Um unseren Kindern gerecht zu werden - Lars Roeper - E-Book

Um unseren Kindern gerecht zu werden E-Book

Lars Roeper

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Beschreibung

Margitta, du bist genauso missraten und nichtsnutzig wie dein Vater. Ihr Leben lang peitschte meine Mutter mir diese Worte ins Gesicht. Dabei kannte ich meinen Vater gar nicht, machte mich erst spät auf die Suche nach ihm. Würde ich Papa finden und unseren wirklichen Ähnlichkeiten nachspüren können? Ich fand vieles. Näherte mich sanft mir unbekannten Menschen. Doch letztendlich ging sie doch los, die Schlacht der Anwälte. Ein juristisches Chaos begann, das sich auf schreckliche Art verselbstständigen sollte. Vier Anwälte machten sich über die Sache her, verdrehten meine Lebensgeschichte, brachten eigentlich alles durcheinander.

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Seitenzahl: 72

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Das dickste Lob

geht an meinen Mann Peter,

der mich bei allem unterstützt hat.

Bedanken möchte ich mich auch bei unseren beiden Mädchen, Ramona und Christina, die uns nie große Sorgen gemacht haben und jetzt mit beiden Beinen fest im Leben stehen.

Ein großes Glück sind auch

unsere Enkelkinder:

Prinzessin Lisa

Ballerina Natalie und unser

Polizeichef Charly.

Habe Euch alle ganz doll lieb!

Inhaltsverzeichnis

Republikflucht

Kinderjahre in Kulmbach

Kohlrabenschwarz

Monday Monday

Ich muss hier raus

Flucht aus Schlesien

Ausbruch

Schau, Mama, sie fliegen in den Osten!

Versöhnung

Zu spät

Das Puzzle

Vier Anwälte

Republikflucht

„Margitta, du bist genauso missraten und nichtsnutzig wie dein Vater.“ Ihr Leben lang peitschte meine Mutter Ursula mir diese Worte ins Gesicht. Hätte es doch unterlassen können, nachdem ich sie 1953 auf dem Chemnitzer Bahnhof vor dem Gefängnis bewahrte.

Russische Soldaten patrouillierten auf den Bahnsteigen, ließen sich Pässe und Gepäckstücke zeigen, öffneten und inspizierten alles. Auch unseren dunkelbraunen Koffer hätten sie beinahe aufgeklappt und vorgefunden, was Mama hineingestopft hatte – eine Bettdecke und ein Kopfkissen. Auch im Westen würden wir schlafen müssen, hatte sie wohl gedacht und eingepackt, was die Soldaten trotz unseres Visums zum Verwandtenbesuch umgehend als Beweise für das gewertet hätten, was wir tatsächlich vorhatten: Republikflucht aus der DDR.

Mütter, wurden sie erwischt, brachte so etwas ins Gefängnis, Babys ins Heim. Es sei denn, die Stasi gab die Kinder heimlich zur Adoption frei. Am 18. April 1951 geboren, kaum zwei Jahre alt, wäre ich sicher gerne genommen worden.

Die Patrouille fasste unseren Koffer ins Auge, das Klacken der Stiefel auf dem Bahnsteig kam näher. Mamas Angst und Anspannung muss unaushaltbar gewesen sein. Eben erreichten uns die Soldaten und sprachen meine Mutter auf russisch an, da konnte nur ein Mensch sie noch aufhalten – klein Margitta. Mit nervtötendem Heulen reagierte ich auf die derben russischen Wörter, die Patrouille verharrte und einer der Männer scheuchte uns mit einer Handbewegung hinfort. “Davey, davey! Verschwindet!”

Wir kuschten und ich heulte, bis mein Kreischen sich mit jenem des bremsenden Zuges vermischte. Den braunen Koffer in der Hand stieg Mama in einen der Waggons. Ich folgte ihr, auf meinem Rücken ein blaues Netz mit meiner geliebten Puppe “Tausendschön” darin.

„Komm, Tausendschön, wir fahren Eisenbahn“, sagte ich leise, der Zug rollte an und trug uns in die Bundesrepublik.

„Tausendschön“ und der braune Koffer

Lebte in diesem Westdeutschland, in das wir geflüchtet waren, auch mein Vater?“, fragte ich mich mit zunehmendem Alter. Oder war er in der Ostzone?, wie Mama einst erwähnt hatte. Hubert, so hieß er doch wohl. Mein Vater Hubert. Das war alles, was ich von ihm wusste. Außer dem bitterbösen Satz natürlich, den Mama immer sagte: „Margitta, du bist genauso missraten und nichtsnutzig wie dein Vater.“

Bereits kleinste Verfehlungen ahndete meine Mutter mit diesen Worten, schlug sie mir ins Gesicht, als sei ich Schuld an den Geschehnissen, die sich zwischen meinen Eltern zugetragen haben müssen.

So arg Mamas Ausruf mir in der Kindheit zusetzte und mit Erreichen der Pubertät nicht weniger als scheißegal wurde, verband er mich doch mit meinem Vater. Ließ mich wissen, dass ich etwas mit Hubert gemein hatte, auch wenn es im Negativen war.

Gleichzeitig schlug meine Mutter diesen Ausspruch derart bitterböse und wie eine Mauer zwischen meinen unehelichen Vater und mich, dass ich Jahrzehnte davor zurückwich, Hubert M. zu suchen. Erst als meine Mutter 2009 starb, ich in ihrem Nachlass ein braunes Kuvert entdeckte, es öffnete und einige auf die Monate nach meiner Geburt datierte Briefe und Dokumente auf dem Küchentisch ausbreitete, begaben mein Mann Peter und ich uns auf eine Suche, die Unvorstellbares ans Licht bringen sollte.

„Liebesbriefe“, schmunzelte ich beim Lesen der ersten Zeilen eines aus dem braunen Kuvert entnommenen Blattes. Versuchte mühsam zu entziffern, wie Hubert M. am 16. Dezember des Jahres 1951, acht Monate nach meiner Geburt, meine Mutter Ursula umschmeichelte. Sogleich erschütterte Huberts Liebesbrief das von meiner Mama während vieler Jahre gemalte Bild meiner Vergangenheit. Mein Vater sei bei unserer Republikflucht am verabredeten Treffpunkt nicht erschienen, hatte meine Mutter wiederholt erzählt. Gemein habe er uns sitzenlassen, bevor der eiserne Vorhang sich zwischen meinem Vater und mir senkte.

Womöglich war Mamas Geschichte eine ewige Lüge gewesen, um mir den Gedanken, nach meinem Vater zu suchen, vollends auszutreiben. Der Liebesbrief in meiner Hand, sowie weitere Dokumente aus dem braunen Kuvert, erzählten jedenfalls eine andere Geschichte. Verfasste Hubert M. sein Schreiben aus der Weihnachtszeit 1951 doch bereits im westfälischen Detmold, adressierte es an Mama in Sachsen und wünschte sich „weiter nichts“ von seiner lieben „Süßen“, der guten „Mutti von Margitta“, „als dass du kommen tust. Das ist mein Wunsch für mein Leben, bei dir sein und bleiben. Wenn ich an Weihnachten denke, kommt mir das Grauen. Ich weiß, was ich die Feiertage mache. Ins Bett gehen und immer an dich denken, wie du zum Tanz gehen wirst. Aber einer der treu bleiben will, darf so etwas nicht machen. Ich war hier in Detmold noch nirgends. …

Ich liebe dich nur ganz allein.“

Ob Mama den Liebesbrief beantwortete, während der Weihnachtszeit 1951 ausging und Huberts Eifersucht begründet war, kann wohl niemand mehr sagen. Womöglich wollte meine Mutter gar nichts mehr von meinem Vater wissen. War Hubert in den Westen gegangen, um eine Arbeit anzunehmen? Oder hatte er sich verdrückt, nachdem das Amtsgericht Rochlitz meinem Vater auferlegt hatte, „dem Kinde … bis zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit … eine im voraus zu entrichtende Geldrente von vierteljährlich 105,- DM … zu zahlen und die Kosten dieser Verhandlung zu tragen.“ Auf restlose Begeisterung für seine Vaterschaft lässt die „Verhandlung“ am Amtsgericht Rochlitz nicht schließen. Gleichwohl werden sich die Ereignisse nicht vollständig entwirren lassen. Bat mein Vater Hubert doch bereits einige Wochen vor seinem Liebesbrief, damals noch in Brühl bei Köln lebend, das dortige Standesamt in eidesstattlicher Erklärung darum, seine „Braut auf der Reise nach hier zu unterstützen.“

„Ich beabsichtige“, beteuerte mein Vater, „sofort nach meiner Großjährigkeitserklärung mit der Ursula Theer, ohne Beruf, evangelischer Religion, geboren am 3. November 1931 in Zapplau, Kreis Guhrau, die im Augenblick in Obergräfenhain, Kreis Rochlitz in Sachsen wohnt, die Ehe beim hiesigen Standesamt zu schließen. Da meine Braut bereits am 18. April 1951 in Obergräfenhain … ein Kind mit Vornamen ‘Margitta-Giesela“ vor der Ehe geboren hat, und ich der Vater dieses Kindes bin, … bitte ich meine Braut für die Reise nach hier zu unterstützen, damit wir hier unsere Ehe schließen können und das voreheliche Kind legitimiert werden kann.“

Erst eineinhalb Jahre später fuhr Mama mit mir und „Tausendschön“ tatsächlich in den Westen. Zu Hubert jedoch führte uns die Republikflucht nicht.

In Kulmbach lebte ich von 1953 bis 1956

Kinderjahre in Kulmbach

„Unser neues Zuhause“, erklärte ich „Tausendschön“ und betrachtete den Bauernhof meines Onkels in der Gegend von Kulmbach, auf dem wir ein kleines Zimmer beziehen sollten. Wie klein es war sahen Mama und ich, als ihr Bruder uns die Tür öffnete. Eine schmale Kammer mit nichts als einem Bett lag vor uns, in der Ecke stand ein winziger Ofen. Es würde nicht einfach sein, damit ein Essen zu bereiten, bot er doch nur Platz für einen Topf. Und nicht einmal einen solchen besaßen wir. Unser Bettzeug, das uns bei den Russen beinahe hatte auffliegen lassen, steckte in unserem Koffer, ebenso etwas Kleidung und jenes Konvolut Papiere, das ich später im Nachlass meiner Mutter auffinden sollte. „Mama, ich habe Hunger“, sagte ich leise, saß neben meiner Mutter auf dem Bett und blickte zur Tür, die sich eben hinter meinem Onkel geschlossen hatte. Seine Frau würde uns später etwas bereiten. „Eine Willkommensmahlzeit“, wie sie sagte. Danach waren wir auf uns gestellt, gingen los und besorgten einen Topf.

Es war kein Laden, in den wir gingen. Vielmehr nahmen wir unseren Weg durch das Dorf und entlang der Einfahrten zu den Bauernhöfen. Mir gefiel, was ich sah. Und auch „Tausendschön“ sollte es mögen, das hübsche Dorf, in dem wir im Westen nun lebten. Jeden Winkel würde ich durchstreifen und kennenlernen. Ganz allein, während meine Mutter auf der Arbeit war. Bald auch wieder an der Hundehütte vorbeikommen und mich daran erinnern, wie Mama und ich uns eilig dem kleinen Häuschen genähert, einen dem Hund als Fressnapf dienenden Topf geschnappt und uns davongemacht hatten.

Der Topf hatte ein Loch. Wir behielten ihn dennoch, suchten die Schmiede und Mama ließ das richten. Später, während der Topf auf unserem Ofen stand und einige Kartoffeln darin kochten, saß ich mit „Tausendschön“ davor und dachte an den Hund. Wir hatten ihm seinen Napf einfach vor der Hundehütte weggeklaut. „Ich glaube, wir durften das“, flüsterte ich „Tausendschön“ ins Ohr. „Der Hund kann ja auch so fressen.“