Und du erwartest zu fliegen - Patrick Sheridan - E-Book

Und du erwartest zu fliegen E-Book

Patrick Sheridan

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Beschreibung

Dies ist die Geschichte einer Suche nach dem Magischen und Tiefgründigen inmitten der Zwänge und Ablenkungen der heutigen Zeit, eine Chronik, die auch einen reichen Erfahrungsschatz an höheren Bewusstseinszuständen umfasst. Der Pfad führt auf fremdartiges Terrain. Seinen eigenen Worten nach wurde der Autor, leichtsinnig und mit vielen Schwächen behaftet, von Dingen getrieben, die er selbst nicht verstand. Kindheitshoffnungen und -ängste, gewonnene und zerronnene Liebe, Alkoholexzesse und psychedelische Drogen begleiten seine Reise. Anschaulich schildert er die außergewöhnlichen Eigenschaften von LSD und protokolliert das anfängliche Staunen darüber, die Offenbarung und schließlich die ultimative Frustration und Desillusionierung, bevor er über seine erste Begegnung mit einer sehr ungewöhnlichen Yogini berichtet. Offenherzig erlaubt das Buch einen Einblick in die erstaunlichen Dinge, die er über viele Jahre hinweg in ihrer Begleitung lernte und erfuhr. www.und-du-erwartest-zu-fliegen.jimdo.com www.expectingtofly.org

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Seitenzahl: 537

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Harmony and understanding

Sympathy and trust abounding

No more falsehoods or derisions

Golden living dreams of visions

Mystic crystal revelation

And the mind's true liberation

Aquarius!

Aquarius!1

Harmonie, Verständigkeit

Sympathie, Verlässlichkeit

Statt Hohn und Spott und Illusionen

Gelebte Träume von Visionen

In mystisch klarer Offenbarung

Befreit den Geist in der Erfahrung

Der Wassermann!

Der Wassermann!2

1 Strophe aus dem ersten Song des ersten Aktes des Rock-Musicals Hair von 1967 (Text: J. Rado und G. Ragni, Musik: G. MacDermot). 1968 wurde die deutsche Fassung unter dem Titel Haare in München uraufgeführt.

2 Eigene Übertragung

Danksagungen zur englischen Ausgabe

Viele Menschen haben bei der Fertigstellung dieses Buches mitgewirkt. Insbesondere möchte ich meiner Frau Grazyna für ihre endlose Geduld, Hilfe und Begeisterung in jeder Phase des Projektes danken.

Dieser Dank gilt ebenso Caroline Durant für den Großteil der Druckaufbereitung und das Korrekturlesen sowie für ihre Ermutigung, Chris Patmore für das grafische Design und den technischen Rat und meinem Sohn Daniel für die künstlerische Umschlaggestaltung.

Dankbar bin ich ebenso für die nicht unerhebliche Menge an Zeit, die ich durch Tims und Christinas Gastfreundschaft für das Schreiben gewinnen konnte – und die vielen eingesparten Pendelfahrten.

Weiterhin bedanke ich mich bei Chris und Ruth für ihre frühzeitige Unterstützung und ihren redaktionellen Rat sowie bei Grace, Marilyn, Hania, Ann, Finbar, Linda, Larissa, Sue und Cythare für ihre hilfreichen Feedbacks und Anregungen.

Danksagung zur deutschen Ausgabe und Anmerkungen zur Übersetzung

Zuerst möchte ich natürlich der Persönlichkeit danken, die es ermöglicht hat, dass dieses Buch überhaupt geschrieben und in der Folge übersetzt werden konnte. Ohne die Inspiration und fortlaufende vibratorische Unterstützung von Shri Mataji Nirmala Devi würde beides nicht existieren.

Der Autor dieses Buches erklärt, dass er ihm lieber gewesen wäre, wenn es jemand anderes geschrieben hätte und dass er es auch nicht unbedingt genossen hat, sich so weit zu öffnen. Doch werden ihm vielleicht viele Menschen, die sich Fragen wie „Wer bin ich?“ oder „Was soll das alles?“ stellen oder vielleicht nur ein undeutliches Gefühl der Unzufriedenheit wahrnehmen, dankbar sein, dass er sich entschlossen hat, die Erfahrungen auf seiner doch sehr außergewöhnlichen, aber in mancherlei Hinsicht vielleicht auch symptomatischen Reise auf der Suche nach letzten Wahrheiten mitzuteilen. Seine Suche begann und verlief in einer Zeit, die die Schatten von großen existenziellen Veränderungen vorauswarf, aber bedauerlicherweise scheinen es nur wenige dem Autor gleichgetan zu haben und diesem Ruf bis zu seinem Ursprung gefolgt zu sein.

Wie Patrick Sheridan schreibt, ist es heute nicht mehr unbedingt notwendig, dass jeder derart extreme Erfahrungen durchmachen muss. Trotzdem bleibt nach Ansicht des Übersetzers eine gewisse Entschlossenheit notwendig, denn die letzten Wahrheiten offenbaren sich nicht jedem und beiläufig. Darüber hinaus lauern leider auch heute immer noch viele Fallgruben und Ablenkungen auf dem Weg des allzu blauäugigen Suchers. So gesehen kann die Beschreibung der Reisestationen des Autors vielleicht auch heutigen Suchern hilfreich sein, die eine oder andere Klippe und Untiefe zu umschiffen – zumindest denen, die Augen haben, um zu sehen und Ohren, um zu hören.

Natürlich bedanke ich mich für die fortlaufende Unterstützung des Autors bei der Übersetzungsarbeit selbst und sowohl bei ihm als auch seinem Sohn für die Gestaltung und Überlassung des Coverdesigns und anderer Materialien.

Für das Korrekturlesen sowie die hilfreichen Feedbacks zu praktischen Fragen der Übersetzung und Buchgestaltung danke ich Toni Grabmayer, Ana Geiger und Sandra Müller-Pulido.

Natürlich wurde versucht, die Übersetzung so sorgfältig wie möglich nach bestem Wissen und Können anzufertigen. Sie basiert auf der im Herbst 2011 erschienenen korrigierten und erweiterten Ausgabe von Expecting to Fly. In Absprache mit dem Autor wurden zwei kurze einleitende Mottos sowie Fußnoten zur näheren Erläuterung von Örtlichkeiten, speziellen Ausdrücken, Gegebenheiten oder möglichen Unklarheiten usw. aufgenommen, die im Original so nicht vorhanden sind. Sofern dabei Quellen nicht explizit gekennzeichnet sind, wurden die Angaben freien Quellen des Internets entnommen. Auf eine Kennzeichnung im Einzelfall wurde aber verzichtet.

Uwe David, September 2016

Inhaltsverzeichnis

Widmung zur deutschen Ausgabe

Danksagungen zur englischen Ausgabe

Danksagung zur deutschen Ausgabe und Anmerkungen zur Übersetzung

Vorwort

Ein starker Anfang

Die Heimat ist da, wo das Herz ist

Wochenendkrieger

All you need is love

Karma Drama

For this is all a dream we dreamed

Der Ikarusfaktor

Gebrochene Schwingen

Auf der Straße

Endspiel

Das Glück lacht

Wind of Change

Aus einer kleinen Eichel

Traumreflexionen

Geister in der Maschine

Mit den Göttern spazieren

Indien

Im Rampenlicht

Eine kollektive Odyssee

Knocking on Heaven’s Door

Ein Schloss in den Bergen

Jungfernflug

Vergebliche Liebesmüh

Gefährliche Liebschaften

Krieg im Himmel

Schräger als Fiktion

Blumen im Regen

I tried so hard to stand

As I stumbled and fell to the ground

So hard to laugh as I fumbled

And reached for the love I found3

Schwer war das Aufsteh’n

Als ich stolperte und fiel

Schwer fiel das Lachen

Bis war Liebe im Spiel4

3 Young, N., 1967: Expecting to Fly – Buffalo Springfield Again, Acto Records, Los Angeles

4 eigene Übertragung

Vorwort

Ganz sicher bin ich nicht, warum ich spirituelle Erfahrungen in Worte kleiden möchte, denn Worte sind begrenzt. Vermutlich liegt es an der Art der Erfahrung, dass ich sie teilen und mitteilen möchte. Auch hatte ich Glück, denn bei der Suche muss der ahnungslose Sucher eine Art Minenfeld durchqueren. Doch ich habe sie überlebt und auch das gefunden, wonach ich suchte.

Spirituelle Erfahrungen an sich sind nicht so selten, wie man vielleicht glaubt. Schwer definierbar sind jedoch die Methoden, sie zu bewerten und, um es mit Begrifflichkeiten der Bewusstseinsevolution auszudrücken, sie zu erwecken, zu erhalten und zu entwickeln.

Spaßeshalber schlug mir ein Freund bei der Lektüre der Geschichte vor, zu beglaubigen, dass es sich um einen authentischen persönlichen Bericht handelt und keinen Science-Fiction-Roman. Vermutlich vergisst man leicht, wie staunenswert die Wahrheit eigentlich sein kann. Doch wie mikroskopisch klein und unbedeutend wir auch in diesem riesigen Universum sein mögen – trotzdem können sich in uns noch größere Dimensionen des Staunens und der Bestimmung entfalten. Bevor ich es nicht selbst erlebte, hatte ich keine Vorstellung vom Göttlichen. Doch als es passierte, war es so, als ob ich es schon immer gekannt hatte. Sollte also jemand immer noch Zweifel haben: Alles, was ich beschrieben habe, ist die Wahrheit, so wie ich sie erlebt habe, und potentiell kann jeder diese Erfahrungen selbst machen.

Obwohl er vielversprechend begann, war der Pfad, auf dem ich mich bewegte, ein holpriger. Ich wurde in Hongkong in einen komfortablen Lebensstil hineingeboren und eine meiner ersten Erinnerungen ist das köstliche Vergnügen, in das warme und sprudelnde Wasser eines Freiluft-Swimmingpools einzutauchen. Der Pool lag am Hang und vom Patio5 aus konnte man das weit unten ausgebreitete, farbenfrohe Panorama des Hongkonger Hafens überblicken. Im warmen, smaragdgrün funkelnden Wasser mit Taucherbrille und Schwimmflossen herumzuplantschen, fühlte sich an wie das Paradies.

Zwanzig Jahre später war alles anders. Zitternd stand ich mit reichlich gespaltenem und ungekämmtem Haar um drei Uhr morgens in einem knöchellangen, ehemaligen RAF-Mantel (wohl modisch aus irgendeinem Grund) in einer dunklen Sackgasse nahe Euston Station6 in Londons Stadtmitte.

Auf der Suche nach einem Schlafplatz war ich auf der Straße und hatte mich in eine Gasse geduckt, um einem Polizisten aus dem Weg zu gehen, denn ich war ziemlich high von einem Drogencocktail und hatte außerdem Cannabis bei mir. Er hatte mich entdeckt und das hin und her schwenkende Licht seiner Taschenlampe kündete seine unmittelbare Ankunft an. So gut es ging ließ ich das Haschisch verschwinden, schaute hinauf zu den zeitlosen Sternen im Himmel über mir und dachte: „Dieser Teil des kosmischen Traums ist irgendwie nicht so ganz der Bringer.“

Mein Leben wechselte zwischen den üblichen Hochs und Tiefs und nur zwei oder drei Jahre früher glaubte ich, die Antwort auf alles gefunden zu haben. Die wundersamen Geschenke des LSD7 ließen mich frohlocken und die uralte Trennschwelle zwischen Mensch und Natur überschreiten. Ich hatte das Allwissende und Allgegenwärtige berührt, das mit so unendlicher Geduld darauf wartete, dass wir zu unserer göttlichen Natur erwachten.

Doch LSD hatte einen Stachel, weil es ebenso viele Fragen schuf wie es beantwortete, und die Tür zur Hölle genauso öffnete wie die zum Himmel. Alles hatte es versprochen und nichts gehalten und wie ein trügerischer Freund erleuchtete es unvorstellbare spirituelle Höhen nur, um mich in einem Graben abzukippen und unzufrieden mit allem zurückzulassen, was die materielle Welt zu bieten hatte.

Mit großem Spektakel war ich abgestürzt und verbrannt, doch bereuen konnte ich es nicht. Solche Wunder auch nur für einen Augenblick berührt zu haben, war für mich ein Dutzend Lebenszeiten wert – jedoch nicht die Ewigkeit. Weiter zu Ende gedacht änderte sich meine Perspektive aber, als mir klarer wurde, welche Auswirkungen eine derart grobe Behandlung auf die feinstofflichen Aspekte meines Wesens hatte. Mit der Zeit realisierte ich, dass sich die Wahrheit mit etwas mehr Vertrauen und Geduld – gut, einer Menge vom menschlichen Standpunkt aus gesehen – von sich aus offenbart hätte. Doch beim Versuch, meine Geburtstagsgeschenke etwas zu früh auszupacken, hatte ich etwas kaputt gemacht.

Zurück zum Anfang nach Hongkong … Ein paar Jahre nach dem ersten Erlebnis prägte sich mir zwischenzeitlich ein ganz anderes Bild vom Wasser ein. Dieses Mal stand ich am Strand und schaute den Haiflossen zu, die an der Stelle durch das Wasser schnitten, an der ich nur Minuten vorher gewesen war. Für lange Zeit hatte ich nun einen Horror vor Haien – fast ein Omen für die bevorstehenden Zeiten. Doch in seliger Unkenntnis solcher Dinge trat ich optimistisch die Reise meines Lebens an.

Als ich zum ersten Mal den verschlungenen Pfaden meiner Suche nachspürte, hatte ich nicht die Absicht, über meine Jugend zu schreiben. Doch schnell wurde mir klar, dass ich über schwer nachvollziehbare Zusammenhänge sprach, die bis in meine frühesten Jahre zurückreichten. Und, wenn ich eins wusste, dann dass ich mich lieber auf Erfahrungen konzentrieren wollte, als auf Spekulationen über Konzepte und Glauben. So bahnte sich eine Art retrospektives Journal seinen Weg ins Dasein.

Jeder Teil meines Wesens spielte eine Rolle bei meiner stolpernden Suche nach Vollkommenheit, dem Gepäck8 und allem anderen. Der Versuch, den Zusammenhängen zu folgen, war eine interessante introspektive Übung und außerdem eine ziemlich demütigende Neubewertung des Schadens, den ich mir selbst auf der Reise zugefügt hatte. Die eine oder andere Verhaltensweise kommt mir heute erstaunlich leichtsinnig und dumm vor.

Wahrscheinlich wird die Geschichte eines anderen nicht unbedingt jedermanns Lieblingsthema sein, obwohl ich versucht habe, zu viel Persönliches zu vermeiden. Wenn man möchte, kann man deshalb ohne große Konsequenzen im Schnelldurchgang den ersten Teil bis Kapitel 6 überfliegen, dem Teil meines Lebens, in dem ich mit der ernsthaften Suche begann.

5 Innenhof oder auch Terrasse

6 Euston Station ist einer der Londoner Hauptbahnhöfe im Bezirk Camden, unmittelbar nördlich des Stadtzentrums.

8 Mit „Gepäck“ ist hier das Ego (s. Abs. über „nervöse Passagiere in einem Flugzeug“, S. 154) bzw. Karma (s. Kap. 5, S. →ff) gemeint.

1 Ein starker Anfang

An vieles aus meinen jungen Jahren erinnere ich mich nicht mehr. Die meisten Erinnerungen beginnen im Alter von fünf oder sechs, als ich zusammen mit meiner Familie in einem Apartmentblock wohnte. Als einer von dreien stand er auf einem Berg, von dem aus man die Rennbahn des Happy Valley9 auf der einen und den Hafen von Hongkong auf der anderen Seite überblicken konnte.

Der umliegende Hang fiel nach allen Seiten hin ab und in der Backofenhitze schwitzten die schlanken Bäume und Büsche, das lange trockene Gras und Bambusgruppen einen reichhaltigen süßen Duft aus. Eine steile Felswand namens „Dead Man's Slide“10 gab es da und an einer anderen Stelle lag das „Roly Poly“11, ein langer breiter und offener, mit Wildgras bewachsener Abhang.

Wagemutig turnten wir auf der „Slide“ herum, klammerten uns ängstlich und aufgeregt an die angenehme Rauheit ihrer heißen und uralten Oberfläche und rollten das Roly Poly auf der Seite liegend mit ausgestreckten Armen und Beinen solange hinunter, bis das Gras so plattgedrückt und glatt war, dass wir in rasantem Tempo auf dem Rücken hinunterrutschen konnten. Manchmal schlitterten wir auch einen breiten offenen, den Berg herabführenden Entwässerungskanal hinunter. Und da, wo ein Baum neben der Mauer wuchs, die um den Gipfel des Berges herumlief, kletterten wir nach Indiana-Jones-Art an seinen knorrigen Wurzeln hinunter zum darunterliegenden Hang. Wir bauten Hütten, jagten Schlangen und erforschten von den Japanern ausgegrabene Tunnel aus dem Zweiten Weltkrieg.

In einem separaten, extra angefertigten Flügel des Apartments wohnten unsere chinesischen Hausangestellten. Für mich war das außerirdisches Territorium – fremdartig und aufregend, mit Hocktoiletten und mysteriösem Weihrauchduft. Ich hing sehr an den chinesischen Ladys, die dabei halfen, sich um uns zu kümmern und war von allem Chinesischen sowohl fasziniert wie auch beunruhigt. Es war eine komische befremdliche Situation, überall von exotischen Bildern, Geräuschen und Gerüchen der alten chinesischen Kultur umgeben zu sein, ohne in irgendeiner Weise daran teilzuhaben. Doch die klaffende Lücke zwischen der Lebensart der einheimischen Chinesen und der kolonialen Engländer konnte ich nicht überbrücken und ihr Zauber schwebte dauernd und verlockend im Hintergrund meines Lebens.

Bilder, Klänge und Gerüche Hongkongs erfüllten meine Kindheit: endloses Gehämmer der Pfahlrammen von entfernten Baustellen, verstümmelte, aufgeregte Geräusche, die von der Rennbahn aus dem Tal empordrangen und das allgegenwärtige Zirpen der Zikaden in den Bäumen. Die Straßen waren belebt, laut und chaotisch und voller farbenfroher Bilder und Aromen. Der Duft von Weihrauch, Fisch und Gewürzen verband sich mit dem Geruch von Abwasserkanälen zu einer berauschenden Mischung, die von Zeit zu Zeit von den rauen Klängen chinesischer Beerdigungen, prächtigen, farbenfrohen Drachentänzen und dem andauernden Trommelfeuer der Feuerwerkskracher zum chinesischen Neujahr durchbrochen wurde. Unten am Wasser dümpelten vor Anker liegende Dschunken vor sich hin, während sich ihre schwimmenden Familien gut gelaunt und sorglos zuriefen, und manchmal erleuchteten entfernte Feuer von Landbesetzer-Camps den Nachthimmel.

An etwas besonders Spirituelles während meiner Jugend erinnere ich mich nicht. Von der katholischen Religion, der meine Familie angehörte, war ich zwar etwas eingeschüchtert, aber ich mochte sie nicht. Wahrscheinlich war es für mich noch eine weitere dieser erschreckenden und schleierhaften Institutionen in einer Welt, die voll von solchen Dingen war. Doch gelegentlich spürte ich tatsächlich ein tieferes Mysterium und eine Anziehungskraft wie beim Anblick des gewaltigen Krippenspiels in der Kirche zur weihnachtlichen Mitternachtsmesse und noch einmal bei einem Klosterbesuch. Doch irgendwie verband ich diese Erfahrungen nicht mit dem Alltagsgesicht der Katholischen Kirche.

Solche Dinge gehörten zu einem tieferen Teil von mir, den ich nicht verstand und selten zur Kenntnis nahm, zu Gefühlen und Eindrücken, die sich sehr bedeutend anfühlten, die aber mit der Welt, in der ich lebte, nicht in Zusammenhang gebracht wurden – oder von mir nicht werden konnten. Sie würden mich auf einen tiefgründigen und namenlosen Weg führen und dann verblassen wie ein halberinnerter Traum.

Die Welt der Träume selbst war eine andere Sache. Oft träumte ich, fliegen zu können – manchmal so lebhaft, dass ich nach dem Aufwachen nur schwer glauben konnte, dass es nicht stimmte. Auf meine Arme starrend saß ich da, fast davon überzeugt, mich in die Luft erheben zu können, wenn ich nur schnell genug damit flatterte. Ein anderer häufiger Traum – einer, der mich immer mit einer seltsamen Sehnsucht zurückließ – war, ohne atmen zu müssen, in einen See aus klarem, stillen Wasser getaucht zu sein. Natürlich hatte ich auch schlechte Träume. In einem meiner unbeliebtesten spielten eine erschreckend große Zahl giftiger Schlangen die Hauptrolle, die überall, wo ich hinging, herumlagen und auf mich warteten.

Manchmal machte ich auch seltsame Erfahrungen, wenn ich halbwach, schlaftrunken und kurz vor dem Einschlafen war. Es fühlte sich an, als ob mein Kopf und mein Kissen – und manchmal mein ganzer Körper – sich ausdehnten und zusammenzogen, als ob sie immer wieder auf eine gewaltige Größe anwuchsen und dann winzig klein zusammenschrumpften. Dies war ein bisschen erschreckend, doch kam es mir auch seltsam bekannt vor, als ob ich etwas darüber wüsste, an das ich mich aber nicht mehr erinnern konnte.

Was im Rückblick gesehen auch ziemlich außergewöhnlich scheint, war der Trost, den mir meine Bettdecke spendete. Es war eine besondere Decke aus einem besonderen Material. Was es war, habe ich vergessen, aber sie hatte eine besondere Struktur, anders als normale Decken. Ich lutsche am Daumen und hielt die Decke mit beiden Händen, um das aufzusaugen, was ich für „Elektrizität“ hielt. Als sie in mich floss, hatte ich ein intensives Gefühl von Zufriedenheit und Erfüllung. Leider funktionierte das nur vorübergehend und nur, wenn die Decke „kühl“ war. Nach einer Weile wurde sie „heiß“ und „verbraucht“ und musste sich erst wieder abkühlen und aufladen. Diese Fähigkeit hielt für eine ziemlich lange Zeit an.

Alle drei oder vier Jahre erhielten koloniale Bedienstete lange Freistellungen von mehreren Monaten, wobei ein Großteil dieser Zeit mit An- und Abreisen per Schiff zu verschiedenen Reisezielen verbracht wurde. Während des ersten Urlaubs, an dem ich teilnahm, reisten wir nach Australien und zurück. Der zweite war eine Rückreise nach England und auch die letzte Reise ging wieder zurück nach England, wo wir uns dauerhaft niederließen. Ich liebte diese Ozeanreisen und habe lebhafte Erinnerungen an die würdevolle, rollende Fahrt des Schiffes, den salzigen Tang in der Luft und das aufregende Rauschen des Meeres, wenn es in der Nacht am Bullauge vorbeiströmte. Die Reisen dauerten Wochen und in meinem jungen Alter waren das scheinbar Ewigkeiten.

Die exotischen, fremden Häfen, in denen das Schiff anlegte, waren die Highlights der Reise. Spannend war es zu beobachten, wie das Land als undeutlicher Klecks am entfernten Horizont auftauchte und langsam Gestalt annahm, bis eine wunderbar neue und unbekannte Landschaft in Sicht kam. Häfen waren unendlich faszinierende Orte mit ihren tiefen Basstönen der Schiffshörner und sonstigen klirrenden und pochenden Geräuschen von Fracht ladenden oder entladenden Kränen, erfüllt mit dem aufregenden Anblick von ein- und auslaufenden Booten aller Formen und Größen. Lärmende und optimistische Einheimische umkreisten rufend und lachend das Schiff, während sie ihre Waren anboten oder nach Münzen tauchten. An Land zu gehen war ein gewaltiges Abenteuer. Von Bord zu gehen, um in einem anderen Land spazieren zu gehen, schien ungeheuer aufregend, ja fast unwirklich. Halt machten wir u. a. in Singapur, Penang, Colombo, Port Said und Genua. Nur während der Suezkrise segelten wir um Afrika und liefen Kapstadt und Durban an.

Meiner Erinnerung nach war das Leben an Bord eines Schiffes so etwas wie ein endloser Urlaub. Sobald ich meine Seekrankheit überwunden hatte, war jeder Tag immer neu, voller Spaß und Lebensfreude. Alles war anders als das Leben an Land, angefangen vom ständigen Hinübersteigen über die massiven Stahlschwellen der wasserdichten Türen bis hin zu einem zusammenklappbaren und mit Seewasser gefüllten Swimmingpool an Deck. Ich erinnere mich immer noch an das Vergnügen, wenn das Meerwasser hochgepumpt wurde, plötzlich den flachen Segeltuchschlauch ausfüllte, um eine Flut von Salzwasser in den Pool zu ergießen und ihn in Minutenschnelle aufzufüllen. Es war, als ob die wilde Essenz des Ozeans selbst sich auf das Deck umgefüllt hätte und uns erlaubte, in seiner urgewaltigen Natur zu schwelgen.

Sogar die Art, wie der Toast im Speisesaal serviert wurde, hatte etwas aufregend Besonderes (keine Krusten, säuberlich in Dreiecke geschnitten und in kleine Metallgestelle neben Butterflocken gesteckt). Wir spielten Wurfspiele an Deck, indem wir dicke, runde Reifen aus Tauen auf aufgemalte Markierungen rutschen ließen – und ein paar davon über Bord gingen –, oder wir schlichen uns nachts zusammen mit anderen Kindern aus der Kabine, um unseren Eltern auf Kostümfesten im Ballsaal nachzuspionieren. Auch gelang es mir, meine Eltern damit zu erschrecken, dass ich außerhalb der Reling herumkletterte, während wir durch den Suezkanal fuhren.

Mit einem tiefen und ständigen, mehr gefühlten als gehörten Dröhnen der Maschinen durchpflügte das Schiff Tag und Nacht das Wasser und wie der Puls eines gewaltigen Lebewesens hallte es durch die Aufbauten wider. Die gewaltige Wassermenge, auf der wir uns bewegten, ließ das Schiff auf seiner Fahrt klein aussehen, doch der Ozean war ein ständiger Gefährte, eine unermessliche, ursprüngliche Einheit mit vielen Stimmungen. Obwohl ich von seiner Kraft eingeschüchtert war, liebte ich das Meer. Doch um viel über meine Gefühle nachzudenken, war ich nicht alt genug. Es erschreckte und faszinierte mich gleichzeitig, denn ich spürte seine Gleichgültigkeit menschlichen Belangen gegenüber – doch manchmal erfüllte mich auch eine namenlose Begeisterung über seine ungezähmte Erhabenheit.

Bei fröhlich glitzerndem Sonnenlicht auf den Wellenkämmen liebte ich die Art, wie Fliegende Fische über das Wasser glitten und erschauderte in Ehrfurcht vor der rohen Kraft seiner wuchtigen, bleiernen Wellen im Sturm. Lebhaft erinnere ich mich noch, wie ich durch eine dicke, regengepeitschte Fensterscheibe schaute, als der Bug schwerfällig so weit unter dem Horizont verschwand, dass er wahrscheinlich niemals wieder auftauchen würde, dort für einen langen, langen Moment verharrte und schließlich seinen langsamen, rollenden Aufstieg erneut begann.

An die erste Reise nach Australien habe ich nur wenige Erinnerungen, nur einzelne Bilder vom Eiersammeln auf einer Farm, toten Eidechsen am Straßenrand und dass beim Aufwachen in einem Schlafwagen Leute durchs Fenster schauten, als der Zug in einen Bahnhof irgendwo zwischen Sydney und Perth einrollte. Mehr Erinnerungen habe ich an unsere erste Reise nach England. „Nach Hause zu gehen“, wie man es in Hongkong nannte, hatte einen fast mythischen Stellenwert in meinem Kopf angenommen, und ich starrte schüchtern auf die wundersame Anordnung aus roten Telefonhäuschen, Polizisten ohne Pistolen, ausgebombten Gebäuden und Kastanienbäumen.

Unser erster Halt galt einem Besuch bei Verwandten in Sussex12, wo ich mit dem erstaunlichen Phänomen von Väterchen Frost Bekanntschaft machte. Überraschenderweise erinnere ich mich weniger an die Kälte, als an den Schauer der mysteriösen, wunderbaren Muster, die sich jeden Morgen an meinem Schlafzimmerfenster formten. Wir waren in einem Hotel untergebracht und der „Speisesaal“ bestand aus einer abgeteilten, scheunenartigen und unbeheizten Konstruktion, die wir zu den Mahlzeiten, eingepackt in Übermäntel und Schals, besuchten. Am ehesten erinnere ich mich aber an die schöne, hohe, hölzerne Decke als an die Kälte.

Eine andere erstaunliche neue Erfahrung war das Fernsehen, das mich weniger wegen der (ziemlich langweiligen) Programme begeisterte, sondern aufgrund des außergewöhnlichen Gefühls von Allgegenwart, das ich davor empfand. Natürlich hatte ich keinen Namen dafür, fühlte aber sehr deutlich, dass ich Erfahrungen teilte, die mich mit den Menschen im ganzen Land verbanden. Es war eine Empfindung wie im Mutterleib, Teil von etwas viel Größerem zu sein und das seltsame Gefühl von Trost und Zufriedenheit. Als ich mich mehr an das Fernsehen gewöhnte, verschwand dieses Bewusstsein, aber ich habe mich oft gefragt, ob nicht darin die wahre Anziehungskraft der „Glotze“ liegt.

Andere ältere Verwandte in Kent faszinierten mich mit ihrer altweltlichen oder altmodischen Art und ihren „echt englischen“ Häusern, die erfüllt waren mit interessanten neuen Gerüchen nach faulem Holz, modrigem Lagerobst und alten Zeitungen. Einst verfolgte ich die Bewegung eines Halbe-Krone-Stücks in der zitternden Hand eines betagten Großonkels – eine Münze von der ich gehört, sie aber nie zuvor gesehen hatte. Es bewegte sich so langsam in Richtung meiner ausgestreckten Handfläche, dass ich mich fragte, ob es je seine Reise vollenden würde. Doch er bewältigte nicht nur diese sehr geschätzte Umverteilung von Reichtum, sondern schickte sich auch weiter an, meine Schwester auf ähnliche Weise mit den Worten: „Und für das Mädchen, ditto repeat-o13“, zu bereichern.

Ein perfekter glücklicher Moment auf dem Weg nach Schottland war für mich das zu Bett gehen auf King’s Cross Station14 im Flying Scotsman15. Für einige Monate blieben wir in Schottland und das erstaunliche Wunder des Frosts wurde abgelöst von der unendlich größeren Offenbarung des Schnees. Völlig fasziniert fand ich ihn absolut magisch und liebte ihn von da an immer. Meine erste Erfahrung damit muss ein ziemliches High in mir ausgelöst haben, denn von der Art, wie er die Welt in einen ruhigen verzauberten Garten aus Reinheit, Stille und Schönheit verwandelte, war ich völlig eingenommen, und seine makellose Anmut berührte wirklich meine Seele.

Auch ein, wenn auch gegensätzliches, Urelement, das ich in Schottland nach und nach lieben lernte, war das häusliche Feuer. Die flackernden Flammen hypnotisierten mich. Sie hatten etwas unglaublich Schönes, das immer gerade ein bisschen jenseits des Erkennens zu schweben schien. Ich liebte den gemütlichen Geruch von brennender Kohle im Kaminrost und das unruhige Zischen und Knacken, während es seine behagliche Wärme abstrahlte. Einer meiner geheimnisvollsten Leckerbissen war es, ein Feuer im Schlafzimmer zu haben, wenn es sehr kalt oder ich krank war. Nichts Schöneres konnte ich mir vorstellen, als beim Einschlafen den flackernden Schatten zuzusehen, die es an die Decke warf.

Allerdings gab es in Schottland auch andere Dinge, die nicht so angenehm waren. Die Schule, in die ich ging, war in der Mitte von einer Mauer geteilt, die Protestanten von Katholiken trennte. Diese Beschränkung reduzierte die Interaktion zwischen den beiden Gruppen auf den bloßen Austausch von Steinen und Beleidigungen über die Mauer in den Pausenzeiten. Doch nach der Schule konnten sich die Feindseligkeiten in Raufereien entladen. Das alles hinterließ einen seltsamen Eindruck bei mir, aber ich war viel mehr damit beschäftigt, mich an dieses neue, vorübergehende Leben anzupassen, um mich zu sehr über diese sonderbare Regelung zu wundern. Auch machte ich Bekanntschaft mit „dem Riemen“, einem flachen, derben Stück Leder, von dem ein großer Teil in üble Streifen gespalten war. Die Lehrer schlugen uns damit auf die ausgestreckten Hände, was sehr schmerzhaft war und schreckliche, weiß-geschwollene Quaddeln auf den Fingern hinterließ, die man lange danach nicht mehr beugen oder mit ihnen irgendetwas anfassen konnte.

Dass unsere Reise ins Vereinigte Königreich nur vorübergehend war, wusste ich und war ziemlich froh, alles zurückzulassen und nach Hongkong zurückzukehren. Schnell gewöhnte ich mich auf der Rückreise wieder an das Leben an Bord, welches auch die Reise war, die während der Suezkrise stattfand. Acht Wochen waren wir auf See und fuhren um Afrika herum. Wieder in Hongkong anzukommen war viel eher ein nach Hause kommen als die Ankunft in England, und lebhaft erinnere ich mich, aus einem Bullauge geschaut und vertraute Bilder erblickt zu haben, die nach allem, was passiert war, fast unwirklich erschienen. Mein altes Leben strömte zurück und erfüllte mich mit Glück. Für eine Weile wurde die Wirklichkeit selbst zum Stoff, aus dem die Träume sind, und bis heute träume ich manchmal davon, wieder in Hongkong zu sein, wo das Leben wunderbar vertraut ist, lebendig, mit Farben und exotischen Düften und voller Freude.

An die nächsten paar Jahre in Hongkong, etwa das Alter zwischen sechs und zehn, erinnere ich mich am besten. Da, wo ich aufgehörte hatte, knüpfte ich wieder an, kehrte in meine alte Schule und zu meinen alten Freunden zurück, und das Leben ging weiter wie zuvor. Als wir älter wurden, wurde es interessanter, die Erkundungen der Umgebung ausgedehnter und unsere Spiele gewagter. Durch einen Ventilationsschacht schafften wir es, in einen großen Tunnel unter dem Hang einzubrechen und erforschten ihn mit angstvollem Entzücken, bis ich vor meinen Eltern damit prahlte und es damit endete, dass ich eine Schar Erwachsene hinführen musste, die ihn unfairerweise zumauerten.

Es gab auch Taifune. Solange die immer stärker werdenden Winde es zuließen, blieben wir draußen und stürzten danach wieder hinaus, um Zeltlager in den umgeworfenen Bäumen zu bauen. Ich erinnere mich auch an einen entschlossenen Fahrradzusteller mit einem großen, vorne angebrachten Korb, wie er sich durch die Böen eines aufkommenden Taifuns arbeitete. Er hielt an und lehnte sein Fahrrad gegen die Umgrenzungsmauer des Berges, um etwas zuzustellen. Doch kaum hatte er es losgelassen, als ein mächtiger Windstoß es geradewegs in den Himmel hob und es säuberlich auf der anderen Seite aus einer Höhe von acht Fuß auf dem steilen Abhang des Roly Polys wieder fallen ließ.

Schlangenjagen stand hoch im Kurs unserer selbstgebastelten Mythologie. Da aber unsere Technik hauptsächlich darin bestand, Feuerwerkskracher in danach aussehende Löcher des Berghangs zu werfen, war es nicht verwunderlich, dass wir eigentlich nie eine fanden. Nur durch Zufall trafen wir auf sie. Eine hellgrüne machte sich z. B. mit einem empörten Zischen bemerkbar, als ich mich über sie hockte (wodurch sich unsere Rollen sehr schnell umkehrten und der Jäger abhob wie eine Rakete). Die größte Schlange, die wir fanden, war wahrscheinlich schon tot, aber um sicher zu gehen, überrollten wir sie noch mit einer schweren Graswalze. In eine große Keksdose gestopft nahmen wir sie dann mit zur Schule, um sie unserem Biologielehrer zu zeigen. Der war allerdings wenig erfreut, als er den Deckel öffnete und die Schlange sich in einer Art Reflex über den ganzen Tisch entrollte. Auch andere ziemlich exotische Kreaturen gab es in der Umgebung: Wildkatzen, Riesentausendfüßer, Glühwürmchen, Gottesanbeterinnen und riesige Libellen.

Auch liebte ich das Feuerwerk und Hongkong war dafür der richtige Ort. Chinesische Kracher sahen aus wie kleine Dynamitstangen, hatten eine schöne rote Farbe und lange dünne und zischende graue Lunten. Die Chinesen flochten letztere zusammen, um lange, dicht gepackte, doppelte oder dreifache Reihen von Krachern zu erhalten, die ein bisschen aussahen wie Munitionsbänder für Maschinengewehre. Am chinesischen Neujahr ließen sie sie von ihren Balkonen herunterhängen, wo sie ohrenbetäubend, ununterbrochen und endlos lange explodierten. So viele Kracher auf einmal hochgehen zu lassen, schien für mich ein bisschen verschwenderisch und um mehr Spaß zu haben, nahm ich die potenten „Munitionsgürtel“ gerne auseinander, um daraus große Munitionslager zu machen. In der Guy Fawkes Night16 dagegen waren es die Auswanderer, die den Himmel erleuchteten, und es war toll, zwei Feuerwerksnächte im Jahr zu haben. Sogar der Morgen nach dem 5. November war aufregend, wenn ich mit meinen Freunden herumrannte und, bevor der Schulbus kam, nach nicht explodierten Feuerwerken suchte.

Der schwere Schatten des Zweiten Weltkriegs hing immer noch über allem und für die Kinder war es normal, „Kriegsspiele“ zu spielen. Aber aus irgendeinem Grund kam für uns nur der „richtige Krieg“ in Frage. Der Berg, auf dem wir lebten, war eine natürliche Verteidigungsstellung, und vielleicht waren wir von den rastlosen Geistern der britischen und japanischen Soldaten beeinflusst, die auf seinen Abhängen gefallen waren oder inspiriert von den Verteidigungsanlagen, mit denen die Japaner dann den Berg durchlöchert hatten. Mit Sicherheit waren wir inspiriert von den Aktivitäten der Hongkonger Verteidigungskräfte. Dazu gehörte es z. B., den Militärparaden unserer Väter zuzuschauen und 303 Gewehrpatronen auf dem Rücksitz des Familienautos zu finden. „Richtiger Krieg“ verlangte nach solchen Dingen wie Glassplitter in das Ende unserer Bambusspeere einzuklemmen, Hauptquartiere zu bauen, die vom Feind in Brand gesteckt werden konnten und sich in Linien gegenüberzustehen und Raketensalven aufeinander abzufeuern. Einmal traf eine Rakete unglücklicherweise einen vorbeifahrenden Kinderwagen gerade als eine Standardschlacht richtig interessant wurde. Im Alleingang besiegte eine sehr wütende Mutter daraufhin beide Armeen.

Meine Liebe zum Feuer war mir zurück nach Hongkong gefolgt und brachte uns etwas Ärger ein, als wir auf die Idee kamen, abwechselnd Feuer auf dem Hang anzuzünden und uns gegenseitig dazu herausforderten, länger und länger mit dem Löschen zu warten. Wer der Idiot mit dem größten Mumm war, erinnere ich nicht mehr, nur an die Panik, als sich das Feuer mit zunehmender Wildheit überall um uns herum ausbreitete. Schon bald geriet es zu unserem Entsetzen außer Kontrolle und wir rannten davon. Als meine Eltern nach Hause kamen, fanden sie Löschfahrzeuge in vollem Einsatz beim Löschen eines ziemlich großen Flächenbrandes vor und mein Alibi war nicht so ganz überzeugend, als ich unter meinem Bett versteckt brüllte: „Das war ich nicht!“

Auch hatte ich eine Phase, in der ich nichts lieber mochte, als mich in einen großen, eingebauten Geschirrschrank einzuschließen und brennende Streichhölzer an die Farbe zu halten, um die entstehenden Blasen zu beobachten. Es war ziemlich typisch für meine Fähigkeit, völlig in einer Erfahrung aufzugehen und die Gefahren dabei völlig zu vergessen. An der Eisbox im Kühlschrank zu lecken gehörte zu dieser Kategorie. Meine Zunge fror fest und ich konnte noch nicht einmal um Hilfe rufen. Glücklicherweise weckte mein verzweifeltes „Ahh! Ahh! Ahh!“ die Aufmerksamkeit aus einem anderen Zimmer und von geschickt verabreichtem warmen Wasser wurde ich gerettet.

Diese Episoden passierten ziemlich regelmäßig. Als Teenager fuhr ich z. B. unbekümmert den Berg auf einem Fahrrad hinunter und fragte mich, was passieren würde, wenn ich den Lenker loslassen und nichts tun würde, um das Rad zu lenken. Erstaunlicherweise fuhr es eine lange Zeit weiter, aber meine Stimmung abstrakter Kontemplation dauerte länger und das nächste, was ich wahrnahm, war mein Gesicht, das auf der Straße entlangschrammte. Trotzdem zog ich eine gewisse Befriedigung daraus, der Erfahrung bis zum Ende gefolgt zu sein.

Überraschenderweise erinnere ich mich nicht daran, viel Bedauern empfunden zu haben, als die Zeit kam, für immer nach England zurückzukehren. Wahrscheinlich waren mir bis dahin nur die guten Seiten von England im Gedächtnis geblieben und ich freute mich darauf, wieder auf einem Schiff zu sein. Von einem Ende der Welt zum anderen zu reisen, schien mir offensichtlich nicht besonders schwierig, und so nahm ich sorglos an, ich würde früher oder später wieder nach Hongkong zurückkehren. Die Rückreise war wie immer wunderbar, allerdings etwas getrübt vom Gedanken an die Haie im Wasser unter mir. Auf dieser Reise war ich älter und unabhängiger. Ich freundete mich mit anderen Kindern an und wir hatten eine tolle Zeit beim Spielen und dabei, alles auf dem Schiff zu erforschen. Leider Gottes zog sich, sobald ich wieder in England war, ein Vorhang vor mein altes, sorgenfreies Leben als Globetrotter und ein neues, schwierigeres und schmerzhafteres Dasein begann.

9 Ein größtenteils zum Wohnen genutzter Vorort Hongkongs auf Hong Kong Island, in dem eine der Pferderennbahnen des Hong Kong Jockey Clubs liegt.

10 „Die Rutschbahn des toten Mannes“

11 dt. etwa: „Der Rollmops“

12 Südenglische Grafschaft an der Kanalküste

13 dt. etwa: „Das Gleiche noch einmal.“

14 Auch einer der Hauptbahnhöfe von London und ebenfalls in Camden gelegen.

15 Diese Lokomotiven wurden ab 1922 gebaut und werden heute immer noch auf Sonderfahrten eingesetzt. Der Flying Scotsman mit der Nr. 4472 war eine der bekanntesten Schnellzugdampflokomotiven (und ein offensichtlich gleichnamiger Zug) und der erste, der 1934 den 100-Meilen-pro-Stunde-Rekord brach.

16 Am 5. November gefeierter Jahrestag der Vereitlung des Sprengstoffanschlags britischer Katholiken auf den protestantischen König Jakob I. von England, seine Familie, die Regierung und das Parlament (1605).

2 Die Heimat ist da, wo das Herz ist

Anfangs begriff ich nicht, wie sehr sich die Dinge geändert hatten. Noch voll und ganz damit beschäftigt, den Schusswechsel17 zu überleben, wurde ich in eine ausgesprochen provinzielle Dorfschule in Sussex gesteckt, wo meine Schwestern und ich ein unüberwindbares Problem bekamen. Wir redeten „vornehm“ oder zumindest anders, und der Lehrer machte das Schlimmste, was man sich vorstellen konnte, als er uns aufstehen und uns über all die interessanten Dinge auslassen ließ, die wir auf unseren Reisen gesehen hatten.

Die meisten Kinder, die uns nicht auf den ersten Blick gehasst hatten, taten das danach, und es markierte den Anfang endloser drei Monate aus Verspottung, frechen Witzen und Anschnauzern. Von ein paar Ausnahmen abgesehen gaben sie sich große Mühe, uns spüren zu lassen, nicht willkommen zu sein. Nach der Schule verfolgten und schikanierten sie uns und bewarfen sogar meine Mutter mit Steinen, als sie mit meinem jüngeren Bruder im Kinderwagen spazieren ging.

Allerdings hatten sie nicht damit gerechnet, dass sie es mit einem Veteran einer Hongkonger Kampfeinheit zu tun hatten, der sich mit Keule und Kette bewaffnete, um sie auf Abstand zu halten. (Zum Glück habe ich nie versucht, sie zu benutzen.) Eines Tages erhielt ich eine Einladung zu einem Treffen mit einer großen Gruppe dieser Kinder auf dem Dorfsportplatz, um „Freundschaft zu schließen“. Natürlich war es Ehrensache für mich, unbewaffnet zu gehen. Als ich ankam, sperrten sie mich erwartungsgemäß in eine Scheune und debattierten lautstark vor dem Tor über mein weiteres Schicksal. Offensichtlich war es nun an der Zeit, meine im Dschungelkrieg erworbenen Fähigkeiten auf den Plan zu rufen, mit denen ich es nicht nur schaffte, durch ein paar lose Bretter auf der Rückseite der Scheune zu entkommen, sondern auch, einer heißen Verfolgungsjagd des ganzen Rudels zu entgehen und ohne gefangen zu werden, nach Hause zu gelangen. Recht glücklich über diesen Erfolg glaubte ich, mich in dieser feindseligen Umgebung behaupten zu können, als es plötzlich wieder Zeit für eine Veränderung war.

Aus irgendeinem Grund wurde entschieden, nach Somerset18 umzuziehen – und postwendend begaben wir uns auf Häuserjagd. Zunächst wohnten wir im Hotel und ein Haus wurde schließlich ausgewählt, aber ich zog nicht mit dem Rest der Familie ein. Stattdessen wurde ich im Alter von zehn Jahren in ein Internat geschickt, was ich aber irgendwie nicht in Frage stellte. Die Ereignisse liefen mit einer traumartigen Zwangsläufigkeit ab, und – verwundert, verwirrt und die erstaunlich große Summe von zehn Schilling umklammernd – wurde ich von meinem Vater dort abgeliefert.

Die Verlassenheit, die ich auf mich selbst gestellt in dieser fremden Einrichtung fühlte, war außergewöhnlich. Eine Weile hing ich in einer Art sprachlosen Benommenheit herum und lief dann ziellos nach draußen zu ein paar nahegelegenen Läden, in denen ich einen Teil meines neugewonnenen Reichtums für ein paar kandierte Mandeln ausgab. Lebhaft erinnere ich mich, dass sich das Geld ungemein bedeutungslos anfühlte und welch unangemessene Kompensation die Mandeln für diese furchteinflößende neue Realität darstellten.

Anfangs war es wie ein böser Traum, aus dem ich nicht erwachen konnte. Z. B. hatten im ersten Jahr unsere Schlafräume orangefarbene Nachtlichter und das schlimmste Gefühl der Welt war es, nachts aufzuwachen und dieses verhasste orangene Glühen zu sehen. Es war ein Gefühl vollkommener Verlassenheit, als ob ich auf einem anderen Planeten ausgesetzt worden wäre. Zwar gewöhnte ich mich langsam an das Internat, aber ich mochte es nie. Eine große Hilfe war es allerdings, dass ich diese Tortur mit einer Menge anderer Kinder gemeinsam durchmachte, denen es genauso ging. Ich hatte viele Freunde und wir schafften es alle, es uns so gut wie möglich gehen zu lassen.

Die Halbzeit erlöste mich aus dem Fegefeuer und trieb mich vorwärts ins Paradies. Nach Hause zu gehen schien zu gut, um wahr zu sein, und das Familienleben wurde als das perfekte Dasein wiederentdeckt, das mit magischer Freude sprudelte. Dieses perfekte Glück wurde von unserem neuen Haus gekrönt, das eigentlich ziemlich alt und groß war und in einem ansehnlich großen Garten mit einer Anzahl von Nebengebäuden stand. Natürlich überlebte der Segen des Zuhauseseins nicht immer die Alltagsrealitäten des Familienlebens. Meine drei Schwestern waren jünger als ich und mein Bruder der Jüngste. Wie in allen anderen Familie auch, liebten und stritten wir uns, doch unser Zuhause in Somerset war die Bühne für die Aufs und Abs von zehn Jahren, die wir miteinander teilten und an die wir uns alle liebevoll erinnerten.

Nur zu bald wurde ich im Handumdrehen wieder zurück in die Schule und zu den gefürchteten orangenen Nachtlichtern gebracht. So wurde das Leben zu einem Muster aus chronischem Heimweh und freudigem Nachhausekommen, und diese Stimmungsschwankungen machten mich wahrscheinlich introspektiver und brachten mich dazu, über die Natur des Glücks oder vielleicht eher über die des Unglücklichseins nachzudenken. Denn letzteres war das Gefühl, das mir am gegenwärtigsten war.

Das Internat war ein ziemlich liebloser Ort, der vom Kameradschaftsgefühl einsamer Jungen getragen und von „Men in Black“19 kontrolliert wurde, die aus uns gute Katholiken machen sollten. Die schwarz-kuttigen „Brüder“ betrieben dies in einer Atmosphäre aus Bedrohung und unbeugsamer Autorität, die nur sehr schwach von munteren und fröhlichen Umgangsformen getarnt war. Obwohl einige natürlich eine menschliche Seite zeigten, mussten sie doch in den Schranken des Systems arbeiten, das Erlösung durch Gebete, Sport, Prüfungsergebnisse und den Stock predigte. Wenn ich etwas vorlaut war, jagte mich sogar der „Bruder“, den ich am meisten mochte, immer wieder mit seinem Stock im Klassenzimmer herum. Schließlich schaffte ich es doch, ihn zum Lachen zu bringen. Allerdings ließ er mich erst frei, als ich ein Exekutionsopfer spielte und mein Taschentuch als Augenbinde benutzte.

Fest stand allerdings, dass die unerbittlich strenge Einhaltung der Messe in der kirchengroßen Kapelle zweimal die Woche vor dem Frühstück und die „Hohe (unendlich lange) Messe“ am Sonntagmorgen, gefolgt vom „Segen“ (stöhn) am Nachmittag viel zu meiner Überzeugung beitrugen, das Religion etwas absolut Langweiliges ist. Der einzige Ausweg bestand darin, abwechselnd vorzutäuschen, in Ohnmacht zu fallen und Unterstützung von einem dankbaren Assistenten zu bekommen.

Weg von zu Hause zu sein, machte mich sehr unglücklich, obwohl ich versuchte, dies für mich zu behalten. Es wurde mir zur Gewohnheit, verschiedene Stadien von Heimweh bestimmten Plätzen in der Schule und auf dem Gelände zuzuordnen und dort meinen momentanen Gefühlen nachzuhängen. Da gab es das überwältigende Elend am ersten Tag der Rückkehr und die Traurigkeit des verblassenden Zuhauses am Ende der ersten Woche. Unregelmäßig unterbrochen von ergreifenden Briefen aus der Heimat folgte die abstrakte Losgelöstheit der folgenden Wochen. Endlich würde die herrliche letzte Woche kommen und ich mich im sicheren Wissen des „Nächste-Woche-um-diese-Zeit“ sonnen, bis der unglaubliche Tag selbst dämmern und ich von meinem Vater in seinem Auto wieder zurück ins Paradies gebracht würde.

Dieses Szenario hatte zwangsläufig einen Makel, denn es gab Ärger in diesem irdischen Paradies. Dass ich in vielerlei Hinsicht Glück hatte, wusste ich und genoss deshalb das Leben mit meiner Familie in einem so reizenden, weitläufigen, alten Haus und Gelände. Trotz alledem wurde ich mir eines tieferen Teils meiner selbst bewusst, der verwirrt, verwundbar und einsam war und der die Welt und sogar Familie und Freunde in unterschiedlichen Graden von Beklemmung und Unverständnis betrachtete. Nachdem ich nur wenige Stunden nach der Ankunft zu Hause in eine Diskussion mit meinen Eltern verwickelt wurde, erinnere ich mich an ein gemischtes Gefühl aus Überraschung und Trübsal am Tag danach. „Nun, das hat ja nicht lange gedauert“, dachte ich mürrisch, als ich auf das Tempo zurückblickte, mit dem sich der „Segen des Semesterendes“ verflüchtigt hatte.

Ich wunderte mich über diese tiefe schmerzende Sehnsucht, die ich Heimweh nannte, da es sehr enttäuschend für mich war, zu Hause und immer noch unglücklich zu sein und spürte, dass ich mir etwas wünschte, was meine Familie mir nicht geben konnte. Das mysteriöse Objekt dieser namenlosen Sehnsucht schien zeitweise quälend nah zu sein, besonders wenn ich zu Hause war und relativ glücklich. Nach meiner Rückkehr in die Schule wurde seine Abwesenheit jedoch zu einer schmerzenden Wunde, die alles andere für Tage oder sogar Wochen übertönte, bevor es sich in einer Art resignierter Losgelöstheit zurückzog.

Je älter ich wurde, desto furchterregender schien die Welt zu sein. Bei Fremden und besonders bei älteren Menschen neigte ich dazu, mich unwohl zu fühlen und wurde mir dessen immer bewusster. Allgemeiner gesagt fand ich „Erwachsene“ ziemlich komisch: sie schienen ungeschickt, grob und langweilig und hatten merkwürdige Angewohnheiten, die bedenklich oder sogar pervers erschienen. Oft rochen sie auch seltsam nach Parfüm, Zigaretten, Alkohol und anderen mysteriösen Dingen und ihre wichtigen Jobs in der tollen, großen Außenwelt schienen irgendwie genauso langweilig wie erschreckend und unbegreiflich zu sein.

Ambitionen hatte ich in der Erwachsenenwelt keine und fühlte mich in der Tat in keinster Weise von ihr angezogen. Warum Leute von „Macht“ in Zusammenhang mit politischen oder sozialen Stellungen sprechen, habe ich immer schwer verstanden. Für mich bedeutete Macht zu haben, auf dem Wasser laufen oder die Toten erwecken zu können. Es war kein religiöses Gefühl, sondern die Überzeugung, dass das Leben voller Magie und Staunen sein sollte, was mich wiederum dazu führte, viel Zeit mit Tagträumerei, Zeichnen oder dem Lesen oder Schreiben von Geschichten zu verbringen.

Ich hatte eine Art vage und nicht ausformulierte Vorstellung von einer perfekten magischen Realität, die irgendwo existierte und dass ich früher oder später dazu bestimmt war, darüber zu stolpern. Ein Schulbuch mit einfachen, idyllischen Skizzen von prähistorischen Menschen, die um ein Feuer sitzen oder Fische im Fluss fangen, entrückte mich in einen intensiven Tagtraum reinen Vergnügens. Buchstäblich in Ekstase erschauerte ich über die wunderbare Einfachheit, die diese Bilder in mir heraufbeschworen. Und meine Fähigkeit, mich in derartig magischer Inspiration zu verlieren, real oder in der Fantasie, machte es mir nach und nach ziemlich einfach, den weltlicheren Anforderungen des Alltags zu entfliehen. Im Alter von ungefähr 12 Jahren faszinierte mich 1960 The Time Machine20 z. B. so sehr, dass ich eine ganze Woche brauchte, um festzustellen, dass es nicht real war.

Meine Fantasie hatte auch eine kriegerischere Seite – vielleicht ein Echo meiner Hongkonger „Miliztage“. So bestand einer meiner Zeitvertreibe darin, viele kleine Männchen zu zeichnen, die Krieg gegeneinander führten und alle Waffenröcke und Gürtel an den Hüften trugen. Sie hatten wadenlange Stiefel, Mäntel, kleine Helme und farbige Uniformen, um sie auseinanderhalten zu können. Genauso hatte ich Spaß daran, dramatische Abenteuer über eine nicht unbekannte Bande von Schuljungen zu schreiben, die einen monumentalen Kampf gegen Feuer, Flut, Erdbeben und geheimnisvoll auftauchende Dinosaurier führten. Zu dieser Zeit benutzen wir Füllfederhalter, die aus Tintenflaschen befüllt wurden, und ich kann mich immer noch an den süßen, metallisch scharfen Geruch der Tinte erinnern, der immer das aufregende Gefühl grenzenloser kreativer Möglichkeiten heraufbeschwor.

Meine Anstrengungen in Kunst und Literatur tendierten eher dazu, alleine von mir bewundert zu werden. Der katholische „Bruder“ an meinem Internat war da so etwas wie eine unglückliche Ausnahme, als er eine meiner Geschichten über eine Schulrevolte herausgriff, bei der alle Lehrer gefangen und auf anschaulich detaillierte Weise zu Tode gequält wurden. Er ließ mich darauf hin wissen, dass ich eine gefährliche Fantasie besaß und die unterschwellige Botschaft war, dass, er selbst eingeschlossen, einige meiner Opfer Männer Gottes waren. Seine mürrische Warnung beeindruckte mich natürlich nicht, denn meine Erfahrung mit den Männern Gottes und ihren üblen, todschicken Stöcken hatten mich davon überzeugt, dass sie alles verdienten, was ich mir erträumen konnte. Manchmal schlugen sie uns buchstäblich grün und blau – obwohl sogar dies kompensiert werden konnte, da die Gemeinschaftsduschen ein guter Anlaufpunkt waren, um mit unseren Kriegsverletzungen anzugeben.

Mein Durst nach interessanten Erfahrungen zog mich zu verwandten Geistern in der Schule hin und eine kleine Gang fand sich zusammen, in der jeder bei seiner Ehre dazu verpflichtet war, das Leben so aufregend wie möglich zu gestalten. Wir hatten ein offenes Auge für geeignete Orte und machten uns auf, sie bei jeder Gelegenheit zu erforschen. Die Schule lag im Wohngebiet eines Vororts mit Läden, einem Strand, Klippen, farnbedecktem Hügelland und einer Flussmündung in unmittelbarer Nähe – ein breites Betätigungsfeld, um Spaß zu haben.

Wir erlebten viele Abenteuer – obwohl sich ein paar davon ein bisschen aufregender erwiesen, als uns lieb war. Eins davon spielte sich mitten in der Nacht auf dem Dachboden des Hauptgebäudes ab. Es war ein großes, altes Haus und das Dachgeschoss ein ausgedehntes Labyrinth miteinander verbundener Räume. Wir suchten uns einen Weg durch seine verschiedenen Abteilungen und quetschten uns an einer Stelle durch eine enge Lücke zwischen den Dachsparren und einem breiten Wassertank, ziemlich überzeugt davon, gleich eine erstaunliche Entdeckung zu machen. Stattdessen landeten wir schließlich in einer Sackgasse und als wir die einzige Taschenlampe auf das raue Ziegelwerk der enttäuschenden Giebelmauer richteten, flackerte das Licht und ging aus.

Auf den Moment purer Angst folgte panisches Herumkrabbeln in totaler Dunkelheit, als wir versuchten, den Weg nach draußen zu finden. Ziemlich verzweifelt redeten wir davon, durch die Gipsdecken unter den hölzernen Deckenbalken zu brechen, als mir der Zufall zu Hilfe kam. Blind, in keine bestimmte Richtung kriechend, berührte ich den Wassertank, an dem wir uns vorbeigezwängt hatten. Von da aus fanden wir den Weg nach draußen, verschmutzt, verdreckt, mittelschwer traumatisiert und geheilt von allen weiteren Ambitionen der Dachgeschosserforschung.

Stattdessen wandten wir unsere Aufmerksamkeit jetzt Freiluftaktivitäten zu und begaben uns an einem Freitag den 13. etwa gegen Mitternacht auf eine sorgfältig vorbereitete Reise zum ca. eine Meile von der Schule entfernten Kirchhof, um nach Geistern zu suchen. Leider hatten wir kein Glück damit, obwohl wir passenderweise ein paar geheimnisvolle Gefühle und eigenartige Gerüche wahrnahmen. Auf unserem Rückweg zur Schule wurden wir jedoch von einem Polizisten angehalten, dem wir ungeniert erzählten, dass wir von einer Party kamen. Trotz des Anblicks, den wir als eine um zwei Uhr nachts umherwandernde Gruppe von 12- oder 13-Jährigen geboten haben mussten (es war in den frühen 1960ern), ließ er uns überraschenderweise gehen.

Doch die Rückmeldung von unserer Eskapade kam dem Schulleiter zu Ohren. Wir wurden vor ihn gezerrt, um eine ordentliche Portion Feuer und Schwefel auf uns niederregnen zu lassen und unser Taschengeld wurde für die absehbare Zukunft gestrichen. Trotzdem dachte ich, dass es allemal der Mühe wert war, weil es ein toller Spaß und meinen Nachforschungen in spirituellen Dingen dienlich war. Viele von Dennis Wheatleys Büchern über das Okkulte hatte ich gelesen und verbrachte viel Zeit damit, mich an meine Träume zu erinnern, da man annahm, dass das der erste Schritt war, die Kontrolle zu übernehmen und im Astralbereich „aufzuwachen“. Diese Exkursion machte Dennis Wheatley alle Ehre und ich hoffte darauf, dass noch mehr aufregende Dinge passieren würden. Aber diese Bestrebungen mussten leider ausfallen, da die unerwarteten Übergriffe der Pubertät anfingen, sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu drängen.

Zu den erfreulichen Dingen meines letzten Schuljahres gehörte es, dass das Angeln als offizielle Sportart anerkannt wurde. Diese ungewöhnliche Entwicklung erlaubte es uns, dass wir uns mittwoch- und samstagnachmittags und einen großen Teil des Sonntags mit der Angelausrüstung den Fluss hinunter davonmachen konnten. Der Fluss weitete sich beträchtlich in seine Mündung und den Hafen und überraschenderweise konnten wir kleine Motorboote zum Fischen mieten. Das war halbwegs erschwinglich, weil der Verleiher nach der Zahl der Insassen abrechnete. So mietete einer von uns ein Boot, während die Zurückgebliebenen weiter flussaufwärts warteten, um zuzusteigen.

Zu meinem noch größeren Erstaunen bescherte mir das meine erste Freundin, denn es fügte sich, dass sie gerade am Flussufer war, als wir mit ein paar Booten herumfuhren und uns – entzückende Kinder, die wir waren – mit Steinen bewarfen. Einer der Steine traf mich am Kopf und wie ein Football-Star machte ich eine kleine Show aus meiner Verletzung, was die Aufmerksamkeit eines der Mädchen erregte. Der Rest war Geschichte – obgleich eine kurze, denn ich hatte das bestimmte Gefühl, noch nicht bereit für eine Freundin zu sein. Doch sie akzeptierte kein Nein als Antwort, und es stellte sich heraus, dass sie viele sehr nützliche Tipps parat hatte, z. B. wie man beim Küssen durch die Nase atmet. Tatsächlich nehme ich an, dass ihre Kenntnisse viel umfassender waren, aber ich war nicht dazu bestimmt, das herauszufinden, da das Schicksal erneut eingriff und uns wieder trennte.

Der Abenteuergeist, der meine Gang inspirierte, entwickelte eine dunklere Seite, als einige der eigenwilligeren Charaktere damit begannen, uns in destruktive und langfingrige Aktivitäten zu verwickeln. Bei einer Gelegenheit geriet ein Feuer, das wir versehentlich in einem Werkzeugschuppen neben einer Müllkippe entfachten, außer Kontrolle, und wir mussten Fersengeld geben – etwas, was mich verstört und unglücklich zurückließ. Wir fingen an, in unbewohnte Grundstücke einzubrechen, statt bloß verlassene zu erforschen und begannen mit Ladendiebstahl, statt an der Küste nach Strand- und Treibgut zu suchen. Schließlich erreichten wir den absoluten Tiefpunkt, als der Rücksichtsloseste uns anstiftete, Geld aus einem Schließfach im Schlafraum zu nehmen. Obwohl ich mich deswegen schrecklich fühlte, hatte ich nicht den Mut, es anzuzeigen. Stattdessen schlich ich mich später wieder hin, legte meinen Anteil zurück und entschied mich gleichzeitig, mich von da an von der Gruppe fernzuhalten, in die ich hineingeraten war. Wie sich herausstellte kam die Entscheidung gerade noch rechtzeitig, denn ich ersparte mir die Konsequenzen einer ziemlich dramatischen Episode, zu der Gelddiebstahl aus dem Schulleiterbüro, die Flucht auf einem gestohlenen Motorrad und der Verweis eines Bandenmitglieds von der Schule gehörten.

Die Aktivitäten, in die ich verwickelt war, waren jedoch der Aufmerksamkeit der „Brüder“ nicht ganz entgangen und erreichten die Ohren meiner Eltern im allgemeinen Fallout des Skandals. Mit alldem einhergehend betrieb ich eine „Langzeit-Anti-Internats-Kampagne“, indem ich meine Eltern mit Beschwerden darüber bombardierte, von Zuhause getrennt zu sein und sie mit Briefen überschüttete, in denen ich die Tage bis zum Ende des Semesters zählte. Das Ergebnis war, dass sich am Ende meines dritten Jahres mein Leben abrupt wieder änderte, und ich in Windeseile vom einen katholischen Internat in ein anderes in der Nähe unseres Zuhauses verfrachtet wurde.

17 Damit ist hier der Versuch gemeint, ähnlich wie bei der Reise nach Schottland, in permanenter Alarmbereitschaft mit der Feindseligkeit und Aggressivität der örtlichen Kinder umzugehen.

18 Grafschaft im Südwesten Englands und Teil des West Country

19 „Männer in Schwarz“. Sicher wird hier auch auf die gleichnamigen Filme angespielt.

20 Die Synchronversion der zweiten Verfilmung des 1895 erschienenen Romans von H. G. Wells lief am 2.9.1960 in deutschen Kinos unter dem Titel Die Zeitmaschine an.

3 Wochenendkrieger

In der neuen Schule war ich nur wochentags untergebracht und das war eine große Verbesserung – zumindest der Teil zwischen Freitagabend und Montagmorgen. Sonntags musste ich immer noch mit meinen Eltern in die Kirche gehen, aber jetzt konnte ich die Schülerinnen des örtlichen Klosters sehen, die auch den Gottesdienst besuchten. Vor dem Frühstück gab es keine Messe mehr. Stattdessen riss ein Priester jeden Morgen die Schlafsaaltür auf und dröhnte aus vollem Halse: „Im Namen des Vaters, des Sohnes …“, und wir mussten alle aus dem Bett klettern und betend auf den Knien sein bis er bei, „ … und des Heiligen Geistes. Amen!“, angekommen war. Wenn wir das nicht schafften, wurde uns das Bett über den Kopf gekippt.

Die Schule lag draußen auf dem Land und weit entfernt von Läden, verlassenen Häusern und Mädchen, und die Linderung, die mir meine ausgedachte Fantasiewelt verschaffte, war nun weniger befriedigend. Ich las und schrieb immer noch sehr viel und die Schulbibliothek war tatsächlich sehr gut bestückt – besser, als sich das Establishment bewusst war. Darin war ich mir sicher, da ich dort einige ziemlich explizite Romane fand. Das Astralreisen gab ich auf, fing stattdessen mit romantischen Tagträumereien an und schrieb abenteuerlustige weibliche Wesen in meine Geschichten, die sich nicht daran störten, dauernd vor Dinosauriern und Aliens gerettet zu werden. Die Hormone fingen an, Amok zu laufen und das Leben wurde immer komplizierter. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb fing ich an, mich nach neuen Wegen umzuschauen, die Dinge interessanter zu machen.

Der Erfolg dabei erwies sich als ziemlich trügerisch, um es vorwegzunehmen. Eigentlich hatte ich schon eine Zeit vorher mit meinem ersten Experiment dieser Art begonnen, das darin bestand, soviel Wasser wie möglich zu trinken. Sicherlich hatte mir das zu einem wunderbaren Gefühl der Völle verholfen, aber es war doch nicht begeisternd genug, um das endlose Pinkeln danach zu kompensieren. Auch selbstinduzierte Lachkrämpfe schienen eine Weile vielversprechend zu sein, als ich herausfand, dass ich mich selbst in eine Art hysterische Lustigkeit versetzen konnte, in der alles, was man zu mir sagte, mir irrsinnig komisch erschien und Lachkrämpfe auslöste. Wenig überraschend war das nicht sonderlich populär und musste aufgegeben werden. Inzwischen war ich schon weit anspruchsvoller und fing an, getrocknete Bananenschalen zu rauchen, und wenn das nicht funktionierte, löste ich Aspirin in Coca Cola auf. Sogar in Papiertaschentücher eingewickelte Schuhcreme versuchte ich zu essen, und mein erster großer Erfolg bestand darin, das Gas im Chemielabor der Schule einzuatmen, was mich recht angenehm benommen machte.

Parallel zu diesen Forschungsaktivitäten nahmen die widersprüchlichen Anzeichen aufkeimender Sexualität an Beständigkeit und Intensität zu. Diese Anzeichen hatte ich früher schon als gelegentliche Episoden in der Kindheit gefühlt, in der sich unerwartete Gedanken und Gefühle angstvoller und schuldbewusster Erregung unsanft in mein Leben drängten – nur um wieder zu verschwinden und für Monate oder sogar Jahre wieder vergessen zu sein, als ob sie nie dagewesen wären. Jetzt begannen solche Gefühle, sich regelmäßiger einzumischen und waren verwoben mit höchst unwahrscheinlichen Fantasien über genauso fantastische Frauen.

Die Schule selbst bildete einen irritierenden Hemmschuh auf meiner Aussteigeragenda und ich begann mit eigenen Forschungsarbeiten nach Methoden, krank zu werden, um zu Hause bleiben zu können. Das reichte vom nachts auf dem Dach in einer Schüssel mit kaltem Wasser zu stehen bis dahin, Seife zu essen. Zwar weiß ich nicht, woher ich die Idee hatte, dass Seife-Essen Fieber erzeugen würde, doch ich klammerte mich an die Idee, dass Fieber mir eine Auszeit von der Schule garantieren würde. Berichten kann ich jedenfalls, dass es – falls jemand unwahrscheinlicherweise dumm genug ist, so etwas zu versuchen – nicht nur nicht funktioniert, sondern dass danach auch alles eine Woche lang nach Seife schmeckt.

Je älter ich wurde, desto unangenehmer und unverständlicher erschien mir die Welt der Erwachsenen. Manchmal hatte ich das Gefühl, eine Art chaotischen und banalen Traum zu träumen, in dem sich alle außer mir mit ihrer Rolle abgefunden zu haben schienen. Zweck oder Bedeutung konnte ich darin nicht erkennen und war zu beschäftigt damit, von einer bedenklichen Situation zur anderen zu manövrieren und aus alledem schlau zu werden. Zuhause war ich relativ glücklich, doch der Gedanke, der erbarmungslosen Erwachsenenwelt aus bedrückender Konformität und finanzieller Knechtschaft zum Fraß vorgeworfenen zu werden, erfüllte mich mit Trübsinn.

Zur gleichen Zeit schrie etwas Neues und Aufregendes nach Aufmerksamkeit, eine Grundströmung aus Musik, Rebellion und Spaß. Die „Swinging Sixties“21 begannen und schufen eine intensive Begeisterung, die mit jedem neu erscheinenden Platten- oder Filmhit weiter wuchs. Es ist schwer, die schiere Neuheit und das Hochgefühl dieser Tage in den heutigen, eher schwunglosen Zeiten flächendeckender Computerspiele, wandgroßer Satellitenfernseher und grenzenloser Musikkanäle zu vermitteln. Als die blechernen Klänge von The House of the Rising Sun22 aus einem verbotenen und in meinem Blazer versteckten Transistorradio in der Schule ertönten, bekam ich vor Erregung Gänsehaut und die Nackenhaare standen mir zu Berge.

Die Frage, in welche Welt ich wollte, stellte sich nicht. Dies deckte sich wiederum mit der Erkenntnis, dass ich nicht der einsame Forscher war, der ich glaubte zu sein. Die gesamte Erwachsenenpopulation nahm schädliche Substanzen auf oder inhalierte sie, um das Leben interessanter zu machen, und ich habe das eine ziemlich lange Zeit auch so gemacht. An Zigaretten heranzukommen bedeutete, nicht länger Gas aus dem Chemielabor inhalieren zu müssen, um benebelt zu werden. Und einmal mit Alkohol ausgestattet, war ich auf einer Achterbahnfahrt, die 12 Jahre lang anhalten sollte.

Alkohol schien ein magisches Elixier zu sein, das zu meiner Rettung auftauchte und ich war zu sehr davon fasziniert, was er mit mir machte, um sein Pedigree23 zu hinterfragen. Auf einmal hatte ich die Mittel, wann immer ich wollte, das Leben in ein spaßerfülltes Abenteuer zu verwandeln, Energie und emotionale Intensität auf Wunsch freizusetzen und den Schrecken und die aufdringliche, bedrückende Atmosphäre der Erwachsenenwelt zu vergessen. Er gab mir das Vertrauen, das zu sein, von dem ich glaubte, dass es mein wahres Selbst war, machte mich weniger befangen gegenüber dem geheimnisvollen anderen Geschlecht und schien ein ideales Zubehör in der elektrifizierenden neuen Welt des Rock ’n’ Rolls zu sein.

Um damit anzufangen, wartete ich nicht auf den Schulabschluss und wurde mit 16 dabei erwischt, Whiskey in einer, wie ich dachte, schlau versteckten Shampooflasche in die Schule zu schmuggeln. Zweimal riss ich aus der Schule aus – was relativ leicht war, da ich für jede Woche immer eine Rückfahrkarte dabei hatte und nur die paar Meilen nach Exeter24 zurücklegen und den Zug erwischen musste. Beide Ereignisse wurden von Umständen ausgelöst, in denen ich mich ungerecht behandelt fühlte – beim zweiten Mal vielleicht etwas weniger überzeugend.

Beim ersten Mal wurde ich unter einem Haufen Matratzen im Schlafsaal erwischt, als viele Leute auf mir herumhüpften. Es entrüstete mich sehr, dass ein so offensichtlich unschuldiges Opfer wie ich, ebenfalls mit Nachsitzen am folgenden Freitagabend bestraft wurde, und ohne Verzögerung schmuggelte ich mich im Bus der Tagesjungen nach draußen. Meine Heimkehr löste einen großen Schock und große Bestürzung aus und am nächsten Tag wurde ich zurückgeschickt. Doch abgesehen von einer humanen Standpauke des Schuldirektors passierte nichts und am Freitagabend-Nachsitzen brauchte ich nie teilzunehmen.

Bei der zweiten Gelegenheit entwischte eine Schar von uns in den nahen Pub25 und ließ sich ziemlich volllaufen, nachdem wir unsere Abiturprüfungen beendet hatten. Als wir spät in der Nacht versuchten, uns in die Schule zurückzuschleichen, gerieten wir in eine Art Hinterhalt, und “Väter“ mit Adleraugen stürzten sich auf betrunkene Nachtschwärmer, die durch verschiedene Fenster hineinkletterten. Am nächsten Morgen wurden wir für eine Woche „vergattert“, was ein viel größerer Schlag war, als es sich zunächst anhörte, da wir unsere Prüfungen abgeschlossen hatten und an diesem Tag die Schule verlassen sollten – eine Woche vor dem Rest der Schule. Auch war es der Sportfesttag und meine Eltern kamen, um mich mit nach Hause zu nehmen, nachdem sie meine athletischen Fähigkeiten bewundert hatten.