Und dann kam Uschi - Grit Steinitz - E-Book

Und dann kam Uschi E-Book

Grit Steinitz

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Beschreibung

Wie würden Sie reagieren, wenn Sie die Diagnose Brustkrebs erhalten? Und Sie im nächsten Moment mit der Feststellung konfrontiert werden, dass es für Ihre Form des Krebs eine Therapie gibt, von der man aber nicht weiß, ob und wie sie in Ihrem Fall wirkt? Dass sich diese Therapie als Möglichkeit anbietet, aber keine Gewissheit gibt? Für die Autorin dieses Buches wurde 2016 aus der hypothetischen Frage bittere Realität. Wie umgehen mit der Erkenntnis, einen der bösartigsten Tumore in der Brust zu haben? Grit Steinitz stellte sich der Diagnose und nahm den Kampf gegen den Krebs auf. Sie fand ihren Weg, dokumentierte das Wie, hinterfragte das Warum, entdeckte Stolperfallen und Sackgassen, erkannte sich selbst und erschuf sich neu. Das vorliegende Buch ist das Psychogramm des Weges. Es zeigt die ungeschminkte Wahrheit der akuten Behandlung und ist dennoch eine Hommage an das Leben. (Klappentext)

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EPUB
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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Grit Steinitz

UND DANN KAM USCHI

Psychogramm einer Brustkrebsbehandlung

»Wird’s besser? Wird’s schlimmer?fragt man alljährlich.Seien wir mal ehrlich:Leben ist lebensgefährlich!«

Erich Kästner

Das Buch enthält ungeschönte Darstellungen einer Brustkrebsbehandlung, die Ängste und Ohnmachtsgefühle hervorrufen können.

Bitte gehe sorgsam mit Dir um und achte auf Deine Reaktionen beim Lesen.

Inhalt

Cover

Titelblatt

NEUE ZEITRECHNUNG

WIE GEHST DU DAMIT UM?

Meine Strategie

ES GIBT VIEL ZU LERNEN

UND DANN KAM PETER

ICH WILL SCHÖN SEIN, IMMER!

DIE ERSTE VON NEUN

DIE LOCKEN MÜSSEN FALLEN

NUR NOCH ACHT

UND DANN KAM BRITTA

Beschreibung der Honig-zieh-ab-Methode

GESCHENKE

WIEDER EINMAL WARTEN

ES GIBT ETWAS ZU FEIERN

DIE REHA

WIEDEREINGLIEDERUNG

JAHR 1 N. U.

SONJA

STÜTZEN & HALTEN

PHÖNIX STEIGT AUS DER ASCHE

AUGUST 2021

REZEPT FÜR GRIT’S »GRÜNEN SMOOTHIE«

ANHANG

ERKLÄRUNGEN

ABC DER NEBENWIRKUNGEN

HILFESEITEN

LITERATUR

AUTORENPORTRÄT

Urheberrechte

Und dann kam Uschi

Cover

Titelblatt

NEUE ZEITRECHNUNG

AUTORENPORTRÄT

Urheberrechte

Und dann kam Uschi

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NEUE ZEITRECHNUNG

Am 13. Oktober 2016 detonierte die denkbar schwerste Nachrichtenbombe in meinem Alltag und es begann eine neue Zeitrechnung: »n. U.«. Seitdem zähle ich ein Leben vor diesem Einschlag und eines danach, ein Kreuzweg, dessen Bedeutung ich an diesem Tag nur geahnt, aber erst viel später mit seinen weitreichenden Folgen erfassen konnte. Die Explosion und die Druckwellen, das war mir schon zu diesem Zeitpunkt bewusst, würden meine bisherigen Zukunftspläne vernichten. Nun würde es unbequeme Entscheidungen und schmerzhafte Maßnahmen geben, die mit meinen bisherigen Erfahrungen nicht viel zu tun haben würden. Verwirrt betrat ich eine neue Welt, die Welt der Kranken und des Schmerzes mit all den neuen Begrifflichkeiten und Körperkennzahlen, mit gestresstem ärztlichen Personal und mit Hoffnungen beladenen Strategien zum Überleben. Ich ging durch eine Pforte hindurch in einen Palast mit teuren bedrohlichen Geräten, unbekannten Gerüchen und einem bitteren Beigeschmack. Ab sofort galt ICH todgeweiht.

»n. U.« – »nach Uschi«. Uschi, der Name klingt harmlos, aber das war Uschi keineswegs. Trotz ihrer Kirschkerngröße war sie hoch aggressiv, wuchs invasiv in das sie umgebende Fleisch und sie reduzierte meine Lebenserwartung auf einen Schlag um ein Vielfaches. Ihrem Wesen nach war sie ein triplenegatives Mammakarzinom, ein Brustkrebs der übelsten Sorte mit der höchsten Wachstumsrate der entarteten Zellen und den schlechtesten Prognosen für das Überleben der Trägerin, mich. Wenn einem etwas Angst machen kann, dann die medizinische Beschreibung dieses speziellen Typus von Brustkrebs.

An diesem ersten Tag als Kranke in einer Reihe vieler weiterer war zunächst nur eines klar, dass der Schatten, den meine Gynäkologin auf dem Sonographie-Bildschirm sah, einer weiteren Untersuchung und vor allem einer genauen Abklärung bedurfte. Nach den gängigen medizinischen Kategorien sah er in jedem Fall atypisch aus. Die erste Lektion für die neue Patientin lautete:

»Wenn ein Arzt zu dir sagt, dass eine weitere Untersuchung notwendig ist, wird es ungemütlich und in achtzig Prozent der Fälle schmerzhaft. Es gibt eine geballte Ladung Stress und Angst frei Haus und dabei ist die Verarbeitung des anstehenden Ergebnisses noch nicht mit eingerechnet.«

Meine Gynäkologin hatte zunächst auf der linken Seite begonnen, die Brust zu scannen. Ich war zu ihr in die Praxis gekommen, um den aktuellen Zustand der Zysten begutachten zu lassen. Seit einiger Zeit hatte ich verstärkt ein Ziehen in der Brust und vor zwei Monaten hatte sie einige Zysten als deren Verursacher erkannt. Heute sollte nun überprüft werden, inwieweit sich die Zysten verändert hatten. Neben den kreisrunden weißen Blasen mit schwärzlichem Inhalt hatte ich aus dem Augenwinkel ein zerrupftes verschwommenes Etwas entdeckt. Genaueres konnte ich aber nicht erkennen, weil die Ärztin abrupt auf die rechte Seite wechselte. Auch auf dieser Seite waren mehrere kreisrunde Zysten vorhanden und jede wurde von ihr gewissenhaft ausgemessen. Eine ähnliche zerrupfte Struktur war aber nicht erkennbar. Sie meinte, dass sie die linke Seite gerne auch ihrem Kollegen zeigen würde, weil eine Stelle atypisch aussehen würde und genauer untersucht werden müsse.

Der hinzugerufene Leiter der Praxis Dr. Schmidt schaute sich den Schatten an, den Uschi auf den Sonographie-Bildschirm warf. Er bestätigte die erste Einschätzung meiner Gynäkologin, dass möglichst schnell eine Abklärung erfolgen sollte. In meinem Fall müsse man eine »Stanzbiopsie« einsetzen. Den Namen »Stanze« darf man ruhig wörtlich nehmen und die Bilder, die beim Aussprechen des Begriffes im Kopf entstehen, eine Weile auf sich wirken lassen.

Von den Ereignissen völlig überrumpelt wurde ich gefragt, ob ein neuer Termin angesetzt werden solle oder ob ich bereit wäre, die Biopsie gleich vornehmen zu lassen. Ich lag mit nacktem Oberkörper und mit Gel beschmierten Brüsten vor den Ärzten und bemühte mich ernsthaft über die Frage nachzudenken. Was würde mir ein späterer Untersuchungstermin bringen, außer dass er mir viel Zeit zum Grübeln geben würde, um noch mehr Ängste zu entwickeln? An der Notwendigkeit nachzuschauen, hätte sich bei einer späteren Untersuchung nichts geändert, also entschied ich mich für eine Biopsie gleich im Anschluss.

Die Stanze fuhr fünfmal mit Hochgeschwindigkeit in eine der empfindlichsten Stellen meines Körpers. Bei jedem Stich wurden wenige Gramm Gewebe aus dem Kirschkern entnommen und standen für eine spätere Untersuchung zur Verfügung. Dass die Stelle oberhalb der Brustknospe vor dem Einstich örtlich betäubt wurde, milderte den einsetzenden Schmerz nur geringfügig ab. Ein handtellergroßes quadratisches Pflaster bedeckte nach der Untersuchung die Stelle, aber obwohl ich später ein Kühlkissen auflegte, es verhinderte nicht, dass in den folgenden Tagen ein tiefblauer Fleck die zarte Haut zeichnete.

Der erste Tag als Todgeweihte hielt noch weitere Hiobsbotschaften für mich bereit. Der Arzt erklärte mir eindringlich, dass eine Operation sehr wahrscheinlich notwendig sein würde, aber man müsse erst einmal das Ergebnis des Pathologen abwarten. Dieser würde das Gewebe klassifizieren und erst nach dem Ergebnis würde man entscheiden, wie es mit mir weitergehen würde.

Irgendwie fand ich den Ausgang der Praxis.

Warten.

Gerade war ich stolz, dass ich die Arbeit der Stanze mit zusammengebissenen Zähnen tapfer überstanden hatte, nun musste ich die nächste Lektion im Leben einer professionellen Kranken lernen und WARTEN. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte: Warten ist die Königsdisziplin aller Krebspatienten, ihr tägliches Brot und absolut überlebensnotwendig. Warten auf das Ergebnis der Blutuntersuchung. Warten auf den nächsten Behandlungsschritt. Warten auf das Ende der qualvollen Chemotherapie. Warten auf das Ende.

Sieben Tage musste ich mich gedulden. Dieser unter normalen Umständen relativ kurze Zeitraum reichte aus, um mich nachhaltig zu verunsichern. Trotz Berufstätigkeit und Alltag gab er mir genügend Raum für Spekulationen. Ich war den schlimmsten Befürchtungen schutzlos ausgeliefert. Mal erstarrte ich und wusste nicht, was ich von den Mitteilungen der Ärzte halten sollte. Dann versuchte ich mir vorzustellen, was demnächst passieren würde. Ein anderes Mal rätselte ich gemeinsam mit meinem Mann über die Ereignisse, ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen. Jeden Tag ging ich zur Arbeit, gab mich wie gewohnt und versuchte zu verdrängen, was mich beunruhigte.

»Was wäre wenn …«, hämmerte es trotzdem pausenlos im Kopf. Worauf müsste ich mich einstellen? Könnte es das schlimme K-Wort sein? Nein, so schlimm ist es bestimmt nicht.

In der Nacht vor dem nächsten Arzttermin war die Anspannung unerträglich, die Nerven aufs Äußerste gespannt. Im Bett weinte ich hemmungslos und mein Mann versuchte sein Bestes, um mich mit »Das müssen wir jetzt durchstehen« zu trösten. Ich wollte endlich Klarheit, wollte wissen, was im Laborbericht steht, egal was es bedeutete, bloß keine Unsicherheit mehr. Ich war naiv.

Am nächsten Tag, dem Tag der Verkündung, begannen sich die Ereignisse zu beschleunigen. Das Gespräch mit Dr. Schmidt brachte nun die von mir gewünschte Klarheit. Er eröffnete mir ohne Umschweife, dass »die Stelle« doch keine gutartige Geschwulst sei, sondern ein BRUSTKREBS. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch eine vage Hoffnung auf einen guten Ausgang gehabt. Mit dem einen Satz »Sie haben Brustkrebs« wurde sie ansatzlos vernichtet. Dr. Schmidt fuhr rasch mit seinen Erläuterungen fort, zeigte die Behandlungsstrategie auf und erklärte, dass in jedem Fall eine Chemotherapie notwendig sei, danach sollte die Brust operiert und im Anschluss bestrahlt werden – das volle Programm. Die gesamte Palette der Behandlungsmöglichkeiten wollte er einsetzen. Man dürfe auch nicht mehr lange zaudern, sondern müsse schnell aktiv werden, schob er nach. Mit der Diagnose sei nicht zu spaßen. Das nächste halbe Jahr gäbe es für mich nur die eine Aufgabe, die Behandlung aktiv mitzumachen. Alles andere in meinem Leben sei ab sofort nicht so wichtig wie diese eine Aufgabe.

Langsam kroch es mir kalt den Rücken hinauf, meine Hände zitterten unaufhörlich und unter der Bauchdecke vibrierte es.

Dr. Schmidt zeigte sich aber optimistisch, denn man hätte den Krebs in einem sehr frühen Stadium erkannt und mit dem aufgezeigten Behandlungsprofil hätte man sehr gute Erfahrungen gemacht. Außerdem sei mein Allgemeinzustand gut. Körperlich fit würde ich die Behandlung schon gut überstehen.

Die Worte sollten trösten und aufmuntern, aber ich konnte sie nur schwer aufnehmen, geschweige denn an sie glauben. Meinen Glauben hatte ich gerade restlos verloren. Ich schaute ihn mit verschwommenen Augen an und war auf die nächste niederschmetternde Ankündigung gefasst.

Dr. Schmidt empfahl mir die Teilnahme an einer medizinischen Studie, die für meinen speziellen Brustkrebstyp besonders geeignet sei. Weiter eröffnete er mir, dass, wenn ich mit der Behandlung einverstanden sei, würde er sich gemeinsam mit seinem Team um die Termine für die Voruntersuchungen kümmern. Schon in der nächsten Woche würde am Montag und an jedem weiteren Wochentag eine Untersuchung stattfinden. Gekrönt würde die nächste Woche mit einer Operation am Freitag, bei der mir ein sogenannter PORT gesetzt werden würde. Port? So wie englisch für Hafen? Nein, wohl eher wie für eine Pforte. Den Begriff hatte ich noch nie gehört. Der Port sei unbedingt notwendig, um die Chemotherapeutika zu verabreichen, erklärte Dr. Schmidt. Und im Übrigen würden mir aufgrund der Behandlung die Haare ausfallen, das sei leider nicht zu verhindern.

Aha, na ja, wenn es nicht anders geht. Es gab noch einen Krankenschein vom Doktor, denn arbeitsfähig sei ich ab sofort nicht mehr. Wieso denn das? Ich fühle mich doch gut und gesund. Nur dieses Ziehen in den Brüsten wegen der Zysten nervt etwas, aber sonst bin ich doch fit. Ich verstand es nicht.

Dr. Schmidt war immer noch nicht fertig mit seinen Ankündigungen. Wenn ich noch etwas Zeit hätte, dann könnte ich heute noch das Gespräch mit dem behandelnden Onkologen Dr. Immerhoff führen. Dieser würde mir im Anschluss viel genauer die einzelnen Behandlungsschritte erläutern. Ich war als ernster Fall eingestuft worden und die beiden Doktoren hatten bereits im Team vereinbart, welche Maßnahmen sinnvoll sein würden. Dr. Schmidt war nur der erste Verkünder der schlechten Nachrichten.

Ich konnte vor lauter Mitteilungen kaum mit meinen Gedanken folgen und war mit allem einverstanden, was mir vorgeschlagen wurde. Ehe ich mich versah, saß ich mit den Zetteln in den zitternden Händen im Warteraum. Das Arztgespräch hatte nicht länger als eine halbe Stunde gedauert. Das Schwirren im Kopf wollte kein Ende nehmen.

Hatte ich gerade dieses Gespräch mit dem Arzt geführt?

Hatte er wirklich BRUSTKREBS gesagt?

Kneift mich doch einmal irgendjemand! Das kann doch nur ein mächtig falscher Film sein … mit mir als grandioser Fehlbesetzung. Ich versuchte die Gedanken zu ordnen, ein paar Tränen liefen die Wangen hinunter, für mehr blieb keine Zeit, denn nun folgte der nächste Akt mit noch mehr Informationen, die ich unbedingt aufnehmen musste.

Wenn ich gedacht hatte, das Schlimmste hätte ich an diesem Tag hinter mir, dem war nicht so. Diese und andere Fehleinschätzungen passierten mir in der Folgezeit häufiger. Ich stieg an diesem gewöhnlichen Herbsttag ganz allein in die enge Kabine einer Achterbahn und es begann kopfüber eine rasante, halsbrecherische Fahrt, von der ich nicht wusste, wie lange sie dauern und wohin sie mich bringen würde. Ganz langsam drang die eine ernüchternde Erkenntnis zu mir durch: Nun ist es also wahr geworden, das Unaussprechliche ist Wirklichkeit. Das böse K-Wort war in mein Leben getreten.

Der Onkologe Dr. Immerhoff kam mir freundlich, aufgeschlossen und empathisch entgegen. Er legte seine warme rechte Hand sanft an meinen linken Oberarm und führte mich zu seinem Schreibtisch. Ein sympathischer schlanker Mann in seinen besten Jahren mit einer Aura aus Kompetenz und Selbstbewusstsein begann seine Rede. Sein Tempo war ein gemächliches, seine Ankündigungen hatten es umso mehr in sich. Sie verbreiteten ihren Schrecken langsamer und nachhaltiger in mir. Er sprach in einem ausgewählten ruhigen Tonfall und entschuldigte sich zunächst für die hektische Art seines Kollegen. Ihm war wichtig, dass ich trotz der gerade erhaltenen niederschmetternden Nachricht begreife, was an einzelnen Behandlungsschritten auf mich zukommen würde, inwieweit die medizinische Studie hierbei eine Rolle spielen würde und was genau ich da in meiner linken Brust hätte. Worte wiederholten sich. Ich hörte sie, aber ich hörte sie auch wieder nicht. Sie drangen nicht bis zu meinem Verstand vor. Ein paar meiner aufkommenden Illusionen nahm er mir gleich in diesem ersten Gespräch. Andere Irritationen, Wünsche und Vorstellungen wurden zu einem späteren Zeitpunkt geradegerückt. Eines stellte er schon in diesem frühen Stadium des Kennenlernens klar, er würde mich auf meinem Weg bestmöglich unterstützen und versuchen, alle meine Fragen zu beantworten. Eine Vertrauensbasis war bereitet und bei allem, was danach kam, wurde sie trotz der Unwägbarkeiten und Frustrationen nie erschüttert.

Wenn man das Thema Krebs in seiner bisherigen Lebenswirklichkeit erfolgreich verdrängt hatte, so wie ich, und daher der irrigen Annahme war, wenn die eigene Mutter bisher keinen Brustkrebs bekommen hatte, man selbst auch keinen bekommen würde, dann war die Zeit mehr als reif dafür, endlich auf die realen Gefahren eines Frauenlebens in der heutigen Zeit zu schauen. Eine halbwegs gesunde Ernährung, eine moderate Bewegung, der Verzicht aufs Rauchen und ein überschaubarer Alkoholkonsum hatten meinen Körper nicht davon abgehalten, Brustkrebszellen zu entwickeln. Oft erscheint es mir, dass die genetische Komponente bei der Berichterstattung über Brustkrebs überbetont wird. Angelina Jolie sei dank.

Wahr ist, dass JEDE ACHTE FRAU einmal in ihrem Leben an Brustkrebs erkrankt und dass erbliche Faktoren nur bei zehn bis fünfzehn Prozent der Fälle eine Rolle spielen. Die ungeschminkte Wahrheit ist, dass unser Lebensstil, die schnelllebige Arbeits- und Freizeitwelt, die Belastungen in der Familie, dazu unsere Ernährung und die Industrieprodukte um uns herum dafür sorgen, dass wir krank werden. Egal in welchem Alter, jede achte Frau wird dieser Schicksalsschlag treffen und nun bin ich eine von ihnen.

Dr. Immerhoff erläuterte sehr genau, welcher spezielle Typ von Krebs in meiner Brust heranwuchs. Aber auch seine ruhige und mitfühlende Art machte es mir nicht leichter, die Fakten zu verdauen. Ich lernte, dass Brustkrebs nicht gleich Brustkrebs ist und zahlreiche Variationen von entarteten Zellen entstehen können. Ich musste zur Kenntnis nehmen, dass die in der Chemotherapie einzusetzenden Mittel hochgradig giftig für meinen Körper sein würden. Ein verkürztes Intervall würde ihre Wirksamkeit noch steigern. Statt eines dreiwöchigen Abstandes zwischen den einzelnen Therapien, sollten die Infusionen alle zwei Wochen erfolgen.

Aha, na ja, anders geht es wohl nicht. Es würden bei jeder Behandlung zusätzliche Mittel geben werden, die den Körper auf das Gift vorbereiten und die Nebenwirkungen abmildern würden: Antibiotika, Antihistamine, Tabletten gegen Schmerzen, Mittel zur Anregung der Blutbildung und so weiter. Na, das hört sich doch gut an. Dann wird es wohl nur halb so schlimm. Er fuhr fort. Leider sei die Auswahl der unterschiedlichen Gifte nur bedingt zuverlässig, da man aus ärztlicher Sicht nicht gesichert weiß, welches der Mittel gegen meinen triple-negativen Brustkrebs helfen würde, welches das beste Mittel für die Bekämpfung sei. Die Krux sei, dass die Krebszellen eine besondere Ausstattung hätten, keine Rezeptoren für Progesteron, Östrogen und keine HER2neu-Rezeptoren und deshalb würde diese Art von Brustkrebs TRIPLE-NEGATIV genannt.

Na toll! Nein … Mist! Nein … Scheiße! Es gab keine anerkannten und wirksamen Heilmittel! Und das trotz hochgelobter Medizin und der ganzen technischen Errungenschaften! Wenn schon ein Einstieg ins Thema Brustkrebs, dann aber richtig und mit voller Breitseite. An diesem Tag erfuhr ich, dass mich von allen möglichen Brustkrebsarten, die tödlichste Variante erwischt hatte. Der Boden brach vor mir auf und ein klaffender Abgrund starrte mich an. Kein sicheres Terrain in Sicht. So am Rand zu stehen, drohte mir jederzeit der Absturz in die Tiefe. Ein falscher Schritt und der letzte Rest Halt würde wegbrechen und mich ins pechschwarze Nichts stürzen lassen.

Mit dem Stapel Unterlagen – Überweisungen, dem Krankenschein, den Informationen zur geplanten Studienteilnahme und der Einverständniserklärung – ging ich aus der Praxis und konnte nicht schnell genug das Gebäude verlassen. Jetzt blieben mir vier ganze Tage, um mich in die Studienunterlagen einzulesen und dann zu entscheiden, ob ich mich für die Studie zur Verfügung stellen wollte.

Eine letzte schwierige Aufgabe kam an diesem Tag noch auf mich zu: Ich musste meinem Mann die Diagnose mitteilen. Den Weg von der Praxis zur Wohnung ging ich trotz der zwei Kilometer Entfernung zu Fuß. Ich brauchte ganz dringend Bewegung. Beim Gehen griff ich zum Mobiltelefon, wählte fahrig seine Nummer und hörte die ruhige Stimme am anderen Ende. Ohne größere Vorrede platzte es aus mir heraus. Meine damaligen Worte sind trotz der Dramatik nicht mehr in meinem Gedächtnis. Ich kann mich nicht an sie erinnern. Beim Reden konnte ich meine Tränen endgültig nicht mehr zurückhalten. Sie liefen und ich schluchzte ungehemmt. Seine Reaktion war mitfühlend, ohne überflüssige Worte und pragmatisch wie immer: »Scheiße. Ich sag meinem Chef, dass ich keine Montage mehr machen kann. Das stehen wir durch!« Ein großes Dankeschön an das Universum dafür, dass dieser Mann vor vielen Jahren in mein Leben trat und nun an meiner Seite stand.

Bei der Entscheidung, ob eine Studienteilnahme sinnvoll sein würde, konnte er mir nicht helfen. Diese Entscheidung musste ich allein treffen. Nach quälenden vier Tagen mit ständigem Grübeln hatte ich mich dafür entschieden, trotz der langen Liste aller kurzzeitigen Nebenwirkungen und der Informationen über die Langzeitwirkungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eintretenden würden. Von den Chemotherapeutika, die eingesetzt werden sollten, stand nur eines kurz vor der offiziellen Zulassung, die anderen Mittel waren erprobt und wurden seit vielen Jahren in der Onkologie eingesetzt. Die Kombination der einzelnen Mittel, ihre höhere Dosierung und der Abstand zwischen den Behandlungen sollten den entscheidenden Unterschied gegenüber der üblichen Methodik bewirken. Ich würde zu einem Untersuchungsobjekt mit Patientennummer in einer so genannten Phase III-Studie werden.

Bisher hatte ich von einigen Auswirkungen der Chemotherapie gehört, in den Unterlagen konnte ich schwarz auf weiß und sehr detailliert nachlesen, was alles möglich war. Das Gelesene hinterließ bei mir weitere tiefe Angstspuren. Was würde es später für mich für einen Unterschied machen, wenn eine der genannten Nebenwirkungen nicht eintrat? Der Rest war für mich erschreckend genug. Ich musste den beiden Ärzten einfach vertrauen, die mir versicherten, dass diese Behandlungsmethode die Bestmögliche und die mit der höchsten Wahrscheinlichkeit eines »erfolgreichen Ansprechens« in meiner Situation wäre.

»Denn sie weiß nicht, was sie tut« hätte der Titel zum laufenden Film sein können. Die Verwirrung, die Ratlosigkeit und die Angst stiegen weiter mit jeder Stunde, die seit der Verkündung der Diagnose und dem Ende der beiden Gespräche vergangen war. Ein Ende oder eine Normalisierung waren nicht in Sicht, jedenfalls nicht im nächsten halben Jahr. Wenn ich vieles in dieser ersten Zeit nicht wusste, aber eines wusste ich ziemlich genau, dass jetzt eine Phase kommen würde, in der mein Körper auf vielerlei Art geschunden werden würde. Ich würde starke Schmerzen kennenlernen und lernen, sie zu ertragen. Meine Psyche und meine Seele würden mit hoher Wahrscheinlichkeit Schaden nehmen. Diese Lebensphase würde eine längere Zeit andauern, ehe es langsam wieder besser werden könnte, im besten Fall … oder auch nicht.

Aber mein Kampfgeist war geweckt. Ich wollte alles Mögliche tun, damit ich wieder eine Zukunft bekommen würde. »Komm, sag mir, was ich tun soll! Wie schaffe ich es, dass es wieder gut wird? Ich werde alles tun! Eine Langstrecke? Egal, ich bin bereit!« Adrenalin pur. Trotz des entfachten Willens weinte ich andauernd. Wie konnte das nur passieren? Wieso gerade mir? Womit hatte ich das Schicksal herausgefordert? Die Unruhe kreiste, die Gedanken fanden keinen Halt und ich bekam keine Antworten. Ich fühlte mich nur erschöpft und unsäglich schwer.

So trat Uschi also in mein Leben. Damals hieß sie noch nicht Uschi. Den Namen habe ich ihr erst später gegeben. Der medizinische Name war mir zu lang und zu sperrig. Ich wollte diesem Ding einen fiesen Namen geben, einen Namen, den ich hasste, den ich zutiefst ablehnte. Irgendwann kam ich auf Uschi. Uschi nannte mein Mann mich früher manchmal, wenn er mich ärgern wollte. Ich mochte den Namen nicht, fand ihn immer abwertend. Ich sah eine kleine verhutzelte, schlecht gekleidete Frau vor mir, die nichts alleine zustande bringt, die man herumstoßen kann und die es allen recht machen will. Der Name stand für all jene Eigenschaften einer Frau, die für mich unter keinen Umständen akzeptabel waren.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Frauen mit dem Vornamen oder Spitznamen USCHI entschuldigen. Bitte verzeiht mir, aber es waren ganz private Assoziationen in dieser sehr speziellen Zeit und als sozialisierte Ostfrau kam mir auch die Verbindung zum Nachnamen »Obermaier« nicht als erstes in den Sinn.

Es war nicht der einzige Name, den ich in meiner neuen Zeitrechnung »n. U.« vergeben habe. Der nächste war ein männlicher Name »Peter«, aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Funfact könnte an dieser Stelle der Geschichte sein, dass ich im offiziellen Brustkrebsmonat Oktober, dem Monat, in dem die internationale Aufmerksamkeit auf die Vorbeugung, Erforschung und Behandlung von Brustkrebs gerichtet ist, meine Diagnose erhielt. Aber darf das sein? Darf man über Krebs einen Spaß machen?

WIE GEHST DU DAMIT UM?

Diese Frage wurde mir oft gestellt. Die ehrliche Antwort ist, dass es niemanden gibt, der Einem sagen kann, wie es funktioniert und welcher Weg der richtige ist. Du musst es selbst herausfinden, was dir in der jeweiligen Situation gut tut und was nicht. Von den Ärzten oder Krankenschwestern brauchst du diesbezüglich keine allwissenden Antworten erwarten, denn sie sind mit der Durchführung der Behandlung und dem Organisieren der Abläufe vollends ausgelastet. Lesen und nochmals lesen, Informationen aus den unterschiedlichen Quellen sammeln und vor allem mit anderen Betroffenen reden, das alles ist hilfreich. Und so nach und nach findest du deinen ganz eigenen Weg mit der Erkrankung umzugehen.

Kurz nach der Diagnose und bis zum Ende des zweiten Monats »n. U.« habe ich mir diese Frage oft gestellt, immer angstvoll und voller Verzweiflung.

Etwas weiter auf meinem Weg, als ich mich auf die neue Situation besser eingestellt und eine eigene Strategie festgelegt hatte, nicht mehr so häufig. Heute, mehr als vier Jahre nach der Diagnose, spielt die Frage keine große Rolle mehr. Der Umgang mit der Krankheit ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Eine Herausforderung bleibt es, auch wenn sich die Blickrichtung verändert hat.

Wenn es keinen Goldenen Weg gibt, was mache ich denn nun ganz konkret? Die Antwort erscheint relativ simpel: Ich greife auf eigene Erfahrungen, Erkenntnisse und Bewältigungsstrategien zurück. Bis zum Zeitpunkt der Diagnose hatte ich bereits Krisensituationen gemeistert. Dazu lernte ich sehr viel Neues und akzeptierte, was nicht zu ändern war. In meinem Fall waren es meine Grundhaltung zum Leben, eine buddhistische, und die Weisheiten der Amerikanerin Louise Hay, einer weltbekannten Autorin von Lebenshilfebüchern. Hinzu kam mein tiefer Glaube an die Wirksamkeit jeglicher Art von Atemtechnik kombiniert mit dem regelmäßigen Üben von Autogenem Training. Das gesamte Paket ergänzte ich mit den Anregungen aus einem neu entdeckten Buch, dem »Antikrebs-Buch« von David Servan-Schreiber. Der Autor, ein Wissenschaftler und Hirnforscher, erkrankte an einem Gehirntumor. Im Zuge der Auseinandersetzung mit seiner Krankheit hatte er die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse, Studien und Methoden zusammengetragen, um eine möglichst breit gefächerte praktische Anleitung zum Umgang mit einer Krebserkrankung und auch der Verhinderung einer Ersterkrankung zusammenzustellen. Ich hatte das Buch begeistert verschlungen und einzelne Passagen mehrfach gelesen. Nein, ich hatte mich nicht der Illusion hingegeben, dass ich nun die ultimativen Mittel für den Endkampf gegen den Feind in meinem Körper in der Hand hatte, gegen Uschi, aber der Autor hatte viele meiner eigenen Ideen, wie man mit der Erkrankung umgehen könnte, bestätigt und um eine Reihe einiger neuer ergänzt. Alles in allem ergab sich so mein ganz persönliches Konzept und eine konkrete Handlungsanweisung, der ich folgen wollte.

Das oberste Prinzip stand fest: Ich wollte eine aktive Rolle bei der Behandlung meiner Krankheit spielen. Ich konnte mich nicht allein den Ärzten, ihren Methoden und Bewertungen ausliefern. Das Bild einer passiven Patientin, die klaglos, ohne zu fragen, alles mitmachen würde, was die Götter in Weiß vorschlugen, entsprach nicht meinem Selbstbild und Naturell. Ich wollte mich informieren, damit ich mit Ihnen reden konnte, damit ich ihre Handlungen nachvollziehen und sie ein Stückchen kontrollieren konnte. Ich musste wissen, was gerade in meinem Körper passierte und was er brauchte, um wieder zu genesen. Alle Entscheidungen, die ich treffen musste, wollte ich wohl überlegt und mit möglichst klarem Blick auf die Konsequenzen tragen. Falsche Hoffnungen galt es zu vermeiden. Konnte ich eine fundierte Analyse erhalten oder musste ich feststellen, dass man diese eine bestimmte Frage nicht hundertprozentig beantworten kann? Letzteres war im Übrigen meistens der Fall. Ein hoher Anspruch, aber darunter ging es für mich nicht, schließlich stand das Wichtigste überhaupt auf dem Spiel – mein Leben.

Meine Strategie

Die erste Säule der Strategie betraf mein Vertrauen in die Fähigkeiten der Medizin und der modernen Wissenschaft mit den teuren Medikamenten, den spezialisierten Untersuchungen und den Schrecken verbreitenden Großgeräten. Diese Medizin hatte schon vielen Menschen das Leben gerettet, so wollte ich glauben. Ich vertraute und vertraue immer noch den Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern. Aber das alleine reichte mir nicht. Ich las viel, lernte medizinische Begriffe und versuchte Zusammenhänge zu erkennen. Während der ganzen Zeit und insbesondere bei tiefer gehenden Fragen habe ich das Gespräch mit Ihnen gesucht und ihre Hilfsangebote angenommen. Um mir über meinen Zustand einen Überblick zu verschaffen, habe ich die Untersuchungsergebnisse kopieren lassen, damit ich sie mit Hilfe von Nachschlagewerken zu Hause lesen konnte. Das Verfahren empfand ich als anstrengend und anspruchsvoll. Sehr oft konnte ich die Informationen nur häppchenweise aufnehmen und ich musste Pausen einlegen, damit ich das Gelesene verarbeiten und irgendwie einordnen konnte. Es war verdammt hart zu erfahren, wie es um einen selbst steht und welche Aussichten sich aus der aktuellen Situation ergeben. Der Schrecken KREBS hatte mich im Würgegriff. Bald kam auch hinzu, dass ich körperlich und psychisch nur noch ein bestimmtes Quantum aufnehmen konnte. Das Trauma der Diagnose, der Stress der Behandlung und die sich allmählich ausbreitende Wirkung der Medikamente taten ihr unerbittliches Werk. Neben dem Vertrauen in die moderne Medizin nahm ich mir vor, die Behandlungen aktiv mitzumachen. Das bedeutete, keinen Widerstand gegen die geplanten Maßnahmen zu entwickeln, sondern sie ganz bewusst anzunehmen und zu akzeptieren, sie im besten Fall innerlich gelöst und optimistisch zu erleben.

Um mir selbst zu beweisen, was ich auf dem langen Behandlungsweg schon geschafft hatte, begann ich jedes Mal, wenn ich einen Behandlungsschritt absolviert hatte, ein Puzzleteil eines 900er-Puzzles in ein Glasgefäß zu legen. Über meinem Schreibtisch hängt ein Regal und gut sichtbar konnte ich jeden Tag das dort stehende Glas beobachten, wie es sich nach und nach füllte, wie meine Behandlung voranschritt und wie viel ich schon geschafft hatte. Eine Motivation für das Durchhalten auf der Marathonstrecke.

Jedes Projekt beginnt mit einem ersten Schritt oder eben einem Puzzlestein und setzt sich aus vielen weiteren Einzelschritten zusammen. Mein Plan war, am Ende der Behandlung, wenn alle Puzzlesteine aus dem Karton ins Glasgefäß gewandert waren, das Puzzle ein letztes Mal zusammenzusetzen. Das vollendete Bild würde dann das endgültige Ende der Krebsbehandlung dokumentieren. Das Motiv von Anne Geddes, neun vergnügte Babys in ihren bunten Schmetterlingskostümen, wollte ich auf einen Karton aufkleben. Ich würde es betrachten und mich darüber freuen, dass der Krebs nun besiegt und endgültig aus meinem Leben verschwunden ist.

Die zweite Säule betraf einen weiteren aktiven Anteil während der Behandlung. Zunächst bist du geneigt zu denken, dass eine große Katastrophe über dich hereingebrochen ist, dass das Leben bald vorbei sei und du nun nichts mehr machen kannst, sondern nur noch hinnehmen, was die Ärzte dir vorschlagen und auf den baldigen Tod warten.

Von diesem Satz stimmt aus meiner Sicht nur der erste Teil. Ja, es ist die größte Katastrophe, die über mich hereingebrochen ist. Ohne zu übertreiben, konnte ich sagen, dass ich mitten in einer gewaltigen universellen Lebenskrise steckte, die erhebliche Auswirkungen in der Gegenwart und für die Zukunft haben wird. Aber ich bin überzeugt, dass in dieser, wie in jeder anderen Krise, eine Chance steckt, die Chance ganz neue Erfahrungen zu machen, neue Menschen und andere Lebenswelten kennenzulernen. Es ist in jedem Fall eine Erweiterung des eigenen Horizontes und die Möglichkeit, Dinge aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, in meinem Leben etwas komplett Anderes zu machen als all die Jahre zuvor. Viele Menschen, die an Krebs erkranken, erlebten vor der Erkrankung eine lange Phase, die von Stagnation, Verzweiflung und Frustration geprägt war. Das sollte uns zu denken geben. Ich begab mich auch auf ein großes Abenteuer.