5,99 €
Tausende junge Menschen träumen davon, Medizin zu studieren, um Arzt zu werden. Warum wählen sie diesen Beruf? Was versprechen sie sich für ihre Zukunft? Welche Vorstellung über die Tätigkeit eines Arztes haben sie? Folgen sie einer Berufung? Haben sie eine Vorstellung davon, was sie während des Studiums erwartet? Wie sieht ihre zukünftige Tätigkeit in den Krankenhäusern, Universitätskliniken, Notfallambulanzen oder in den Arztpraxen aus? Nach dem Medizinstudium in Polen begibt sich der Autor auf den mühsamen Weg durch verschiedene medizinische Einrichtungen in Polen, Finnland, den Niederlanden und schließlich der Bundesrepublik Deutschland. Er beschreibt das "Medicus-Land" aus der Sicht eines Studenten, eines Arztes im Praktikum, eines Fast-Facharztes, eines Doktoranden an einer Uni-Klinik, eines Spätaussiedlers in der BRD, eines Oberarztes in einem "Krankenhaus am Rande der Stadt" und schließlich eines Praxisinhabers. Welche Menschen bewegen sich in diesem "Schwimmbecken voller Haie"? Welche Motive sind es, die sie dazu bewegten, den Arztberuf zu wählen? War das wirklich Berufung? Wie haben sie den Zusammenstoß ihrer Vorstellungen und der Wirklichkeit verkraftet? Mit welchen Problemen haben sie im beruflichen und privaten Alltag zu kämpfen? Nach über 40 Jahren Tätigkeit gewährt der Arzt mit umfangreicher Berufserfahrung in verschiedenen Milieus einen unverhohlenen Blick hinter die Kulisse der Äskulap-Welt, auf die sonnigen und die Schattenseiten, auf die Probleme des Krankseins und des Sterbens. Diese Retrospektive, gepaart mit einer Prise Selbstironie, erlaubt dem Medizinstudenten, dem jungen Arzt und allen potenziellen "Schützlingen" des Gesundheitswesens, den "Lauf des Lebens" im Medicus-Land kennenzulernen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2019
Dr. Sylwester Minko
…und so tickt ein Mediziner
Auf der Suche nach human-er Medizin
© 2019 Dr. Sylwester Minko
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-1862-7
Hardcover:
978-3-7497-1863-4
e-Book:
978-3-7497-1864-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Medice cura te ipsum!
(Arzt, heile dich selbst!)
Inhalt
- Vorwort
- Kapitel I
- Knocking on Medicus door
- Kapitel II
- Gott in (Sch)weiß
- Kapitel III
- Der Mediziner der Wissenschaft
- Kapitel IV
- Looking for Freedom
- Kapitel V
- Freiberuf Arzt?
- Kapitel VI
- Tell it like it is (sag es, wie es ist)
- Bedeutung des Arztberufes
- Mythos Arztberuf…
- …und die Realität
- Ein Arzt ist auch ein Mensch
- Homo homini – Der Mensch dem Menschen
- Der Arzt und die Pharmaindustrie
- Beruf – Passion – Berufung
- Gesundheit ist das höchste Gut?
- Ars Moriendi – die Kunst des Sterbens und Sterbenlassens
- Furcht vor dem Tod
- Euthanasie
Vorwort
Ein leidender Mensch, der einen Arzt in der Praxis aufsucht; ein Unfallopfer, das zitternd und kaltschweißig am Straßenrand auf den Notarzt wartet; ein Patient, der ängstlich vor einer Operation steht. Sie alle erwarten nicht nur einen kompetenten Arzt, der ihnen die beste Medizin garantiert. Einen „Bruce Allmächtig “ der Medizin aus der Hollywoods Traumfabrik, der alles wieder so herstellen soll, wie es war oder noch besser. Sie erwarten einen Arzt, der sich in ihre Situation hinein versetzt, ein Herz und das Verständnis zeigt und alles Menschenmögliche tut, um ihnen zu helfen. Ganz nach dem Motto der Antike: „Salus aegroti suprema lex“ (Das Wohl des Patienten ist oberstes Gesetz). Haben die Menschen, die den Arztberuf ergreifen diese emotionale Intelligenz? Verdienen sie das Vertrauen ihrer Patienten? Sind die Rahmenbedingungen der Gesundheitssysteme so, dass sie es dem Arzt ermöglichen seine „Berufung“ (falls es so was noch gibt) zu leben?
Die folgende Geschichte erzählt von Hoffnung und Erlösung. Von der Hoffnung eines jungen Medizinstudenten, unter seinen Kommilitonen und seinen Lehrern die Menschen zu finden, die seine Vorstellungen über den Arztberuf teilen. Von der Hoffnung eines jungen, engagierten Arztes, der noch daran glaubt seine berufliche Zukunft so gestalten zu können, dass sie diesem antiken Gesetz entspricht.
Sie erzählt von der Erlösung der Mediziner von der Illusion, es gäbe ein Gesundheitssystem, das den engagierten Ärzten zur Seite steht, das den Freiberuf Arzt, sowie die humane Medizin fördert.
Folgen Sie mir, wenn Sie mögen, auf meinem Weg durch das „Medicus Land“ und lernen sie diese verschlossene Welt aus einem ganz anderen Blickwinkel kennen. Vielleicht werden Sie in dieser, von der Vertrauenskrise geplagten Welt doch noch einen Hoffnungsschimmer finden, der ihnen erlaubt eine Arztpraxis vertrauensvoll zu betreten, sich in ein Krankenhaus mutig zu begeben und eine Operation furchtlos über sich ergehen lassen.
Kapitel I
Knocking on Medicus door
Der erste Schritt bei einer Reise besteht nicht darin, sich zu entscheiden, wohin man aufbrechen will – sondern überhaupt erst mal aufzuwachen und aus dem Bett zu kommen.
Dass es schwer werden würde, hatte ich spätestens in der letzten Klasse des Gymnasiums begriffen. Egal wie holprig der Weg wird, Hauptsache, die Richtung stimmt, dachte ich, denn ich konnte mir keinen Richtungswechsel leisten, höchstens einen Plan B. Dass mein Weg unendlich und aufreibend wird, ahnte ich am Anfang allerdings noch nicht.
Bis dahin war ich eher ein durchschnittlicher Schüler; ich saß nie in der ersten Reihe, kümmerte mich nie um die griffigsten Formulierungen im Literaturunterricht und besaß noch ein Leben außerhalb der Schule. Die Welt um mich herum war viel interessanter, als etwas über Dinge zu hören, die ich schon längst verstand.
Hausaufgaben waren für mich eher eine lästige Angelegenheit, in Mathematik kämpfte ich jedes Jahr erneut ums Weiterkommen. Die Pflichtlektüren fand ich langweilig, meistens beendete ich nach zwanzig bis fünfzig Seiten das Lesen. Ich bat eine Mitschülerin aus der ersten Reihe kurz vor dem Unterricht um eine Zusammenfassung, damit mich die hagere und verklemmte Lehrerin nicht in meiner totalen Ahnungslosigkeit erwischte. Sie hatte einen Pferdeschwanz und sah aus wie eine Heuschrecke.
Ich kann mich noch erinnern, wie sie versuchte, uns für die moderne Poesie eines unglücklichen Poeten namens Rafał Wojaczek zu begeistern. Sie las uns ein Gedicht von ihm vor und als sie zu den Worten kam: „… aus Angst hat’s begonnen zu stinken …“, lachte die ganze Klasse unaufhörlich. Ihr Gesicht lief rot an, sie beschimpfte uns als unreifen Haufen und verließ entnervt den Raum. Und sie hatte recht. Mich interessierten andere Bücher. Natürlich Karl May, den ich in der 3. Klasse der Grundschule im Licht einer Petroleumlampe gelesen habe. Auch andere historische und Abenteuerromane, an denen in der polnischen und fremdsprachigen Literatur kein Mangel bestand, las ich gern. Die Unterrichtspausen nutzte ich für einen kurzen Blick in die Schulbücher und meldete mich mit dem Wissen, das ich gerade erworben hatte.
In Sport war ich ebenfalls eine Niete; beim Geräteturnen verspürte ich unüberwindbare Angst vor dem Pauschenpferd und vor Sprüngen jeder Art. Nur laufen konnte ich ziemlich schnell. Im Fußball wurde ich immer als Letzter zugeteilt, meistens als Torwart wie alle anderen im „Club der Verlierer“. Die Helden der Klasse waren andere, vor allem die Sportler. Einer schaffte es bis zur Jugendmannschaft in einem der örtlichen Fußballklubs der Regionalliga; die ganze Klasse stand felsenfest an der Seite dieses Klubs.
Besondere Gutmütigkeit konnte mir niemand vorwerfen, höchstens die Tauben auf dem „Platz der Freiheit“ in meiner Stadt, die ich regelmäßig auf dem Weg vom Gymnasium nach Hause fütterte. Ich unterschied mich in dieser Hinsicht nicht von den meisten Mitschülern und auch sonstigen Menschen in der Stadt. Ich hatte ebenfalls etwas dagegen, dass die halbstarken Jungs aus der Gegend die Früchte unseres Walnussbaumes für sich beanspruchten. Die wollte ich unbedingt für mich und meine Brüder behalten. Mit dem Vorwurf des Egoismus habe ich mich abgefunden, nachdem ich folgende Definition desselben erfuhr: „Ein Egoist ist ein Mensch, der nicht jede Minute seines Lebens damit verbringt, das Leben der anderen Egoisten angenehm zu gestalten.“ Es war mir bewusst, dass, wenn ich es zugebe, ein Egoist zu sein, ich damit ein Gefühl der moralischen Überlegenheit bei den Nächsten hervorrufe. So ein Gefühl hilft, erfreut und erleichtert und gibt dem Leben einen Sinn. Zwar nicht so gut wie Rache, Vergeltung oder Hass, aber immerhin.
Es war auch nicht so, dass ich unbegabt war. Irgendwann, ich ging noch zur Grundschule, wurde ich zusammen mit einem etwas älteren Schüler einem Intelligenztest unterzogen. Dessen Ergebnisse bewegten meine Eltern dazu, mich ins Gymnasium zu schicken und in einer Klasse einzuschreiben, in der Latein als zweite Fremdsprache nach Russisch Pflicht war. Sie dachten schon damals an ein Medizinstudium für mich. Beim Elternsprechtag hörte meine Mutter regelmäßig: „Begabt, aber faul.“ Dieses entsprach vollkommen der Wahrheit. Danach gab es zu Hause Zoff und einige Schläge mit einem feuchten Küchenlappen.
„Maurer wirst du - nicht Arzt! Oder ein Putzer!“, klagte die Mutter enttäuscht.
Ich schwor Besserung und alles ging weiter wie bisher.
Meine Begabung war die Musik. Schon als kleines Kind konnte ich nach Gehör einige Melodien auf einem kleinen Akkordeon oder auf dem Piano spielen. Mit besonderer Einfühlsamkeit und Hingabe spielte ich den Trauermarsch, den die Blaskapelle der hiesigen Feuerwehr bei den (üppig bezahlten) Begräbnissen spielte. Ich schloss die Augen und hörte Musik. Auch morgens wenn ich aufstand, hatte ich bereits eine Melodie in meinem Kopf, die ich nicht loswerden konnte. Ich durfte anlässlich einer „Feier zum 1. Mai“ im Festsaal der freiwilligen Feuerwehr auf der Bühne eine Gruppe singender Mitschüler mit meinem Akkordeon begleiten. Dazu musste ich mir, wie auch andere Schüler, widerwillig eine rote Krawatte binden lassen - ich ein kleiner Kommunist!
Später im Gymnasium spielte ich im Schulorchester Cello. Der Dirigent brauchte eben dieses Instrument und keinen Akkordeonisten oder Pianisten mehr im Orchester. So erteilte er mir kostenlosen Cellounterricht. Mangels ausreichender Übung blieb ich ein ziemlich mieser Cellist. Der Hauptvorteil dieser Mitgliedschaft im Orchester waren die jährlichen, vom Kulturministerium gesponserten, Aufenthalte in Zakopane. Wir gaben dort einige Konzerte für die Urlauber und wanderten in den Bergen.
Die Musik verhalf mir aber auch zu meinem einzigen Triumph im Gymnasium. Einmal im Monat organisierte die Pommern-Philharmonie in Bydgoszcz in den Schulen Konzerte, genannt Artos. Ähnlich wie bei Leonard Bernstein in Amerika, nur fanden sie nicht in der Philharmonie, sondern in der Schulaula statt. Eine charmante Moderatorin präsentierte unterschiedliche Themen aus der Welt der Klassik, Oper, Volksmusik und sogar Jazz. Am Ende des Schuljahres gab es ein Quiz. Meine Mitschüler schoben mich auf die Bühne und ich musste gegen die Favoritin aus dem konkurrierenden Gymnasium antreten. Ich bekam Herzklopfen und einen trockenen Mund, denn sie war hübsch und ziemlich kompetent – dennoch habe ich das Quiz gewonnen. Ich war für einen Tag der Held der Schule. Von diesem Gefühl zehrte ich noch lange. Aber waren meine musikalischen Fähigkeiten ausreichend, um daraus einen Beruf zu machen und den Lebensunterhalt zu bestreiten? Ich besaß ausreichend Selbstkritik, um diese Frage zu verneinen. Und wer wollte in der Zeit der Beatles und Rolling Stones noch einen Akkordeonisten hören, außer vielleicht ein paar alter Säcke und Parteifunktionäre?
Im letzten Jahr des Gymnasiums änderte sich vieles. Plötzlich verschwand die jugendliche Unbekümmertheit, die Sportler waren nicht mehr die Helden und die Mädels liefen ihnen nicht mehr hinterher. Jedem wurde langsam klar, dass nach diesem einen Jahr das Leben als Erwachsener beginnen würde. Dieses Jahr war die letzte Chance, um sich für die Aufnahmeprüfung an der Universität vorzubereiten und das bedeutete regelmäßiges Lernen und ein Verzicht aufs Leben außerhalb der Schule.
Das Rekrutierungssystem der Medizinischen Akademie in Poznań war einfach. Es gab 240 Studienplätze für über 800 Kandidaten. Das wichtigste Kriterium für die Aufnahme war die schriftliche Prüfung in Biologie, Physik, Chemie und einer Fremdsprache. Vier Tage nacheinander, jeweils vier Stunden. Anschließend fand ein persönliches Gespräch mit einem Professor statt. Zusätzlich bekam der Kandidat einige Punkte für die Durchschnittsnoten dieser drei Fächer auf dem Abiturzeugnis; es gab zudem Punkte für die soziale Abstammung (Kinder von Arbeitern und Bauern bekamen einige Punkte mehr), Punkte für Zugehörigkeit zu den sozialistischen Jugendorganisation und schließlich noch Punkte für das männliche Geschlecht. Diese Bewertung nach Geschlechtsorganen war für mich eine willkommene Besonderheit. Die Begründung dafür war, dass Männer für Chirurgie und Orthopädie besser geeignet seien als Frauen und dass Frauen den Arztberuf zu dominieren drohten. Man sorgte für Gleichberechtigung, nur in die andere Richtung.
Nur ein Schüler aus meiner Klasse hatte einen sicheren Studienplatz. Janusz kam inmitten des vorletzten Schuljahres aus einer anderen Stadt. Er sah anders aus als wir alle. Mager, groß gewachsen mit dünnem Bärtchen, abgedunkelter Brille und einer tiefen sonoren Stimme wirkte er wesentlich reifer als wir alle zusammen. Ein Lehrer fragte ihn nach seinen Hobbys. Was er sagte, verblüffte die ganze Klasse.
„Mein Hobby ist die Astronomie!“, antwortete er mit überraschender Klarheit.
Hä …? Was? Astronomie? Nicht Basketball, nicht Fußball, nicht Musik, nicht mit den Freunden ausgehen, sondern Astronomie?! Was für ein Sonderling!, dachten die meisten. Aber als zweifacher Gewinner der Astronomie-Olympiade für Schüler konnte er einen Studienplatz für Astronomie frei wählen, bei welcher Uni auch immer. Ich saß mit ihm in einer Schulbank.
Er hatte sich selbst ein Teleskop (Reflektor) gebaut, die Linsen eigenhändig geschliffen, und stellte es auf der Dachterrasse seines Hauses auf. Aus dem Westen bekam er die Zeitschrift Sky & Telescope und lernte autodidaktisch Englisch, um sie zu lesen. Für seine Kenntnisse der lateinischen Bezeichnungen der Sternkonstellationen bekam er vom Lateinlehrer eine Eins. Eine Eins hatte er auch in Physik.
An der Kopernikus-Universität in Toruń (Thorn) gab es sieben Astronomiestudenten. Wo sollten die alle später einmal arbeiten? Polen – das Land der Astronomen? Bei den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes war das schwer vorstellbar. Viel wahrscheinlicher war eine Anstellung in einer Schule als Lehrer mit einem kleinen Gehalt.
Nach vier Semestern flog er wegen Devisenhandels von der Uni. Ich war nicht überrascht. In den sogenannten PE-WEX-Geschäften (wo es möglich war, für Devisen einzukaufen) duftete es herrlicher als in den anderen, in den Hotel-Restaurants schmeckte das Essen viel besser als in der Studentenmensa, der französische Cognac war unvergleichbar köstlicher als der albanische. Die Marlboro-Zigaretten waren ungleich aromatischer als die polnischen und der Duft des „Amphora“-Tabaks für Pfeifen hatte eine magische Wirkung auf Kommilitoninnen und sorgte für deren vorsichtige Zuneigung.
Alle Schüler schwiegen zunächst über ihre Absichten, bis beim Ausfüllen der Bewerbungsunterlagen herauskam, dass neun Schüler aus der Klasse Medizin studieren wollten. Die Klassenlehrerin stellte jedem einzelnen eine Frage, die den Kandidaten (wie ich es empfand) peinlich war: „Warum gerade Medizin?“
Bei der erwarteten Antwort sollte es um den Begriff „Berufung“ gehen.
In der polnischen Literatur gibt es eine Figur aus dem Roman Ludzie bezdomni (Die Obdachlosen) von Stefan Żeromski namens Dr. Judym. Der aus einer guten und einflussreichen Familie stammende junge Arzt hat alle Voraussetzungen, um nach dem Studium eine gutgehende Praxis eröffnen zu können. Als er das Elend der Arbeiterklasse zu Beginn des 20. Jahrhunderts kennenlernt, entscheidet er sich für eine schlecht bezahlte, teilweise kostenlose Tätigkeit für die Armen und engagiert sich für die Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse. Dafür verzichtet er auf persönliches Liebesglück und das Leben in Wohlstand. Kurz gesagt: ein Arzt aus Berufung.
Diese Figur sollte für alle Schüler in Polen das Vorbild sein. Sie passte sehr gut zu dem sozialistischen Prinzip: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ Die Bedürfnisse eines Einzelnen bestimmte natürlich das System. Alleine das Privileg diesen Beruf ausüben zu dürfen sollte als ausreichende Belohnung reichen.
Nachdem vier Schüler nacheinander dieselbe korrekte Antwort „aus Berufung“ gaben und nicht näher präzisieren konnten, was das eigentlich bedeutet, hörte die Klassenlehrerin auf zu fragen. Irgendwie klang das wenig glaubwürdig. Keiner wagte zu sagen: „Ich will reich werden, hohen Respekt genießen, einen anderen Arzt heiraten oder die schönen, fügsamen Krankenschwestern um mich herum haben“ oder ähnliches. Und ich wusste, viele interessierte genau das. Ich aber fragte mich weiter und frage mich bis heute, warum ich mich damals für diesen Beruf entschied.
Ich fühlte mich nicht wohl mit dem Gedanken, dass ich keine innere Stimme oder eine von „Oben“ gehört hatte, die, wie ich meinte, Folgendes verkünden sollte: „Geh und werde Arzt, um den Kranken und Armen dieser Welt zu helfen. Achte nicht auf all die Güter und Versuchungen dieser Welt, auf deine Gesundheit, dein Familienleben, dein Wohlbefinden, denke nur an deine Mission!“ Ja, solche Menschen, solche aufopferungsvollen Ärzte brauchen wir!
Meine bisherigen Kontakte mit der Medizin beschränkten sich auf seltene Besuche bei meiner schon älteren und stark übergewichtigen Hausärztin. Ich besuchte sie an den Tagen, an denen ich keine Lust verspürte, in die Schule zu gehen, erzählte ihr irgendwelchen Unsinn und bekam ein Multivitaminpräparat verschrieben. Ich durfte für den Tag zu Hause bleiben, ein Stück Kuchen und ein Erdbeerkompott genießen. Die Frau wusste genau, dass ich kerngesund war, aber sie zeigte Verständnis für mein Bedürfnis nach einer kurzen Pause.
Die leidensvollen Zwangsbesuche bei der Schulzahnärztin hatten den einzigen Vorteil, dass ich nicht am Unterricht teilnehmen musste, denn die mittels Fußtritt angetriebene Bohrmaschine verrichtete ihre Arbeit keineswegs schmerzlos. An Betäubungsmitteln mangelte es.
Im kleinen Städtchen Skulsk, in dem ich bis zum elften Lebensjahr aufwuchs, besaß der dort ansässige Arzt einen Wartburg. Es war das einzige Auto im Städtchen und der Doktor fuhr stolz den Wagen bei der Erster-Mai-Parade an der Ehrentribüne vorbei. Dabei winkte er mit einer Rot-Kreuz-Fahne, während die neben der Tribüne stehenden Claqueure klatschten und parteihuldigende Rufe von sich gaben. Bevor der Doktor seinen Wagen zugeteilt bekam, wurde er von den Bauern aus den umliegenden Dörfern mit einer Pferdekutsche oder manchmal auch mit einem Leiterwagen zu den Kranken gebracht. Oft war zu beobachten, dass direkt danach derselbe Bauer auch den Priester in seiner festlichen Arbeitskleidung mit begleitendem Ministranten zu den Kranken brachte, mutmaßlich zwecks letzter Salbung. Der Ministrant betätigte eifrig eine Glocke, was den Zweck hatte, die Gottesfürchtigen zum Niederknien und Bekreuzigen aufzufordern.
Der Arzt besaß das schönste und größte Haus im Städtchen mit einem großen Garten. Beides verdankte er seiner Frau, die aus einer Familie von Großgrundbesitzern aus der Vorkriegszeit stammte.
Der Gang zum Arzt glich dem in die Kirche. Zuerst in die Badewanne, feierliche Kleidung und erst dann in die Praxis. Gleichgültig, wie krank man war.
Im Wartezimmer, wie auch sonst in öffentlichen Räumen, stand ein Spucknapf in der Ecke mit dem Hinweis: „Spucken nur in den Spucknapf!“
Die wahre Leidenschaft des Doktors aber war die Imkerei. In seinem Garten befanden sich zahlreiche Bienenstöcke. Bei zahlreichen medizinischen Konferenzen, die ich später selbst als Arzt besuchte, warb er eifrig für die breite Verwendung des Honigs, an deren heilende Eigenschaften er fest glaubte.
In Skulsk sah ich auch zum ersten Mal eine tote Frau. Ich war damals ungefähr neun Jahre alt. Die Dame war schon sehr betagt und lag mitten im heißen Sommer in einem Bett, um das mehrere Kerzen und zahlreiche mit Eis gefüllte Eimer standen. Ältere Frauen saßen im Halbkreis, beteten und sangen mit heulenden Stimmen fromme Trauerlieder. Diese Dinge wurden vor Kindern damals nicht versteckt. Der Tod gehörte zum Leben, war eine Selbstverständlichkeit, und man schaute ihm genauso zu, wie beim bei Melken einer Kuh, beim Eier legen einer Henne oder beim Schlachten eines Schweins.
Es wäre übertrieben zu behaupten, dass diese Erlebnisse mein Bild des Arztberufs geprägt oder irgendeinen Einfluss auf meine Entscheidung gehabt hätten. Bei der Fernsehserie Dr. Kildare war es anders.
Wie schön wäre es, so auszusehen wie Dr. Kildare (Richard Chamberlain) und die Lebensweisheit des Dr. Gillespie zu besitzen. Für mich war diese Welt surreal. Der junge Dr. Kildare nahm sich viel Zeit für seine Patienten, untersuchte sie genauestens, führte mit den Kranken und deren Familien lange Gespräche, interessierte sich für deren soziale Probleme, Liebeskummer, konsultierte seine Kollegen und natürlich den erfahrenen und weisen Dr. Gillespie. Patientenzimmer in den Krankenhäusern erinnerten mehr an Viersternehotels, luxuriös ausgestattet, Telefon am Bett, Farbfernsehgerät an der Wand. Das Personal elegant angezogen, schöne, sehr gepflegte, freundlich zugewandte und lächelnde Krankenschwestern. Krankenhäuser inmitten in einer parkähnlichen Anlage, große Autos, noch größere Parkplätze und luxuriöse Krankenwagen. Eine ganz andere Welt.
Und dann war da noch diese Marktfrau, die auf dem Wochenmarkt quer über den Marktplatz lief mit einem Korb, in dem sich kleine Fläschchen mit Blutegeln befanden. Sie warb mit ihrer fast singenden Stimme für die Ware, die damals breite Verwendung fand.
In der grauen Welt des Sozialismus gab es wenig Buntes. Damals wie heute waren junge Männer von Autos fasziniert. In Polen gab es wenig davon. Ein Kollege, der gut Englisch sprach, gab mir zahlreichen Adressen von Automobilfirmen aus aller Welt. Von A wie Aston Martin bis Z wie Zastava. Dazu einen auf Englisch verfassten Brief, in dem der Absender, ein „junger Mann mit Perspektive“, um ein Prospekt bittet. Ich habe dutzende Briefe an alle diese Firmen versendet, aber nur eine einzige hat mir einen Prospekt zugesandt. Vor einem abgebildeten, barocken und reichlich mit Gold geschmückten Tor zu einer Residenz stand ein Rolls-Royce.
Ein gutes Omen, dachte ich.
Wie würde ich meine Beweggründe, das Medizinstudium aufzunehmen, mit der Hand auf dem Herzen beschreiben? Nun, zunächst einmal wollte ich meine Eltern nicht enttäuschen. Sie hatten sich diesen Beruf für ihren Sohn vorgestellt, konsequent gehandelt und immer wieder darüber geredet. Sie haben selbst kriegsbedingt nie eine Chance gehabt, mehr als nur die Grundschule zu beenden.
Es war bekannt, wie schwierig es war, einen Platz für das Medizinstudium zu bekommen. Der Reiz lag in der Herausforderung, es allen zu beweisen, dass ich - der bisher unterschätzte Schüler - in der Lage bin, es zu schaffen.
Der Arztberuf war (und ist immer noch) in der Gesellschaft sehr geachtet. Selbst im Sozialismus, wo alle gleich sein sollten, bedeutete er eine beachtliche soziale Position. Nicht bei der Volksmacht, wo die Arbeiter und die Bauern immer präsent und bedacht wurden, dafür aber unter den Menschen. Ein Medizinstudent zu sein, das war etwas Großartiges! Und das wollte ich werden.
Wie war es bei den anderen? Untereinander sprachen wir nur wenig über die Motive, es war bereits ein Hauch von Konkurrenzdenken zu spüren. Wir kannten uns gut genug, um die Beweggründe zu erahnen.
Die beste Schülerin unserer Klasse war Kristina, ein fleißiges und aufrichtiges Mädchen aus einer sehr armen Familie. Keine besonderen Begabungen, aber sehr, sehr tüchtig, brav und keusch. Ich habe sie nie mit einem Jungen spazieren sehen. Immer bestens vorbereitet, auf sie war immer Verlass. Sie hat die Medizinaufnahmeprüfung nicht geschafft und begann ein Jahr später ein Studium der Pharmazie.
Ein weiterer Mitbewerber war Marek, ein großgewachsener und ausgesprochen männlicher Typ, Gesicht eines Boxers mit stark akzentuiertem Kinn. Überraschenderweise hat er mit dem Medizinstudium begonnen, obwohl man ihm eher eine Begabung für Geschichte und Literatur bescheinigte. Nach einem Jahr hat er jedoch das Medizinstudium geschmissen und mit Jura angefangen. Man nannte ihn danach „Die Faust des Gesetzes“.
Alice war sicherlich das am wenigsten attraktive Mädchen des Jahrgangs. Groß gewachsen, schmales langes Gesicht, eine große Nase und eine dicke Brille. Dafür beschenkt mit vortrefflichem und raffiniertem Humor. Obwohl sie ebenfalls eine durchschnittliche Schülerin war, bestand sie die Prüfung und hat dann auch als Erste von uns geheiratet. Auf die Frage, warum, antwortete sie: „Sex! Guter, regelmäßiger, unzüchtiger Sex!“
Wojtek, genannt Titus (wegen seiner Frisur, die wie bei dem römischen Senator über die Stirn hing) war ebenfalls ein durchschnittlicher Schüler. Seine Eltern waren Kleinbauern mit einem kleinen Stück Ackerland, auf dem sie in einem Treibhaus Rosen züchteten. Damit konnte man in Polen sehr gut leben und trotzdem als arm gelten. Regelmäßig am Ende eines Schuljahres bedachte er die Klassenlehrerin mit einem riesengroßen Strauß roter Rosen. Täglich fuhr er mit einem Zug von seinem etwa vierzig Kilometer entfernten Dorf in die Stadt zum Gymnasium und wartete in dem schmutzigen mit Zigarettenrauch und betrunkenen Mitreisenden überfüllten Warteraum auf die Rückreise. Keiner von uns hat ihn dafür beneidet. Noch während des Studiums heiratete er die reichste Kommilitonin des Jahrgangs.
Christoph war einer der Söhne eines berühmten Dendrologie-Professors. Der beste Mathematiker im Gymnasium. Seine Leidenschaft war die Fliegerei. Er träumte vom Flugzeugbauen und Fliegen. Dummerweise hat sich die Dame seines Herzens für das Medizinstudium entschieden. Er wollte sie nicht verlieren und folgte ihr. Heute ist er Chefarzt der Chirurgie und fliegt immer noch Leichtflugzeuge.
Bei keinem der Erwähnten, die ich wohl während der vier gemeinsamen Jahre auf dem Gymnasium gut kennenlernen konnte, war eine Berufung als Hauptmotiv fürs Medizinstudium erkennbar. Und bei den Übrigen ebenfalls nicht. Doch ich hatte wirklich gehofft, vielleicht später Menschen zu treffen, die mir wegen meiner moralischen Unvollkommenheit die Schamesröte ins Gesicht treiben und die meine Bewunderung verdienen würden.
Nach der Matura galt es aber erst einmal, die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Die Medizinische Fakultät (damals: Medizinische Akademie) der Universität in Poznań (Posen) organisierte für die Kandidaten Vorbereitungskurse in den drei Fächern Biologie, Chemie, Physik. Nur Titus, der als Einziger überhaupt in der Lage war, die Kursreise zu zahlen, nahm sie in Anspruch. Schnell erkannte er, dass der Hauptzweck dieser Kurse eher die Aufbesserung der bescheidenen Gehälter der Hochschullehrer war als die Vorbereitung für die anstehenden Prüfungen. Nach einer Woche kam er zurück und lernte zu Hause.
Ich hatte den ganzen sonnigen Monat im Schatten unseres Walnussbaumes verbracht. An meinen Knien lagen abwechselnd Chemie von Linus Pauling oder Biologie von Claude A. Ville. Über meinem Kopf rauschten sanft die Blätter des Walnussbaumes und es zeigte sich hin und wieder das klare Blau des Himmels. Bienen summten über mich herum. Meine Eltern nahmen skeptisch zur Kenntnis, dass ich zu Hause lernen wollte und sagten resigniert, dass es wohl eigentlich keinen Sinn hätte, mich der Aufnahmeprüfung zu stellen.
Die männlichen Kandidaten wurden für die Prüfungswoche in einem Studentenheim für Männer untergebracht. Das Heim trug den inoffiziellen Namen Kamtschatka. Es sollte meine Unterkunft für die kommenden sechs Jahre sein. In unmittelbarer Nähe befanden sich eine Milchbar und eine Kneipe.
Als ich dort ankam, hatte ich begriffen, woher der Name kam. Etwa dreihundert Meter von der Straße entfernt standen vier Baracken, die noch aus der Kriegszeit stammten. Um sie zu erreichen, musste ich mehrere Pfützen überspringen. Die trockenen Stellen an den zahlreichen Bäumen waren mit den Spuren der häufigen Besuche der Hunde gespickt. Die hinterließen hier ihre „Liebesbriefe“ für das andere Geschlecht. Dazwischen wuchs Gras und es lagen Steine herum.
In der ersten Baracke befanden sich eine Rezeption, Administrationsräume und ein Gemeinschaftsraum. Dort standen auf einer kleinen Erhöhung ein Fernseher und ein ungestimmtes Klavier. Auf dem Klavier spielte die stark übergewichtige und wenig musikalisch begabte Rezeptionistin das Lied Ramona. Daneben befand sich ein Leseraum, den wir „Wühl-Raum“ oder „Schmiede“ nannten.
Die übrigen Baracken besaßen jeweils zwanzig Dreipersonenzimmer und zwei Zweipersonenzimmer sowie eine Küche, einen Waschraum mit einer Dusche und einen Toilettenraum. In der Küche standen einige stark verschmutzte elektrische Herde. Im Waschraum gab es vier Waschbecken, die sowohl für die Morgentoilette als auch fürs Wäschewaschen benutzt wurden. Eine Waschmaschine gab es ebenso wenig wie einen Kühlschrank. Die Duschnische trennte nur ein auf einer hölzernen Stange aufgehängter bunter Vorhang aus waschbarem Textil vom Waschraum. An seinem Unterteil war er dunkel verfärbt, was auf eine Pilzkontamination hindeutete. Ähnlich kontaminiert war auch der immer feuchte Holzsteg, der den ganzen Waschraum inklusive Duschnische bedeckte, was die barfuß Duschenden leidvoll erfahren mussten.
An der Toilette vorbeizugehen, ohne den Zweck dieser Räumlichkeiten sofort erraten zu können, war selbst bei geschlossener Tür ein Ding der Unmöglichkeit. Vier Toilettenkabinen gab es, in denen junge Männer geplagt von bedrückender Einsamkeit Schriften und Bilder hinterließen, die die Größe und/oder Funktionstüchtigkeit ihrer Geschlechtsorgane sowie die der Partnerinnen beklagten oder huldigten. Dazu eine mit weicher Ölfarbe überzogene Wand mit einem Trog, der zur Ableitung des Urins gedacht war. Diese Facilitys standen über sechzig Studenten der Baracke zur Verfügung. Hier konnte man urinieren, betrachten, vergleichen, Ansichten tauschen und Bedenken äußern oder zerstreuen und man fand fast immer einen Gesprächsgenossen.
Die Zimmer. Knapp dreißig Quadratmeter, drei Betten, ein Kleiderschrank, ein Holztisch, drei Holzstühle und ein Lebensmittelschrank. Ich bekam Bettwäsche, Steppdecke, Kopfkissen, Decke, Tischlampe und eine Wandmatte. Die Wandmatte befestigte ich an der Wand entlang des Bettes. Den Rest durfte ich von zu Hause mitbringen, viel Platz dafür gab es jedoch nicht. Die wenigen kleineren Zweibettzimmer standen den Studenten ab dem 5. Studienjahr sowie den ausländischen Kommilitonen zu. Eine bemerkenswerte Heizungsanlage sorgte im Winter für erträgliche Temperaturen. Warme Luft kam von der Decke aus zwei runden Düsen herunter, die mit weißer Gaze umwickelt waren. Am Ende der Heizperiode verdunkelte sich die Gaze erheblich, ähnlich wie auch die Decke um die Düsen herum.
Bei den schriftlichen Prüfungen fiel mir auf, dass eine Kandidatin als Einzige im Saal mit einem grünen Kugelschreiber schrieb. Hin und wieder blieb einer der überwachenden Hochschullehrer bei ihr stehen, schaute sich ihren Zettel an und flüsterte etwas. Sie hatte die Prüfung bestanden und wurde aufgenommen. Später stellte sich heraus, dass sie die Tochter eines Dozenten dieser Hochschule war.
Das finale Gespräch mit dem Professor verlief unaufgeregt. Die peinliche Frage nach der „Berufung“ ist nicht gefallen. Er wollte nur wissen, was für ein Buch ich zuletzt gelesen hatte und welche Instrumente ich spiele. Das Buch, das ich zur Entspannung zwischen den Prüfungen las, hieß Es gibt kein Eldorado. Es waren Geschichten von Menschen, die Polen verlassen hatten und ihr Glück woanders suchten – es dort aber nicht gefunden haben. Das Buch wurde damals für junge Menschen empfohlen. „Nur junge Äste kann man biegen“, schrieb Seneca seinerzeit.
Von der bestandenen Prüfung und der Aufnahme habe ich in Zakopane erfahren, wo ich wie jedes Jahr mit dem Schulorchester meine letzten Schulferien verbrachte. Auf einmal war ich ein vielgefragter Gesprächspartner und Herr Dirigent ärgerte sich nicht mehr so jähzornig, wenn ich den einen oder anderen falschen Ton auf meinem Cello spielte. Die Cellistin, mit der ich zusammenspielte, bedachte mich sogar mit einem Kuss. Meine Eltern waren außer sich vor Freude und nahmen die Gratulationen der Nachbarschaft gerne entgegen. Sie mussten sich jedoch auch oft anzügliche Frage gefallen lassen: „Und? Wie viel haben Sie dafür zahlen müssen?“
Bei den mehr oder weniger zufälligen Treffen mit den ehemaligen Schulkameraden zeichnete sich bei denen, die es geschafft hatten, eine gewisse Nähe ab. Sie berichteten von ihren Plänen und verabredeten sich weiter. Die Gespräche mit denen, die keinen Studienplatz ergattern konnten, waren flüchtig, sachlich und endeten mit einem kurzen: „Man sieht sich.“
Was wirklich auf mich zukommen würde, habe ich erst begriffen, als ich fünf Volumina von Bocheneks Anatomie von jeweils etwa tausend Seiten aus dem Buchladen nach Hause trug. Dazu der Anatomieatlas von Sinielnikov. Beide voll von polnischen, lateinischen (und russischen, aber die musste ich nicht lernen) Bezeichnungen der anatomischen Strukturen.
Da kannst du nichts erdichten, da muss du büffeln!, dachte ich.
Und wie ging es weiter mit Maria?
Sie kam mir wie die Primavera aus dem Gemälde von Botticelli vor. Ein Jahr jünger als ich, großgewachsen, hatte sie ein schönes Lächeln, angenehme Gesichtszüge und eine Engelsstimme. Sie spielte Klavier und ich begleitete sie oft vom Klavierunterricht nach Hause bis zum anderen Ende der Stadt. Hand in Hand spazierten wir durch die prächtige Parkanlage in Włocławek und ich wagte nicht, sie zu küssen, so unerreichbar, so göttlich und unschuldig schien sie mir.
Beim Abschiedstreffen hatte ich den Fotoapparat meines Vaters dabei und wollte ein Foto von ihr machen. Sie wollte es nicht.
„Wozu brauchst du mein Foto?“, fragte sie.
„Ich mache eine Vergrößerung und hänge es an die Wand in meinem Zimmer“, antwortete ich, von der Frage überrascht.
„Wie eine Schauspielerin oder ein Model?“
„Nein, wie ein Mädchen, das ich liebe!“, sagte ich nach einer längeren Pause. Die brauchte ich, um Mut zu fassen.
„Du liebst mich?“, fragte sie erstaunt. Ihre Stimme klang plötzlich so rau und trocken, beinahe amtlich, dass ich begreifen musste: Meine Liebe wurde nicht erwidert.
Es muss an meinem Aussehen liegen, dachte ich. Ich kann damit, wie es scheint, nicht prahlen.
Schweren Herzens spazierte ich zurück durch den vom beginnenden Herbst geschmückten Park. Die goldenen herabgefallenen Blätter raschelten unter meinen Füßen. Ich schob sie mit meinen Schuhen beim Gehen nach links und rechts beiseite. Die bis zum Fluss herabhängenden Äste der Weiden schienen meine Trauer zu verstehen und mich zu bemitleiden.
Mein Vater begleitete mich nach Poznań. Er gab mir 500 PLN - mehr hatte er nicht. Ich sah seine Hilfslosigkeit. Davon konnte man damals einen Monat leben.
„Ruf an oder schreib, wenn du etwas brauchst“, sagte er.
Das war das einzige Geld, das ich bis zum Ende des Studiums von ihm bekam. Ich erhielt ein Stipendium, einen Platz in Kamtschatka, eine Ermäßigung für die Mensa und Gutscheine für alle Milchbars in der Stadt. So hatte ich ein Dach überm Kopf, etwas zu Essen und konnte studieren.
Das Studienbuch bekam ich im Collegium Maius im Dekanat. Das Gebäude war von 1908 bis 1910 als Teil des sogenannten Kaiser-Viertels für die Kolonisations-Kommission entstanden, die auf Initiative Otto Bismarcks gegründet worden war. Dort befinden sich heute noch die ganze Administration der medizinischen Fakultät und der Sitz des Rektorats. In der unmittelbaren Nähe wurden das Operngebäude und das Kaiserschloss gebaut. Diese Bauwerke haben einen großen Eindruck auf mich gemacht. Ich fühlte mich klein und unbedeutend.
Die ersten Vorlesungen in Biologie und Parasitologie (Parasitenlehre) besuchte ich fleißig. Das erste Examen am Ende des ersten Semesters betraf diese beiden Fächer. Bei Nichtbestehen war das Studium beendet. Der Biologiedozent entsprach meiner Vorstellung von einem Professor: groß, mager mit einer hohen Stimme, elegant angezogen und immer mit einer Fliege.
Die Seminare in Parasitologie bedeuteten vor allem das Anschauen verschiedener Würmer und deren Eier unter dem Mikroskop. Es gab kein Lehrbuch der Parasitologie, nur ein Skript mit äußerst schlechten Abbildungen. Bei dem ersten Kolloquium galt es, etwa zwanzig verschiedene Präparate zu erkennen. Für jedes Präparat hatten wir eine Minute, danach schnell zum Nächsten. Die Schelle schrillte hell und unbarmherzig. Viele haben es vermasselt, ich auch. Ein denkbar schlechter Anfang, dafür eine Erkenntnis: Es gibt nichts außer Lernen! Anatomie, Histologie, medizinische Physik, anorganische Chemie und Biologie mit Parasitologie. Ein richtiger, leidenschaftlicher Furor des Lernens brach bei mir aus.
6:30 Uhr aufstehen, 7:00 Uhr Frühstück in der Milchbar – zwei Brötchen mit Margarine und Käse, kleine Milch. Muss bis Mittag reichen. Eine Kellnerin mit langen Zähnen und entblößtem Zahnfleisch lächelte mich an und wünschte einen schönen Tag. Nach den Vorlesungen und Seminaren gab es das Mittagessen in der Mensa. Mehr Vorlesungen, mehr Seminare. Am Nachmittag nach Kamtschatka, wieder in die Milchbar mit fettigem, schlecht gewaschenem Besteck, danach lernen bis Mitternacht.
„Wann sollen wir das alles schaffen, Herr Assistent?“, fragte ein Kommilitone.
„Die Nächte sind lang, Herr Kollege“, antwortet er, „die Nächte sind lang.“
Dieses „Kollege“ mochte ich sehr. Endlich war ich kein Kind mehr, kein Schüler. Ich gehörte schon fast zur Zunft.
Von den Seminaren in Anatomie im Prosectorium der Collegium Anatomicum haben sich viele gefürchtet. Anatomie lernen an menschlichen Leichen: Halten wir das aus?
In einem halbkreisförmigen Gebäude befanden sich mehrere Säle. In den Schränken wurden menschliche Organe in verschiedenen Glasbehältern aufbewahrt. Einen weißen Kittel anziehen, eine weiße Mütze – möge die Übung beginnen.
Es begann harmlos mit Knochen. Jeder Teil eines Knochens, jede Wölbung oder Vertiefung hat einen Namen, einen polnischen (oder auch deutschen) und lateinischen. Den musst du kennen und wissen, was sich dort befindet und wofür es gut ist. Jede Fläche, jedes Loch. Was kommt durch diese Öffnung, woher kommt es, wohin geht es, woran grenzt es? Das Komplizierteste ist der Schädel. Nach einigen Tagen stieg ich in die Straßenbahn. Ich beobachtete die Menschen und stellte mir zwanghaft vor, wie wohl deren Schädel aussehen mochte. Den anderen Kommilitonen ging es genauso.
Einige Wochen später roch es sehr streng im Prosectorium. Wir lernten die Muskeln und später auch die inneren Organe, alles konserviert in Formaldehyd. Wir rochen alle streng.
Mein zuständiger Assistent hieß Dr. Georg, war Neurologe und arbeitete nebenbei in der neurologischen Klinik. Meine Kommilitonen hatten mich vor ihm gewarnt, er sei der Strengste von allen. Ich dachte, seine Berufung sei es nicht nur, den Kranken zu helfen, sondern auch, gute junge Ärzte auszubilden. Er saß am Tisch vor der Gruppe, Bein über Bein, kaute an seinem Daumen, den er zwischen die Zähne steckte und wiegte sich rhythmisch vor und zurück. Er fragte nur Wissen ab.
Seine Berufung war Musik. Er dirigierte den Studentenchor genauso leidenschaftlich und lebhaft, wie er mit seinem Daumen umging – mit seinem ganzen Körper. Der Chor brauchte neue Mitglieder und ich dachte, es könne nicht schaden, sich einschreiben zu lassen. Bei der Prüfung der Stimmlage stellte Dr. Georg fest: „Etwas zwischen Tenor und Bass. Warten wir, bis sich bei dem Kollegen die untere Partie entwickelt.“
Ich enthielt mich einer Antwort.
Seine rechte Hand war Kajetan, ein Volontär, Student des siebten Semesters. Starker Körperbau, mittelgroß, kurzgeschnittenes Haar, humor- und verständnisvoll. Er nahm sich Zeit, uns schwierige Sachen beizubringen. Wir nannten ihn Kajtek. Eines Abends gingen wir mit ihm zu einem Weinkeller in der Altstadt. Er wollte uns das wahre Studentenleben zeigen, das wir mangels Zeit noch nicht hatten kennenlernen können. Er kannte dutzende Studentenlieder und war eine richtige Stimmungskanone. Die Mädels warfen sich ihm an den Hals. Nach einem einmonatigen Praktikum im Sommer in Italien kam er zurück und hat sich erhängt.
Ein anderer Anatomieassistent, der eine andere Gruppe betreute, war Dr. Bogdan, ein Enthusiast der Innovationen. Als Gruppenbetreuer pflegte er direktere Kontakte zu seinen Studenten. Zu seinem Geburtstag lud er sie zu sich ins Haus ein. Leidenschaftlich und bei jeder Gelegenheit ermutigte er Studenten, an einem Wettbewerb – „Die jungen Meister der Technik“ - für die besten Ideen, Innovationen und Verbesserungen beliebiger Art teilzunehmen. Dafür gab es Preise. Er nahm Projekte entgegen und leitete sie weiter. Nach einigen Jahren kam heraus, dass er die Ideen bearbeitete und für einen wesentlich höheren Preis weiterverkaufte.
Der Anatomieprofessor war ein kleingewachsener Mann und ein Liebhaber von Chopins Musik. Seine vom Tonband abgespielten Vorlesungen über das zentrale Nervensystem begleitete hintergründige Klaviermusik. Er führte einen Kleinkrieg mit den anderen Anatomen des Landes. Der Gegenstand des Krieges war der Vergleich der Aortenklappen des menschlichen Herzens mit einem Schwalbennest. Dieser Vergleich sei grundlegend falsch – so der Professor. Die Aortenklappe sollten mit kleinen Täschchen verglichen werden. So sollte die richtige Antwort beim Examen lauten.
Sehr beliebt war der Histologieprofessor. Ebenfalls kleingewachsen, zu große Schuhe, alter grauer Anzug, zu lange Hosenbeine. Seine Vorlesungen bereitete er penibel vor. Eine Stunde vor einer Vorlesung war er für niemanden zu sprechen. Er dozierte mit seinem ganzen Körper, fragte Studenten, ob sie alles verstünden und ob die projizierten Bilder instruktiv genug seien. Das lag ihm sehr am Herzen. Er war frankophil, die Bilder stammten aus französischen Büchern, die er von befreundeten Wissenschaftlern aus Frankreich bekam. Sein Erscheinen im Seminarsaal erzeugte immer Panik unter seinen Assistenten.
„Wie kann ein Student etwas wissen, wenn der Assistent nichts weiß!“
Dieser Spruch von ihm gefiel uns besonders gut. So beschimpfte er seine Assistenten, wenn sie die falschen, nicht genug instruktiven Präparate für die Seminare vorbereiteten. Sein Verständnis für Studenten war aber nicht grenzenlos.
Einer kam ganz unvorbereitet zum Examen.
„Laborant!“, schrie er. „Bring mir eine Mistgabel, damit ich den Mistkerl rausschmeißen kann.“
Nach wenigen Wochen kamen noch einige neue Studenten in die Gruppe. Es waren jene, die „Plätze des Rektors“ erhielten. Sie hatten zwar die Prüfung nicht bestanden, schienen aber offensichtlich für den Arztberuf besonders geeignet zu sein. Erst im Laufe der Zeit erfuhren wir, dass es Töchter und Söhne der Parteigenossen, der hochrangigen Militärs und Verwandten der kirchlichen Würdenträger waren.
Ich teilte mein Zimmer mit zwei Kommilitonen. Ted war der robuste Sohn eines Müllers aus einer Kleinstadt. Wie seine Silhouette, so war auch sein Verhalten. Sein Kommen avisierte sich lange, bevor er zu sehen war. Seine Schritte hörte ich bereits, als er den Flur der Baracke betrat. Leises Türöffnen gehörte nicht zu seinen Stärken. Überfallartig betrat er das Zimmer, setzte sich an den Tisch und haute seine Fäuste auf die Tischfläche. Dabei atmete er tief durch und gab Laute von sich, die an geräuschvolles Knurren eines großen Hundes erinnerten. Von zu Hause mit Lebensmitteln gut versorgt, machte er sich an die Vorbereitung eines herzhaften Abendessens. Leise zu essen, hatte er jedoch auch nicht gelernt. Er hatte keine Lateinkenntnisse aus der Schule, weshalb ihm das Erlernen anatomischer Begriffe schwerfiel. Bis spät in die Nacht wiederholte er die gerade gelesenen Begriffe laut: „sulcus sinus petrosi … sulcus sinus petrosi … sulcus sinus petrosinus … eh, verdammt!“ Als er endlich einschlief, schnarchte er aus Leibeskräften.
„So ein Flegel soll Arzt werden?“, fragte ich mich. Ich sah ihn schon vor mir, wie er vor Wut mit beiden Fäusten auf den sterilen OP-Tisch draufhaute und die Instrumente zerstreute, die mit entsprechenden Klanggeräuschen auf den Boden runterfielen. Irgendwie passte er nicht zu meinem Arztbild.
Kasimir war fast doppelt so alt wie ich. Er war ein sogenannter Feldscher. Nach dem Krieg fehlte es in Polen an Ärzten. Die Sozialistische Regierung war bemüht, kostenlose (wie es sich in einem sozialistischen Land gehört) medizinische Versorgung zu garantieren und so entstand nach sowjetischem Vorbild der Beruf des Feldschers. Es reichten zwei bis drei Jahre Ausbildung und ein Halb-Arzt war fertig. Diese lebten und arbeiteten in der Regel in kleineren Städten und Dörfern recht gut; von Kleinbauern wurden sie mit Naturalien versorgt und erfreuten sich allgemeiner Wertschätzung. Als die Menge der ausgebildeten Ärzte zugenommen hatte, stellte sich die Frage, wohin mit den Feldschern. Sie bekamen die Möglichkeit, ein Medizinstudium zu beginnen, durften sogar das erste Jahr wiederholen. Alternativ arbeiteten sie in den Krankenhäusern als Hilfspersonal, was einen bedeutenden gesellschaftlichen Abstieg und weitgehende Anonymität bedeutete. Nicht jeder konnte sich damit abfinden.
Kasimir wählte den schwereren Weg und bemühte sich wahrhaftig. Vergebens. Er war ein friedlicher Mensch, ertrug Teds Verhalten mit Engelsgeduld.
Andere Feldscher – reife, ältere Männer - betrachteten ihre jungen Kollegen von oben herab, einige bedienten sich ihrer sogar als „Kammerdiener“.
Es dauerte nicht lange, bis ich mich entschied, das Zimmer mit einem anderen Kommilitonen zu tauschen, der sich mit Ted besser zu verstehen schien. Die beiden trainierten regelmäßig Boxen.
Das Ende vom ersten Semester nahte und alle hatten Angst. Bei dem ersten Examen durchzufallen, bedeutete das Ende des Traums vom Arztberuf.
Eine Woche Semesterpause nach dem bestandenem Examen zu Hause taten mir gut.
Mit dem Beginn des zweiten Semesters begann das Überflüssigste des ganzen Studiums: die Militärübungen für Frauen und Männer. Als Student war ich von der allgemeinen Wehrpflicht befreit. Stattdessen gab es einmal die Woche Militär. Mit der Uniform und dem Salutieren konnte ich mich noch gut abfinden. Das Schwierigste waren die Regeln, die das Tragen von Haaren und der Schnurrbärte betrafen. Kurz mussten die Haare sein und die Schnurrbärte nur bis zum Lippenrot reichen. Das war im Jahre 1968!
Marschieren, Schießen und vor allem Vorlesungen (eigentlich Ablesungen), die es in den als geheim eingestuften Heften zu notieren galt. Während der Pausen lernte ich Anatomie.
„Alejandro“ hatte ich bei einem Anthropologieseminar kennengelernt. Eigentlich hieß er Aleksander. Hochgewachsen, Reiterstiefel, stolzer würdevoller Gang, verachtender Blick. Er stamme vom verarmten südostpolnischen Adel ab, munkelte man. Er pflegte, sich unvorteilhaft über unsere Kommilitoninnen zu äußern. Anna, ein schönes bescheidenes Mädchen, sagte er, sei eine Nutte. Ich nannte ihn einen ungehobelten Flegel. Er kam zu mir, sein Gesicht rot angelaufen, blickte mich feindselig an und zog ein Jägermesser heraus. Stach es mit ganzer Kraft in die Platte des hölzernen Tisches vor mir und zischte durch seine Zähne: „Für diese Beleidigung wirst du mit deinem Blut bezahlen. Ich fordere dich zum Duell heraus!“ Ich hielt diese Aufforderung für einen Scherz und antwortete: „Momentan verfüge ich nur über eine Stecknadel und bezweifle stark, dass ein Duell mit dieser Waffe in der Lage ist, die Schmähung deiner Ehre auszuradieren.“
Bei jedem folgenden Seminar wiederholte sich dasselbe Bild. Alejandro setzte sich an seinen Platz vor einem Tisch, zog sein Messer aus der Scheide und haute es in die Holzplatte des Tisches. Dabei schaute er mich drohend an und schwieg. Ich begann langsam zu befürchten, dass er sich ein zweites Messer besorgen und mich zwingen würde, gegen ihn zu kämpfen. Die Vorstellung dauerte so lange an, bis ein Mädchen, das eine Schwäche für mich hatte und für das Alejandro etwas empfand, ihm erklärte, dass ich keineswegs so ein Arschloch sei, für das er mich hielt. Mit der Zeit gewann ich immer mehr sein Vertrauen, bis der Tag kam, an dem er mir sein eigenhändiges „Gemälde“ zeigte. Wirres kritzeln und Flecken roten Farbe auf der Leinwand nannte er „Waldbrand im Staate Massachusetts“. Die Landschaft seiner Seele?
Nach dem zweiten Semester verschwand Alejandro für ein Jahr. Er sagte, er wolle an der Seite der Palästinenser gegen die „Scheiß-Juden“ kämpfen. Ich traf ihn nach einem Jahr wieder. Er zeigte mir ein Foto, auf dem er sich mit einer Kalaschnikow in den Händen und einem Palästinensertuch um den Hals präsentierte. Er habe es den Juden so richtig gezeigt. Wozu er sich wohl „berufen“ fühlt?, fragte ich mich.
Der „General“ war ein stark gebauter junger Mann mit kurzgeschnittenem Haar und einem bestimmenden, gar brutalen Auftritt. Seine Partys mit Unmengen Alkohol, an denen einige Damen (meist Arbeiterinnen aus dem benachbarten Textilbetrieb) teilnahmen, waren gefürchtet. Sie dauerten bis tief in die Nacht. Wehe dem, der es gewagt hätte, an seine Tür zu klopfen und Nachtruhe zu verlangen – der wurde verprügelt und es wurde noch lauter. Das Erbrochene auf dem mit Linoleum bedeckten Boden eignete sich als Gleitmittel für Barfußrutschen von einer zur anderen Ecke des Zimmers. Diese Eigenschaft nutzten die Teilnehmer seiner Partys ausgiebig. Seine Mitbewohner hatten es nicht leicht. Die meisten hielten es mit ihm nur wenige Wochen aus.
Eines kühlen Morgens sah ich im Waschraum eine stark unterkühlte, betrunkene nackte Frau. Bläulichblass und bewusstlos lag sie auf dem hölzernen Steg. Sie atmete noch. Ein Kloß in meinem Hals schnürte mir die Kehle zu. Ein Notarztwagen brachte sie in ein Vergiftungszentrum. Das Geschehen wurde dem Dekan gemeldet. Der „General“ sollte daraufhin resozialisiert werden und wurde zum Chormitglied gemacht. Er hielt es nur kurze Zeit aus und verschwand dann von der Bildfläche. Ein normaler Student wäre längst geflogen, der „General“ war aber mit dem damaligen Rektor verwandt.
Es gab Studenten, die für ihren Unterhalt arbeiten mussten. Vor allem diejenigen, denen Stipendien entzogen wurden. Dies geschah meistens während einer „Ehrenrunde“. Vorwiegend putzten sie die Scheiben in Betrieben, die dafür ein spezielles Budget aufwiesen. Das kostete Zeit und Mühe. Ich wählte eine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen. Für eine gute Durchschnittsnote gab es am Ende des Jahres den „Preis des Rektors“ - und damit bis zu 2300 PLN. Dafür konnte ich mir richtig gute Sommerferien finanzieren und gleichzeitig viel lernen – und das gelang mir immer besser.
Im März 1968 begannen die Studentenproteste. Der Anlass war die Absetzung des Theaterstücks Dziady (Ahnenfeier) von Adam Mickiewicz im Nationaltheater in Warschau, in dem Russland-feindliche Abschnitte besonders hervorgehoben wurden. Studenten im ganzem Land protestierten, alle Studenten die Zeit hatten: Philologen, Psychologen, Soziologen, Pädagogen und Juristen. Medizinstudenten, die wenig Zeit hatten, waren kaum dabei. Auf den Straßen rund um die Studentenheime patrouillierten Gruppen der Miliz. Auch bei unserem. Der Pförtner, ein alter Mann schlichten Gemüts, war sehr nervös und mit den ständigen Telefonaten aus dem Dekanat überfordert. Er hatte schlicht Angst, seine Arbeit zu verlieren, falls es zu Unruhen käme. Auf Kamtschatka war es ruhig, niemand hatte Zeit und kaum jemand wusste, was draußen passierte. Die Partei und die parteitreuen Gewerkschaften organisierten Gegendemonstrationen. Ein Student sollte einem demonstrierenden Arbeiter etwas Kleingeld für Zigaretten angeboten haben. Daraufhin beschloss die Volksmacht, den Studenten mehr Respekt gegenüber der Arbeiterklasse beizubringen. So wurde ein einmonatiges Praktikum als Arbeiter für Studenten nach dem ersten Jahr des Studiums zur Pflicht. Wir sollten die körperliche Arbeit kennenlernen und so der arbeitenden Bevölkerung Wertschätzung erweisen.
Das Praktikum wäre für vieles geeignet gewesen, außer dafür, Respekt vor der Effektivität und Arbeitsorganisation im Baugewerbe zu gewinnen. Mangels entsprechender Werkzeuge, geeigneten Putzmittels und Konkretisierung der Aufgaben verbrachte unsere Gruppe die meiste Zeit in der Sonne auf dem Dach der Baustelle. Von dort aus ließ es sich mit den weiblichen Bürokräften der gegenüberliegenden Bürohäuser vorzüglich flirten. Ich konnte nicht übersehen, mit welchem Fleiß die Bauarbeiter … sich mit Bier versorgten - dem unentbehrlichen Durstlöscher der heißen Tage.
Nach dem ersten Jahr kam es zu ersten Begegnungen mit der Wirklichkeit der medizinischen Welt. Alle mussten ein Praktikum in der Krankenpflege hinter sich bringen. In der neurochirurgischen Klinik begrüßte mich und meine Kommilitonin ein junger Arzt und reichte uns schnell weiter in die Obhut des Oberpflegers Dyzio. Es roch nach Medizin.
Dyzio war ein sehr gepflegter, gut aussehender und omnipräsenter Mann. Elegant, stolz, leicht mit einem leitenden Arzt zu verwechseln. Er besaß ein eigenes Zimmer, zwar unter einer Treppe, dafür aber mit einem Bett und einer gut ausgestatteten Bar mit Kühlschrank. Es war nicht schwer hohe erotische Bereitschaft zu erraten. Er sorgte für lockere Stimmung, konnte aber schnell bestimmend werden.
Meine erste Aufgabe bestand darin, einige Blutkonserven für eine kommende Operation von der naheliegenden Blutspende-Station zu holen. Dyzio zeigte mir eine Abkürzung. Ich musste über einen Zaun klettern. Um nicht wieder als unsportlich zu gelten, nahm ich sie. Rauf ging es sehr gut, doch der Sprung nach unten misslang gründlich. Der weiße Kittel blieb am Zaun hängen und ich schlug mit dem Kopf auf die Steinplatten. Der Klang im Kopf hallte noch eine Weile. Am linken Unterschenkel floss langsam Blut aus der dort entstandenen Wunde runter in den Schuh. Der rechte Daumen schwoll langsam, aber beständig an und schmerzte. Taumelnd erreichte ich das Ziel.
Jemand aus der Blutspende-Station telefonierte mit Dyzio und er kam umgehend. Der gebrochene Daumen kam in einen Gipsverband, die Wunde am Unterschenkel wurde genäht und ich wurde eingehenden neurologischen Untersuchung unterzogen. Daraufhin bekam Ich eine Woche frei. Den Rest des Praktikums verbrachte ich im OP, wo ich dank meiner Behinderung nur zuschauen durfte.
Es war ein heißer Sommer und mangels Klimaanlage waren die Fenster des OP–Saals geöffnet worden. Die OP-Schwester kämpfte mit eifrigen Fliegen, die sich immer wieder der Operationswunde, einem geöffnetem Schädel, näherten. Bei der Schädelöffnung bin ich beinahe kollabiert, so brutal sah das aus. Zuerst wurde die rasierte Haut fast vollständig kreisförmig bis runter zum Knochen aufgeschnitten. An vier, fünf Stellen wurden runde Löcher in den Schädel bis zur Hirnhaut gebohrt. Von Loch zu Loch wurde der Draht der Gigli Drahtsäge
