Und morgen seid ihr tot - David Och - E-Book

Und morgen seid ihr tot E-Book

David Och

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Beschreibung

Es sollte eine Reise entlang der Seidenstraße werden. Sie endete in der Gewalt pakistanischer Taliban. Achteinhalb Monate lang lebte ein Schweizer Paar in Todesangst. Nun erzählen sie ihre eindrucksvolle Geschichte, aufgezeichnet von Christian Försch. Sie führt in eine Region, von der zwar in den Medien viel die Rede ist, die aber kaum einer kennt: ins pakistanische Waziristan, nahe der Grenze zu Afghanistan, ins Stammland der Taliban. Am 1. Juli 2011 beginnt der Albtraum. Daniela Widmer und David Och werden in Belutschistan (Pakistan) von einem bewaffneten Kommando aus ihrem Reisebus gezerrt und 500 Kilometer Richtung Norden verschleppt. Die »Gotteskrieger« wollen Lösegeld für sie kassieren. Im Laufe der Monate wird die Situation immer auswegloser. Als sich in den Wintermonaten auch die letzte Hoffnung auf einen Erfolg der Verhandlungen zerschlägt und die Bewachung immer nachlässiger wird, treffen David und Daniela eine mutige Entscheidung. Am 15. März 2012 gelingt die spektakuläre Flucht. Zurück in die Schweiz. Doch gibt es das noch: ihr altes Leben?

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Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Daniela WidmerDavid Och

UND MORGEN SEID IHR TOT

259Tage als Geiseln der Taliban

Aufgezeichnet von Christian Försch

eBook 2013

© 2013 DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Zero, München

Umschlagabbildung: © picture alliance/dpa

eBook-Konvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN

Erfahrung ist nicht das, was einem zustößt.Erfahrung ist, was du daraus machst.

Aldous Huxley

KAPITEL I

DIE ENTFÜHRUNG

1.JULI 2011

Aus dem Autoradio ertönt Jack Johnson, ich singe laut mit. David dreht die Augen gen Himmel, weil er meinen Gesang inzwischen nur mit Mühe erträgt. Wie immer ist er ganz aufs Fahren konzentriert, kontrolliert Ölstand, Kühlertemperatur und die Tanknadel.

David hat bisher genau so zuverlässig gearbeitet wie der Dieselmotor, der unter unserer Kabine nagelt. Nichts konnte ihn in den letzten zwei Monaten erschüttern, weder die Stürme, die mich nachts aus der Koje warfen, noch der Mob, der auf der Schnellstraße plötzlich unseren Bus einkeilte. Aber die vielen Magenverstimmungen haben David ausgezehrt, auch er will wieder in unserem Bett schlafen, duschen, Greyerzer Käse essen … Außerdem will er, seit er einen mysteriösen Ausschlag am Bein hat, unseren Hautarzt konsultieren. In drei Wochen möchten wir zu Hause in der Schweiz sein. Spätestens zum Nationalfeiertag am 1.August. Wir wollen kein Risiko eingehen und haben für die Rückfahrt eine Route gewählt, die uns erfahrene Individualreisende und Einheimische empfohlen haben: über Loralai nach Quetta. Hier soll die politische Lage entspannt sein, die Orte sehenswert.

Jack Johnson, der von seinem Leben als Wellenreiter singt, vom kühlen Wasser des Pazifiks, schafft einen kuriosen Kontrast zur Wüstenlandschaft, die an unserem zum Wohnmobil umgebauten LT 35 vorbeizieht. Wir sind in Belutschistan, karges Geröll, Hügel, die wie Abraumhalden wirken. Ab und zu ein Baum, manchmal Kamele. Belutschistan ist die größte Provinz Pakistans, und die am dünnsten besiedelte. Aber wer in den Iran will, muss sie zwangsläufig durchqueren.

An einem großflächigen Parkplatz, den eine einzige Zapfsäule als Tankstelle kenntlich macht, steht ein Lkw. Als wir ihn passieren wollen, springen plötzlich Menschen vom Anhänger. Etwa dreißig Männer laufen auf die Straße, umringen unseren Bus und schreien: »Thank you for coming to Pakistan!« – »Give us all a chance!«

Immer wieder sind wir erstaunt über die herzliche, offene Art der Pakistani. Über die kleinsten Geschenke freuen sie sich. Für die Kinder ist schon ein Filzstift ein kleiner Schatz. Trotzdem muss man in diesem Land auf der Hut sein. Wir haben von Gefechten zwischen Freischärlern und der pakistanischen Armee gehört, hin und wieder soll es Überfälle auf Touristen geben. Deshalb haben wir alles getan, was die Sicherheitsbehörden raten: Wir haben unsere Durchfahrt genehmigen lassen, Formulare für unsere genaue Route ausgefüllt und Geleitschutz angefordert. Vor uns fährt die pakistanische Polizei, ein Jeep mit vier bewaffneten Männern, der jetzt wartet, bis wir uns aus dem Pulk befreit haben.

Wir kommen nach Loralai, eine Ansammlung niedriger, sandfarbener Häuser. Auf der Straße wimmelt es von Fußgängern, Fahrrädern, Handkarren, Eseln und Ziegen. Unsere Eskorte bahnt uns im Schritttempo eine Gasse durch den Markt.

Am Ortsausgang sehe ich einen Stand mit Obst, ich tippe David auf den Arm, und er hält. Wir kaufen vier große Mangos, die uns so manches Mal über die Sehnsucht nach Vollkornbrot und Wein hinweggetröstet haben. Die Polizisten bleiben in ihrem Wagen und beobachten uns geduldig.

Wir setzen unsere Fahrt fort. Als wir die letzten Häuser passiert haben, bremst der Jeep plötzlich ab und bleibt am Straßenrand stehen. David und ich schauen uns an. Was ist nun? Schon wieder eine Panne? So wie beim Start vor drei Stunden? Der Motor sprang nicht an, und wir mussten den Geländewagen gemeinsam anschieben.

Doch nichts geschieht. Wir schauen in die Führerkabine des Jeeps, auf Englisch fragt David den Commander durchs offene Seitenfenster: »Sollen wir weiterfahren?«

Der Commander nickt.

»Alleine?«, fragt David.

»Nein, die Ablösung ist verständigt. Sie wartet am nächsten Kontrollpunkt.«

»Wo ist der Kontrollpunkt?«, fragt David.

Der Commander zeigt nach vorne. »Ein Kilometer.« Er tippt an sein Käppi und verabschiedet sich. Der Wagen wendet, eine große, helle Staubwolke schluckt ihn. Diese fliegenden Wechsel haben wir schon mehrmals erlebt.

Die Landschaft wird freundlicher. Felder in zartem Grün, Bäume mit majestätischen Kronen, hin und wieder eine Hütte. Ich habe meine Mango gegessen, der Saft klebt an meinen Fingern. »Kannst du mal irgendwo anhalten?«, frage ich David.

»Schon wieder? Wozu denn?«

Ich zeige ihm meine Hände, aber David scheint mich nicht zu hören.

»Mich macht das klebrige Zeug verrückt bei der Hitze«, schiebe ich nach. Ich lasse zwar auf unseren Bus nichts kommen, elftausend Kilometer hat er sich über Passstraßen, Schotterpisten und durch Schlaglochparcours gequält, er hat gestöhnt, gekeucht und gekocht, aber uns nie im Stich gelassen. Allerdings liegt sein Motorblock in der Fahrgastzelle, was im Winter angenehm wärmt. Im Sommer ist derselbe Effekt weniger willkommen. Draußen sind es mindestens fünfundvierzig Grad, bei uns hier drinnen über fünfzig. Wir können gar nicht so viel trinken, wie wir schwitzen. Ich überlege, wie ich David erweichen kann, aber da schaut er schon zu mir herüber, lacht und setzt den Blinker: »Na gut. Ich muss sowieso mal.«

Er lässt den Bus in den Schatten zweier Bäume rollen. Ich steige nach hinten in den Wohnbereich und hole den Wasserkanister aus dem Schrank. Dann entriegle ich die Heckklappe, springe auf die Straße und schraube den Kanister auf. Spritze mir das brühwarme Wasser über Gesicht und Hände. Aus dem Augenwinkel sehe ich einen Jeep, der vorbeirollt und dann bremst. Langsam setzt er zurück.

Bitte nicht, denke ich. Ich will nicht schon wieder unseren zum Campingbus umgebauten VW-Lieferwagen vorführen, will nicht schon wieder erklären, was die Schweizer Medien über Pakistan berichten. Die meisten Einwohner Belutschistans haben noch nie einen Touristen gesehen, ihre Neugier ist groß und arglos, aber ich fühle mich im Moment nicht in der Stimmung für Publikumsverkehr.

»Da kommen Leute. Lass uns lieber weiterfahren«, sage ich zu David, der vor mir im Wohnbereich steht.

»Okay.«

Aus dem Jeep sind fünf Männer ausgestiegen, sie marschieren auf den Bus zu. Ich klettere zurück ins Wageninnere, doch ehe ich die Klappe schließen kann, ruft der Erste: »Hello, how are you?«

Der Mann trägt ein weißes Gewand, sein schwarzes Haar umrahmt ein gepflegtes, fast attraktives Gesicht. Dennoch ist mir bei seinem Anblick nicht wohl. »Bitte nicht eintreten«, sage ich – zum ersten Mal auf dieser Reise. Jetzt erkenne ich eine Waffe mit langem Lauf. Wie einen Spazierstock hat der Mann sie auf den Boden gestellt. Auf den Boden unseres Wohnbereichs. David versucht, ihm den Weg zu versperren, fasst ihn an der Schulter und ruft: »No, no!« Doch der Fremde springt herein, gefolgt von den vier anderen. Sie drängen uns zurück und schreien: »Dollar, Dollar!«

»Wir haben keine Dollars«, sagt David, im Gedränge der sieben Leiber.

Da treffen ihn zwei Schläge ins Gesicht. David bleibt ruhig. Er ist Polizist, er ist Kampfsportler, er ist auf Extremsituationen trainiert. Und das Wichtigste dabei ist Selbstbeherrschung.

»Es tut uns leid, wir haben keine Dollars«, sagt er noch einmal.

»Hinsetzen«, sagt der Mann im weißen Gewand. Ich fange an zu zittern, setze mich aber instinktiv auf die Klappe, unter der wir unser Geld, die Kamera und den Computer verstaut haben. Die Männer sind mit Kalaschnikows und Pistolen bewaffnet und zerren an Davids Hosentaschen herum. Er zieht zehntausend Rupien hervor. Aber die schlagen sie ihm aus der Hand und schreien immer wieder: »Dollar, Dollar!«

David sagt erneut, wir hätten keine Dollars. Seine Stimme ist nicht mehr so kontrolliert, als man ihm einen Gewehrlauf ins Gesicht drückt.

Mit einem Griff unter meine Achseln werde ich aus dem Bus gezerrt.

»Nicht meine Frau«, höre ich David schreien. »Nicht sie!« Hände fassen nach mir, mit einem Ratschen reißt mein Kleid. Ich werde über die staubige Erde geschleift und auf die Rückbank des Jeeps geworfen.

Ich war mein Leben lang ein Angsthase. Als Kind traute ich mich nicht allein in den Keller, und selbst als Erwachsene fürchte ich mich vor der Dunkelheit, was mir im Polizeidienst reichlich Probleme bereitete. Anfangs wollte ich auch nicht im Bus schlafen, weil die Straßengeräusche aus den finsteren Gassen die wildesten Fantasien bei mir freisetzten. Bis ich ein fast kindliches Zutrauen zu dem Bus entwickelte. Der Bus ist mein Zuhause geworden, mein Nest, mein Kokon. Ich will ihn nicht zurücklassen. Den Bus nicht und erst recht nicht David. Ich bin wie gelähmt. Ich sehe mich aus der Vogelperspektive, eine blonde junge Frau, inmitten dieser fremden Männer. Ich will zurück in unseren Bus, ich will zurück zu David.

Da merke ich, dass David bei mir ist. Er sitzt bereits im Jeep. Ich höre, wie sie auf ihn einschreien. Ich verstehe die Sprache nicht, sie klingt anders als Arabisch und Urdu, irgendwie weicher. Später werden wir merken, es ist Paschtu. Die Männer machen einen hektischen Eindruck, sie springen in den großen Geländewagen und wieder hinaus, wechseln die Plätze, hantieren mit den Waffen, zerren an uns herum und schreien uns Befehle zu. Falls die Männer einen Plan hatten, ist er gescheitert. Die Worte verschwimmen zu einem ungestalten Brei. Ich nehme nur noch den Waffenlauf wahr, der wieder in Davids Gesicht zeigt, ein Würgen in meinem Hals. Mein Kehlkopf drückt sich zusammen, löst einen Hustenreiz aus, aber ich kann nicht husten, ich kann nicht einmal atmen. Ich merke, dass jemand von hinten an meinem Schal zieht. Der Druck lässt ein wenig nach, als ich rückwärts über die Lehne rutsche und im Kofferraum lande. Ich muss mich in Embryonalstellung auf die Seite legen und sehe plötzlich Davids Gesicht vor mir. David. Er ist genauso zusammengerollt wie ich. Seine Augen machen mir keinen Mut. Sein Blick ist leer.

Ein dicker Mann zwängt sich zu uns in den Kofferraum und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Heckklappe. Seine Schienbeine drücken sich in meine Flanke, sein massiger Leib ist über uns und nimmt uns die Luft. Unsere Hände werden mit einem Seil gefesselt, dann wird es dunkel, eine Decke verschluckt mich. Die Decke riecht nach Staub und verbranntem Gummi. Sie riecht nach Schweiß, nach Davids Angstschweiß.

»David«, presse ich hervor, »was passiert?«

Der Jeep jagt mit jaulendem Motor durchs Gelände. Er setzt über Buckel hinweg, die Reifen drehen durch, greifen plötzlich wieder in den Untergrund. Bei jedem Satz, den das Fahrwerk macht, knallt mein Kopf auf den Boden, und ich meine, unter der Decke zu ersticken.

»Wir sind nicht mehr auf der Straße«, flüstere ich.

»Sie bringen uns nach Afghanistan«, meint David.

»Wozu?«

Er antwortet nicht.

»Sie erschießen uns?«, frage ich.

»Zuerst fahren sie uns in die Wüste. Dann bringen sie uns um.«

Ich kann nicht weinen, ich kann nicht schreien. Meine trockene Zunge klebt am Gaumen, und ich bekomme keine Luft mehr.

»Es wird schnell gehen. Wir werden nicht leiden müssen«, meint David. »Ich liebe dich, vergiss das nicht.«

»Ich liebe dich auch.«

Ich denke an Liv und Fynn, die beiden Kinder unserer besten Freunde, mit denen ich so oft im Garten, nur wenige Meter vom Aare-Ufer entfernt, gespielt habe. Ich denke an ihre blonden Haare, die kleinen, schmalen Finger, die nach meiner Hand griffen, wenn ein Tier im Laub raschelte.

Davids Hand dagegen ist kalt und steif, aber sie versucht, meinen Druck zu erwidern, mir Mut zu machen. Ich schluchze und flüstere: »David«, aber dann brüllt man uns an, wir sollen still sein.

David, der hyperventiliert hat, versucht seine Atmung zu beruhigen, und ich flehe immer wieder: »Bitte, bitte, bringt uns nicht um.«

Ich denke an meine Mutter, die heute, am Freitagnachmittag, mit ihrer Freundin ihren obligatorischen Trainingslauf macht, sich danach mit einem Glas lauwarmem Wasser ins Wohnzimmer setzt und hinausschaut über die blühenden Wiesen und die Maisfelder, auf denen die Julihitze steht. Sie freut sich, dass das Wochenende beginnt, dass sie ihre Rosen schneiden und etwas Besonderes kochen kann. Sie wird den Computer hochfahren, sich ins Internet einwählen und auf unserem Reiseblog nachsehen, wo wir gerade sind. Seit unserer Abreise aus Langnau habe ich fast täglich über unsere Etappen berichtet, ich habe unsere Koordinaten an unseren Freund Fabian gemailt, der unseren Standort aktualisierte. Sechsundsechzig Tage lang konnten unsere Angehörigen teilhaben an unserer Reise, konnten unsere Fotos, unsere exotischen Kleider, unsere Erlebnisse mitverfolgen. Heute wird meine Mama keinen neuen Eintrag finden, und wie jede Mutter wird sie einen feinen Stich in ihren Eingeweiden spüren. Die Angst, dass ihr Kind in Gefahr sein könnte.

»Seid vorsichtig. Ich bin erst dann beruhigt, wenn du in unser Haus läufst und ich dich umarmen kann«, hat sie mir gestern in ihrer SMS geschrieben. Nun denke ich, sie wird mich nie wieder umarmen können.

Plötzlich hält der Jeep, und wir können durch eine Ritze aus dem Kofferraum sehen. Die Landschaft ist menschenleer, keine Straße erkennbar. Ich habe das Gefühl, ins Leere zu fallen. Der Anführer spricht in sein Handy, dann geht die Fahrt weiter. Sie dauert Stunden, während sich die Hitze zu einem unerträglichen Druck auflädt, das Blut sich an den Fesseln staut. Manchmal hebt David mit der Nase einen Zipfel der Decke, manchmal fächelt ein Bewacher uns Luft zu. Man flößt uns Wasser ein. Und als ich das warme, nach Plastik und Schlamm schmeckende Wasser auf meiner Zunge spüre, denke ich: Wozu das knappe Wasser teilen? Mit zwei Menschen, die sowieso gleich sterben? Ich will den Gedanken gar nicht zu Ende denken, zu groß ist die Furcht, es könnte alles nur eine Illusion sein, aber der Gedanke lautet: Vielleicht werden sie uns doch nicht töten. Zumindest vorerst nicht. Weil sie uns für etwas anderes brauchen. Aber wofür?

Sie scheinen es selbst nicht zu wissen, denn während die Männer hektisch den Wagen über Schotterstraßen, Feldwege und dann wieder querfeldein steuern, murmeln sie selbstvergessen ihre Suren. Der Dicke bei uns im Kofferraum, der eine Pistole und eine Sprengstoffweste trägt, hat angefangen zu weinen.

Ich sage auf Englisch, dass wir Kinder hätten, die in der Schweiz auf uns warten, sie mögen uns doch bitte nicht töten.

»No kill, Rupees«, antwortet einer der Männer. Wir haben gehört, dass er Subera heißt. Er ist groß und hager und kann ein wenig Englisch. Wenn sie Rupien wollen, warum haben sie dann David das Geld aus der Hand geschlagen?

Was ist das für ein Kommando?

Unser ganzer Leib schmerzt, Arme und Beine sind eingeschlafen, als der Wagen endlich hält und die Decke zurückgeschlagen wird. Wir schnappen nach Luft. Stunden sind vergangen. »Wir haben eine Kreditkarte im Bus«, sage ich, »damit könnten wir Geld abheben.« Subera erwidert in seinem gebrochenen Englisch: »Wir können nicht zum Bus zurück.« Außerdem – wo sollten wir einen Geldautomaten finden? Wir stehen mitten in der Wüste. Nur karstiges Geröll, ein paar vertrocknete Grasbüschel und Kakteen sind zu sehen. Wir setzen uns auf, und ein anderer Entführer schaut über die Rückbank zu uns und sagt: »Smile.« Ich schüttle den Kopf und erwidere: »No smile.« Er zückt ein Handy und schießt ein Foto von uns.

Die Männer geben uns weiße Kleider, dieselben weiten Hosen und Umhänge, die sie selbst tragen. Wir müssen, während das Blut wieder anfängt, in den Gliedern zu zirkulieren, und alle Muskeln brennen, die Kleider über unsere Sachen ziehen. Der Anführer mit seinem hübsch geschnittenen Gesicht steigt nun ebenfalls auf die Rückbank. Er schaut wieder freundlich, so wie bei unserer ersten Begegnung in Loralai, als er seine Kalaschnikow wie einen Spazierstock in den Bus gestellt hat. »Killing David and Daniela?«, fragen wir. Er lacht und schüttelt den Kopf. »No killing.« Er gibt uns die Hand darauf, sagt, er heiße Omera, und erklärt dann mit Gesten, das sei ein Versprechen, das gilt – es sei denn, wir versuchen zu fliehen.

Meine Blase sticht. Ich frage, ob ich auf die Toilette gehen kann. Man bringt mich vor den Kühler des Geländewagens, wo jedoch mehrere Entführer stehen. Plötzlich ist die Situation entspannt. Sie werden uns nicht töten, denke ich und bedeute ihnen, sie müssen die Augen schließen, solange ich pinkle. Und da stehen sie in Reih und Glied, mit geschlossenen Augen, in dieser schier unendlichen Fläche und warten artig, bis meine Blase entleert ist.

Die Fahrt geht weiter. Trotz ihrer Zusicherungen fragen wir die Männer immer wieder, mit umständlichen Gesten, ob sie uns erschießen werden. Nein, geben sie uns zu verstehen. Aber wir trauen ihnen nicht. Wie auch? Direkt nach der Entführung haben sie in der Seitentasche von Davids Hose unsere Pässe gefunden. Nun haben sie auch die restlichen Sachen, die sie aus unserem Bus mitgenommen haben, durchsucht. Sie haben sich mein IKEA-Kissen und unser Moskito-Netz angeschaut, unsere Shoppingkarte, eine Magnetkarte von einem thailändischen Hotel und Davids Klangschale. Und schließlich haben sie in Davids Portemonnaie den Dienstausweis von der Berner Polizei entdeckt. Sie wissen jetzt, sie haben keine gewöhnlichen Touristen gefangen, sondern einen Polizisten. Dass auch ich bei der Polizei war, geht aus den Papieren nicht hervor. Werden sie uns jetzt doch erschießen, weil wir ihnen nicht geheuer sind?

Der Anführer und sein Assistent Adekka schauen einander an. Ihre Mienen sind undurchdringlich. Falls sie eine Entscheidung getroffen haben, wird sie uns nicht mitgeteilt.

In der Ferne ist eine Staubwolke zu sehen, die sich langsam nähert. Glanzlichter springen über das Geröll, die Sonne blinkt auf einer Blechkarosserie. Eine weiße Limousine hält direkt vor uns, ein kleiner, hagerer Mann steigt aus und begrüßt die Entführer. Wir werden umgeladen. Der neue Mann klettert auf den Beifahrersitz, Omera setzt sich ans Steuer und lässt sich von dem kleinen Mann, der sich offensichtlich in dieser Gegend bestens auskennt, dirigieren.

Man hat mir einen weißen Turban gebunden, um meine blonden Haare zu verstecken. In der Dämmerung erreichen wir ein kleines Gehöft aus beigefarbenem Stein. Die Männer verschwinden hinter einer Hütte, um sich zu erleichtern. Wir dürfen ebenfalls hinter die Hütte treten. Aber nicht gemeinsam. Sie halten David fest und machen Zeichen, ich müsse alleine gehen. Die wenigen Augenblicke, die David nicht bei mir ist, die ich alleine in dieser öden, menschenleeren Landschaft stehe, zehren all meine Widerstandskraft auf. Es ist, als wollte diese Landschaft mich zerstören. In der Schweiz sieht man Weiden, Straßen, rauchende Schlote, Berggipfel, Bahngleise, Strommasten. Alles kommt einem geordnet und sinnvoll vor, und das Panorama überragt die Muster der Zivilisation wie ein erhabenes Geschenk.

Hier ist die Landschaft feindselig. Nicht einmal für den Wind scheint es eine Angriffsfläche zu geben, an der er sich reiben, über die er fauchen oder zischeln könnte. Stille. Leere. »Nachdem Gott die Welt erschaffen hatte, war noch ein bisschen Schutt übrig. Er schmiss ihn auf die Erde, und wo er landete, entstand Afghanistan«, stand in einem unserer Reiseführer.

Mir fällt erneut Jack Johnson ein, wie er mit eleganten Schwüngen seines Surfbretts in eine Welle eintaucht, sich durch den Luftdruck wieder hinauskatapultieren lässt, wie er einen Moment lang auf dem Wellenkamm steht, zu fliegen scheint, vollkommen schwerelos und frei. Eine Melodie geht mir durch den Kopf, aber ich kann nicht singen.

Die Männer sitzen in der Hütte. Omera, den Anführer, haben wir für uns »Junkie« getauft. Neben ihm sitzt seine rechte Hand, Adekka oder »Rotchäppli«, der Mann mit roter Mütze. Dann ist da noch Manora, alias »Krustenfuß«, der hagere, große Mann mit den knochigen, von rissiger Hornhaut überzogenen Füßen, außerdem ein Mann mit einem Drei-Tage-Bart und dem Gesicht eines Süditalieners: Subera. Er wird eines Tages mit einer Ziege anmarschieren und daraufhin den Namen »Geißenpeter« bekommen. Khaled, der Dicke, der bei uns im Kofferraum gekauert hat, wird bei unserer weiteren Verschiebung als Koch dienen. Atschi, der sechste Mann, scheint hier zu Hause zu sein. Er bringt Essen, und wir setzen uns an die Außenmauer des kleinen Gehöfts, in dem offensichtlich seine Familie und seine Viehherde leben. Aber ich habe keinen Hunger, obwohl Geißenpeter mir die schönsten Stücke auf mein Fladenbrot legt. David nimmt sich ebenfalls von dem Fleisch und kaut es mechanisch. Sein Blick sagt mir, ich müsse essen, und so tue ich ihm den Gefallen.

Ich spüre nichts als unendliche Müdigkeit. Inzwischen sind noch zwei weitere Fremde aufgetaucht, ebenfalls schwer bewaffnet. Die Gruppe verfügt über Kalaschnikows, Handgranaten, eine Panzerfaust, Sprengstoffwesten und Pistolen. Junkie hat außerdem ein amerikanisches M16-Sturmgewehr, wahrscheinlich eine Kriegsbeute, an der er besonders zu hängen scheint. Die Männer tragen Sackhosen, genannt »Shalwar«, und darüber einen »Sherwani« oder »Kamiz«, ein fast knielanges Hemd. Den Kopf haben einige mit einem Tuch bedeckt, andere tragen kreisrunde Hüte. Abgesehen von ihren kurzen Bärten sehen sie aus wie die Gotteskrieger, die wir von Fernsehbildern, aus Bekennervideos und Terrormeldungen kennen. David fragt sie, ob sie Taliban-Kämpfer seien. Junkie schüttelt den Kopf. »Nein«, sagt er, »keine Taliban.« Was sie dann sind, und was sie mit uns vorhaben, verrät er nicht.

Auf den Kissen, durch die die Wärme der Steine drang, bin ich, an David gelehnt, sofort in einen tiefen, bleischweren Schlaf gefallen. Nun zwinge ich mich, meine Benommenheit abzuschütteln, denn wir müssen laufen und einen Teil des Gepäcks tragen. In der Nähe knattert ein Mopedmotor, über uns wölbt sich ein strahlender Sternenhimmel, wie ich ihn nie zuvor gesehen habe. Als hätte man eine pechschwarze Leinwand, hinter der ein gewaltiger Scheinwerfer steht, perforiert. Das Licht lässt die Steine auf dem Boden gräulich schimmern. Der Hirte führt die Gruppe an, danach kommen Junkie und Geißenpeter, dann David und ich. Die anderen Männer bilden die Nachhut. Ich höre ihre Schritte im Geröll, das Metall der Waffen, und immer wieder frage ich David: »Werden sie uns von hinten erschießen?«

»Nein«, sagt er, wenig überzeugt.

Am Horizont werden Lichtzeichen gegeben. Ein Auto wartet auf uns. Es ist die weiße Limousine, mit der wir schon am Nachmittag ein Stück gefahren sind. Wir können uns auf die Rückbank setzen und endlich ausruhen.

Der Wagen holpert über eine steinige Piste, immer wieder schlägt das Bodenblech auf, und dann fällt das Scheinwerferlicht auf eine glitzernde Fläche. Wir stehen an einem Bach, die Fahrt ist nach wenigen Minuten schon wieder zu Ende. Wozu sind wir dieses kurze Stück mit dem Auto gefahren? Wussten sie nicht, dass hier ein Bach verläuft? Obwohl der Hirte hier jeden Stein zu kennen scheint?

Alles wirkt jetzt wieder chaotisch und willkürlich auf uns. Ein Moped kommt angeknattert, es ist das Moped, das uns schon den ganzen Tag, in einem gewissen Abstand, eskortiert. Wir müssen durch den Bach waten, ich verliere immer wieder meine Flip-Flops und bekomme Gummisandalen mit Klettverschlüssen, die mir jedoch zu weit sind und nach kurzer Zeit schon Blasen verursachen.

Wir steigen einen Hügel hinauf. Der Hirte scheint sich blind orientieren zu können. Unsere Entführer folgen ihm, die schweren Waffen schleppend. Doch plötzlich werden sie hektisch, zischen einander an und werfen ihre Lasten ab. Man hört einen Motor. Sie legen sich auf den Boden und befehlen uns, es ihnen gleichzutun.

Ein Motorrad knattert durch die Stille, der Scheinwerfer tanzt über die Geröllfelder, kriecht den Hügel hinauf und senkt sich dann Richtung Tal. Als wieder Stille herrscht, dürfen wir aus der Deckung kommen, der Marsch geht weiter. Stundenlang. Ich umklammere Davids Hand, rutsche aber trotzdem in den zu großen Gummisandalen aus, schlage mir das Knie blutig.

Wenn gerastet wird, sitzen wir im Kreis und eine in Stoff eingeschlagene Plastikflasche mit trübem Wasser macht die Runde.

Gegen Morgen breiten die Männer ihre Tücher auf den Steinen aus. Diese Tücher haben viele Funktionen. Sie dienen als Kleidungsstück, zur Vermummung, als Taschen- und Handtuch sowie als Isomatte. Wir müssen uns in ihre Mitte legen. Ich lausche angsterfüllt auf ihre Stimmen, die eine unverständliche Sprache sprechen, versuche, am Tonfall zu erkennen, was mit uns geschehen wird. »Ich habe ein ungutes Gefühl, Daniela«, hat meine Mutter immer wieder vor der Abreise gesagt, »bitte, fahr nicht.« Ich sehe den Mond, den sie jetzt ebenfalls betrachtet, sich fragend, warum wir uns nicht mehr melden. Doch irgendwann ist der Selbsterhaltungstrieb, der die Funktionsfähigkeit des Körpers über alles stellt, stärker als alle Ängste, und ich falle in einen tiefen Schlaf.

2.JULI

Ich kann mich nicht erinnern, in diesen ersten Stunden geträumt zu haben. Falls doch, dann sicher von zu Hause, vom Wohnzimmer meiner Eltern, von dem Kuchen, den meine Mutter am Sonntag serviert, vom Blick über unseren Garten und das weite, grüne Tal. Im Wachzustand kreisen meine Gedanken jedenfalls permanent um meine Eltern. So schmerzhaft diese Gedanken sind. Ich spüre eine unendliche Entfernung von ihnen, die noch größer wird durch die Vorstellung, dass sie nichts von unserem Schicksal wissen. Machen sie sich Sorgen, weil unser Reiseblog schweigt? Weil wir auf ihre Anrufe und SMS nicht reagieren? Hat man unseren verlassenen Bus mit dem Schweizer Kennzeichen gefunden? Hat man womöglich bereits die Behörden alarmiert?

Wir wissen nicht, dass meine Eltern schon gestern in den Acht-Uhr-Nachrichten von der Entführung zweier Schweizer Touristen in Belutschistan gehört und sofort an uns gedacht haben, dass die Berner Polizei in der Nacht bei Davids Mutter geklingelt und ihr von unserem Verschwinden erzählt hat. Dass unser Freund Fabian, der diese Reise von Anfang an mit geplant und im letzten Moment darauf verzichtet hatte, soeben Peter und Muriel, die Eltern von Liv und Fynn, verständigt hat, und dass Peter nun flucht und schreit, bis er den erschrockenen Gesichtsausdruck seiner Mädchen sieht und sich beherrscht.

Mit David rede ich stundenlang von zu Hause, auch wenn er immer einsilbiger wird und schließlich mürrisch reagiert.

Wir sind schon wieder in Marsch gesetzt worden. Beim ersten Morgengrauen hat man uns wachgerüttelt, mit Gesten und den wenigen Wörtern Englisch, die Manora spricht. Die anderen sagen nur alle zwanzig Minuten: »No tension, no problem«, »Inschallah«, oder geben uns Befehle: »Sleep!«, »Rest!«, »Walk!«. Der Hirte geht wie üblich voraus, dann kommen die fünf Entführer und wir. Die restlichen Männer gehen in einigem Abstand. Mal seitlich versetzt, mal vor oder hinter unserer Gruppe. Als Geleitschutz, Spähtrupp, Bewachung. Das Kommando verfügt über militärische Erfahrung. Auch hinter dem Zickzack-Kurs, der scheinbar planlosen Verschiebung, steckt eine Logik. Das Kommando bewegt sich deshalb so wirr, weil es sich in Feindesland befindet, Hauptstrecken und Kontrollpunkte meiden muss, weil niemand uns als Geiseln identifizieren darf. Und damit taucht ein neuer Gedanke auf: Wenn eine Polizei- oder Militärstreife uns aufgreift, sind wir befreit. Ein Hoffnungsschimmer. Aber auch nicht mehr. Denn bei einem solchen Zusammentreffen käme es sicher zu einem Schusswechsel. Unsere Bewacher schleppen nicht umsonst eine Panzerfaust und Handgranaten mit sich herum. Wie groß sind unsere Überlebenschancen, wenn wir in ein Kreuzfeuer geraten, bei dem Granaten fliegen und MG-Salven abgefeuert werden?

Und fliehen können wir auch nicht. Unsere Entführer beargwöhnen jede unserer Bewegungen, und vor allem David, der sie um einen Kopf überragt, nehmen sie permanent ins Visier.

Nach nur einer halben Stunde sind wir auf einer Ebene, auf der mehrere Steinhütten stehen. Die Eingänge sind mit dürrem Gestrüpp versperrt. Es wird Tag. Zeit sich zu verstecken. Wir werden in einen Schafstall bugsiert. Sie breiten Matten aus, auf denen wir schlafen sollen.

Als ich wieder erwache, liege ich neben einer pechschwarzen Steinwand. Sie ist ebenso von Ruß überzogen wie das Strohdach über mir. Durch ein Loch in der Mitte fällt grelles Licht. Ich setze mich auf. Mein Körper ist steif, und sofort wird mir unsere Lage wieder bewusst: Dass wir hier inmitten bewaffneter Banditen sind. Dass unser Leben wahrscheinlich vorbei ist. Einige Meter entfernt liegt Geißenpeter. Er versperrt mit seinem Körper die Türöffnung. Er liegt auf dem Rücken und schläft. Ich beuge mich über David, der ebenfalls noch schläft, dann stehe ich auf und schleiche auf den Fremden zu. Soll ich über ihn hinwegsteigen? Ich will ins Freie, denn die Luft unter der niedrigen Strohdecke ist muffig. Ich stehe gebeugt da, sehe das hellblaue Gewand, die Plastikuhr am Handgelenk des Mannes, die Kalaschnikow neben ihm. Vorsichtig tippe ich auf seine Schulter. Er öffnet seine braunen Augen und blickt mich an. Ich deute auf seine Uhr: 8.45Uhr. Ich erkläre mit Gesten, dass ich gerne hinausgehen, die Landschaft sehen möchte. Er setzt sich auf und tritt vor die Hütte, deutet an, dass ich meine Haare verdecken soll. Ich folge ihm ins grelle Sonnenlicht. Zur Rechten stehen Hütten, zur Linken öffnet sich die unendliche Weite, flach, leicht abfallend, bis zu einem kleinen Hügel am Horizont. Es ist totenstill. Mein Bauch krampft sich zusammen, mein Herz rast, und mein Kopf scheint zu explodieren. Niemand wird uns hier jemals finden, niemand wird uns helfen können. In drei Tagen sollen wir angeblich in Peshawar sein, Inschallah. Ich drehe mich um und bedeute Geißenpeter, dass ich Durst habe. Er beugt sich in die Hütte, reicht mir eine Plastikflasche und erklärt auf Paschtu, dies sei die Tagesration für uns alle. Zu essen gebe es nichts. Aber ich habe sowieso keinen Hunger. Dann fällt mein Blick nach rechts, auf einen zweiten Stall. Darin liegt meine Tasche, der Inhalt auf dem Boden verstreut. Ein Tages-Anzeiger, das UNO-Kartenspiel. Erst danach bemerke ich Junkie, der zwischen den Ställen auf dem Rücken liegt, alle viere von sich gestreckt, mit Waffen überhäuft. Er schläft in seinem strahlend weißen Gewand, sein Brustkorb hebt und senkt sich. Und ich frage mich, ob ich das wirklich erlebe, ob ich nicht träume oder schon tot bin.

Als alle erwacht sind, sitzen wir mit den Entführern zusammen, die mir meine Handtasche zurückgeben. Mit einem merkwürdigen Gefühl der Dankbarkeit nehme ich sie in Empfang. Das UNO-Spiel, den Kamm, das Moskitonetz. Die Gegenstände sind mir vertraut und starren mich doch merkwürdig fremd an. Als stammten sie aus einem anderen Leben, in das ich nie wieder zurückkehren darf.

Was wir von Beruf seien, fragt uns Geißenpeter. Da er besser Englisch kann als Junkie, übersetzt er dessen Fragen. David und ich haben eine Legende abgesprochen, die wir vortragen. Wir führen gemeinsam ein Restaurant, David leitet die Küche, ich mache die Geschäftsführung.

Sie nicken. Die Antwort scheint ihnen plausibel.

»Wie viele Kinder?«

»Zwei«, behaupte ich wieder. Denn es wird ihnen schwerer fallen, Eltern kleiner Kinder umzubringen, hoffe ich. Und die Notlüge ist von der Wahrheit gar nicht so weit entfernt. Liv und Fynn, die Kinder unserer Freunde, sind für mich fast wie eigene Kinder.

Ob wir verheiratet seien.

Wir nicken, denn wir wissen, dass für Muslime eine »wilde Ehe« eine Todsünde ist.

Geißenpeter grinst und zieht Davids Polizeiausweis hervor. David und ich blicken einander verstohlen an. Also haben sie die Papiere doch zu deuten gewusst. Aber die Männer scheinen die Lüge nicht übel zu nehmen. Sie wirken jetzt ganz zugänglich. Sie sprechen Paschtu. Und für die Paschtunen ist die Gastfreundschaft das wichtigste Gebot. Selbst Feinden gegenüber. Später, gegen Abend, wird Junkie uns sogar Zahnpasta und eine Zahnbürste geben. Er hat einen Rucksack dabei, in dem alles ist, was man für die Entführung westlicher Touristen braucht: Psychopharmaka, Zahnbürsten, Körpercreme und Zahnpasta. Unsere Bewacher haben dagegen nur ein kleines Holzstück für die Mundhygiene. Was uns wie ein Symbol für Unwissenheit und Armut vorkommt, ist in Wahrheit Teil einer jahrhundertealten Tradition. »Miswak« heißt die Pflanze, deren Zweige oder Wurzelstücke zerkaut werden, um dann mit dem ausgefransten Teil als Zahnbürste, Zungenschaber und Massagestab eingesetzt zu werden. Das Holz enthält Fluoride und fungiert somit zugleich als Zahnpasta. Und tatsächlich haben unsere Entführer, obwohl sie die meiste Zeit Kautabak im Mund haben und reichlich schwarzen Tee trinken, blendend weiße Zähne.

Wir sind Gäste, und wir sind Gefangene. Während die Männer ständig ein- und ausgehen, sich unterhalten, zum Waschen an einen nahe gelegenen Bach marschieren, sich zum Beten versammeln, müssen wir den ganzen Tag in der Hütte bleiben. Wir dösen, spielen UNO, manchmal spielt sogar einer der Männer mit, obwohl den strenggläubigen Muslimen das Kartenspielen verboten ist.

Um vierzehn Uhr, die Männer haben gerade ihr Gebet verrichtet, kommen im Radio Nachrichten. Das Gerät trägt immer Rotchäppli, der die Frequenz einstellt und den Ton lauter stellt. Alle Männer sitzen bei uns im Stall, die Waffen neben sich. Wir verstehen die Meldungen nicht, bis auf die Worte »Schweizer« und »Loralai«. Nun ist es also öffentlich. Wir sind verschleppt worden. Nun wissen es auch unsere Eltern. Tränen laufen mir über die Wangen. Ich kann noch immer nicht glauben, dass die zweimonatige Reise schlagartig diese grausame Wendung genommen hat.

Wir schauen einander an, dann die Männer. Was bedeutet die Nachricht für sie? Dass sie noch vorsichtiger sein müssen? Dass nach uns gesucht wird?

Als die Dämmerung einsetzt, müssen wir uns wieder in Marsch setzen. Und dies wird nun tagelang so gehen: im Dunkeln marschieren, tagsüber in einem Versteck ausharren.

Allerdings herrscht an diesem Abend kein Wetter zum Marschieren. Es wetterleuchtet, Donnergrollen kommt näher, und dann setzt ein so heftiges Gewitter ein, als würden sich die Hitze dieses Wüstensommers und all die Feuchtigkeit, die eine unbarmherzige Sonne dem Boden entzogen hat, mit einem Mal über unseren Köpfen entladen. Das Wasser prasselt auf uns nieder, innerhalb weniger Minuten sind alle Kleiderschichten durchweicht, die Steine glitschig, der Regen sammelt sich zu Sturzbächen. Die Blitze erleuchten die Geröllhänge, die wir erklimmen, der Pfad verwandelt sich in einen Bach. Das Wasser schießt ins Tal, reißt Sand und Schutt mit sich, schlägt die Steine gegen unsere Schienbeine, holt uns von den Füßen. »Stell dir einen Bergmarathon vor!«, ruft David. Genau das hatte ich getan. Auf der Suche nach dem tranceartigen Zustand, in dem man nur noch die monotone Anstrengung der Muskeln wahrnimmt, Kontraktion und Entspannung, Kontraktion und Entspannung, dazu das Pumpen der Lungen und des Herzmuskels, das Gehirn, das in einen Zustand angenehmer Untätigkeit verfällt. Ich bin schon viele Halbmarathons gelaufen, aber dieser Marsch, in den zu weiten Sandalen, in denen ich haltlos umherrutsche, auf schmerzenden Blasen, umringt von Granaten und Gewehrläufen, ist mit keinem meiner Läufe zu vergleichen. Ich werde nicht in einer halben Stunde unter einer heißen Dusche stehen und mich abfrottieren. Eine merkwürdige Lähmung hat mich befallen, und jeder einzelne Schritt bringt mich auch an die Grenze der mentalen Erschöpfung.

Mit traumwandlerischer Sicherheit springt der Hirte über lockeres Gestein, über Gräben und Dornen.

Stunden später haben wir endlich die Hütte erreicht. Wir sitzen in dem feuchten, fensterlosen Raum, tropfnass und ausgekühlt. Die Männer breiten ihre ebenfalls durchnässten Decken und Rollkissen aus. Krustenfuß zieht aus dem Strohdach Reisig hervor und entfacht ein Feuer, Junkie und Rotchäppli sind verschwunden. Wir sitzen zu siebt um das lodernde Feuer, versuchen uns zu wärmen, die Männer ziehen ihre Sherwanis und Tücher ab und hängen sie zum Trocknen unter das Dach. David tut es ihnen nach, aber ich behalte meinen feuchten Turban auf, in der Hoffnung, dass er ein wenig Schutz gegen Läuse und Flöhe bietet. Draußen tobt das Gewitter, dicke, schwere Tropfen prasseln auf das Strohdach, während die tanzenden Flammen die Gesichter erleuchten und bizarre Schatten an die Wände werfen. Normalerweise mag ich keinen Feuerrauch, aber jetzt lasse ich mich davon einhüllen, verkrieche mich hinter Davids feuchtem Rücken, versuche, irgendeinen positiven Gedanken zu finden. Ich bitte Krustenfuß, das Feuer die Nacht über am Leben zu erhalten. Er willigt ein, und ich gleite in den Schlaf hinüber.

Mitten in der Nacht hört Krustenfuß ein Geräusch hinter uns an der Wand. Er springt auf, weckt die anderen. Nur David und der Hirte bleiben liegen, während ein Tausendfüßler durch eine Ritze in der Steinmauer krabbelt und versucht, ein Stück Plastik nach draußen zu ziehen. Die Männer sind überraschend nervös, aber keiner traut sich in die Nähe der Geräuschquelle. David verscheucht das Spinnentier, und die Männer beruhigen sich wieder.

Als wir aufwachen, duftet es nach Tee und süßem Reis. Der Hirte muss in aller Frühe Milch, Zucker und alle anderen Zutaten besorgt haben. Das Ritual sieht vor, dass man uns die erste Tasse anbietet, wir höflich ablehnen und die Tasse weiterreichen, woraufhin einer unserer Entführer ablehnt und die Tasse zurückgibt. Dann dürfen wir trinken. Der Tee schmeckt herrlich. Für einen Augenblick ist unsere aussichtslose Lage vergessen, die stinkende Feuchtigkeit, die Klamotten, die zum Trocknen über dem Feuer hängen, die bärtigen Gesichter unserer Entführer. Wir legen uns erschöpft und vor Kälte zitternd nieder und hoffen, dass es bald Abend wird, denn tagsüber dürfen wir nicht nach draußen gehen. Wir schlafen noch einmal ein. David reibt verstohlen über meine Arme.

Es tut gut, sich in Schlaf fallen zu lassen und einfach zu vergessen. Vielleicht wacht man auf, und alles ist vorbei. Den ganzen Tag hatte ich mich gefühlt wie in einem Traum. Alles war so irreal: Daniela, die Achtundzwanzigjährige, die inmitten von Mudschahedin durch die Wüste läuft, sich auf den Boden wirft, sobald sich jemand nähert, und sich benimmt, als gehöre sie zu diesem Kämpferkommando. Aber wir haben die Nachricht im Radio gehört. Es ist wahr, keine Vision.

3. BIS 6.JULI

Wir werden vier Tage in dieser Hütte verbringen. Vier Tage, in denen wir mit den Flöhen und der Langeweile kämpfen, in denen wir lernen, die linke Hand anstelle von Toilettenpapier zu benutzen und mit der rechten zu essen. Unsere Entführer achten streng darauf, die vorgeschriebenen fünf Gebete am Tag einzuhalten: beim ersten Lichtschimmer, zu Mittag, eineinhalb Stunden vor Sonnenuntergang, kurz nach Sonnenuntergang und dann noch einmal zwei Stunden später. Sie befinden sich auf feindlichem Territorium, fürchten, jeden Augenblick entdeckt oder angegriffen zu werden, aber sobald sie ihre rituelle Waschung vornehmen und ihre Tücher gen Mekka ausbreiten, scheint dies keine Rolle mehr zu spielen. Als wären sie dann allem entrückt, unverwundbar. Wir fragen uns unterdessen, wann es endlich weitergeht. In ein paar Stunden, heißt es, man warte auf ein Auto. Das Auto kommt nicht. Wir werden immer ungeduldiger. Wir wollen einfach nur weg, weiter. Wir denken, je schneller alles geht, desto schneller sind wir wieder in der Schweiz. Unsere Entführer vertrösten uns. »Bald«, heißt es, dann: »in ein paar Stunden«, »morgen«. Wir sind vollkommen ohnmächtig. Können nicht einmal gegen diese schwammigen Begriffe angehen.

Ich denke immerzu an meine Eltern. Der Gedanke ist wie eine Obsession. Ich will sie endlich anrufen, ihnen sagen, dass ich entführt, aber am Leben bin. Immer sehe ich das Gesicht meiner Mutter vor mir, ihre gütigen Augen, meinen hoch aufgeschossenen Vater mit seiner herrischen Stimme, seinen unmissverständlichen Gesten, die Anweisungen geben, Probleme lösen. Mein Vater, der ein Haus nach dem anderen hochgezogen hat, mit seinem starken Arm. Aber sein Arm reicht nicht bis hierher.

Ich weiß nicht, warum mir meine Geschwister nie in den Sinn kamen. Es ist, als hätte mein Gehirn immerfort SOS-Rufe abgegeben, aber ausschließlich in Richtung meiner Eltern. Erst viele Tage später, als unsere Situation sich stabilisiert hat, werden mich auch andere Erinnerungen und Gedanken heimsuchen. Dann erst werden meine Geschwister vor meinem inneren Auge erscheinen, obwohl ich zu ihnen ein genauso enges Verhältnis zu haben glaubte wie zu meinen Eltern. Während der Entführung werden wir immer wieder feststellen, wie selektiv unsere Psyche arbeitet. Immer nur auf ein Ziel ausgerichtet: überleben. Grundfunktionen von Körper und Geist sicherstellen, die Hoffnung aufrechterhalten, nach Auswegen oder Hilfe suchen. Instinktiv scheine ich diese Hilfe nicht mit meinen Geschwistern, sondern mit meinen Eltern zu assoziieren.

Ich weiß nicht, dass mein Vater schon auf der Bank war und dass meine Geschwister ein Dokument unterschrieben haben, mit dem sie auf ihr Erbe verzichten, damit eine möglichst hohe Summe für ein etwaiges Lösegeld zusammenkommt.

Einmal dürfen wir tagsüber kurz die enge Hütte verlassen, auf einem Stein sitzen, umringt von den bewaffneten Männern. Aber sobald eine Herde am Horizont auftaucht, müssen wir uns hinlegen und werden mit Tüchern bedeckt. Beeindruckende Bilder prägen sich uns ein: Hirten, die mit dieser unwirtlichen Landschaft in Symbiose zu leben scheinen. Reiter mit farbigen Turbanen, die langsam und majestätisch durch die endlose Weite kommen und plötzlich vor unseren Hütten stehen.

Unsere Bewacher sind nervös und ängstlich. Sie meinen, seitdem die Meldung über den Rundfunk verbreitet wurde, suche die Armee mit Bodeneinheiten und Flugzeugen nach uns.

Die Zeit in der Hütte dehnt sich unerträglich, manchmal führen wir rudimentäre Gespräche mit den Entführern. Krustenfuß verspricht uns immer wieder »Doppelbett, Internet, Telefon, Haus«. An dieser unrealistischen Hoffnung halten wir uns fest.

Wenn wir bei Einbruch der Dämmerung endlich ins Freie dürfen, setzen die Kämpfer sich in ein Geviert, in dem wir gehen und Liegestütze machen. Vom ersten Augenblick an kämpfen wir gegen Verzagtheit und Resignation. Wir machen Dehn- und Kraftübungen, und ich versuche, auf den paar Quadratmetern, die uns als Raum gelassen werden, zu traben.

Wir erfahren, dass wir in drei Wochen wieder zu Hause in der Schweiz sein werden. Wir rechnen, in drei Wochen ist der 22.Juli, es kommt uns wie eine unvorstellbar lange Zeit vor, aber das hieße auch, dass wir wenigstens am Nationalfeiertag wieder daheim sein würden. Sobald wir das Haus erreicht hätten, begönnen die Verhandlungen. Wenn das Geld da sei, dürften wir gehen. Es klingt einleuchtend und beruhigend. Wir sind Geiseln, wir sind ihr Kapital. Sie werden gut auf uns achtgeben. Solange wir nicht aufbegehren.

Wie sind wir nur in diese Situation geraten?, frage ich mich immer wieder. Trotz Polizeischutz, trotz unserer Vorsichtsmaßnahmen.

Ich denke an Mister Faruk, den Polizeicommander, bei dem wir den letzten Abend in Freiheit verbracht haben. Ein komischer Abend, der ein ungutes Gefühl bei mir hinterlassen hat. Mister Faruk war zudringlich und legte die westlichen Umgangsformen auf eine anzügliche Art aus. Nachdem er uns festlich bewirtet hatte, wollte er mit uns tanzen und sogar ein erotisches Video drehen. Stolz, unser Gastgeber zu sein, rief er seine Freunde an und gab das Handy an uns weiter, damit wir mit diesen Freunden redeten. Ich wollte nicht, sagte nur »Hallo« und gab Mister Faruk sein Handy zurück. Seine prahlerische Art, die Grobheit, mit der er seinen Diener behandelte, erfüllte das ganze Haus mit einer negativen Aura, sodass ich mich anfangs weigerte, bei Mister Faruk zu übernachten. Aber die Gastfreundschaft ist allen Pakistani heilig. Ein solcher Affront wäre kaum zu verzeihen gewesen. Und so brachte David mich zur Vernunft.

Unsere Entführer kennen Mister Faruk angeblich nicht. Sie hätten in Loralai auf ein anderes Opfer gewartet, das aber nicht gekommen sei. Da sie nicht mit leeren Händen zurückkehren wollten, hätten sie mit Entzücken die Eskorte und unseren Bus wahrgenommen. In ausladenden Gesten machen sie uns klar, was für einen exzellenten Fang wir darstellen. Ihr Entschluss, uns zu entführen, habe augenblicklich festgestanden. Eskorte hin oder her.

Wir zweifeln nicht an Junkies Worten. Acht Jahre hat er an der Front gekämpft, bei der Entführung eines britischen Ingenieurs soll er ein halbes Dutzend Polizisten eliminiert haben. Sein engster Mitstreiter, Rotchäppli, hat allein sieben Schussverletzungen.

Allerdings stößt auch Junkies Courage manchmal an ihre Grenzen, etwa wenn ihm ein Tausendfüßler begegnet. In der Nacht, in der die Hitze, die Stechmücken und die Flohbisse uns sowieso um den Schlaf bringen, springt er immer wieder auf, schlägt auf Insekten ein und dichtet Ritzen im Mauerwerk ab. Sobald er das Knistern eines Bonbonpapiers hört, ist er hellwach und fast hysterisch. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt, der meist damit endet, dass Junkie den Rückzug antritt und sich im Freien eine Schlafstatt baut, um die er leere Plastikflaschen aufstellt. Ein Frühwarnsystem, das ihm endlich das Gefühl einer gewissen Sicherheit vermittelt.

Für die Männer ist der Gebrauch von Waffen so selbstverständlich, dass sie diese Waffen recht nachlässig behandeln. Die Handgranaten und die Panzerfaust lassen sie oft zwischen den Steinhütten auf einem Haufen liegen. Und bis auf Junkie und Rotchäppli achtet keiner auf die Grundregeln der Handhabung. Die Waffen sind nicht gesichert, meist zeigt der Lauf auf unser Gesicht, auch beim Marschieren liegt der Finger am Abzug. Jedes Stolpern könnte fatale Folgen haben.

David schaut mich an, sieht die Waffen an. Ich weiß, was er mir sagen will. Wir könnten uns die Waffen schnappen und uns wehren. Aber die Gewehre tragen sie meistens bei sich. Sollen wir die Handgranaten auf sie werfen? Oder heimlich fliehen? Aber wohin? So weit das Auge reicht, nur Steinwüste. Keine Straße, keine Zivilisation. Wir wissen nicht, wo wir sind.

Am Nachmittag des zweiten Tages erleben wir ein beeindruckendes Schauspiel. Die Männer haben in freudiger Erregung auf Geißenpeter gewartet, der gegen sechzehn Uhr durch die karstige Landschaft kommt. Den Grund der Vorfreude erkennen wir auch gleich: Es ist eine Ziege, die unser Entführer an ihren langen Ohren hinter sich herzieht. Ein mageres Tier mit schwarz-weiß gemustertem Fell, das vor der Hütte angebunden wird. Wir wissen, dass die Ziege nur zu einem Zweck gekauft worden sein kann, und nähern uns, um sie ein wenig zu beruhigen. Wir streicheln sie, nehmen den scharfen Geruch wahr, die Wärme und die ängstliche Zutraulichkeit.

Unterdessen kommt der Koch mit einem alten, rostigen Fleischermesser, das er an einem Stein zu schärfen versucht. Gemeinsam mit Geißenpeter zerrt er das Tier etwa dreißig Meter von der Hütte weg, wirft es zu Boden und drückt die Kehle auf einen Stein. Die Männer rufen David und fragen, ob er die Ziege töten möchte. Sie albern herum. Vielleicht wollen sie David testen, vielleicht haben sie auch einfach keine Lust, sich mit der stumpfen Klinge abzuplagen. Schließlich nimmt Geißenpeter das Messer und säbelt der Ziege den Hals auf, das Blut schießt in die Höhe, die Ziege gibt ein jämmerliches Meckern, dann ein Quieken und schließlich ein Röcheln von sich, begleitet vom Ruf der Entführer: »Allahu akbar«, »Allah ist der Größte.« Man lässt das Tier ausbluten, dann werden die Füße abgehackt. Die Männer krempeln sich die Ärmel hoch und fahren bis zum Ellbogen mit der Hand unter das Fell. Wieder und wieder schieben sie ihre Unterarme hinein, um die Haut von den Muskeln zu lösen, bis sie aussehen, als hätten sie im Blut gebadet.

Rotchäppli zerlegt das Tier. Blase, Füße, Fell und Kopf werden liegen gelassen, ein Teil des rohen, warmen Fleisches auf einen Dornbusch gelegt. Sofort setzen sich Fliegen darauf.

Der Koch wäscht Innereien und Fleisch und kocht die Stücke stundenlang, während das Herz nur kurz über dem Feuer angebraten wird. Der Koch kommt mit dem gebratenen Ziegenherz, das auf einem verblichenen Plastikteller liegt, und überreicht es Junkie, dem Anführer. Dieser gibt es als Zeichen der Gastfreundschaft an David weiter. David teilt es, isst davon und gibt die andere Hälfte Junkie zurück. Ich bin froh, dass ich in diesem Ritual keine Rolle spiele.

Aus dem restlichen Fleisch wird ein Gulasch bereitet, das die Männer zu Fladenbrot essen. Ich habe keinen Hunger und begnüge mich mit ein wenig gesalzenem Brot.

Nach vier Tagen soll das Auto endlich da sein. Kurz zuvor haben David und ich uns zum ersten Mal gewaschen. Getrennt voneinander. Man hat uns einen Eimer Wasser und ein Stück Seife gegeben. Ich kauere mich hinter einen Felsen und gieße, während ich die Anwesenheit eines Bewachers spüre, ein Rinnsal braunes, kühles Wasser über mich.

Bei Einbruch der Dunkelheit verlassen wir die Hütte. Aber wo ist das Auto? Es seien zehn Minuten zu gehen. Wir nehmen die gewohnte Marschformation ein, nachdem wir genaue Anweisungen bekommen haben. Wir werden im Kofferraum eines Jeeps sitzen. Sollten wir an einem Checkpoint angehalten werden, müssen wir uns unter Decken verstecken. Bei einem etwaigen Schusswechsel dürfen wir uns nicht bewegen. Nur David würden sie im Notfall eine Waffe geben, damit er an ihrer Seite kämpfen kann, witzeln sie herum. »Aber sind wir dann den Kugeln nicht hoffnungslos ausgeliefert?«, frage ich David. »Der Kofferraum ist der sicherste Ort in einem Wagen. Der Schusswechsel wird sich auf den vorderen Teil der Fahrgastzelle konzentrieren.« Ich glaube ihm. Weil ich ihm glauben will.

Wir sind kaum losgelaufen, als wieder Wetterleuchten einsetzt, die ersten Tropfen fallen. Es ist wie verhext. Vier Tage lang haben wir nutzlos gewartet, bei strahlendem Sonnenschein haben wir in der stickigen Hütte ausgeharrt, endlich steht das Auto bereit, und dann kommt wieder ein Unwetter. Ein Wolkenbruch geht nieder, und wir müssen in einer anderen Hütte Unterschlupf suchen. Das Farbenspiel am Himmel ist so schillernd, dass ich es anfangs für Explosionen an der afghanischen Grenze halte. »Das ist nur Wetterleuchten«, beruhigt mich David.

Die kleine Strohhütte wirkt neu und sauber. Auf dem Dach frisches Stroh, auch der Boden ist zur Hälfte mit Stroh ausgelegt. In der Feuchtigkeit verbreitet es den vertrauten Duft nach Sommer in der Schweiz. Ich schließe die Augen und sage David, er solle es mir nachtun, es sei dann wie zu Hause.