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Ein Leben, so bunt wie ein Kaleidoskop und dann wieder so dunkel wie der lichtloseste Keller. Isabells Geschichte beginnt im Zweiten Weltkrieg, die Eltern heiraten notgedrungen, doch schon vor der Hochzeit kommt es zum Eklat. Nachdem ihr Vater gefallen ist, schiebt die Mutter das ungeliebte Kind zu ihrer Mutter ab. Die Oma kämpft mit allen Mitteln, um das kleine Mädchen am Leben zu erhalten. Sie rettet es durch Hungerjahre, durch Krankheit und bittere Armut. Isabell schildert mit schonungsloser Offenheit die Bosheiten der Menschen um sie herum, aber auch die wunderbaren und komischen Momente ihres Lebens. Ihre Berufung findet sie in der Gastronomie. Als Barkeeperin, Wirtin und Pächterin verschiedener Lokale in und um München erlebt sie Glück und Erfolg, aber auch so manche Katastrophe. Isabell ist eine Frau, die nie aufgibt, auch wenn es noch so schwierig wird. Ihre Geschichte macht Mut und zeigt, wie man es auch ohne familiären Rückhalt schaffen kann, sich ein Quäntchen Glück zu erobern.
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Seitenzahl: 439
Veröffentlichungsjahr: 2018
Über das Buch
Isabell, ein ungeliebtes Kriegskind, wird von ihrer Mutter bei der Großmutter einfach abgestellt. Ihr Vater heiratete ihre Mutter notgedrungen, da es damals ein Muss war. Er fällt im Krieg und Isabells Mutter geht sofort eine neue Beziehung ein. Sie registriert nicht einmal, dass Isabell todkrank ist. Nur dank ihrer Großmutter und durch ein Wunder überlebt sie.
Das Leben stellt Isabell immer wieder neue Stolpersteine in den Weg. Trotz hervorragender Noten darf sie aus Geldmangel nicht studieren, sie darf nicht einmal eine Lehre anfangen. Stattdessen verlangt ihre Mutter, dass sie endlich Geld verdienen muss. Erst als Isabell ihre große Liebe kennenlernt, kehrt für kurze Zeit das Glück bei ihr ein. Der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist hoch. Sie arbeitet wie ein Pferd, um ihren Kindern das Leben zu ermöglichen, dass sie nie hatte, doch gedankt wird es ihr nicht.
Ihre Berufung findet sie in der Gastronomie, dort bekommt sie Anerkennung und Erfolg, doch das Pech scheint sie zu verfolgen. Doch Isabell gibt nicht auf. Als sie schon nicht mehr an das Leben glaubt, kehrt das Glück zu ihr zurück. Sie lebt „das Leben“ und nicht mehr daran vorbei und darf endlich glücklich sein. Diese authentisch erzählte Lebensgeschichte macht Frauen Mut, die es ihr Leben lang nie leicht hatten.
Isabell Werner
Und ich lebe doch
Von der Hölle ins Glück
Eine Träne bleibt
© 2018 Isabell Werner
Verlag & Druck: Tredition GmbH, Hamburg
ISBN Paperback: 978-3-7469-9286-0 E-Book: 978-3-7469-9287-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
Der Krieg, meine Eltern und andere Katastrophen
Brennnesselspinat und Pfefferminz-Limonade – Wie Oma es schaffte, mich am Leben zu erhalten
Wyatt Earp und der Gemeindepfarrer – bestellt und nicht abgeholt – zwei Rettungen am Fluss
Oma trauert – Oma zweimal im Glück – schon wieder Trauer – das Blumenmädchen
Im Internat – Streiche und kein Ende – es geht um die Wurst – der Heilige Aloisius
Berufliche Anfänge – die Prophezeiung – ich entdecke die Gastronomie – schicksalhafte Begegnung
Auf Wolke Sieben – Hochzeit in Weiß – unser Mädchen – unser Sohn – das traurige Ende
Meine Tochter und ich
Mein Sohn und ich
Eine Wette, die ich nie bereute – Ferien in Österreich – Weihnachten alleine – eine verlorene Freundin – Der Rosenkrieg
Spezieller Band-Service – Betrug hinterm Tresen – eine falsche Freundin – der Nerzmantel
Ausflug in den Einzelhandel – mein Chef und die Leitz-Ordner – Rückkehr in die Gastronomie
Love-Story in Amerika – Pech mit Freundinnen – Pech mit Männern – wie man sich eine Finca organisiert
Beziehung ohne Liebe – Hochzeit in Schwarz – Erfolg in Lila – das Unheil bahnt sich an
Der Frühstücksdirektor – eine türkische Hochzeit – Soldaten mit Tablett – die Pleite – der Kontroll-Freak
Szenen einer Ehe im Golfklub – Ende mit Schrecken – der Super-Anwalt – Bloß nicht aufgeben!
Ein unwiderstehliches Angebot – der besiegte Scheich – trauriger Abschied im Nikolauskleid
Spielhöllen mit Ambiente – die falschen Hunderter – ich sage ade zur Gastronomie
Neustart in der Möbelbranche – Intrigen und was dagegen hilft – eine schrecklich nette Familie
Das Beste kommt zum Schluss!
Danksagung
Dieses Buch ist allen Frauen gewidmet, die sich auch im hohen Alter nicht entmutigen lassen, sondern immer wieder „das Leben“ suchen.
Den Frauen, die zeitlebens für ihre Familien nur „Fußabtreter“ waren, rufe ich zu: „Wehrt Euch! Fangt noch einmal von vorne an, Ihr schafft es.“ Denn es gibt dieses „andere“ Leben, man muss sich nur trauen.
Der Krieg, meine Eltern und andere Katastrophen
Für mich war meine Kindheit alles andere als schön. Erst als Erwachsene habe ich erfahren, dass ich ein „Unfall“ war, und damit ein ganz und gar unerwünschtes Kind. Diese Last habe ich zeitlebens mit mir herumgetragen.
Erst mit fast fünfzig Jahren erzählte mir ein Freund meines verstorbenen Vaters, dass er sich sehr wohl über meine Geburt gefreut hatte. In meiner Familie wurde er immer totgeschwiegen, für sie existierte er einfach nicht. Was das für mich bedeutete, wurde mir erst als Erwachsene klar, nur das interessierte damals niemanden.
Mein Vater war anscheinend ein sehr gutaussehender junger Mann gewesen und er war sich dessen auch bewusst. Meine Mutter und er führten, wie man heute sagen würde, eine On-off-Beziehung. Dann war plötzlich ich unterwegs, denn damals war Verhütung noch nicht so einfach wie heute. Es war zu damaliger Zeit auch unumgänglich zu heiraten, wenn ein Kind unterwegs war. Das war für beide wohl die einzige mögliche Konsequenz.
Die Hochzeit war beschlossen und, wie in Bayern üblich, artete der Polterabend am Tag vorher in einer Alkoholorgie aus. Im Vollrausch hatte mein Vater dann mit einer anderen Frau Sex. Franz, sein bester Freund, mahnte ihn noch in der Nacht immer wieder: „Hans, mach nicht den Fehler zu beichten, Weiwi reißt dir den Kopf ab!“
Mein Vater, immer noch im Alkoholnebel, schüttelte den Kopf und erwiderte: „Franz, ich kann doch unsere Ehe nicht mit einer Lüge beginnen. Weiwi würde es sowieso herausfinden und sie wäre grausam genug, mir mein Kind für immer wegzunehmen. Ich bereue die Dummheit jetzt schon, aber ich weiß auch, sollte sie es von jemand anderem erfahren, ihrer Rache könnte ich nie entkommen.“
Nach seiner ehrlichen Beichte, bei der er wirklich Reue zeigte, kam er nicht mehr zu Wort. Die berechtigten Vorwürfe seiner Braut waren bis auf die Straße zu hören. Sie bezeichnete ihn als Volldeppen, der nur unterhalb der Gürtellinie denken kann, aber ansonsten kein Gramm Gehirn besitzt. Sie warf alles nach ihm, was sie in die Hände bekam, bis ihre Mutter dazwischenging. Sie war zwar der gleichen Meinung wie ihre Tochter, aber für sie ging es um „Schadensbegrenzung“.
Bei ihrer Nachbarin und Freundin Rosmarie reagierte sich Weiwi dann so richtig ab und schrie vor Wut und Zorn: „Dieser Hurensohn! Wenn der glaubt, ich heirate ihn noch, dann hat er sich gewaltig geschnitten! Ich kratz ihm die Augen aus und schick ihn zu seiner verblödeten Mutter zurück.“
Bevor Rosmarie beruhigend auf sie einwirken konnte, stand ihre Mutter hinter ihr und gab ihr eine schallende Ohrfeige: „Du warst so blöd, dir ein Kind andrehen zu lassen, jetzt musst du damit leben. Getrau dich ja nicht, die Hochzeit abzusagen, denn dann kannst du mit deinem ledigen Balg gleich in die Anstalt nach Schönberg gehen.“
Dort lebten zu der Zeit viele ledige Mütter, die entweder alkoholabhängig oder psychisch auffällig waren. Vor diesem Ort hatte Weiwi mehr Angst als vor ihrer Mutter. Die aber drehte sich auf dem Absatz um und verschwand nach dieser damals nicht unüblichen Reaktion wieder in ihrer Küche. Rosmarie fühlte sich sehr unbehaglich, konnte ihre Freundin aber auch nicht beruhigen. Ihr war vor dieser Furie, wie sie sie nannte, angst und bange. Sie weigerte sich nach diesem lautstarken Ausbruch auch, auf die Hochzeitsfeier zu kommen. Auf keinen Fall wollte sie vor der Nachbarschaft noch als Freundin von Weiwi gelten. Sie machte drei Kreuze, als sie endlich ging.
Meine Oma blieb demonstrativ der Trauung und Hochzeitsfeier fern, denn es war keine kirchliche Trauung. Wie ich erst als Erwachsene erfahren habe, durfte die Mutter meines Vaters nicht zur Trauung kommen, da es ansonsten, laut Weiwi, keine Vermählung gegeben hätte. Mein Vater und seine Mutter fügten sich, um die Hochzeit nicht zu gefährden. Niemand konnte mir je sagen, warum das Verhältnis in der ganzen Verwandtschaft so hasserfüllt war. Meine Großmutter sah den beiden nur durchs Fenster nach, als sie nach der Trauung in der Kutsche an ihr vorbeifuhren. Auch sie kam nicht zur Feier.
Mein Vater und meine Mutter und all ihre Freunde trafen sich auf dem Vorplatz der Stadtkirche. Es gab zwar keine kirchliche Trauung, aber es war die einzige Stelle, an der sich so viele Leute treffen konnten. Obwohl alle über die Schwierigkeiten der beiden miteinander Bescheid wussten, machte die ganze Gesellschaft einen fröhlichen Eindruck. Hier konnte man dann tatsächlich ein Lächeln auf dem Gesicht der Braut sehen, aber von Vertrautheit war keine Spur.
Egal wie sehr alle versuchten, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen, die Bemühungen waren umsonst, denn sie wendete sich immer wieder von meinem Vater ab. Als er dann seine Weiwi, wie er sie liebevoll nannte, vor allen Freunden um Verzeihung bat, antwortete sie immer noch sehr verletzt: „Ich heirate dich nur, weil meine Mutter mich dazu zwingt, und glaube ja nicht, dass die Zukunft für dich schön werden wird.“
Die Freunde hielten den Atem an und waren mehr als bestürzt über diese Ansage. Meinem Vater soll dabei alle Farbe aus dem Gesicht gewichen sein, aber er bewahrte Haltung. Er bot ihr seinen Arm an, um gemeinsam zum Standesamt hochzugehen – vergeblich. Danach gingen sie, jeder von der gegenüberliegenden Seite, zum Eingang hoch. Schlechter konnte der Start in die Ehe nicht sein. Alle Bemühungen der Freunde, die Braut ein bisschen milder zu stimmen, liefen ins Leere.
Es war eine typische Trauung in Kriegszeiten, mit vielen Soldaten, auch wenn mein Vater zu dem Zeitpunkt nur Reservist gewesen war. Fast alle seine Freunde waren bereits im aktiven Dienst. Mein Vater sah es auch als seine Pflicht an, mit dieser Heirat seine zukünftige Frau in jeder Hinsicht abzusichern. Es war immer noch Krieg und die Gefahr doch noch eingezogen zu werden, war immer da. Für ihn war es trotz der äußeren Umstände eine Liebesheirat, für meine Mutter nur eine lästige Pflicht. Mein Vater glaubte daran, dass sich alles doch noch einrenken würde.
Sie aber war unversöhnlich und zeigte das auch ganz deutlich. Sie ignorierte ihn und tat, als ob er gar nicht existent wäre. In ihrem Hass war sie grausam. Schon das Hochzeitsbild zeigt alles andere als ein glückliches Paar. Freunde mussten sie mit viel Aufwand dazu überreden, überhaupt ein Hochzeitsfoto machen zu lassen. Eigentlich wären sie ein tolles Paar gewesen, nur die Augen meiner Mutter sind kalt und ausdruckslos.
Die Chance zur Versöhnung hatten sie verpasst. Selbst die Fahrt in der liebevoll geschmückten Hochzeitskutsche machte meine Mutter zu einem weiteren Drama. Sie weigerte sich, neben ihrem Bräutigam zu sitzen. Sein bester Freund Franz entschärfte die Situation, indem er sich wie selbstverständlich neben sie setzte. Mein Vater musste gezwungenermaßen gegenüber Platz nehmen. Alle Leute auf der Straße, die sie auf dem Weg zur Feier in der Kutsche sahen, fanden das zwar merkwürdig, aber typisch für meine Mutter.
Sie zahlte es ihm auf diese Art und Weise heim, obwohl auch sie, wenn sich die Gelegenheit bot, kein Kind von Traurigkeit war. Sie tanzte und flirtete gerne, erwartete von ihrem Partner aber vollkommene Aufmerksamkeit und Loyalität. Auf dem folgenden Fest flog sie von einem Arm in den anderen, und sogar beim Hochzeitsmahl setzte sie sich nach der Suppe an einen anderen Tisch. Die Verwandten und Freunde waren mehr als pikiert und fanden ihre Art und Weise, sich an ihrem Bräutigam zu rächen, alles andere als erträglich. Franz versuchte immer wieder, mäßigend auf sie einzuwirken, aber ohne Erfolg. Sie zeigte sich von ihrer bösartigsten Seite und buhlte bei den Freunden um Anerkennung für ihr Verhalten. Nur, da war keiner mehr auf ihrer Seite.
Hier waren offensichtlich zwei Menschen, die nicht mehr den Weg zueinanderfanden.
Die „Berg-Fexen“, Freunde meines Vaters, spielten bis fast vier Uhr früh. Er selber war ein leidenschaftlicher Bergsteiger und ein ebensolcher Skifahrer und die Berge waren für ihn sein eigentliches Zuhause. Die Musiker stammten aus dem angesagtesten Alpenverein der damaligen Volksmusikszene. Mit ihren Gstanzln zauberten sie sogar manchmal ein Lächeln auf das Gesicht meiner Mutter, denn sie erzählten von der großen Liebe ihres Freundes zu seiner Weiwi. Im Laufe des Abends soll er sich dann doch noch mit ihr halbwegs versöhnt haben. Obwohl er sich auch danach sehr um sie bemühte: Verzeihen konnte sie ihm nie.
Als ich schon lange erwachsen war, erzählte mir sein Freund Franz, dass sich mein Vater sehr über meine Geburt gefreut hat und sehr glücklich darüber war, dass es kein Junge geworden war. Nur für meine Mutter war ich von Anfang an nur eine Last. Sicher hatte es sie zu damaliger Zeit nicht einfach, im Hinterzimmer bei Oma mit einem Baby auf so engem Raum zu leben. Meine Oma war eine sehr dominante Frau und da schon ihre älteste Tochter einen unehelichen Sohn hatte, wollte sie diese Schande nicht noch einmal erleben. Darum hatte sie so auf einer Hochzeit bestanden, glücklich gemacht hat sie die beiden damit nicht.
Meine Mutter stellte mich die meiste Zeit bei meiner Großmutter ab. Sicher war das Leben damals auch für sie nicht gerade einfach. Bilder von ihr zeigen eine ungewöhnlich hübsche junge Frau, die sicher sehr lebenslustig gewesen war. Auf dem einzigen Bild von mir mit ihr sieht es so aus, als ob sie mich doch ein bisschen geliebt hat.
Da zu der Zeit Krieg war, gab es nur wenig Abwechslung für Weiwi. Auch das Zusammenleben in dem kleinen Hinterzimmer war bestimmt alles andere als einfach. Sich immer ihrer Mutter unterzuordnen, war sicherlich nicht das, was sie sich für ihr Leben vorgestellt hatte. Oma war sehr jung Witwe geworden und hatte ihre fünf Kinder alleine großgezogen. Das war bestimmt keine leichte Aufgabe, daher wahrscheinlich auch ihr herrisches Wesen.
Der nächste große Fehler, den sich mein Vater leistete, war, mit seinem Freund Franz wieder mal eine Nacht durchzumachen. Er war von den ewigen Streitereien seiner Frau mit ihrer Mutter förmlich geflüchtet. Ihm war das so auf die Nerven gegangen, dass er seine Frau anschrie: „Du gehst mir mit deiner ewigen Nörgelei so auf die Nerven. Du kannst mich mal gernhaben. Ich gehe jetzt zu Franz und komme erst wieder, wenn du ausgesponnen hast.“
Er schlug die Türe zu, verschwand und ließ eine junge Frau zurück, die ihm die Pest an den Hals wünschte. Er zog mit Franz gutgelaunt um die Häuser, und da beide wussten, es würde bestimmt sehr spät werden, baten sie einen Freund, morgens um sechs Uhr für sie „einzustempeln“. Das tat dieser dann auch, aber ein anderer, missgünstiger Kollege tratschte dies dann an ihren Chef weiter. Die Konsequenz aus dieser Verfehlung war dann leider, dass beide in den letzten Kriegstagen noch eingezogen wurden. Als dann der Marschbefehl postwendend da war, wurde ihnen doch bang ums Herz. Meine Mutter weigerte sich, ihn zu verabschieden, und so kam er zu ihr und sagte: „Pass mir gut auf meine Tochter auf und solltest du während meiner Abwesenheit das Mädchen auch nur einmal schlagen, wirst du mich von einer Seite kennenlernen, die dir bis heute fremd ist.“
Er hatte da wohl einen hellsichtigen Moment. Vielleicht ahnte er zu jenem Zeitpunkt schon, dass er nie aus dem Krieg zurückkommen würde. Meine Mutter hat sich all die Jahre trotz vieler seelischer Grausamkeiten nie getraut, auch nur einmal die Hand gegen mich zu erheben. Sie verabschiedete sich nicht von ihm und er stieg ohne Versöhnung ganz alleine in den Zug. Sie ließ ihn tatsächlich im Streit gehen, also war da nicht mal ein kleines Fünkchen Liebe geblieben. Mein Vater war in dem Moment sicher der einsamste Mann der Welt.
Kaum, dass er aus dem Haus war, lief sie zu ihrer Freundin ins Nebenhaus. Ihre bösartige Äußerung, nachdem ihr Mann gegangen war, erschreckte Rosmarie bis ins Mark. Weiwi zeterte dermaßen lautstark, dass es auch wirklich alle hören konnten: „Hoffentlich schießt ihn ein Russe über den Haufen, damit ich ihn nie wieder sehen muss.“
Rosmarie war so entsetzt, dass sie sich immer mehr zurückzog und die Freundschaft löste sich bald auf.
Es kam keinerlei Lebenszeichen von meinem Vater und Weiwi trauerte ihm keine Sekunde nach. Franz kam nach drei Jahren aus der Kriegsgefangenschaft nach Haus zurück, konnte aber keinerlei Auskunft darüber geben, wo mein Vater abgeblieben war. Als ich erwachsen war, erzählte er mir, dass er immer ein Bild von mir in seiner Brusttasche hatte. Leider hat es ihn nicht beschützt.
Ich kann mich als Kleinkind nur an meine Mutter erinnern als eine Frau, die immer eine Zigarette im Mund und eine miese Laune hatte. Von Franz weiß ich, dass mich wenigstens mein Vater sehr geliebt hat. Er hat mich oft heimlich bei seiner Mutter vorbeigebracht. Nur hab ich daran keine Erinnerung, ich war noch zu klein. Später wurde „diese Oma“ bei uns vollkommen totgeschwiegen, genau wie mein Vater. Das wurde mir erst in der Schule bewusst, dass es in meiner Familie keinen Vater gab. Ich denke, das war die Rache meiner Mutter, weil sie mit ihm nicht glücklich war. Nach Kriegsende wurde mein Vater als vermisst gemeldet und sie hatte nichts Besseres zu tun, als ihn sofort nach der vorgegebenen Frist für tot erklären zu lassen.
Als ich schon zur Schule ging, belauschte ich ein Gespräch, aus dem hervorging, dass meine Mutter schon zwei Monate, nachdem die Vermisstenmeldung einging, zu einem Mann namens Frieder gezogen war. Mich ließ sie bei meiner Großmutter zurück. Meine Mutter hat zwar nie wieder geheiratet, aber nicht aus Respekt oder Liebe zu meinem Vater, sondern nur, um die Witwenrente nicht zu verlieren. Mit ihrem neuen Verhältnis Frieder führte sie von da an ein unbeschwertes Leben, denn mich hatte sie ja einfach bei Oma abgestellt.
Die Jahre bis ich eingeschult wurde, waren für Oma sicher die schwersten ihres Lebens. Ich war ihr Sorgenkind und sie musste sich alleine darum kümmern, dass ich ihr nicht unter den Händen wegstarb. Meine Mutter interessierte sich nur für ihr eigenes Leben und darin kam ich nicht mehr vor. Außerdem kultivierte sie ihren Hass auf ihre Schwiegermutter, indem sie allen demonstrierte, wie glücklich sie mit Frieder war. Für Oma war dies alles eine große Last.
Später erzählte mir Tante Liz, was meine Mutter ihrer verhassten Schwiegermutter vor allen Leuten an den Kopf geworfen hatte, als sich die beiden zufällig auf dem Wochenmarkt begegneten. Meine Großmutter wollte schon weitergehen, als meine Mutter ihr hinterherrief: „Damit du es weißt, ich bin heilfroh, dass dein Sohn im Krieg geblieben ist, und hoffentlich kommt er nie wieder!“
Meine Omi soll kreidebleich und weinend weggegangen sein. Erst als ich dank einer guten Bekannten diese andere Omi kennenlernte, sah ich das erste Mal ein Bild meines Vaters. Auch mein Opa war unendlich glücklich mich endlich sehen zu können. Er verstarb kurz darauf und ich danke heute noch dem da oben, dass ich ihn noch kennenlernen durfte.
Die Oma, bei der ich aufgewachsen war, wusste nicht, dass ich heimlich meine andere Omi besuchte. Leider hab ich zu ihr kein wirklich liebevolles Verhältnis aufbauen können, da ich nie gelernt hatte, Liebe und Gefühle zu zeigen. Sie selber hatte seit vielen Jahren einen Ersatz für mich, und zwar die Tochter ihres Bruders. Ich besuchte sie trotzdem immer wieder, aber dann gab sie mir zehn Pfennige und ich musste wieder gehen. Auf dem Heimweg war ich dann immer sehr traurig.
Meine Mutter hatte unter Androhung, sie würde mich in ein Heim stecken oder zur Adoption freigeben, alle dazu verdonnert, mir auf keinen Fall zu sagen, dass es da noch eine andere Oma gibt. Jedem, der sie kannte, war klar, sie meinte es ernst damit. Später war sie unheimlich wütend, dass ich es trotzdem erfahren hatte, aber da war ich schon alt genug, mich gegen ihre Anordnungen zu wehren. Omi hatte in der Zeit, in der sie mich nicht sehen durfte, ihre ganze Liebe ihrer Nichte geschenkt. Ich konnte die Jahre nicht nachholen, und um ihre Liebe kämpfen konnte und wollte ich nicht. Trotzdem durfte ich sie manchmal auf ihrem Gartengrundstück besuchen. Da gab es Obstbäume, Erdbeerbeete, Himbeer- und Johannisbeersträucher und ich durfte mir den Bauch vollschlagen. Nur mit nach Hause nehmen durfte ich nichts. Sie nahm es Oma immer noch übel, dass sie mir nie erzählt hatte, dass es sie auch noch gab.
Heute kann ich beide verstehen, es gab für sie einfach keine Wahl. Meine bösartige Mutter hatte die beiden Frauen in einen lebenslangen Konflikt gestürzt. Das Ergebnis dieser Querelen war, dass meine Cousine Helma den Platz in ihrem Herzen eingenommen hatte, den ich so gerne gehabt hätte. Als Omi älter wurde, verkaufte sie das Grundstück und zog in ein Altersheim. Als meine Mutter davon erfuhr, machte sie einen riesengroßen Aufstand. Sie hatte zwar schon viele Jahre kein Wort mehr mit ihrer Schwiegermutter gewechselt, aber jetzt kreuzte sie doch bei ihr auf. Sie warf Omi vor, dass sie das Grundstück nie hätte verkaufen dürfen, dies wäre ein Verrat an ihrem Sohn Hans. Der würde sich im Grab umdrehen, denn entweder stünde das Grundstück ihr, also seine Witwe zu, oder gegebenenfalls mir als seiner Tochter. Dieses Gezeter regte mich so auf, dass ich das sich langsam zum Besseren entwickelnde gute Verhältnis zu meiner Omi sofort wieder auf Eis legte.
Als ob mir das Schicksal schon wieder ein Bein stellen wollte, starb Omi, als ich das erste Mal in meinem Leben in Urlaub war. Natürlich hatte meine Cousine die ganze Trauerfeier organisiert und mir blieb bei meiner Rückkehr nur noch ein Besuch an ihrem Grab. Sie schloss mich von allem aus, was mit dem Tod meiner Omi zu tun hatte. Nachträglich weiß ich auch warum. Sie hatte sich das gesamte restliche Geld aus dem Grundstücksverkauf unter den Nagel gerissen.
Brennnesselspinat und Pfefferminz-Limonade – Wie Oma es schaffte, mich am Leben zu erhalten
Mein Vater kam also nie aus dem Krieg zurück und Oma zog mich alleine auf. Obwohl sie außer ihren drei Söhnen den Sohn ihres Bruders und zwei Töchter großgezogen hatte, nahm sie auch mich noch auf. Auch Onkel Kuno wäre verhungert oder verkommen, hätte sie ihn nicht zu sich geholt. Ihr Bruder, der in Rosenheim lebte, war mit dem Kind vollkommen überfordert, denn er trauerte nur um seine verstorbene Frau und vergaß dabei seinen Sohn.
Omas Wahlspruch war aber zeitlebens gewesen: „Wo sechs satt werden, werden es auch sieben.“ Sie glaubte auch daran, alles was man zur Türe hinaus gibt, kommt irgendwann zum Fenster wieder herein. Was für eine kluge, warmherzige Frau. Doch solange sie lebte, wurde sie von allen verkannt, zeitweise auch von mir.
Ihr Mann starb, als sie noch ganz jung war und von da an gab es dann auch für sie keine Streicheleinheiten mehr. So lebte sie ihr karges Leben einfach weiter und versorgte uns alle. Die Verantwortung, sieben Kinder satt zu bekommen, sah sie als ihre Lebensaufgabe an. Auch hatte ihre älteste Tochter bereits einen ledigen Sohn, womit sie auch für diese beiden die Verantwortung übernommen hatte.
Oma musste als junge Frau, als ihr Mann noch lebte, sehr lebenslustig gewesen sein. Das wurde mir erst viel später klar. Als ich groß genug war, brachte sie mir das Tanzen bei. Damit ich es auch kapierte, machte sie mir die Walzerschritte mit einem Besen vor. Noch heute erinnere ich mich an ihr strahlendes Gesicht und den Ausdruck in ihren Augen, endlich mal von den Pflichten, die sie sonst belasteten, losgelöst zu sein. Ich denke, dass sie mein Tanzunterricht an eine sehr glückliche Zeit mit ihrem Mann erinnerte. Erst heute kann ich das wirklich beurteilen. Nach dem Tod ihres Mannes gab es für sie nur noch die Pflicht, uns alle so gut wie nur möglich zu versorgen. Als dann auch noch ich dazukam, ein sehr kränkliches, kleines Mädchen, war dies bestimmt alles andere als einfach für sie. Die Sorge um ihre fast nicht lebensfähige Enkelin machte ihr das Leben noch sehr viel schwerer. Im Hinterkopf hatte sie immer die Angst, ich würde ihr unter den Händen wegsterben.
Geld war so gut wie nie vorhanden, denn Oma musste immer schon nach dem 20. Tag im Monat im kleinen Tante-Emma-Laden, ein Haus den Berg hoch, anschreiben lassen. Meine Mutter interessierte das wenig, sie hatte jetzt eine neue Familie. Oma machte zu dieser Zeit aus allem, was sich irgendwie verarbeiten ließ, Essen. Aus Brennnesseln wurde Spinat gemacht, Pilze und Beeren aus dem Wald wurden eingemacht, um im Winter auch etwas zum Essen zu haben. Sie verwertete alles, von Bärlauch bis Sonnenblumen oder auch all das, was andere für Unkraut hielten. In dem kleinen Gärtchen neben dem Haus baute sie Erdbeeren, Tomaten, Gurken, Rettiche und so weiter an. Stachelbeeren und Johannisbeeren halfen ein wenig, alles etwas süßer und schmackhafter für uns zu machen. In der hintersten Ecke hatte sie einen wunderschönen Strauch mit weißen Heckenrosen gepflanzt. Der war wohl ein bisschen Trost für ihre Seele.
Es gab niemanden, den es interessiert hätte, wie es ihr selbst ging. Sie versuchte alles, damit ich nichts davon mitbekam, wie es um uns bestellt war. Manchmal machte ich es ihr auch richtig schwer. Ich bettelte immer wieder: „Oma, ich möchte auch so eine Limonade wie die Kinder unserer Nachbarn, bitte, bitte!“
Ich bemerkte gar nicht, wie sehr ich sie damit belastete. Da sich Oma für mich einfach keine Limonade leisten konnte und ich mich vehement weigerte, nur Wasser zu trinken, zauberte sie nur für mich eine „Limonade“ aus Sacharin, Essigessenz und Pfefferminztee. Da ich es nicht anders kannte, denn bei den Nachbarskindern durfte ich nie probieren, war es für mich das tollste Getränk der Welt. Zucker gab es in Omas Haushalt nie, da sie immer krank wurde, wenn irgendwo auch nur ein bisschen davon drin war.
Als dann die Weihnachtszeit kam, wurde es bei Oma in der Küche turbulent. Sie war als die beste Stollen-Bäckerin im ganzen Umfeld bekannt. Da kamen dann um vier Uhr früh die Nachbarinnen und es wurde gewerkelt, was das Zeug hielt. Am Ende waren es meistens so um die zwölf Stollen, die auf einem Waschbrett zum Backen in die naheliegende Bäckerei gebracht wurden. Auch für Oma war einer dabei, allerdings ohne Rosinen, Orangeade und Zucker. Als ich älter wurde, konnte ich ihr manchmal ansehen, wie traurig sie darüber war, nichts von ihren Köstlichkeiten selber essen zu können. Heute würde man sagen, sie hat eine Zuckerallergie.
Oma wohnte damals ganz unten am Herbstberg, in einem uralten kleinen Häuschen mit Plumpsklo hinten im Hof. Über ihr wohnten direkt unter dem Dach die Blumosers. Er war ein sehr schweigsamer, extrem dürrer Mann und seine Frau machte auf mich immer den Eindruck einer Hexe, wie aus dem Märchenbuch. Beide waren Korbflechter, aber genauso arm wie Oma. In dem einen Raum, den sie bewohnten, wurde gekocht, geschlafen und die Körbe angefertigt. Vor ihrer Wohnungstüre stand immer ein großer Kübel mit Deckel, damit beide nicht bei jedem Bedürfnis die Treppe runter ums Haus zum Klo rennen mussten. Im Sommer konnte man es dann bis runter in den Flur riechen. Oma riss dann alle Fenster und Türen auf, um alles etwas erträglicher zu machen. Wenn die beiden dann im Hinterland unterwegs waren, um ihre Körbe zu verkaufen, entleerte sie schon mal selbst den großen Kübel. Denen ist das sicher aufgefallen, aber es wurde nie ein Wort darüber verloren. Hin und wieder brachten sie Oma ein kleines Stück Butter oder ein Hühnerbein von ihren Verkaufsfahrten mit, das war wohl der Dank dafür. Die Blumosers bewerkstelligten das alles mit dem Rad, Sommer wie Winter. Sicher keine einfache Aufgabe.
Im Winter waren die Wände in dem uralten, teils baufälligen Haus von oben bis unten mit Reif bedeckt. Nur in der Küche war es erträglich. Da ich ja ein sehr dünnes, verfrorenes Kind war, zeigte Oma ihre Liebe wieder auf ihre ganz eigene Art. Sie baute in dem einzigen beheizten Raum, nämlich der Küche, ein Nachtlager für uns beide. Sie verbreiterte die „Ottomane“ mit Hockern und Brettern. Darüber legte sie dann eine alte Matratze und polsterte sie mit Decken auf.
Wenn Oma es sich Anfang des Monats leisten konnte, umwickelte sie zwei Briketts mit viel Zeitungspapier und ließ sie im Küchenofen die ganze Nacht vor sich hin glimmen. Dadurch war der Raum immer ein bisschen temperiert und ich hatte das Gefühl, in einem Himmelbett zu schlafen. Für meine stets kalten Füße gab es eine „Spezialwärmflasche“ von ihr. Ein Ziegelstein wurde im Bratrohr aufgeheizt, mit einem Handtuch umwickelt und zu meinen eiskalten Füßen unter die Bettdecke geschoben. Ich kann heute noch das Gefühl von Geborgenheit nachempfinden, das mir diese liebevolle Geste vermittelte. Oma hätte nie das Geld gehabt, eine richtige Wärmflasche aus Gummi für mich zu kaufen, aber vermisst hab ich so eine nie.
Aber dass ich immer die alten Kleider der Nachbarskinder auftragen musste, das machte mich unendlich traurig. Als Tante Zilly, Omas älteste Tochter, einmal davon Wind bekam, strickte sie für mich einen wunderschönen Trachtenjanker. Auf den war ich dann so stolz, dass ich ihn fast immer trug, egal ob er dazu passte oder nicht. Als Dankeschön kochte dann Oma für sie und ihren Sohn, der gerade mal ein Jahr älter war als ich, einen großen Topf Pichelsteiner: ein Festmahl.
Dann gab es wieder Zeiten, da lag ich wieder mal über eine Woche im Bett und war zu schwach, um aufzustehen. Die Blumoserin sah als Einzige, dass Oma vor lauter Sorge um mich fast verzweifelte. Ich magerte immer mehr ab und laut Kinderarzt war er mit seinem Latein am Ende. Er meinte, dass ich bald sterben würde, sollte kein Wunder geschehen. Er schickte Oma mit den Worten weg: „Machen Sie Ihrer Enkelin die Zeit, die ihr noch bleibt, so schön wie möglich, denn für mich als Arzt ist sie austherapiert.“
Als die Blumoserin dann am Abend Oma schluchzend im Herrgottswinkel unserer Wohnung sitzen sah, machte sie ihr einen unheimlichen Vorschlag und sie schlossen einen Pakt. Oma ergriff mit viel Herzklopfen diesen Strohhalm. Die alte Hexe sagte dann Folgendes zu ihr: „Bei den Zigeunern gibt es eine Heilmethode für solche Kinder wie deine Enkelin.“
Oma war zwar zuerst entsetzt, aber dann sprang sie über ihren Schatten und sagte zu. Bei ihrer religiösen Einstellung war das zwar eine Todsünde, aber es ging um mein Leben. Oma musste schwören, mit niemandem darüber zu sprechen.
Sehr viel später erfuhr ich, dass es ein Schamane gewesen war, der zu meiner Heilung beigetragen hatte. Er hatte bei Vollmond in einer magischen – für Oma heidnischen – Sitzung einen Wildhund geopfert, aus diesem Fett gewonnen und in eine alte Steinflasche abgefüllt. Die übergab er in einer feierlichen Zeremonie meiner Oma. Sie musste vor ihm kniend noch einmal schwören, jeder anderen Person gegenüber Stillschweigen zu bewahren.
Das alles war sehr furchteinflößend für mich, aber ich verhielt mich ganz ruhig. Nachdem der unheimliche Mann gegangen war, nahm Oma die Steinflasche und trug sie in den Keller. Der Mann hatte gesagt, der Inhalt müsste immer gleich kühl gelagert werden. Danach saß Oma noch lange im Herrgottswinkel und ich hatte in dieser Nacht wirre Träume. Ich wusste zwar noch nicht, was mir bevorstand, aber mein Unterbewusstsein hatte schon eine Ahnung. Am nächsten Morgen, schon um sechs Uhr früh, ich war noch ganz schlaftrunken, kamen die Blumosers zu uns in die Küche. Vom Herd her drang ein sehr unangenehmer Geruch in meine Nase. Oma hatte in einem kleinen Pfännchen irgendetwas heiß gemacht. Dann wurde ich festgehalten und mir wurde das übelriechende Zeug gewaltsam eingeflößt. Da half alles Wehren und Strampeln nichts. Die Blumosers hielten mich an Händen und Füßen fest und Oma hielt mir die Nase zu. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Mund zu öffnen. Damit ich das Gebräu auch wirklich schluckte, hielt sie mir danach den Mund solange zu, bis sie sicher war, ich würde es nicht wieder ausspucken. Nach diesem Kampf war ich so erschöpft, dass ich umgehend einschlief. So ging das die nächsten fünf Monate Tag für Tag.
Dann war der nächste Routinebesuch beim Kinderarzt fällig. Nach eingehender Untersuchung schüttelte er immer wieder ungläubig den Kopf. Er fragte Oma: „Was haben Sie mit der Kleinen gemacht? Ihre Lungenfunktion hat sich erheblich verbessert.“
Gerade als ich mich beim Arzt über die barbarische Behandlung in der letzten Zeit beklagen wollte, holte mich die Sprechstundenhilfe aus dem Raum des Arztes. Sie wusste, wie es um mich stand und schenkte mir nach jedem Besuch ein paar Süßigkeiten. Ich weiß nicht, was in der Zwischenzeit im Sprechzimmer vor sich ging, aber der Arzt verabschiedete uns sehr nachdenklich. Danach saß Oma wie jeden Abend betend im Herrgottswinkel und bedankte sich bei dem da oben, dass er mir geholfen hatte. Sie war sich immer ganz sicher gewesen, nur der Herrgott könne mich gesund machen. Sie bat mich, sich zu ihr zu setzen. Zuerst weigerte ich mich und wollte weiter schmollen, aber als ich ihren traurigen Blick sah, setzte ich mich doch zu ihr. Sie erklärte mir, was ich jeden Tag schlucken musste. Sie sprach mit mir wie mit einer Erwachsenen. Sie machte mir sehr einfühlsam klar, dass dies der einzige Weg für mich wäre, zu überleben. Ich konnte mich ihrem Argument nicht entziehen, dass ich seit kurzer Zeit immer wieder einmal eine Stunde draußen spielen konnte, ohne sofort erschöpft ins Bett zu fallen, nicht entziehen. Sie erklärte mir geduldig, dass alles für mich nicht mehr so schwer wäre, wenn ich diese Medizin freiwillig zu mir nehmen würde. Die Blumosers müssten mich dann nicht mehr an Händen und Füßen festhalten. Diese Tortur würde mir dann erspart bleiben. Nach jedem Kampf am frühen Morgen hatte ich immer große Bauchschmerzen. Sie behielt recht, das Fett schmeckte zwar immer noch eklig, aber der Brechreiz war nicht mehr da. Sie hatte mich sehr liebevoll überzeugt und an meinen Überlebenswunsch appelliert.
Nach weiteren sieben „vernünftigen“ Monaten stand wieder der Termin beim Kinderarzt an. Wir beide wussten, dass es mir sehr viel besser ging und als der Arzt vollkommen konsterniert den Kopf schüttelte, sahen wir uns nur kurz an, denn uns war jetzt klar, alles wird gut. Der Kinderarzt ließ mich noch einmal röntgen, aber immer wieder mit dem gleichen Ergebnis: Ich war gesund!
Oma hat dem Arzt nie verraten, wie das passieren konnte. Er murmelte ganz verunsichert etwas von „Spontanheilung“. Wir konnten ihm zwar ansehen, dass ihm das alles nicht geheuer war, aber er versuchte es zu akzeptieren.
Am Sonntag darauf fuhren Oma und ich nach Altötting und bedankten uns gleich mit mehreren Kerzen bei dem da oben für meine Genesung. Seit jenem Tag weiß ich, dass es wirklich jemanden geben muss, der seine schützenden Hände über mich gehalten hatte.
Erst Jahre später habe ich verstanden, wie sehr meine Oma mich geliebt haben muss. Sie hat nie jemandem auch nur ein Wort über meine Gesundung erzählt, aber die Blumosers und sie verbrachten danach einen gemeinsamen Abend mit einem großen Stück Braten, Blaukraut und Kartoffelknödeln. So hat sich Oma bedankt, denn Geld hätte sie ihnen nie geben können. Ich bin zwar bis heute noch nicht in der Lage, jegliche Art von Fett zu mir zunehmen und ich denke, der Ekel wird wohl nie mehr verschwinden. Aber das Fazit draus ist: Ich, Isabell, habe überlebt und werde weiterleben! Und nur das zählt.
Meine Mutter hat davon kaum etwas mitbekommen, sie lebte bereits mit ihrer neuen Familie zusammen und ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht insgeheim froh gewesen wäre, wenn ich nicht überlebt hätte. Ich war nun mal der ewige Störfaktor in ihrer sonst so heilen Welt. Genau dies hat sie mir als Kind immer wieder an den Kopf geworfen, wenn ich nicht genau das tat, was sie von mir erwartet hatte. Meine Gefühle waren uninteressant, Hauptsache ich funktionierte.
Wyatt Earp und der Gemeindepfarrer – bestellt und nicht abgeholt – zwei Rettungen am Fluss
Die Winter damals waren noch sehr viel härter wie jetzt, hatten aber in meiner Kindheit auch sehr schöne Seiten. Wir wohnten ganz unten am Berg und damals durfte man noch mitten im Ort Schlitten fahren. Es gab nur ein Manko: Ich war das einzige Mädel unter lauter Jungs. Die drei Nachbarsmädchen waren alle protestantisch und wurden deshalb von den Buben immer ein bisschen ausgeschlossen. Als sie wieder einmal mehr als nur frech waren und mir meinen Schlitten wegnahmen, lief ich zu Oma und heulte. Aber da bekam ich eine „Backpfeife“ von ihr mit der Ansage: „Jetzt geh wieder raus und wehr dich, sonst wird nie was aus dir.“
Das hab ich dann mehr als beherzigt. Ich hab den Buben, der mit meinem Schlitten den Berg runterkam, so richtig verhauen. Er war danach so eingeschüchtert, dass er klein beigab. Bisher war ich immer das kleine, schüchterne „Woaserl“ gewesen und plötzlich hatte ich das Sagen. Am Abend beim Nachtmahl sagte Oma nur: „Siehst du, so funktioniert das Leben!“
Heute wird mir immer mehr klar, was sie mir beibringen wollte: Gib nie auf und wehre Dich. Allerdings, bei einem Schülertreffen nach fast zwanzig Jahren, sagte einer der inzwischen jungen Männer zu mir: „Wir alle haben uns damals geschworen, dass dich nie einer von uns heiraten würde. Du siehst, wir haben unser Wort gehalten.“
Sie hatten es mir nie verziehen, dass ich damals als Mädchen das Kommando übernommen hatte. Ich habe mich ein bisschen geschämt, aber ich hätte sowieso keinen von ihnen haben wollen.
Als ich dann ja endlich gesund war, hatte ich unbewusst das Gefühl, viel nachholen zu müssen. Oma ließ mir vieles durchgehen, denn an ihrem liebevollen Blick sah ich immer, wie froh sie war, dass es mich noch gab.
Nur manchmal übertrieb ich es doch, dann setzte es eine Gardinenpredigt, die mir zeigte, wo es langging. Oma war immer der Meinung, nur mit Disziplin kommt man im Leben weiter.
Da auch die Kirche und der Herrgott in Omas Leben eine große Rolle spielten, war der sonntägliche Kirchgang Pflicht. Für mich allerdings eine lästige. Oma hatte in der Kirche sogar einen eigenen Platz mit Namensschild. Da saßen dann die Erwachsenen auf der rechten Seite des Kirchenschiffes und wir Schulkinder auf der linken Seite, genau unter der Kanzel.
Da mich die Predigten des Stadtpfarrers immer sehr langweilten und ich mittlerweile ein großer Fan von „Schundheften“ war, nahm ich so eins zum nächsten Gottesdienst mit. Ich versteckte es unter dem Gesangbuch und las vollkommen fasziniert, während meine Schulkolleginnen beteten.
Mein Heft über Wyatt Earp, den Western-Helden, war so spannend, dass mir die gesamte Predigt einfach an den Ohren vorbeiging. Der Pfarrer über mir auf der Kanzel hatte anscheinend Adleraugen. Er kam predigend von seiner Kanzel herunter, bedeutete den Mädels in der Bank vor mir, sie sollten sich verkrümeln, und plötzlich stand „Er“ neben mir.
Ich hatte von alldem immer noch nichts wahrgenommen und erst, als er mir das Westernheft aus der Hand riss und um die Ohren schlug, wurde mir klar, ich sitze in der Patsche! Er verwies mich mit ausgestreckter Hand aus der Kirche und blickte strafend zu Oma hinüber. Das Donnerwetter danach war nicht von schlechten Eltern und der Hausarrest dauerte volle zwei Wochen. In der Zeit sprach sie nur das Nötigste mit mir. Das war schwerer zu ertragen als alles andere. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätte mich geohrfeigt, aber das war nicht ihre Art mit mir umzugehen.
Mit zunehmendem Alter fiel es Oma immer schwerer, den Berg hochzukommen, um am Sonntag in den Gottesdienst zu gehen. Von da an musste ich alleine gehen und damit sie sicher sein konnte, dass ich auch wirklich dort war, musste ich anschließend Rede und Antwort stehen. Welche Farbe hatte das Messgewand, was wurde gepredigt und wer war noch da? Als Teenager war ich dann doch so gewitzt, um nach „Sankt Außenrum“ zu gehen.
Die Infos, um auf Omas Fragen antworten zu können, bekam ich von meinen Schulkameradinnen. Als Oma dann doch dahinterkam, gab es wieder einmal eine ordentliche Strafpredigt. Diesmal bekam ich zwar keinen Hausarrest, aber ich konnte ihr die Enttäuschung über mich sehr deutlich ansehen. Das war die größte Strafe für mich und ich bin dann künftig brav in die Kirche gegangen. Ich trauerte zwar meinen Besuchen in der Eisdiele nach, aber Omas Zuneigung war mir dann doch wichtiger. Schließlich verzieh sie mir immer wieder alle meine Streiche, egal was ich angestellt hatte. So zeigte sie ihre Liebe, ohne jemals darüber zu sprechen.
Dann gab es auch noch Hansi, den Sohn von Omas ältester Tochter Zilly. Wir waren fast jeden Tag zusammen und immer für einen Streich gut.
Einmal, an einem sonnigen Tag, haben wir den Bogen aber überspannt. Tante Zilly und Hansi wohnten in der „Maiersäg“, einem Wohnviertel für Arbeiter aus der Papierfabrik im Ort. Die Wohnungen waren billig, doch konnte man das nur mit viel gutem Willen als „wohnen“ bezeichnen. In dem dreistöckigen Haus „logierten“ Hansi und seine Mutter auf dem Speicher, wie man in Bayern sagen würde. Dort stellten die übrigen Hausbewohner ihr ganzes Gerümpel ab. Ganz an der Stirnseite des Dachstuhls gab es zwei „Kammerl“, allerdings ohne fließendes Wasser und nur mit einem alten Kanonenofen zu beheizen. Das Wasser mussten sie aus dem Waschraum im Keller holen und das Brennmaterial aus einem Schuppen außerhalb des Hauses. Wichtig war damals nur, dass die beiden ein Dach über dem Kopf hatten. Das Beste an dieser Situation aber war, Tante Zilly hatte hinter dem Haus eine Parzelle, wo sie Obst, Gemüse und Kartoffeln anbauen durfte. Zudem lag der kleine Garten an der Amper und sie durfte sogar eine kleine Einzäunung am Ufer anlegen, wo sie ein paar Enten hielt. Die wurden langsam dick und fett und eine war bereits dazu gedacht, an Kirchweih für alle einen saftigen Braten auf den Tisch zu bringen. Hansi hatte gelauscht und ein Gespräch zwischen Oma und Tante Zilly mitgehört. So erfuhren wir, dass Hansl, unsere Lieblingsente, geschlachtet werden sollte. Das konnten wir doch unmöglich zulassen! Wir fingen den Erpel ein, brach ihn fast einen Kilometer weiter, die Amper abwärts, in Sicherheit. Hier ließen wir den Hansl frei und er war in Sekunden verschwunden. Wir wären mehr als nur traurig gewesen, wenn unsere Lieblingsente in der Bratpfanne gelandet wäre. Der Erpel ist nie wieder aufgetaucht und wir vermuteten, er hatte sich den Wildenten angeschlossen. Der Verdacht fiel natürlich sofort auf uns, aber egal wie lange die Erwachsenen auch suchten, er war weg. Anstatt Entenbraten gab es für die Familie nur Röstkartoffeln. Uns hat es nicht gestört, die Erwachsenen schon. Die Strafe für uns waren zwei volle Wochen Hausarrest.
Danach mussten wir alle im Herbst zum Kartoffelkäferklauben, damit wir für den Winter den nötigen Vorrat an Kartoffeln ohne Bezahlung bekamen. Es war keine schöne Tätigkeit, aber es musste sein. Die Käfer von den Pflanzen zu zupfen, war eine mehr als eklige Angelegenheit.
Meine Mutter dagegen lebte zu jenem Zeitpunkt bereits mit ihrem Freund Frieder zusammen und war vollkommen in dessen Familie integriert. Dort war es, wenn ich hin und wieder – auf Druck von Oma – dabei sein durfte, einfach nur schön. Frieders Eltern nahmen mich liebevoll auf und Opi, wie ich ihn nennen durfte, verteidigte mich auch schon mal meiner Mutter gegenüber. Das blieb mir im Gedächtnis und gab mir manchmal das trügerische Gefühl, doch dazuzugehören.
Da Oma nicht einmal genug Geld hatte, die Lebensmittel für uns alle zu bezahlen, war erst recht keines da, dass ich im Sommer mit den anderen Kindern ins Familienbad hätte gehen können. Im Moos, bei der Familie von Frieder, gab es einen kleinen Weiher, den sie alle immer besuchten. Es war Hochsommer und es hatte dreißig Grad. Ich ging zu meiner Mutter und bettelte, dass ich am Sonntag mitfahren dürfte. Zuerst lehnte sie unter einer fadenscheinigen Ausrede ab, aber Oma bestand darauf, dass sie mich mitnehmen. Es blieb ihr also nichts anderes übrig und Oma vereinbarte mit beiden, dass ich am Sonntag um zehn Uhr bei ihnen sein sollte.
Da Frieder und meine Mutter nur zwei Straßen weiter wohnten, schickte mich Oma alleine los. Sie gab mir dann auch noch ein kleines Brotzeitpäckchen mit, damit ich nicht um Essen bitten müsste. Ich war schon eine Viertelstunde früher da, denn ich freute mich unendlich. Nur, da gab es für mich eine riesengroße Enttäuschung. Weder das Auto noch die beiden waren irgendwo zu sehen. Ich fing an zu heulen und fühlte mich todtraurig. Dann vermutete ich noch, sie wären vielleicht nur kurz weggefahren, um Frieders Schwester abzuholen. Also machte ich mich auf den Weg dorthin. Aber auch hier waren weder das Auto noch meine Mutter zu sehen. Zum ersten Mal wurde mir richtig bewusst: Mich will keiner haben. Ich war allen nur lästig und im Weg.
Die Wohnung von Frieders Schwester war nahe an der Amper gelegen, also machte ich mich wie in Trance auf den Weg immer weiter hinunter in die Amperauen. Ich lief einfach ziellos weiter, ohne nachzudenken, wohin ich überhaupt wollte. Auf einmal saß ich auf dem Geländer eines kleinen Steges, der über ein Altwasser führte. Ich sah nicht die voll erblühte Natur um mich herum, ich starrte nur in das fließende Nass. Unter mir brodelte verlockend das schnell fließende Wasser und in mir kroch der Gedanke hoch: „Es konnte doch nicht so schwer sein, sich einfach fallen zu lassen und dann wäre alles gut und vorbei“.
Ich weiß nicht, wie lange ich auf dem Geländer saß und immer wieder den Absprung probte. Was mich dann doch zurückhielt, obwohl der Gedanke, vollkommen überflüssig und allen nur im Weg zu sein, mir immer wieder die Tränen in die Augen trieb, ist mir heute noch ein Rätsel. Warum konnte meine Mutter mich nicht lieben, was hatte ich so falsch gemacht?
Ich fand keine Antwort darauf. Es begann langsam zu dämmern, und ich hatte weder etwas gegessen noch getrunken. Ich war immer nur pausenlos am Grübeln. Gerade als ich überlegte, ob ich nicht doch besser zu Oma zurückgehen sollte, tauchte ein Mann auf. Er sprach mich vorsichtig an. Vor lauter Schreck wäre ich dann doch noch beinahe ins Wasser gefallen, hätte er mich nicht aufgefangen. Es war ein Angler, der auf dem Weg nach Hause war. Er nahm mich liebevoll in die Arme, wischte die Tränen aus meinen geröteten Augen und versprach, mich zu Oma zurückzubringen.
Auf dem Rückweg erzählte ich ihm, warum ich auf dem Geländer gesessen hatte, und auf einmal wurde sein Blick richtig böse. Als ich ihn total erschrocken anblickte, tröstete er mich und sagte: „Mäuschen, ich bin ganz bestimmt nicht böse auf dich, ich war in Gedanken nur bei sehr herzlosen Menschen.“
Ich fühlte mich auf dem Arm dieses fremden Mannes irgendwie geborgen. Die restliche Zeit war er sehr schweigsam. Zu Hause war Oma inzwischen bei meiner Mutter eingetroffen und wollte mich abholen, da es schon fast dunkel war. Sie und Frieder mussten aber zugeben, dass sie extra früher weggefahren waren, um mich nicht zur Familienfeier im Moos mitnehmen zu müssen. Ich hätte da nur gestört. Oma wurde aschfahl und die Vorwürfe, die sie den beiden machte, waren so laut, dass die Nachbarn an die Fenster kamen. Beide waren sich keiner Schuld bewusst. Frieder meinte noch: „Das Gör ist doch auch sonst nicht so blöd, sie hätte nur zu dir zurückgehen müssen, dann wäre uns allen die ganze Aufregung erspart geblieben.“
Da ich immer noch nicht aufgetaucht war, wollte Oma gerade die Polizei benachrichtigen, als der Mann mit mir auf dem Arm ankam. Zuerst war Oma einfach nur froh, dass ich wieder da war, aber dann machte sie ihrer Angst um mich Luft. Sie schimpfte und tobte, bis ihr der fremde Mann ins Wort fiel. Er sagte zu meiner Mutter: „Schämen Sie sich denn gar nicht? Ihre kleine Tochter war drauf und dran, sich das Leben zu nehmen, hätte ich sie nicht zufällig gefunden.“
Frieder stellte alles als bösartige Attacke von mir hin, nur um sie beide schlecht zu machen. Die Erwachsenen zeterten und schrien sich weiter an und keiner verschwendete auch nur einen Gedanken daran, wie ich mich gerade fühlte. Meine Mutter sagte nur: „Jetzt ist sie ja wieder da, was soll also das ganze Trara.“
Dem Mann, der mich zurückgebracht hatte, konnte man seine Empörung deutlich ansehen und jetzt wollte er die Polizei rufen. Oma überzeugte ihn aber dann davon, dass sie das in der Familie regeln würde. Als er ging, streichelte er mir noch einmal über den Kopf und sagte: „Ich wohne nicht weit weg und wenn dir das alles zu viel wird, kannst du immer zu mir kommen. Meine Frau und ich würden uns über deinen Besuch sehr freuen.“
Ich strahlte ihn so an, dass es Oma zu viel wurde. Sie nahm plötzlich meine Hand und zerrte mich weg. Bei uns zu Hause angekommen, sperrte sie mich einfach in den Keller mit der Ansage: „Jetzt kannst du darüber nachdenken, dass du so etwas nie wieder tust.“
Da saß ich nun in dem dunklen Keller und aus lauter Wut und Verzweiflung über so viel Herzlosigkeit biss ich ungefähr zwei Dutzend der hier gelagerten Äpfel und Birnen an und warf sie dann einfach auf den Boden. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich die Luke und Oma holte mich hoch. Auf dem Tisch stand meine Lieblingsspeise, Fleischpflanzerl mit Kartoffelsalat. Sie nahm mich in die Arme und drückte mich wortlos an sich. Ich konnte ihr ansehen, wie froh sie war, mich unversehrt wiederzuhaben. Über das angebissene Obst verlor sie kein Wort. Heute erst verstehe ich, dass ihre irrationale Reaktion das Ergebnis ihrer Angst um mich gewesen war. Das Verhältnis zu meiner Mutter wurde von diesem Tag an noch viel schlechter.
Es gab aber auch Erlebnisse, die ich amüsant fand, aber für die Oma sich schämte. Da ich mich sehr oft alleine und einsam fühlte, ging ich damals überall hin, wo Menschen waren. Ein bevorzugter Ort von mir war der Schlossgarten. Hier fühlte es sich nie so an, als ob ich alleine auf der Welt wäre. Dazu gab es noch den Englischen Garten, der aber nur aus Bäumen und Sträuchern bestand. Der Schlossgarten dagegen war ein reines Blumenmeer und der Weg dorthin fühlte sich an, als ob ich durch einen Zauberwald wandern würde. Die Bäume waren in den Kronen zusammengewachsen und so hatte ich immer den Eindruck, durch einen Tunnel aus Blättern zu laufen. Ich träumte mich da immer in eine schönere Welt mit vielen Kindern, die mit mir spielten. Wenn dann die Wehmut zu groß wurde, lief ich weiter in Richtung Schlossgarten. Vor dem Eingang gab es da noch eine alte Rutsche und ein Klettergerüst. Manchmal spielten da sogar wildfremde Kinder mit mir. Meine Tagträume über eine Mutter, die mich doch lieben würde, waren manchmal so realistisch, dass ich oft selber glaubte, alles so erlebt zu haben. Aber ich wurde immer wieder auf den Boden der wirklichen Welt zurückgeholt.
An einem Nachmittag im Spätherbst fühlte ich mich mal wieder sehr alleine und mein Weg führte mich, wie immer, in den Schlossgarten. Da es mittlerweile bereits Ende September war, kamen um diese Zeit kaum noch Besucher in den Park. Entlang der Mauer um den Garten gab es eine Spalierobstreihe, bestehend aus Aprikosen- und Pfirsichbäumen und weiteren Obstsorten, die mir nicht bekannt waren. Wie ich so davor stand, überlegte ich, wie diese Köstlichkeiten wohl schmecken würden, und mir kam dabei eine sehr waghalsige Idee.
Ich sah mich vorsichtig um, und als ich mir sicher war, dass weder Besucher, noch der Parkwächter da waren, stieg ich ganz behutsam über die Blumenbeete davor und „brockte“ mir von jeder Obstsorte drei Stück in meine hochgeschlagene Schürze. Mit Herzrasen und einem sehr schlechten Gewissen hüpfte ich wieder auf den Weg zurück und rannte drauflos. Von Weitem sah ich, dass der Parkwächter schon die erste Türe am hinteren Ende des Parks abschloss. So schnell mich meine Füße trugen, verkrümelte ich mich durch die kleine eiserne Pforte, die sonst nur er benutzte. Die Schürze voller exotischer Früchte, rannte ich panisch den Weg bis zur Hauptstraße hinunter. Ich schaute mich pausenlos um, aus Angst, der Parkwächter würde mir folgen. Da es inzwischen schon sehr duster war, und tatsächlich niemand auf mich aufmerksam geworden war, beruhigte ich mich ein bisschen. Nun ging ich langsamer und wählte, trotz der Dämmerung, die Abkürzung durch den Friedhof.
Bei Oma angekommen, fiel sie fast in Ohnmacht. Ihre Enkelin eine Diebin! Nachdem sie mich mehr als gründlich ausgeschimpft hatte, entschied sie pragmatisch: „Ich kann dich leider nicht wieder zurückschicken, um das Obst wieder abzugeben, denn dann würde auch ich mehr als blöd dastehen“.
Sie machte mir noch einmal klar, dass sowas nie wieder vorkommen darf, aber dann gingen wir beide in unseren Keller, in dem sonst nur Äpfel und Birnen lagerten und legten die Früchte ganz vorsichtig in die Regale. Als ich Oma ganz kurz von unten musterte, hatte ich das Gefühl, ein kleines Grinsen auf ihrem Gesicht gesehen zu haben. Von diesem Tag an genehmigten wir uns abends, wenn wir alleine waren, immer eine dieser für uns so seltenen Früchte. Ich genoss es und Oma sprach mich nie wieder darauf an.
Als ich dann in die Pubertät kam, gab es schon wieder ein großes Problem für mich. Aufklärung war zu damaliger Zeit noch ein Fremdwort. Eines Morgens wachte ich auf und zwischen meinen Beinen war Blut! Ich war zu Tode erschrocken, traute mich aber nicht, Oma darauf anzusprechen. Ich war mir sicher, dass ich schon wieder etwas falsch gemacht hatte. In meiner Not stopfte ich mir eine alte Zeitung in den Slip. Tante Liz sprach mich am Nachmittag auf mein komisches Gangwerk an und ich brach sofort in Tränen aus. Sie konnte mich jedoch davon überzeugen, dass ich diesmal nichts verbrochen hatte. Sie klärte mich auf und besorgte mir meine ersten Monatsbinden. Auch Oma erzählte sie davon und ersparte uns beiden diese Peinlichkeit. Von da an fühlte ich mich fast erwachsen und glaubte, in Zukunft alles alleine meistern zu können.
