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In diesem Buch beschreibt Detlef Öhlschläger den Lebensweg seiner Kindheit und Jugend, die er aufgrund familiärer Umstände in einem streng christlich orientierten evangelischen Kinderheim, das von Diakonissen geführt wurde, bis zu seinem 19. Lebensjahr verbringen musste. In der Presse und in Büchern ist viel über Heimkinder, die im Zeitraum der 50ziger bis 90ziger Jahre des letzten Jahrhunderts einer Maßnahme der Jugendhilfe ausgesetzt waren, geschrieben worden, und selbst kommen meist nur die zu Wort, die von Missbrauch berichten können. In diesem Buch wird beschrieben, welche Umstände zu einer Heimunterbringung führten, und es wird die Zeit der 60ziger Jahre mit ihren Umbrüchen aus der Sicht eines Jugendlichen mit vielen Fragen an das Leben beleuchtet. Dieser erste Teil einer geplanten zweiteiligen Autobiografie beschreibt recht spannend, warmherzig und kritisch zugleich das Erwachsenwerden in einem Jungenheim mit christlichen Erzieherinnen, zeigt die innerliche Zerrissenheit zwischen Glauben und Verstehen und der Schwierigkeit, in einer kirchlich dogmatisch geprägten Umgebung die eigene Identität zu finden. Viele betroffene Heimkinder der o .a. Zeit haben ihre zahlreichen Biografien geschrieben mit den unterschiedlichsten Titeln, aufgrund dessen sich der Autor dieses Buches seinen Titel: Und noch ein Heimkind ausgesucht hat. Im Gegensatz zu vielen anderen beschriebenen Schicksalen, insbesondere denen von Kindern und Jugendlichen in der damaligen DDR, berücksichtigt der Autor dieses Buches auch Umstände, die trotz aller Widrigkeiten einer Heimunterbringung positiv sein konnten, wie z.B. die Förderung einer guten Bildung mit der Chance für ein gelungenes Leben.
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2021
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FÜR MICH BEGANN alles im November – oder besser gesagt: ungefähr neun Monate zuvor, also etwa im März oder April, dem Tag meiner Zeugung - des Jahres 1951. Der dreiundzwanzigste dieses Monats – so steht es in meiner Geburtsurkunde gilt seitdem als mein Geburtstag, der sich im kommenden November nun zum dreiundsechzigsten Male jährt.
Geboren wurde ich in dieser Stadt, den Urkunden nach zu urteilen, im Bezirk Wilmersdorf, und ich vermute mal, es war das Martin-Luther-Krankenhaus, in dem ich “das Licht der Welt” (bzw. das des Kreissaals) erblickt habe, genau weiß ich es allerdings nicht.
Sicherlich war es - wie ja eigentlich immer um diese Jahreszeit - ein kalter, grauer, vielleicht auch nebliger Tag (jedenfalls kann ich mich kaum eines sonnigen, lichtdurchfluteten Geburtstages erinnern), von dem ich heute immer sage, dass ich besser in der wohlgeschützten warmen Höhle des Bauchraums meiner Mutter geblieben wäre, ja, darum gebeten hätte, doch vielleicht erst im Frühjahr das sichere Nest verlassen zu dürfen. Aber, da ich damals noch nicht über ein Mitspracherecht verfügte, kam ich – naturbedingt – mit einem mir bis heute unbekannten Gewicht und einer mir nicht bekannten Größe auf die Welt.
Sollte es an jenem Tag dieses Ereignisses noch hell gewesen sein, müsste ich wohl so ungefähr zwischen 7.30 und 16.00 Uhr geboren worden sein, will heißen, dass ich nicht weiß, zu welcher Tages- oder Nachtzeit dies geschehen ist.
Der Sage nach kam ich als sechstes Kind meines Vaters und als erstes Kind meiner Mutter auf die Welt, wuchs aber nicht mit meinen älteren Geschwistern zusammen auf. Den größten Teil von ihnen habe ich erst gut zwanzig Jahre später zu Gesicht bekommen.
Mein Vater verdiente sich zu der Zeit seinen Lebensunterhalt mit kleineren Schauspielerrollen im Film und auch am Theater und hielt sich zusätzlich mit Synchronsprecher-Engagements in den damaligen UFA-Studios über Wasser.
Meine Mutter - eigentlich gelernte Balletttänzerin - trat in irgendwelchen Revueshows auf; sie hatte einen Showpartner, einen gewissen Freddie, und sie führte den Künstlernamen Cornelia (ihr eigentlicher Name war Josefine). So hieß ihre Show denn wohl auch: Freddie & Cornelia.
In welche Welt wurde ich da hineingeboren? Nun gut, sechseinhalb Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs herrschte wieder Frieden in der Welt, bis auf die Tatsache, dass sich nordkoreanische und chinesische Truppen um die Stadt Seoul herumschlugen und sich internationale Truppen unter der Führung eines gewissen Douglas MacArthur in einem Stellungskrieg mit einmischten. Jener MacArthur plädierte sogar zur Beilegung des Konflikts für den Einsatz von Atombomben (wohl auf den Geschmack gekommen…), den der damalige US-Präsident Harry S. Truman (Gott sei Dank!) aber ablehnte. Ost- und Westblöcke waren derweil damit beschäftigt, die Grundsäulen für ihren dann über vierzig Jahre währenden Kalten Krieg zu errichten. Adenauer regierte als 1. Deutscher Bundeskanzler die jüngst gegründete Bundesrepublik Deutschland, war mit dem Wiederaufbau des in Schutt und Asche liegenden Landes beschäftigt, während die gerade neu gegründete deutsche Justiz nichts Besseres zu tun hatte, als alt eingesessene Nazis zu amnestieren.
Verständlicherweise interessierten mich diese Dinge zu der Zeit noch nicht so, denn - der Sprache noch nicht so richtig mächtig und dadurch auf andere Artikulierungstechniken angewiesen war ich sicherlich damit beschäftigt, meinen Eltern – insbesondere meiner Mutter gegenüber meine mir innewohnenden Grundbedürfnisse anzumelden.
So wuchs ich denn heran, wenngleich ich auch nicht sagen kann, wie im Einzelnen, da ich mich an die Zeit meiner ersten drei, vier Kind-heitsjahre genau so wenig erinnern kann wie auch wohl jeder andere, aber leider nicht auf Erzählungen seitens meiner Eltern oder Großeltern zurückgreifen kann.
Ohnehin ist meine Familienchronik eigentlich eine Geschichte für sich, wenngleich sie mir auch nur wenig bekannt ist, denn all das, was sich vor meiner Zeit abgespielt hat, kenne ich nur aus späteren Erzählungen, insbesondere aus den Schilderungen der dritten Frau meines Vaters, die ich – bewusst zumindest – erst mit meinem 18. Lebensjahr kennen gelernt habe. Sie war es auch, die mir die näheren Umstände des Todes meiner Mutter beschrieb, denn für lange Zeit wuchs ich in dem Glauben auf, meine Mutter sei bei einem Autounfall tödlich verunglückt, in Wahrheit aber hat sie sich – erst achtundzwanzigjährig – das Leben genommen.
Ich war zu der Zeit erst drei Jahre alt und – obwohl ich (angeblich) dabei gewesen sein soll, als meine Mutter freiwillig aus dem Leben schied – fehlt mir auch daran jegliche Erinnerung, obwohl es eigentlich auf meiner Festplatte gespeichert sein müsste, aber wohl durch eine Schutzmaßnahme meiner Seele nicht abrufbar ist und weder das Bewusstsein noch das Unterbewusstsein darauf irgendeinen Zugriff haben.
Wer war mein Vater? Wie er mir später mal selbst erzählte (aber viel erzählt hat er mir auch nicht…), ist sein Vater, also mein Opa, im 1. Weltkrieg gefallen und sein Onkel, also der Bruder seines Vaters, hat ihm wohl irgendwann mal (s)eine Frau wegschnappt. (Näheres dazu hat er leider nie ausgeführt…) Seine Mutter, ebenfalls irgendwie im Künstlerberuf verankert, war erst sechzehn Jahre alt, als mein Vater geboren wurde, und der ziemlich geringe Altersunterschied von Mutter und Sohn hatte die beiden wohl dazu veranlasst, in irgendwelchen Shows oder ähnlich gelagerten Events als Geschwisterpaar aufzutreten (wohl mit mehr oder weniger Erfolg…). Ich weiß nicht, wie alt mein Vater war, als er seine erste Frau heiratete, fest steht aber, dass er mit ihr vier Kinder gezeugt hat, meine Halbgeschwister, von denen ich drei tatsächlich in späteren Zeiten auch kennen lernen sollte.
Was geschah nach dem Tod meiner Mutter? Ich weiß es nicht, denn auch spätere “Erzählungen“ konnten weder eine korrekte Chronologie noch den Aufschluss über detaillierte Ereignisse geben. Irgendwie muss mein Vater ins Zwielicht öffentlicher Behörden geraten sein, denn das Jugendamt Tempelhof verfügte meine erste Heimeinweisung.
Zu dieser Zeit muss mein Vater schon mit seiner (inzwischen) dritten Frau verheiratet gewesen sein, eben mit jener Elfriede, die ich - wie schon erwähnt - erst später kennen lernte, da ich nun schon achtzehn Lenze zählte…
Ab meinem ersten Heimaufenthalt setzen auch meine Erinnerungen ein, bruchstückhaft zwar, so dass ich eher von Erinnerungsfetzen sprechen muss, und das vielleicht auch nur, weil ich für den Rest meines Lebens eine hässliche Narbe am rechten Unterarm als Beleg eines kleinen Unfalls in eben jenem ersten Kinderheim in Lichtenrade mit mir herumtrage – die Folge meiner als Kind ungebändigten Wildheit. Ich rannte einen langen Flur hinunter, weiß aber nicht mehr, ob es sich um ein wildes Einkriegezeckspiel oder vielleicht auch um eine Flucht vor irgendjemandem handelte. Jedenfalls verfehlte ich den Türgriff der am Ende des Flures gelegenen Glastür und schoss mit meinem Unterarm durch die Glasscheibe dieser Tür – ein großer, spitz nach oben stehender Splitter des zerstörten Glases riss mir einen tiefen Schnitt in die Haut meines Unterarms, nur knapp einen Zentimeter neben der Pulsader über dem rechten Handballen von der linken bis hinüber zur rechten Seite in einer Parabelform auf. Nur infolge schneller fachgerechter Hilfe und operativer Versorgung im Krankenhaus – ist abgesehen vom Verbleib der Narbe – nichts Schlimmeres passiert.
Eines Tages - ich muss inzwischen vier oder fünf Jahre alt gewesen sein - wurde ich von einer Erzieherin des Heimes schick angezogen. Auf meine stumme Frage hin, wozu dies’ geschah, antwortete sie mir, ich würde abgeholt werden, meine Mutter warte draußen auf mich.
In Erregung betrat ich den großen Garten des Kinderheims und … weiß noch genau, wie enttäuscht ich war, denn die Frau, die zusammen mit meinem Vater auf einer Bank im Garten saß, war nicht mein Mutter, es war eben (nur) Elfriede, meines Vaters dritte Frau.
Elfriedes Eltern wohnten in Tempelhof in einer kleinen Zweieinhalbzimmerwohnung, die ich viel später noch einmal zu Gesicht bekommen sollte. Irgendwie nahmen diese die Rolle der Großeltern mir gegenüber ein, und so sind sie mir denn auch als Oma und Opa Linse (so hießen sie) in Erinnerung geblieben. Zu dem Zeitpunkt, da ich ihre Tochter wiedersehen sollte, waren sie bereits verstorben.
Welchen Umtrieben Elfriede und mein Vater aufgesessen waren, kenne ich wiederum nur aus Sagen und Geschichten. Einiges davon dokumentieren auch damalige Zeitungsausschnitte, die ich später – als ich meine Halbschwester Anke kennenlernte – in die Hände bekam.
Sie handeln von einem Schauspieler namens Heinz Ohlsen-Öhlschläger, der offensichtlich während seiner rühmlicheren Zeit als ein Idol vieler Teenager galt, nun aber durch kriminelle Machenschaften zusammen mit seiner Frau Elfriede nicht nur gerichtlich verfolgt sondern auch verhaftet und verurteilt wurde. Ein Foto in dieser Zeitung zeigt mich als jungen Buben neben meinem Vater auf einer Bank des Gerichtsflures sitzend mit den mir in den Mund gelegten Worten: O mein Papa… (in Anspielung auf den damals gerade populären Schlager). Den Zeitungsberichten zufolge entwickelte wohl Elfriede die Hauptinitiative an großangelegten Betrugsdelikten in Form von Hochstapelei, Urkundenfälschungen und was weiß der Kuckuck nicht noch alles …
Beide träumten wohl von der Gründung eines eigenen Filmateliers (in Konkurrenz zur damaligen fast monopolisierten deutschen UFA-Filmwirtschaft…), hatten aber in der Wahl der dazu führenden Mittel eine etwas unglückliche Form gewählt… Elfriede wurde – Zeitungsberichten zufolge - gleich mehrmals per Haftbefehl (wegen diverser Betrügereien und Hochstapeleien) fast steckbrieflich gesucht und beide – Ehemann und Ehefrau - versteckten sich auf geradezu abenteuerliche Weise in irgendeiner Wohnung in Lichterfelde bei Elfriedes Mutter, bis ihnen ein Kripomann doch auf die Schliche kam.
Das Ganze muss sich im Jahre 1954 (ich stand kurz vor meinem vierten Geburtstag) abgespielt haben. Beide landeten jedenfalls hinter Gittern – sie im damaligen noch existierenden Zuchthaus und er im Gefängnis. Damit war die Karriere des „ohnehin nur wenig begabten Schauspielers Heinz Ohlsen“ beendet.
Nicht richtig erinnernd vermute ich mal, dass ich während der Zeit bei Elfriedes Eltern - also Oma und Opa Linse - untergebracht war. Etliche Bilder spuken mir heute mitunter durch den Kopf, jedoch kann ich sie nur schwerlich in eine vernünftige chronologische Reihenfolge bringen. Ein Bild zum Beispiel erinnert mich daran, dass wir Anfang der 50ger Jahre im damaligen sogenannten Künstlerviertel nahe dem heute noch so genanntem Breitenbachplatz (bekannt geworden durch das legendäre Jazzlokal Eierschale) in Schmargendorf wohnten. Figuren wie Kolie (die Mutter meines Vaters, von der ich nicht weiß, wie sie eigentlich richtig hieß, denn Kolie war wohl nur ihr Spitz- bzw. Kosename) zusammen mit ihrem damaligen Lebensgefährten Robbi, einem Architekten (mit dem sie noch viele lange Jahre unverheiratet zusammenblieb), tauchen darin auf, ebenso wie eine mir bis auf den heutigen Tag gänzlich unbekannte Frau mit sehr großen Brüsten, die es offensichtlich aufregend fand, mit nacktem Oberkörper vor mir zu sitzen und mich dazu einzuladen, diese auch mal anzufassen, was irgendwann auch zu weiteren sexuellen Handlungen ihrer- und wohl auch meinerseits führte, wobei ich mich aber in keinster Weise missbraucht fühlte, denn ich erinnere mich noch zu gut, es auch ausgiebig genossen zu haben…
Das nächste Erinnerungsbild ist eine Dreizimmerwohnung in einem Altbau in einer gewissen Maßmannstraße, die Verlängerung der auch heute noch so genannten Lepsiusstraße (von der Schildhornstraße kommend…), das heißt, mein Vater blieb wohl seinem standesgemäßen „Kiez“ treu und wollte ihn nicht so einfach aufgeben.
Was, so möge man denken, ist da nun schon Besonderes dran? Eigentlich nichts weiter, sieht man mal von der Tatsache ab, dass mein Vater nun bereits das vierte Mal (innerhalb von nur ungefähr zehn Jahren <!>) verheiratet war, und seine neueste Flamme hieß jetzt Eva.
Eva hatte selbst schon zwei Söhne im Alter von zwölf und siebzehn Jahren, arbeitete bei der BVG als Fahrkartenverkäuferin auf U-Bahnhöfen und mein Vater…, tja, der hatte zu der Zeit nun große Schwierigkeiten, sich in seinem erlernten Beruf als Schauspieler über Wasser zu halten, rutschte als brotloser Künstler an einer gewissen Armutsgrenze entlang, zumal ihm wohl auch Unterhaltsverpflichtungen seitens seiner ersten Frau Inge für die vier in dieser Ehe gezeugten Kinder im Nacken saßen.
Aber wie heißt es doch (auch heute noch) so schön: Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche fassen…, zumal ja er und seine dritte Frau Elfriede während des Gerichtsprozesses wegen besagter Betrugsdelikte einen Offenbarungseid geleistet hatten, dennoch verblieb meinem Vater wohl eine Summe von rund zehntausend DM Schulden (müssten nach heutigen Maßstäben um die fünfzig- bis sechzigtausend Euro ausmachen…), die die geprellten Gläubiger auch hartnäckig einforderten.
Einige vielleicht durchaus interessante Fragen bleiben unter Umständen noch übrig, nämlich: Wie haben er und seine Frauen sich überhaupt kennengelernt, was hat sie zusammengeführt und was hat sie - wenn auch immer nur für kurze Zeit - miteinander verbunden? Verfügte er über einen ganz besonderen Charme oder genügte einfach sein äußeres Erscheinungsbild? Er war ein durchaus attraktiver junger Mann mit nach hinten gekämmtem, welligem Haar (fast im Stile von James Dean, Hollywoodstar der 1950ger Jahre…), weichen Gesichtszügen und einem scheinbar geheimnisumwitterten Blick seiner dunklen Augen, verehrt und geliebt von vielen Fans, (natürlich) hauptsächlich weiblichen Fans in den späten 30ger und frühen 40ger Jahren, offenbar hofiert (im Sinne von promoted) von seiner nur sechzehn Jahre älteren Mutter, die ihn am richtigen Ort zur richtigen Zeit in Szene gesetzt hat.
Wie und unter welchen Umständen hat er meine Mutter kennen gelernt?
Leider muss ich eine zufriedenstellende Beantwortung dieser Fragen schuldig bleiben, da jegliche Türen zu Bildern der Erinnerung verschlossen bleiben und aus späteren Schilderungen seitens jener gewissen Elfriede sowie meiner Halbschwester Anke auch nichts Verwertbares hervorging. Heute, gerade jetzt beim Aufschreiben meiner Lebensgeschichte ärgere ich mich ob meines Versäumnisses, nicht deutlich genug nachgefragt zu haben, als die Gelegenheit dazu noch gegeben war.
Allzu viele Erinnerungen aus der Zeit des Zusammenlebens mit meinem Vater, seiner vierten Frau Eva und ihren beiden Söhnen Wolfgang, genannt Wölfi, damals zwölf und seinem älteren Bruder Dieter, damals siebzehn Jahre alt, sind nicht geblieben außer der einen, dass ich einmal einen ziemlich großen Arschvoll von meinem Vater bekam, als ich gerade frischlackierte Fensterbretter einem kreativen Anfall unterzog und ganz fasziniert davon war, welch herrliche Muster man mit den Fingern in den gerade frisch aufgetragenen Lack ritzen konnte…
Ach ja… und eines Tages wurde ich auch eingeschult, ich nehme mal an, zu Ostern anno 1958 (damals begann und endete ein Schuljahr immer noch zur Osterzeit) in die heute noch bestehende Lepsiusschule in jener Lepsiusstraße in Steglitz, sehr zur Freude meiner Lehrer und Lehrerinnen, denn ich war nicht nur ein furchtbares Kind, sondern muss ein regelrechter Alptraum für alle, nach den damaligen pädagogischen Richtlinien praktizierenden, Lehrkräfte gewesen sein.
Emotional arg gestört, reagierte ich auf alles in äußerst ausgefeilter Aggressivität, schlug auf alles ein, was mir nach meinem damaligen Verständnis unnötigerweise in den Weg kam, und warf sogar mit Stühlen nach meinen Mitschülern, die es wagten, mir in die Quere zu kommen.
(Heutzutage hätte mein Vater oder seine gerade „amtierende“ Ehefrau mehr Zeit im Rektoratsbüro zu einem ernsthaften Elterngespräch verbracht als auf seiner Couch zu Hause!)
Eine gewisse Cholerik ist mir allerdings bis auf den heutigen Tag geblieben.
Gegen Ende des Jahres 1958 verschwand mein Vater plötzlich. Warum, erfuhr ich erst Jahre später. Doch sein Verschwinden bedeutete gleichzeitig das Ende des „Zusammenlebens“ mit ihm.
Seine von ihm verlassene Frau empfand mich wohl - neben ihren eigenen zwei Kindern – als zusätzliche Belastung und wusste nicht recht, wie sie auch mich noch mit durchfüttern sollte. Also suchte sie das zuständige Jugendamt auf und bat um Hilfe.
Ihr Hilferuf hatte letztendlich zur Folge, dass ich das zweite Mal – allerdings für wesentlich längere Zeit - in einem Kinderheim landete.
Und so bezog ich am 6. Januar des Jahres 1959 mein neues Quartier: das Kinderheim „Haus Wartburg“, das ich erst im Frühjahr des Jahres 1971 wieder verlassen sollte.
IRGENDWIE HATTE ICH dabei aber noch Glück im Unglück. Warum, soll die gleich folgende Beschreibung des Heims, seiner Lage und Umgebung und den damit verbundenen Möglichkeiten liefern.
Das Haus - mit den anderen sieben Häusern dieses Riesengrundstücks - wurde in einer Art Villenstil der zu Beginn des 20sten Jahrhunderts üblichen Bauweise so um 1906 herum errichtet, und steht sogar heute unter Denkmahlschutz.
Es befindet sich in der Königin-Luise-Straße nahe dem Ende zur Clayallee im villenbestückten Dahlem auf einem Gelände, das sich mit seinen damaligen insgesamt sieben Häusern von der Gelfertstraße (quer gelegene Begrenzung des ebenfalls zum Beginn des 20. Jahrhunderts erbauten Arndt-Gymnasiums) bis zur Clayallee durchzieht.
Der zur Königin-Luise-Straße hin gelegene Zaun zog sich ebenfalls - jeweils unterbrochen von kleinen Türeingängen und der in der Mitte seiner gesamtem Länge befindlichen großen Toreinfahrt - von der Gelfertstraße bis zur Clayallee, bog daselbst in einem rechten Winkel ab entlang der Clayallee bis hin zu einem breiteren Weg mit dem Namen „Am Schülerheim“ und umrahmte somit auch die beiden letzten versetzt zueinander stehenden Häuser der „Richter’schen Stiftung”, einem damaligen (ursprünglich zum Arndt-Gymnasium dazu gehörenden) Schülerheim. Der auf einer aus alten Ziegelsteinen bestehenden fünfzig Zentimeter hohen Steinmauer errichtete weiß-vergilbte Gatterzaun, im klassizistischen Stil erschaffen, verlieh dem Baustil der hinter ihm befindlichen Häuser ein gelungenes abgerundetes harmonisches Ambiente. Die große, mit einem Giebeldach versehene Villa lag gut zwanzig Schritte vom Gehweg der Straße einwärts. Die Innenseite des Zauns war von dichtem Buschwerk gesäumt, lang gedehnte Vorbeete schmückten die Vorderfront des Hauses, deren eigentlicher Haupteingang sich links am Ende der Vorderfront befand.
Rechts entlang der Seitenfront ging es noch einmal gut zwanzig Schritte zu einem weiteren (Neben) Eingang, der aber von uns allen als Haupteingang genutzt werden sollte. (Der Haupteingang blieb eigentlich ständig geschlossen und wurde nur zu ganz besonderen Anlässen als solcher genutzt.) Das Gelände umfasste das gesamte Areal zwischen der Gelfertstraße und der Clayallee und wurde an seinem südlichen Ende von dem großen Weg „Am Schülerheim“ begrenzt. Zur östlichen Seite hin gelegen erstreckte sich vor einem ebenfalls in altem Villenstil erbauten Haus (das Büroräume des damaligen Lastenausgleichsamts beherbergte) eine leicht hügelige Wiese, deren Ende, nur unterbrochen von einem Gehweg, in den Ausläufer eines kleinen Wäldchens führte.
Südöstlich unseres Hauses gab es einen großen Obst- und Gemüsegarten, dessen Früchte - insbesondere seine Tomaten - uns Kindern im Sommer immer sehr zu Genuss kamen. Direkt hinter unserem Haus befand sich ein kleines offenes Gelände, vielleicht zwanzig mal dreißig Meter groß vor einer weiteren alten Gebäudevilla, ebenfalls die „Herberge“ des zum Bezirksamt Zehlendorf gehörigen Lastenausgleichsamts. Zwischen diesen beiden Häusern befand sich ein größerer, ungefähr zwanzig mal fünfundzwanzig Meter großer (also fast quadratischer) Sandplatz; er diente uns hauptsächlich als Fußballplatz und für zeitweilige Schlagballweitwurfspiele. Seine östliche und südliche Flanke war wiederum von besagtem kleinen Wäldchen begrenzt, das aber für uns als eine Art „Verbotene Zone“ galt, es zu betreten war schlichtweg verboten. Zuwiderhandlungen wurden - wenn man uns denn dabei erwischte - mit mehreren Tagen Stubenarrest, Badeverbot im Sommer oder Rodelverbot im Winter bestraft. Das Wäldchen erstreckte sich gut achtzig Meter tief in seiner südlichen Begrenzung bis hin zum breiten Feldweg „Am Schülerheim“, sein östlicher Rand grenzte an die Gelfertstraße. Nach Westen hin befand sich in seiner Mitte unsere große „Insel“, gesäumt von einem breiteren Weg in ostwestlicher Achse bis hin zur Clayallee, wobei uns das Betreten des Geländes sowie des weiterführenden Wäldchens westlich dieser “Insel” ebenfalls verboten war.
Die “Insel” stellte einst den Dorfanger des alten Dorfes Dahlem von 1878 dar, gestaltete sich in einer gut hundert Meter langen Ellipsenform und war für uns der vom Eigentümer des Hauses und des Geländes, nämlich dem Bezirksamt Zehlendorf, zugestandene offizielle Spielplatz. Eine mit teilweise noch groben Pflastersteinen bestückte „Straße“ zog sich um diese Insel herum und ließ ihre frühere Nutzung zumindest noch erahnen.
Der vordere (zur Königin-Luise-Straße hin gelegene) Teil war mit Spielgeräten bestückt: Dazu gehörte ein großes Klettergerüst (mit Stangen und Seilen und allem Drum und Dran…) sowie ein Drehpilz, der, richtig auf Schwung gebracht, so manche verletzungsbedingten Probleme mit sich brachte.
Die südliche Hälfte - bestückt und umgeben von großen Bäumen unterschiedlichster Art - beherbergte wiederum eine große Freispielfläche, die uns für unsere unzähligen Völkerballschlachten diente.
Doch der Clou des Ganzen war natürlich für uns - zumindest in den Sommermonaten (!) - das zum Arndt-Gymnasium gehörige Schwimmbecken, „eingerahmt” an seiner östlichen Flanke von den Ausläufern der Südspitze unserer “Insel” und zur anderen Seite hin von dem sich bis zur Clayallee hinziehenden Wäldchen.
Ein idyllisch anmutendes Plätzchen, ausgerichtet in nordsüdlicher Lage, rundherum (natürlich) eingezäunt und umgeben von zahlreichen hohen Kiefern, die auch den Wiesen bestückten Innenraum des Bades zierten. An seiner Südseite befanden sich die aus massiven dunkelbraunen, fast schwarzen Holzbohlen errichteten mit einem Schrägdach versehenen Großumkleidekabinen und von der Nordseite her wurde das Becken - ungefähr dreißig Meter lang und fünfzehn Meter breit, wobei das letzte Drittel der Nordseite durch eine große Perlenkettenleine als Nichtschwimmerbecken vom übrigen tiefer werdenden Becken abgetrennt war - von einem großen mit Ornamenten verzierten Steinquader mit Wasser versorgt, das über breite, flache podestähnlich angelegte Stufen ins Becken floss.
Rund ums Becken herum verlief eine ebenfalls mit Wasser gefüllte flache, etwa einen halben Meter breite Fußrinne. Die Wassertiefe des größeren Schwimmerbeckens betrug gute drei Meter, und das Becken verfügte sogar an seiner Südspitze über ein Einmetersprungbrett, das aber später aus Sicherheitsgründen seiner entsprechenden Stütze beraubt und auf Beckenrandniveau gesetzt wurde.
Außer an die vielen, meist heißen Sommertage, da wir uns im Bad zu unseren vorgegebenen Schwimmzeiten tummelten, erinnere ich mich eines ganz besonderen Erlebnisses, das mich um ein Haar das Leben gekostet hätte: Ich war gerade acht Jahre alt, und es war mein zweiter Sommer in meinem neuen Zuhause. Unser - eher dürftig ausgerichtetes - persönliches Spielzeugkontingent lebte von blühenden Tauschgeschäften, und eines Tages erschien ein anderer Junge aus dem Heim - ich glaube, er hieß Max und war so zwei, drei Jahre älter als ich - im Bad mit einem kleinen Auto; ein richtig schickes Auto, das ganz spontan zum Objekt meiner Begierde wurde. Aber ich hatte eigentlich nichts Vernünftiges zum Tausch anzubieten. Deshalb fragte ich Max, ob er mir das Auto nicht einfach schenken wollte. Seine Antwort darauf bestand erst aus einem hämischen Lachen, doch dann schlug er mir einen ganz anderen Handel vor: Wir standen gerade an der Südseite des Beckens (da wo es am tiefsten war), und er fragte mich, ob ich mich denn trauen würde, genau hier ins Wasser zu springen. „Und wenn ja, was dann“, fragte ich zurück. – „Dann kannst du das Auto haben“, sagte er. Ich schaute ins Becken und sah durch das sonnendurchflutete klare Wasser bis auf den Grund, der mir endlos tief erschien. Aber, so dachte ich, so weit werde ich ja wohl gar nicht untergehen und könnte mich doch nach dem Auftauchen gleich wieder an den Rand des Beckens ziehen… und dann bekomme ich das schicke Auto! „Na gut“, sagte ich, „ich mach’s“. Sprach’s und sprang ins Wasser, obwohl ich noch gar nicht schwimmen konnte, und diese meine Leichtfertigkeit hatte zur Folge, dass ich viel tiefer ins Wasser eintauchte als angenommen, nicht weit genug an die Oberfläche zurück kam, um mich wenigstens in Hundekraulmanier bis an den Rand des Beckens zu retten. Also fuchtelte und paddelte ich hektisch mit den Armen unter Wasser, was aber leider nicht den gewünschten Erfolg mit sich brachte. Auch erlahmten meine Kräfte ziemlich schnell, sodass ich mehr und mehr zum Grund des Beckens gezogen wurde. Noch hatte ich Restatem in der Lunge, doch schon bald begann ich den verzweifelten Kampf des Einatmen Wollens, den ich sicherlich auch bald verloren hätte, wenn mich nicht plötzlich starke Arme gepackt und an die Wasseroberfläche zurückgezogen hätten. Ein „Großer“ hatte ziemlich schnell meine bedrohlich hilflose Lage erkannt und war mir sogleich ins Wasser hinterhergesprungen. Aus dem Wasser gefischt, schleppte er mich auf die Wiese, wo ich hustend und prustend das bereits schon zu viel geschluckte Wasser ausspuckte. Etliche Jungen standen nun um uns herum, palaverten und diskutierten wild gestikulierend miteinander, während mir Max das Auto mit den Worten: Bist ja ganz schön mutig, hätte ich dir gar nicht zugetraut, in die Hand drückte. Befriedigt schloss ich meine Hand fest um das so „erhandelte“ schicke Auto.
Zu meinem großen Glück hatte niemand von unseren Tanten (so mussten wir unsere Erzieherinnen nennen…) diese ganze Sache bemerkt, denn sonst hätte garantiert eine von ihnen den Vorfall Tante Thus, der Leiterin des Kinderheimes, gemeldet und bestimmt hätte ich meine tauschbedingte Mutprobe bitter bereuen müssen… Einen Tag später im Schwimmbad sprach mich mein „Retter“ an, hielt mir eine Standpauke, wie dumm es doch von mir gewesen wäre, einfach so ins tiefe Wasser zu springen, ob ich denn lebensmüde sei und so weiter. Kleinlaut erzählte ich ihm von meinem Begehren, unbedingt dieses schicke Auto in meinen Spielzeugbestand einreihen zu wollen. Daraufhin schüttelte er nur unverständlich den Kopf. Doch dann sagte er in ziemlich bestimmenden Ton, dass ich schwimmen lernen müsste und er würde es mir beibringen. Sogleich begann er, mir die entsprechenden Bewegungen der Beine und auch der Arme zu zeigen, ging mit mir ins Nichtschwimmerbecken, um es im flachen Gewässer mit mir zu üben. Ich zeigte mich als fleißiger und gelehriger Schüler und innerhalb einer Woche konnte ich schwimmen.
BETRAT MAN DAS Haus durch besagten Nebeneingang (unseren Haupteingang…), befand man sich fast im Kellergeschoss des Hauses. Drei oder vier Stufen führten zur so genannten Küchenausgabe und rechter Hand betrat man den großen „Schuhputzkeller“. An der linken Längswand entlang war ein riesengroßes Schuhregal aufgebaut, in dem jeder der insgesamt fünfzig Kinder, alles Jungs, seine Straßen- und Hausschuhe unterbringen musste. Am Ende des Regals ließ eine meist geöffnete Tür den Blick in unsere großgeräumige Küche zu, in der für uns unter der Führung von Schwester Elisabeth Frühstück, Mittag und Abendbrot sowie kleine „Vespermahlzeiten“ zubereitet wurden. Der Küche gegenüber führte ein kleiner Gang zu zwei Badezimmern, die durch ihre Schmucklosigkeit beeindruckten und mit jeweils einer Badewanne und einem Stuhl ausgerüstet waren, wobei der hintere Baderaum nur vom Personal des Hauses genutzt wurde. Im vorderen Raum vollzog sich allsamstags wöchentlich das Baderitual der kleineren und mittelalterlichen Kinder (also so an die dreißig). Es umschloss ein Zeitfenster von gut fünf Stunden.
