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Ein Ossi-Leben, wie es noch in keinem Buch steht, mit Berichten von einem Davor und Danach – Kindheit und Alter. Memoiren, aber keine Chronik, assoziativ, Schilderungen von Lebenssituationen, Lebenskatastrophen eingeschlossen, Begegnungen mit Persönlichkeiten, für manch einen mit Identifikationspotential. Nicht ohne Humor, mit literarischen Anspielungen, genügend Stoff für einen Film allemal. Prof. Dr. Martin Löschmann – geboren 1935 in Bernsdorf/Bütow (Hinterpommern), Ende 1947 »Umsiedlung« nach Zeitz (Ostdeutschland), Studium der Germanistik, Anglistik, Psychologie und Pädagogik in Leipzig, 1961 bis 1993 am Herder-Institut der Leipziger Universität, 1969: Dr. phil., zehn Jahre später Habilitation, 1984 Berufung zum Professor für Deutsch als Fremdsprache; Auslandstätigkeit in mehr als 30 Ländern, besonders in Finnland (1969 bis 1973) und China (2005/6); Wohnorte: Leipzig bis 2000, danach Prenzlauer Berg Berlin. Rund 200 Publikationen, darunter Herausgabe einer Reihe bei Peter Lang »Deutsch als Fremdsprache in der Diskussion«.
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Seitenzahl: 533
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Martin Löschmann
UNERHÖRTE ERINNERUNGEN EINES SONSTIGEN
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Aus rechtlichen Gründen wurden ausgewählte Namen und Titel abgekürzt.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Annäherungen
Den Berg haben die Polen abgetragen
Ohne Schlittschuhe in den Krieg geschlittert
Familientreffen in Abwesenheit von Onkel Hugo
Klassentreffen – Wiederbegegnung mit Zeitz in Zeitz
Abgelehnt und doch studiert
Kam ein Schwamm geflogen
Mein Herder-Institut lob ich mir
Aus den Fugen geraten – In Finnland
Verjagt aus keinem guten Grund
Nun ade, du mein lieb‘ Institut
Mit 60 als Anglist zum ersten Male in England
China, China
Wenn Russland für deutsche Kleingeister zu groß bleibt
Sehnsuchtsort Berlin – Zu Hause
Die letzten Worte
Feig, wirklich feig ist nur,
wer sich vor seinen Erinnerungen fürchtet.
Elias Canetti
Was, du willst Memoiren, deine Memoiren schreiben?, fragt mich M., die mich bei irgendeiner offiziellen Gelegenheit einen 67jährigen nannte, obwohl ich gerade mal 66 war. Erinnerst du dich an den wunderschönen italienischen Don Camillo-Film? „Nimm dich nicht so wichtig“, sagt darin der Gekreuzigte zu Don Camillo. Weißt du nicht, wie viele Memoiren-Bände die Verlage jährlich abwehren müssen? Es gibt einfach zu viele Menschen, die eitel und womöglich besessen, erinnerungssüchtig genug sind, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Hast du nicht kürzlich in deinem Herder-Blog ein solches Werk rezensiert? Die humorigen, durchaus lesenswerten, wenngleich gelegentlich leicht hochfliegenden Memoiren von Peter Zimmermann, einem deiner Kommilitonen und späteren Kollegen am Herder-Institut, Geschichte wird uns zugefügt. Ein Ostdeutscher erinnert sich an das 20. Jahrhundert.
Willst du wirklich einer von denen sein? Ja, wärest du bekannt und berühmt, in Skandale verwickelt, Posträuber, Entführer, Attentäter, Verräter, Entertainer, vom Tellerwäscher zum Millionär Emporgestiegener, ein Preisträger, irgendeiner, ein korrupter Politiker, Schauspieler, Dummschwätzer.
Erinnerungsschreiber wollen sich eher verhüllen als enthüllen. Und bedenke Ringelnatz: „Die Erinnerungen verschönen das Leben, aber das Vergessen allein macht es erträglich.“ Willst du, dass der Rest deines Lebens unerträglich wird?
Ja, wenn du wenigstens in die Nähe von Berühmtheiten gekommen wärest. Das könnte womöglich den einen oder anderen dein Werk in die Hand nehmen lassen. Ich spreche nicht vom Lesen. Wir kommen in Dudince, einem Kurort in der Slowakei, mit einem Tischnachbarn ins Gespräch über Kinder und Kindeskinder, erzählen nicht ohne Stolz, dass unsere – zum damaligen Zeitpunkt unser Sohn über den ägyptischen Staatspräsidenten Nasser – promoviert haben. „Nasser Gamal“, sagt da der Gesprächspartner, „den kenne ich persönlich, bin ihm 1962, genau am 4. März, in Moskau begegnet.“ Es gibt Leute, die definieren sich stets und ständig über bekannte Persönlichkeiten. Der langjährige Bibliothekar der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport in Leipzig, K. W., lange ein Freund, gehörte zu dem Personenkreis, der sich gern im Glanz berühmter Persönlichkeiten spiegelt. Und habe ich nicht 1993 in Kingston upon Thames fast die Queen von England getroffen, jedenfalls ist sie an mir vorbeigeschritten, ich hätte sie fotografieren können. Das zugeschminkte, zur Maske erstarrte Gesicht hat sich mir ohnehin eingeprägt und bevölkert gelegentlich meine Albträume.
Ermutigend war der Schwall von Fragen nicht gerade, obwohl ich mir sagen konnte, so tief hinaus wollte ich nie. Nicht nur einmal in den letzten Tagen, Wochen, Monaten, die mich zum Schreiben anhielten, habe ich den Kauz auf meiner Schulter mit seinem wozu-wozuu-wozuuu gespürt. Immer wenn Professor Martin, Anglist, einer meiner Lehrer an der Leipziger Universität, auf für ihn abwegige Interpretationen englischer Literaturwerke stieß, bemühte er dieses Bild. Aber wer kennt Professor Walther Martin, hat kaum etwas publiziert und konnte seine oberlehrerhaftbelehrende Art nie ganz ablegen. Der erwähnte Zimmermann kommt allerdings zu einer bemerkenswerten Aufwertung von Martin, verbunden mit einer Abwertung meines Professors Hans Mayer.
Auf Mayer lass ich nichts kommen, ein beeindruckender Professor, stets in maßgeschneiderten Anzügen, sein beachtlicher Bauchansatz dadurch eingedämmt und die geringe Körpergröße gestreckt. Er wird an dieser Stelle schon mal erinnert, weil er mich auf die Liste derjenigen Studenten setzte, die 1959 zu den Schillerfeierlichkeiten in die Bundesrepublik reisten durften. Er war es auch, der mich zum Praktikum ins Berliner Ensemble schicken und mich dadurch Bertolt Brecht einige Wochen vor seinem Tode erleben ließ. Wir Praktikanten durften eine Probe zu Leben des Galilei mit Ernst Busch von der Empore aus verfolgen. Von den Regieanweisungen verstand man kaum etwas, Brecht jedoch war an seinem ein wenig linkisch und eckig wirkenden Gang erkennbar. Welch ein Ereignis für Brechtenthusiasten, die Brechtjünger – Benno Besson z.B. war bestimmt dabei – schlichen in angemessenem Abstand um den Meister vor und auf der Bühne herum.
Ich gerate in den Sog der Verteidigung meines Unterfangens und schwelge in Erinnerungen an meinen Professor. Kannst du dich erinnern, dass du bei deinem Vater Max Frischs Herr Biedermann und die Brandstifter hast liegen sehen mit den Unterstreichungen von eben diesem, meinem Literaturprofessor? Du hast dir mühselig und kostspielig ein Exemplar ‚aus dem Westen‘ besorgt, die authentischen Unterstreichungen übertragen und mir die Kostbarkeit geschenkt. Was für ein unvergessliches Liebesgeschenk. Denkst du nicht, dass ein Einfall wie dieser der Welt, meinetwegen der Nachwelt, überliefert werden müsste? Ja, ich weiß, ein Personalmuseum muss her.
Auf einer Weihnachtsfeier des Instituts für Interkulturelle Kommunikation Berlin im Brecht-Keller in der Chaussee-Straße erzähle ich das fast 40 Jahre später meiner Nachbarin zur Linken, Frau Dr. Lilli Bock. Sie strahlt, als ich mich an ihren Vortrag im DDR-Kulturzentrum Helsinki erinnere: Das literarische Werk Anna Seghers von 1945 bis zur Gegenwart. „Über Ihr Praktikum am BE müssen Sie unbedingt schreiben. Dafür interessiert man sich heute.“ Das schmeichelt.
Und Corinna Harfouch, hat sie uns nicht kürzlich in die Kammerspiele des Deutschen Theaters eingeladen: Corinna Harfouch liest ‚BILLY THE KID’, Mi, 22.11.2006, 20:00 Uhr. Musik: KATDSE. Auf der Eintrittskarte steht nicht, dass Johannes Gwisdek, ihr Sohn, die Musik dazu gemacht hat. Ich möchte mal wissen, wer unter den rund 200 Zuschauern an jenem Abend das wusste. Corinna gehört zweifelsohne zu den großen deutschen Schauspielerinnen der Gegenwart. Na, bitte. Nach der Veranstaltung treffen wir ihre Schwester, sie ist gleichfalls Schauspielerin geworden und probt gerade die Rolle der Mutter Babette in Frischs Biedermann und die Brandstifter, das wieder einmal in Zürich aufgeführt werden soll, dort, wo die Uraufführung 1958 stattfand.
Ja, sie hat uns als Harras in der spektakulären Castorf-Inszenierung Des Teufels General in der Volksbühne, als Vera Brühne in dem gleichnamigen Fernseh-Zweiteiler, in der fast legendären Möwe-Inszenierung von Gosch am DT begeistert. Wie oft wurde in Gesprächen nicht die Zeit erinnert, als wir mit ihr und ihrem damaligen Mann, Nabil Harfouch, bis tief in die Nacht diskutierten, ob sie mit ihm, der nach Studium und erfolgreicher Promotion in Dresden, nach zehn Jahren in seine syrische Heimat zurückkehrte, gehen solle oder nicht. Sie wollte Schauspielerin werden und das hätte sie in Syrien nicht werden können. Am 21. April 2009 erlebt der Dokumentarfilm Corinna Harfouch. Was ich will, ist spielen seine Premiere in Berlin. Wo sie auftritt, gehen wir hin; fuhren im letzten Jahr sogar nach Zürich, wo 50 Jahre nach der Uraufführung Dürrenmatts Physiker wieder auf dem Spielplan stand, mit Corinna als Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd.
Und dann ist da auf jeden Fall der Maler Tübke, Werner Tübke, der sog. Leipziger Schule zugerechnet, unser Gegenüber in der Springerstraße. Schließlich hatte er Marianne gelegentlich eines Festes in seinem Haus zum Tanz aufgefordert und sie als Tanzende in der Bewegung gemalt. Das Gartenfest zu des Meisters 51., zu dem wir geladen waren, ist in Geburtstagsfeier Springerstraße 5 verewigt, im Bild deutlich als SP5 hervorgehoben. Kostümierung und Maskierung verfremden die Szenerie, Personen aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis sind dennoch erkennbar. Beide Gemälde und andere können in der Tübke Stiftung in eben der SP5 besichtigt werden. Mit einem sozusagen absoluten fotografischen Gedächtnis begnadet, malte er übrigens fast ausschließlich ohne Modell. Als Interesse und auch Geld für den Kauf der Tanzenden da waren, war es unverkäuflich. Immerhin eine Grafik, seine Frau, liegender Akt, zwischen seinem Vater und ihm selbst, vom Meister als Geschenk offeriert, als er sich einstmals die Ehre gab, uns zu besuchen, gehört zu den wenigen originalen Kunstwerken in unserer Wohnung.
Eine Zeitlang hing es neben einer Papiercollage Galeere von Reinhard Roy, Maler und Bildhauer, der 1983 die DDR verließ und sich dann vorwiegend der Rasterkunst verschrieb. Er stand eines Tages mit seinem damaligen Kompagnon vor unserer Tür in der SP4, als wir noch zur Messe unser Einzelzimmer auf dem Dachboden vermieteten. Mit Gamaschenstiefeln, Vollbart, Hühnergott-Kette, abgewetzter Lederjacke auf den ersten Blick nicht gerade vertrauenswürdig, wurde er uns zu einem guten kritischen Freund. Ihm ist es zu verdanken, dass ich auf seinem 50. Geburtstag höchst persönlich keinem Geringeren als dem späteren Bundespräsidenten von 2004 bis 2010, Hort Köhler, die Hand schütteln durfte. Reinhard, wie soll ich dir nur danken?
30 Jahre nach unserer ersten Begegnung wird Roy, der in Görlitz einst sein Atelier hatte und vom Chef der „Görlitzer Stasidienststelle“ bedrängt und gedrängt wurde, in seinen mittlerweile mehrbändigen Fragmenten schreiben:
„Ich hoffe, dass man Martin und Marianne nicht auch noch meiner Ausreise wegen in die Mangel genommen hat. Ihnen kommen sie nicht bei, denke ich gleich. An deren Klugheit perlt die Dummheit bereits ab, ehe sie formuliert ist, dessen bin ich mir sicher wie auch, dass Löschmanns eher mit dem faustschen Teufel im Bunde stehen als mit der Stasi.“
Tübke konnte übrigens mit meinem zuweilen leicht skurrilen Humor absolut nichts anfangen. Was für eine umwerfende Idee, Herr Tübke, in den Vorraum einen großen Schlitten zu stellen, einen Schlitten etwa in der Art – obschon farbenfroher – wie der, mit dem meine Eltern im Winter in die Kreisstadt gefahren sind. Beifälliges Nicken.
Irgendwann spielten wir mal Skat zusammen. Weder Marianne noch ich sind gut darin, um es für uns schmeichelhaft auszudrücken. Und da lud uns der große Maler, als leidenschaftlicher und versierter Skatspieler bekannt, eines Tages ein, mit ihm und seiner Frau dieses Männerspiel zu wagen. Wie es sich manchmal fügt, obwohl ich aus seiner Sicht schlechter als ein Anfänger spielte, musste Herr Professor Werner Tübke, der aufschrieb und die Abrechnung selbst vornahm, mich leicht unwillig, als Gewinner des Abends verkünden. Ob er wohl an die Volksweisheit von den dümmsten Bauern und den großen Kartoffeln gedacht hat. Ich schon. Es gab nie eine Revanche.
Viele seiner Bilder, wie sein Sizilianischer Großgrundbesitzer mit Marionetten, bei uns in der Springerstraße jahrelang als gerahmter Druck an der Wand, das vieldeutige Original in der Galerie Neue Meister in Dresden, bleiben uns wichtig. Sein Bauernkriegs-Panorama in Bad Frankenhausen, nach vielen Jahren letzthin noch einmal besucht, wie vordem, monströs und umwerfend beeindruckend.
Begreiflicherweise ist mir klar, dass meine Betrachtungen mehr Leser und Leserinnen finden würden, wenn ich Augenzeuge solcher künstlerischen Ereignisse geworden wäre, wie sie der damals unbekannte Galerist Judy Lybke in Leipzig kreierte. Zur Eröffnung seiner Galerie Eigen + Art begrüßte er 1983 die Gäste splitternackt. Die DDR – das bekannte FKK-Land.
Schließlich könnte ich wohl den Professor für Soziologie an der Freien Universität, Wolf Lepenies, erwähnen: Wissenschaftspolitiker und Publizist, Ostpreuße der Geburt nach, Alexander-von-Humboldt-Preis, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, um zwei seiner vielen Auszeichnungen zu nennen. Ihn traf ich, als er Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin war, kurz nach dem Mauerfall auf einer Veranstaltung in Westberlin/Grunewald, zu der der Romanist und Inhaber des Lehrstuhls Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Prof. Dr. Harald Weinrich, eingeladen hatte. Grundgedanken seiner Textgrammatik der deutschen Sprache sollten von einem interdisziplinär zusammengesetzten Gremium diskutiert werden. Als Didaktiker des Deutschen als Fremdsprache aus der DDR und durch die Wende verunsichert, fiel mir nicht allzu viel ein, in der Mittagspause aber entspann sich ein produktives Gespräch, ich dächte aus der ostdeutschen Provinz war ich der einzige, plus ein oder zwei Linguisten aus Ostberlin. Wir erörterten Chancen der Wiedervereinigung und formulierten Hoffnungen im Small-Talk-Format. Viele Jahre später lese ich zufällig sein klares Urteil, das in unserer Pausen-Diskussion bereits aufblitzte: Während Deutschland nach dem 2. Weltkrieg mit Frankreich eine erfolgreiche Lerngemeinschaft eingegangen sei, sind „nach 1989 große Chancen vertan worden, weil – nicht zuletzt in Deutschland – der Westen sich in eine Belehrungsorgie steigerte, statt sich angesichts der neuen unerhörten Herausforderungen auf ein gemeinsames Lernen mit dem Osten einzulassen.“
Auch Skandale ließen sich in meinem Leben finden, zumindest barg meine endgültige Entlassung als Professor für Deutsch als Fremdsprache am Herder-Institut der Leipziger Universität im Rahmen des Elite-Austausches im Osten Deutschlands 1993, meine zweite Lebenskatastrophe, skandalträchtige Züge. Ich könnte fernerhin über eine Gerichtsverhandlung berichten. Das mögen die Leute. Die Nachmittagsserie des ZDF Streit um Drei sahen einst über eine Million Zuschauer. Und wer sieht nachmittags fern? Mir würde ein winziger Bruchteil dessen als Leserschaft genügen, es müssen nicht unbedingt die Gute-Nacht-Leser sein, die sich vor dem Einschlafen müde lesen müssen. „Wer nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben“, soweit Goethe. Er kann mich nicht entmutigen, meine Erinnerungen werden eines Tages zum ‚Kultbuch‘ werden. Klebte an diesem Wort nicht der Konsumerfolg, hätte ich es vermieden. Freilich mein Buch braucht eine andere Zeit. Deinen Humor möchte ich haben. Du solltest dich über jeden Leser freuen und keinen vergraulen. Kultbücher und Konsum gehören halt zusammen, Kurzlebigkeit ihr Merkmal. Du wirst nicht etwa den sarkastischironischen Ton überlesen haben. Ich schreibe etwas für die Ewigkeit. Jetzt habe selbst ich es begriffen. „Wappnende Ironie kommt aus freimütigem Geist“ (Ernst Cramer). Alle und alles herunterziehen, wie Harald Schmidt es über Jahrzehnte praktizierte, ist damit nicht intendiert. Da kann man nur verlieren, wie sein Karriereverlauf zeigt. Allein deshalb bin ich dagegen, dass du, um dich womöglich mit Berühmtheiten zu schmücken, an dieser Stelle meinen Großvater Adam Kuckhoff erwähnst, dessen Hinrichtung durch die Nazis am 5. August 1943 in Plötzensee nun wirklich nicht mit deinem Humor, Ironie, Sarkasmus, wie geartet auch immer, relativiert werden kann.
Als an ihrer Schule der Zweite Weltkrieg behandelt wird, bittet Enkelin Julika mich aufzuschreiben, wie ich den Krieg erlebt habe, die Vertreibung aus der Heimat eingeschlossen, meine erste Lebenskatastrophe.
Hunderttausende haben erlebt und beschrieben, geschildert, erzählt, was ich offensichtlich mitteilen will. Für wen könnte das von Interesse sein? Für die Kinder eventuell, die Enkel? Als ich Tochter Kati 2001 per E-Mail ein paar Reiseeindrücke aus Saratow sende, wo ich im Auftrage des DAAD einen Fortbildungskurs durchführte, was e-mailt sie zurück: „Danke für die wunderbare Erzählung. Mensch, Papa, da schlummert ja Talent in dir.“ Wohlbedachter Zuspruch einer Psychologin. Eine weitere Leserin habe ich mit ihr, sie ist die zweite, unser Sohn Jörg der dritte im Bunde, schon um dagegen halten zu können, Heike, unsere Schwiegertochter, die vierte, Janis, unser Enkel, war bereits mit zehn eine Leseratte, mithin hoffentlich der fünfte Leser, und die beiden Enkelinnen Julika und Hanna werden wohl nicht drum herumkommen, wenigstens mal reinzugucken. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben – woher willst du die anderen kriegen? – Sieben, fünf, drei – Rom kroch aus dem Ei.
Meine Schwester in Itzehoe ist ebenfalls eine sichere Bank. Ob allerdings Neffe Olaf, ihr Sohn aus zweiter Ehe, meine Niederschrift zur Hand nehmen wird, muss abgewartet werden. Gernot dagegen, Sohn aus erster Ehe, und seine Frau können als potentielle Leser gelistet werden. Irla schrieb in einem ihrer anrührenden Briefe: „Ja, Martin, ich kann dich schon verstehen, dass Du noch gar nicht weißt, ob Du Dich aufraffen kannst, Familiengeschichte zu schreiben. Nachdem ich nunmehr ein ansehnliches Alter erreicht habe, muss ich feststellen, dass ich manchmal auch nicht durchgeführt habe, was in meinem Kopf steckte. Vor einigen Jahren ermunterte Gernot mich immer aufzuschreiben, was ich ihnen von zu Hause so erzählte.“
Sie tat es nicht, obwohl sie eigentlich beste Voraussetzungen dazu hatte. Immerhin ist sie zwölf Jahre älter, kann sich sehr gut an unser Zuhause erinnern – im Alter erwachen die Bilder der Jugend – und kann als Zeitzeuge aufgerufen werden. Sie brauche ich, denn ich habe kein Tagebuch. Martin Walser, der Schriftsteller vom Bodensee, favorisiert Tagebücher und lehnt Autobiografien strikt ab. Ihm würde ich meine keinesfalls schicken. Allerdings wäre es sehr viel leichter, könnte ich aus Aufzeichnungen schöpfen, andererseits entgehe ich vielleicht der Gefahr, dass einen zu viele Details ersticken. Eigentlich reichen mir meine Inseln der Erinnerung, wie verwittert sie sein mögen. Vorausgesetzt es stimmt und es stimmt zweifellos, dass man sich besonders an das erinnert, was mit Emotionen verbunden und was auf die eigene Zukunft gerichtet ist, könnte darunter ausreichend Mitteilenswertes sein. Wie formuliert Sándor Petöfi anrührend kitschig: „Ein Strauch zittert, weil ein Vogel darüber flog. Das Herz erzittert, weil Erinnerung es durchzog.“
Gestehe es, du willst dich durch dein Schreiben verewigen. Verba volant, scripta manent oder soll ich es schlicht deutsch ausdrücken: Wer schreibt, der bleibt. Entrüstet halte ich dagegen: Ich schreibe nicht, um an meiner Unsterblichkeit zu zimmern und denke mitnichten an Fontane, der seinen Ruhm als Schriftsteller erst im damals hohen Alter von 54 Jahren begründete und den man immer wieder bemüht, sobald einer oder eine ernst oder nicht ernst davon spricht, man müsste dieses oder jenes niederschreiben. Ist die Frage denn so wichtig, warum und für wen man schreibt, werde ich zurückfragen, wenn mir meine verehrte, nicht mehr überschaubare, geschweige denn zählbare Schar von Lesern und Leserinnen in den zahlreichen Lese-Veranstaltungen die reichlich abgenutzte Frage stellen wird. Genügt nicht, dass ich einfach schreibe? Ich zwinge schließlich keinen, die Geschichte zu lesen. Könnte mir nichtsdestotrotz durchaus vorstellen, dass meine Darstellung im Familien-, Freundes-, Bekannten-, Wegbegleiterkreis einen bestimmten Unterhaltungs- und Reflexionswert haben könnte.
Eine Strategie zur Erweiterung der Leserschaft ist allerdings längst fest verankert: Alle diejenigen, die ich enttäuschte, erhalten ein Freiexemplar, und die, die mich enttäuschten, werden sich selbst ein Exemplar besorgen müssen, zumal es sich dabei – zumindest größtenteils – um Leute handelt, die von der jähen Wendung profitierten. Sara Wilsky, ehemals Schauspielerin, späterhin promovierte Dozentin für Philosophie, jetzt in der Türkei lebend, Freundin Mariannes, fragt in einem Telefonat entsetzt: „Willst du etwa mit diesen Leuten abrechnen?“ „Nein, das würde die Wende kleinreden.“ Die indes ist ein ganz wesentlicher Schreibanlass.
Knapp zwei Jahre vor Fertigstellung des Oeuvres schreibt Maren, eine meiner beiden Nichten, nach einem Familientreffen mit Irla und Christian bei Gernot und Ute: „Ich freue mich auch wirklich sehr, dass Du, Onkel Martin, Deine Erinnerungen aufschreibst und würde mich freuen, sie lesen zu dürfen.“ Na bitte, da habt ihrs, ihr Kleinmütigen und Ungläubigen. Eine weitere Leserin ist mir sicher.
Ja, wie schreibt man über sein Leben, sofern man keine Chronik, keine Familiengeschichte, keinen Thronbesteigungsbericht abliefern will. Mein Schwiegervater Armin-Gerd Kuckhoff, seines Zeichens Professor für Theaterwissenschaft in Leipzig, der jahrelang von seinen Lebenserinnerungen sprach, sah sich vor zwei Fragen gestellt: Wie vermeide ich eine eher langweilige Chronologie? Und wie gehe ich mit meinen Frauen um? Er konnte seine Memoiren leider nicht mehr abschließen. Dabei hatte ihm seine vierte Frau, Ulla Böhnke-Kuckhoff, die sich mit ihren damals 73 Jahren souverän der neuen Medien bediente, einen neuen Computer mit der Bemerkung in sein Zimmer gestellt: „Auch ein über Achtzigjähriger kann lernen, mit dem Ding umzugehen.“ Er war Theatermann genug, um zu wissen, publikumswirksam könnte allein schon der Hinweis auf seine vier Ehen sein. Die Frauengeschichten sollten seine Memoiren zieren, ich dagegen kann nur eine Ehe anführen, bis dass der Tode euch scheide. Wen interessiert das heute? Oder gibt es Leser und Leserinnen, die auf Lebensmuster aus sind, die ein Durchhalten und sei es der Kinder wegen versprechen? Gleichwohl unsere Kinder sind groß, außer Haus. Was hatten wir auf unsere Hochzeitskarte geschrieben? Gewagt, gewollt, von uns kreiert, der Autoritätswirkung wegen einem Ch. zugeschrieben. Das macht aus einer Ehe noch kein Abenteuer.
Unser Abenteuergeist hat sich im Laufe der Zeit mehrfach gewandelt, es kann auch gar nicht anders sein, kein Kraut ist gegen das Altern gewachsen. Daran können abenteuernde Ausflüge wahrlich nichts ändern. Eben ruft X an, ein recht guter alter Freund von Marianne, dem sie nach zig Jahren auf einem Klassentreffen begegnen wird. Vor diesem Treffen feiern wir irgendwann den sechzigsten Geburtstag von Y, von der es heißt, sie hätte etwas mit mir gehabt. Schreib du über deine Erlebnisse, wenn ich tot bin, falls du denn nicht anders kannst, und über meine mach dir keine unnötigen Gedanken. Ihrem Vater hatte sie geraten, damit er über den gekennzeichneten toten Punkt komme, seine Sicht der Dinge niederzuschreiben, das fertige Bild der jeweiligen Frau vorzulegen und deren Gegenbild den Memoiren beizufügen. Zu spät, Ilse, seine zweite Frau, die immerhin das Theaterstück Die heiligen drei Affen und das Skript zu dem DEFA-Film Mädchen von 16½ schrieb, ist bereits in den 70er Jahren gestorben. Die dritte, wesentlich jüngere, stürzte sich aus dem Hochhaus in Kressbronn am Bodensee. Und seine erste Frau, die sich hatte von ihm scheiden lassen und zu ihrem Mädchennamen zurückkehrte, Edith Brecke also, meine Schwiegermutter, starb 1999 – Jahre vor ihm und hätte ihn doch gerne überlebt. Auch sie schrieb, vor allem Gedichte und Kurzgeschichten, hat an ihren Lebensbildern gearbeitet, beendete sie nicht. Drei von seinen vier Ehefrauen schriftstellerten somit, denn Ulla schuf den Bummi, mit dem Generationen von Kindern in der DDR aufwuchsen und an den sich die Großgewordenen als Eltern und Großeltern bis heute erinnern, und schrieb Gedichte ihr Leben lang.
Mein Gott, der Schreibdruck, der auf mir lastet, ist offensichtlich. Wie Irla weiß, schrieb meine Mutter für den Bütower Anzeiger unter Pseudonym zwei Novellen, die veröffentlicht wurden. „Komm in meine Liebeslaube, in mein Paradies, denn in meiner Liebeslaube träumt es sich so süß“ sang sie gern, als ihr das Singen noch nicht vergangen war. Und natürlich dürfen Jörgs erotische Geschichten nicht unerwähnt bleiben. Einige sind immerhin veröffentlicht worden, im Magazin, das einzige seiner Art in der DDR, das einmal monatlich erschien. Ich vermute, Kati hat das ein oder andere in der Schublade; sie übrigens führt ein Tagebuch. Zu guter Letzt, Enkel Janis probierte sich in frühen Jahren an phantastischen Geschichten. Wer weiß.
Wendepunkte in meinem Leben würde nicht schlecht klingen. Mein Gefühl sagt mir, den Titel gibt es sicher längst. Die meisten Gedanken sind sowieso schon gedacht, aufgeschrieben und verlegt worden. Der Atomphysiker Hans A. Bethe, der in Los Alamos entscheidend zur Entwicklung der Atombombe beitrug, hatte eine eigene Schreibweise erfunden, bei der er ausschließlich Großbuchstaben verwandte und die von links nach rechts und auf der nächsten Zeile von rechts nach links nebeneinander setzte. Eine logische Erfindung, man spare dadurch viele überflüssige Handbewegungen. Dass vor ihm, in der Antike, jemand auf diese Idee gekommen war, entdeckte er erst auf Kreta, als ihm mehr oder weniger zufällig eine Inschrift in die Hand fiel.
Oder wie wär’s mit Bruch-Stücke? Bruchstücke, auf die Doppeldeutigkeit des Wortes setzend. Ich möchte bloß gern den Schreiber im Titel signalisiert sehen und erweitere den Titel: Bruch-Stücke aus dem Leben eines Sonstigen. Ich schreibe ein Anti-Memoirenstück aus der Erinnerung, was immer das auch sein mag, und freue mich über den doppelbödigen Einfall: weder erhoben noch auserkoren, ein Sonstiger eben. Der Leser aus östlichen Gefilden wird allenfalls bemerkt haben, worauf ich anspiele, ein womöglich abgeneigter Leser aus den sog. alten Ländern will es kaum wissen, es interessiert ihn nicht sonderlich. Die Ex-DDR, ein Unfall der Geschichte. Vorbei, vorbei, was soll‘s. Dagegen rechne ich mit einem bestimmten Interesse bei geneigten ‚Westlesern‘, sobald sie erfahren, was Sonstiger bedeutete.
Ich hole weit aus: In unserer Finnlandzeit waren wir mit einem Mitarbeiter aus der DDR-Handelsvertretung befreundet, der für den BND spionierte, wie offenbar wurde, als er sich 1973 in die Bundesrepublik absetzte. ‚Unser Freund‘ war der sozialen Herkunft nach Arbeiterkind und Kinder von Arbeitern und Bauern wurden in der DDR gefördert. Er hat es seinem Land nicht gedankt. Ich dagegen musste über 20 Jahre lang, der ‚sozialistischen Abstammungslehre‘ entsprechend, mit dem Makel des Großbauernsohns leben. Erst Anfang der 70er wurde die Schmach der dogmatischen Kategorisierung von mir genommen. Ich wurde als Sonstiger der sozialen Herkunft nach eingestuft und gehörte von nun an zu der Minderheit in unserer Republik, die sich nicht in die soziale Nomenklatur Arbeiter (A), Bauern (B) und Intelligenz (I) einordnen ließ. Für Professor Johannes Rößler allerdings, den langjährigen Direktor des Herder-Instituts – er hatte sich als Quereinsteiger in der DaF-Welt durch seine kenntnisreiche diplomatische, aber hartnäckig prinzipientreue Argumentation einen guten Namen gemacht – blieb ich bis zum Ende der Großbauernsohn, was in diesem Fall unser kooperatives Verhältnis nicht trübte. Kaum zu glauben und doch unbestreitbar: Ich war seit der Umsiedlung stets ein Bauernsohn ohne Land, ein Fürst ohne Land, nicht wie Johann Ohneland im 12. Jh. in England bei der Erbschaft vergessen, sondern durch den Krieg ums Erbe gebracht.
Ich höre und sehe schon die vermeintlichen Kritiker sich spreizen: Reich-Ranitzki, mein Wunschrezensent in schlaflosen Nächten, kann nicht mehr darunter sein. Worin sehen Sie den Unterschied zwischen Bruchstücke und Bruch-Stücke? Ich wachse über mich hinaus: Herr Reich-Ranitzki, der Titel wurde längst aufgegeben, spielt bloß im ersten Kapitel eine Rolle. Ja, haben Sie mein Buch überhaupt gelesen? Das ist es ja, der Titel war noch das Beste an diesem Buch, und Sie geben ihn auf! Der Totalverriss lähmt alle meine Glieder. Ich versuche ihn davon abzubringen und erzähle, ursprünglich vorgesehen zu haben: Aus meiner Kreidezeit, einen Titel, den ich immer genannt hätte, sobald ich etwas an die Tafel anschrieb und dabei mit dem Fingernagel unbeabsichtigt den schrillen Ton erzeugte, der einem durch Mark und Bein geht. In dieser Betroffenheitssituation witzelte ich, ob ich jemals meine Memoiren schreiben werde, wisse ich nicht, einen Titel jedenfalls hätte ich. Der Liedermacher Reinhard Mey hat das in Und Tschüs! erfasst: „Oh nee, das kann ich auch nicht haben, wenn man mit’m Fingernagel am Blumentopf oder an ‚ner Tafel kratzt.“ Wie ich auf diesen Song kam? Eine Kollegin aus Samara hatte mich um eine CD von dem Musikus gebeten. Da habe ich mir das eine oder andere angehört.
Es sei wie es sei, ich habe einen Titel für das, was aus mir heraus will – besser: muss. Bei wissenschaftlichen Arbeiten habe ich mir die Überschrift oft erst am Ende überlegt. So auch im gegebenen Falle: Unerhörte Erinnerungen eines Sonstigen. In dreifacher Bedeutung: unglaublich, beispiellos, sodann: unverschämt, was der sich traut, das geht auf keine Kuhhaut und von der spätmittelhochdeutschen Wortherkunft her: nie-gehört. Von mir versehen mit: un-erhört, was niemand hören, niemand zur Kenntnis nehmen will.
Wer aus seiner Heimath scheidet,
ist sich selten bewußt, was er alles aufgiebt;
er merkt es vielleicht erst dann, wenn die Erinnerung
daran eine Freude seines späteren Lebens wird.
Gustav Freitag
Irgendwann kommt die Zeit, wo man es wissen will. Auf der Suche nach dem Woher bildet der Geburtsort in der Regel eine erste, quasi natürliche Verortung. Viele der Umsiedler haben im Lauf der Jahre ihre Geburtsstätten in Ostpreußen, Hinterpommern, Schlesien, im Sudentenland aufgesucht, um Erlebnissen in der Heimat nachzusinnen, sich zu erinnern, den Abstand zu messen zwischen dem Heute und dem Gestern, Verlorenem nachzutrauern, Zurückgebliebenen zu zeigen, wie herrlich weit man es gebracht, sofern man es zu etwas gebracht hat, Ansprüche anzumelden, Identitätsfindung zu betreiben.
In Michael Zellers Roman Die Reise nach Samosch (2003) sagt die Polin Bascha zu Stephan, dem jungen Schriftsteller, der erfahren möchte, wo sein Großvater als Wehrmachtssoldat Schreckliches sehen und erleben musste: ,,Die Deutschen kommen immer nur nach Polen, um nach ihrem Krieg zu schauen.“ Mein Grund war das nicht. Es war die Neugier, auf einen Ort zu treffen, den andere Heimat nannten, den ich fürwahr vergessen sollte und weitgehend verdrängt hatte. In der Schule bin ich niemals aufgefordert worden, meinen Heimatort zu beschreiben und hätte es gern getan – besonders dieses Stück Land am Wald, aus dem immer die Züge kamen, die Fahrten auf der Eisenbahndraisine, wann immer sie vorbeifuhr, und wir Jungs, erwartungsvoll an der Eisenbahnstrecke stehend, ein Stück mitgenommen wurden.
Um eine in derzeitigen Deutschlehrwerken beliebte Übung zu bemühen: Welches Wort passt nicht in diese Reihe?
Boykott, Litfaßsäule, Praline, Draisine.
Wer kennt heute ein Fahrzeug namens Draisine und weiß, dass Karl Drais es erfand.
Im Gegensatz zu meiner Mutter und meinen beiden älteren Schwestern hatte ich immer den Wunsch, mir Bernsdorf einmal anzusehen. August 1972 – eine Ferienadresse in Oliwa, einem historisch trächtigen Ort, nordwestlich von Gdańsk, hatte uns fast in die Nähe der alten Heimat gebracht, knapp 200 km trennten uns. Der Abstecher nach Bernsdorf war gesetzt. Wir nahmen den Weg über Lauenburg (Lębork), an diese Stadt konnte ich mich neben Bütow (Bytów) und Stolp (Słupsk) vom Namen her erinnern. Die drei Städte begrenzten meinen heimatlichen Horizont in einer höchst abstrakten Weise.
Von Bütow über Hügendorf (Udorpie) kommend, stellten wir unser Auto am Dorfeingang gegenüber der Schule ab. Es war ein russischer Moskwitsch (in der DDR nicht zu Unrecht oft Rostkwitsch genannt) – nicht gerade eine Empfehlung in Polen. Mich beschlich die bange Frage: Wie würden uns die Dorfbewohner entgegentreten? Immerhin war mein Vater Bürgermeister gewesen. Was man im Laufe der Zeit von Verwandten und Bekannten gehört hatte, musste nicht in jedem Fall verlässlich sein.
Bis zur Dorfmitte, bis zur Kreuzung. Auf einer leichten Erhebung steht mit ihrem eingelassenen verschalten Fachwerkturm die katholische Kirche, in die wir einen Blick werfen konnten: Hauptaltar im Stil des Rokoko, barocke Seitenaltäre, Tragaltäre aus dem 18. Jahrhundert. Angeeignetes Kulturwissen, in der Kinderzeit ein fremder Ort, der ‚naturgegeben‘ gemieden wurde, will sagen: Zwischen den beiden Konfessionen gab es Spannungen, gelegentlich abfällige Bemerkungen über Katholiken im Dorf. Sie lassen sich unter Bigotterie mit den Merkmalen Glaubenseiferei und Scheinheiligkeit zusammenfassen. Gefühlt war unser Dorf mehrheitlich evangelisch.
Die evangelische Kirche auf einer kleinen Anhöhe am südlichen Dorfausgang, die Kirche meiner Eltern, blieb uns verschlossen. Seit die letzten deutschen Bewohner das Dorf verlassen hatten, war sie funktionslos, entsprechend trostlos ihr Anblick. Der Eindruck verstärkt sich durch den völlig verwahrlosten Friedhof. Irla hatte von Bemühungen erzählt, für den Erhalt der Kirche unter ehemaligen Einwohnern zu sammeln. Wenngleich man die Initiative von Heinz von Mrozeck achten muss, mir stellt sich die Frage: Wozu? Gewiss, als Kirche ein Denkmal, aber für wen und wofür? Keiner braucht sie heute und die, die sie einst brauchten, werden immer weniger. Von Mroczek indes ist unermüdlich, scheint geradezu besessen von seiner Rettungsaufgabe, selbst weit über die achtzig bat er noch zum Jahreswechsel 2008/2009 meine Schwester um einen Obolus für anstehende Dachreparaturen.
Wir stehen an der Kreuzung, und ich bin mir ziemlich sicher, wir müssen nach links, geradeaus geht's nach Stüdnitz (Studnice), dort, wo der Pfaffensee beginnt. Wir werden unseren Bernsdorf-Besuch an diesem See beenden. „Den größten Findling Pod Zielonym Dworem (Zum Grünhof) müsst ihr euch unbedingt ansehen“, 2 km nördlich des Dorfes, sein Umfang beträgt nicht weniger als 15 m.
Plötzlich taucht der Briefträger auf – ich denke, die Zeit ist stehen geblieben – stoppt sein klappriges Fahrrad und fragt in bestem Deutsch:
Kann ich Ihnen helfen? Wohin wollen Sie?
Zum Hof von Löschmanns, antworte ich so verhalten wie möglich.
Löschmann? Davon gab es im Dorf zwei, schießt es aus ihm heraus, Stotter-Löschmann und Bürgermeister Löschmann.
Pause.
Wie heißt dein Vater?
Max.
Dann bist du der Martin.
Wie kann er meinen Vornamen wissen? Meine Mutter hatte von unserem Namensvetter im Dorf berichtet, eine Verwandtschaft gäbe es jedoch nicht. Er muss meine Vorsicht, durch Unsicherheit geprägt, schnell verarbeitet haben: „Du, Martin, dein Vater war anständig, kein übler Nazi wie der Ortsgruppenleiter Wedel.“ Ein Stein fällt mir vom Herzen, wusste ich tatsächlich nicht genau, wie sich mein Vater besonders den Kaschuben gegenüber verhalten hatte. Obwohl man sich seine Eltern nicht auswählen kann und Sippenhaft nicht erwartet wird, machten mich die Worte des Briefträgers ein wenig sicherer. „Geht die Dorfstraße hinunter, auf der rechten Seite ist euer Haus. Ich schau hernach gleich mal bei Flissakowkis vorbei.“
Ein paar Schritte nach links gewendet, konnte ich das Haus erkennen, ein Haus, wie man es überall im Norden Deutschlands kennt: Backstein, ein Giebel in der Mitte der zwei symmetrischen Haushälften, die gewissermaßen durch den Eingang mit Treppenaufgang markiert sind. Das ist es, wiewohl ich nicht begreifen wollte, wie klein, fast armselig es auf mich wirkte. Sah so das Haus eines Großbauernsohnes aus?
Marianne, die nach meinen und meiner Mutters Beschreibungen ein stattlicheres Haus erwartet hatte, hielt sich mit jeglichem Kommentar zurück. Erst als ich meinen Blick nach links schweifen ließ, er auf den Koppelberg traf und ich spontan und vorwurfsvoll ausrief: „Den haben die Polen abgetragen“, war es mit ihrer Zurückhaltung vorbei: „Vielleicht denkst du mal daran, wie klein du damals warst und wie groß dir Haus und Hügel vorgekommen sein müssen.“ Der Koppelberg – maximal 150 m hoch – hatte sich als stattlicher Berg in meinem Kopf festgesetzt, auch deshalb, weil meine Mutter gern erzählte, wie mein älterer Bruder Dietrich, kaum hatte er seine Schier zu Weihnachten bekommen, den Koppelberg erklommen habe und ohne hinzufallen heruntergefahren sei. Kein besonderes Kunststück angesichts der bescheidenen Höhe und des sanft abfallenden Abhangs.
Dietrich war der Stolz der Familie, sportlich, klug, erfolgreiches Notabitur, Leutnant, der eigentliche Erbe des Hofes, hätte nicht die Gesetzgebung unter Hitler den jüngsten Sohn zum Erbhofbauern bestimmt. Die älteren Brüder wurden für den Krieg gebraucht. Ich war der jüngste Sohn, dessen Geburt meine Mutter mit den im Dorf üblichen Abtreibungsmitteln gern verhindert hätte, wie sie mir erst in Zeitz gestand, und zwar an dem Tage, als ich ihr das mit sehr gut abgelegte Abitur vorlegte. Sie war froh, dass ich damals offensichtlich keinen größeren Schaden genommen hatte.
Es scheint mir so, als ob Dietrich, der leidenschaftlich gern Forstmeister geworden wäre und sich womöglich gern im Forsthaus Grünhof niederlassen hätte, das zu Bernsdorf gehörte, mich als kleinen Bruder gar nicht richtig wahrnahm. Der Altersunterschied war einfach zu groß. Er war immer unterwegs, ging aufs Bütower Gymnasium, traf sich mit seiner Gruppe der Hitlerjugend, hatte Freundinnen. Dass es ein Glück der späten Geburt gibt, war zu jener Zeit nicht von mir zu wissen. Zu jung selbst für das Jungvolk. Mir wird man keine Mitgliedschaft in einer Nazi-Organisation nachsagen können wie den Schriftstellern Günther Grass, Siegfried Lenz, Erich Loest, Erwin Strittmatter, Martin Walser, Dieter Wellershof, dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt. Ihnen hatte man in den neunziger Jahren, als sie schon „mit letzter Tinte“ schrieben, um mich eines Wortes von Grass zu bedienen, ihre Registrierung vorgehalten. Dass sie damals 17-, 18-, 19-jährig waren, wurde ihnen in den meisten Medien nicht nachgesehen. Was für ein Sturm aufgekratzter Entrüstung brach 2006 los, nachdem Grass im Roman Beim Häuten der Zwiebel seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS thematisiert hatte. Enthüllungen, wie die über Strittmatter, er habe im Zweiten Weltkrieg in einer zur SS gehörenden Polizeieinheit gedient und dies verschwiegen, lässt meine Biografie gar nicht zu. Geburtsjahr und Studium zur rechten Zeit machten mich in der DDR zum sog. weißen Jahrgang.
Mutter konnte stundenlang über ihren ältesten Sohn erzählen. Als die Ratten im Kuhstall, gegenüber dem Wohnhaus, überhandnahmen, hat er sich an mehreren Abenden in den Stall gesetzt, gewartet, bis sie in Rudeln vom Dachboden herunterkamen, um die Reste aus den Trögen zu fressen. Licht an und mit dem Luftgewehr losgeballert. Die nächtliche Beute wurde vor dem Stall aufgereiht und zur Bewunderung freigegeben: Hausratten, 16 bis 24 cm lang. Im Gegensatz zu den Wanderratten – liest man heute – nähme die Zahl der Hausratten ständig ab. Mein Rattenbild jedenfalls ist in der Kindheit geprägt worden: Ungeziefer, das man bekämpfen muss.
Wenn das Thema interkulturelle Kommunikation ansteht, fällt mir immer das indische Dorf Deshnok ein, in dem der Ratte ein Tempel gewidmet ist. Es wimmelt in allen Gängen, auf allen Stufen von den Nagern. Pilger reisen von weit her und bringen den Tieren Nahrung im Glauben, dass sie Glück brächten, vorausgesetzt, sie huschen einem über die nackten Füße. Und in China war 2008 das Jahr der Ratte. Ich kann dieses andere Kulturverständnis rational begreifen, meine Einstellung ändert sich deshalb nicht.
An Dietrichs Heimaturlaube erinnere ich mich. Aufregendes Ereignis in der Familie jedes Mal. Einmal berichtete er über den Einsatz an der Ostfront, über die erbitterten Kämpfe, den nicht erwarteten Widerstand der Russen und über den Partisanenkrieg. In einem solchen Krieg kämen selbst sie nicht ohne Grausamkeiten aus: Ein altes Mütterchen habe man in der Nähe von Kiew erschossen, einzig und allein, weil sie am Straßenrand an einem Feuer gesessen und damit angeblich den Partisanen Zeichen, Rauchzeichen gegeben habe. Der vage Verdacht genügte, um sie zu erschießen. Immer wenn ich in der Sowjetunion, später in Russland war – und das war nicht selten – und Babuschkas am Straßenrand hocken sah, wo sie irgendetwas, ein paar Äpfel oder Zwiebeln verkauften, musste ich an das Mütterchen von Kiew denken. Obwohl man genügend über die Gräueltaten der deutschen Soldateska erfahren hat, die von Dietrich geschilderte hat sich tief in mein Kinderherz eingegraben.
Er hatte unbedingt zu den Fliegern gewollt, doch eine kaum merkliche Kurzsichtigkeit des linken Auges verhinderte seinen Eintritt in die gefragte Waffengattung. Vetter Hans Gutzmer dagegen bestand das Aufnahmeverfahren und lief dem Infanteristen im Dorf den Rang ab – Fliegen und Siegen. Als er im Februar 1944, gut ein Jahr vor Kriegsende, als Staffelkapitän des Kampfgeschwaders 51 mit dem Ritterkreuz dekoriert wurde, trennten Welten die beiden Cousins. Mein Vater mochte das wohl nicht gern gesehen haben, jedenfalls hätten sich des Ritterkreuzträgers Eltern beim Bürgermeister beschwert, dass die hohe Auszeichnung im Dorf nicht angemessen gewürdigt wurde.
Mein Bruder war auch als Infanterist begeistert in den Krieg gezogen. In seinem Abschiedsbrief schrieb er: „Fürs Volk und Vaterland. Es gibt nichts Schöneres als vor dem Feind zu fallen.“ Spontan möchte man ihm mit Arno Schmidt entgegenschleudern: „Ehe du für dein Vaterland sterben willst, sieh dir‘s erst mal genauer an!“ Bis heute ist mir der Satz vom schönen Heldentod unfassbar. Nichts gegen Sätze wie: Es gibt nichts Schöneres als lieben und geliebt zu werden. Es gibt nichts Schöneres, als am Abend ein köstliches Bier zu trinken. Es gibt nichts Schöneres, als eine Arbeit, die einen ausfüllt. Es gibt nichts Schöneres als dem Schweigen eines Dummkopfs zuzuhören (wo hab‘ ich das bloß her?). Ja, ich begreife selbst Ilja Ehrenburgs Äußerung aus dem Jahre 1942: „Wenn du einen Deutschen getötet hast, bring den nächsten um – es gibt nichts Schöneres als deutsche Leichen.“
Auf der Straße vor dem Haus waren wir schnell von vier, fünf Dorfbewohnern umringt, die uns offensichtlich freundlich gesinnt waren, fragten, wie es den Löschmanns ergangen sei. Unter ihnen der Pole von gegenüber, bei dem ich fast zwei Jahre als Pferdejunge gearbeitet hatte. Der Teufel muss mich geritten oder die Verklärung der Kinderzeit mich überwältigt haben, als ich ihm gegenüber ein, mein krönendes Lebensresümee gebe: „Wissen Sie, meine schönste Zeit war eigentlich die nach dem Krieg bei Ihnen: keine Schule, Pferde füttern, striegeln, aus- und anspannen, reiten, pflügen und die herrlichen Ausfahrten am Wochenende. Erinnern Sie sich? Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.“ Das war sein Lieblingslied, er sang es immer, sobald ich ihn, meistens eine Frau neben sich, von Hochzeiten, Kindtaufen, Begräbnissen nach Hause kutschierte. Ich geriet in Fahrt, wurde aber jäh gebremst, denn sein Gesicht versteinerte förmlich. Zu spät. Mit dem knappen Hinweis, er habe zu tun, verließ er abrupt die Runde. Offensichtlich hatte ihn ein Schuldgefühl den Perspektivwechsel nicht mit vollziehen lassen. Wie hätte ich mit zehn die Schule vermissen sollen? Mit Pferden selbstständig umzugehen war für einen Bauernjungen das größte Glück. Was scherte mich, wem Haus und Boden gehörten. Noch in Zeitz hätte ich davon geschwärmt, Bauer zu werden, schreibt Irla, „und sei es auf einem ganz kleinen Hof wie dem von Knuths in Bernsdorf.“ Von dieser Sehnsucht ist nichts übrig geblieben. Bernsdorf kein Sehnsuchtsort.
Ich glaube es manchmal fast selbst nicht, wenn ich von diesen Nachkriegsjahren in Polen erzähle. Ich soll mit meinen 11 Jahren eine Kutsche mit zwei Pferden über Stock und Stein gelenkt, einen Mann kutschiert haben, der Zuchthaus und KZ überlebte, nach dem Krieg zum Besitzer eines Hofes gemacht worden war und nur eines im Kopf hatte, nach all den Entbehrungen in vollen Zügen zu genießen. Unglaublich, hätte ich nicht in meinem 68. Lebensjahr in Myanmar mit eigenen Augen gesehen, was Kinder oft schon leisten müssen: harte Garten- und Feldarbeit, stundenlanges Sitzen beim Zigarrenwickeln, Teppichknüpfen, Krabbenpuhlen, Steine klopfen im Steinbruch. Kinderarbeit, die es nicht und nirgends geben dürfte.
Julika, die mit ihren 14 Jahren bis dahin keine nennenswerte körperliche Arbeit verrichtet hatte, konnte es nicht fassen und verdrehte die Augen ungläubig, als ich berichtete, wie ich als Achtjähriger allein Kühe hütete, dass wir Kinder bei vielen Tätigkeiten auf dem Hof zugreifen mussten. Im Frühjahr und Herbst sammelten wir Steine von den Feldern. Sie kamen in große Körbe, die möglichst gut gefüllt zum Wegesrand geschleppt wurden. Thomas Mann schrieb einmal an Arnold Schönberg: „Ich kann von meinem Stein nicht lassen.“ Er hatte ihn bei einem Strandspaziergang auf Usedom gefunden, schleppte ihn seither mit sich herum, wo immer sein Schreibtisch stand, in München, Los Angeles, Kilchberg bei Zürich. Für mich waren Steine lange Zeit etwas Bedrohliches im wahren Sinne des Wortes Belastendes. Erst im Alter habe ich mich am Sammeln beteiligt: Steine aus Algerien, Australien, Brasilien, England, Griechenland, Schottland, Schweden, Ungarn, von der Ostsee, vom Baikalsee, vom Flussufer des Ob, aus den Rocky Mountains, von der Halbinsel Sinai, aus Oman, von überall her liegen auf der kleinen Dachterrasse in Berlin. Steine als Metapher für Stärke, Steine, die zum Sprechen gebracht, aus dem Weg geräumt werden können, müssen, Steine als Gedächtnisstütze. Spur der Steine von Erik Neutsch, Skulpturen aus Stein gehauen, Werner Stötzers Sandsteingestalt an der Mole in Warnemünde, Penelope, auf Odysseus wartend, mit dem Blick nach Osten, ein gestalteter Stein für all jene Seemannsfrauen, deren Männer nicht mehr heimkehrten. Es dauerte Jahre, ehe die Rostocker Behörden die Aufstellung des Denkmals erlaubten. Man wollte nicht öffentlich wahrhaben, dass der Tod, der aus dem Meer kommt, die DDR nicht umschiffte und immer wieder Seeleute auf dem Meer blieben. Als ob es das Sterben im Arbeitsprozess nicht geben durfte. Grabstein, bloß keinen Grabstein.
Wenn irgend möglich, musste ich unsere Kühe auf Wiesen und Felder treiben, nicht selten ein, zwei Kilometer weit, und das zweimal am Tage. Die Tiere wurden nicht draußen auf der Weide gemolken, wie es heute üblich ist, sondern im Stall. In diesem Punkt gab es zumindest bei meinem Vater ein Erkenntnisdefizit: Kühe, die am Tage 4 bis 6 km laufen, geben weniger Milch als die, die im Sommer draußen, z.B. auf der Alm bleiben. Da es keine eingezäunten Weiden gab, bedurfte es eines Kuhjungen, eines Hirten. Der kleine Steppke, sein Schäferhund Rolf und die Kühe, ja, ich wurde bewundert und genoss die Bewunderung, bis mich eine meiner Schwarz-weiß-Gefleckten im wahrsten Sinne des Wortes überrannte. Es war an einem sehr heißen, schwülen Tag im Juli 1944, als eine Kuh, die gerade noch lethargisch herumgestanden hatte, ab und an Bremsen abwehrend, mit schnellem Antritt und hochgestrecktem Schwanz den Gipfel eines Hügels erstürmte, schnaufend innehielt und plötzlich, ehe ich mich versah, mit gesenktem Kopf herunterstürzte und an mir vorbei Reißaus nahm, die Bremsen hinter sich lassend, zwei Kühe folgten ihr stehenden Fußes. Ich war machtlos, weinte und musste die drei Kühe ziehen lassen. Rolf griff nicht in das Geschehen ein.
War das ein Grund, weshalb wir Jungen ihn manches Mal furchtbar quälten: Wir wussten, dass sich der hochempfindliche Schwellkörper des Penis in einer schützenden Hauttasche an der Bauchseite befindet. Den legten wir frei und rieben ihn mit Hagebutten ein. Das durch Mark und Bein gehende Gewinsel erlosch erst nach x Versuchen, sich von dem Juckreiz zu befreien. ‚Tierische‘ Freude kam bei uns Jungen vollends auf, wenn wir uns von hinten an die Mädchen heranschlichen und Nüsschen der Hagebutte mit ihren feinen, widerhakenbestückten Härchen zwischen Blüschen und Rücken bugsierten.
Zu Hause ging ein Donnerwetter los, warum ich mich dieser Kuh nicht in den Weg gestellt hätte. Hatte ich, bloß die Kuh beachtete mich nicht, und ehrlich gesagt, ich war in letzter Sekunde zur Seite gesprungen, es ging alles furchtbar schnell. „Du musst dich der Kuh entschlossen entgegenstellen. Beginnt sie mit dem Schwanz zu wedeln, hin zu ihr und sie mit dem Hund von ihrem Startplatz vertreiben.“ Einleuchtend, aber ich schien einfach zu klein zu sein, die Theorie erfolgreich umzusetzen. Jedenfalls ist diese Kuh noch mehrmals durchgebrannt.
An Arbeit gewöhnt, empfand ich es in meiner Pferdejungenzeit keineswegs als diskriminierend, dass ich nun zum Personal rechnete und in Vorräumen, in Küchen abgespeist wurde, das wiederum reichlich und gut. Nicht selten wurde mir ein Kuchenpaket zugesteckt oder Braten, falscher Hase, den ich besonders gern aß. Ich fühlte mich in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Objektiv gesehen, verharmloste ich mit der positiven Erinnerung die für unsere Familie katastrophale Nachkriegszeit, indem ich sie sozusagen kindlich naiv schönfärbte. Das musste bei meinem Gegenüber zumindest zum Missverständnis führen. Ähnlich geht es mir, wenn ich an Stammtischen oder anderswo höre, wie ehemalige Kriegskameraden ihre Fronterlebnisse immer wieder aufs Neue austauschen und dabei ins Schwärmen geraten. Sie haben überlebt. Auffallend allerdings, dass derart verklärende Berichte über die Ostfront im Vergleich zu anderen Fronten weniger im Umlauf sind. Oder irre ich mich da?
Frau Flissakowski bittet uns ins Haus. Wir treten durch die Tür vom Hof her ein. Wie früher. Der eher repräsentative Eingang von der Dorfstraße wurde ausnahmslos bei feierlichen Anlässen geöffnet.
Irlas Kriegshochzeit war eine solche Gelegenheit, bei der trotz der furchtbaren Geschehnisse kräftig gefeiert wurde. Ein Kalb und ein Schwein waren extra geschlachtet worden, wozu man in den letzten Kriegsjahren eine Genehmigung brauchte. Eine Amtsperson wollte die im Nachgang sogar einsehen. Folgen hatte die hochnotpeinliche Befragung für den Bürgermeister Löschmann wohl keine. Dass mein Vater Bürgermeister war habe ich früher in allen Fragebögen verschwiegen. Großbauernsohn und Bürgermeistersohn – das hätte mich in der DDR zusätzlich belastet. Mir reichte ersteres völlig. Ich weiß nicht, wie mein Vater zu dem Amt gekommen war, für mich als Kind war eh Irla die Bürgermeisterin, da ich sie oft am Tisch schreiben sah und sie schließlich in Bütow die Mittelschule besucht hatte.
Zu einer Hochzeit gehörte jedenfalls, dass geschlachtet wurde. Der Schlachter kam ins Haus und wir Kinder wussten, was die Stunde schlägt. Ein besonderes Ereignis, ich würde es nicht Schlachtfest nennen, keine Bekränzung des Opfers, aber aus dem Alltag herausragende Tage waren es schon. Der Schlachtvorgang gehört zu den naturgemäßen Abläufen auf einem Bauernhof, die dem Städter zumeist zuwider sind; der ist froh, dass sich Tötung und Verarbeitung der Tiere möglichst weitab in einem Schlachthof vollziehen. Für uns Kinder war nicht das Töten der Graus, sondern die bei den Erwachsenen sehr beliebte süßsaure Blutsuppe ebenso wie die frisch hergestellte Hausmacherwurst. Was auf den Tisch kam, musste gegessen werden.
Vieles war wie früher. In der Wohnstube die schwarze Anrichte, in der Mitte der stabile Esstisch, sechs Stühle zählte ich, ein Sofa, an das ich mich nicht erinnern konnte. Und ein Bild der Maria hing nun zwischen den Fenstern im Wohnzimmer, dort, wo früher ein Ölgemälde hing. Mein Vater hatte es zur Zeit der Inflation mit einer Fuhre Korn erworben. Ja, das war derselbe große Tisch, an dem sich unsere Familie versammelte. Suppen werden sichtbar, die uns Kinder nicht behagten: Erbsensuppe, Kartoffelsuppe nun ja, Linseneintopf, wenn da nicht dieser Speck drin gewesen wäre, und dazu dieses Würgegericht aus Gänseklein, Backobst und Kartoffelklößen, die gerade erwähnte süßsaure Blutsuppe, die es buchstäblich immer gab, wurden Gänse geschlachtet, meistens acht bis zehn auf einen Schlag. Zugleich sehe ich Pellkartoffeln und Hering, kulinarische Höhepunkte: Plinsen, aus Buchweizenmehl und geriebenen Kartoffeln, Obstsuppe, Vanillepudding, rote Grütze, selbst gebackenen Kuchen, Hefe-, Streusel-, Johannisbeer-, Stachelbeerkuchen.
Es wird Kaffee gebracht, Käse- und Schmalzstullen aufgetischt. Tochter Theresa kommt mit ihren zwei Kindern herein, sie bewohnt offensichtlich die zwei Zimmer, die links vom Eingang liegen und das Altenteil unserer Oma waren. Sie lebte sehr zurückgezogen, schlief auf einem Strohsack, strickte und stopfte unsere Strümpfe, las in der Bibel, sang Kirchenlieder, oft Eine feste Burg ist unser Gott – von Heine als „Marseiller Hymne der Reformation“, von Friedrich Engels als „Marseillaise der Bauernkriege“ bezeichnet und von mir auf der Silvesterparty der Uni zum Lutherjahr 83, leicht alkoholisiert lautstark skandiert. Unsere Oma, Mutter von sieben Kindern, hat sich in Abständen bei meiner Mutter darüber beschwert, dass sowohl meine zwei Jahre ältere Schwester Gisela als auch ich die Tür zu ihrem Zimmer ohne Vorankündigung aufstießen und ohne ein Wort die zerrissenen Strümpfe in den Raum schmissen. Viel mehr weiß ich nicht über meine Großmutter. Bestimmt erinnerte ich, falls sie, wie man von anderen Großmüttern hörte, erzählt hätte, von der Wand sei wieder einmal ein Bild gefallen, ein sicheres Zeichen, dass ein Mitglied der Familie im Krieg gefallen wäre.
Die ohnehin etwas schwierige Unterhaltung – nicht der Sprache wegen, eher wegen der recht vertrackten Grundsituation – flacht ab, als Sohn Janucz das Wohnzimmer betritt, in stark verschmutzter Kleidung, mit blau unterlaufenen Augen, es war erst gegen elf und eine Alkoholfahne wehte ihm voran. Wir sahen dann, in welch schlechtem Zustand der Hof war, und wir wussten, warum. „Erinnerst du dich, wie wir zusammen die Kühe gehütet haben?“
Er blieb nicht lange, höchstwahrscheinlich schämte er sich. Dabei hätten wir beide uns am meisten zu erzählen gehabt.
Im sog. feinen Zimmer, das bei besonderen, vor allem festlichen Anlässen geöffnet wurde, stand tatsächlich noch das Klavier, auf dem meine Geschwister geübt hatten. Auf Bildung im weitesten Sinne haben meine Eltern, namentlich meine Mutter, größten Wert gelegt und keine Ausgaben gescheut. Ich bin sicher, dass meine Eltern angetan waren, als ein Lehrer um Irlas Hand anhielt. Unser Hof von knapp 50 ha warf ja nicht so viel ab, dass nicht gerechnet werden musste. Sollte er als Ganzes erhalten bleiben, mussten meine vier Geschwister ausgezahlt werden, ihren Anteil am Erbe in Geldwert bekommen. Beide Eltern schufteten von früh bis spät, selbst im Winter gönnten sie sich keine Ruhe. Aus den verschneiten Wäldern wurde in Fremdarbeit, d.h. gegen Bezahlung, Holz aus dem tiefen, finsteren Wald zum Bahnhof transportiert. Eine nicht ungefährliche Arbeit, ein Baumstamm konnte sich schnell lösen, und einmal löste sich einer, überrollte meinen Vater und verletzte ihn ziemlich schwer. Seine Narbe im Gesicht kam von dieser Verletzung.
Unser Hof war niemals verschuldet. Das gesparte Geld kam in eine verschließbare Zigarrenkiste und wurde am Spartag auf die Bank gebracht. Jeder Groschen wurde dreimal umgedreht, ehe er ausgegeben wurde. Was sein muss, muss sein. Meine Mutter ließ sich immerhin ihre Festkleider von einer bekannten Schneiderin in Bütow anfertigen. Irla erinnert sich an ein blaues Seidenkleid mit Perlen bestickter Schärpe im Charlestonstil. Die hin und wieder nach Bütow unternommenen Fahrten waren immer Einkaufsfahrten.
Mir ist mein Vater letztlich fremd geblieben, an seine Geburtstage am 30. Dezember erinnere ich mich jedoch gut. Denn einen Tag danach, zu Silvester, gab es immer Pfannkuchen, sie wurden den Honoratioren des Dorfes angeboten. Sie, nicht die Verwandten, wurden eingeladen: der Förster Borchert, der Lehrer Brosowski, der Besitzer des Lebensmittelgeschäfts Kosin, Ortsgruppenleiter Wedel. Berge von Pfannkuchen errichten sich vor meinen Augen, an deren Abtragung wir Kinder beteiligt wurden. Handarbeit: Unsere Mutter riss von einem großen Teigklumpen nach Gefühl eine Handvoll Teig ab, formte sie zu einem ballförmigen Gebilde, meine Schwester hatte einen Löffel selbstgekochter Marmelade oder Pflaumenmus hinein zu bugsieren und die Bällchen auf einem Blech geordnet abzulegen. Das voll belegte Blech kam zum Gehen oben auf den Kachelofen in der Wohnstube. Sobald sie aufgegangen waren, verschwanden die Pfannkuchen in einem großen Spezialtopf mit siedendem Öl und erhielten die duftende Bräune, wurden mit Zuckerguss überzogen oder mit Puderzucker bestreut. Wenn irgend möglich, hat unsere Mutter viele Jahre nach dem Krieg in Zeitz und darauf in Halle-Neustadt Pfannkuchen für den Rest der Familie gebacken. Irrläufer mit Senf kamen erst in dieser Zeit hinzu.
Als die Tür zum feinen Zimmer geöffnet wird, bestimmt nicht das schwarze Klavier meine Assoziationen, sondern die Bescherung am Heiligabend. Die Tür ging auf, der große Tannenbaum erstrahlte im Lichterglanz und die Geschenke lagen unterm Weihnachtsbaum. Stille Nacht, heilige Nacht. Ich bekam die lang gewünschten Schlittschuhe.
Man will uns die oberen Räume zeigen, aber ich glaube, unsere Führerin durchs Haus ist froh, dass wir darauf verzichten. Sie war ja auf unseren Besuch nicht vorbereitet. Und was hätte die Besichtigung zusätzlich gebracht? Die Bestätigung, dass die Kammern, in denen meine Geschwister schliefen, klein waren und es in den Räumen keine Öfen gab. Im Winter war es da oben bitter kalt, das Wasser gefror in der Waschschüssel. Damit die Katzenwäsche früh am Morgen überhaupt erledigt werden konnte, goss die Mutter heißes Wasser auf das Eis. Das Zischen klingt in meinem Ohr.
Das elterliche Schlafzimmer, an dessen linker Seite mein Kinderbett stand, war etwas größer. Es gab eine Zeit, wo ich aus mir heute unerfindlichen Gründen nicht ins Töpfchen pinkelte, sondern hinters Bett. Eigenartigerweise gab es dafür keine Schläge. Nach Entdeckung der vor sich hin stinkenden Angelegenheit wurde ich über Wochen und Monate, bevor sich meine Eltern zur Nachtruhe begaben, von meiner Mutter vorsorglich wachgerüttelt und auf den Pott aus Emaille gesetzt, bis sich etwas tat. Das konnte allerdings dauern. Schläge gab es dagegen, als ich mich einmal eingeschlossen hatte und meine Eltern über das offene Fenster mit Hilfe einer Leiter einsteigen mussten. Gisela und Renate hatten sich einen Spaß daraus gemacht, mich als Gespenster in meinem Kinderbett zu erschrecken. Wie konnte ich mich besser wehren? Pech für mich, ich vergaß, vor dem Einschlafen die Tür wieder aufzuschließen.
Vom Eheleben habe ich wenig mitbekommen, anders, wenn mein Vater aus dem Gasthof kam und etwas über den Durst getrunken hatte, was zwei-, dreimal im Jahr passieren konnte. Er konnte in solchen Nächten recht aggressiv werden. Zumindest die Freudianer unter meinen Lesern werden es deuten können, sobald ich an dieser Stelle bekenne, nach reichlichem Alkoholgenuss werde ich eher sanft wie ein Lamm. In einem ersten Versuch über meinen Vater hatte ich ihn zum Entsetzen von Irla als Quartalssäufer charakterisiert. Ich wollte es mir mit ihm zu einfach machen, eine der üblichen Stanzen bedienen, die Söhne über viele Generationen geformt und bereitgestellt haben.
Und das Bild über dem elterlichen Bett habe ich auch nicht vergessen. Geht es in einem Gespräch, in einer Diskussion um Kitsch, habe ich es vor Augen: nächtliche Waldesstimmung, eine gut ausgeleuchtete Lichtung, Rehe im Hintergrund, links im Bild junge Männer oder waren es irgendwelche Satyrn, trunksüchtige, lüsterne Begleiter des Dionysos, die Blicke auf herannahende Elfen gerichtet, deren nackte Körper leicht verhüllt.
Ich fragte, ob wir uns auf dem Hof und im Garten umsehen dürften. Wir durften natürlich, ich hatte wohlbedacht gefragt, um klarzumachen, wir kommen nicht mit irgendwelchen Ansprüchen. Wir nahmen den Weg an der Pumpe vorbei, die tatsächlich funktionierte, der Schwengel musste einfach bewegt werden, ließen rechts den kleinen Obstgarten liegen, der zum Altenteil gehörte und aus dem wir der Oma gern mal die gut schmeckenden Gravensteiner gestohlen hatten, und standen vor dem eigentlichen Hof.
Können Sie erklären, warum der Protagonist dieses Buches am Samstag, dem 17. Januar 2009 gegen 14 Uhr bei REWE in der Kulturbrauerei (Prenzelberg) Gravensteiner Apfel-Gelee/Aus reinem Gravensteiner Apfelsaft kaufte?
Auf dem Hof prangte die große Dunggrube nebst Jauchengrube. Die war nun wirklich riesig, sie wirkte überdimensional, ein kleiner zerzauster Haufen Mist darin. Flissakowskis besaßen lediglich einen Teil des Bodens, waren Kleinbauern geworden, wie man sie aus Polen kennt: drei, vier Kühe, ein Pferd, ein paar Schafe. Wo sollte der Mist herkommen? Bei sechs Pferden, fast zwanzig Kühen und mehreren Kälbern, Färsen, einem Bulle war das etwas anderes gewesen.
Der Bulle war im Kuhstall von den Kühen getrennt. Er hatte seinen Platz am Übergang zu dem Teil, wo die Kühe standen. Es konnte passieren, dass er mit den Hinterbeinen auf diesem Gang stand. Eines Sonntags, ich war für den Kirchgang in einen adretten Matrosenanzug gesteckt worden, marschierte ich, als die Aufbruchsstimmung auf ihrem Höhepunkt angelangt war und sich keiner um mich kümmerte, in den Stall und forderte den Bullen mit der mir zur Verfügung stehenden Stimmgewalt auf, den Übergang freizugeben: Bulle rum! Dieser hebt stattdessen das rechte Bein, das in der eigenen Scheiße gestanden hatte, und schüttelte den Brei – das Bein leicht nach hinten gestreckt, wo ich auf die Befolgung meines Kommandos erwartungsfroh wartete – voll in mein Gesicht und auf den neuen Anzug. Ach, wie habe ich geschrien. Ganz offensichtlich hatte ich einen falschen Standort für mein Kommando gewählt. Gott sei Dank, Irla war zur Stelle, beruhigte meine Eltern, nahm mich ans Händchen, tröstete mich, „ein Junge weint doch nicht“, befreite mich von dem Übel und fand eine Ersatzkleidung.
Die älteste Schwester musste sich um uns kümmern, und sie tat es mit allem Nachdruck liebevoll. Dass wir Hochdeutsch sprachen, war gesetzt und wurde mit aller elterlichen Strenge durchgesetzt, unterstützt von unserer stellvertretenden Mutter. Ich war der Junge mit den x-Beinen und musste noch vor der Schulzeit über einen längeren Zeitraum hinweg täglich eine bestimmte Zeit im Schneidersitz verbringen. Ein fachmännisch zu belegender Rat steckte wohl nicht dahinter, aber meinen Beinen ist die vom Schwesterchen beaufsichtigte Übung gut bekommen.
Meine Güte war die Scheune verfallen. Man sah ihr gleich an, dass sie nicht mehr im vollen Umfange gebraucht wurde. Von Quantität und Qualität der eingefahrenen Ernte hing viel ab. Im späten Herbst und im Winter wurde gedroschen: Roggen, kaum Weizen, Hafer, Gerste. Mein Vater legte die Garben oben auf der Dreschmaschine selbst ein. Wir Kinder mussten die Garben, die aus dem jeweiligen Scheunenfach auf die dafür vorgesehene Fläche der Maschine geworfen wurden, zunächst einzeln auf den Garbentisch legen und aufschneiden, bevor der Einleger sie behutsam herunternahm. Oh, diese Tätigkeit war gefürchtet. Exaktheit, Koordination, Augenmaß waren verlangt. Die Ähren immer rechts von einem auf den Tisch, niemals zwei Garben, im richtigen Moment aufschneiden, auf keinen Fall mit der Garbe dem Vater vor dem Gesicht herumfuchteln, geschweige denn ihn treffen. Da konnte er saugrob werden. Einmal habe ich meinem Vater die grantigen Ähren ins Gesicht gewischt. Obschon ich mich für meine Unachtsamkeit sofort entschuldigte, musste ich auf der Stelle die Dreschmaschine verlassen. Gisela hat mich an diesem Tag ersetzt. Ich war geächtet, ein Kind, ein Junge gar, der nicht einmal das richtig konnte.
Die Scheune war von Hause aus ein Abenteuerspielplatz der besonderen Güte. Von den Versteckmöglichkeiten können Stadtkinder bestenfalls träumen. Damit das Versteckspiel nicht missriet, wurde der Raum begrenzt. Solange das Korn nicht gedroschen war, durften wir ohnehin nicht überall in der Scheune herumtoben. Ängstlichkeit war verpönt, die besten Chancen hatten die guten Kletterer. Meine zwei Jahre ältere Schwester war unerreicht. Doch einmal hat es sie voll erwischt, mit vorgebeugtem Kopf war sie gegen eine Wagendeichsel gerannt, die auf der Tenne stand, die Platzwunde musste genäht werden. Ein anderes Mal war Harald, Sohn des Stellmachers und Ortsgruppenleiters, an einem Balken tief ins gedroschene Stroh gerutscht, sodass er sich nicht ohne des Polen Adam Hilfe heraushieven konnte. In der Scheune fanden übrigens die Doktorspiele statt, bei denen die Älteren, Harald und Gisela, die Hauptakteure waren, er der Doktor, sie die Patientin, die sich auf den mit Stroh bedeckten Boden legte, nachdem sie sich ausgezogen hatte. Sie wurde gründlich untersucht. Wir Kleinen waren aufgeregt staunende Zuschauer. Doktorspiele finden, wird behauptet, zwischen 3 und 6 Jahren statt. Wieso war ich da passiver Zuschauer?
An der Stirnseite der Scheune vorbei gelangt man zum Obst- und zum Gemüsegarten, am Ende befand sich ein Teich, in dem sich Enten und Gänse tummelten. Eigentlich schon zu unserer Zeit verschmutzt und unappetitlich, jetzt war er vollends versumpft. Die paar Entchen und Gänschen konnten uns den Blick nicht verstellen.
Heio Popeio, was raschelt im Stroh?/Das Gänschen läuft barfuß und hat keine Schuh/Der Schuster hat Leder, keine Leisten dazu/ drum kann er auch machen dem Gänschen keine Schuh.
Der Obstgarten mit seinen riesigen Apfel- und Birnenbäumen wird zum Gemüsegarten hin von Pflaumenbäumen abgeschlossen: die deutsche Hauspflaume, würzig und knackig. Bis es nicht mehr ging, habe ich die reifen Pflaumen in mich hineingestopft und frischer Pflaumenkuchen war ein unbeschreiblicher Genuss. Nirgendwo auf der Welt habe ich unsere Pflaumen wiedergefunden. Diese großen Pflaumen aus Kalifornien, mit Chemie durchtränkt, sind mir ein Gräuel. Erst als ich 2001 zu einem vom DAAD geförderten Seminar für kasachische Universitätslektorinnen und -lektoren in Astana war, habe ich sie wiedergefunden. Das Klima ist ähnlich, kontinental, mit harten Wintern. Während meines vierzehntägigen Aufenthalts verdrückte ich Tag für Tag ein Pfund, manchmal gleich ein ganzes Kilo. Falls mich meine Geschmacksnerven und mein Erinnerungsvermögen nicht täuschten, schmeckten sie jedenfalls wie die von Zuhause. Hätte meine Mutter zu der Zeit noch gelebt, sie wäre gewiss in der Lage gewesen, die Wiederentdeckung der Pflaume meiner Kindheit zu bekräftigen. Vielleicht war ich nach den vielen Jahren reif für die Relativierung eines Verlustes.
Das ist der Daumen/der schüttelt die Pflaumen/der hebt sie auf/der trägt sie nach Haus/und der Kleine, der isst sie ganz alleine.
Wie lebte unsere Mutter auf, als wir ihr einmal aus Polen Schweinebohnen mitbrachten. Sie wurden in unserem großen Garten angebaut und gehörten zu ihren Lieblingsessen. In der DDR waren sie kaum zu finden. Wir erinnerten uns gemeinsam, wie unsere Großmutter die Bohnen, vor dem Garten sitzend, auspuhlte, wie sie in einen großen Kochtopf mit Salzwasser geschüttet, gekocht, abgegossen, in Butter geschwenkt und mit viel Petersilie auf den Tisch kamen. Mehlsuppe gab es dazu, die nach Ansicht meiner Mutter nicht besonders gut zu dem Schweinebohnen-Gericht passte, sie trank deshalb lieber Buttermilch dazu.
