"Und davon will ich Sie nicht länger abhalten" - Martha Götz - E-Book

"Und davon will ich Sie nicht länger abhalten" E-Book

Martha Götz

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Beschreibung

Als Textsorte erscheint die Kunstrede, also die Einführung zu Kunstausstellungen, selten in Buchform, obwohl sie bei jeder größeren Ausstellung zur Anwendung kommt. Im Gegensatz zum Katalogtext ist sie eben nur »flüchtig«, ein etwa 10- bis 15minütiger Vortrag, der nur zum Anhören da ist und normalerweise nicht gedruckt wird. Die Kunstrede möchte Neugier wecken, vorhandenes Interesse verstärken, Impulse für das Betrachten sowie das Verstehen der Kunstwerke geben. Idealerweise bietet sie Aha-Erlebnisse und eröffnet andere Sehweisen auf das Werk. Dieser Band enthält zahlreiche Kunstreden zu unterschiedlichen Kunstrichtungen (z.B. dem deutschen Expressionismus oder Positionen der zeitgenössischen Fotografie) und beschäftigt sich mit den Werken von Elisabeth Büchel, Frederick Bunsen, Marianne Durach, Sara Focke Levin, Kathrin Gebhardt-Nieselt, Günter Grass, Friedensreich Hundertwasser, Horst Janssen, Guillermo De Lucca Villacis, Frank Lukas, Johannes Pfeiffer, Ingrid Piepenbring, Helene Roth, Johannes Rave, Claus Rudolph, Petra Seibert, Hartmut Steegmaier, Stefanie Welk u.a.

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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

»Originalgraphiken« – Günter Grass

»Bewegung – Zeichen – Bedeutung« – Stefanie Welk und Hartmut Steegmaier

Retrospektive »Bilderbogen« – Ingrid Piepenbring

»American Colors« – Sara Focke Levin

»Welt-Kunst – Kunst-Welt« – Friedensreich Hundertwasser

»Holz – Schrift – Zeichen« – Johannes Pfeiffer

»Originalgraphiken des deutschen Expressionismus«

»Anders betrachtet« – Frederick Bunsen

»Die Welt im Stein« – Guillermo De Lucca Villacis

»Radierungen« – Horst Janssen

»Farbe – Linie – Rhythmus« – Elisabeth Büchel

»Ein Künstlerinnenschicksal am Beginn der Moderne – Helene Roth«

»Neue Figuren-Realität« – Frank Lukas

»Begegnungen« – Kathrin Gebhardt-Nieselt

»Drüben – Erinnerung – Andere Wirklichkeit« – Petra Seibert

»Wenn das Licht aus dem Schatten tritt« – Claus Rudolph

»Update« – Johannes Rave

»Personal Works« – Positionen der zeitgenössischen Fotografie des BFF und VBKW

»Im Rausch der Farben« – Marianne Durach

Vorwort

Kunst faszinierte mich bereits in der Kindheit – seit mein Vater uns vier Geschwister in gefühlt tagelangen Rundgängen durch Ausstellungen schob, gefühlt stundenlange Betrachtungen und Erklärungen vor einzelnen Bildern vollzog und in manch’ kalter Kirche manch’ eine Träne wegdrückte ob der unglaublichen Kraft, die von einem alten Altar ausgeht, geschaffen zu Zeiten der Pest, der grausamen Winter ohne Heizung, der Kreuzzüge, als nur wenige lesen und schreiben konnten und die Bilder sprechen mussten. (Drei von uns vier Geschwistern sind später in der Kunst gelandet.) Durch die Reden- und Katalogtexttätigkeit eröffnete sich mir auch die Welt der zeitgenössischen Kunst.

Manche bei Eröffnungen von Kunstausstellungen gehörte Rede ließ in mir den Wunsch wachsen, es anders machen zu wollen. Überinterpretationen oder unverständliche, langweilige Fachvorträge werden bei einer Vernissage weder der Kunst noch den Zuhörenden gerecht. Vor diesem Hintergrund entwickelte ich meinen eigenen Stil, der zwar fachlich fundiert ist, dies aber nur zurückgenommen zeigen will, denn vorrangig möchte ich die KünstlerInnen selbst sprechen lassen; ich sehe mich als Sprachrohr der KünstlerInnen, verwende viele wörtliche Zitate und verknüpfe diese mit genauer Bildbetrachtung, der Sicht auf das Gesamtwerk und der Herausarbeitung der besonderen Merkmale im zeitgenössischen künsterischen Kontext.

Mein Dank gilt allen KünstlerInnen, GaleristInnen, AuftraggeberInnen, die Vertrauen in meine Arbeit setzen. Besonderen Dank dem Verleger Klaus Isele, der mit der Idee auf mich zukam, die Reden in einem Sammelband zusammenzufassen und für mich damit die jahrzehntelange Zusammenarbeit krönt. Innigen Dank auch meiner Familie, gerade Dalila, Jaro und Belina, die es möglich machten, wie-wohl auch oft fast boykottierten, dass ich für die Reden unterwegs war und zwischen Spielsachen, Hausaufgaben und Kinderdezibel wenigstens in niederfrequenter Staccatomanier multitaskend am Computer sitzen konnte.

Die Rede über die Radierungen des damals anwesenden Nobelpreisträgers Günter Grass bildet in diesem Buch den Anfang. Das erste meiner Kinder war noch Baby und wurde im zweiten Stock der Galerie mäßig erfolgreich u. a. mit der Videoübertragung meiner Rede zu beruhigen versucht. Günter Grass saß in dem übervollen Raum nah vor mir, seine Pfeife in der Hand. Man kann sich leicht vorstellen, dass das zwischen Milcheinschuss und Schweißausbruch eine der größeren Herausforderungen für mich war.

So hat jede meiner Reden ihre eigene Geschichte und basiert auf einer spannenden künstlerischen Begegnung, für die ich sehr dankbar bin.

Die in diesem Band versammelten Texte bilden nur nur eine kleine Auswahl meiner Vernissagenreden. Eine Auswahl, deren Ziel es ist, möglichst unterschiedliche künstlerische Ausdrucksweisen und Ansätze zu zeigen.

Fast jede Rede lasse ich mit einem Zitat von Goethe oder jemand anderem enden: Und, dazu passend, mit dem Satz »Und davon will ich Sie nicht länger abhalten«. Dies und einige andere Passagen – etwa die »Deixis«, die ortsbezogenen Hinweise, Bezüge auf Galerie und Räumlichkeiten sowie Einstiegswitzchen – wurden bei der Drucklegung der Reden weggelassen.

»Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst.« (Johann Wolfgang von Goethe)

Und davon will ich Sie nicht länger abhalten.

MARTHA GÖTZ

»Originalgraphiken«

Günter Grass

Galerie Dorn, Stuttgart, 6.4.2002

Angenommen, wir alle wären hier, weil wir einen Geheimtipp bekommen hätten, ein völlig unbekannter Künstler stelle in der Galerie Dorn aus. Was würden wir sehen? Auf den ersten Blick wäre klar: Dieser Künstler beherrscht das Handwerk der Graphik, des Aquarells, kann mit den Techniken Lithographie, Radierung, Aquatinta usw. bestens umgehen. Mehr noch: Er braucht sich um sein handwerkliches Können nicht zu kümmern, er kann auf dieser ihm offensichtlich selbstverständlichen Basis jonglieren und virtuos spielen.

Wir würden über den unbekannten Künstler staunen: Er scheint eine unglaubliche Beobachtungsgabe zu haben, fähig zur gnadenlosen Präzision in einer realistischen Darstellung. Betrachtet man beispielsweise eine Ratte oder Rättin in Bewegung, so scheint in einem bestimmten Winkel der Aufsicht das Fell einen Wirbel zu haben.

Dann der ästhetische Reiz der Bilder in ihrer Komposition, ihrer Ausbalancierung, die Art, wie sie gezeichnet oder getuscht sind, der Farbauftrag pastos und flüssig …

Ferner würden wir sagen, dieser unbekannte Künstler beschäftigt sich – dem Gegenständlichen, dem Konkreten »verfallen« – mit eigenartigen Sujets, manches wirkt so grotesk, skurril, besonders in dieser genauen Ausarbeitung. Unermüdlich wohl vermag er einzelne Motive zu bearbeiten, zu variieren, in allen Facetten zu beleuchten, weiterzuentwickeln, darin Geschichten zu erzeugen, sie auszutreten, »auszuschlachten«, jedenfalls mit kalkulierter Wirkung. »Zunächst bedeuten die Gegenstände ja nur sich selbst.« Es gibt Serien, die sich beispielsweise mit einem weggeworfenen Handschuh beschäftigen, mit Fundsachen, mit Liegengelassenem, Abgegessenem, Bilder über – ich zitiere – »das Essen, den Nachgeschmack. (…) Über Gäste, die ungeladen oder ein knappes Jahrhundert zu spät kamen./Über den Wunsch der Makrele nach gepresster Zitrone. (…) Über das Fett und den Kot und das Salz und den Mangel./Wie der Geist gallebitter und der Bauch geisteskrank wurden (…) datierte Geschichte, das Schlachten (…) den Ekel (…) Streit um das Haar und das Wort in der Suppe zuviel (…) Tiefkühltruhen (…) und die Gräte im Hals.«

Elemente aus der Natur, Tiere, allerdings mit Objektcharakter, oder menschliche Dinge werden Bildmittelpunkt. Gräten werden zu Strukturen, ein Handschuh zu mehr als einem Attribut, symbolträchtig, ein Motiv. Ganz anders wieder: zauberhaft aquarelliert Blütenbäume, Waldlichtungen in wunderbar strahlendem Licht.

Sprichwörter, Sinnbilder, Allegorien werden suggeriert; doch vom kippenspuckenden Hai bis zum Butt über Hügellandschaft: sie sind keine.

In der Serie Vatertag brüsten sich aufgeplusterte hahnartige Figuren – ja, genauso ist das am Vatertag, dieser unsäglichen Erfindung, bei der angetrunkene Angeber bierselig lärmend die Wege bevölkern. Beim wild-grotesken Vatertagsstreit hilft die integrierte Schrift, zu verstehen. Die großzügige, selbstbewusste Schrift ist gleichberechtigtes Bildelement. Beim Streit wird das brüllende Schlagen, die verschiedenen Positionen und Typen dieser wohl sinnlos Streitenden durch die Schrift verdeutlicht, in der Freundschaftspyramide Heuchelei und Widerlichkeit enttarnt. Nie ist jedoch die Schrift als rein bildnerisches Element eingesetzt, wie z. B. bei Cy Twombly, ihr Inhalt ist so relevant wie der zeichnerische Anteil.

Dann die Menschendarstellungen, die schonungslosen (Selbst-) Portraits Mit toten Fliegen oder Mit Handschuh nachdenklich, Mit Butt und Feder, sogar ein Selbst als Fliege bei Ute und ich. Das alles gab es nie vorher in bildender Kunst. Wie kann man so was darstellen? Wie kommt man auf solche Ideen? Das ist die Kunst.

Jeder Themenbereich ist hier möglich, Schönes wie Respektvolles, Erotisches bis Feistes, Grauenvolles, Erschütterndes, Gewalt und Sex, Einatmungen und Ausscheidungen, Natur wie Konstrukt, Ironie und Ehrlichkeit, Politikkritik und Naturzerstörung, Mahnung und Melancholie. Das wirkliche Leben. Aber auch Referenzen an Dürer, wörtlich genommene Symbole aus Literatur und Kunstgeschichte, Märchen, Traum und Vision. In dieser unglaublichen Fülle, thematisch wie quantitativ, von Tausenden von Graphiken – bitte sehen Sie’s der Galerie Dorn nach, dass nicht alle hängen, es gab nicht genug Nägel – in dieser Fülle lassen uns die außergewöhnlichen Sujet-Kombinationen auf die Suche gehen nach ihrem tieferen Grund, ihren Doppel-, ja Mehrbödigkeiten.

Mit Handschuh nachdenklich(Ätzradierung auf Kupfer, 1981)

Wir alle erinnern uns, als Der Butt herauskam und uns aus jedem Buchladenschaufenster anglotzte. Wir benutzen seit dem Buch Ein weites Feld diesen Titel als feststehenden Ausdruck im Alltag. Alle kennen die Blechtrommel und kennen erst seit Erscheinen der Rättin die weibliche Form von der Ratte.

Eine Doppelbegabung, bei der Schreiben und Zeichnen auf gleicher Stufe stehen: Steinmetz gelernt, an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert, dort Auseinandersetzung mit dem Diktat der abstrakten Kunst, erhält für das literarische Werk – in unserer spezialisierungssüchtigen Gesellschaft stürzt man sich auf eine der beiden Begabungen – den Nobelpreis. Laut Günter Grass können wir »einen bestimmten Dunstkreis des Buches in den Graphiken wiedererkennen«. Beide Ausdrucksformen gehen ineinander über (…), schaffen sich gegenseitig, sie verschmelzen miteinander, der Künstler spricht von »zwittriger« Befruchtung im Wechselspiel. Mit großer AusSageKraft vermögen beide dasselbe zu sagen, zu zeigen. Günter Grass dazu: »Ich (…) wechsele die Disziplin, bleibe aber bei meinem Gegenstand.« Die »beiden Ausdrucksmöglichkeiten können sich ergänzen, abstoßen, auch gegenseitig korrigieren«: Zeichnerische oder bildnerische Einfälle werden im »anderen Material überprüft«, Motive des Buchs durch die Graphik kontrolliert und umgekehrt. Nicht aber als Wiederholung mit anderen Mitteln, sondern er spricht von »Verzahnung von Schrift und Zeichnung«. »Das Schreiben hebt raffend oder verschleppend die Zeit auf. Beim Zeichnen findet sich der knappere Ausdruck.« All das gestaltet sich nicht ins Dekorative, nicht als L’artpour-l’art, nicht als Illustration des Geschriebenen. Die Graphiken und Plastiken sind auch keine Vorstudien, sondern »Entstehungsstufen« eines »arbeitswütigen«, »detailversessenen«, »ausschweifenden«, »berauschenden« Prozesses. Was war zuerst? Keins, oder mal das eine, mal das andere.

Die Selbstportraits erscheinen meist kombiniert mit zentralen Motiven der jeweiligen Schaffensphase. Der Butt wird wie im Buch nicht abstrakt, sondern anschaulich und leibhaftig. Er verkörpert das männliche Prinzip, fungiert als Berater der Frauen, und bei seinem Kuss gleicht sich ihm in erotischer Spannung das Frauenportrait an.

Im Zyklus Nachruf auf einen Handschuh, in dessen Mittelpunkt ein alter linker Handschuh steht, erschließt dieser »in verschiedenen Situationen, kombiniert mit verschiedenen Gegenständen Assoziationsketten, bezeugt Geschehnisse, die sonst in Vergessenheit gerieten« und wird so Denkmal, überdies auch eine Antwort auf symbolistische Künstlerkollegen. Ratten, Fliegen, Kippen sind u. a. auch Vanitassymbole. Hahnenkämpfe – gesehen bei einer Reise in Fernost – werden zu einer ironischen Bemerkung zum bundespolitischen Wahlkampf parteilich sich plusternder Hähne. Die Rättin wird zum Bild für den drohenden Untergang der Menschheit, aber auch zur Hommage an Grass’ Vaterstadt Danzig, eine Schilderung dieser nach dem Krieg menschenleeren Stadt, von der Ratten Besitz ergreifen. Der Ratte Sieg über den Menschen. Die Tiere können auch die Rolle als Identifikationsfigur des Künstlers einnehmen.

Eine der wichtigen Leitlinien im Werk von Günter Grass ist das Gestalten einer »Innenschau« von Dingen »und ihrer Magie« nach einem »übergeordneten vitalen Prinzip«, das Dinge »zu Repräsentanten macht, ohne ihre Realität anzugreifen«. So werden Dinge in Wort und Bild aufgegriffen und weiterentwickelt.

Von zentraler Bedeutung ist auch der Lebensgenuss, inklusive Lust an der Arbeit, eine ›kulinarische Weltsicht‹ als Möglichkeit, die als heillos erkannte Welt zu ertragen und auszuhalten, z. B. mit Pilzen. Die »Haftung ans Gegenständliche, ans Sichtbare, ans Überprüfbare, ans Abtastbare ist geblieben – beim Zeichnen wie beim Schreiben«, sagt der Künstler, das sinnlich Erfahrbare, das Sichtbare, Fühlbare, Riechbare.

Damit wollen »Stilleben, Portraits und Selbstportraits die vergängliche Konstellation der Gegenstände und die unwiederholbare Begegnung mit einem andern Menschen oder mit sich selbst (…) bannen, sie der Zeit entrücken und (…) aufheben«.

Ein weiteres wichtiges Thema sind Bäume. Die Bäume in Totes Holz, »denen das Strammstehen vergangen war«, erscheinen zunächst als Reflexionen zum Thema des globalen Problems Waldsterben, reflektieren jedoch in »sprechenden Anordnungen« »politische und historische Grundbedingungen« der vereinten Deutschland-Teile. Den nach Ein weites Feld 1995/96 entstandenen Baum- und Waldaquarellen darf man unterstellen, irgendwie das Waldsterben und dass darüber niemand mehr spricht, zu thematisieren. In denselben Kontext gehört die Feststellung, dass der jährliche »Waldschadensbericht« nun beschönigend »Waldzustandsbericht« heißt.

So zeigt und verdeutlicht Günter Grass das »mörderische, kriegerische« umweltvergiftete 20. Jahrhundert sowie Hunger und Not in Indien, ohne zu moralisieren.

Von der »krassen Phantastik« über die »plastische Formkraft« bis zu den einzigartigen Milieuschilderungen des faschistischen kleinbürgerlichen Danzigs, »die Verknüpfung von Groteske und Naturalismus«, die »Wechselseitigkeit von ›Mythos‹ und ›Realität‹«, die Darstellungen von Beziehungen, Bewegungen und Menschheitsgeschichte – was die Germanistik an den Büchern begeistert, begeistert die Kunsthistorik an den Bildern.

In einer Rede sagte Günter Grass: »Ich bin nicht der Mann, der Ihnen Bilder und Bildinhalte erklären kann. Kucken müssen Sie selber.«

»Bewegung – Zeichen – Bedeutung«

Stefanie Welk und Hartmut Steegmaier

GKN Galerie im Rundbau, Neckarwestheim, 21.3.1997

Der erste Blick auf die Plastiken von Stefanie Welk zeigt aus Draht geformte Figuren auf Sockeln aus Naturstein, denen das Material Draht eine gewisse Filigranität gibt, doch sie können sehr wohl auch Fülligkeit oder Schwere vermitteln.

Stein und Figur konkurrieren nicht miteinander, denn sie sind zu verschiedene Gegenpaare, die zu einem Ganzen gehören, genauer: Die Drahtfigur bildet sich aus dem Stein heraus.

Auf den zweiten Blick öffnet sich die psychologische Bedeutung der Arbeiten: Die Wesenheit der Figur entsteht durch ihr Netzwerk.

Als globaler Begriff assoziert das Schnittstellen, Verknüpfungen ohne Masse und so etwas wie Tentakel.

Das Netzwerk ist die Bedeutung: Die Form entwickelt sich von innen nach außen, sie wird ein Um-sich-Greifen, Ausgreifen, ja, eine Befreiung. Zunächst noch in Ahnungen, schüchternen Versuchen, dann: explodierend.

Stefanie Welk spricht von »Egotentakeln«, von »unsichtbaren Netzwerken«, »sozialen Netzen, Theorie-Netzen, nomologischen (also durch Verknüpfung von Aussagen herleitbaren) Netzen, U-Bahn-Netzen«, von Strömen, die alles durchziehen.

Stefanie Welk überlässt es uns, psychische Wendepunkt-Lebenssituationen wiederzuerkennen oder zu ahnen: lange Kämpfe von Entscheidungsprozessen, Phasen des Niederliegens, phlegmatische Schwere, Visionen und – es müssen nicht Krankheiten sein – Anflüge von Depressionen, Psychosen oder auch nur Gewohnheiten, die plötzlich unerträglich geworden sind.

Die Befreiung daraus ist in diesem Werk in verschiedenen Stadien zu sehen, Stadien des Hochgerissenwerdens, des Sich-Aufraffens. Übrigens: immer positiv motiviert. Wobei die Gefahren eines solchen Aufbruchs nicht zu übersehen sind: Beim Sprung aus dem festen Grund-Stein kann man den Boden unter den Füßen verlieren, aber man braucht die Füße auch nicht mehr, fontänenartig richtet man sich nach ganz oben auf und erfühlt die Freiheit, den ersten Hauch des freien Flugs, die aufgebrochenen Grenzen.

Aufbruch(Edelstahldraht, Edelstahlplatte, Holzsockel, 2009 / Foto: Gisbert Körner)

Der Draht ist zu richtungsorientierten energetischen Bahnen geworden und in einem Moment der umfassenden Ruhelosigkeit erstarrt. Dennoch: Es ist ein kompletter Ausdruck aller Dynamik, aller Spannung.

Der Stein als der Block, die Erde, der Boden stehen für das Feste, Unveränderbare im Menschen, seine individuelle Biografie, seine Kindheit.

Die Entwicklung im Werk der Künstlerin ist deutlich: Die frühen Arbeiten sind kompakter, figurativer, bleiben noch mehr bei sich. Die neuen Werke entfernen sich weit von der puren Akt- oder Torsoplastik, sie sind freier und intensiver im Aufbruch. Besonders schön kann man das an den Arbeiten diagnostizieren, in denen das Menschliche nur noch angedeutet ist; faszinierend, dass es gerade so eine besondere Präsenz ausstrahlt.

Es geht also nur entfernt um Anatomie; alle Figuren sind überdehnt, ihre Proportionen unnatürlich verändert.

In neueren Werken werden Teile des Untergrunds, beispielsweise Zement, in den Draht eingebunden, das Konkrete mit dem Amorphen, die verschiedenen Charaktereigenschaften verwickelt; z. B. bei der Arbeit mit dem Titel Stufen. Es gibt aber auch tänzerische Verspieltheit, etwa die Figur mit dem Titel Dicke. Oder geschweißte Materialien ›parallel‹ zum Draht wie die Vollplastik Q. Diese, so Stefanie Welk, reduziert ›Kuh‹ auf »eine mögliche Kuhhaftigkeit«.

Was die Künstlerin darstellt, mag in verwandter Weise auch so entstanden sein: Aus innerer Spannung bricht es mit großem Gestaltungsdrang heraus.

Die angehende Psychologin verarbeitet ihre Erfahrungen, tief beeindruckende Erlebnisse, Phänomene der Psychologie in ihrem Werk und verleiht ihnen Ausdruck mit ihrem Interesse für Materialien und Technik, ihrem Faible für Propeller und Flügel. Sie sagt »Die pathologischen Dimensionen haben meine Neugier (…) schon mehr entfacht als das sogenannte ›Normale‹.«

Ein Werk heißt Ideenflucht – das ist ein psychiatrischer Begriff, der aber nicht zwingend in seiner Fachbedeutung verstanden werden muss, jede/r kann sich etwas darunter vorstellen. Vielleicht je etwas anderes.

Ein anderes Werk heißt Doppel-Ich. Verschiedene Willenskräfte, Entscheidungsschwierigkeiten, inneres Auseinanderdriften. Die Figur ist nur oben gespalten, die Oberkörper streiten, unten ist sie gefestigt. Oder Der Dialog, auch ein Doppel-Ich. Beide Figuren sind einander zu-, aber auch abgewandt, sie kommen nicht los voneinander und sind doch getrennt. Hier wären Begriffe wie ›euphorisch‹ und ›melancholisch‹ angebracht. Aber die psychologischen Interpretationsmöglichkeiten sind offen.

Deutlich allerdings die Warnung vor »sozial- und massenpsychologischen Mächten«: die Menschengruppe, durch Fahrradspeichen dargestellt, mit gaffend-stummen, starren Blicken auf einen, der am Boden liegt: laut Stefanie Welk eine »Reduktion des Menschen auf die Vertikale mit Kopf und gerichtetem Blick«.

Dann wieder ganz anderes: Jede/r trägt einen (eigenen) Himmel, siehe die Plastik Himmelsträger.

Zu dem hier gezeigten Werk passt ein Ausspruch von Kurt Laurenz Metzler: »Augenblicke im Leben, die man Krise nennt (…), sind die einzigen, die (…) zählen. Solche Momente widerfahren uns, wenn etwas Äußerliches urplötzlich unserem inneren Rufen danach antwortet, wenn sich die äußere Welt so öffnet, dass sich zwischen ihr und unserer Welt eine plötzliche Veränderung ergibt.«

Die Plastiken von Stefanie Welk sind menschlich; stellen sie doch den Menschen an einer Schnittstelle dar, vielleicht nicht immer unbedingt seines Lebens, aber am Umbruch einer lang quälenden Phase, klippenspringerhaft, vielleicht am Abdriften, am Absprung aus einer Neurose oder am Ende der Überdrüssigkeit eines Teils des Seins, des Selbst.

Aus Typografie, Buchstabendarstellungen, Kalligrammen, konkreter, experimenteller Poesie entwickeln sich Bildformen und damit das malerische Werk Hartmut Steegmaiers.

Seine malerische Arbeit hat einen sprachlich-lyrischen Teil. Konstruierte bzw. geometrische Formen sind der andere Teil.

Hier von einem »L’art pour l’art«-Konstruktivismus zu sprechen, wäre falsch. Auch der von Heinrich Dilly für Arbeiten Anton Stankowskis geprägte Begriff des »seriellen Konstruktivismus« passt hier nicht. Es ist nicht leicht, einer so geARTeten Koagulation von Text und Bild gerecht zu werden. Vielleicht läge der Begriff »Bedeutungs-Konstruktivismus« näher. Wie dem auch sei, das Konstruktive eröffnet Steegmaier(s) Welten: Zunächst entwirft der Künstler eine maßstabsgetreue Zeichnung, ein Baugerüst, mengenlehre-genau sieben Planquadrate auf DIN A4, dann wird »aus dem Bauch heraus« spielerisch konstruiert, schließlich arbeitet er sich »ran«, wie er sagt, und unter »langen Zweifeln« findet eine bild- und inhaltschaffende »Substraktion« statt.

Zuerst hat Hartmut Steegmaier den Plan, die Linien, er spricht von »Kräftelinien als (…) Expander in der Unbuntheit«, danach wird das Gemeinte und Un-Gemeinte »ausgedeutet und erhält Farbe (…) so entsteht der Titel als subjektive Ausdeutung«.