann übergab er mir »die Lebensmittelverantwortung«. Nicht schlecht, aber irgendwie bin ich deprimiert, weil er die heiß ersehnten CDs vergessen hat. Ich habe großen Nachholbedarf. Auf Methadon oder Gift hatte ich nie Bock auf Musik. Naja, er hat mir versprochen, dass er nächste Woche noch mal kommt.
25. 10. 1998 7. Tag
Oma geht es unverändert schlecht. Mal sehen, ob ich diese Woche noch nach Brunsbüttel ins Krankenhaus fahren und sie besuchen kann. Meine Gedanken sind bei ihr. Ich bin eigentlich ganz gut drauf, die Leute unterstützen einen, wo sie nur können. Das wenige Schlafen und die innere Unruhe stören mich. Dadurch ist meine Konzentration sehr schlecht, aber weil hier ewig neue Leute kommen, muss man sich ganz schön viele Namen merken, und das ist ein gutes Gedächtnistraining. Auch die Akupunktur tut meinem Körper sehr gut, das kann ich nur immer wieder betonen und jedem empfehlen. Habe hier den ersten verantwortungsvollen Posten bekommen. Ich bin jetzt »Küchenverantwortlicher der Entgiftung«. Das heißt, ich muss zusehen, dass von allem was da ist und jeder bekommt, was ihm zusteht. Obwohl es da noch mal strenger zugeht, freue ich mich jetzt schon fast auf die Reha. So viel wie hier gelacht wird, fühle ich mich gut aufgehoben. Wenn man will, hat man immer was um die Ohren. Mal sehen, was der Montag bringt. Hoffentlich kann ich schlafen.
Mit der Küchenverantwortung kamen die ersten Verführungen. Denn ich verfügte plötzlich über Lebensmittel, die beim Entgiften sehr begehrt sind. Bananen- und Kirschsaft, aber vor allem Kaffee. Der Konsum von Koffein war in der Entgiftung einer von vielen Regelverstößen.
»Verhaltensregeln
1. Zimmerordnung
Täglich bis 8:50 Uhr müssen die Betten gemacht sein. Das Zimmer muss gelüftet werden. Abnahme erfolgt durch den Gruppensprecher um 8:50 Uhr.
2. Mahlzeiten
Bei allen Mahlzeiten besteht eine Anwesenheitspflicht von mind. 5 Minuten, Hauptmahlzeiten sind nur im Essraum einzunehmen.
3. Rauchen
Das Rauchen im Haus ist nur im Speisesaal und auf den Terrassen erlaubt. Während der Mahlzeiten und zwanzig Minuten vor den Mahlzeiten ist das Rauchen im Speisesaal nicht gestattet. Erst, wenn der letzte aufgegessen hat und keine Lebensmittel mehr auf dem Tisch stehen, darf wieder geraucht werden. RAUCHEN AUF DEN ZIMMERN IST AUS BRANDSCHUTZGRÜNDEN STRENGSTENS VERBOTEN UND FÜHRT ZUR ABMAHNUNG BZW. DISZIPLINARISCHEN ENTLASSUNG! Die Zimmermitbewohner / Mitwisser oder Duldenden kommen dabei ebenfalls mit vors Team. Wer gegen das Verbot verstößt, muss mit erheblichen Konsequenzen rechnen. Jede/r hat dafür zu sorgen, dass sich keine Asche oder Kippen auf den Zimmern befinden.
4. Hausputz
Der Hausputz findet im Rahmen der Verantwortungsbereiche täglich statt in der Zeit von 11:30 Uhr bis 12:30 Uhr. Die Abnahme der Bereiche erfolgt durch den Hausputz-Verantwortlichen.
5. Telefonate
Falls Du telefonieren oder angerufen werden möchtest, musst Du vorher eine Genehmigung bei Deinem Bezugs-Therapeuten einholen.
6. Briefe
Briefe werden kontrolliert (Schmuggelware), jedoch nicht generell gelesen. Die Mitarbeiter behalten sich allerdings vor, in berechtigten Situationen des Misstrauens Briefe inhaltlich zu überprüfen. Die Post darf nur über die Fachklinik empfangen und abgeschickt werden. Die Postausgabe findet in der Verwaltung täglich nach dem Mittagessen statt.
7. Pakete
Pakete sollen nur Kleinigkeiten enthalten (z.B. Tabakwaren, Kleidungsstücke, Süßigkeiten und evtl. auch Geld) und werden grundsätzlich von einem Mitarbeiter kontrolliert. Geld muss grundsätzlich abgegeben werden.
8. Besuche
Besuche werden individuell gehandhabt, in der Regel sollen zu Behandlungsbeginn keine Besuche stattfinden, um sich auf die Therapie einzulassen, hier »anzukommen«. Spätere Besuche sind nach Absprache mit Deinem Beziehungstherapeuten möglich. Zu Beginn des ersten Besuches findet ein Angehörigengespräch mit dem Therapeuten statt.
9. Glücksspiele
Glücksspiele und Wetten jeglicher Art sind nicht gestattet.
10. TV
Der Medienverantwortliche plant unter Berücksichtigung des TV-freien Freitags das Fernsehprogramm der Woche. Vorschläge sind bis Donnerstag einzureichen. Die Fernsehzeiten sind ab 20:00 Uhr bis 23:00 Uhr.
11. Musik auf den Zimmern
Die Musikzeiten sind ab 7:00 Uhr bis 9:00 Uhr, 17:00 Uhr bis 18:00 Uhr und 20:00 Uhr bis 23:45 Uhr.
12. Taschengeld
Die gesamten Zahlungsmittel sind zu Beginn der Therapie abzugeben. Das Geld wird im Büro verwaltet.
13. Intimkontakte
INTIMKONTAKTE ZWISCHEN REHA- UND ENTZUGSPATIENTEN SIND UNTERSAGT! In der Reha sind sexuelle Kontakte aus therapeutischen Gründen nicht erwünscht. Sollten Klienten dennoch eine sexuelle Beziehung eingehen, müssen sie sofort beim Bezugstherapeuten, vor der Gruppe und dem Team angemeldet werden.
14. Inventarschäden
Bei Inventarschäden, die aufgrund von Unachtsamkeit seitens der Patienten entstehen, wird eine Kostenbeteiligung erhoben.
15. Spaziergänge
Spaziergänge sind nur auf den vorgeschriebenen Routen erlaubt. Zu dritt mit 1 Verantwortlichem, zu fünft mit 2 Verantwortlichen und mehr als fünf nach Rücksprache. Spaziergänger melden sich im Ausgangsbuch mit der entsprechenden Routenbezeichnung ab.
16. Zimmerbesuche
Ab 00:00 Uhr muss sich jeder Patient in seinem eigenen Zimmer aufhalten! Sollte man nicht schlafen können, so besteht die Möglichkeit sich im Aufenthaltsraum bzw. in der Stube aufzuhalten. Man muss sich auf jeden Fall in das Nachtbuch eintragen.
17. Verhalten auf dem Gelände
Zigaretten und Müll dürfen nur in die dafür vorgesehenen Behälter geworfen werden. Außerhalb des Geländes ist allgemein auf Sauberkeit zu achten.
18. Gong-Runden
Gongrunden werden aus aktuellem Anlass in Konflikt- und Krisensituationen einberufen und sind für alle Mitglieder der Reha verpflichtend. Problem-Gong-Runden nach 22:00 Uhr nur in dringenden Anlässen z.B. Abbruch. Sonst, wenn möglich, auf den nächsten Tag verschieben.
19. Kontrolldienst
Zwei Personen, die vom Gruppensprecher bestimmt werden, gehen zwischen 00:00 Uhr und 00:30 Uhr durch das Haus und löschen das Licht, schließen Türen und Fenster und achten auch auf Sauberkeit und Ordnung im Saal und im Wohnzimmer.
20. Abmahnung / Entlassung
Zur Abmahnung bzw. zur disziplinarischen Entlassung können verschiedene Regelverstöße führen, sicher aber Gewaltbereitschaft (-anwendung) / Gewaltandrohung, Rauchen auf dem Zimmer, Drogenmissbrauch (inkl. Alkohol und alkoholfreies Bier), Verweigerung einer Urinkontrolle, Tausch von Waren gegen Dienstleistungen.
21. Sprache
Um Ausgrenzungen auf der einen Seite und mangelnde Kontrollierbarkeit über geführte Gespräche auf der anderen Seite und damit Misstrauen zu vermeiden, sind alle Gespräche während des Aufenthaltes in der Therapie in deutscher Sprache zu führen.
BEI NICHTEINHALTUNG DIESER REGELN GIBT ES EIN KÜRZEL!
Das steht für:
Kleines Übungsfeld und Raum Zur EigenenLeistungssteigerung
und beinhaltet eine gemeinnützige, d.h. allen zugutekommende Arbeit. Diese wird nach Erledigung vom Kürzel-Dienst oder in Delegation von einem/r Verantwortlichen abgenommen und als geleistet bestätigt. Bei ernsteren Regelverstößen, insbesondere Rückfällen, Gewaltandrohung etc. kommt es mind. Zu einer schriftlichen
Abmahnung
und Stellungnahme vor dem Team, oder aber zur sofortigen
Disziplinarischen Entlassung!!!
Daher bitten wir im eigenen Interesse, für einen einigermaßen geregelten Therapieablauf zu sorgen – drei Monate lassen wenig Zeit für Spielchen!«
So beschnitten wir uns selbst in unserer Freizeit und mussten am Ende der Woche für jedes Vergehen fünfzehn Minuten den Putzlappen schwingen. Da waren die Deals vorprogrammiert. Wir konnten uns nur gegenseitig in die Pfanne hauen oder uns zusammentun, denn die Strichlisten mussten wir selbst führen. Ich lernte den Küchenverantwortlichen der Reha kennen, von wo aus wir unser kleines Lager auf der Entzugsstation auffüllten, mit dem ich die ersten Verträge abschloss, so nannten wir das in Bokholt. Ein Vertrag ist, wenn nicht mehr als zwei Personen unerlaubte Sache machen, von der alle anderen nichts wissen und auch nichts haben. Von da an hatte ich immer Kaffee.
26. 10. 1998 Montag
Ich habe den Entschluss gefasst für Oma, Tante Gerda, Norbert, Elfi und zuallerletzt für mich, ab meinem 40. Lebensjahr ohne harte Drogen auszukommen. Es ist einfach geiler so. Ich hoffe nur, dass das auch hinhaut. Es ist unglaublich, aber ich konnte heute Nacht sechs Stunden am Stück schlafen. Im Moment schreibe ich meistens während der Akupunktur. Tagebuch und Postkarten, heute an Danny. Gestern sind drei neue Leute gekommen. In der Reha drüben sind jetzt zweiundzwanzig Leute, das heißt Aufnahmestopp. Ich darf noch rüber, allerdings erst in vierzehn Tagen. Mal sehen, ob ich Oma in Brunsbüttel besuchen kann. Die Erlaubnis habe ich bereits, ich soll es nur noch organisieren. Übrigens hau ich schon ganz schön was weg. Ich hoffe bloß, ich bekomme keine Magen- und Darmprobleme.
27. 10. 1998 Dienstag
Scheißnacht, nicht geschlafen, nur zwei Stunden im Bett gewälzt. Sobald ich mich hinlege, laufe ich aus und das Bett ist nach zwanzig Sekunden schweißdurchtränkt. Scheiß Wetter draußen, Regen, arschkalt und Frühstücksdienst. Abgesehen davon, fühlen sich die Tage hier ganz gut an, weil bei mir alles rund läuft. Am 9.11. wechsele ich in die Reha.
29. 10. 1998 Donnerstag
Gestern fand ich keine Zeit und keine Ruhe, um zu schreiben. Innere Unruhe sozusagen. In der Entgiftungsgruppe hatten wir heute das Thema »Cannabis«. Inzwischen ist es eigentlich eine völlig neue Gruppe. Von den Leuten, die da waren, als ich gekommen bin, sind nur noch drei übrig. Aber Natalie will am Montag wiederkommen. Mal gespannt, ob sie‘s schafft. Norbert holt mich am Samstag ab und wir fahren zu Oma ins Krankenhaus. Habe heute zwei Postkarten bekommen. Es ist immer ein wahnsinnig gutes Gefühl, draußen in Hamburg Leute zu haben, die an einen denken.
Im Moment sitzt die Gruppe im Fernsehraum und guckt »Papillon«. Ich muss an meine Isolierhaft 1975 in Neumünster denken. Das waren zwar nur dreizehn Tage, aber die waren hart. Zuerst gab es die Ausstattung, Einheitsklamotten, Plastikbesteck und die Bibel, wenn man wollte. Ich nahm alles mit, was ich kriegen konnte, denn mehr gab es nicht. Nichts Persönliches und keinen Tabak oder Kaffee. Nix. Eine Zelle in einer Zelle mit einem Fenster aus dicken Glasbausteinen, acht Quadratmeter oder weniger. Ein Loch zum Scheißen in der Ecke, wo nachts die Ratten rausguckten und eine Holzpritsche an der Wand. Man, ich wusste gar nichts mehr. Die ersten Tage waren sehr, sehr lang. Ich hörte nichts. Am dritten Tag gab es zu Mittag dann mal warmes Essen und abends eine Scheibe Wurst aufs Brot. Ich durfte für eine Stunde ins »Freie« gehen und bekam was zum Schreiben. Das Beste war eine zweite Decke für die Nacht. Aber Schlafen ging irgendwann auch nicht mehr. Ich verlor die Orientierung, fing an, die Bibel zu lesen und versuchte, mir das alles bildlich vorzustellen. Da die Bibel aber in Psalmen geschrieben ist, kam das nicht so gut. Dann meditierte ich, ohne zu wissen, was das ist. Das war ein fast unbeschreibliches Ereignis. Ich driftete immer weiter weg, zuerst nur für Sekunden, Minuten, aber irgendwann bekam ich nicht mal mehr mit, dass die Zelle geöffnet und Essen reingestellt wurde. Ich hatte das Gefühl, meinen Körper zu verlassen und mich durch meine Gedanken überall hinbewegen zu können. 1978, nur drei Jahre später, wurde die Isolierhaft aus Gründen der Unmenschlichkeit offiziell abgeschafft.
31. 10. 1998 Samstag
Morgens innere Unruhe, normal, da ich heute zu Oma gefahren bin. Mein erster Ausflug seit meiner Ankunft hier. Norbert und Gerda holten mich ab. Sie brauchten drei Stunden von Hamburg hierher, da eine mörderische Regenwelle das Land überflutet hat. In Brunsbüttel trafen wir dann auf meine Mutter Elfi und ihren Freund Helmut. Oma geht es schon etwas besser. Sie hat mich auch erkannt und ich konnte mit ihr sprechen. Später war ich noch bei mir zuhause und auf meinem Bett fand ich CDs und Spiderman-Comics, die Norbert dort für mich abgelegt hatte. Um 19:00 Uhr brachten Elfi und Helmut mich zurück. Habe mich den Rest des Tages gefreut.
1. 11. 1998 Sonntag
Zum ersten Mal einen Methadon-Affen bekommen. Ätzend. Schmerz ist nur ein Gefühl. Im Knast lernt man, Gefühle zu unterdrücken. Schlag zuerst zu, zögere nicht, und du wirst zwar einsam, aber der Gewinner sein. Herz heißt Schmerz. Das ist gefährlich, da sich das Gefühl irgendwann ganz verabschiedet. Bei mir leider nicht.
2. 11. 1998 Montag
Habe mir einen Bademantel aus Baumwolle besorgt. Trage ihn zum Schlafen, er saugt den ganzen Schweiß auf. Habe außerdem Norbert darum gebeten, mir meine Baumwoll-Bettwäsche von zuhause mitzubringen. Jetzt kann ich endlich schlafen. Tierische Erkältung bekommen. Früh gebadet und dann einen Spaziergang um das Haus gemacht, da wir das Gelände nicht verlassen dürfen.
3. 11. 1998 Dienstag
Jetzt kommt‘s! In der Entzugsgruppe ging es heute um Beispiele der Rückfälligkeit. Auf dem Lichtprojektor befand sich eine Karte, auf der unter anderem Freiburg markiert war. Dachte noch so: Jo, Dannys Heimat, und was passiert? Der Mitarbeiter erzählte, dass gerade erst wieder drei Leute an einer Überdosis gestorben sind und erwähnte im Beisatz einen Namen: Daniela Hübner. Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben und hakte noch mal nach, aber scheiße, es ist wahr. In der Reha kannten sie auch viele. Was kann man machen? Nichts oder besser, die Hintergründe aufdecken. Habe jetzt natürlich Schwierigkeiten, nicht an Danny zu denken. Weil sie für mich eine tierische Frau war und wir uns alles sagen konnten. Hatte mich schon gefragt, warum sie nicht mehr zurückschrieb.
Amtsgericht Hamburg, den 5. 11. 1998
»Beschluss
In der Strafsache
gegen Ulrich Koch
beschließt das Amtsgericht Hamburg-Harburg:
Dem Antrag des Verurteilten Ulrich Koch auf Zurückstellung der Strafvollstreckung (§35 BtMG) aus dem Urteil vom 15.7.1998 wird mit der Maßgabe zugestimmt, dass er eine stationäre Therapie in der Fachklinik Bokholt antraut.
Die angeordnete Zurückstellung erfolgt ausschließlich zur Durchführung einer Heilbehandlung wegen der festgestellten Betäubungsmittelabhängigkeit in folgender Einrichtung: Fachklinik Bokholt, 25335 Bokholt-Hanredder
Die Aufnahme der Behandlung ist binnen 2 Wochen nach Antritt, die Fortsetzung in Abständen von einem Monat der Staatsanwaltschaft nachzuweisen.«
1 »Fachklinik Bokholt«: Fachklinik für Qualifizierten Entzug und Kurzzeitreha
2 §35 Betäubungsmittelgesetz: »Ist jemand wegen einer Straftat zu einer Freiheitsstrafe von nicht mehr als zwei Jahren verurteilt worden und ergibt sich aus den Urteilsgründen (…), dass er die Tat aufgrund einer Betäubungsmittelabhängigkeit begangen hat, so kann die Vollstreckungsbehörde mit Zustimmung des Gerichts (…) die Vollstreckung der Strafe (…) für längstens zwei Jahre zurückstellen, wenn der Verurteilte sich wegen seiner Abhängigkeit in einer seiner Rehabilitation dienenden Behandlung befindet oder zusagt, sich einer solchen zu unterziehen und deren Beginn gewährleistet ist. (…)« (§35 BtMG Abs. 1 GG)
3 »Golden Pudel Club«: Szeneclub am Hamburger Fischmarkt
4 »Affe«: Begriff aus der Drogenszene, der die Entzugssymptomatik beschreibt
5 »Schlafkranz«: Akupunktur-Methode
Rezept für großen Hans im Wasserbad
500 g Mehl
1 Hefewürfel
Salz + Zucker
3 - 4 Eier
wenig Milch
1 Zitrone
Hefeteig zubereiten. 45 - 60 Minuten im Wasserbad kochen.
10. 11. 1998 Dienstag
Habe kaum noch Zeit, das Tagebuch zu führen. Ich merke immer mehr, dass ich wieder lebe. Morgens spazieren, zwischendurch Tischtennis, dort mal ein Brief und da mal eine Postkarte, Malen, Akupunktur und essen und trinken nicht vergessen. Meine letzte Woche in der Entgiftungsgruppe, die sich schon wieder ganz neu zusammensetzt, ist angebrochen. Habe mit Heidi, das ist hier die gute Fee, einen Vorgarten angelegt, zwanzig Meter lang und fünf Meter breit. Am Sonntag machten wir einen Ausflug. Ich habe riesige Karpfen im Teich beobachtet, einen Eiskaffee im Restaurant getrunken und mich mit einem Sammler und Jäger von Blechautos unterhalten. Fühle mich richtig gut! Übrigens wird hier in Bokholt gerade ein Haus für Jugendliche gebaut. Bei denen ist die Rückfallquote bei 80%. Ich habe vor, etwas für die Pola-Post zu schreiben, um anderen Bokholt schmackhaft zu machen.
1997 bis 1998 war ich Mitglied einer Zeitungsgruppe. Zu dieser Zeit musste ich täglich in die Ambulanz 3 in Harburg, um dort meine Dosis Polamidon abzuholen. Levomethadon, wie Methadon, was ich später bekam, ist ein vollsynthetisch hergestelltes Opioid und wird bei einer sogenannten Substitutionsbehandlung bei Heroinsüchtigen eingesetzt. Es unterdrückt den Entzugsschmerz, weil es die Opioidrezeptoren besetzt, indem es den echten Botenstoff imitiert. Dadurch wird die Signalübertragung aktiviert und die Rezeptoren melden Wirkung. Der Kick bleibt dabei aus, die Sucht allerdings erhalten. Vorteile sind die legale Beschaffung und die orale Einnahme, die fast immer unter Aufsicht stattfindet. In der Ambulanz 3 gab es »Pola« nur von 10:00 bis 12:00 Uhr, um 12:05 Uhr war die Tür dicht. Ausreden wurden nur mit schriftlicher Bescheinigung toleriert, zum Beispiel einem Stempel vom HVV bei verspäteten Zügen. Zu dieser Zeit erlebte Hamburg eine große Hilfewelle für Heroinsüchtige. Fast zweihundert Menschen pro Jahr sind damals in Hamburg an den Folgen von Heroin gestorben. Die Stadt musste etwas unternehmen. Es wurden einige Suchthilfe Stationen und drei Suchtambulanzen eröffnet. Die erste in der Sternschanze, die zweite in Wandsbek und die dritte in Harburg. Jedoch kamen Informationen, beispielsweise über neue Medikamente, ungleichmäßig bei den Betroffenen an, deshalb hatten wir, ein paar Substituierte und zwei Psychologen, die Idee, jeden Monat ein Infoblatt rauszubringen. Thomas, einer der beiden Psychologen, wirkte als Vermittler zwischen uns, den Abhängigen und dem Staat, und informierte sich über Geldzuschüsse für Gemeinschaftsaktivitäten. Schließlich bekamen wir einen Raum in der Ambulanz 3 zugesprochen, den wir einmal die Woche nutzten. Wir fingen an, uns mit vier Leuten regelmäßig zu treffen, sammelten Material und sprachen über den Aufbau der Zeitung. Für uns war das eine schöne Ablenkung von uns selbst und Thomas lockte mit frischen Brötchen, heißem Kaffee, Marmelade, Aufschnitt und Eiern. Da er nur zu gut wusste, dass die Konzentration von Abhängigen nicht lange anhält, versuchte er, uns die Arbeit schmackhaft zu machen. Wir besprachen die Inhalte und Thomas rief Leute an, um hier und da Spenden und Geräte, wie einen Computer, zu beschaffen. Der PC war für alle von uns Neuland, keiner hatte Ahnung davon und eigentlich hatte auch keiner Bock, sich welche anzueignen. Lieber raus, einen rauchen. Meistens war nach zwei Stunden Schluss mit der Arbeit, aufgrund von Konzentrationsschwäche oder Suchtdruck. Wir hielten es nie lange aus, da wir lieber im nahe gelegenen Hexenberg einen kifften.
Bald schon verbreiteten wir überall die Nachricht, dass eine Zeitung von Abhängigen für Abhängige rauskommen sollte. Die Resonanz fiel positiv aus und langsam, aber sicher hatten wir auch Spaß daran. Der ein oder andere kam noch dazu und so schrieben, illustrierten und druckten wir die erste »Pola-Post«. Treffer versenkt, es lief, Woche für Woche erschien eine neue und bei mir eine Gänsehaut nach der anderen. Erfolg! Wir besuchten Therapien und andere Einrichtungen, auch in Berlin, um darüber zu schreiben. Ich dachte zum ersten Mal überhaupt ernsthaft über ein cleanes Leben nach und stellte mir dieses vor, dachte aber auch gleichzeitig schon daran, zu bescheißen. Nach einer Besichtigung in Bokholt, im Rahmen der Recherchearbeiten, verwarf ich diese Gedanken sofort wieder. Mit der Pola-Post lief es gut, wir steigerten die Auflage und verteilten sie eigenhändig, zuerst umsonst und dann für fünfzig Pfennig. Jeder bekam seinen eigenen Computer und Thomas brachte uns das Arbeiten an den Geräten Schritt für Schritt bei. Wir mussten uns hart konzentrieren, um mitzukommen. Wir rauchten kein Rauschgift mehr und wenn das doch mal passierte, lief alles schief.
Es hat gedauert, bis ich mich entschließen konnte, eine Therapie zu machen. Erstmal musste ich begreifen, dass es um mich ging. Ich versuchte, einen Kollegen mit reinzuziehen, aber der wollte einfach nicht. Damals dachte man in der Szene ja noch, dass man bei der Psychotherapie im Kopf operiert und so lange weichgeklopft wird, bis man für die Gesellschaft tragbar ist. Ich hatte tierische Angst davor, bloß weil ich nichts darüber wusste. Ich kannte Bilder aus Filmen, von Menschen mit Schraubzwingen am Kopf, durch die Elektrostöße gejagt wurden. Das waren die gängigen Vorurteile über Psychotherapie. Der Knastdruck war mir bei dieser Aussicht auch egal. Ich dachte, dass ich im Knast besser klarkam.
Ich wollte nie ein normaler Mensch sein oder werden. Ein Spießer oder was weiß ich, eben einer, der nach den Vorschriften lebt. Im Heim dachte ich, ich sei schlauer als die Autoritäten. Die Erzieher zu verarschen, gab mir innere Genugtuung. Ich musste also erstmal schlucken, dass das Gangster Dasein vorbei ist, sobald ich diesen Schritt mache. Norbert sagte mal: »Versuch doch mal, die tausend Türen, die du dir an allen Seiten offenlässt, zu schließen, dann wirst du sehen, dass neue Türen aufgehen.« Ich hatte Glück, dass ich Norbert konstant im Rücken hatte. Es war immer einer da. Norbert war immer da. Er konnte mich schließlich davon überzeugen, dass es das Beste für mich war.
Ich trat die Therapie im Oktober 1998 an. Ich hatte Angst. Ich wusste, dass die Einrichtung außer chinesischer Heilkunst keinerlei Hilfs- und Ersatzmittel für den Entzug bereitstellte und erlaubte, höchstens mal eine Valium zur Entgiftung. Thomas besuchte mich und schenkte mir ein großes, blaues Notizbuch, damit ich alles für die Pola-Post festhalten konnte. Ich dokumentierte die Entgiftung, doch die Pola-Post überlebte nicht lange. Die Gelder wurden gestrichen und die Leute, die noch dabei waren, schafften es nicht, die Arbeit am Laufen zu halten. Dafür hatte ich nun ein Notizbuch und eine wirklich gute Idee. Mit Postkarten fing es an. Jeden Tag verschickte ich eine und jeden Tag bekam ich Post zurück. Das machte mir Mut, ein richtiges Buch zu schreiben. Mit der Absicht, dass es eines Tages auch gelesen wird.
17. 11. 1998 Dienstag
Gestern kam ich in die Reha und musste gleich ein Aufnahmegespräch vor der Gruppe absolvieren. Ziemlich entspannt. Ich sollte in Zeitabschnitten mein Leben erzählen. Damit keiner unterbrochen wird, heben die Leute bei Fragen die Hand, das wird festgehalten und die Fragen werden hinterher gestellt. Ich hatte meinen Lebenslauf nach dreißig Minuten erzählt und ganz zum Schluss kam dann die Frage: »Was willst du hier für dich erreichen?« Da Therapien auf Ehrlichkeit und Struktur aufbauen, kommen da plötzlich so Fragen, was ich in meinem Leben ändern und was ich in der Therapie dafür tun will. Darauf war ich nicht gefasst. Viele machen die Therapie ja nur, damit sie nicht in den Knast müssen, wie ich ja auch. Die meisten sagen dann einfach: »Clean leben.« Doch ich wusste erstmal gar nicht, wie die Frage gemeint war, beziehungsweise worauf das gemünzt ist. Auf die Drogen, auf den Knast oder allgemein auf das Leben? Ich wollte die Frage vorsichtig beantworten, um keine zu hohen Erwartungen an mich zu verursachen. Deshalb sagte ich, dass ich erstmal nur ohne Schmerzen am Leben sein will. Ich will natürlich irgendwann mal clean leben, aber ich will erstmal überhaupt leben. Ich bin ja schon tot, emotional, das ist doch alles nur noch ‘ne Qual! Dem Umstand allein, dass Norbert mich zu dieser Therapie überredet hat, verdanke ich doch, dass immerhin mein Körper noch läuft. Ich muss jetzt erstmal leben lernen.
