Und plötzlich ist später jetzt - Elena Senft - E-Book

Und plötzlich ist später jetzt E-Book

Elena Senft

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Beschreibung

Da müssen wir jetzt durch! So langsam sollten wir uns mal entscheiden: Jugendherberge oder Wellnesshotel? Lieber noch ein Praktikum oder fester Job und erstes Kind? Noch ein paar Jahre WG oder doch Bausparvertrag und Eigentumswohnung? Oder ist inzwischen alles längst entschieden? Elena Senft hat es gerade selbst erlebt: dass der Berufseinstieg eine Katastrophe ist, dass Eltern Daueraufträge stornieren und dass das Leben nicht mal ansatzweise so funktioniert, wie sie uns das versprochen hatten. Überstehen werden wir das Erwachsenwerden trotzdem – irgendwie. Schon deswegen, weil das Ferienhaus auf Sardinien echt schöner ist als der Schlafsaal in Rimini. Und plötzlich ist später jetzt von Elena Senft als eBook erhältlich!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Senft Elena

Und plötzlich ist später jetzt

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

»Also, jung sein, da [...]Für Mama und Papa. [...]»Bitte stellen Sie sich doch kurz vor …«»Was haben Sie denn schon so gemacht?«»Wo liegen denn Ihre Interessen?«»Wie sind denn Ihre Gehaltsvorstellungen?«»Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?«Danke

»Also, jung sein, da hätt ich jetzt auch keine Lust mehr zu … mit E-Mail und so.«

Antonias Mutter

 

»Morgens halb zehn in Deutschland: Ihr fresst Knoppers, ich penne!«

Mann auf einer Party

 

»Weisse watte biss? Wie ein Kind tuste dich benehmen, genau dat bisse!«

Lars’ Vater

Für Mama und Papa.

[home]

»Bitte stellen Sie sich doch kurz vor …«

Plötzlich soll man sich entschieden haben, wohin genau das Leben gehen soll, und wenn man dort noch nicht angekommen ist, soll man doch bitteschön wenigstens schon mal loslaufen. Man ist schließlich erwachsen. Und fühlte sich nie kindlicher.

Vor nicht langer Zeit habe ich auf einem Steg gestanden und nach unten ins Meer geguckt, bis mir ein bisschen übel geworden ist. Der Steg befindet sich im Ostseeheilbad Zingst, ist mit dem Auto leicht von Berlin aus zu erreichen und ragt etwa hundertfünfzig Meter vom Strand in die Ostsee hinein. Die unangefochtene Rentnerin unter den Meeren.

In Zingst kann man an der Strandpromenade herumlaufen, sich selbst oder eventuell vorhandenen Reisepartnern am Beispiel auf der Stelle fliegender Möwen beweisen, dass männliche Vögel wirklich keine Penisse haben, Sanddornprodukte kaufen, Boddenzander mit Petersilienkartoffeln essen, und ein Bekleidungsgeschäft mit dem Namen »Bonnie und Kleid« zeigt zuverlässig den Maximalspielraum von dem an, was hier im Humorsegment zu holen ist.

Wenn man in Zingst einatmet, fühlt es sich sauberer an, als wenn man das Gleiche in Berlin tut oder in einer anderen großen Stadt, und der Wind hier ist gut für die Haut und schlecht für die Haare.

Meine mit mir urlaubende Freundin machte einen den Wadenmuskel nach Spaziergängen dehnenden Ausfallschritt nach hinten, mit einem Gesichtsausdruck, als wäre ihr gerade etwas Schweres auf den Fuß gefallen. Sie strich sich über den prall mit Apfelstrudel gefüllten Bauch. Dann guckte sie gedankenverloren auf die vorbeilaufenden Opas mit ihren auf dem Rücken verschränkten Armen und die dazugehörigen Omas mit den unverrückbaren, fliederfarbenen Lockenfrisuren und sagte: »Und jetzt erst mal ein bisschen ausruhen, ne?«

Dann sind wir zurück ins Hotel gegangen. Ein sehr gutes Hotel, eines mit Pantoffeln und Bademänteln und Fruchtkorb auf den Zimmern. In diesem Moment habe ich mich sehr alt gefühlt. Zwar auch sehr wohl und außerordentlich gesund, aber eben vor allem sehr alt.

Unser Aufenthalt in einem Wellnesshotel im Ostseeheilbad Zingst, gebucht von zwei Menschen diesseits der 55, ließ sich vor Freunden und Bekannten leicht rechtfertigen: Es handelte sich schließlich um einen Reisegutschein. Unerwähnt blieb in unseren wortreichen Ausführungen aber auffällig oft, dass bei diesem Gutschein auch die Reiseziele »Incredible Istanbul« sowie »Brilliant Barcelona« zur Auswahl gestanden hätten. Aber wir wollten lieber und ganz bewusst drei Tage schlafen und ausruhen, anstatt drei Tage wach zu sein.

Wir wollten unter keinen Umständen am verlängerten Wochenende in eine Stadt reisen, die gern mit den Attributen »pulsierend« oder »faszinierend« beschrieben und von der behauptet wird, dass sie sich in einem »ständigen Wandel« befinden und »niemals schlafen« würde. Es war uns egal, dass Istanbul kein Ruhebedürfnis hat. Wir waren müde. Und entschlossen.

Trotzdem warf die Wahl des Reiseziels Fragen auf: Darf man in unserem Alter überhaupt den Begriff »verlängertes Wochenende« verwenden, oder dürfen das nur die eigenen Eltern? Darf man Spaziergänge, die nur um des Gehens willen getätigt werden, eigentlich schön finden, oder muss man immer noch nölend hinter der Spaziergruppe herschlurfen, die Füße kaum anheben und fragen, wie lange es denn bitte noch dauert, bis man da ist? Gehören wir mittlerweile zu den Leuten, die ganz selbstverständlich und diskussionslos ihr Osterwochenende in einem Ostsee-Hotel mit Finnischem Dampfbad und Außenschwimmbad verbringen dürfen, oder müssten wir nicht eigentlich immer noch khakifarbene Hosen mit vielen Taschen an der Seite in verdreckte Interrail-Rucksäcke werfen, Billigflüge in europäische Metropolen buchen und zum Schlafen Isomatten im Wohnzimmer von Freunden von Freunden von Freunden ausrollen, die man mal irgendwo kennengelernt hat und die ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf halluzinogener Pilze bestreiten? Wollen wir morgens am Frühstücksbüfett im Hotel den Tag mit einem Glas Sekt ein- oder den Tag zur gleichen Uhrzeit lieber in einer schmuddeligen WG-Küche mit einer ganzen Flasche Sekt ausläuten und dabei Backofenpommes essen? Sind wir jetzt eigentlich erwachsen oder nicht?

Und das Wichtigste: Müssen wir das überhaupt selbst entscheiden, einen Punkt setzen, oder entscheidet es sich irgendwann einfach ganz von allein, indem die eine Lebensweise überhand über die andere gewinnt, und man merkt es gar nicht, es tut auch nicht weh, sondern ist auf einmal einfach anders, und man denkt höchstens kurz »Nanu?!«? Wenn überhaupt.

Es fühlt sich ein bisschen an wie Pubertät. Nur dass man es vielleicht ein wenig mehr durchschaut oder es sich zumindest einbildet, weil man eben keine dreizehn mehr ist. Komisch, dass die Pubertät als schwerste Phase im Leben eines jungen Menschen gilt und jeder volles Verständnis für nerviges Verhalten, für Orientierungslosigkeit und unangekündigte Gefühlsschwankungen der Pubertierenden aufbringt. Falls man das nicht tut, ist man schnell als nervenschwach, streng und unlocker verschrien, und man läuft Gefahr, es sich mit allen Pädagogen und Eltern dieser Welt in Sekundenschnelle und auf immer zu verscherzen. Lohnenswert ist in diesem Fall die tiefere Auseinandersetzung mit der nach Verständnis schreienden Materie durch einen Blick in die Fachliteratur, die in Bibliotheken Regale füllt und Namen trägt wie Pubertät – Loslassen und Halt geben. Es hat sich schließlich schon damals nicht gelohnt, sich mit Eltern oder Pädagogen anzulegen.

Dabei ist eigentlich die Phase vom Jungsein zum Nicht-mehr-Jungsein, die Menschen um die 30 durchlaufen, der deutlich verwirrendere und vor allem verlustreichere Lebensabschnitt. Verwirrender als die Pubertät deswegen, weil man nicht durch das faszinierende eigene körperliche Naturschauspiel – Haarwuchs, Stimmveränderung, Schweißgeruch – vom Übergang der Lebensabschnitte abgelenkt ist. Verlustreicher deswegen, weil einem das, was kommt, nicht erstrebenswerter scheint als das, was war. Immerhin steht die eigene Jugend auf dem Spiel!

Trotzdem erfahren diejenigen, die diese Phase durchlaufen, keine Empathie, sie dürfen auch nicht mit Narrenfreiheit rechnen, ihre Übergangsphase ist kalt und verständnislos. Über diese Phase gibt es keine Bücher, die Wie Sie Ihr Kind beim Erwachsenwerden begleiten heißen. Dabei geht es hier doch um das richtige Erwachsenwerden. Nicht das Erwachsenwerden mit Menstruation und Busen, sondern das Erwachsenwerden mit Steuernummer und Kinderkriegen und Sozialversicherungsausweis (wo ist der eigentlich?) und ernsthafter Partnerschaft und Miete und Nebenkostennachzahlungen!

Doch dafür gibt es keine Anleitungen. Keine Auflistungen, in denen man seine Symptome wiederfindet und dann weiß, dass das alles so sein muss und genau so seine Richtigkeit hat. Ein fieser Übergang mit einer langen Mittelphase, in der man manchmal schon Zingst ist, meistens aber noch Istanbul. In der man orientierungslos dasteht und am liebsten Mama fragen würde, was man denn jetzt machen soll, bevor man sie im nächsten Moment anherrscht, sie solle einen doch mal bitte in Ruhe lassen, man sei schließlich selbst erwachsen und könne für sich entscheiden.

Und man fragt sich: Ob man eher einen neuen WG-Mitbewohner suchen oder langsam mal einen Partner dazu bewegen sollte, eine gemeinsame Wohnung einzurichten. Ob man sich noch die Pflegeprodukte der Marke Bebe kaufen sollte oder endgültig einsehen muss, dass man einfach keine »junge Haut« mehr hat und nicht mehr zur Zielgruppe gehört. Ob man eigentlich noch bei H&M jobben oder ein Praktikum machen darf, um sich vielleicht doch noch mal branchentechnisch umzuorientieren, oder ob man nicht endlich mal eine sozialversicherungspflichtige unbefristete Beschäftigung an Land ziehen müsste. Ob ein Aufbaustudium wirklich noch etwas bringt oder ob es bloß nach hinten verschiebt, was man einfach nicht angehen möchte? Ob man langsam mal bemerken sollte, dass die eigene Gynäkologin einen selbst meint, wenn sie von »Spätgebärenden« spricht, wohingegen man selbst sich mit einem Kinderwagen fühlen würde wie die Hauptdarstellerin einer RTL-II-Reihe mit dem Titel »Teenie-Mamas«.

Im verlängerten Wellness-Wochenende in Zingst zeigte sich diese Zerissenheit dadurch, dass wir uns einerseits streng und penetrant beim Hotelpersonal beschwerten, als die feuchten Bademäntel nicht wie von uns angeordnet schnellstmöglich durch trockene ersetzt wurden (in diesem Zusammenhang fielen peinlicherweise auch die Formulierungen »Ich würde gerne Ihren Vorgesetzten sprechen« und »Ich bin hier schließlich Gast«), andererseits aber nach Ende des Aufenthalts kichernd und in welpenhaftem Übermut ebendiese Bademäntel, versteckt unter Flipflops und einem Badetuch mit der Aufschrift »Lloret de Mar, summer 1997« in unseren Reisetrolleys mitgehen ließen und mit dem billigen Wochenend-Ticket der Deutschen Bahn und mehrfachem Umsteigen zurück nach Hause fuhren.

Ich beneide Menschen, die ihren Platz bereits gefunden haben. Die Unumstößlichkeit ausstrahlen, Überzeugung und Standfestigkeit. Die ganz fest im Leben stehen, die genau wissen, was sie wollen und was nicht, und die ihre Position dabei ganz genau kennen. Ich denke da immer an eine Frau, die so ähnlich wie »Wuttke« hieß, eine Universitätsmitarbeiterin, deren berufliche Aufgabe fast ausschließlich darin bestand, haarscharf am Rande der Zwangsexmatrikulation befindliche Studenten in formlosen Briefen von dieser unangenehmen Tatsache in Kenntnis zu setzen und diese Studenten anschließend persönlich zu sich zu zitieren, um ihnen noch einmal genau das Gleiche zu sagen, was sie ihnen in dem Brief bereits mitgeteilt hatte.

Die Frau hatte eine dunkelblonde Kurzhaarfrisur mit ausrasiertem Nacken und einer blassrosa gefärbten Strähne am Pony, die länger war als das übrige Haar. Dazu ein sehr spitzes, kleines, hektisches Gesicht mit einer langen Nase und das Profil eines Igels. Sie trug Sweatshirts mit englischsprachigem Aufdruck (entweder »Streetwear« oder »love and hate«), eine Ilona-Christen-Brille in Tropfenform mit austauschbarem Gestell, und sie rauchte den ganzen Tag diese Zigaretten, die ein bisschen länger sind als normale, und drückte sie in einem Aschenbecher aus, der husten konnte, wenn man einen bestimmten Knopf betätigte.

Dazu hatte sie in ihrem Büro eine immer randvoll mit pechschwarzem Kaffee gefüllte Tasse, auf der »Mein Job ist sicher – kein Anderer will ihn haben« stand, einen uralten, grauen Computermonitor und einen ebensolchen Computer, dessen Lüftung kaputt war und der unentwegt Speichergeräusche von sich gab. Außerdem hatte sie in riesigem Format jenes Schwarzweiß-Poster aufgehängt, das eine Gruppe Bauarbeiter zeigt, die hoch oben über den Dächern von New York auf einer Metallstrebe Mittagspause macht. Frau Wuttke fand dieses Poster witzig. Weil sie es aber noch nicht witzig genug fand, hatte sie die Gesichter der Bauarbeiter durch in Schwarzweiß fotografierte und anschließend ausgeschnittene Konterfeis diverser Familienmitglieder ersetzt, so dass auf jedem Bauarbeitergesicht ein Wuttke-Gesicht klebte.

Manchmal bestellte sie Studenten ohne ersichtlichen Grund in ihr verrauchtes Büro und verwickelte sie in minutenlange Privatgespräche. Wenn der verstörte Student das Zimmer wieder verließ, roch er wie eine Neuköllner Arbeiterkneipe und war darüber im Bilde, dass Frau Wuttke seit »dreißig Jahren im Mahnwesen tätig« und dass sie geschieden ist, dass sie »ein Familienmensch mit Leib und Seele« ist und dass sie wegen der blöden Computerarbeit »tierisch Rücken« hat. Vor allem aber wusste man, dass man Frau Wuttke beneidete. Um ihre Bestimmtheit und ihre Sicherheit. Und um die Gabe, sich einfach nie blöd, minderwertig oder nicht so gut wie die anderen vorzukommen, ganz egal, was sie gerade für einen Schwachsinn redete.

Frau Wuttke wusste genau, was sie mochte, was sie nicht mochte, wo sie stand, was ihre Welt ist und was nicht, und bestätigte jede einzelne ihrer geäußerten apodiktischen Ansichten mit einem nachdrücklichen »Da steh ich auch zu« und einem die eigene Aussage festigenden Nicken, bei dem die rosafarbene Pony-Strähne wackelte. »Ich bin ein Mensch, der sich das nicht lang anguckt, wenn er hier scheiße behandelt wird. Das ist echt nicht meine Welt, das sach ich dir. Da können die ihren Scheiß bald alleine machen.« Dann folgten ein langer Zug an ihrer langen Zigarette und ein langer Blick aus dem grauen, ungeputzten Uni-Fenster, vorbei an den in Senfgläsern vor sich hin gedeihenden Ablegern einer Grünlilie. »Da steh ich auch zu.«

Ich bin1979 geboren. Ich bin also auch mit viel Auslegungstoleranz kein Teenager mehr und auch kein orientierungsloser Postabiturient, der in seiner ersten eigenen Wohnung seinen Papiermüll heimlich im Normalmüll versteckt, einfach nur deswegen, weil er zu faul ist, in seiner Wohnung einen offiziellen Ort zu eröffnen, an dem der Papiermüll zu lagern ist. Bei mir erwartet man nicht mehr ganz selbstverständlich, in Pizzaschachteln oder Schlimmeres zu treten, und mir rät auch niemand mehr, sobald er nur ein halbes Jahr älter ist, milde lächelnd und welterfahren, mich in privater und beruflicher Hinsicht erst mal ein bisschen auszuprobieren, bevor ich mich für irgendwas von Bestand und Dauer entscheide.

Ich bin eine von denen, die immer dachten, mit 30 würden sie keine Adidas-Turnschuhe mehr tragen. Was ich früher gedacht habe, was man sonst mit 30 für Schuhe trägt, weiß ich nicht mehr. Eine Freundin von mir hat sich vor einiger Zeit für ihr erstes juristisches Staatsexamen ein Paar hochwertige Damen-Lederschuhe gekauft. Dunkelbraune Halbschuhe, vorn fast viereckig zulaufend, mit einem quadratischen, plumpen und etwa zwei Zentimeter hohen Blockabsatz. Ein Schuh, der kein flacher Schuh sein will und sich gleichzeitig nicht traut, ein Absatzschuh zu sein. Dazu hatte er eine leichte, im gleichen Farbton gehaltene Lederverzierung am Schaft. Vielleicht hatte ich früher genau solche Schuhe im Kopf.

Zumindest aber habe ich nicht an Chucks gedacht oder an Jeans-Miniröcke, nicht an Kapuzenpullover, auf denen die Namen US-amerikanischer Universitäten stehen, die man nie besucht hat und nie besuchen wird. Ich hatte nicht an Glitzerarmreifen gedacht und nicht daran, dass ich vielleicht ratlos vor dem Spiegel stehen und überlegen würde, ob es jetzt mit 30 eigentlich noch angebracht ist, die Haarreifenmode mitzumachen.

Ich dachte, man wäre mit 30 beruflich komplett etabliert, hätte Geld zum Zurücklegen für große Anschaffungen (ein Volkswagen oder »ein neues Schlafzimmer« beispielsweise, nicht eine »Senseo«-Kaffeemaschine oder eine »Diesel«-Jeans) und keine Angst, dass Peter Zwegat von RTL vor der Tür steht, sobald man sein Auto noch ein weiteres Mal volltankt. Die Eltern, dachte ich, würden nicht mehr die Krankenkasse ihres erwachsenen Kindes bezahlen müssen und es nebenbei auch noch daran erinnern, dass es an seinem Auto bitte die Winter- nun mal langsam gegen Sommerreifen ersetzen soll …

… anschließend zückte Papa den Wagenheber und bot höflich an, die Sache mit den Sommerreifen persönlich für mich zu übernehmen. Ich lehnte dankend ab. Nicht etwa, weil ich denke, Papa könne das nicht, oder weil ich dieses Angebot für die unangebrachte Bevormundung einer erwachsenen Frau halte, sondern weil ich in jedem Fall vermeiden muss, dass Papa in die Nähe meines Autos gelangt und es von innen sieht.

Mein jeansblauer Ford-Ka (Edition »Student«) wird sehr oft benutzt. Jede Strecke, die länger als seine eigenen Abmessungen ist, wird in der Regel in ihm zurückgelegt. Und da es diese allen Vätern innewohnende Eigenschaft gibt, jedem Auto bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf den Kilometerstandsanzeiger zu gucken, parke ich bei Elternbesuchen stets mit großzügigem Sicherheitsabstand und auf der anderen Straßenseite.

In meinem Ka-»Student« gibt es keinen Stadtplan und keinen Eiskratzer, dafür im Bereich des Beifahrersitzes: fünf Bifi-Roll-Verpackungen, eine Glasschüssel (in der ein Rest Party-Nudelsalat zu erkennen ist), Staub und drei leere Packungen Gauloises (rot). Im Fond: vier halbleere Wasserflaschen (die es sicher niemals gegen die Rückgabe des Flaschenpfandes zurück in einen Supermarkt schaffen werden), elf leere Packungen Gauloises (rot), eine leere Bäckertüte mit den Krümelresten einer Streuselschnecke, ein Schraubenzieher, mit dem erfolglos am Autoradio geschraubt wurde, zwei Winterjacken (nur von einer ist der Besitzer bekannt, und dieser Besitzer, der ich selbst bin, versucht seit einem geschlagenen halben Jahr, diese Winterjacke vom Auto in seine Wohnung zu schaffen und hat nun entschieden, dass er einfach auf den nächsten Winter wartet).

Ich hatte gedacht, dass ich mit 30 vielleicht bereits einen Kredit für eine wichtige Investition wie einen Hausbau im grünen Berliner Speckgürtel aufgenommen hätte. In Wirklichkeit bin ich bisher nicht einmal Besitzer eines Bügeleisens und weiß auch nicht, wann und ob sich das ändern wird. Einen Kredit aufzunehmen, das würde ich mich im Leben nicht trauen. Das dürfen Leute wie Väter, Mathelehrer oder Professoren. Nicht Leute wie ich.

Eine Freundin hat mir neulich erzählt, dass sie kürzlich bei ihrer Bank angerufen hat, um ihren Dispo zu erhöhen. Sie hatte sich wochenlang vor diesem Anruf gedrückt und innerlich gejubelt, wenn die zuständige Mitarbeiterin gerade »zu Tisch« oder »nicht am Platz« oder ihre Leitung besetzt war. Es gab ihr das gute Gefühl, es wenigstens versucht zu haben. Als sie sie schließlich erreichte, erklärte die Freundin lang und defensiv, dass es ja eigentlich überhaupt nicht ihre Art sei, ihr Konto zu überziehen, normalerweise sei sie ein sehr sparsamer und vor allem verantwortungsbewusster Mensch, sie stehe ja auch fest im Berufsleben, und dass sie jetzt aber dummerweise eine etwas kostspieligere Autopanne, die sie selbstverständlich unverschuldet traf, fachmännisch würde beheben lassen müssen, Verkehrssicherheit würde bei ihr eh großgeschrieben, und daher eine größere Geldsumme benötige. Die Bankangestellte sagte so etwas wie »Sie brauchen sich doch nicht vor mir zu rechtfertigen, Sie sind doch erwachsen!«

Die Bankfrau hatte natürlich recht. Und die Freundin war sauer, weil sie wusste, dass die Bankfrau, die wahrscheinlich drei Jahre jünger war als sie, recht hatte. Weil sie doch eigentlich wirklich erwachsen ist und sich doch viel zu oft so fühlte, als hätte ihre Mama sie beim Rauchen erwischt.

Ich war froh, als die Freundin mir die Geschichte erzählte. Sie hatte mein volles Mitgefühl: Weil ich bei der fünften Staffel »Deutschland sucht den Superstar« für Thomas Godoj gevotet und einen Tag später vergessen habe, beim Berliner Volksentscheid über die Zukunft des Flughafens Tempelhof abzustimmen. Weil ich, sobald mich ein Vorgesetzter oder eine zumindest irgendwie hierarchisch deutlich höhergestellte Person morgens um sieben auf dem Handy anruft, zwar völlig berechtigterweise noch schlafe, ihm oder ihr aber trotzdem mit belegter Schlafstimme auf die Frage »Habe ich Sie geweckt?« weiszumachen versuche, dass ich selbstverständlich nicht mehr schlafe, sondern – ganz im Gegenteil – schon sehr lange wach sei und gerade vom Joggen komme und es nun kaum erwarten könne, mit der Arbeit zu beginnen. Eigentlich würde ich nämlich sowieso nie schlafen, sondern höchstens warten.

Der Moment war plötzlich da, dass ich nicht mehr zu meinen Eltern gehen und sagen konnte: »Mutter, Vater. Ich hab’s mir noch mal überlegt. Medizin, das könnte was für mich sein. Es wäre also sehr nett, wenn euer Dauerauftrag auf mein kostenloses Girokonto noch etwa zwanzig Semester lang und ohne lästiges Nachfragen fortbestehen würde. Und bitte regelt das für mich mit der Krankenkasse, und sagt denen, dass es noch etwas länger dauern wird.« Und die Eltern würden daraufhin begeistert nicken, sagen, dass mir ein Stethoskop um den Hals sicherlich hervorragend stehen würde und wenn nicht, wäre es ja auch kein Drama, und eine Flasche Sekt öffnen.

Der Freibrief, sich selber auszuprobieren und zu irren, ist verschwunden, ohne sich vorher verabschiedet zu haben. Heute ist vielmehr die Zeit gekommen, in der die Eltern anrufen und fragen, wie lange der ganze Quatsch denn noch dauern soll und was man damit eigentlich mal machen wolle. Dann würden sie ankündigen, dass sie den Dauerauftrag jetzt mal langsam stornieren wollen, und man selber würde am liebsten fassungslos schreien: »Wie bitte?! Das könnt ihr doch nicht machen! Ich bin doch erst 22!« Und dann würde einem wieder einfallen, dass das ja gar nicht stimmt. Nicht mehr.

Der Übergang kam schnell, ohne Eingewöhnungsphase und ohne Ankündigung. An einem Tag war noch alles erlaubt, und am nächsten sollte man sich doch bitte langsam mal entschieden haben. Endgültig. Der Welpenschutz ist vorbei. Und mit ihm verschwand dieses beruhigende »Na ja, du hast ja auch noch viel Zeit«, und dieses neidische Lächeln aller Älteren, das zu sagen schien »Ach, wäre ich doch auch noch mal so jung wie du und mir stünden noch alle Wege offen«, das immer mitschwang und einem das beschwingte Gefühl gab, dass alles gut ist. Man hat noch Zeit, man ist ja noch jung, es ist noch alles drin.

Doch das Gefühl war irgendwann weg. Weil man plötzlich von Verwandten und von Freunden der Eltern keine verständnisvollen Blicke mehr erntete, wenn man erzählte, man wisse halt noch nicht so ganz genau, was man »später« mal machen wolle mit der Studienkombination »Philosophie–Komparatistik–klassische Archäologie«, man handele jetzt erst mal nach dem Interessenprinzip und warte noch ein bisschen ab, was passiert. Plötzlich waren Fragezeichen in den Gesichtern, die eine Antwort verlangten und einen Zeitplan. Die einen zwangen, sich zu rechtfertigen, Ansagen zu machen, Hausnummern zu nennen, die verbindlich und irreversibel sind. Dinge, die man bisher nicht gelernt hatte und für deren Beherrschung man gerne auch erst mal eine Einführungsveranstaltung über mehrere Semester besucht hätte.

Die Blicke sagten bisher doch eigentlich immer: »Das ist okay. Keine Eile. Keine Sorge. Es wird sich später schon was ergeben.« Doch auf einmal ist »später« nicht mehr später, sondern »jetzt«, und die dümmsten ehemaligen Klassenkameraden, so kommt es einem vor, fangen nach und nach an, ihre klapprigen Opel Corsa mit dem nie wieder vollständig zu entfernenden Kleberesten eines »Abi ›99«-Heckscheibenaufklebers zu verkaufen und schwarze Audis mit Sitzheizung zu leasen. Alle.

Wahrscheinlich kam der Moment gar nicht plötzlich und schnell, sondern man wollte ihn einfach noch nicht kommen sehen. Weil man nicht wollte, dass es anders ist. Weil man sich nicht eingestehen wollte, dass man selber mal eigenverantwortlich zu Potte kommen müsste, wenn es plötzlich heißt: »Die Anja Böttcher ist jetzt übrigens Handchirurgin. Müssen deine Semestergebühren für das kommende Semester eigentlich noch bezahlt werden, oder hattest du das schon selbst übernommen? Ich frag ja nur! Nicht, dass du wieder die Frist verpasst und wir dann am Ende draufzahlen!«

Eltern sagen plötzlich: »Du, wir übernehmen das mit den Semestergebühren jetzt noch ein Mal, wir wollen nicht, dass du bei deinem Konto ins Minus kommst« – und wissen nicht, dass man schon seit geraumer Zeit permanent im Minus ist und dass Minus tausend so etwas ist wie bei anderen Leuten null.

Ich hätte früher nicht gedacht, dass man mit 30 beim elterlichen Besuch vermeidet, Mutter und Vater den eigenen Kontostand zu verraten, weil man strafende Blicke noch genau so fürchtet wie damals und auf keinen Fall so etwas wie: »Dann verstehe ich wirklich nicht, warum du nicht mal öfter mit dem Fahrrad fährst, bei den Spritpreisen«, hören möchte. In solchen Fällen denkt man trotzig: »Ich bin erwachsen, ich muss mich überhaupt nicht dafür rechtfertigen, dass ich gerne im Minus sein möchte, wenn ich das für richtig halte.«

Mütter fragen am Telefon, ob man eigentlich die Berufsunfähigkeitsversicherung mittlerweile mal abgeschlossen habe, und man würde am liebsten laut »Funkloch« rufen und auflegen, aber Mütter lassen nicht locker. Man sagt »ja« und weiß in Wirklichkeit nicht einmal mehr, wo man die entsprechenden Unterlagen abgelegt hat und ob es sie überhaupt noch gibt. Vielleicht irgendwo in einer Handtasche zwischen Kaugummipapierchen, Kontoauszügen und einem sandigen Labello. Im Kopf ertönt hallend die neunmalkluge Stimme der Mutter, die sagt, dass Kontoauszüge übrigens zehn Jahre lang aufbewahrt werden müssen. Und man möchte zu seiner Mutter am Telefon sagen: »Mutter, wer braucht eine Berufsunfähigkeitsversicherung, wenn er nicht mal in der Lage ist, überhaupt einen Beruf zu haben?« Kann man sich auch dagegen versichern?

Vielleicht ist diese Phase deshalb so schwierig, weil sie einen zum ersten Mal daran erinnert, was alles nicht mehr möglich ist im eigenen Leben, was man bereits verpasst hat. Ich habe begriffen, dass es mit 30 bereits zu spät sein könnte, mit einer guten Augenpflege zu beginnen. Ich habe begriffen, dass Sport nicht nur dazu da ist, dünn zu sein, sondern auch dazu, gesund zu bleiben. Ich habe begriffen, dass es mir niemals mehr gelingen wird, nicht mal mehr theoretisch, Deutschlands jüngste Professorin zu werden. Es wird mir nicht mehr gelingen, eine Diplomatenkarriere aufs Parkett zu legen. Es wird mir nicht mehr gelingen, eine »Jungschauspielerin« zu werden – ich bin dafür einfach zu alt. Früher waren Fernsehstars immer älter als man selber, und das gab einem das gute Gefühl, man könnte theoretisch noch alles, alles, alles schaffen und man könne auch ruhig morgen erst damit anfangen, wenn man heute lieber fernsehen will.

Gewisse Dinge sind jetzt aber einfach gelaufen. Ohne mich. Ich fühle mich zu alt, um morgens mit einem Clubstempel auf der Stirn und einer Stimme wie Hildegard Knef auf dem Sterbebett bei einer Freundin anzurufen und zu fragen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass mein Gefühl stimmt, dass ich mich am Vorabend danebenbenommen habe. Ich fühle mich zu alt, um darauf einzugehen, wenn ein Arbeitgeber vorschlägt, ich solle doch erst mal zwei Wochen umsonst arbeiten, um zu sehen, wie wir zueinander passen. Ich fühle mich aber wiederum zu jung, um am Samstagabend nach einer Weißweinschorle um zwölf nach Hause zu gehen, weil ich am Sonntag lieber »etwas vom Tag haben möchte«. Ich fühle mich zu klein, um zu dem Arbeitgeber zu sagen: »Natürlich werde ich das nicht tun!«.

Darf man sich selber noch erlauben, eine unkomplizierte Affäre mit einer auf Dauer völlig indiskutablen Person anzufangen, oder ist das bloße Zeitverschwendung, weil man langsam mal die große Liebe finden und Nägel mit Köpfen machen muss? Und wenn ich jetzt schon unter Druck bin, wie soll ich dann erst mit dem Druck umgehen, wenn ich die Letzte bin, die noch geschwängert werden muss. Und: Ist es okay, wenn ich einfach noch nicht so weit bin, dass ich mit lauter Müttern und Babys am Tisch sitzen will?

Eine Phase geht zu Ende. Diplomarbeiten gehen, Arbeitsstellen kommen, WGs lösen sich auf, Partys werden nicht mehr in der Küche gefeiert, Mädchen-Urlaube weichen Erinnerungen auf Postkarten von befreundeten Pärchen, auf denen steht: »Du, wir sind genau neben dem Ort, wo wir damals auf dem Campingplatz waren, weißt du noch?«

Die Geschichten, die nun neu hinzukommen, verändern sich. Die wirklich lustigen Geschichten, die, wo Nina plötzlich nach dem Urlaub einen tunesischen Animateur vor der Tür stehen hatte, wo Lena morgens auf einer Bank vor der Haustür aufwachte, auf der sie sich nachts beim Heimkommen abgesetzt hatte, um ihren Schlüssel in Ruhe zu suchen, werden weniger. Häufiger geht es nun in Gesprächen auch um die Vorteile einer Mitgliedschaft im Mieterverein oder darum, wie unglaublich es ist, dass sich Vera und Hannes nach sieben Jahren jetzt doch getrennt haben. All das, was halt wichtig ist, wenn man erwachsen ist und Verantwortung übernimmt. Man fühlt sich aber trotzdem nicht so, als würde man schon vollständig und glücklich angekommen auf dieser Seite stehen, gutgelaunt rüberwinken und sagen: »Weißt du noch, wie klein wir waren?!«

Den gesamten letzten Sommer habe ich hoch oben über der Schönhauser Allee auf dem Balkon meiner Freundin Julia verbracht. Am Freitagnachmittag saßen wir auch dort. Julia sagt, sie ziehe generell nur in Wohnungen, die an großen Kreuzungen liegen. Also, an den richtig großen Berliner Kreuzungen, den fiesen, an denen keiner wohnen will, weil man sich auf dem Balkon fast schreiend unterhalten muss. Das macht sie schon seit Jahren so. Warum, das weiß sie auch nicht, aber sie möchte gerne mal darüber nachdenken und während sie nachdenkt auch schon darüber sprechen, wenn es mir nichts ausmacht. Weil sie viel spricht und gerne.

Sie sagt, sie denke bei der Wohnungsauswahl zumindest nicht an Feinstaub oder den permanenten Geräuschpegel, der wahrscheinlich dafür verantwortlich ist, dass sie oft von Autobahnen träumt. Vielleicht sei es eher ein Kontrollgefühl über die Stadt, denn sie bevorzuge außerdem die Wohnungen im obersten Stockwerk. Manchmal habe sie die Vorstellung, dass sie mal einen Sohn haben würde, dass sie mit ihm auf dem Balkon einer Wohnung im obersten Stock stehen, ihm den Arm um die Schultern legen würde, mit dem anderen Arm eine große Bewegung über die weit unten zu ihren Füßen liegende Straßenkreuzung machen und dann sagen würde: »Mein Junge, das wird alles einmal dir gehören.«

Dazu mag sie das Gefühl, sich in permanenter Gesellschaft zu fühlen. Wenn man jemanden sehen will, muss man nur runtergucken. Weit runter zwar, vier alte Stockwerke weit runter. Das ist aber besser als hochgucken. Immerhin.

Die Kreuzung ist riesig, hier treffen Danziger Straße, Eberswalder Straße und Schönhauser Allee aufeinander, es ist immer Verkehr, man kann die U2 sehen, weil sie an der Station »Eberswalder Straße« überirdisch fährt und trotzdem U-Bahn heißt, und wenn man nach links guckt, auch den Fernsehturm, der nicht »Alex« heißt, sondern Fernsehturm, weil nur der Alexanderplatz »Alex« heißt, nicht aber der auf ihm stehende Fernsehturm.

Julia und ich trinken den Soave für 2,49. »Mit dem kann man nichts falsch machen«, sagt sie anerkennend. Sie ist barfuß und sagt, sie würde sich oft vor ihren Füßen ekeln. Die Form und so … Ich sage, dass ich das überhaupt nicht verstehen könne. Ihre Füße seien doch okay, und sie solle mal meine sehen. Dann halten wir unsere Füße zum Vergleich nebeneinander, und beide finden die Füße der anderen schöner, weil man mit anderen Leuten immer weniger streng ist als mit sich selbst, und wir können uns beide wieder entspannt zurücklehnen.

Unten auf der Schönhauser Allee hat Konnopke’s noch offen, weil es ja auch erst später Nachmittag ist, und es hat sich eine Schlange von Currywurst-Hungrigen gebildet. 30-jährige Männer in Röhrenhosen tragen ihre Laptops über die Kreuzung nach Hause, die mit ihnen den Tag in Cafés verbracht haben, weil ihnen zu Hause beim Arbeiten zu wenig Inspiration und zu viel Decke auf den Kopf fällt. Von der Kastanienallee kommend, wird ein Radfahrer von einem grünen Auto geschnitten und schreit anschließend einmal laut »Arschloch« über die Kreuzung. Man hört ihn durch den Autolärm hindurch. Es ist ein Mann mit ergonomisch geformtem Fahrradhelm, und Julia und ich müssen beide sofort an Rudolf Scharping denken. Dann fährt der beinahe gerammte Fahrradfahrer weiter, und wir gucken wieder auf die Röhrenhosen.

»Wo haben Männer eigentlich ihre Eier, wenn sie solche Hosen tragen? Das muss doch weh tun.«

»Weiß ich nicht. Aber Männer können ja auch Rad fahren, und es tut nicht weh.«

»Ich hab gehört, dass Lance Armstrong Hodenkrebs davon bekam.«

»Von den Röhrenhosen?«

»Nein, der Hodenkrebs kam vom Radfahren, Tour de France, weißt du?«

»Ach so. Ich hatte Hosenkrebs verstanden.«

Dann gießt Julia Soave nach und sagt noch mal, dass man mit dem nun wirklich nichts falsch machen könne, das Preis-Leistungs-Verhältnis stimme bei 2,49 allemal, und sie singt zu Robbie-Williams-Musik mit, auswendig.

Es folgt eine kurze Unterhaltung über die Röhrenhose im Allgemeinen und dass das wirklich Problematische an Röhrenhosen ja nicht der Kampf sei, überhaupt in sie hineinzukommen, ein Kampf, der sich oft über mehrere Minuten erstreckt und am effektivsten im Liegen in der Rückenlage ausgeführt wird. Es sei auch nicht der hilflos strampelnde Entkleidungsvorgang, der ein sexuelles Vorspiel zu einem ungemein ernüchternden Erlebnis werden lassen kann.

Vielmehr ist das Problem bei Röhrenhosen, dass es fast niemanden auf der Welt gibt, der sie überhaupt tragen kann, gleichzeitig aber viele Menschen dem Irrglauben aufsitzen, dass die Tatsache, dass ein Kleidungsstück in der eigenen Größe hergestellt wird, auch automatisch zum Tragen dieses Kleidungsstücks legitimieren würde, was nicht stimmt. Nur allzu oft werden durch hautenge Hosen nicht nur die eigentlich unproblematischen, aber überbewerteten weiblichen Problemzonen zur Schau gestellt, sondern auch die wirklichen Problemzonen: die massive Fußfessel und sich abzeichnende Baumwollschlüpfer.

Alle zehn Minuten vergewissern Julia und ich uns, ob die andere auch ja nicht müde sei und auch ganz sicher immer noch Lust zum Ausgehen habe. Dann ist der Wein alle. Julia geht in die Küche und sucht in der Kammer nach alkoholischen Relikten der letzten WG-Party. Sie findet einen Absacker, der so fies ist, dass man Angst hat, beim Verzehr zu erblinden und sich außerdem beim Runterschlucken die Nase zuhalten muss.

Nachdem wir die Wohnung verlassen haben, kaufen wir beim afrikanischen Kiosk, bei dem man für