Undercover gegen den Terror - Tom Marcus - E-Book

Undercover gegen den Terror E-Book

Tom Marcus

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Beschreibung

Tom Marcus wurde vom MI5 rekrutiert, um sein Land zu schützen – undercover gegen interne und externe Bedrohungen, den Terror und zum Schutz der größten Geheimnisse des Landes. Tägliche Entscheidungen, die Leben oder Tod bedeuten. Ein nie enden wollender Kampf, den viele seiner Kollegen nicht überleben sollten. Bei einem seiner Einsätze nahm er die Identität eines verwahrlosten Obdachlosen an – und stellte bei einem Verdächtigen außergewöhnliche Verhaltensweisen fest. Zeichen, die vielleicht niemand außer einem ausgebildeten Agenten bemerkt hätte. Tom ließ das Haus stürmen. Gefunden wurden einige Gewehre und sechs selbstgebaute Bomben. Diese hätten, so zeigte sich später, 60 Schulkinder töten sollen, die sich auf der Rückfahrt von einer Klassenfahrt befanden. Dieser fesselnde Bericht über einen Krieg, der um unserer Sicherheit willen geführt wird, weiht uns in eines der am besten behüteten Geheimnisse Europas ein – den britischen Geheimdienst MI5.

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EPUB

Seitenzahl: 390

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
 
Für Fragen und Anregungen:
[email protected]
 
1. Auflage 2017
© 2017 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
 
Original English language edition first published by Penguin Books Ltd., London
© 2016 by Tom Marcus. All rights reserved.
 
Die englische Originalausgabe erschien 2016 bei Penguin Random House UK unter dem Titel Soldier Spy.
 
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
 
Übersetzung: Martin Bauer
Redaktion: Claudia Fregiehn
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer, in Anlehnung an das Original
Umschlagabbildung: Unter Verwendung von Silas Manhood Photography Ltd/­luckyraccoon/Alamy Stock Foto
Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern
 
ISBN Print 978-3-7423-0187-1
ISBN E-Book (PDF) 978-3-95971-652-9
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95971-651-2
 
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de
 
 
 
 
 
 

Dieses Buch ist meiner Frau gewidmet. Ohne dich wäre ich schon vor langer Zeit vom Weg abgekommen. Du bist meine einzige echte Konstante.

Semper Vigilat.

 
 

Inhalt

Kapitel 1 – Der Einsatz
Kapitel 2 – Der Beginn
Kapitel 3 – Die Schulung
Kapitel 4 – Der Undercover-Agent
Kapitel 5 – Das Team
Kapitel 6 – Die Codenamen
Kapitel 7 – Der Offizier
Kapitel 8 – Die Abwehrstrategie
Kapitel 9 – Das Viertel
Kapitel 10 – Die Russen
Kapitel 11 – Die Quelle
Kapitel 12 – Der Deal
Kapitel 13 – Der Biker
Kapitel 14 – Die Operation
Kapitel 15 – Der Albtraum
Kapitel 16 – Der Neuanfang
Danksagung
 
 

Kapitel 1

Als ich meine Kleidung aus der doppelt versiegelten Tüte holte, schlug mir der Gestank von Pisse entgegen. Ich musste mich zwingen, mich nicht zu übergeben; als ich sie anzog, hielt ich den Atem an. Dann wurde sie zu einem Teil von mir. So stellen sich die meisten Menschen das Agentenleben nicht vor.

Mein verstecktes Funkgerät lief auf Hochtouren und verriet mir, was unsere Zielperson gerade tat. Ich zog meine zerfetzten Turnschuhe und meine zwanzig Jahre alte, nach Pisse stinkende Militärhose an und wartete auf meinen Einsatz. Da kamen die Worte, auf die ich gewartet hatte: »Bereithalten, bereithalten!«

Das Einsatzzentrum hatte eine versteckte Kamera vor dem Zuhause der Zielperson installiert. Unsere Zielperson befand sich nun auf der Straße, vermutlich unterwegs zu einem letzten Gebet in der Moschee. Ich wusste, mir blieben etwa zwanzig Minuten, um auf Position zu gehen. Ich musste unsere Zielperson beim Betreten der Moschee beobachten, ohne selbst gesehen zu werden, und das Team alarmieren, sobald es wieder herauskam.

In meiner Verkleidung als Obdachloser stieg ich aus dem Lieferwagen; ich stank und sah aus, als lebte ich seit Jahren auf den Straßen Nordlondons. Mit Halbfingerhandschuhen und einem durchweichten Karton bewaffnet setzte ich mich auf den Bürgersteig und wartete.

Von meinem Standort aus hatte ich den Haupteingang der Moschee gut im Blick und wusste ungefähr, aus welcher Richtung unsere Zielperson, ein junger Mann, kommen würde. Ich konnte die Gesichter aller Menschen sehen, die die Moschee betraten. Sobald unsere Zielperson die Moschee verlassen und – hoffentlich – in die andere Richtung weggehen würde, hatte ich unauffällig das Team zu informieren.

Mit einem ausgestreckten Pappbecher bettelte ich um Kleingeld, den Kopf leicht geneigt. Ich flüsterte »Null Sechs hat den Moscheeeingang« in mein verstecktes Mikrofon – ein harmloser Penner, der zu sich selbst sprach.

»Verstanden, Null Sechs. Das Ziel bewegt sich frei auf die Gegend der Moschee zu, hellgrauer Salwar Kamiz, Vollbart wie gestern, hellbraune Sandalen, an den Zehen offen.«

Ich brauchte diese Details unbedingt, um unsere Zielperson zu identifizieren. Ich konnte ja nicht Hunderte Männer mustern, die an diesem dunklen, verregneten Abend zur Moschee strömten.

»Hier Null Sechs. Das Ziel geht nordwärts auf der St. Thomas Road. Ich habe es unter Kontrolle.« Jetzt wusste mein Team, dass es zurückbleiben konnte, als Reserve für später.

Die Zielperson hatte sich allein radikalisiert, seine beiden Eltern waren Ärzte. Wir wussten seit Jahren von ihm. Er war nach Westafrika gereist, um für Boko Haram zu kämpfen und erst vor Kurzem wieder nach Hause zurückgekehrt. Mir war aufgefallen, dass sich in letzter Zeit ein blauer Fleck an seiner Stirn gebildet hatte – ein Zeichen dafür, dass er viel mehr betete. Aus E-Mails und SMS wussten wir, dass er plante, ein Massaker an einer örtlichen Schule zu begehen. Allerdings hatten wir keine Ahnung, wo und wann. Es sollte aber schon sehr bald sein. Morgen vielleicht.

Ich hegte den starken Verdacht, dass unsere Zielperson Helfer hatte – sein Angriffsplan entsprach nicht dem Stil von Feld-, Wald und Wiesen­extremisten, die wir täglich bekämpften. Und wer hatte sein Ticket nach Westafrika bezahlt?

Wir unterscheiden uns in vielerlei Hinsicht von der gewöhnlichen Polizei. Zum einen können wir in aller Regel unentdeckt arbeiten, dank unserer Ausbildung, unserer Taktik und den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Anders ausgedrückt: Die von uns Verfolgten bemerken uns nicht, und selbst wenn sie vor Gericht landen, erfahren sie immer noch nicht, wie sie aufgeflogen sind.

Die Polizei verhaftet in der Regel sofort,. Das dient dem Schutz der Bevölkerung, doch damit packt man das Problem nicht an der Wurzel, sondern schnappt meist nur Fußsoldaten. Wir hingegen interessieren uns für das ganze Netz. Wir lassen unsere Zielpersonen weiter ein normales Leben führen und zugleich ihre Attacken vorbereiten, sei das jetzt ein Selbstmordanschlag, eine Geiselnahme oder ein Massenmord. Im Lauf der Vorbereitung lernen wir die Hintermänner kennen und verschaffen uns so ein besseres Bild vom großen Ganzen.

Uns geht es darum, Terrorstrukturen zu verstehen, ihre Vorgehensweise zu durchschauen Finanzströme zurückzuverfolgen, Anwerbemethoden, Pläne, Hierarchien und Komplizen kennenzulernen. Wir zielen nicht darauf ab, einen bestimmten Anschlag zu verhindern – sondern darauf, anhand dieses einen Anschlags zehn weitere zu erkennen und zu verhindern.

Während die Gläubigen in Scharen auf die Moschee zuströmten, fiel mir wieder auf, wie wenige Frauen sich darunter befanden.

»Hier Basis. Null Sechs, hörst du mich?«

»Ja. Ja, ich höre.« Genau in diesem Augenblick warf eine freundliche, etwas verklemmte Frau Kleingeld in meinen Becher, doch ich konnte an ihrem Gesicht ablesen, dass mein Gestank sie anwiderte.

Jetzt lagen 27 Pence in meinem verbeulten Starbucks-Becher. Die Einsatzleitung berichtete, das Ziel sei von einer nahe gelegenen Überwachungskamera erfasst worden. Ich hörte das erfreut, denn ich wusste zwar, dass ich den Richtigen im Auge hatte, trotzdem bekam ich das gern von einem frischen Augenpaar bestätigt.

»Null Sechs an alle«, gab ich durch. »Ziel ist IN, IN der Moschee. Ich melde, wenn es wieder herauskommt, aber ich KANN NICHT mit hinein.«

Bis dahin würde totale Funkstille herrschen. Ich hasste diese Stille. Ohne das Geplauder der anderen fühle ich mich allein. Meine Beine waren taub geworden, die Kälte kroch vom Boden in meine Hüfte. In meinen zerfetzten Turnschuhen wackelte ich mit den Zehen, um das Blut zum Fließen zu bringen, und ich schnorrte die Passanten leise um Geld an. Doch es hatte angefangen zu regnen, es war kalt geworden, und die Menschen hasteten vorbei, ohne mich zu beachten. Selbst eine Polizeistreife ignorierte mich. Ich ging ganz in meiner Tarnung auf. Sie funktionierte perfekt.

»Null Sechs an alle«, flüsterte ich in mein verstecktes Mikrofon. »Menschen strömen in Massen aus der Moschee.«

Zuerst kamen die Frauen heraus, die meisten trugen eine Abaya über ihrer normalen Kleidung. Sechzehn verließen die Moschee, eine miteinander plaudernde Gruppe von vierzehn Frauen, dahinter zwei Nachzüglerinnen. Vorher hatte ich vierzehn Frauen hineingehen sehen. Hatte ich mich getäuscht? Bestimmt nicht.

»Hier Null Sechs. Teamleiter, hörst du mich?«

»Ich höre.«

»Alle Positionen sollen nach dem Ziel Ausschau halten. Es hat möglicherweise sein Äußeres verändert.«

Ich war mir nicht hundertprozentig sicher, doch das Team musste bedenken, dass sich das Ziel in der Moschee verkleidet haben könnte.

Als die männlichen Gläubigen die Moschee verließen, konnte ich unser Ziel nicht entdecken. Ich wusste, da stimmte etwas nicht.

»Hier Null Sechs, die Leute kommen in Scharen aus der Moschee, alle Zugangswege überwachen.«

Die meisten Gläubigen gingen Richtung Süden, von mir weg. Darauf waren wir eingestellt und es war gut für meine Tarnung, doch so hatte ich keine Chance, mein Ziel zu entdecken.

Auch die Frauengruppe verließ die Moschee Richtung Süden. Nur die zwei in Burkas gehüllten Nachzüglerinnen liefen direkt an mir vorbei. Im Regen saugten sich die Säume ihrer Gewänder voll Wasser.

Gerade als die zwei an mir vorbeigingen, hörte ich über Funk: »Ich habe einen möglichen Kontakt. Die Kleidung stimmt, die Person befindet sich 150 Meter südlich der Moschee und kommt näher. Das Gesicht kann ich noch nicht erkennen.«

Verdammt, wie hatte ich das übersehen können? Ich hatte den Ausgang immer im Blick gehabt, und bis dahin war mir noch nie jemand beim Verlassen der Moschee entgangen. Gerade als ich antworten wollte, erhaschte ich einen Blick auf den Fuß einer der zwei Frauen. Unter ihrer Burka sah ich eine hellbraune Sandale mit offenen Zehen.

»NULL SECHS AN ALLE. Das Ziel könnte sich nordwärts bewegen, als Frau verkleidet. Schwarze Burka, hellbraune Sandalen, an den Zehen offen, 1,68 m groß, in Begleitung einer weiteren, ähnlich aussehenden Person. Basis, bitte bestätigen.«

»Verstanden, Null Sechs. Das Team verfolgt weiter das wahrscheinliche Ziel, das sich südlich von der Moschee entfernt.«

Da das Team noch immer nicht das Gesicht des Ziels identifiziert hatte, musste ich aktiv werden. Doch wenn ich jetzt einfach vom triefnassen Bürgersteig aufstand, riskierte ich, von einem möglichen Komplizen des Ziels beobachtet zu werden. Vielleicht stand ja jemand Schmiere und passte auf, dass der Typ nicht beschattet wurde.

»Hier Null Sechs. Achtet auf die Sandalen. Sind es die gleichen?«

»Aus dieser Entfernung nicht zu sehen.«

Wenn unsere Zielperson sich wirklich als Frau verkleidet hatte, so viel war klar, plante derjenige, unbemerkt aus der Gegend zu verschwinden. Wir sprechen dabei von »operativem Vorgehen«. Wenn jemand solche Mühen auf sich nahm, um möglichen Beobachtern zu entkommen, dann bedeutete das Übles: Ein Anschlag stand unmittelbar bevor.

In diesem kritischen Stadium würden wahrscheinlich Komplizen aufpassen, ob die Zielperson verfolgt wird, deshalb musste ich sehr umsichtig vorgehen. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass gerade zwei verkleidete Männer an mir vorbeigegangen waren. Im Sprechfunk ging es wild durcheinander, die Zentrale verlangte mehr Informationen, einzelne Agenten meldeten mögliche Ziele und ruderten dann wieder zurück – viele Gläubige ähnelten unserem Ziel, doch das Ziel selbst blieb verschwunden.

Auf der mir gegenüberliegenden Straßenseite war ein Schnapsladen. Mühsam und umständlich erhob ich mich, blickte in meinen Pappbecher, ließ das Kleingeld klimpern und schlurfte zum Laden hinüber. Die Burkas entfernten sich weiter von mir, inzwischen gingen sie etwa dreißig Meter vor mir. Sie hatten ihren Schritt beschleunigt und schlängelten sich zwischen den anderen Fußgängern durch. Ich musste jetzt schnell sein.

Ich blickte durch das Schaufenster und spielte eine Komödie, als überprüfe ich die Preise des billigsten Alkohols und den Inhalt meines Bechers, nur um dann enttäuscht davonzuschlurfen, Richtung Norden. Die zwei Burkas befanden sich inzwischen schon fünfzig Meter entfernt. Die Situation entglitt mir allmählich.

»Basis, hier Null Sechs. Ich verfolge die zwei möglichen Ziele in nördlicher Richtung.«

»Verstanden, Null Sechs. Du bist allein, bis das Ziel bestätigt ist.«

In diesem Moment fühlte ich mich alleingelassen von meinem Team und den Vorgesetzten in der Zentrale. Ich hatte vor der Moschee einen wichtigen Auftrag gehabt und ihn vermasselt, aus welchen Gründen auch immer. Ich wusste, dass das Team mir und meiner großen Erfahrung vertraute. Trotzdem wurde ich des Gefühls nicht los, gerade Mist gebaut zu haben – gerade jetzt, wo ein Anschlag unmittelbar bevorstand.

Mein Problem war inzwischen, dass ich mich möglichst schnell aus einem Obdachlosen in einen normalen Passanten verwandeln musste, der nach Hause eilte. Nur so würde ich die immer größer werdende Lücke zu den zwei schwarzen Gestalten schließen können.

Es ist schwierig, sein Äußeres auf offener Straße zu verändern, ohne dabei aufzufallen. Glücklicherweise würde wohl bald die Müllabfuhr hier vorbeikommen, denn überall standen Tonnen und Abfallsäcke am Straßenrand herum. Ich verfolgte die zwei Burkas auf der gegenüberliegenden Straßenseite und näherte mich einer ausgelassenen Gruppe, die offenbar gerade aus dem Pub kam und sich entsprechend benahm. Schnell öffnete ich meine eklige Kampfjacke und nahm sie in die rechte Hand, während ich an einer Mülltonne vorbeiging. Ich hob den Deckel schnell, aber unauffällig an, warf die Jacke hinein und ließ den Deckel leise wieder herunter, um meine betrunkenen Freunde nicht zu erschrecken.

Dann überquerte ich geradewegs die Straße, duckte mich hinter einem fahrenden Bus und warf meine Wollhandschuhe weg. Es klingt zwar blöd, aber in diesem Augenblick dachte ich: Verdammt, ich habe diese Klamotten schon seit Jahren. Wehe, wenn das jetzt nicht unser Mann ist!

Meine Kampfhose musste ich auch noch loswerden. Es blieb mir nichts übrig, ich musste das Risiko eingehen. Als ich dem Ziel wieder ein wenig näher gekommen war und mir die zehn Sekunden leisten konnte, schlüpfte ich eine dunkle Seitengasse und zog mir die Hose runter. Da fiel mir ein Obdachloser auf, der unter einem Karton Schutz vor Kälte und Feuchtigkeit gesucht hatte. Sein Gesicht war verdreckt, die Haare waren lang und fettig, doch sein Blick wirkte klar.

Ich lallte »die Arschlöcher haben mich angepisst« und ließ meine zwanzig Jahre alte Militärhose auf dem Boden zurück. Zeit, diese zwei Burkas endlich unter Kontrolle zu bekommen!

Ich sah gerade noch, wie eine dunkle Gestalt an der nächsten Kreuzung nach rechts, in östlicher Richtung abbog. Sie war gut hundert Meter von mir entfernt. Ich beschleunigte meinen Schritt gerade so stark, dass ich noch nicht auffiel. Im Funk herrschte inzwischen Chaos. Von unserem Ziel nirgendwo eine Spur; das Team überprüfte gerade ein Fahrzeug, in dem jemand saß, der unserem Ziel ähnlich sah, kilometerweit von unserem Standort entfernt.

Ich musste die Straße noch einmal überqueren, um der Gefahr zu entgehen, der Zielperson blind um eine Ecke zu folgen und in einen Hinterhalt zu geraten.

Als ich die Straße endlich einsehen konnte, sah ich nur noch eine einzige Person mit Burka. Ihre Größe passte ungefähr, es handelte sich wohl um eine der zwei Personen, die ich verfolgte. Doch wo zur Hölle war die andere?

So etwas erlebt man sonst nur in Albträumen. Jetzt brauchte ich Hilfe. Gerade als ich funken wollte, hörte ich hinter mir eine Haustür zuschlagen. Ich widerstand dem Drang, mich auf der Stelle umzudrehen. Ich tat so, als ob ich in Hundekacke getreten wäre und jetzt versuchte, sie von meinen Sohlen abzukratzen. Bei dieser Aktion konnte ich mich unauffällig nach hinten umsehen.

Der Mann, der gerade aus dem Haus gekommen war, stieg jetzt in ein Auto. Er war 1,68 bis 1,83 m groß, schmächtig wie unsere Zielperson und definitiv aus Somalia. Aber er war glatt rasiert. Ich konnte nicht hundertprozentig sicher sagen, dass es sich um unseren Mann handelte.

»Basis, hier Null Sechs, mögliche Sichtung des Ziels, inzwischen glatt rasiert. Steigt in einen grünen Toyota Yaris, Nummernschild folgt.«

Wenn man dieses Spiel lang genug gemacht hat, entwickelt man ein gutes Gespür dafür, wie Zielpersonen ihr Verhalten verändern, wenn es auf die Zielgerade geht. Meiner Ansicht nach hatten wir unseren Mann beim Verlassen der Moschee verpasst, weil er sich getarnt hatte. Nun hatte ich in der Gegend, in der er verschwunden war, einen ähnlich großen und schmächtigen, aber glatt rasierten Somalier entdeckt. In dieser Phase sagte mir das: Der Typ hat seinen Körper für das große Finale gereinigt, seine Attacke steht unmittelbar bevor.

»Hier Null Sechs, Nummernschild lautet unvollständig YANKEE SECHS NEUN SECHS OSKAR TANGO. Basis, bitte bestätigen.«

»Hier Basis. Verstanden. An alle: Ausschau halten nach einem Fahrzeug mit vollständiger Zulassungsnummer YANKEE SECHS NEUN SECHS OSKAR TANGO YANKEE. Es gehört dem Onkel des Ziels!«

»Hier Null Sechs, verstanden. Das Auto fährt jetzt frei Richtung Westen, zuletzt sah ich es rechts blinken, nordwärts.«

Die Basis glaubte wie ich, dass es sich wahrscheinlich um unsere Zielperson handelte. Der Umstand, dass der Mann ein Fahrzeug benutzte, das er vorher noch nie benutzt hatte, war ein Hinweis auf operatives Verhalten.

Unter normalen Umständen wäre ich jetzt auf direktem Weg zurück zu meinem Fahrzeug gegangen oder hätte mich abholen lassen, doch die Jagd lief ja noch, und ich wollte mitmischen.

»Hier Null Sechs, nimmt mich irgendwer mit?«

»Ich, TC! Geh zur Hauptstraße, ich komme gerade durch.«

Obwohl unsere Kommunikation bestens verschlüsselt war, auf Niveau Top Secret, und selbst die besten Hacker Chinas zehn Jahre brauchen würden, um diese Verschlüsselung zu knacken, verwendeten wir im Funkverkehr praktisch nie Klarnamen, sondern ausschließlich Dienstnummern.

Ich konnte die Anspannung in den Stimmen der anderen hören – und sie waren zu Recht nervös: Wenn wir das Fahrzeug nicht bald fanden, würde unsere Zielperson ein Blutbad in einer Schule anrichten.

Ich sah ein Teamfahrzeug, das sich rasch durch den Verkehr schlängelte, und wusste, das ist meine Mitfahrgelegenheit. Ich sprang auf den Beifahrersitz und sagte der Basis Bescheid, dass ich nicht mehr zu Fuß unterwegs war, sondern in einem Teamfahrzeug.

»Null Sechs, komplett Charlie Neun«

»An alle. Das Fahrzeug bewegt sich westlich auf der A110, momentan befindet es sich in Enfield an der Einmündung Silver Street.«

Unser Ziel musste ganz schön auf die Tube gedrückt haben, um in so kurzer Zeit so weit zu kommen. Ganz offensichtlich wollte da jemand keinerlei Risiko eingehen, verfolgt zu werden. Das Team schwärmte aus in die Gegend, auf der Suche nach dem Toyota Yaris. Ich hörte, wie die Teamfahrzeuge durchgaben, welche Gebiete sie überprüften: »Überprüfe nordwärts auf der Silver Street Richtung Polizeiwache.«

»Ich bin westlich auf der A110 unterwegs, Richtung McDonald’s.«

»Ich überprüfe die London Road südwärts, Richtung Argos.«

Mithilfe von gemischten Angaben von Himmelsrichtungen und markanten Punkten lässt sich die Suche am besten koordinieren – wobei wir natürlich nicht wie eine Polizei- oder Sondereinheit bei der Verfolgung von Verbrechern durch die Gegend brettern durften. Wir mussten uns weiter unauffällig verhalten und trotzdem unser Ziel schnellstmöglich aufspüren.

Und dann sah ich es: »Hier Charlie Neun. Das Fahrzeug parkt an der Willow Road, westliche Seite, an der Einmündung der Peartree Road. Front zeigt nach Norden. Ein Insasse, Fahrerseite.«

Es ist ein tolles Gefühl, Fahrzeuge oder Zielpersonen zu entdecken, über die man vorher keine Kontrolle hatte. Und man bekommt sofort Lob von der ganzen Mannschaft.

»Basis, verstanden. Charlie Neun, könnt ihr die Kontrolle behalten?«

Ich saß im Auto, weshalb die Basis mich jetzt als Charlie Neun an­sprach.

»Ja. Ja!«

»Basis, verstanden. ZUGRIFF in etwa DREI.«

Unsere Bosse hatten beschlossen, der Sache hier ein Ende zu machen und den Fahrer des Autos zu verhaften. Der Zugriff würde normalerweise durch bewaffnete Kräfte der SO19, der Antiterroreinheit der Londoner Polizei, geschehen. Doch angesichts der dringlichen Lage würden heute wohl die Elitesoldaten der Spezialeinheit SAS1 eingreifen, die unserem Team zugeteilt waren. Ihre Aufgabe lautete, das Ziel festzunehmen, doch wenn es Widerstand leistete, durften sie es auch töten.

»Charlie Neun, verstanden, keine Veränderung.«

Die folgenden drei Minuten fühlten sich an wie eine Ewigkeit. Keinerlei Funkgeplapper, mit angehaltenem Atem warteten alle auf neue Informationen aus der Zentrale oder auf die Hiobsbotschaft von meiner Seite, dass die Zielperson sich wegbewegte.

Aus dem Augenwinkel sah ich den ersten Range Rover unbeleuchtet aus der Seitenstraße herausschießen und seitlich die Fahrertür des Toyota Yaris rammen. Kaum stand der danach wieder mit allen vier Reifen auf dem Boden, rauschten schon zwei weitere Range Rovers von Norden und Süden heran und keilten den Toyota ein – oder das, was von ihm noch übrig geblieben war. Das Innere war erfüllt von Airbags, und unten tropften verschiedene Flüssigkeiten aus dem völlig zerstörten Wrack.

Eingespielt wie ein Uhrwerk schlug das Einsatzkommando die Windschutzscheibe ein – man sah sofort, wie oft die Soldaten das geübt hatten –, zog den Mann wie eine Stoffpuppe aus dem Auto und warf ihn auf die Kühlerhaube eines Range Rover. Es waren zwei SAS-Hünen in typischer Undercover-Kleidung – praktische Kampfhose in Zivilfarbe, eine Art Wanderstiefel, Pistolenhalfter am Oberschenkel. Sie fesselten die Zielperson mit Kabelbindern, dann tauchte aus dem Nichts ein dritter auf, zog dem Mann eine schwarze Kapuze über den Kopf und schubste ihn in den Laderaum eines fensterlosen Ford Transit.

Nachdem der Lieferwagen weggefahren war, setzten die Range Rovers zurück und folgten ihm zur Polizeiwache Paddington Green, wo alles für die Inhaftierung und Befragung von Terrorverdächtigen eingerichtet ist.

»Basis an Charlie Neun, bitte kommen.«

»Hier Charlie Neun.«

Die Zentrale wies uns an, vor Ort zu bleiben, bis SO19 und die Staatsschutz-Einheit Special Branch2 den zerstörten Toyota Yaris mitgenommen hätten. Schon nach wenigen Minuten erschienen uniformierte Polizisten, außerdem Special-Branch-Leute – wie immer in Zivil – und ein unauffälliger Abschleppwagen. Es waren auch schnell Gaffer da, die den Krach gehört, aber die dramatische Verhaftung glücklicherweise verpasst hatten.

»Basis an alle. Einsatz beenden und abziehen. Bitte der Reihe nach bestätigen.«

Mein Kollege brachte mich zurück zu meinem Van, den ich dann zurück zur Zentrale fuhr. Während der Nachbesprechung roch ich noch ein wenig nach Penner. Ich ging die vergangenen Stunden im Kopf noch einmal durch. Das musste einfach unsere Zielperson gewesen sein. Doch was, wenn nicht? Wie hätte ich ihn übersehen können, wenn er sich nicht getarnt hätte? Wer war die Person in der zweiten Burka? Ein Komplize? Ich suchte nach Antworten, die ich wohl nie bekommen würde.

Als ich durch die verspiegelten Glastüren kam, sah ich mein Team, den Einsatzleiter und zwei höherrangige Beamte, die wir normalerweise nur zu Gesicht bekamen, wenn wir Mist gebaut und versehentlich den Falschen getötet hatten.

Bei der Nachbesprechung erfuhren wir, dass unser Ziel tatsächlich in dem Fahrzeug gesessen hatte. Er hatte sich den Bart abrasiert. Im Kofferraum befanden sich sechs selbst gebastelte Rohrbomben, die von einem brandneuen Prepaid-Handy gezündet werden konnten, das der Verhaftete bei sich trug. Beamte des Special Branch fanden auch chinesische Sturmgewehre vom Typ 56 und acht volle Magazine. Dieser Kerl hatte es auf eine örtliche Schule abgesehen. Er hatte geplant, zwei Busse mit Schulkindern zu attackieren, die gerade von einer Klassenfahrt nach Frankreich zurückkamen. Etwa sechzig Kinder, mitreisende Lehrer und die wartenden Eltern – der Attentäter wollte sie alle um­bringen.

Nachdem die beiden hohen Tiere uns verlassen hatte, bereitete uns der Einsatzleiter auf unseren nächsten Auftrag vor: Morgen würde ein hochrangiges IRA-Mitglied nach Glasgow reisen, um sich mit anderen Mitgliedern der IRA-Führung in einem Pub zu treffen. Es hieß, es ginge dort um geplante Ermordungen von nordirischen Polizeibeamten, wodurch der Friedensprozess gestoppt werden sollte.

So endete ein weiterer Tag – ohne Lob, ohne Dank, ohne Klaps auf die Schulter und definitiv ohne Orden.

Wir tun unseren Job nicht, um Anerkennung einzuheimsen oder von der Queen gelobt zu werden.

Manche melden sich aus Pflichtgefühl zum Dienst bei uns, andere wollen Gutes tun, indem sie das Böse bekämpfen.

Ich mache das hier, weil ich nichts anderes kann. Ich bin ein Menschenjäger – und ein verdammt guter.

1 Der Special Air Service ist eine Spezialeinheit der British Army, die 1941 während des Zweiten Weltkriegs gegründet wurde. Zu den Aufgaben zählten Aufklärung und Sabotageaktionen. Heute wird die Spezialeinheit unter anderem im Inland als Antiterroreinheit eingesetzt. (Anm. d. Ü.)

2 Special Branch ist eine Polizeieinheit, die in Großbritannien für die Terrorabwehr und für die nachrichtendienstliche Beschaffung von Informationen mit politischem und eventuell staatsfeindlichem Hintergrund zuständig ist. (Anm. d. Ü.)

 
 

Kapitel 2

Als ich klein war, hatte ich keine Familie im üblichen Sinn. Mein Vater war Alkoholiker, der uns misshandelte – die Sucht brachte ihn schließlich um. Sein Alkoholmissbrauch begann, als er als Infanterist in der Armee diente. Meine Mama hielt Armut und Gewalt nicht mehr aus und lief davon, als ich sechs Jahre alt war. Seitdem schlug ich mich mehr oder weniger allein durch. Ich wuchs auf den harten Straßen einer wachsenden Stadt im Norden auf, schlief gelegentlich in besetzten Häusern und machte mich ganz allein fertig für die Schule. Selbst damals wusste ich schon, dass das Leben mehr zu bieten haben musste. Ich war wild entschlossen, aus diesem Haufen Scheiße etwas zu machen.

Eines Morgens fiel mir auf dem Weg zur Schule ein nagelneuer Ford Cortina auf. Ich war acht und wusste nicht, dass es gefährlich sein konnte, mit Fremden zu reden. Also fragte ich den Fahrer, was er arbeitete, um sich so ein tolles Auto leisten zu können. »Kleiner, was ich mache, ist ein paar Nummern zu groß für dich. Geh du mal schön zur Schule.« Diese arrogante Antwort bekräftige mich nur in meiner Entschlossenheit, etwas aus mir zu machen.

In der Schule bekam ich keine guten Noten, auch körperlich gehörte ich nicht zu den Stärksten. Ich war das dreckige, ungekämmte Kind in der Ecke, mit dem niemand sprach. Niemand mobbte mich, doch es ließ mich auch niemand mitspielen. Ich war der totale Außenseiter. Doch an jenem Tag tat mir der Fahrer des Ford Cortina einen Gefallen mit seiner Unterstellung, ich würde immer arm bleiben und es nie zu etwas bringen. Wenn schon ein völlig Fremder spontan ein solches Urteil über mich fällte, taten das alle anderen vermutlich auch. Ich musste mir ja sogar das Geld selbst besorgen, wenn ich meine Kleidung im Waschsalon um die Ecke waschen wollte.

Von einer Baustelle stahl ich einen Eimer und begann, irgendwelche am Straßenrand geparkten Autos zu waschen. Ich tat das in der Nähe meiner Schule, damit kein Bekannter mich sah und meinem Vater Bescheid sagte. Ich fragte vorher gar nicht, sondern wusch einfach alle Autos in der Straße. Die Eigentümer, so hoffte ich, würden bemerken, wie schön ihre Autos glänzten, und mir etwas dafür geben. Das Wasser holte ich vom Wasserhahn auf unserem Pausenhof. Ich wusch die Autos mit bloßen Händen. Das Ergebnis sah ganz anständig aus, und mit dem Geld würde ich mir vielleicht mal etwas Besseres zum Abendessen kaufen können als Bohnen und Toast.

Als ich gerade das dritte Auto wusch, sah ich einen Fettkloß mit nach vorn gestreckten Fäusten auf mich zu stapfen. Er trug eine Warnweste und dreckige Jeans. Super, dachte ich, jetzt bekomme ich meinen ersten Lohn, und legte noch mal eine Schippe drauf, damit der Mann merkte, wie ernst ich die Reinigung seines Autos nahm. Leider bekam ich kein Geld: Dem Mann gehörte die Baufirma, der ich den Eimer gestohlen hatte, und er hatte das Logo darauf wiedererkannt.

Er brüllte: »Hör zu! Mein Eigentum, meine Regeln.« Dann trat er den Eimer um und stieg mit seinem schweren Stiefel so fest drauf, dass er in Dutzende Stücke zerbrach.

Ich beobachtete, wie sein fetter Arsch davonwatschelte, und lernte meine zweite wichtige Lektion: Es gibt immer größere Hunde mit schärferen Zähnen, aber auch Straßenköter schlagen sich irgendwie durch. Um auf den Straßen überleben zu können, musste ich lernen, Bedrohungen rechtzeitig kommen zu sehen. Der Kerl hätte geradeso gut auf meinem Kopf herumtrampeln können statt auf dem Eimer. Ich war ein Kind und ganz allein, doch deswegen musste ich noch lange nicht schlucken, was das Leben mir so hinwarf. Irgendwo da draußen wartete meine Chance, und ich würde so lange weitersuchen, bis ich sie gefunden hatte.

Soldat zu werden war für mich keine Notlösung, ich empfand den Schritt nicht als letzte Option. Ich entschloss mich aktiv dazu. Ich wollte zu einer Familie gehören, Teil einer Gruppe sein, die für das Gute kämpft.

Es regnete, als ich das Rekrutierungsbüro der Armee betrat. Ein etwas übergewichtiger Infanterist saß hinter einem Schreibtisch und begrüßte mich.

»Sohn, wie alt bist du?«

»Fünfzehn. Ich bin fünfzehn und ich will Soldat werden.«

Ich merkte, dass er mir das nicht zutraute. Ich merkte es an seinem leicht ironischen Lächeln, an seinem Zögern, bevor er mir einen Stuhl anbot, und dem Blick, den er mit einem Kollegen austauschte.

Er beschrieb mir, was die britische Armee tat, welche Spezialisierungen und Einstellungsvoraussetzungen es gab, aber er tat es völlig lustlos; er versuchte gar nicht, mich zu rekrutieren.

»Haben Sie jemals auf der Straße gelebt?«, unterbrach ich seinen gelangweilten Vortrag. Dabei brach meine Stimme, sodass sie noch höher klang.

»Sohn, ich habe im Falklandkrieg gekämpft! Auf der Straße leben ist für unsereins ein Honigschlecken.«

Ich richtete mich auf und fühlte mich ein paar Zentimeter größer werden.

»Krieg? Mit all den Kameraden, die einem beistehen? Mit all dem Essen im Tornister? Ich weiß, ich bin jung und Sie wollen mich nicht, aber ich bin ganz ohne Eltern klargekommen. Ich schaffe das. Ich brauche nur eine Chance.«

Der Mann blickte seinen Kollegen an, verblüfft, wie entschlossen dieser Knirps seine Sache vertrat. Man konnte ihm seine Gedanken im Gesicht ablesen.

Er gab mir eine Broschüre der Royal Engineers und erklärte mir, was ich als Nächstes tun musste.

»Um Mechaniker zu werden, brauchst du einen anständigen Schulabschluss – der Armee fehlen gerade ein paar Schmieröl-Affen, die TCBs reparieren können. Du wirst die Welt sehen, Sohn, aber hör mir gut zu!« Er beugte sich gerade so weit vor, dass ich Zigarettenrauch und Kaffee in seinem Atem riechen konnte. »Ich rede erst wieder mit dir, wenn du deinen Abschluss hast. Und wenn du nicht klug genug bist, dann SCHREIB GEFÄLLIGST AB!«

Ich wanderte die acht Kilometer zurück nach Hause und drückte die Broschüre so fest an mich, dass ich sie abends im Bett kaum mehr lesen konnte, so zerknüllt war sie. Ich tat genau, was der Anwerber gesagt hatte: Ich schrieb bei meinen Abschlussprüfungen ab und ging mit sechzehn als Azubi zur Army – zu jung, um wählen, Schnaps trinken oder einen Horrorfilm ansehen zu dürfen.

Nach meiner Lehre als Mechaniker kam ich nach Deutschland. Damals war mein Regiment das größte der ganzen Army, 1500 Soldaten auf einem Stützpunkt. Bald stellte sich heraus, dass ich als Mechaniker nicht viel taugte. Ehrlich gesagt, war ich richtig scheiße. Aber ich konnte laufen, ich war schnell und fit.

Eines Tages rief mich der Leiter unserer Werkstatt, ein Major, in sein Büro. »Marcus, das hier ist nichts für dich. Du machst einen Lehrgang als Fitnesstrainer und arbeitest danach im Kraftraum.«

Jeden Tag Sport und zusammen mit nur vier Kollegen für die Fitness von 1500 Soldaten verantwortlich sein? Das klang doch wunderbar!

Den Lehrgang bestand ich problemlos: Man musste sich nur immer hundertprozentig reinhängen, sich den Stoff einprägen, und ehe man sich versah, trug man das begehrte Abzeichen mit den gekreuzten Schwertern und war Ausbilder.

Alle Soldaten mussten halbjährlich zum Fitnesstest, der aus Liegestützen, Rumpfbeugen und einem 1,5-Meilen-Lauf bestand. Unser neuer kommandierender Offizier, der CO, der gerade von einem Auslandseinsatz mit der Special-Operations-Einheit zurückgekommen war, schummelte bei den Sit-ups: Er half mit den Hüften nach, anstatt die inneren Bauchmuskeln zu benutzen. Ich ging zwischen den Turnmatten auf und ab, um genau diese Art von Schummelei zu verhindern, und ermahnte ihn, dass die geschummelten Rumpfbeugen nicht zählten.

Nach den Tests las ich die Namen derjenigen vor, die nicht bestanden hatten und täglich um 5.30 Uhr morgens zum Zusatztraining mussten. Der Name des CO – ein Oberst – war auch auf der Liste. Auch er würde zwei Wochen lang in aller Herrgottsfrühe antreten müssen, bis zum Nachtest kurz vor Weihnachten.

Die folgenden vierzehn Tage wurden interessant. Der Spieß, der für die Disziplin unserer Einheit verantwortlich war, hätte mich am liebsten erwürgt.

Regelmäßig drohte er, mich in den Bunker zu werfen, weil ich den CO bloßgestellt hätte. Nur mein direkter Vorgesetzter bewahrte mich davor, in den Bau zu gehen. Er war selbst früher beim SAS gewesen und zeigte Verständnis für meinen Standpunkt: Ich wollte mich hier nicht aufspielen, hier ging es schlicht um soldatische Disziplin.

»Wenn er von seinen Soldaten etwas verlangt, dann muss er es auch selbst tun können. Er muss mit gutem Beispiel vorangehen.«

Und so ertrug ich jeden Morgen die finsteren Blicke des Obersts, während ich ihn wie alle anderen zwiebelte, um sie für den Nachtest fit zu bekommen. Endlich kam der letzte Appell vor dem Weihnachtsurlaub.

Jedes Jahr hielten der CO und der Spieß eine Rede, bevor wir alle über Weihnachten nach Hause entlassen wurden. Der Inhalt glich sich von Jahr zu Jahr: Die Herausforderungen des nächsten Jahres, die Erfolge des vergangenen Jahres, und bitte lasst euch nicht verhaften. Doch dieses Jahr, drei Monate nach den Anschlägen auf das World Trade Center, lautete die Botschaft ein wenig anders: Kommt alle gesund wieder!

Urplötzlich schlug die Stimmung um, und der CO bellte: »Stabsfeldwebel!«

Der Spieß, ein Koloss von einem Mann, schritt direkt auf mich zu. Ich fühlte, wie ich immer kleiner wurde. Ich ging in Habachtstellung, meine Nase berührte fast seine Brust. Ich dachte, jetzt komme ich in den Bunker und dort verbringe ich dann Weihnachten. Gibt es da überhaupt ein Weihnachtsessen? Verdammte Scheiße, Mann!

Der CO ließ sich derweil lautstark darüber aus, wie ein »kleiner Hitler« sich über die Regeln der militärischen Hierarchie hinweggesetzt und seinen Vorgesetzten den notwendigen Respekt verweigert habe. Dem müsse ein Ende gemacht werden.

Ich spürte den Atem des Stabsfeldwebels und erwartete, jeden Moment abgeführt zu werden. Doch ich zeigte meine Angst nicht. Ich musste zu dem stehen, was ich gemacht hatte.

Und plötzlich trat der Spieß einen Schritt nach rechts zur Seite. Ich spürte die Erde beben, als seine Stiefel Größe fünfzig auf den Boden knallten. Jetzt hatte ich freien Blick auf den CO, der auf mich zukam. Seine Haare waren etwas zu lang, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Uniform saß wie gewohnt etwas schief. Sie wirkte an ihm immer irgendwie unpassend, vielleicht weil er zuvor undercover gearbeitet hatte.

Ich blickte meinem Oberst direkt ins Gesicht. Jetzt würde ich auch nicht mehr zurückweichen. Er stellte sich vor mich, redete aber laut genug, dass alle am Exerzierplatz ihn hören konnten. »Dies als Anerkennung für den Mann im Regiment, der bewiesen hat, dass er wirklich einen Arsch in der Hose hat!«

Dann zog er die Flasche Champagner hervor, die er hinter seinem Rücken versteckt hatte, beugte sich zu mir und sprach mir ins Ohr: »Viel Spaß im Weihnachtsurlaub, aber du kommst nicht wieder. Nach Neujahr machst du die Aufnahmeprüfung für die Special Operations. Und jetzt verpiss dich!«

Während meine Kameraden mir noch anerkennend auf die Schulter klopften, konnte ich nichts anderes denken als: Was sind Special Operations? Und was macht man da?

Am Neujahrstag saß ich auf dem Bahnsteig des kleinen Bahnhofs, zu dem ich kommandiert worden war. Ich hatte noch immer keine Ahnung, was jetzt kommen würde, was die Sondereinheit überhaupt tat und ob ich den Auswahlprozess bestehen würde. Einer meiner zukünftigen Ausbilder näherte sich mir. Er trug zivile Wanderkleidung.

»Bist du in einem Kurs?«, fragte er mich, wobei er die Passfotos auf seinem Klemmbrett mit meinem Gesicht abglich.

Ich nickte und wurde zu einem Bus gebracht, der vor dem Bahnhof wartete. Alles wirkte sehr ungewohnt: Keine Uniformen, keine Dienstgrade, keine Militärfahrzeuge. Als ich mir die anderen Rekruten betrachtete, wurde mir klar, dass ich mit Abstand der jüngste war. Wenn ich zu dieser Einheit gehören wollte, was auch immer sie tat, würde ich mein Bestes geben müssen, so viel stand fest.

An jenem ersten Abend inmitten von Unteroffizieren fühlte ich mich wie ein Küken unter stattlichen Hähnen. Ich spürte, dass die anderen dachten, ich gehöre nicht hierher. Ihrer Ansicht nach musste man wohl schon in einer Elitetruppe wie den Fallschirmjägern oder den Marines gedient haben, um hier mithalten zu können. Und dann war da noch mein Alter.

Es folgten zwei knüppelharte Stunden Sport in absoluter Finsternis, danach wurden wir in einen glühend heißen, stockdunklen Raum gesteckt  – um den Effekt des Schlafmangels noch zu verstärken – und mussten Fahrzeuge identifizieren. Mir fiel das ganz leicht, denn ich liebte Autos, und der Umstand, dass ich mir keines leisten konnte, hatte die Leidenschaft nur noch verstärkt. Wir wurden mit einer Unzahl von Fotos bombardiert: ein Ford Orion von der Seite, das Rücklicht eines Ford Transit und so weiter. Ich war in meinem Element. Obwohl ich mich nicht übermäßig oft meldete, bekam ich bald den Spitznamen »kleiner Raser«. Mein Ruf war besiegelt, als ein Ausbilder, der unterstreichen wollte, wie wichtig es sei, auf Details zu achten, die Klasse fragte: »Ihr wisst alle, wo die 70-Meilen-Marke auf dem Tacho ist, doch wie vielen Kilometern pro Stunde entspricht das? Der entsprechende Strich – etwas kleiner gedruckt – befindet sich auf den meisten Tachos direkt daneben.«

Ohne nachzudenken, meldete ich mich. Ich wusste, dass es 110 km/h waren.

»Hand runter, kleiner Raser, von dir brauche ich keine Antworten mehr.«

Die drei Ausbilder blickten sich an, während ich meine Hand senkte. Sie hatten wohl gemerkt, dass ich auf kleinste Details achtete.

Das Härteste am Auswahlprozess fand ich nicht das Waffentraining mit SAS-Leuten oder den Schlafmangel, sondern das Aufsatzschreiben. Drei Nächte verbrachten wir in Camp eins, wo wir körperlich geschunden und mit Schlafentzug gequält wurden. Mitten in der Nacht brachte man uns in einen glühend heißen Raum, wo wir uns auf Tische setzen und einen Dokumentarfilm ansehen sollten. Sobald das Video über die Stämme Burmas angefangen hatte, gingen die Ausbilder hinaus und machten das Licht aus. Schon allein die Augen dabei offen zu halten war ein Kampf. Und dann sollten wir uns noch die Einzelheiten aus dem Film merken! Eine Stunde später, als der Abspann lief, kamen die Ausbilder zurück in den Raum, schalteten das Licht an und gaben uns eine weitere Stunde Zeit, um einen Aufsatz über das zu schreiben, was wir gerade gesehen hatten.

Eine Stunde lang schrieb ich, so schnell und so leserlich wie möglich, dann gaben wir beim Hinausgehen unsere Blätter ab. Ein Ausbilder nahm sie und schob sie in einen Aktenvernichter, ohne sie auch nur anzusehen.

In der nächsten Nacht ging es um drei Uhr wieder in den gleichen Raum. Diesmal sahen wir eine Dokumentation über die Herstellung von Plastik. Das Licht ging aus, und diesmal nutzten ein paar Soldaten die Chance, sich schlafen zu legen. In den letzten 48 Stunden hatten wir nur zwei Stunden geschlafen, die Versuchung war also groß. Doch ich wollte beweisen, dass ich das Zeug für diese Einheit hatte, auch wenn ich noch immer nichts über sie wusste. Ich biss mir auf die Lippen und die Innenseiten der Wangen, um wach zu bleiben. Unmittelbar nach Ende der Dokumentation kamen die Ausbilder wieder und gaben uns eine Stunde, um den Inhalt des Films zusammenzufassen. Dann sammelten sie unsere Blätter ein – und fütterten damit wieder den Schredder, ohne die Texte eines Blickes zu würdigen.

In der dritten Nacht ging es ein wenig früher los, um 2.30 Uhr. Ich war völlig erledigt, meine Augen fühlten sich an, als tropfte das Blut aus ihnen heraus. Das Video begann, die Heizung bullerte, das Licht wurde ausgeschaltet, und die Ausbilder verließen den Raum. Diesmal bekamen wir ein Video »Die Herstellung von Seilen und Tauen« zu sehen. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie etwas Langweiligeres und Belangloseres gesehen. Es war grässlich. Nachdem wir uns zwei Stunden angesehen hatten, wie Drahtseile hergestellt und in der Industrie verwendet werden, hatten wir dreißig Minuten, um aufzuschreiben, woran wir uns noch erinnern konnten. Ich war einer von vieren, die es geschafft hatten, während des Videos wach zu bleiben. Mittlerweile sah meine Handschrift schon fast kindlich aus. Es fehlte nicht viel, und ich hätte um Wachsmalkreiden gebeten, um das Ganze ein bisschen aufzuhübschen! Doch diesmal lief kein Aktenvernichter, als wir den Raum verließen. Diesmal lasen und benoteten die Ausbilder unsere Antworten. Man konnte die Angst derjenigen spüren, die die Gelegenheit für eine Mütze voll Schlaf genutzt hatten, weil sie geglaubt hatten, es würde so laufen wie die letzten beiden Male. Am nächsten Tag fiel bei vielen das Fallbeil: Die Ausbilder schickten alle nach Hause, die sie nicht in ihrer Einheit sehen wollten.

Diejenigen, die bleiben durften, legten ihre Kandidatennummern ab und bekamen neue Namen. Dieser Vorgang wird liebevoll »Taufe« genannt. Niemand durfte unsere wahren Namen kennen, deshalb bekamen wir neue. Mein Ausbilder konnte sich bei mir für keinen Namen entscheiden.

»211, wie lauten die Initialen deines Namens?«

»TCM.«

»Okay. Nun, TM kannst du nicht heißen, sonst nennt dich jeder Trademark, eingetragenes Warenzeichen. Das will ich dir nicht antun, so grausam bin ich nicht. Also heißt du TC, nicht länger 211.«

Nach sechs Monaten knallharter Ausbildung schaffte ich es, als einer der jüngsten Kandidaten aller Zeiten in eine streng geheime, inoffizielle Antiterroreinheit in Nordirland.

Ich schlug mich hervorragend. Nach meiner Kindheit auf den Straßen machte mir Gefahr überhaupt nichts mehr aus. Risiken trug ich so selbstverständlich wie meine Armbanduhr: Ohne meine Uhr am Handgelenk fühlte ich mich nackt und orientierungslos, mit Armbanduhr hingegen geborgen und entspannt. Andere Menschen können gar nicht verstehen, wie ich in Gesellschaft von Massenmördern und den gefährlichsten Terroristen der Welt so gelassen bleiben konnte, doch für mich wurde das Alltag. Ich dachte mir überhaupt nichts dabei, in der Falls Road von Belfast zu arbeiten, auch wenn die Malereien an den Wänden mir plastisch zeigten, was mir blühen würde, sollte ich denen jemals in die Hände fallen. Wir trugen unsere Pistolen und hatten immer unsere Heckler & Koch-Gewehre im Kofferraum dabei. Nordirland ist einer der wenigen Orte auf dieser Welt, an dem man durch wunderschöne Landschaften fahren kann, um eine Ecke biegt und vor Ampeln steht, die mit einer Panzerung umgeben sind, damit sie die nächsten Ausschreitungen unbeschadet überleben.

Ich verdanke Nordirland und insbesondere der Special-Ops-Einheit eine Menge. Zweimal jährlich kommen neue Rekruten, eine Handvoll Kandidaten, die das Auswahlverfahren bestehen. Eine Zeit lang arbeitete ich auch als Ausbilder, doch dann zog man mich ab und übertrug mir die Verantwortung für die Leitung einer größeren Operation. Das hatte möglicherweise auch damit etwas zu tun, dass ich die Rekruten sehr hart anpackte. Bei Übungen zum Verhalten in Krisensituationen spielte ich gern den aggressiven feindseligen Einheimischen, Da es für diese Planspiele keine festen Regeln gab, ließ sich nur schwer beurteilen, wann ich es mit dem Realismus übertrieb. Wenn ein Kandidat nicht richtig reagierte und beispielsweise nicht aus der Straßensperre fuhr, wie er es sollte, bearbeitete ich sein Fahrzeug durchaus schon mal mit einem Stemmeisen. Blieb der Kandidat dann vor Angst gelähmt sitzen, zerrte ich ihn durch die zertrümmerte Scheibe nach draußen. Das hatte nichts mit unkontrollierter Aggression zu tun, ich spielte einfach meine Rolle, und zwar möglichst realistisch. Manchmal führte das so weit, dass ein Kandidat mich mit einer Platzpatrone aus seiner 9mm-Pistole »erschoss«, oder sich buchstäblich vor Angst in die Hose schiss.

Ein paar Jahre, nachdem ich zu der Einheit gestoßen war, wurden wir an einem kalten Abend kurz vor Weihnachten zum Militärflughafen Aldergrove befohlen, wo wir unserer SF Hercules, die mit neuen Rekruten eintraf, eintraf, bewaffneten Schutz bieten sollten. Nach 72 Stunden Schlafentzug waren unsere Neuen völlig erledigt, doch eine Rekrutin fiel mir sofort auf: Lucy, meine spätere Frau.

Sie ist eine der wenigen Frauen, die den Kurs jemals bestanden haben. Für Rekrutinnen gibt es keinerlei Zugeständnisse, sie müssen genau das Gleiche schaffen wie die Männer. Als die Ausbilder mit den neuen Rekruten die Laderampe der Hercules-Maschine herunterkamen, packte ich mein HK-53-Sturmgewehr etwas fester, im verzweifelten ­Versuch, professionell auszusehen, ohne dabei so zu wirken, als wolle ich Lucy beeindrucken. Es war Liebe auf den ersten Blick. Von den Ausbildern wusste ich schon, dass sie am Schießstand brillierte. Ich war ihr sofort verfallen.

Einige Tage später war unsere Weihnachtsfeier. Da unsere Einheit offiziell gar nicht existierte, wollte unser Kommandant nicht, dass wir auf den Straßen Belfasts feierten. Also blieb uns nur die Bar auf dem gesicherten Kasernengelände. Jedes Jahr kauften wir der »Bar« Weihnachtsgeschenke, ich schenkte ihr eine Flasche Absinth, die ich dann am Ende mit Lucy fast ganz allein leerte. Unser Spieß setzte sich auf ein paar Gläschen zu uns, gab aber auf, als er anfing zu halluzinieren!

Lucy und ich verstanden uns auf Anhieb blendend. Ich liebte es, dass sie mir ernsthaft zuhörte – und mich zugleich auf die Schippe nahm. Vorher hatte ich Liebe immer für völligen Quatsch gehalten und geglaubt, die Leute würden ihren Partnern einfach Gefühle vorheucheln. Doch jetzt hatte ich meine Seelenverwandte gefunden, die Frau, die mich dazu bringen konnte, mit einer Eiswaffel in der Hand über den Giant’s Causeway schlendern zu wollen. Sie brachte mich überhaupt erst dazu, wahrzunehmen, dass es ein Leben jenseits von verdeckten Operationen gab. Diese Frau, die beim Absinth Glas für Glas mithielt, gab mir das Gefühl, mehr zu sein als ein Schatten­krieger.

Nur wenige Tage nach jener magischen Weihnachtsfeier, bei der Lucy und ich uns mit dem Inhalt der grünen Flasche total besoffen hatten, verlobten wir uns. Vier Monate später schafften wir es, gleichzeitig fünf Tage frei zu bekommen, und heirateten in einem kleinen Rathaus. Seitdem nannte man uns Mr. und Mrs. Smith, obwohl ich nicht so gut aussehe wie Brad Pitt, wohingegen Angelina Jolie nie an Lucy heranreichen könnte. Mein Rat: Heiraten Sie jemanden, der auf dem Trainingsgelände der Special Forces in Hereford das Töten gelernt hat, und Sie werden garantiert glücklich.

Mit zunehmender Erfahrung bekam ich immer wichtigere Aufgaben von den Führungsoffizieren des MI5 übertragen, die meine verdeckten Einsätze täglich leiteten. Und schließlich fragte mich einer, ob ich nicht direkt zum MI5 wechseln wollte. Dabei gingen damals jährlich knapp 100.000 Bewerbungen beim Security Service MI5 ein – der Dienst brauchte also wirklich keine Leute auf der Straße anzusprechen.

Mein Führungsoffizier war ein leitender Nachrichtenoffizier beim MI5, dem er seit mehr als zehn Jahren angehörte. Ich lud gerade meine Sig Sauer 228 im Waffenkäfig nach, als er mich zu einer Nachbesprechung holte. Er hatte seinen Schreibtisch im Großraumbüro, weshalb wir uns nur leise unterhielten, um Kollegen und Sekretäre nicht zu stören.

»Was du hier für mich leistest, ist perfekt, doch ich wünsche mir noch mehr von dir. Ich will, dass du offiziell dem Service beitrittst.«

Das kam unerwartet, doch innerlich glühte ich vor Stolz. Ich setzte mein Pokerface auf und ließ ihn weiter reden; diese Agententypen verfolgten immer einen geheimen Plan.

»Die radikalen Islamisten machen in Großbritannien, was sie wollen, die Russen und Chinesen sowieso, und die Personalabteilung hat sich total auf vornehme Arschlöcher mit Uniabschlüssen eingeschossen. Wir brauchen dich vor Ort. Du bist auf den Straßen zu Hause.«

Und während ich noch verzweifelt versuchte, mein Grinsen zu unterdrücken, fuhr Ian fort: »Die Bezahlung ist bei uns nicht überwältigend – das liegt auf der Hand. Trotzdem verdienst du hier mehr als bei der Army. Wie klingt das?«

Überzeugt, dass mir beruflich nichts Besseres passieren konnte, ließ ich Ian seinen Satz kaum beenden. »Super, Chef, wann fange ich an?« Mein chronisch überzogenes Bankkonto würde sich auch freuen.

An jenem Tag kam meine Undercover-Karriere richtig in Schwung, und bald nach den Londoner Anschlägen vom 7. Juli 2005 wurde ich offizieller Mitarbeiter des MI5. Dort tauchte ich in eine finstere, graue Welt ein, in der es kein Schwarz und Weiß gab und vor allem kein Netz und keinen doppelten Boden. Leute wie ich leben dafür, diejenigen zu bekämpfen, denen sich sonst keiner zu nähern wagt. Ich war nicht der letzte Strohhalm, ich war die einzige Chance.

 
 

Kapitel 3

Obwohl mein Führungsoffizier mich zum MI5 geholt hatte, musste ich zunächst – wie alle anderen Rekruten auch – zur geheimdienstlichen Schulung. 99,9 Prozent der Leute, die im operativen Bereich des MI5 arbeiten, haben sich ganz traditionell auf Zeitungsanzeigen oder direkt über die Website des Dienstes beworben. Deshalb bekommen alle die gleiche Schulung, egal ob sie später als Führungsoffiziere, Einbruchs-Spezialisten, Techniker oder Beschatter eingesetzt werden. Diese Schulung musste auch ich mitmachen, um zu verstehen, wie Überwachungsteams arbeiteten, wie sie sich koordinierten usw. Die Beschattungsexperten des MI5 sind zweifellos die besten der Welt. Es war ein gutes Gefühl, weiter ausgebildet zu werden und mich immer weiter zu verbessern.