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Geboren im Kriegsjahr 1943, war der Autor als Kind für 3 Jahre in einem Vollgips fest ans Bett gefesselt und verbrachte die ersten zwei Schuljahre in Bauchlage in einer Behindertenschule. Trotz Körperbehinderung und 40 Operationen im Lebensverlauf hat er den Anschluss an das Leben gesunder Menschen angestrebt und nie verloren. Er schildert alle Lebensabschnitte und betrachtet auch kritisch seine Erfahrungen in zwei Gesellschaftsordnungen. In der ersten Lebenshälfte, die Kindheit mit strenger Erziehung und erinnerungswürdigen Ereignissen, Schulen, Berufsausbildung zum Flugzeugbauer, Berufsverbot, Ehekrisen, zwei Diplomabschlüssen, Musikalischer Ausbildung, Datschenbau, privatem Faschingsclub und Erfahrungen in der DDR Wirtschaft. In der zweiten Lebenshälfte, den Verlust des Sohnes, die Familienharmonie mit Ehefrau und zwei Kindern, dem Ehrenamt im Sport, im Gewandhauschor und Humanitas Verein. Die Wendeereignisse, zwei Jahre in Frankreich, der Stasiakte, Fragen zu Kriminalitätsimporten, die Probleme mit der Ertaubung und der Ost-West Kommunikation sind positive und negative Abschnitte. Psychologische Betrachtungen werden zu den meisten Lebensabschnitten mit eingebunden. Hauptanliegen der Beschreibungen ist jedoch, das für andere Personen nicht erkennbare Problem der lebenslangen unsichtbaren sowie sichtbaren Behinderungen aufzuzeigen und zugleich darzustellen, wie sich trotzdem für ihn ein positives Gesamt-Lebenspaket ergab.
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Seitenzahl: 409
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Vorwort
Erste Erinnerungen
Im Mumienpanzer zur Behindertenschule
Vom Links- zum Rechtsschreiber
Weitere Grundschuljahre
Versorgungsprobleme, aber kein Hunger mehr
Familienleben und Wandel des Behindertenstatus
Erwähnenswert und verschwunden
Ferienzeiten, schöne Zeiten
Erste Sportstunde, Mittelschule und Schülerarbeit
Musikalische Ausbildung und Konzerte
Lehrjahre sind keine Herrenjahre und armee-untauglich
Berufsverbot
Eifersucht, Aufbaustunden, erstes Studium
6 Jahre Universität und 10 Jahre Selbstfindung
Die Datsche
Autos und Garagen
Der erste Sohn
Beendigung „Erstes Leben“
Der Faschingsclub LEI-KA-MU
Das „Zweite Leben“ begann
Der Verlust des Sohnes und der Mutter
Erinnerungen an die DDR Wirtschaft
Gewandhauschor und Nachwuchs
Jahre vergingen, die Wende kam schnell
Zwei Jahre in Frankreich
Die Stasiakte
Neue Herausforderungen
Wieder sichtbar behindert
Krankenhaushygiene
Hoffnung nach weiteren Erkrankungen
Humanitas Erbe und Gegenwart
Freiheit, neuer (Un) Rechtsstaat, Abgasskandal
Vier Ebenen des Lebens, Kriminalitätsimporte, Gefahr der schleichenden Gewöhnung
Gedanken, Gefühle, körperliche Probleme, Taubheit
Rückblick und Hoffnung
Textanhang zum Buch: UNSICHTBAR BEHINDERT
Heute versuchen Forscher zu ergründen, wie unsere Vorfahren seit Beginn der Zeit des Homo Sapiens gelebt haben. Wären wir nicht dankbar, bei den Vergangenheitsforschungen über unsere Ahnen viele Details über deren Leben zu wissen? Wenn man selbst ein gewisses Alter erreicht hat, merkt man, viel zu wenig über die Einzigartigkeit des Lebens der eigenen Eltern und Großeltern zu wissen. Man hat nicht wissbegierig nachgefragt und im Verlauf des eigenen Lebens dieser natürlichen Neugier noch keine Priorität eingeräumt. Die Darstellung der Lebensabschnitte von Stefan, aus einer Zeit der meist noch produktiven Handarbeit bis zur Datentechnik und von der armen Nachkriegszeit in Deutschland bis zum gefühlten Wohlstand, beruhen auf persönlichen Erinnerungen. Persönliche Erfahrungen und Erlebnisse aus dem Zeitabschnitt des Versuches zum Aufbau des Sozialismus, bis zum Scheitern desselben, sind sicher nur beispielhaft. Damit entfällt auch der Anspruch auf eine absolute Vergangenheitsrealität. Auch die kritische Ansprache zu bewegenden politischen Themen der Nachwendezeit werden nicht ausgespart. Zwei erlebte Gesellschaftsordnungen, welche Generation kann davon schon berichten? Stefan, der in Folge über Steffen berichtet, hofft aber in seinen Beschreibungen der Realität sehr, sehr nah zu kommen. Es ist nur eine von Milliarden Biographien, die es auf dem Planet Erde gab und gibt und die vergleichsweise von nur wenigen aufgeschrieben wurden. Der ständige Kampf nach körperlichem Wohlbefinden, trotz vieler Jahre Krankenhausaufenthalt und vierzig Operationen, sollte für den einen oder anderen eine Empfehlung sein, nicht vorschnell über Menschen zu urteilen, wenn sie verschiedentlich objektiv mit anderen nicht gleichtun können. Steffen hat Hilfe erfahren, als er sichtbar behindert durch Kinderjahre gehen musste. Nachdem er die schweren sanitären Hilfsmittel nicht mehr tragen musste, war er natürlich immer noch stark gehandikapt. Er musste dann aber oft erfahren, als dicker, fauler Junge angesehen zu werden, der sich nur mehr bewegen müsste. Diese unsichtbaren Behinderungen und deren Begleiterscheinungen bestimmten wesentlich den kontinuierlichen Kampf um zu gesunden Menschen, je nach Altersgruppe, Anschluss zu halten. Eine andere irreparable sichtbare Behinderung durchlebt er nun zusätzlich wieder im Alter.
Den sichtbar behinderten Menschen soll auch näher gebracht werden, dass es viel unsichtbares Leid gibt und auch scheinbar Gesunde oft eine schwere Last zu ertragen haben. Allen Betroffenen, ob sichtbar behindert oder den unsichtbaren Behinderten will er Mut machen, nie aufzugeben, um sich an ein vergleichbares Leben zu Gesunden anzunähern. Das Schicksal zu akzeptieren und Hilfe anzunehmen bleibt nie eine absolute Selbstverständlichkeit. Es gehört eine große mentale Stärke dazu, im Stillen seine Leiden zu ertragen oder offen damit umzugehen. Steffen glaubt, mit dieser Stärke, als Resilienz benannt, sich meist mit Erfolg durch das Leben gekämpft zu haben. Die Resilienz ist die psychische Widerstandskraft mit schwierigen, belastenden Situationen und Lebensereignissen fertig zu werden. Der Vergleich mit einem Stehaufmännchen, das sich aus jeder Lage wieder aufrichtet, und stets möglichst schnell in eine gute gesunde Balance zurückkehrt ist angebracht. Dem sichtbaren Leid vieler Menschen sollte ohne Mitleid der anderen, immer mit einer Wertschätzung, mit Hilfe oder mit Hilfe zur Selbsthilfe, begegnet werden.
Unsichtbar Behinderte dürfen, selbst von Verwandten, Freunden und Bekannten, die darüber Bescheid wissen nicht erwarten, dass diese ständig daran denken. Ein kurzer Hinweis auf die eigene Behinderung sollte aber ausreichen, um Diskussionen und Handlungen so auszurichten, dass sie für den Betroffenen nicht noch als unglaubwürdig reflektiert oder sogar verhöhnend erscheinen oder empfunden werden.
All dies Erleben hat Steffen anderen Menschen abschnittsweise erzählt und dabei wiederholt den Vorschlag gehört, seine Biographie für die Nachwelt zu erhalten. Sollten die Enkel, vielleicht auch die Urenkel es einmal nachlesen, hat sich das Schreiben gelohnt.
Unabhängig vom sichtbaren oder unsichtbaren Behindertenstatus hat Steffen gefühlt zwei Hauptlebenshälften erlebt. Die erste mit vielen Krankheiten und einigen zusätzlichen zwischenmenschlich unerfreulichen Vorkommnissen. Die zweite auch mit Krankheiten, großer Zufriedenheit und positiven Hoffnungen.
Steffen, ein Kind der sogenannten Kriegs- und Nachkriegsgeneration hat nach seinem bisher recht abwechslungsreichen Leben nun doch noch die Absicht, mindestens das Durchschnittsalter eines deutschen Mannes von derzeitig achtundsiebzig Jahren im ruhigen und immer erträglich schmerzarmen Tagesrhythmus zu erreichen. Schmerzfrei zu sein, ob physisch oder psychisch spürbar ist ein berechtigter Wunsch aller Menschen. Dass diese Erwartungshaltung erfüllt wird, ist für ihn nach seinen Erfahrungen fast unrealistisch.
In den letzten sechs Jahrzehnten hat der Kampf gegen den Schmerz, der auch nach medizinischen Eingriffen meist nicht zu vermeiden ist, enorme Fortschritte gemacht. Der ständige Gebrauch von Schmerzmedikamenten und anderen Pharmaka birgt aber immer ein Risiko und so ist Steffen trotz der verschiedensten körperlichen Handicaps immer auf der Suche nach möglicher Fitness durch Bewegung, Ernährung und dem wichtigen Aspekt sozialer Kontakte. Trotzdem, die Hoffnung bleibt, vielleicht auch noch mehr gesundheitlich annehmbare und von freudigen Erlebnissen begleitete Jahre, die gefühlt so viele nicht mehr sein werden, mit seiner Frau zu erleben. Kinder und Enkel leben getrennt im Ausland und lassen leider nur gelegentliche, die immer sehnsüchtig erwarteten direkten Kontakte zu.
Jetzt im Alter, das auch Zeit lässt, über das Leben und seinen Verlauf zu sinnen, hat er manchen Freunden und Bekannten Ereignisse von seinem Leben erzählt und oft den wohlgemeinten Hinweis erhalten, es für die Nachwelt aufzuschreiben. Sein Sohn war auch davon angetan, was die Oma seiner Frau nach neunzig Jahren ihres Lebens Interessantes notiert hat. Daraus wurde fast die Bitte, Vater, du könntest es auch einmal schriftlich festhalten, geäußert. In dieser Lebensrückblende soll es sich aber nicht nur um die Person des Steffen handeln, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte der interessanten, wenn auch im Weltgeschehen der Menschheit verschwindend kurzen Zeitetappe nach dem II. Weltkrieg darstellen. Siebzig Jahre Frieden in Mitteleuropa, der Wandel von den weitgehend noch von Handarbeit bestimmten Fertigungsprozessen über die kurze Phase der ausgiebigen Mechanisierung bis zur revolutionierenden Datentechnik, das alles miterlebt zu haben, weckt die Dankbarkeit. In einer solchen Zeit gelebt zu haben, lohnt hoffentlich, für die Nachwelt notiert zu haben. Er ist sich bewusst, dass seine Reflexionen nicht komplett von der Allgemeinheit mit ja beantwortet werden. Dafür sind die Lebensläufe, die Psyche und die gemachten Erfahrungen und politischen Ansichten jedes Einzelnen viel zu unterschiedlich.
Schicksalhaft für Steffen war auch das Miterleben der fortschrittlichen Entwicklung in den Bereichen der Medizin aber auch der Prozess des Werteverfalls in zwischenmenschlichen Bereichen. Das persönliche Erleben des integrierten Seins in zwei absolut unterschiedlichen politischen Systemen und die damit verbundenen Herausforderungen darzustellen, wird nur unvollendet möglich sein. Es ist kein wirkliches Nachempfinden, von den nachfolgenden Generationen zu erwarten. Nur Betroffene können zu positiv aber speziell zu negativ Erlebtem wirklich echt mitreden. Das Erleben jedes Einzelnen bleibt naturgemäß nur eine Momentaufnahme im gesamten gesellschaftlichen Gefüge. Trotzdem kann es in vielen Dingen ein Spiegelbild des allgemeinen Zeitgeschehens sein. Wie dankbar und leichter wäre manche Geschichtsforschung, wenn sie mehr Details über das Leben Einzelner wüsste. Auch Steffen hat im Nachgang betrachtet, viel zu wenig seine Eltern über deren Handeln und Gedanken befragt. Sicher, in Zeiten der Kindheit und Jugend, der eigenen Familiengestaltung und des Berufslebens gibt es andere Prioritäten als den Geschichtsblick auf die Vorfahren, und so kann Verpasstes nicht nachgeholt werden.
Wenn früher Zufallsgruppen wie z.B. Urlaubsbekanntschaften zusammen saßen, konnte das Kennenlernen auch durch ein heiteres Erraten der Berufe, mit maximal zehn Fragen an eine Person, die sie mit ja oder nein beantwortet hat, in lustiger Weise beschleunigt werden. Man konnte danach nicht nur am Beruf, sondern an der Reaktion und Sprache bestätigt finden oder auch überrascht sein, ob man mit seinem Ersteindruck zu den einzelnen Personen richtig oder falsch lag. Der erste Eindruck ist doch nicht immer der richtige. Manch als Muffel eingeschätzter Mitbürger wird plötzlich zum absoluten Sympathieträger.
Jetzt im Alter hat Steffen, in geselligen Runden mit Freunden und Bekannten, schon einige Umfragen nach deren ersten Kindheitserinnerungen angeregt. Nicht zuletzt, um auch seine ersten Erinnerungen zu schildern. Es entwickelten sich immer aufregende interessante Gesprächsrunden.
Sicher gibt es wissenschaftlich fundierte Forschungen zu diesem Thema, aber man kann auch so Erstaunliches hören. Sind es echte Erinnerungen oder die von den Eltern wiederholt erzählten Geschichten und auf welches Lebensjahr kann man diese Erinnerung datieren?
Die Art der Ersterinnerung bei Mädchen und Frauen sind meist anders als bei Jungen und Männern. Ein bestimmender Faktor, oft Geschlechter unabhängig, sind die negativen Erlebnisse aus der Kriegs- und frühen Nachkriegszeit. Negative Ersterinnerungen haben sich auf jedem Fall meist früher als positive eingeprägt.
Fritz, noch einige Jahre vor dem 2.Weltkrieg geboren, spielte mit ca. dreieinhalb Jahren auf dem Weg, wo seine Mutti mit einer Nachbarin „einen Schwatz machte“. Die sicher nette Nachbarin wollte den kleinen süßen blonden Jungen einmal auf den Arm halten. Ohne seine Zustimmung abzuwarten, hob sie ihn hoch. Beim Spielen gestört zu werden mochte er nicht. Er setzte als Gegenwehr seine kindlich rechte Hand, zuschlagend ins Gesicht der Dame ein. Sein weiteres bevorzugtes Spielen war gerettet.
Carli, auch einige Jahre vor dem Krieg geboren, vermisste plötzlich seinen immer so bequemen Sportkinderwagen. Die Eltern hatten ihn verkauft.
Klaus war 3 Jahre, als sein Vater zum Fronturlaub zu Hause war. Klaus sah am Küchenfester sitzend, als auf der Straße ein Mann ein Schwein an einem Strick zog und er rief ganz entzückt „Das Schwein“. Vater ohrfeigte ihn, weil man so schlechte Worte nicht sagt. Er sah dann selbst das Schwein und umarmte und drückte seinen Sohn. Es war auch die letzte Erinnerung an den Vater, denn er fiel beim nächsten Einsatz an der Ostfront.
Harald, schon ein im Krieg Geborener, erinnert sich an seinen blutenden Kopf, dem ihn ein größerer Junge, der auf einem hohen Torpfosten saß, mittels eines Steinwurfes zugefügt hatte.
Lothar, der mit Mutter und zwei Geschwistern nach Kriegsende auf der Flucht war, schildert als erste Erinnerung eine Begebenheit auf einem Bahnhof. Der Flüchtlingstruck wartet auf dem Bahnsteig, in der Hoffnung, ein Zug nimmt sie gen Westen mit. Aus einem mit Schrittgeschwindigkeit fahrenden Zug stürzten Polen heraus, wühlten unter die Matratzen der Kinderwagen, nahmen was sie greifen konnten und sprangen wieder in den Zug. Die meisten Frauen hatten die verbliebenen Wertsachen im Kinderwagen versteckt. Das Geld oder die Schmucksachen fehlten dann auch nach dem Krieg, um diese beim Bauern oder auf dem Schwarzmarkt für Essbares zu tauschen. Die Polen, auch mit sicher kaum Verwertbarem aus den polnischen Ostgebieten vertrieben, nutzten nur ihre Minimalchance, etwas zum Überleben zu ergattern. Wie bei dem überwiegenden Teil der Vertriebenen ist auch bei Lothar kein Hass auf die heute in diesen Gebieten lebenden Polen erwachsen. Nur die Neugier auf ihre Heimatwurzeln fördert den Besuchsdrang.
Günther, Jahrgang 1942 hat frühkindliche Erinnerungen an klirrende Scheiben und die brennende Stadt Gera nach einem Bombenangriff im März 1945. Schon auf der Treppe zum Luftschutzkeller erwischte ihn eine Druckwelle, die den kleinen Jungen auf die Stufen warf und einige seiner ersten Zähne kostete. Er ist aber nicht sicher, ob diese Erinnerung nach wiederholten Erzählungen der Mutter geblieben ist.
Auch Heidi erinnert sich, zweieinhalbjährig in Dresden im Keller ängstlich sitzend, wie die Druckwelle das Fenster nach innen schleuderte, die Notlichtlampe schwankte, dann Finsternis und gespenstige Ruhe herrschte. Die Stille wurde danach von hustenden Menschen, die den Trümmerstaub eingeatmet hatten, unterbrochen.
Thea war ungefähr dreieinhalb Jahre, als sie früh im Bett, sie schlief immer neben der Mutti, erschrak und ein Büschel schwarzer Haare erblickte. Ihr Vati war am späten Abend aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt.
Einen Toten am Fluss, an dessen Fuß sich fette Ratten labten, ist die erste Erinnerung von Klaus bei Kriegsende auf der Flucht mit Mutter und Geschwistern aus der Heimat.
Frauen dieser Jahrgänge haben aber auch schon Positiverinnerungen. Der Ritt auf Opas Bauch, der oft auf dem Sofa lag oder die köstliche Apfelsuppe und der selbstgemachte Apfelsaft bei Oma.
Bei den Kindern der bisher nicht angeführten also späteren Generation halten sich positive oder negative Erinnerungen die Waage. Unfälle und sonstige Krankenhausaufenthalte sind auch bei diesen Gruppen sehr einprägsame negative Ereignisse.
Eckehardt, der 5 Jahre nach Kriegende geboren wurde, war nach Aussage der Mutter ein sehr lebhaftes Kind. Sie musste den Kleinen in ein Waschhaus mitnehmen, welches direkt neben einem städtischen Bad lag und direkt von der Straße aus zugänglich war. Bis auf den Fußweg konnte der Junge noch gelangen. Nicht weiter, denn er war an einer dicken Wäscheleine angebunden.
Schmerzhafte Mundfäule mit drei Jahren, hat sich bei Steffens Sohn als Ersterinnerung gefestigt.
Die speziell in die ehemalige Speisekammer eingebaute Dusche in der Altbauwohnung, die schon zur frühkindlichen Abhärtung genutzt wurde und das Versteck unter dem Wohnzimmertisch bei Oma, sind die Ersterinnerungen bei der Tochter. Vortrefflich war dieser Logenplatz, um die abendliche Fernsehsendung, mit dem Sandmann, Pittiplatsch, Schnatterinchen, Herrn Fuchs und Frau Elster anzuschauen. Diese hatten viele spaßige, meist pädagogisch wertvolle Dinge, zu erzählen.
Eine Zahnarzthelferin erzählt von den niedlichen Kaninchen im Stall und den Gänsen, Hühnern und Enten im Dorf als erste Erinnerungen.
Bevor Steffen von seinen Erinnerungen erzählt, vorab noch eine niedliche Geschichte von Anna, die seit 1991 aus Russland kommend, wo sie 1948 geboren wurde, nun in Deutschland lebt. Anna, auch heute noch eine kleine Person, immer als Sympathieträgerin auftretend, spielte auf dem Kindergartenplatz neben ihrem Wohnhaus. Ein kleiner Hund hatte sich unter dem Zaun zu Nachbars Garten einen Zugang zu dem Spielplatz der Kinder geschürft. Der Hund kroch unter dem Zaun zurück in seine Hütte. Klein Anna lief hinterdrein durch die Vertiefung und dann mit in die Hundehütte. Es war Spätnachmittag, draußen wurde es kühler, in der Hütte war es wohlig warm und Anna schlief neben dem Hund ein. Erst als sie die Mutti ängstlich rufen hörte, die mit anderen Nachbarn nach Klein Anna suchte, rief sie zurück, hier bin ich. Die Freude überwog und erlaubte kein Schimpfen der Erwachsenen.
Welche starke Prägung die Gespräche und Erwartungshaltungen der Erwachsenen auf die frühkindliche Entwicklung haben, kann Steffen nur ahnen. Es war Krieg und mit jedem Tag wurden die wiederkehrenden Fragen gestellt, was wohl werden wird, wenn die Russen kommen. Er wohnte mit seiner Mutter und dem zwei Jahre älteren Bruder, der Vater war noch in Kriegsgefangenschaft, in einem kleinen Mansardenzimmer, was gerade für ein Doppelbett, Kleiderschrank und Kinderbett reichte und in einer kleinen Mansardenküche. Die Räume befanden sich im Dachgeschoss eines eigentlich nur für eine Familie gebauten Hauses.
Keine Erinnerung hat er daran, als die Amerikaner das Haus besetzten und Mutter mit den zwei Kindern in das Waschhaus und bei Nachbarsleuten einzog. Später waren Einstichnarben im Bord des Küchenbüfetts zu sehen. Die Amis hatten mit einem langen Brotmesser Messerstechen veranstaltet, das Messer sicher mehrmals abgebrochen und dann bis auf die Länge eines Kartoffelschälers neu angeschliffen. Als Schälmesser für Obst und Gemüse, vom Vater immer gut geschärft, diente es noch Jahrzehnte.
Nach den Amerikanern kamen dann doch noch 1945 die Russen. Die Angst und Negativerwartung muss sich schon auf Steffen, inzwischen über zwei Jahre alt, übertragen haben. Die Angst vor den Russen war damals in der Gesamtbevölkerung, speziell bei den jungen Frauen ein ständig präsentes Thema. Eines Tages stand der über zweieinhalb jährige Junge auf der Straße am Zaun, als eine schwarze Monteuruniform und ein Käppi tragender Radfahrer von rechts kam. Selbst schon von einem so kleinen Jungen erkennbar, ein Russe. Lähmende Angst und danach einem folgenden Angstgeschrei überkam Steffen. Der Radfahrer fuhr hinter seinen Rücken vorbei. Steffen, krampfend am Zaun, schaute nur nach rechts, und schon kam ein neues Martyrium in Form eines radelnden Russen. Einmal mit dem Fahrrad um das Straßeneck der Einfamilienhaussiedlung fahren dauerte auch sicher nur zwei Minuten. Wie kurz diese sein kann erlebte Steffen mehrmals bis die Rettung, die Mutti noch viel zu weit weg, sich am Küchenfenster zeigte.
Kurze Zeit später, wieder auf der Straße, aber bei Mutter auf dem Arm, standen sie, eine weitere Frau und zwei russische Offiziere zusammen. Steffen zitterte wie Espenlaub im Arm der Mutter bis er von den Männern ein Geschenk, Brot oder Schokolade bekam. Die Gesichter und die großen, über der Stirn sehr hohen typischen Armeemützen der Russen haben sich bei ihm damals eingeprägt.
Eine weitere angstvolle Erinnerung aus dieser Zeit waren die anhaltend lauten Schreie hinter einem großen mystischen Erdwall in der Nähe des Wohnhauses. Niemand spürte das Angstgefühl, was Steffen überkam. Viele Jahre später, als er mit dem Rad in diese Gegend fuhr, wurde das Rätsel gelöst. Es waren die Torschreie der Zuschauer auf der Holztribüne im Südoststadion hinter dem Wall.
Vater war 1946 im Frühjahr aus der Gefangenschaft zurück und bestellte wieder die Beete eines sogenannten kleinen Grabelandes. Wenn die Wolken tief hingen und vom Wind getrieben wurden hatte es den Anschein, als jagten sie direkt über die Spitze des hohen dunklen Wasserturmes. Auch das löste im kindlichen Empfinden Angst und Schrecken aus und er blieb mit diesen Gefühlen allein.
Die ersten Erinnerungen von Steffen waren also absolut negativer Prägung und es sollte zunächst in den Folgejahren nicht besser werden.
Steffen war nun schon drei Jahre und hatte sich eine erste Tbc in der Lunge eingefangen. Wahrscheinlich eine Ansteckung bei seiner Oma, die auch bald darauf gestorben ist.
Die Eltern drängten mit den Hauptargumenten der Tbc und dem beengten Wohnraum auf eine größere Wohnung. Die Stadt lag noch in Trümmern, und vom geordneten Wohnungsmarkt war nicht zu reden. Es war dann eine kleine Zweieinhalbzimmerwohnung im Parterre mit Klosett am Hofausgang. Die erste Erinnerung an diese Wohnung ist, dass der giftgrüne, bedrückende Gefühle weckende, damals sicher zeitgemäße Ölsockelanstrich in der Küche nicht trocknen wollte. Vater war am Verzweifeln, weil der Umzugswagen bei der Fa. Wagner bestellt war. Der Hänger des Lastzuges der Umzugsfirma hatte über die gesamte Breite vorn eine verglaste Sitzkabine zur Mitfahrt der Möbelräumer. Steffen durfte neben seiner Mutti sitzend auch in dieser Kabine bis zur neuen Wohnung mitfahren. Es ist eine erste Positiverinnerung von Steffen.
Die Eltern kümmerten sich intensiv um die Genesung des Jungen. Ein dreiwöchiger Aufenthalt im ehemaligen Rittergutschloss Störmthal, das wie alle „Herrensitze“ nach dem Krieg in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands enteignet wurde, sollte dabei helfen. Bildhaft für Steffen ist noch heute der Festsaal, der als Speisesaal und Spielraum genutzt wurde. Die Betten standen, so die Erinnerung, in dem Vorraum zum Saal. Wohlgefühl kam nur abends im Bett auf, wenn Gutenachtlieder gesungen wurden und der Mond durchs Fenster schien. Hier war sicherlich die erste Saat aufgegangen, da Texte und Lieder sowie die Musik im weiteren Leben von Steffen einen großen Stellenwert hatten und haben. Es muss wohl für das sonst auch im Gehorsam geübten Kind kein angenehmer Aufenthalt gewesen sein, denn Mutter und Bruder erzählten später, dass Steffen großes Heimweh plagte.
Die Zeit der großen Entbehrungen erforderte von den Erwachsenen einen ständigen Kampf um das Essen und die Heizwärme. Menschliche Wärme wurde in den meisten Familien hintenan gestellt. Es galt, die rationellen Dinge des Lebens zu bewältigen. Wenn irgendwie möglich, fuhr Mutter mit den Kindern, mit dem Fahrrad auf die nahen Felder am Stadtrand zum Stoppeln. Das begann mit Getreideährenlesen, Erbsenlesen, Kartoffelsammeln und letztendlich auf dem Zuckerrübenacker. Stoppeln ist der Sammelbegriff für alle diese Feldaktivitäten und man findet dieses Wort im Volksliedtext, Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder. Die Felder wurden nach dem Haupterntegang von einem Feldaufseher frei gegeben und das Volk strömte in Massen, um noch Essbares zu finden. Vater fuhr natürlich auch mit, wenn er nicht zur Arbeit war. Beim Erbsenlesen nutzte er einmal die Gelegenheit, als die Feldaufsicht mit dem Fernglas in eine andere Richtung schaute, um vom unmittelbaren Nachbarfeld eine Garbe aus einer aufgestellten Getreidepuppe flugs in einen Sack zu stecken. Die Angst erwischt oder verraten zu werden, beschäftigte Steffen noch einige Tage danach. Neben den Getreidekörnern für die Familie gab es damit auch ein neues Strohlager für die Kaninchen.
Das Getreide wurde oft noch mit der Sense gemäht. Meist Frauen banden die damals noch längeren Getreidehalme zu stabilen Bündeln, den Garben. Diese wurden dann so aufgestellt, dass sie sich wie die Struktur und das Bild eines Indianerzeltes, Puppen genannt, gegenseitig stützten. War das Getreide trocken, wurde es auf die bäuerlichen Höfe gefahren. Dort wurden die Körner kraftaufwendig und schwungvoll mit dem Dreschflegel von Hand oder, wenn schon vorhanden, mit einer Dreschmaschine von den Ähren getrennt.
Zottelsuppe war eine öfter aufgetischte Speise in dieser Zeit. Kartoffeln wurden mittels Handreibe direkt in das Wasser gerieben. Salz dazu und kurz aufgekocht, ergab es eine leicht sämische Suppe. Glück, wenn noch geröstete Brotwürfel dazu vorhanden waren. Einmaliges Unglück war, dass Mutter wahrscheinlich der Deckel des Salzstreuers abfiel und massiver Salzüberschuss in die Suppe landete. Kein Jammern und Zetern, alle Familienmitglieder mussten mittels versalzener Zottelsuppe den Hunger stillen. Die Zuckerrüben wurden meist im großen Waschhauskessel gekocht. Ein markanter nicht unbedingt angenehmer Geruch, der auch noch großräumig im Freien spürbar war, reizte die Nasen. Den dunkelbraun glänzenden Zuckerrübensirup gab es noch nach Jahrzehnten als Frühstücksbrotaufstrich. Eine sich oben bildende feste Zuckerkruste schützte den Sirup viel Jahre vor dem Verderb. Wenn sich doch einmal ein Schimmelbelag zeigte, was auch auf anderen Speisen, wenn auch selten vorkam, wurde dieser entfernt und der Rest der Speise trotzdem gegessen. Niemand wusste damals von der gesundheitlichen Gefahr, die davon ausging oder sie wurde notwendiger Weise ignoriert.
Bevor dann eine weitere tragische Zeit anbrach, noch eine Erinnerung. Bruder Konrad, zwei Jahre älter und Steffen hatten hellgraue Mäntel an, die aus filzähnlichem Stoff von der Lieblingstante genäht waren. Halb vor, halb in einer Garage stehend wurde ein Auto mit dem Wasserschlauch abgespritzt. Diese Aktion war für die Jungen ein Ereignis. Große dunkelgraue Spritzwasserflecke bedeckten die neuen Mäntel. Die Jungen mussten nach Hause. Dieses Mal folgte der Angst die Erleichterung, denn die gestrenge Mutter schimpfte nicht.
Damals war es üblich, wirklichen Linkshändern, zu dieser Gruppe gehörte auch Steffen, zu Rechtshändern umzuerziehen. Dies versuchten auch die Eltern, und das, den weiteren Lebensweg von Steffen vorweggenommen, bis zu dessen 18. Lebensjahr. Der Vater war auch umerzogener Linkshänder und nutzte die Schere noch linkshändig. Er zeigte trotzdem keine Kompromissbereitschaft gegenüber dem Sohn. Psychologen könnten versuchen, sein Verhalten nachträglich zu erklären. Ein kleiner rechtwinklig gebogener Esslöffel aus Hornmaterial, ein „Rechtsesser“, tauchte noch Jahre später im Besteckkasten auf. Das Erfolgserlebnis dieser Umerziehung war damals noch nicht von Dauer. Vermutlich waren für Steffen die damit einhergehenden, heute Stresssituationen genannten Anforderungen der Auslöser, dass er begann, an den Fingernägeln zu kauen.
Für Steffen sehr einprägsam, die Arbeit der Ascheräumer und das Thema Aschegruben. Zentralheizungen in Wohnungen waren sicher für mehr als fünfundneunzig Prozent der Kinder nicht einmal im Wortschatz, gleich gar nicht in der Realität verfügbar. Die Ofenheizung in Küche und Wohnzimmer in den Mehrfamilienhäusern brachten einen massenhaften Anfall von Asche. Diese wurde von allen Mietern in die auf dem Hof bereitstehenden verzinkten Aschekübel gekippt. Verzinkte Aschekübel werden auch noch heute im Internethandel angeboten. Meist regelmäßig kamen die Aschemänner, luden jeweils einen Kübel auf ihre speziellen Stechkarren und hievten die Kübel durch das Treppenhaus 6 Stufen vom Hof nach oben, rollten über den schönen Fliesenboden vor den Wohnungstüren und bremsten die Ladung wieder 6 Stufen nach unten zur Straße und zu dem Ascheauto. Die Männer mit ihren großen Lederschürzen und den großen Schutzhandschuhen beeindruckten sicher viele Kinder. Das Kinderzimmer war vom Hausflur nur durch eine dünne Wand getrennt. Kamen die Aschemänner frühmorgens, dachte Steffen das Schlagen der Karrenräder bei der Stufenabfahrt ist direkt neben seinem Bett. In den Wintermonaten reichten die Kübel für die Ascheaufnahme nicht aus. Zu jedem Miethaus gehörte noch eine in den gepflasterten Hof eingelassene, gemauerte und mit einem starken Riffelblech abgedeckte Aschegrube. Durch eine Luke, geschützt durch einen geschätzt 40x40 cm großen, scharnierbefestigten Stahlblechdeckel mit Griff, wurde die Asche eingeschüttet. In strengen Wintern reichte selbst diese Lagerreserve oft nicht aus. Wie groß so eine Aschegrube war, wird heute von den Erwachsenen unterschiedlich geschätzt. Sicher ist nur, was man als Kind als sehr groß empfunden hat, wird mit dem Erwachsenwerden kleiner. Sieht man als Kleinkind neben sich einem Schneehaufen ist der natürlich sehr groß und die Winter waren ja auch viel schneereicher, so die gefühlten Nachbetrachtungen. Steffen schätzt die Aschegruben auf eine Länge von 1,8 m, die Breite 1,2 m und die Tiefe 1,5 m, also ungefähr 3 Kubikmeter Speichervolumen. Heute, nach über 50 Jahren, konnte diese zum Thema gestellte historische Anfrage auch nicht mehr durch das zentrale Reinigungsunternehmen der Stadt geklärt werden. Es gab für größere Wohnblocks auch größere Aschegruben. Schade, dass dazu leider keine Chronik verfügbar ist.
Auch die Aufnahmekapazität der Gruben reichte oft nicht aus und man wartete sehnsüchtig auf die nächste Aschekübelleerung, um die inzwischen freiliegenden Aschehaufen darin zu lagern. Bei trockenem Wetter und Wind stiebten die Aschewolken über den Hof. Regnete es stark, floss die Asche wie bei einem Vulkan als schmierige Masse breit. Es war also manchmal ein Ascheteufelskreis.
Teuflisch anmutend für Steffen war einmal, die jährlich im Frühjahr stattfindende Entleerung der Aschegrube. Die Mieter, nicht der Eigentümer des Hauses, erledigten diese schwere Arbeit. Steffens Vater war ein Hauptakteur. Steffen am Grubenrand stehend, schaute den Fleißigen zu. Eine Ratte und ihre Jungen hatten sich in einer Ecke eingenistet. Ihre Jungen beschützend sprang sie nicht aus der Grube, sondern rannte schreiend an den vier Seitenwänden entlang. Vater hat sie dann mutig mit der Schaufel vom Kampf um ihre Jungen erlöst. Wie lange Steffen noch dieses Ereignis beschäftigte, ist nicht mehr in Erinnerung, ist aber präsent.
Unter dem Küchenfenster, Balkone gab es erst ab der ersten Etage, stand regengeschützt, ein von Vater stabil gebauter Kaninchenstall. Die beste Zuchthäsin hieß „Rese“ und sorgte stabil für Nachwuchs. Eines Tages, kurz vor Weihnachten waren alle Kaninchen tot und der Festbraten fiel also sehr schmal aus. Vater hatte Zigaretten- oder Zigarrenasche in allen Boxen gefunden und vermutete, dass der wohl etwas bösartige alte Herr Hörig, Bewohner aus dem zweiten Stockwerk, die Missetat vollbracht hat. Einen Beweis gab es natürlich nicht.
Mit fünf Jahren sollte Steffen nun doch ein Jahr in einer größeren Gemeinschaft mit Kindern auf die Schule vorbereitet werden. Der Bruder ging zur Schule und allein mit Mutter zu Hause in der kleinen Wohnung war sicher langweilig. Kaum im Kindergarten aufgenommen, merkten die Betreuerinnen und Mutter, dass der Sohn immer schlechter laufen konnte und über Schmerzen im linken Bein klagte. Das Röntgenbild zeigte eine Abnormität des Hüftgelenkes. Eine erste Maßnahme war, das Gelenk still zu legen. Eine Becken- Hüft- Beinschiene wurde angelegt. Der linke Oberschenkel erhielt einen stabilen Gips. In diesem wurden zwei lange Stahlschienen mit eingebunden, die links und rechts am Bein entlang bis einige Zentimeter unter dem Fuß und dort mit einen Metallbrücke verbunden waren. Darunter war ein Gummiklotz angeschraubt. Der schmale Gummistreifen war das Ersatzlaufprofil. Unter den anderen Schuh wurde eine 4 cm Erhöhung montiert. Die Außenschiene ging bis zum Becken und daran war die Fixierungsmanschette, die fest geschnürt wurde, befestigt. Hüft- und Kniegelenk waren also nicht mehr zu bewegen, und die Fußspitze sollte auch den Boden nicht berühren. Im Knöchelbereich war das Bein zusätzlich mit einer Bandage fixiert. Dieser Apparat war nicht nur schwer, sondern auch vom bisher sehr lebhaften Jungen, schwer zu ertragen. Sechs Wochen von Anfang August bis Mitte September schleppte Steffen das Ding mit sich herum. Er versuchte vergebens im Kindergarten mit den anderen Jungen in der Gruppe Schritt zu halten. Dann die neue Diagnose, Knochen-Tbc.
Die Eltern mussten als Erstes verinnerlichen, dass der Heilungsprozess einer solchen Erkrankung eine längere unbestimmte Zeit dauern wird. Eine komplikationsfreie Heilung ohne bleibende Schäden, war nach dem Befund des Röntgenbildes nicht zu erwarten. Da es zu dieser Zeit noch kein Medikament gegen die Tbc Krankheit gab, war nur eine völlige Ruhestellung der unteren Körperhälfte einschließlich des unteren Wirbelsäulenbereiches notwendig.
Steffen wurde in der Orthopädischen Klinik im Gipsraum in einem sogenannten Vollgips eingepackt. Der Vergleich mit einer Halbkörpermumie erscheint treffend. Die einzugipsenden Körperteile wurden mit Krepppapier umwickelt. Darüber wurden die im warmen Wasser aufgequollenen glitschigen Gipsbinden gewickelt. Die Beine blieben langgestreckt und wurden gespreizt. Unter den Bereich der Achillessehnen wurde ein stabiler Holzrundstab in die Gipswicklung einbezogen. Der Stab bildete stabilisierend mit den gespreizten Beinen ein Dreieck und diente beim Transport als unterer Hebepunkt. Im Geschlechtsteilbereich war ein schmaler Schlitz geformt. Der Gips im Beckenbereich ging etwas über die unteren Rippenbögen. Die Zehen konnte man von oben sehen. Nach dem Eingipsen war Bewegungsstille angesagt. Obwohl die Verfestigung des Gipses relativ zügig verlief, war bis zur Endtrocknung noch geraume Zeit vonnöten. Diese konnte durch das Stellen eines Lichtkastens über die eingegipsten Körperteile beschleunigt werden. Der Lichtkasten war eine halbkreisförmige ca. 80 cm langer Holzkonstruktion, der wie eine Brücke über den Körper gestülpt wurde. Die Trocknungswärme entstand durch zahlreiche Glühlampen. Das Ganze funktionierte natürlich nur, wenn es nicht gerade eine der unvorhergesehenen täglichen Stromsperren in dieser Zeit gab. Von den Stromsperren wird noch die Rede sein.
Mit dem Krankenwagen zu Hause angekommen, lag der fast bewegungsunfähige blonde Junge, nun meist alleingelassen, in dem schmalen recht dunklen Kinderzimmer. Diesen Raum, in dem ein Schrank und zwei Betten hintereinander standen, war 4,5 m lang und nur 1,8 m breit. Das Zimmer in der Parterrewohnung hatte das Fenster zur Nordseite, war also auch noch relativ dunkel.
Nachvollziehbar ist, dass Steffen raus wollte und seine heftigen Schreiszenen, seine zwar autoritäre, aber immer familienversorgende Mutter tief bewegte. Nach zwei Tagen rief sie ein Taxi und gemeinsam mit dem Fahrer wurde der Patient auf die Rückbank gelegt. Größte Sorge von Steffen, beim nur wenige Meter langen Weg vom Haus zum Taxi war, eine Hose anzuziehen, was aber nicht mehr möglich war. Er wollte seien „Pullermann“ wenigstens zugedeckt wissen. Nicht nachvollziehbar ist dieses Schamgefühl. Wahrscheinlich prägen sich im frühkindlichem Alter Sätze wie, „den Puller muss man nicht immer zeigen“, „Den müssen wir aber wegstecken“ oder „Das ist doch kein Spielzeug“ oder ähnliche Reden zu diesem Thema ein. In der völlig überfüllten Klinik angekommen, ein Bett war natürlich nicht frei, verlangte Mutter konsequent nach einer Matratze. Diese wurde auf einen langen Gang gelegt. Eine Zudecke hatte man vorsorglich mit und so begann nach heftigem Abschiedsgeschrei eine neue lange Zeit zunächst auf einem Matratzen - Fußbodenlager. Steffen erhielt noch am gleichen Tag ein Bett. Schon kurz nach Mittag wurde der Neuankömmling auf die große lange Balkonterrasse der Klinik geschoben. Es war Mitte September und die Sonne brannte, die Augen blendend, vom Himmel. Steffen sah so viel Neues, beruhigte sich, aber ohne Sonnenschutz im Vollgips war es wohl auch nicht lange zu ertragen. Diese quälende Situation musste er an diesem Tag überstehen. In der Orthopädischen Klinik wurde schnell geäußert, dass der Patient einige Jahre, in Rede waren mindestens zwei, fest liegen muss und dafür das Haus Humanitas, Heim für gebrechliche Kinder, vorgesehen ist. So dauerte es vier Wochen, bis Steffen in einer langen Reihe von nebeneinander stehenden Betten in einem niedrigen, nur 2,2 m hohen schlauchförmigen Raum, im für ihn neuen Heim lag.
Der neue Patient muss wohl recht unartig gewesen sein. Erst als seine Lieblingstante drohte, ihn deswegen nicht mehr zu besuchen, wurde aus ihm ein braves, und sich den Gegebenheiten angepasstes Kind. Am Ende dieses langen Raumes war die Schwesternecke, da es auf dieser Station kein gesondertes Schwesternzimmer gab. Die Stationsschwester, sicher eine alleinerziehende Kriegswitwe, brachte oft ihre Söhne, die im unteren schulpflichtigen Alter waren, mit auf diese Station. Aus heutiger Sicht sicher unverantwortlich bei so vielen Tbc Kranken. Anderen Kindern unter 14 Jahren war es streng verboten, das Krankenhaus auch nur besuchsweise zu betreten.
Diese Jungen hatten Steffen seinen kleinen „Amiflitzer“, ein aus schwerem Metall gegossenen, ungefähr vier Zentimeter langen grünen Armeeauto mit kleinen Gummirädern, geklaut. Gut, dass Steffen rückfällig sich wieder einmal daneben benahm und zur Strafe mit seinem Bett in das Schwestereck geschoben wurde. Dort war es viel interessanter, das Diensttreiben der Schwestern zu beobachten und deren Unterhaltungen zu lauschen. Das Schönste jedoch war die Entdeckung des Amiflitzers auf dem von ihm gerade noch erreichbarem Fensterbrett. Die nächsten Tage, das kleine Auto im Bett versteckt, nahmen es die Eltern mit und noch nach Jahren konnte Steffen damit spielen. Dies ist nur vergleichbar mit manchem Plüschtier oder Puppe, die die Kinder von heute lieb haben. Der Bruder und Steffen hatten einen Teddy, der die Wohnung nicht verlassen durfte.
Das Wachstum des Jungen erforderte ein größeres Bett. Nach einigen Monaten wurde Steffen von der sogenannten „Sonnendach“- Station auf den im Heim als „Kinderstation“ bezeichneten Raum verlegt. Es waren mehr als 130 Tbc-Kranke Kinder auf allen Stationen. Seinen Erinnerungen gemäß handelte es sich hauptsächlich um Wirbelsäulen-, Knie- und Hüftgelenk Tbc- Erkrankungen. Diese Station mit vielleicht 14 Betten war in zwei Bereiche durch eine durchbrochene Wandkonstruktion getrennt. Viele Erinnerungen an diese Station sind geblieben, und für manch Psychologen ist es sicher interessant, wie ein Kind diese außergewöhnliche Langzeitsituation bewältigt. Wenn auch in der Chronologie nicht exakt, dazu einige Erinnerungen.
Damals war es gefühlt ein großer Raum mit vielen Kindern. Schon Jahre später bei einem Besuch war Steffens erster Kommentar „das Zimmer ist aber klein“. Es konnten keine Neidsituationen bei den Kindern aufkommen, da sie alle „fest ans Bett gefesselt“ waren. Man sah also kein Kind stehen oder laufen. Der Besuch für andere Kinder bis 14 Jahre war ja verboten. Ausnahmen waren erste Steh- und Gehversuche für Kinder, deren Entlassung mittel- und langfristig in Aussicht stand. Diese Kinder wurden aber unverzüglich auf die „Fröbelstation“ verlegt.
Steffen lag die gesamte Zeit, also ungefähr zweieinhalb Jahre neben dem gleichaltrigen Dieter. Dessen Mutter, sein Vater war im Krieg gefallen, konnte den Sohn nur einmal im Monat besuchen. Steffens Eltern kamen jeden Sonntag und brachten immer auch für Dieter ein Stück Kuchen mit.
Auch die Bettwäsche wurde in dieser Zeit, wenn möglich, durch die Eltern geliefert. So wurde Steffen jedes Wochenende vom Vater angehoben und Mutter spannte ein neues Betttuch und legte darauf eine Moltonwindel. Die Kinder konnten mehrmals täglich wählen, ob sie auf dem Bauch oder in Standardlage auf dem Rücken liegen wollten und wurden entsprechend gelagert. Die harte Gipsauflage schonte den Stoff nicht und für die Schwestern war es sicher ein Kraftakt, die Kinder frei, ohne abzusetzen und ohne Reibung am Bettzeug, um 180°zu drehen. Die Moltonwindel minderte also den Verschleiß des Betttuches und war schneller austauschbar. Das war auch von Nutzen, wenn nach einer nicht ganz treffsicheren Verwendung der Ente (Urinflasche), die Flecken schnell verschwinden sollten. Die Bezeichnung „Ente“ war damals bei den Kindern unüblich. Es wurde nur nach der Flasche gegriffen oder verlangt. In der Regel gab es feste Flaschen- und Schieberzeiten.
Für das Winterhalbjahr war die Hauslieferung eines Federbettes erforderlich. Nicht alle Eltern konnten dieser Wunschforderung nachkommen und es gab auch kranke Vollwaisen. Das generelle Problem, die Grundversorgung mit Heizmaterial zu sichern, bestand nicht nur für Privathaushalte, sondern tangierte auch die Krankenhäuser.
Abends war es besonders anheimelnd, wenn bei Stromsperre die Kerzen brannten.
Im Sommer kamen die Mücken und boten die Chance zum kindlichen Wettbewerb, wer hat die meisten Mückenstiche. Welchen Platz Steffen mit 34 sichtbar gezählten Stichen an den Unterarmen hatte, ist heute nebensächlich, war damals aber kindlich empfunden ganz wichtig.
Den Kindern in der Klinik war ja nicht gegenwärtig, welche Nachkriegsnot draußen herrschte. Es war gängige Praxis, Tbc- Kranke mit viel fettem Essen, Milch trinken und der schon beschriebenen Zwangsruhe zu heilen. In jedes schon gehaltvolle Mittagessen wurde noch ein Klecks Butter oder eine Scheibe Wurst gegeben. Zusätzlichen Lebertran schlucken kostete jedes Mal Überwindung. Wenn es der milchig gelbe, leicht gezuckerte Tran war, lief das Zeug besser durch die Kehle. Viele Kinder konnten gar nicht so viel essen. Anders Dieter und Steffen, deren Köpfe, so zeigen es Bilder, waren breiter als lang.
Das Kindesalter bringt es so mit sich, dass die Milchzähne ausfallen. Eines Abends, es gab Pumpernickel Brot und Milch, kam jemand, nicht Steffen, auf die Idee, das Brot in Stücken nach draußen zu werfen. Die Vöglein auf der Sonnenterrasse sollten doch auch etwas Gutes haben. Die Milch ließ sich gut durch die Lücken der ausgefallenen Milchzähne zum Nachbarn „striezen“. Wer wurde bei den Handlungen erwischt? Steffen. Oh je, es gab ein Einzelzimmer. Der Fahrweg für das Bett mit Steffen wurde freigegeben und ein Aufenthalt in „Einzelhaft“ angeordnet. Spielzeug war verboten, und man hatte nur Zeit über sein Vergehen nachzudenken. Hauptbeschäftigung war es an diesen langen Tagen, die Bewegung der Blätter an zwei sehr großen Pappeln vor dem Fenster zu beobachten. Er glaubt noch heute, jeden Ast zu kennen. Die Pappeln wurden erst nach über 50 Jahren später gefällt und damit zwei Erinnerungsstücke beseitigt. Größte Last für Steffen war nicht diese Strafe als solches, sondern die Ungewissheit, ob er am Wochenende zum Besuch der Eltern wieder am angestammten Bettenplatz stand. Die Angst vor der autoritären Schellte der Eltern war bei ihm sehr gefürchtet. Er konnte ja nicht wissen, dass das Strafmaß sicher nicht auch noch am Wochenende sichtbar sein sollte. Sonderbarerweise, selbst im Strafzimmer, fühlte er sich nicht resigniert und ängstlich. In den zweieinhalb Jahren war sicher zweimal das Einzelzimmer für mehrere Tagen Steffens „Heimat“. Strafen wurden schon für „Vergehen“ fällig, die Jahrzehnte später nur einen erhobenen Zeigefinger der Verantwortlichen bewirkt hätten. Zweimal war dieses Zimmer schon besetzt und er wurde strafverlegt, auf den Gang einer anderen Station geschoben. Dort hatte Schwester Käte das Sagen. Natürlich kam von ihr auch die als aggressiv empfundene Fragestellung, „nun, was hast du wieder angestellt“. Jedes Mal, wenn Schwester Käte am Bett vorbei ging, zuckte Steffen zusammen und wäre am liebsten unter die Decke gekrochen. Stichwort Zudecke, und schon fallen Steffen zwei weitere Beispiele ein.
Dieter sagte zu Steffen, frag doch einmal die Schwester Gertrud, ob sie schon einmal gefickt hat. Das war schon fast 2 Jahre, nachdem die zwei Jungen jetzt sieben Jahre alt, von der Außenwelt abgeschnitten waren. Wie kommt solch ein Thema, von dem die Jungen sofort ein vages, ungutes Gefühl hatten, in diesen kindlichen Kopf und das nach keinem Außenkontakt. Das relative Langzeitgedächtnis funktioniert sicher auch im frühen Kindesalter.
Schwester Getrud reagierte geschockt, verpasste Steffen zwei Ohrfeigen, zog ihm die Zudecke über den Kopf und verbannte ihn 2 Stunden darunter. Sich keiner richtigen Schuld bewusst, vergingen einige Jahre, bis er sein verbales Vergehen ansatzweise begriff.
Eines Tages kam eine neue nette Schwester, Inge, sie war 19 Jahre alt, auf die Station. Sie erzählte den Kindern viele kleine Geschichten. Sie konnte aber auch, lässig an einen Giebel der eisernen Betten gelehnt, wunderbar plaudern.Steffen hatte sicher schon damals einen Blick für hübsche junge Damen und sich kindlich verliebt. Wie anders sollte man es erklären, dass in der Woche, als Schwester Inge Nachtdienst hatte, er jede Nacht Groß einmachte. Schwester Inge musste also jede Nacht kommen, obwohl der Junge keinen Durchfall hatte. Schon nach ihrem Schichtwechsel war die Sache erledigt und sie war ja auch am Tag da. Mit dem täglichen Stuhlgang gab es bei Steffen ein anderes Problem. Es ging nur, wenn er sich auch von anderen Kindern oder den Schwestern unbeobachtet fühlte. Wenn „geschiebert“ wurde, klappte es meist nicht. Beim „Schiebern“ wird ein flacher Topf mit langem Henkel unter den Hintern geschoben. Da in diesem Fall der Gips den Druck von den Arschbacken nahm, war eine Langzeitsitzung bequem möglich. Steffen kroch dann unter die Zudecke und drückte entsprechend mit rotem Kopf. Wenn es nicht gleich klappte, war noch Zeit, wenn Kinder in den Nachbarbetten zur Mittagsruhe schliefen. Es gab auch Kinder, die in Bauchlage ihren Stuhlgang bewältigten. Ein Stück Papier wurde auf den Po unter den Rand des Gipsausschnittes geschoben und der Patient zugedeckt. Für Steffen schon damals unvorstellbar, so etwas Meisterliches zu schaffen. Der Schieber war für alle Bedarfssituationen, also auch in Bauchlage unter dem Gips nicht zu spüren.
Steffens Vater hat einem hübschen Vollwaisenmädchen, welches mit auf der Station lag, nach deren Entlassung, neue Eltern vermittelt. Der neue Papa war ein Bekannter aus Vaters Kriegsgefangenschaft. Erst mit 18 Jahren hat Steffen, diese dann schon junge Frau gesucht, gefunden und als noch attraktiver empfunden. Leider war sie schon vergeben. Er hat sie zufällig Jahre später noch dreimal, freudig begrüßend, in der Stadt getroffen.
Nochmals zurück zu der Anfangszeit auf der Kinderstation. Steffen hatte auch schon vorher eine Abscheu gegen gekochte Eier. Zu dieser Zeit stanken diese alle nach Fischmehl. Das erste Osterfest kam, und die Schwestern versteckten zwei oder drei bunte Eier im Bett. Schon das Wissen, hier liegt ein Ei, bewirkte Ekel und Heulanfall. Die Schwestern waren wohl einsichtig und entfernten diese „Fremdkörper“ aus dem Bett.
Das Längenwachstum von Steffen und den anderen Kindern erforderte die Anpassung des massigen Gipsverbandes. Wie oft dieser entfernt und neu angelegt wurde, hat er zunächst richtig geschätzt. Die bei ihm noch vorhandenen Röntgenbilder bestätigen einen Wechselrhythmus von durchschnittlich dreieinhalb Monaten. Furchterregend waren schon die großen Geiernasengipsscheren mit den langen Griffen, die ein Kugelende hatten. Die Länge entsprach den heutigen großen Handheckenscheren. Der erste Schnitt an der Innenseite des rechten Oberschenkels brachte einen für die Zukunft immer präsenten Angstzustand bei diesen Gipsaktionen. Vor dem Anlegen der warmen Gipsbinden wurde eine Art Krepppapier um den Körper gewickelt. Wahrscheinlich war beim ersten Gips das Zwischenpapier in diesem Oberschenkelbereich nicht ordnungsgemäß verlegt und die kleinen Haare hatten sich in den Frischgips fest verfangen. Beim Abheben der oberen Gipshälfte, die schmerzhaft war, entstand so ein noch Jahrzehnte sichtbares Narbenfeld. Dickere Gipsstellen wurden mit einer Vibrationssäge geschlitzt. Eine kleine dünne Scheibe mit vielleicht 4 cm Durchmesser und kleinsten Sägezähnen, wurde ähnlich einer Haarschneidemaschine, aber mit einem wesentlich intensiver kreischenden Geräuschpegel, mit mehr als ängstlichen Gefühlen ertragen. Von den Nutzern dieser Werkzeuge gab es keine beruhigenden Hinweise für Steffen. Man bemerkte sicher nicht einmal ansatzweise seine inneren Angstprobleme in diesen Situationen. Wer kennt nicht analoge Spannungszustände, wenn der Zahnarzt bohrt? Die größte Freude war jedoch, dass die Restgipsverschmutzungen in einer großen Badewanne abgerubbelt (abgewaschen) wurden. Es war ein Gefühl doppelter Leichtigkeit, ohne Gips und im warmen Wasser, also ein absolutes himmlisches. Der Zeitdruck bei den Pflegern und Krankenschwestern ließ das Badevergnügen viel zu kurz andauern.
In dem Heim, was zwischenzeitlich den Namen „Dr. Georg Sacke“ erhielt, war schon seit der Gründung des „Humanitas e.V.“ im Jahr 1909, also vor über 100 Jahren die Behindertenschule und Behindertenberufsausbildung integriert.
Nach einem Jahr fieberte nun auch der Schulkandidat Steffen dem Schulanfang entgegen. Eine wunderschöne große Zuckertüte von den Eltern lag mit im Bett und wurde mit vollem Stolz in die Arme genommen. In einem Klassenzimmer stand ein großer künstlicher Baum, an dem mittelgroße dickkegelförmige Zuckertüten hingen. Die Schulanfänger wurden von ihrer Lernpritsche gehoben und durften sich eine Kegeltüte von dem Baum abnehmen.
Für die meisten Kinder, die im Liegen unterrichtet wurden, gab es diese Lernpritschen. Die schmalen Liegetische waren mit billardgrünem Linoleum überzogen. Herr Ziegenbalg, ein fleißiger und bei allen Kindern beliebter Krankenpfleger, holte vor Schulbetrieb die Kinder von den Stationen aus ihrem Bett ab und hob sie zunächst auf Rollliegen. Er hob mit der rechten Hand am schon mit eingegipsten Holzstab an den Beinenden , mit der linken unter dem Rücken und die Kinder umschlangen seinen Hals, um zusätzlichen Halt zu bekommen, mit einem oder zwei Armen. Auf den Rollliegen lagen immer mindesten zwei Schüler analog einem Rennschlitten Doppelsitzer. Der untere spürte nicht das Gewicht des oberen. Die Lastverteilung trug der Gips. Steffen hatte als Schulmappe eine grüne Basttasche. Nach der Fahrt mit dem Personenaufzug in das Kellergeschoß, wo die meisten Schulräume waren, schob Herr Ziegenbalg die Kinder, wie der Bäcker die Brote in den Ofen, auf die Pritsche. Eine leichte Handbremsung mit über den Kopf ausgestreckten Händen gegen die Wand stoppte die kleine Rutschpartie.
Im Jahreszeugnis von Steffen ist zu lesen, dass er sehr ordentlich mit der linken Hand in Bauchlage schreibt. Unterricht in der Bauchlage war nicht mehr in seiner Erinnerung. Herr Ziegenbalg hat die notwendigen Personenwendungen vor Unterrichtsbeginn sicher vollzogen, so dass die Köpfe in Richtung Lehrer und Tafel zeigten.
Die Umerziehung zum Rechtshänder hatte also noch keinen Erfolg. Dies sollte aber später noch mehrmals ein weiteres Grundsatzthema in der Erziehung werden.
Über den Schulfunk, vielleicht aber auch über einen Lautsprecher auf der Station, es ist nicht mehr nachvollziehbar, wurden damals aktuelle Lieder der neuen FDJ- und Jugendbewegung, neuer Wanderlieder, Freudenlieder über den Frieden und zur Heimatverbundenheit gesungen. Nach fast 70 Jahren sind die Texte und Melodien aber auch Gedichte bei Steffen abrufbar. Auch später fiel es ihm leicht Lieder, Konzertstücke und Gedichte in seinem Kopf zu verewigen.
Die Kinder sangen, in ihren Betten liegend, auch verseigene Lieder, so z.B., „In der humpeltasser (Bezug auf Humpelbein und Humanitas) Schule lernen wir, unser Lehrer ist genau so dumm wie wir, kann nicht lesen, kann nicht schreiben, muss ja selber sitzenbleiben, in der humpeld….“
Stalin war zu dieser Zeit in der neu gegründeten DDR allgegenwärtig. Einprägsam war ein fast lebensgroßes Rollkartenbild (Poster), welches Stalin in seiner hellen beigen Marschalluniform, die rechte Hand im Jackenrevers, majestätisch zeigt. Zu seinem Geburtstag, am 18. Dezember, war es Schulpflicht ihm zu huldigen.
Erstaunlich war, dass die Kinder es als angenehm empfanden, wenn Stromsperre war, der Aufzug nicht fahren konnte und sie deshalb schulfrei hatten. Hier gab es also keinen Unterschied zu gesunden Kindern, außer beim Einzelaufenthalt im Strafzimmer, dann wurde der Tag lang.
Ein zweiter Langzeitnachbar von Steffen war der gleichaltrige Horst. Ein sehr freundlicher netter Junge. Horst hatte bei sich ein kleines Foto von seinem Vati im hellen Tropenanzug und Tropenhut. Diese Aufnahme stammte aus dem Krieg in Afrika. Warum dieses Bild auch bei Steffen so viel Nachdrücklichkeit erzeugte, ist sicher nur damit zu erklären, dass Afrika etwas Besonderes aber für die Jungen noch unerklärliches bedeutete. Eines Tages war Horst und ein anderer Junge von der Station verschwunden. Nach ungefähr 6 Wochen kehrte der eine Bub zurück. Horst kam viel später und lag wieder neben Steffen, aber in einem höher gebauten Bett. Die Liegefläche war im Gesäßbereich analog einem Plumpsklo geöffnet und darunter stand auf einem Zwischenboden dauerhaft ein Schieber. Horst konnte nicht mehr sprechen, vielleicht auch nicht mehr richtig hören aber lächeln. Nur eine kurze Begebenheit war, als Steffen sich ihm wieder einmal zuwandte und nacheinander auf seine Augen, Nase und Mund zeigte und dabei die entsprechenden Worte sprach. Völlig überraschend sagte Horst diese Worte, natürlich sehr gequält aber doch noch verständlich, nach. Steffen rief sofort eine Schwester, um vom sensationellen Erfolg zu berichten und weitere Versuche zu starten. Leider waren alle Bemühungen vergebens. Waren es die Komplikationen nach Diphtherie? Steffen glaubt, davon schon damals gehört zu haben.
Steffen war eines der ersten Kinder, die extrem dicke Beulen unter den Ohren hatten. Es war eine sehr ansteckende Mumpsepidemie auf der Station ausgebrochen. Er erinnert sich an die Schmerzen, wenn er nur geringfügig den Mund öffnen wollte und noch schlimmer, wenn er Suppe schlucken musste. Er hat wohl nach der Mumpsvergabe zu laut „hier“ gerufen, denn während die anderen Kinder bald wieder normal essen und sprechen konnten, dauerte dies bei ihm noch Wochen.
Bevor das zweite Schuljahr und das dritte Klinikjahr zu Ende gingen, soll nicht der Eindruck entstehen, dass die Negativereignisse und Angstempfindungen überwogen. Grundsätzlich wurden die Kinder liebevoll behandelt. Es wurde gepflegt, gesungen, vorgelesen und erzählt. Natürlich hatte manches Kind, wie im normalen Leben auch, seine Lieblingsschwestern und Lehrer.
Gern erinnert sich Steffen an die Stationsschwester Anneruth, die später Oberin wurde. Zu einem runden Geburtstag von ihr wurde ein umgedichteter Liedtext auf die Melodie „Wenn ich ein Vöglein wär“ gesungen. Die drei Verse dieses Liedes kann Steffen heute, nach vielen Jahrzehnten, noch singen. Beim Ertönen und Singen von Marschliedern zuckten bei ihm die im Gips festgehaltenen Beine.
Der langersehnte Tag, das erste Mal wieder senkrecht zu stehen rückte näher. Mit den langen Vorbereitungen dazu verging die Zeit viel zu langsam, da sich die Lieferung der Prothese immer wieder verschob. Das notwendige hochwertige Metall und das feste Leder waren mit Sicherheit damals schon Mangelware. Erste Maßnahme nach der Lieferung war, fachgerecht die gesamte obere Hälfte des Gipses durch exakte Schnitte zu entfernen. Steffen lag nun nach oben frei in einem Gipsbett. Mittels Manschetten wurden aber die Füße im Knöchelbereich an den Gips gebunden. Auch das Becken wurde so fixiert. Nach diesem Befreiungsschnitt war es möglich, eine Bein-Hüftprothese, die nach Anpassung die Voraussetzung für erste Gehversuche war, anzufertigen.
Eine starke Ledermanschette, vorn zu schnüren, umschloss den linken Oberschenkel. Zwei Flacheisen, eines am Innenbein, das andere außen entlang bis über den Hüftknochen reichend, waren darin fest eingebunden. Die Flacheisen reichten bis ca. 4 cm unter die Fußsohle. Dort waren sie durch einen Metallsteg verbunden. Daran war ein Gummiklotz befestigt. Eine stabile Ledermanschette umschloss den Beckenbereich und wurde wie ein Korsett, allerdings vorn, fest verschnürt. Das Fußgelenk wurde mit einer Manschette fixiert. Daran waren rechts und links ein Lederriemen. Die Riemen, durch einen Schlitz an den Flacheisen nach außen geführt, dienten dazu das Bein in der Prothese zu strecken. Hüft- und Kniegelenk waren also weiter unbeweglich.
Der ganze Apparat wog über 6 kg, ein doch recht ordentliches Gewicht, was ein Achtjähriger immer mit sich tragen musste und das bei jedem Linksschritt nach oben und nach vorn geschoben werden musste. Die Krümmung beim Sitzen konnte nur durch die Rücken und Halswirbelsäule erreicht werden bzw. seitlich verdreht über die rechte gesunde Hüfte.
