Unser Mann in London - Moritz Volz - E-Book

Unser Mann in London E-Book

Moritz Volz

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Beschreibung

Mit 16 ging Moritz Volz nach England, um in der Premier League Fußball zu spielen – und blieb elf Jahre. Er wurde, was sich Engländer nicht vorstellen konnten: ein Deutscher, der sie zum Lachen bringt. Mit feiner Ironie und genauem Blick für das Skurrile und Schöne erzählt Moritz Volz von seinem Leben in London: Begegnungen mit englischen Handwerkern und deutschen Touristen, britischem Humor, Londoner Pubmannschaften und seinem Versuch, Kricket zu verstehen. Eine Hommage an eine schillernde Weltstadt und ein spleeniges Land.

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Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Moritz Volz

Unser Mann in London

 

 

 

Über dieses Buch

Mit 16 ging Moritz Volz nach England, um in der Premier League Fußball zu spielen – und blieb elf Jahre. Er wurde, was sich Engländer nicht vorstellen konnten: ein Deutscher, der sie zum Lachen bringt. Mit feiner Ironie und genauem Blick für das Skurrile und Schöne erzählt Moritz Volz von seinem Leben in London: Begegnungen mit englischen Handwerkern und deutschen Touristen, britischem Humor, Londoner Pubmannschaften und seinem Versuch, Kricket zu verstehen. Eine Hommage an eine schillernde Weltstadt und ein spleeniges Land.

Impressum

Rowohlt Digitalbuch, veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2012

Copyright © 2012 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München

(Foto/Illustrationen: pixathlon/Action Images/Henry Browne)

ISBN Buchausgabe 978-3-499-62834-4 (1. Auflage 2012)

ISBN Digitalbuch 978-3-644-45901-4

www.rowohlt-digitalbuch.de

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

Prolog Mein erster Engländer

Eins Die Entscheidung

Zwei Und nun zum Wetter

Drei Das englische Lachen

Vier Die Wasserhahn-Fraktion

Fünf Theoretisch erwachsen

Sechs Das große Haushalts-ABC

Sieben Von Deutschen und Engländern

Acht Die Trainspotter

Neun Der mutierte Traum

Zehn Tee um fünf

Elf Der Mann im weißen Wagen

Zwölf Hunger

Dreizehn Ein lustiger Deutscher

Vierzehn Mick Channons Windmühle

Fünfzehn Als mir Jens Lehmann fehlte

Sechzehn Dazu noch kurz Folgendes

Siebzehn Mein liebster Strandwächter

Achtzehn Eine andere Soße

Neunzehn Gordon Taylors Tischgebete

Zwanzig Wäscheleinen im Wohnzimmer

Einundzwanzig Die andere Seite

Epilog Der Duft angebrannter Hamburger

Dank

Bildnachweis

Für Anneke, die mir das Tor zu London geöffnet hat und mir zeigte, wie man sich in einer Weltstadt zu Hause fühlt. Du bist die clotted cream auf meinem Scone.

See him cycling down the Fulham Road

his German sausage in his hand

He plays football

but he hardly ever scores

He dreams of Knight Rider

and the fatherland

Ja, ja, he is an alien

a humorous Westphalian

He is a German in West-London

Der Moritz-Volz-Song, produziert von der BBC, zur Melodie von «An Englishman in New York» von Sting

PrologMein erster Engländer

Der erste Engländer, den ich in meinem Leben traf, kurbelte die Autoscheibe herunter und bellte die Fußgänger an. Ich war sechs Jahre alt und bekam ein vages Gefühl dafür, aus was für einem herrlichen Land er kommen musste: wo die Erwachsenen sich wie Kinder benahmen.

Wir hatten meine Schwester Veronika am Reitstall abgesetzt und fuhren durch die Wälder und Wiesen des Siegerlands, grüne Hügel und Berge, so weit der Blick reichte, kein Stück ebenes Land. Mein kleiner Bruder Konstantin und ich saßen auf der Rückbank, David am Steuer, mein Vater neben ihm. Ich schätzte ihn auf 50, vielleicht war er auch erst 30, jedenfalls in einem Alter, das uns Kindern alt erschien: Er hatte eine Glatze. David lehrte als Gastdozent Mathematik an der Universität Siegen. Ich vermute, mein Vater, der Chemie unterrichtete, hatte ihn kennengelernt, weil er glaubte, er wäre dank seines Englischs als Einziger an der Universität in der Lage, sich mit ihm zu unterhalten. Von dem Moment an, als David die Fensterscheibe herunterkurbelte und wie ein Foxterrier nach den Leuten kläffte, wollten mein Bruder Konni und ich ihn immer wieder sehen. Solche Erwachsenen gab es in Bürbach nicht.

1991 kehrte David nach Südlondon zurück, und wir besuchten ihn in den Sommerferien. Auf der Autofahrt zwangen meine drei Schwestern unsere Eltern, einen Radiosender einzustellen, der Poplieder von East 17 und New Kids On The Block spielte. Konni und ich saßen auf der zusätzlichen, umgekehrten Rückbank unseres alten Volvos, schauten aus dem Kofferraumfenster und sangen die englischen Texte mit, ohne sie zu verstehen. «Sepp Blei Sepp, oh Baby.»

Zurück aus dem Irland-Urlaub zeigen wir unseren Nachbarn, wie viel Gepäck wir dabeihatten. Von links: meine Mutter, Konni, Veronika, mein Vater, ich und Jenny.

«Hört endlich auf, ihr zerstört das Lied mit euren falschen Texten», riefen meine wutschnaubenden Schwestern. «Step by Step» hieße der Song.

«Sepp Blei Sepp», sangen Konni und ich noch lauter.

Meine Schwestern durften eine Woche bei David bleiben. Sie waren schon größer als ich. Besser erzogen, sollte das wohl heißen. Konni und ich fuhren inzwischen mit unseren Eltern durch England beziehungsweise das, was ich damals für irgendeinen verwandten Teil von England hielt. Es hieß Irland. Ich erinnere mich hauptsächlich an das Essen. Die ungetoasteten Toastbrote, die Angelsachsen Sandwichs nennen, waren mein Urlaubshöhepunkt. Am liebsten aß ich sie mit Schinken und Thunfisch. Also, nicht mit Schinken und Thunfisch zusammen belegt, wobei das den Engländern durchaus zuzutrauen wäre.

Das Gefühl, dass Engländer irgendwie anders waren, verstärkte sich später, als in der Schule der Fremdsprachenunterricht begann. Während unsere Französischlehrerin enge Hosen aus falschem Schlangenleder zu Schuhen mit hohen Absätzen trug, bevorzugte die Englischlehrerin weite zottelige Röcke und trug die Haare dazu passend ungekämmt. Sie lehrte uns, dass Engländer sich nicht gerne einmischten und dass man in England auch nicht sagte: «Gibst du mir mal die Butter?» Sondern: «Würdest du bitte so großzügig sein, mir die Butter zu reichen, falls es dir nichts ausmacht.» Ich mochte dieses Land und dachte nicht weiter darüber nach. Es schien so fern von allem, was mit mir zu tun hatte.

An meiner Schule in Siegen gab es ein blondes Mädchen aus dem Nachbardorf, und ich fuhr zweimal die Woche zum Training der B-Jugendelf von Schalke 04. Ich hatte genug mit meinen Träumen zu tun. Als mir mein Vater eines Abends auf der Rückfahrt vom Training in Schalke sagte, da habe so ein Mann angerufen, ob ich mir vorstellen könne, zu Arsenal nach London zu wechseln, dachte ich nicht: «Wow!» Ich fragte mich entgeistert, wieso einer der besten Fußballklubs Englands auf die Idee kommen sollte, einen 15-jährigen Jungen aus Bürbach zu verpflichten. Aber dann fiel mir ein, dass Engländer ja auch aus dem Autofenster bellten.

 

Zwölf Jahre später frage ich mich manchmal, was ich geworden bin. Ein englischer Deutscher? Ein deutscher Engländer? In irgend so einen Mischmasch habe ich mich verwandelt, seit ich mit 16 tatsächlich Arsenals Ruf nach London folgte. Ich war ein Skandal; der Gegenstand einer jener hysterisch moralischen Debatten, die wir Deutschen so lieben: der erste deutsche Jugendliche, den ein ausländischer Fußballklub in die Ferne lockte, «der verkaufte Junge», «der Kinderarbeiter», «vom fremden Geld geblendet». Ich wurde ein Fußballer in der besten Liga der Welt, ein Kolumnist für die Times und für Die Zeit «etwas, was es nicht gab: ein Deutscher, der England zum Lachen bringt». Die englische Tageszeitung The Guardian sah mich «auf einer Mission, sämtliche Klischees zu unterlaufen: Er ist ein Deutscher mit Sinn für Humor. Mehr noch, er ist ein deutscher Fußballer mit Sinn für Humor.» Nur mich haben sie damit nicht überzeugen können. Ich bin überhaupt nicht witzig.

In meinen Augen wurde ich in England einfach nur erwachsen – und im besten Fall ein Londoner. Ein Londoner zu sein, bedeutet, tolerant, höflich und selbstironisch aufzutreten und sich beim ersten Sonnenstrahl hemmungslos die Haut zu verbrennen, bis sie krebsrot ist. Von London geprägt, könnte ich heute niemanden mehr sofort nach dem Kennenlernen fragen, was er arbeitet oder ob er verheiratet ist – oh my God, wie peinlich, das wäre doch viel zu privat! Dafür kann ich ohne Probleme jederzeit eine halbe Stunde leidenschaftlich über das Wetter parlieren, und, mal ehrlich, was gibt es Schöneres als den echten Londoner Regen, der fein wie Glitzerstaub auf die Stadt fällt? Du gehst ohne Regenschirm, ohne Kapuze unter ihm hindurch und fühlst dich nicht nass, sondern erfrischt.

Londoner finden alles an ihrer Stadt am besten, sogar den Regen, und meckern trotzdem permanent nur über London. Lob, gar Pathos wäre doch unelegant, oh Gott, wie peinlich. Wobei ich immer noch nicht alles verstehe, was in London als Gesetz gilt, zum Beispiel, warum man Tee auf keinen Fall aus großen Kaffeetassen trinken darf. «Das kannst du nicht machen!», sagte mein Freund Steve nur, als ich ihm Tee einmal in einer französischen Kaffeeschale servierte. «Du kannst mich nicht zwingen, Tee aus diesem Swimmingpool zu trinken!»

 

Über ein Jahrzehnt lebte ich in London, ehe mich der Profifußball wieder nach Deutschland führte, nach Hamburg zum FC St. Pauli. Für große Gefühle wie Heimweh oder Sehnsucht bin ich zu nüchtern, fürchte ich. Doch denke ich in Hamburg oft an London, und dann lächle ich innerlich. Ich sehe mich in meinem vorletzten Londoner Jahr, auf dem Weg zum Training bei Ipswich Town. Ich fuhr um halb sieben mit dem Auto los, um die 120 Kilometer nach East Anglia rechtzeitig zu bewältigen. So früh am Morgen, das ist der Moment, wenn die Stadt, die angeblich niemals schläft, döst; der einzige Zeitpunkt, wenn du in dieser Stadt von über acht Millionen Einwohnern fühlst, sie für dich alleine zu haben. Ich startete an unserer Wohnung in Fulham im Südwesten, die Sonne ging gerade als oranges Feuerwerk am Himmel auf – die Sonne in London ist fast noch besser als der Regen, jeden Abend geht sie in einer neuen Form unter, mal als leuchtender Tennisball, mal als rotes Stierkämpfertuch, mal als abstrakte Kunst voller wirrer roter, orange- und lilafarbener Fäden. Morgens um halb sieben in Fulham ist London ein Dorf, die Straßen sind leer, die blühenden Kirsch- und Lindenbäume vor den breiten viktorianischen Ziegelsteinhäusern geben der Szene etwas Luftiges, Unschuldiges. Die Fahrt geht Richtung Osten, schon bin ich auf Chelseas King’s Road, wo London in den Sechzigern schwang, als Frauen Minirock trugen und die Männer die Haare dafür lang. Heute kreuzen sich auf der King’s Road die Reinigungsfahrzeuge mit den nach Hause wankenden letzten Königen der Nacht. Der Buckingham Palace kommt in Sicht, das Symbol der britischen Überzeugung, dass alle Spleens akzeptabel sind, wenn man sie nur Traditionen nennt. The Strand rauscht vorbei mit den alten Vertretun-gen der Commonwealth-Staaten. Als Großbritannien noch dachte, es sei die ganze Welt. Dann schon die Fleet Street, die Heimat des legendären britischen Journalismus, jener Bastion großartiger politischer Enthüllungen und nackter Mädchen auf Seite drei. In der City mit ihren Straßen, die Schluchten gleichen zwischen all den hohen Bankgebäuden, bin ich plötzlich allein unter lauter Sportwagen und Limousinen. Die Investmentbanker sind schon auf dem Weg zu den asiatischen Märkten auf ihren Bildschirmen. Schließlich tauchen wieder die Reihenhäuser auf, aber niedriger, gedrungener als in Fulham. Fabrikhallen und Sozialwohnungen in Mietskasernen brechen die ästhetische Monotonie der Reihenhäuser. London ist plötzlich nicht mehr grün im East End. In der Ferne thront schon die Queen-Elizabeth-Brücke auf ihren riesigen weißen Stelzen. An ihrer Zufahrt glitzern im ersten Stau des Tages die Autos in der Sonne, und du fühlst: Jetzt beginnt das Leben.

Alle paar Wochen komme ich noch nach London. Ich sage dann: «Ich fahre nach Hause.»

EinsDie Entscheidung

Ich schlug, ohne zu überlegen, mit der Faust zu. Es gab einen explosionsartigen Knall, und der Schreck darüber, was ich angerichtet hatte, tat mir gut. Ich war augenblicklich ein wenig ruhiger. Um mich herum lag, in hundert Teile verstreut, die Glühbirne unserer Flurlampe.

Über zwei Monate hatte ich still und rational versucht, zu entscheiden, ob ich Arsenals Ruf nach London folgen sollte oder nicht. Ich weiß nicht, das wievielte Mal ich mit meinen Eltern abends am Wohnzimmertisch saß und die Argumente abwog, als das Gefühl, überfordert zu sein, in unhaltbare Wut umschlug. «Wisst ihr was, mir ist das alles zu viel!», rief ich, sprang vom Tisch auf und wollte in mein Zimmer stürmen. Die Lampe war irgendwie im Weg.

Nie zuvor und nie wieder danach hatte ich solch einen gewalttätigen Ausbruch. Ich war 15, ich wollte es doch nur allen recht machen. Es schien mir, dass ich nur alles falsch machen konnte. Ich wäre doch doof, wenn ich ein Angebot von Arsenal ausschlug. Ich wäre doch verrückt, wenn ich in meinem Alter allein die Heimat verließ, wo ich glücklich war, wo ich mit Schalke einen guten Klub hatte.

Es half wenig, dass alle Welt sich bemüßigt fühlte, ihre Meinung zu mir und Arsenal kundzutun. Heute ist es alltäglich geworden, dass deutsche Jugendliche mit 15 oder 16 nach England ziehen, um ihre Ausbildung bei den Klubs der Premier League zu absolvieren. Ich aber war der Erste. Es war 1999, in Deutschland gingen talentierte Fußballer zur Schule oder machten eine Lehre und trainierten dann abends in ihrer Freizeit in den Jugendteams der Bundesligavereine drei-, viermal die Woche. Geld wurde Jugendspielern nur verstohlen bezahlt, 630 D-Mark im Monat, exakt unter der Steuergrenze. Fußball war doch nur die schönste Nebensache der Welt.

In England dagegen zog Arsenal als erster Klub die Konsequenz daraus, dass Fußball das globalisierte Spiel geworden war: Gezielt suchten sie in der ganzen Welt nach den besten Jugendlichen und boten ihnen eine Ausbildung mit bis zu sieben Trainingseinheiten die Woche. Einigen wie mir garantierten sie auch einen anschließenden Profivertrag, sobald sie 17 wären.

Das deutsche Selbstwertgefühl war verletzt: Was glaubten diese Engländer – dass sie unseren Kindern besser das Fußballspielen beibringen könnten als wir? Wer war denn dreimal Weltmeister?! Und dann kam noch das Geld ins Spiel, Geld für Teenager! Von «Kinderhandel» sprach der Jugendsekretär des Deutschen Fußball-Bundes, als Arsenals Werben um mich bekannt wurde. «Ein unmoralisches Angebot» nannte es der Jugendkoordinator meines Klubs Schalke 04. Wenn er ein anständiger Junge ist, bleibt er in Deutschland, bleibt er daheim, hörte ich von allen Seiten. Nur die Jugendlichen und Kinder sagten: Arsenal, echt cool.

Unser Telefon klingelte. Die Bild-Zeitung, der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung. Wir gingen nicht mehr ran. Aber das Telefon klingelte weiter, der Klingelton klang für mich schon bald wie eine Sirene.

Das Deutsche Sport-Fernsehen überfiel mich nach einem Jugendspiel in Schalke. Ich wollte kein Interview geben. Das Mikrophon stand wie eine Pistole vor meiner Nase. Die Kamera lief schon.

«Der Medienrummel muss ganz schön hart für dich sein, du bist ja erst 15», sagte der Reporter, scheinbar verständnisvoll.

«Ja, es ist schon viel. Es ist nicht einfach, damit zurechtzukommen.»

In den nächsten Tagen strahlten sie den Bericht über mich aus. Moritz Volz – ein 15-jähriger Junge – habe von Arsenal unglaublich viel Geld angeboten bekommen, sagte die Reporterstimme. Unmittelbar daran anschließend hatten sie mein Zitat geschnitten: «Ja, es ist schon viel. Es ist nicht einfach, damit zurechtzukommen.»

Günther Jauch lud meinen Vater und mich in seine Talkshow ein. Da war ich vermutlich genauso eitel wie die meisten: Günther Jauch sagt man nicht ab. Ich saß in meinem grauen Anzug von der Schulfeier neben meinem Vater, und er redete die meiste Zeit für mich. So wie es wohl bei den meisten 15-Jährigen gewesen wäre. In die gängige Stimmung allerdings passte das Bild, das wir abgaben, perfekt: Der Vater verkauft ihn!

Heute hätte ein Jugendlicher in meiner Situation einen professionellen Fußballagenten an seiner Seite. Mein Vater und ich dagegen nahmen nur meinen kleinen Bruder mit zu den Gesprächen mit Schalkes Manager Rudi Assauer. Damit Konni das auch mal erlebte. Als mein Vater irgendetwas von den Spielern der Schalker Profielf erzählte, überkam mich neben ihm ein Gefühl, das wohl fast jeder als ständigen Begleiter aus der Pubertät kennt: Oh Gott, war mein Vater peinlich. Er verwechselte vor Assauer partout die Vornamen der Schalker Götter, Jii Nmec hieß bei ihm Radoslav, Nico Van Kerckhoven nannte er Marc.

Ich begann, überall Stimmen zu hören. Schau mal, da ist der Volz. Echt cool, der kann nach England gehen. Ach, dem geht es doch nur um die Kohle. Und dabei ist er doch gar nicht so ein guter Fußballer. Manchmal reichte der Blick eines Mitschülers oder eines Mannes an der Bushaltestelle, und ich glaubte zu wissen, was sie dachten. Ich war nicht stark genug, mich dem schrecklichsten Gedanken zu entziehen: Was denken die anderen über mich? Ich spielte beim Fußball-Schulturnier mit, und auf einmal erwartete jeder, dass ich sieben Tore schoss, denn ich hatte doch ein Angebot von Arsenal. Am Ende war ich selbst enttäuscht von mir, weil ich keine sieben Tore geschossen hatte.

Ich traute mich nicht, Arsenal zuzusagen, und schaffte es nicht, Arsenal abzusagen. So oft ich auch Pro und Kontra durchging, ich kam immer nur zum selben Ergebnis: Am liebsten würde ich für Schalke und Arsenal spielen.

 

Bis dahin hatte ich mir in meinem Leben selten Gedanken machen müssen, was ich wollte. Ich konnte darauf zählen, dass es sich einfach ergab.

Als Kinder spielten wir auf den schiefen Wiesen von Bürbach Fußball, linker Verteidiger und Linksaußen mussten zum Tor hin immer bergauf rennen, nirgendwo fand sich ein gerades Stück Land. Bei Sport Schulze konnten wir zwischen drei Modellen Fußballschuhen wählen. Ich liebte den Moment, wenn ich die schwere Ladentür öffnete und den Geruch nach frischem Schuhleder und neuer Polyesterkleidung einatmete.

Zu Hause erzählte unser Vater aufregende Geschichten nach dem Motto: Das Entscheidende ist nicht die Wahrheit, sondern die Pointe. (Wird er enttäuscht sein, dass ich mich in diesem Buch nicht an sein Erzählrezept, sondern strikt an die Wahrheit halte?) Auf seine Erzählart erfuhren wir von ihm, dass er in der Schule immer ganz leicht mit den allerbesten Noten durchgekommen und als Fußballer einmal der Blitz von Herne-Süd gewesen war. Das prägte uns Kinder. Wir wollten auch in der Schule gut sein, wobei mich meine Begabung rettete, schwätzen und gleichzeitig dem Lehrer zuhören zu können.

Der Fußballplatz des Dorfes, wo der Blitz von Herne-Süd für die Alten Herren spielte, wurde unsere natürliche Zweitheimat, irgendwann selbst für meine Schwestern, wobei, wenn ich mich recht entsinne, weniger das Spiel als die Spieler interessant waren. Auch zum Sportplatz ging es bergauf. Es gab dort keine Umkleidekabinen. Wenn es regnete, lief der Schlamm des Aschenplatzes die Straße ins Dorf hinunter. Ich schoss mein erstes Tor, als mich der Ball versehentlich traf und von meinem Bauch ins Tor sprang.

 

Mit zwölf wurde ich in die Westfalen-Auswahl berufen, ich verstand nicht, warum: Die anderen Auserwählten schienen mir alle geschickter, stärker und mit coolerer Trainingskleidung ausgerüstet. Sie spielten für Teams wie Borussia Dortmund oder Schalke und hatten Spitznamen wie Spargel. Mein Klub hieß Bürbacher Spielvereinigung. Ich war noch nie in einem Bundesligastadion gewesen. Als ich zum Kapitän der Westfalen-Auswahl berufen wurde, sagte Spargel zu mir: «Ich weiß, warum du Kapitän wirst, obwohl ich viel besser bin. Weil du immer so folgsam bist.»

Ich glaubte, er habe recht.

Ich hielt die anderen irgendwie immer für besser als mich. So geht es mir bis heute. Bei den anderen sehe ich ihre Künste. Bei mir sehe ich meine Fehler.

Als ich mit 14 vom 1. FC Köln zum Probetraining eingeladen wurde, wollte ich sofort wieder weg. Ich fühlte gleich, hier würde niemand etwas am Geruch eines Dorfsportladens finden. Die Abgebrühtheit der Jungen schüchterte mich ein. Sie erzählten von Partys, ich veranstaltete immer noch Geburtstagsfeiern. Wir gingen dann auf Nachtwanderungen über schneebedeckte Felder und lachten darüber, wenn einer in der Dunkelheit stolperte und kopfüber in den Schnee fiel. Einmal wollte ich mit meinen Freunden in Siegen ausgehen. Wir liefen die Hauptstraße rauf und wieder runter und wussten nicht, was wir dann noch machen sollten. Also gingen wir in den McDonald’s.

Ich hörte zu, wenn die anderen an der Schule von ihren Experimenten mit Alkohol, Zigaretten und Mädchen erzählten. Aber ich spürte keine Sehnsucht, zu ihnen zu gehören. Unbewusst wollte ich so sein, wie mich meine Eltern gerne hatten, umso mehr, als ich merkte, dass es bei dem blonden Mädchen aus dem Nachbardorf gut ankam, höflich und fleißig zu sein.

Sie hieß Anneke.

Ich fand, sie war anders. Reifer, intelligenter.

Morgens kam sie mit dem Schulbus aus Alchen meist ein wenig früher an als ich. Vom Busparkplatz ging es den Berg zur Schule hinauf. Ihre orange Jacke leuchtete aus der Menge heraus. Ich bin ihr, so schnell ich konnte, hinterhergesprintet, bremste kurz hinter ihr und schlenderte dann die letzten Meter scheinbar ganz entspannt zu ihr.

«Hallo Moritz, du schon hier? Ich hatte euren Bus unten ja noch gar nicht gesehen.»

«Ich bin zufällig genau nach dir angekommen.»

«Ach so.»

«Na ja, vielleicht sehen wir uns ja noch in der Pause.»

«Ja, vielleicht.»

Zufälligerweise sahen wir uns immer in der Pause.

 

Als ich mit 15 in die deutsche Jugendnationalelf und dort schon wieder zum Kapitän berufen wurde, begann sogar ich zu glauben, dass ich vielleicht doch nicht so schlecht Fußball spielte. Wir spielten gegen Frankreich, Dänemark, Schweden. Beim Spiel Frankreich gegen Deutschland wollte der Späher des englischen Meisters und Pokalsiegers Arsenal einige französische Talente beobachten, wie ich später erfuhr. Davon, dass er anschließend beschloss, sich kurzfristig auch die Spiele der deutschen Jugendnationalelf in Dänemark und Schweden anzuschauen, bekam ich nichts mit.

Ich dachte damals doch, ich hätte gerade schon die schwierigste Entscheidung bewältigt. Ich war unmittelbar vor jenem ersten Länderspiel gegen Frankreich im Sommer 1998 zu Schalke gewechselt. Es sei höchste Zeit, dass ich in der Jugendelf eines Bundesligavereins trainiere, hatte mir der Bundestrainer empfohlen, sonst liefe ich Gefahr zu stagnieren. Die Wahl lief auf Borussia Dortmund oder Schalke hinaus. Dortmund lud mich als Zuschauer zu einem Champions-League-Spiel seiner Profis gegen Galatasaray Istanbul ein. Sie führten mich durch ihr Jugendinternat, wo den Kindern sogar ihre Zimmer aufgeräumt wurden. Schalke lud mich zum Schnitzelessen in eine Kneipe ein, und der Trainer Manni Dubski sagte: «Was zählt, ist dat da», und klopfte auf sein Herz. In Schalke spielte außerdem mein Freund aus der Jugendnationalelf Benny Wingerter, der nur mit drei Menschen in einem Raum schlafen konnte: seiner Freundin, seiner Mutter und mir. Dabei brauchte er uns nicht, um ihn in den Schlaf zu wiegen, sondern um den Fernseher auszuschalten, ohne den er nicht einschlafen konnte. Während Dortmund anbot, dass ich in ihr Fußballinternat ziehen könnte, schlug Schalke vor, dass ich noch ein Jahr in Bürbach wohnen bleiben, dort den Realschulabschluss machen und mich mein Vater währenddessen zweimal die Woche die 130 Kilometer zum Training fahren würde. Nach einem Jahr wäre auch ihr Jugendheim errichtet, und ich könnte dort als erster Bewohner einziehen.

Schalke oder Dortmund, schon diese Entscheidung war mir sehr schwergefallen. Kaum hatte ich sie endlich getroffen, sagte mein Vater in die Dunkelheit einer Novembernacht auf der A 45 von Gelsenkirchen nach Siegen, da habe so ein Mann von den Engländern angerufen.

 

Das Erste, was ich in London verstand, war, dass es Engländer bunt mögen. Das Zimmer im Sopwell House Hotel, wo Arsenal meine Eltern und mich für einige Tage untergebracht hatte, kombinierte die komplette Farbpalette sowie gemusterte Teppiche zu geblümten Vorhängen und gestreiften, mit Rüschen überbordend besetzten Kissen. Auch der Duft im Hotelrestaurant war neu. Es roch nach Essen, gemischt mit Chlor und feuchtem Teppich.

Ansonsten verstand ich wenig.

Ich hatte angenommen, ich könnte Englisch. Nun wusste ich es besser. Was ich leidlich beherrschte, war eine Sprache namens Schulenglisch, die offenbar wenig damit zu tun hatte, was die Menschen in Großbritannien sprachen. Ich gewöhnte mir schnell an, auf alles, was mir die Engländer sagten und ich nicht verstand, mit einem flüchtigen «Yes, yes» zu antworten. Nur gelegentlich variierte ich meine Antwort mit einem «Oh yeah». Vermutlich antwortete ich auch auf Fragen wie «Welche Rückennummer hast du bei Schalke?» mit «Yes, yes».

Arsenal hatte uns für ein paar Tage nach London eingeladen, damit ich mir ein Bild von meinem möglichen Leben als Londoner machen könnte. Auch meinen Bruder hatten wir mitgebracht. Wir sahen in der Einladung zuerst eher die Gelegenheit zu einem Städteurlaub für den Weihnachtseinkauf, so surreal kam uns die Situation vor.

Die Idee, dass ich tatsächlich einmal hier dazugehören könnte, kam mir zum ersten Mal, als ich das Spiel sah. Arsenals B-Jugend maß sich mit Charlton Athletic. Selbst die feuchte Luft und der Nieselregen faszinierten mich. Sie schienen so perfekt zu diesem Fußballmatch auf Charltons Trainingsgelände in Südostlondon zu passen. Der Rasen war saftig, und die Spieler setzten ihre Körper vehement ein. Ihre nassen Haare verstärkten den Eindruck eines großen Kampfes. Die Jungen grätschten nach den schweren Mitre-Bällen, und die Zuschauer schrien mit derselben Leidenschaft. Der Leiter von Arsenals Jugendabteilung Liam Brady stand in grünen Gummistiefeln am Rand. Ein Seil war als Abgrenzung für die Zuschauer um den Rasenplatz gespannt. Ich hätte es nicht auf den Punkt bringen können, ich fühlte es nur: In diesem Spiel war auf wunderbare Art Leben; sogar in diesem banalen Seil steckte Tradition.

In Schalke trainierten wir auf einem Aschenplatz fern der Profimannschaft, wir trugen unsere eigenen Trainingsklamotten, ich mit Vorliebe mein irisches Nationaltrikot mit Andy Townsend auf dem Rücken. In London empfing meine Eltern und mich Arsène Wenger, der berühmte Trainer der Profielf, und erklärte uns, wie mein Alltag bei Arsenal aussehen würde. Ich würde bei einer Gastfamilie wohnen, täglich trainieren und nebenbei Privatunterricht erhalten, um das englische Abitur zu machen. Ach, und hatte ich eigentlich Fußballschuhe dabei? Nein? Sie gaben mir ein Paar des schwedischen Nationalspielers Freddie Ljungberg. Dann trainierte ich bei den Profis mit.

Eine Sache hatte ich noch zu erledigen, ehe ich nach Deutschland zurückkehrte. Ich hatte meine Englischhausaufgaben mitgebracht, in der vagen Hoffnung, ich könnte sie leichter lösen, nur weil ich in England war. In der zehnten Klasse lasen wir gerade einen Ausschnitt aus My Fair Lady, und ich stolperte über einige Vokabeln. Eine Frage hätte ich noch, sagte ich also zu Arsenals Talentspäher, der mir das Stadion zeigen wollte: «Was heißt both?»

Arsenals Chefscout Steve Rowley schaut genau hin, ob meine Hand bei der Vertragsunterschrift für Arsenal zittert.

Der Chefscout beantwortete mir auch diese Frage, ohne das Gesicht zu verziehen. Damals wusste ich noch nicht, dass Engländer sich nichts anmerken lassen, wenn sie ihr Gegenüber eigenartig finden.

 

Ich brauchte vier Monate und eine zertrümmerte Glühbirne, um mich zu entscheiden. Steve Rowley, Arsenals Chefscout und Arsène Wengers wichtigster Mitarbeiter, kam nach Bürbach, damit ich den Vertrag unterschrieb. Ich war nicht glücklich. Ich war nur erleichtert, dass die Frage «Was machst du?» endlich aufhörte. Mein Vater bereitete Steve ein Steak mit grüner Pfeffersoße und Kartoffeln, meine Oma Gerda packte ihn an der Hand, fuchtelte mit dem Zeigefinger vor seiner Nase herum und hielt ihm auf Deutsch eine Standpauke: Wehe, wenn er nicht auf den Jungen aufpasse. Ohne ein Wort zu verstehen, schien Steve Rowley genau zu kapieren, was meine Oma wollte. Er atmete auf einmal so schwer. Ich wurde nervös. Ich dachte: Was, wenn die Jungen bei Arsenal alle viel besser sind als du?

ZweiUnd nun zum Wetter

Für den Bus gab es in Barnet keine Haltestelle. Man stellte sich an die Straße und bat den Fahrer mit einem Handzeichen anzuhalten. Majestätische Bäume säumten die Bürgersteige, die breiten Straßen der Siedlung waren bei Fröschen und Fahrschulen sehr beliebt. Die Frösche zog es zum Weiher am Greenhill Park. Die Fahrlehrer schätzten die totale Abwesenheit von Verkehr. London, die Stadt, zu der Barnet gehört, schien eine Welt weit weg.

Anders als Paris, Rom oder Berlin ist London über die Jahrhunderte nicht nach außen gewuchert, sondern es wuchs nach innen: Die Dörfer um die Stadt wurden größer und breiter, bis sie verschmolzen. Deshalb gibt es in Londons Außenbezirken keine Trabantenstädte, sondern ehemalige Orte wie Barnet am Ende der Northern Line, die immer noch das Flair einer abgelegenen Kleinstadt versprühen.

Man musste schon wie ich aus Bürbach kommen, um Barnet groß und beeindruckend zu finden. In Bürbach standen neben den üblichen Einfamilienhäusern ein paar drei- oder vierstöckige Mietblocks. Das waren also Hochhäuser, hatte ich als Kind gedacht. Staunend betrachtete ich nun die Häuser in Barnet. Wie nahe sie beieinanderstanden. Dabei waren es für Londoner Verhältnisse weiträumige grüne Einfamilienhäuser. In chaotischer Ordnung reihten sich prächtige viktorianische Villen an schmucklose Sechziger-Jahre-Neubauten aus Kieselsteinpressplatten. Wie ein Mahnmal ragte der schreiend rote Briefkasten der Königlichen Post aus der Ruhe: als seien Briefe das Einzige, was Barnet mit der Stadt, mit dem, was in der Welt passierte, verband. Dabei wäre es nur eine Reise von 300 Metern gewesen, und der Trubel der Londoner Vorstadt hätte mich eingefangen, schon wäre ich am Barnet Hill auf einer dieser ewig gleichen Londoner High Streets gewesen, mit dem Pub, dem Wettbüro, dem Immobilienmakler und dem Sonnenstudio namens «Porentiefe Schönheit». Aber mich zog es kaum dorthin, als im Sommer 1999 mit 16 Jahren mein Leben als Londoner bei Familie Flint in Barnet begann. Was ich bei den Flints und im Training bei Arsenal erlebte, war so neu, so aufregend wie anstrengend für mich, dass mir das schon genug Stadtleben erschien.

 

Familie Flint wohnte in einem dreistöckigen Eckhaus. Der plötzlich wechselnde Stein in den Hausmauern ließ erkennen, wo einmal angebaut worden war. Die weißen Gardinen an den Fenstern blieben stets zugezogen. Drinnen strich Warren Flint ständig die Wände neu, tauschte Türklinken aus oder schliff die Stühle ab. Es ging nicht darum, ob etwas kaputt war, sondern dass mein Gastvater leidenschaftlich gerne reparierte und werkelte. Soweit ich das mit meinem Englisch verstand, war er Bauleiter von Beruf. Er lachte gerne und laut. Dabei wackelte sein mächtiger Bart, und seine Frau Eileen sah ihn in stiller Skepsis an.

Seit Jahren nahmen die Flints junge Fußballer von Arsenal auf. Die lange Erfahrung mit den Gastsöhnen hatte bereits Spuren hinterlassen. Die Keksdosen waren mit Klebezetteln markiert: «Fußballer» und «Familie Flint».

Außer mir wohnten noch zwei irische Arsenal-Jungs im Haus. Sie hießen Graham und Steven. Die anderen Jungs nannten sie Half Ear und Twig. Halb-Ohr und Zweig. Graham fehlte die Spitze von einem Ohr. Steven war dünn wie ein Ast. Später würden Sebastian Larsson aus Schweden und Ingi Højsted von den Färöer-Inseln einziehen. Ingi hortete Walfleisch im Kühlschrank, das schwarz wie Autoreifen war und wie parfümierte Lakritze schmeckte.

Wenn die Jungs vom Training nach Hause kamen, machten sie den Fernseher an und schauten SkySports. Der Sohn der Flints, Noel, war an der Universität. Kam er am Wochenende nach Hause, begrüßte er mich regelmäßig mit den Worten: «Ich heiße Noel und spiele Dudelsack.» Das war der eine deutsche Satz, den er beherrschte. Die Tochter Fiona schien mein «Good morning» nicht gehört zu haben, als ich sie das erste Mal grüßte. Beim zweiten Mal wusste ich es besser. Sie redete nicht mit jedem. Sie durchlebte gerade ihre Pubertät.

Unter dem Esstisch lag Elkar, der Schäferhund der Flints. Wir Arsenal-Jungs fütterten ihn heimlich mit dem Essen, das uns nicht schmeckte. Einmal kam Warren Flint ins Esszimmer, sein Blick fiel auf Elkar, und die Freundlichkeit in Warrens Augen erlosch. Ich sah unter dem Tisch nach. Elkar hatte das gesamte Gesicht voller Erbsen und Maiskörner. Warren Flint ging aus dem Zimmer und sagte nichts.

Ich dachte, ich müsste etwas tun, um mich zu integrieren, und bot den Flints an, den Rasen im Garten zu mähen. Hektisch lehnten sie ab. Ich setzte mich abends zum Fernsehschauen zu ihnen und betrachtete mit hochkonzentriertem Blick eine Vorabendserie, von der ich kaum ein Wort verstand. Dafür hatte ich nach wenigen Tagen etwas gelernt: Entweder Familie Flint oder die Fußballjungs schauten im Wohnzimmer fern, selten aber beide zusammen. Die Flints waren in ihrer Rolle als Gastfamilie wie die perfekten Fußballer: hochprofessionell, freundlich und immer distanziert.

Ich ging zu den Nachbarn, um mich vorzustellen, wie ich das aus Bürbach kannte. Eine Frau öffnete die Tür. Als sie skeptisch «Ja?» fragte, wusste ich nicht mehr weiter. Ich sah eine Plastikfolie über dem Teppich im Flur – ein Thema! – und sagte: «Ah, Sie renovieren.» Die Nachbarin sah erst die Plastikfolie, dann mich erstaunt an.

«Aber nein, das ist ein Teppichschutz, der ist immer da.»

«Oh, super – ich meine: wirklich großartig», stammelte ich und ging.