Unter dem Mitternachtsmond - Elisabeth Büchle - E-Book

Unter dem Mitternachtsmond E-Book

Elisabeth Büchle

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Beschreibung

Nach dem Unfalltod seiner Frau lebt Patrick in der ständigen Angst, dass auch seinem siebenjährigen Sohn Leo etwas zustoßen könnte. Der Umzug auf einen alten Gutshof in idyllischer Gegend des Schwarzwaldes soll Abhilfe schaffen. Allerdings lebt dort auch die unkonventionelle Künstlerin Debora, die zu Leos Freude - und zu Patricks Missfallen - den Alltag der beiden gehörig aufmischt. Mit ihren Dreadlocks, den Stahlkappenstiefeln und der Schweißerausrüstung sieht sie nicht nur gewöhnungsbedürftig aus, vielmehr hat sie auch ein paar eigenartige Angewohnheiten. Was treibt sie immer um Mitternacht im Garten? Und was versucht sie vor Patrick zu verbergen?

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Seitenzahl: 264

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Über die Autorin

Elisabeth Büchle hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und wurde für ihre Arbeit schon mehrfach ausgezeichnet. Ihr Markenzeichen ist die fesselnde Mischung aus gründlich recherchiertem historischem Hintergrund, abwechslungsreicher Handlung und einem guten Schuss Romantik – wie im Vorgänger dieses Buches, „Unter dem Sternenhimmel“. Mit ihrem Mann und fünf Kindern lebt sie im süddeutschen Raum.

www.elisabeth-buechle.de

1. Kapitel

Die Herbstsonne stand tief am abendlichen Himmel. Sie liebkoste mit ihren Strahlen die Wipfel der Fichten, warf ein goldenes Licht auf Wiesen und Stoppelfelder und ließ die Sonnenblumen entlang der Feldwege fröhlich aufleuchten. Patrick Wagner ging vom Gas, damit er die friedliche Landschaft intensiver betrachten konnte. Es war erstaunlich! Zum vierten Mal innerhalb weniger Tage fuhr er nun auf den Hügel inmitten der bewaldeten Schwarzwaldberge, und wie bisher jedes Mal verlor sich die Hektik seines Alltags im Nichts. Als hätte sie Angst vor der Schönheit dieses Fleckens Erde, sodass sie lieber unten im Tal blieb.

Die Bergstraße, was für einen Weg mit unzähligen Schlaglöchern allzu protzig klang, vollführte eine weite Schleife durch Heuwiesen hindurch, ehe sie auf den gepflasterten Hof des ehemaligen Gutshauses führte.

Patrick parkte nahe einer noch recht jungen Roteiche, deren leuchtend rot verfärbte Blätter einen farbenfrohen Kontrast zu dem weißen u-förmigen Gebäude, den grünen Wiesen und den dunklen Fichten bildeten. Er stieg aus und erhaschte einen Blick auf eine blonde Frau, die hinter dem Steuer eines schwarzen Pick-ups saß und an ihm vorüberfuhr. Ziemlich rasant nahm sie die Bergstraße in Angriff, woraufhin Patrick missbilligend den Kopf schüttelte. Er wusste, dass der linke Hausflügel bereits vermietet war, hoffte jedoch, dass nicht ausgerechnet diese Raserin zu ihrer neuen Nachbarschaft zählte. Schließlich wollte er seinen siebenjährigen Sohn Leo hier oben nicht in Gefahr wissen.

Patrick atmete tief durch. Er hatte dieses Zuhause für sich und Leo ausgewählt, weil ihm die Enge in der Stadt zunehmend zu schaffen machte. Die vielen Autos, die Radfahrer, die in den vergangenen Jahren offenbar verlernt hatten, wo sich die Bremsen befanden … Und weil er hoffte, dass sich hier endlich der letzte Schmerz um Mias Verlust in sanfte, schöne Erinnerungen verwandeln würde. Nach ihrem Unfalltod vor drei Jahren hatte Patrick Leo nicht auch noch aus der vertrauten Umgebung reißen wollen. Aber mittlerweile war ihm etwas klar geworden: Weiterhin in den Räumen zu leben, in denen er mit Mia gelacht und geweint, gehofft und gebetet hatte, in denen das gemeinsame Glück und die Liebe gewohnt hatten, hinderte ihn daran, sie loszulassen. Chiara war es schließlich gewesen, Mias beste Freundin, die ihn davon überzeugt hatte, dass er einen Tapetenwechsel brauchte, um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Und damit meinte sie, mehr als bloß zu existieren.

Als Chiara ihren Forster geheiratet hatte und mit ihm in die Schweiz gezogen war, hatte Patrick dann ernsthaft begonnen, für sich und Leo eine neue Heimat zu suchen. Zwar hatte Chiara angesichts seiner Wahl die Augen verdreht und ihn in ihrer offenen Art gewarnt, dass er sich hier oben in der Einsamkeit ja nicht verstecken dürfe. Und Chiara wusste, wovon sie sprach; immerhin hatte sich ihr jetziger Ehemann jahrelang in einer entlegenen Hütte in Kanada verkrochen gehabt, bis sie sein Leben durcheinander gewirbelt hatte.

Patrick rieb sich nachdenklich das Kinn, während er auf das Blätterrauschen der Roteiche lauschte, die kalte, klare Luft einatmete und sich unglaublich frei fühlte. Als er die Vermietungsanzeige am Schwarzen Brett in „Noas Arche“, seinem Stammcafé, gelesen hatte, hatte ihm eines deutlich vor Augen gestanden: Platz für Leo, sowohl im Haus als auch draußen, und das, ohne dass Patrick immerzu in der Angst leben musste, sein Sohn könne von einem Auto überfahren werden.

Mit gerunzelter Stirn wandte er den Kopf. Die Raserin war längst fort, verschluckt von den unterhalb des Hügels gelegenen Bäumen, die sich wie ein Teppich über die Landschaft ausbreiteten. Falls diese Person den Westflügel des schmucken Gutshauses gemietet haben sollte, würde er ein paar deutliche Worte an sie richten müssen!

Sein Vermieter kam lächelnd auf ihn zu. „Grüß Gott, Herr Wagner! Wie schön, dass Sie es einrichten konnten. Kommen Sie doch bitte mit rein, dort habe ich den Mietvertrag für Sie.“

Waldemar Bibers breites Schwäbisch war für Patrick jedes Mal eine Herausforderung, obwohl er jetzt schon seit mehr als acht Jahren im Süden Deutschlands lebte. Vor allem die betagteren Menschen – er schätzte Waldemar auf Anfang 70 –, sprachen einen für ihn gelegentlich unverständlichen Dialekt.

„Guten Tag, Herr Biber“, erwiderte Patrick und folgte ihm in Richtung Eingangstür des Hauptgebäudes.

„Leider hatte es die junge Dame eilig, sonst hätte ich sie miteinander bekannt gemacht. Immerhin sind sie ab heute Nachbarn.“

„So?“ Patrick nickte, froh darüber, dass Waldemar sich daran erinnert hatte, mit ihm etwas langsamer zu sprechen. Allerdings wurde die Nachricht dadurch nicht angenehmer. Natürlich freute er sich für den älteren Herrn, dass er beide Wohnflügel hatte vermieten können, dennoch wäre ihm ein gesetztes Ehepaar, oder besser noch eine junge Familie, lieber gewesen. Oder zumindest jemand, der wusste, wie tödlich Eile im Straßenverkehr sein konnte.

Er betrat hinter dem deutlich kleineren, hageren Vermieter das Haupthaus und wünschte sich, in dessen Alter ebenfalls noch so einen dichten Haarschopf sein Eigen nennen zu dürfen. Wenn sie grau wurden, war ihm das egal, stand es doch den meisten Männern gut, aber da sein Vater bereits sehr früh eher poliert als gekämmt hatte, hegte er nicht allzu große Hoffnungen. Unwillkürlich strich er sich mit einer Hand über seine braunen Locken und schalt sich selbst wegen dieser unsinnigen Gedanken. Er arbeitete freiberuflich als Mediengestalter und Werbegrafiker und war deshalb schon allein von Berufs wegen angetan von Schönheit, Ästhetik und Eleganz. Vielleicht hatte das allmählich auch auf seine Selbstwahrnehmung abgefärbt.

Patrick ließ den Blick durch die ausladende Eingangshalle und die imposanten Treppen schweifen, die in rundum verlaufenden Galerien nach oben führten und dort einen gewaltigen Kronleuchter einrahmten und perfekt in Szene setzten. Sein Vermieter hatte ihm bereits bei seinem ersten Besuch von der wechselvollen Geschichte des Hauses berichtet. Lange Zeit hatte es eine wohlhabende und angesehene Familie beherbergt, bevor es ein Hotel und Erholungsheim und in beiden Weltkriegen ein Lazarett geworden war. Es gab Gerüchte, dass sich hier möglicherweise ein Widerstandsnest gegen das NS-Regime getroffen hatte oder Juden versteckt worden waren.

Inzwischen war Waldemar der einzige verbliebene Nachkomme der Familie, der noch in Deutschland lebte, und die Instandhaltungskosten für das große Gebäude wuchsen ihm über den Kopf. Allerdings hatte er sich zu Patricks Glück nicht zu einem Verkauf durchringen können. Die Miete für einen ganzen Wohntrakt war schon hoch genug; ein Kauf der Immobilie wäre für ihn nie infrage gekommen. Aber er war so begeistert von den sich hier bietenden Möglichkeiten, dass er sich nach keiner anderen Wohnung mehr umgesehen hatte.

Sie erreichten eine mit Insignien verzierte Kommode aus dunklem Holz, an der Patricks Freund Jonas, der Schreiner, vermutlich seine Freude haben würde. Dort lagen auf zwei Stapeln mehrere Papiere zur Unterschrift bereit. Ob die andere Mieterin auch jetzt erst ihren Mietvertrag unterzeichnet hatte?

„Lesen Sie sich bitte alles sehr genau durch“, forderte Waldemar ihn auf. „Sie dürfen sich gern setzen. Ich hole Ihnen ein Glas Wasser. Lassen Sie sich Zeit!“ Waldemar klang, als wolle er ihn vor irgendwelchen Tücken im Vertrag warnen, was in Patrick den Verdacht weckte, dass der Mann kein Freund komplizierter Bürokratie war. Grinsend nahm er den Vertrag mit seinem Namen in die Hand und warf einen Blick auf den Stapel daneben. Debora Regina Abigail Lilly Valerie …

„Ach ja.“ Als Waldemar sich zu ihm umwandte, hob er schnell den Blick, wobei ihn die Überlegung verfolgte, ob eine einzige Frau tatsächlich so viele Vornamen haben konnte oder ob ihnen gegenüber eine ganze Girlgroup einzuziehen gedachte. Sofort dachte er an extremen Lärm, ständige Partys und womöglich Alkohol- und Drogenexzesse … Warum nur hatte er nicht früher nachgefragt, wer ihre Nachbarn sein würden?

„Mein Gedanke, dass Sie den Garten des Westflügels mitbenutzen könnten, lässt sich leider nicht verwirklichen. Da war ich wohl zu voreilig. Debora braucht das gesamte Grundstück.“

Patrick reagierte darauf nur mit einem Nicken. Er hatte das wohlmeinende Angebot ohnehin nicht in Betracht gezogen. In seinem übervollen Alltag gab es keine Zeit, um Blumen oder Gemüse zu pflanzen, und Leo blieb auch so eine kilometerweite Spielfläche rundum. Allerdings mit zwei strikten Verboten: Er durfte sich dem kleinen See unterhalb des Gutshauses und den einsturzgefährdeten Resten eines vor über 100 Jahren niedergebrannten Bauernhofs nicht nähern. Vielleicht sollte er gleich noch eine dritte Sperrzone markieren: den Wohnbereich ihrer neuen Nachbarin … oder der Nachbarinnen.

Waldemar verließ das Atrium, und Patrick setzte sich auf einen mit rotem Samt bezogenen Stuhl. Aufmerksam las er den gut ausgearbeiteten und extrem detaillierten Mietvertrag durch. Mit dem Kugelschreiber in der Hand zögerte er. Die Miete war hoch, die Nachbarschaft war nicht das, was er sich für Leo gewünscht hatte. Überwogen dennoch die Vorteile? Nachdenklich schloss er die Augen.

Irgendwo knarrte Holz, und eine Standuhr tickte verhalten die Sekunden herunter. Mehr Geräusche gab es nicht. Wohltuende Stille in einer Welt, die zunehmend hektischer und lauter, schneller und gefährlicher wurde. Patrick unterschrieb und fühlte sich gut dabei. Von Chiaras deutlicher Aufforderung, dass es an der Zeit war, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, bis zu diesem Augenblick waren weniger als vier Wochen vergangen. Wie gut geölte, perfekt aufeinander abgestimmte Zahnrädchen hatte sich das eine in das andere gefügt. Als bereite Gott ihm einen Weg. Endlich. Nach Jahren, in denen Patrick den Eindruck gehabt hatte, von ihm verlassen und vergessen worden zu sein.

Waldemar kam mit einem Wasserglas in seiner leicht zitternden Hand zurück und erklärte in seiner leutseligen Art: „Unten, in der Nähe des ehemaligen Gehöfts, gibt es eine Quelle. Sie wird zweimal jährlich kontrolliert, das Wasser kann bedenkenlos getrunken werden. Inzwischen haben wir eine Pumpe, die es heraufbefördert, und ein gut funktionierendes Filtersystem. Ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen wir es mit Eimern hochtragen mussten.“ Der Mann reichte ihm das Glas und nahm den unterzeichneten Mietvertrag entgegen.

Ein Strahlen erhellte sein Gesicht. „Ich freue mich auf meine neuen Nachbarn. Seit meine Frau vor fünf Jahren gestorben ist, war es doch sehr einsam hier oben. Und meine Enkel wohnen alle weit weg. Ihren kleinen Sohn hier zu haben wird mir eine besondere Freude sein. Wenn es Ihnen recht ist, darf er mich jederzeit besuchen.“

Patrick fand Waldemar überaus sympathisch. Er war offenbar eine zutiefst ehrliche Haut und wirkte gefestigt und zuverlässig. Ob Patrick ihm Leo anvertrauen würde, musste sich aber erst noch herausstellen. Also nickte er nur erneut wenig aussagekräftig, trank sein Wasser aus und erhob sich.

„Auf eine gute Nachbarschaft, Herr Wagner. Falls ich Ihnen beim Einzug behilflich sein kann, sagen Sie es mir. Oder, wenn es irgendwelche Schwierigkeiten geben sollte. Ich denke, eine gute Nachbarschaft funktioniert nur dann, wenn wir offen miteinander sprechen.“

„Da bin ich ganz Ihrer Meinung.“ Patrick hoffte, dass Waldemar das auch der Frau mit dem rasanten Fahrstil und den erschreckend vielen Vornamen deutlich gemacht hatte. „Vielen Dank.“

„Ich begleite Sie zu Ihrem Wagen.“

Patrick schmunzelte, als er neben seinem Vermieter auf die wuchtige Eingangstür zuging. Wer sprach heutzutage denn noch von einem „Wagen“? Allerdings sagte ihm die altertümliche Ausdrucksweise zu. Zumindest bei Waldemar würde Leo sich gute Umgangsformen und Höflichkeit abschauen können. Jetzt blieb ihm nur zu hoffen, dass der Mann über eine entsprechende Menschenkenntnis verfügte und sich nicht aus der finanziellen Notwendigkeit heraus Leute ins Haus geholt hatte, die völlig andere Werte und Verhaltensweisen befürworteten, als ihr Vermieter.

Debora Sailer schüttelte den Kopf, um eine Fliege zu verscheuchen, die Gefallen an ihrem verschwitzten Gesicht gefunden hatte. Dabei flogen ihre langen Dreadlocks wild hin und her. Sie wuchtete die Kiste zurück auf die Ladefläche des Pick-ups, zog ein feuerrotes Zopfgummi aus ihrer Sweatjackentasche und band die verfilzten Zöpfe zu einem Dutt zusammen. Eigentlich hatte sie glatte und für ihren Geschmack viel zu dünne Haare, weshalb ihr dieser neue Look ausnehmend gut gefiel. In der Fensterscheibe ihres Autos betrachtete sie den voluminösen Knoten auf ihrem Hinterkopf, soweit sie ihn sehen konnte, und grinste sich selbst an, ehe sie zur Ladefläche zurückkehrte.

Seit einer Woche schleppte sie nun schon Kisten, wobei nichts davon zu ihrer Wohnungseinrichtung gehörte. Ihre Zimmer im Obergeschoss des Westflügels waren bereits eingerichtet, ihre Habseligkeiten waren eingeräumt und verloren sich fast in den fünf von ihr genutzten Räumen. Drei weitere standen noch leer und würden es wohl auch bleiben. Der Wohnflügel dieses altehrwürdigen Gebäudes war viel zu groß für sie allein, aber sie hatte sich vor rund einem Jahr, als sie das erste Mal hier heraufgekommen war, sofort in die Räume, die Lage, die Landschaft und auch in Waldemar, ihren Vermieter, verliebt.

Erneut nahm sie die Kiste hoch und trug sie zu der riesigen und sehr massiven oben abgerundeten Eichentür, die längst ihre ursprüngliche Eleganz eingebüßt hatte. Von Wind und Wetter angegriffen war sie inzwischen grau verfärbt und klemmte ein wenig, und die geschwungene gusseiserne Klinke hing schief und wackelte, wenn man sie drückte. Ein zusätzliches Detail, das Debora faszinierte. In ihren Augen definierte sich Schönheit nicht über Perfektion. Diese Lektion zu lernen war für sie nicht einfach gewesen und beschäftigte sie noch heute.

Vorsichtig stieg sie die drei Steinstufen hinunter und betrat den gefliesten Flur. Ehe sie nach rechts durch die nachträglich eingebaute Glastür ging, die ihr Atelier von dem weitläufigen Eingangsbereich trennte, hörte sie das wegen der Steigung etwas gequälte Brummen eines schweren Fahrzeugs. Dabei handelte es sich vermutlich um den Umzugslaster der gegenüber einziehenden Familie.

Debora war gespannt auf ihre neuen Nachbarn. Waldemar hatte von einem kleinen Jungen gesprochen, und dabei war ein verräterischer Glanz in seine Augen getreten. Dies hatte ihren Verdacht bestätigt, dass er seine Kinder und Enkel schmerzlich vermisste. Sicherlich würde er den Nachbarjungen – und falls sich mit der Zeit noch mehr Kinder einstellen sollten, auch diese – herrlich verwöhnen.

Da sie durchaus neugierig war, stellte sie die Kiste mit Pinseln, Schwämmen, Spachteln und weiterem Handwerkszeug auf die vorderste Werkbank, lief zu einem der erfreulich vielen riesigen Fenster mit den Holzsprossen und schaute zu, wie ein Siebentonner rückwärts einparkte und haarscharf die um die Eiche erbaute Rundbank verfehlte. Hinter ihm folgte ein Kombi, dem ein Junge entstieg, dessen wilde blonde Locken sie ein klein wenig neidisch machten. Er flitzte sofort davon, wurde aber von seinem Vater zurückgerufen, der sehr groß zu sein schien, vielleicht sogar noch größer als Debora selbst, was nicht eben häufig vorkam. Der Mann hatte dieselbe wilde Lockenpracht wie die jüngere Ausgabe von ihm, jedoch in einem dunklen Braun. Vermutlich war die Mutter blond. Diese war aber nicht mitgekommen, wie Debora nach kurzem Abwarten feststellte. Vielleicht packte sie in der alten Wohnung die letzten Kleinigkeiten zusammen. Der Junge jedenfalls musste einige Ermahnungen über sich ergehen lassen, ehe der Vater von den muskelbepackten Männern des Umzugsunternehmens beansprucht wurde. Sofort begann das Kind, den Hof zu erforschen.

Debora wandte sich ab, kämpfte sich durch das Chaos in ihrem Ausstellungs- und Werkraum und trug die Kiste mit den Malutensilien in eines der fünf angrenzenden Zimmer, die sie als Lager und Büro nutzen wollte.

„Wow, so viel Zeug und so ein Durcheinander. Papa würde ganz schön mit mir schimpfen.“

„Na, dann ist es ja gut, dass dies mein Zeug und mein Durcheinander ist und nicht deines.“ Lachend drehte sich Debora zu dem Naseweis um, den sie auf etwa sieben Jahre schätzte.

„Unbedingt!“

Debora lachte auf. Der Junge wirkte mit seinen funkelnden, großen braunen Augen aufgeweckt, neugierig und begeistert von dem Anblick, der ihre neue Wirkungsstätte bot.

„Ich heiße Leo.“

„Grüß dich, Leo. Ich bin Debora.“ Sie ergriff die ihr entgegengestreckte Kinderhand und schüttelte sie kräftig. Der Junge musterte sie mit offenem Interesse. „Du hast sogar ein Durcheinander in deinen Haaren.“

„Na, du aber auch ein bisschen.“ Sie deutete auf seine entzückenden Locken.

„Papa sagt, das ist so, weil ich auch ein Durcheinander im Kopf habe.“

„Ist deinem Papa bewusst, dass er ebenfalls Locken hat?“

Leos Grinsen war schlicht umwerfend. Einnehmend. Zuckersüß. Debora wusste schon jetzt: Dieses Kind würde sich in ihr Herz schleichen. Dieser Gedanke war schön, schmerzte aber auch, da sie niemals so einen kleinen Fratz bekommen würde …

„Wie heißt denn dein Papa?“

„Patrick.“

„Und deine Mama?“

„Mia. Aber die ist schon in den Himmel vorausgegangen.“

Debora hob die Augenbrauen und ging vor dem Kind in die Hocke. Sanft ergriff sie Leos schmächtige Oberarme und musterte sein Gesicht. Er schien keine tief sitzende Trauer in sich zu tragen, waren seine Augen doch weiterhin neugierig auf sie gerichtet. „Das tut mir sehr leid für dich und für deinen Papa.“

„Mir auch. Vor allem für Papa. Er ist manchmal ziemlich traurig deswegen.“

„Das bedeutet, dass er deine Mama sehr lieb hatte und dich sicher auch sehr lieb hat.“

Leo nickte, wobei sein Blick wieder zu ihren Dreadlocks wanderte.

„Willst du sie mal anfassen?“ Debora neigte den Kopf und spürte gleich darauf, wie das Kind erst vorsichtig, dann intensiver über die verfilzten Zöpfe streichelte.

„Das fühlt sich lustig an. Und trotzdem normal. Wie Haare.“

„Na ja, es sind ja auch meine Haare.“

„Leo? Wo steckst du denn?“ Die Stimme von Patrick, nahe der Eingangstür zu ihrem Atelier, hörte sich besorgt an.

„Ich bin hier bei Debora.“

Die Genannte zuckte erschrocken zurück. Der schmächtige Körper des Jungen beherbergte ein gewaltiges Stimmorgan.

„Du kannst doch nicht einfach in fremde Wohnungen eindringen.“ Patrick klang nicht aufgebracht, eher erschrocken.

„Kommen Sie doch rein“, rief Debora in Richtung Foyer. Gleich darauf vernahm sie feste Schritte, dann erschien der große, schlanke Mann in der Glastür, den sie vorhin vom Fenster aus gesehen hatte. Als er näher trat, wobei er sichtlich irritiert das Chaos registrierte, knarrten die Holzdielen unter seinem Gewicht.

Debora erhob sich. Die Falten auf seiner Stirn signalisierten ihr, dass er ihr Äußeres nicht als vertrauenerweckend einstufte. Sie straffte die Schultern, was ihre 1,81 Meter noch besser zur Geltung brachte. Was dachte sich der Mann nur? Schließlich steckte auch sie mitten im Umzug, weshalb sie eine an den Knien zerrissene Jeans und ein viel zu weites schwarzes Kapuzenshirt trug und dazu ihre Stahlkappenschuhe, die natürlich alles andere als elegant oder modisch waren. Und ihre Frisur … damit hatten manche Menschen so ihre Probleme.

Er hingegen trug eine schwarze Jeans, die aussah, als sei sie sorgfältig gebügelt worden, und ein weißes Hemd, das nun, als er sich vor ihr aufbaute, seinen Sixpack betonte. Das hätte sie anhand seiner schlanken Statur nicht vermutet. Noch erstaunlicher fand sie allerdings, dass seine Kleidung absolut flecken- und knitterfrei war. Aber immerhin hatte er professionelle Umzugshelfer angeheuert, was die Frage aufwarf, ob die wohl nicht nur die Möbel reintrugen und aufstellten, sondern sogar die persönlichen Gegenstände einräumten. Ihrem ersten Eindruck nach wirkte Leos Vater selbst sehr … aufgeräumt. Und irgendwie reizte sie genau das!

„Hallo, Patrick, ich bin Debora.“

Seine Stirnfalten vertieften sich bei ihrer saloppen Begrüßung, und ihr Grinsen wurde breiter.

„Hallo … Debora. Offenbar hat mein Sohn Ihnen bereits meinen Namen mitgeteilt.“

„Wir haben uns prima unterhalten.“ Debora unterdrückte ein Kichern. Der Mann war sicher noch keine 30, demnach höchstens ein paar Jahre älter als sie, verhielt sich allerdings, als wäre er ein ehemaliger Schulkamerad von Waldemar. Das war nicht unangenehm, aber sonderbar – oder vielmehr belustigend. Vielleicht war er aber auch so ernst, weil er in so jungen Jahren schon Witwer war.

„Leo, du kommst jetzt bitte mit mir. Ich möchte dir dein Zimmer zeigen, und dann stellen wir gemeinsam deine Möbel auf und räumen deine Sachen ein.“

Patrick hatte, ohne etwas davon zu ahnen, bei Debora gerade gehörige Pluspunkte gesammelt. Ihr gefiel, dass er sich zuerst um das Zimmer seines Sohnes kümmern wollte und dies auch noch eigenhändig und gemeinsam mit dem Kleinen.

„Bekomme ich jetzt eine Ritterburg? Statt des Piratenbetts?“, fragte Leo, griff nach der Hand seines Vaters und zog ihn durch den schmalen begehbaren Pfad in Richtung Foyer.

„Das hast du ja mit Jonas verhandelt. Und wie ich ihn kenne, wird er dir bei seinem Besuch am Wochenende ein Ritterburgbett vorbeibringen.“

„Cool!“

Vor der offenen Glastür drehte Patrick sich um. „Es war nett, Sie kennenzulernen … Debora.“

„Ganz meinerseits. Wir laufen uns jetzt ja sicher öfter über den Weg.“ Es amüsierte sie, dass er sie zwar beim Vornamen nannte, aber dennoch die zurückhaltende und distanzierte Sie-Form wahrte. Was ihr weniger gefiel, war sein Gesichtsausdruck auf ihre Worte hin. Offenbar war er zu dem Schluss gekommen, dass es besser sei, ihr aus dem Weg zu gehen. Böse konnte sie ihm deshalb nicht sein, denn auch sie war ja unter anderem wegen der Abgeschiedenheit des Gutshauses hierher gezogen. Ob der Mann, ebenso wie sie selbst, nicht viel Wert auf Gesellschaft legte?

Leo winkte ihr, sah jedoch nicht mehr, wie sie den Gruß erwiderte. Neugierig trat sie an eines der Fenster und beobachtete, wie Patrick vor seinem Sohn in die Hocke ging, ihn fest an den Schultern ergriff und ernst auf ihn einredete. Er bekam einige Verhaltensmaßregeln erklärt, vermutete Debora. Selbstverständlich durfte der Junge nicht einfach ungefragt in anderer Leute Wohnungen eindringen, da hatte Patrick durchaus recht. Andererseits befürchtete Debora, dass er den kleinen Kerl speziell vor der Frau mit der unmöglichen Frisur, der ramponierten Kleidung und dem Durcheinander in ihrer Wohnung warnte. Und das versetzte ihr einen Stich.

„Okay“, sagte sie leise und machte sich erneut daran, Schachteln in die Lagerräume zu tragen, ehe sie es wagte, die letzte Umzugskiste aus ihrem Pick-up zu holen. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie drei Männer je einen Computer, ein anderer eine offene Kiste mit mehreren Flachbildschirmen und weiterem Computerkram in den Ostflügel trugen. Ob der Mann beim Geheimdienst arbeitete? Oder in einer Cybereinheit der Polizei? Musste er sich gar hier oben verstecken?

Debora schalt sich ob ihrer viel zu regen Fantasie und stellte die Schachtel vor der Haustür ab. Der Inhalt klingelte und schepperte verheißungsvoll. Bevor sie sich dem Chaos in ihrem Atelier widmete, holte sie eine Trittleiter aus dem Lager und befestigte an der altmodischen Außenlampe mit ihrer verschnörkelten Metallaufhängung eines ihrer Rostlook-Klangspiele in Blätterform, gleich jenen, die jetzt noch die herbstlichen Bäume schmückten oder langsam, den vergangenen Sommer betrauend, zu Boden trudelten.

Der sanfte Herbstwind, unangenehm kühl trotz des Sonnenscheins, brachte die Metallblätter in Bewegung und entlockte ihnen eine fröhliche Melodie. Zufrieden lauschte Debora dem Rascheln der noch jungen Roteiche in der Mitte des gepflasterten Hofs und dem kräftigen Brausen, das von den Fichtenwäldern rundum stammen musste. Sie fand, dass sich das Klirren ihres Klangspiels perfekt in den Gesang der Bäume einfügte.

Gerade als sie nach der Holzkiste greifen wollte, hörte sie Waldemar ihren Namen rufen. „Debora? Wie wäre es mit einer kleinen Stärkung? Ich habe für dich und für die anderen“, er deutete auf den Ostflügel und den LKW, „Maultaschensuppe gekocht.“

„Du bist mein Held!“, rief sie zurück und übertönte damit das Grummeln ihres Magens. Tatsächlich hatte sie seit einem hastigen Frühstück nichts mehr zu sich genommen.

„Begib dich doch bitte schon mal in meine Küche, ich lade derweil die anderen ein. Ach ja, so ein hübsches Klangspiel hätte ich auch gern an meiner Außenlampe. Am liebsten mit Tieren aus unseren heimischen Wäldern.“

„Ist notiert“, erwiderte Debora. Sie ließ die Kiste vor den Stufen stehen und eilte über den Hof, betrat das Haupthaus und gleich darauf die ehemalige Gesindeküche. Mit ihren gewaltigen Abmessungen und den modernen Elektrogeräten im Kontrast zu dem restlichen, sehr alten Interieur war sie ein absolut faszinierender Ort.

Erfreut registrierte sie, dass Waldemar sogar Kartoffelsalat zubereitet hatte. Sowohl in der braunen Keramikschüssel als auch in dem schwarzen Kochtopf steckte je eine der riesigen Schöpfkellen, die in allen Variationen, Materialien und Größen entlang der Wände hingen und dort Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte überdauert hatten. Was sie wohl erzählen könnten? Von den Menschen, die vor ihnen in dem Gutshaus gelebt, geliebt und gelitten hatten?

Das Tappen schneller Schritte verriet ihr, dass Leo den Männern vorauseilte. Rasch trat sie in die Küchentür und winkte den Jungen zu sich. Der strahlte, als er sie sah, drückte sich allerdings an ihr vorbei, um die Küche zu erkunden. Schließlich setzte er sich neben sie an den zerschrammten Tisch und flüsterte, den Blick auf seinen Vater gerichtet, der sich höflich bei Waldemar für die Einladung bedankte: „Das Haus ist einfach super. Ob es hier Geheimgänge gibt? Oder verborgene Zimmer?“

Patrick würde wahrscheinlich wenig begeistert sein, wenn sein Sohn in dem Gebäude herumschlich, aber der Gedanke, sich auf die Suche nach einem Geheimnis in dem altehrwürdigen Gemäuer zu machen, weckte ein aufgeregtes Kribbeln in Deboras Bauch. Sie beugte sich zu Leo hinüber und erwiderte leise: „Bestimmt! Und wir zwei werden sie finden!“

„Wann fangen wir an? Nachher?“

„Zuerst muss ich mein Durcheinander sortieren.“

„Damit Papa nicht schimpft?“

Debora lachte. „Ich denke nicht, dass dein Papa das Recht hat, wegen des Durcheinanders in meiner Wohnung mit mir zu schimpfen.“

Leo runzelte die Kinderstirn und nickte dann. „Darf ich mein Durcheinander zu dir bringen?“

Wieder lachte sie und hätte den Jungen am liebsten umarmt. Da sie jedoch in diesem Moment einen unterkühlten Blick seines Vaters einfing, sah sie von der überschwänglichen Zuneigungsbekundung vorsichtshalber ab.

„Leo, du sollst die Dame doch nicht belästigen.“ Patricks Rüge, obwohl freundlich ausgesprochen, ließ Debora die Wangen aufblähen. Die „Dame“. Meine Güte, sie war doch keine 50!

„Er belästigt mich nicht. Wir unterhalten uns“, gab sie zurück und bereute sogleich den leicht herausfordernden Tonfall. Sie wollte es sich mit ihrem neuen Nachbarn nicht verderben, auch wenn der seine Vorbehalte ihr gegenüber nicht versteckte.

„Ich denke, wir sollten jetzt essen, bevor die Maultaschen kalt werden.“ Waldemar warf ihr einen vielsagenden Blick zu, löste den kleinen Tadel jedoch mit einem Zwinkern auf.

Sie lächelte den älteren Herrn an, den sie von der ersten Sekunde an ins Herz geschlossen hatte. Sie kannte Waldemar nun seit gut einem Jahr. Damals hatte sie den Mietvertrag für das obere Stockwerk des Westflügels unterzeichnet und die Renovierung der Räume eigenhändig durchgeführt, während sich im Ostflügel die Handwerker gegenseitig die Klinke in die Hand gegeben hatten. Und endlich war ihr großer Traum, hier oben nicht nur zu wohnen, sondern auch zu arbeiten, wahr geworden. Sie musste sich dringend mit Patrick arrangieren, denn um kreativ zu sein, brauchte sie eine angenehme Atmosphäre, und zudem war sie das Waldemar schuldig. Schließlich hatte er sich auf diesen Tag und die gemeinsame Zukunft mit seinen Mietern gefreut.

Die Männer, einschließlich Leo, ließen es sich ordentlich schmecken, Deboras Portion fiel dagegen eher klein aus. Einerseits war dies ein Überbleibsel aus ihren Jahren als Model, andererseits liebte sie zwar Kartoffelsalat, Maultaschen gehörten jedoch nicht zu ihren bevorzugten Speisen. Hinzu kam, dass ihr die interessierten Blicke der vier Männer des Umzugsunternehmens den Appetit raubten. Ja, sie war vermutlich immer noch attraktiv und außergewöhnlich: groß gewachsen, schlank, aber nicht dünn, mit einem ebenmäßigen Gesicht und eleganten Bewegungen. Doch sie wusste, wie rasch Interesse und Bewunderung fassungslosem Erschrecken, ja sogar offenem Ekel weichen konnten …

2. Kapitel

Erschöpft und mit leichten Rückenschmerzen vom vielen Schleppen löschte Debora die Lichter in den Lagerräumen und im Büro.

„So, kein Durcheinander mehr!“, resümierte sie und lachte über sich selbst. Sobald sie das Licht wieder anknipste oder morgen bei Tageslicht die Räume betrat, würde das Chaos wieder da sein. Und das würde sich auch so schnell nicht ändern, immerhin musste sie dringend ihre aktuellen Projekte fertigstellen und ausliefern. Der Umzug ihrer Hinterhofwerkstatt in dieses bezaubernde Ambiente hatte mehr Zeit in Anspruch genommen als geplant. Das lag jedoch hauptsächlich daran, dass gleich zwei männliche Bekannte kurzfristig ihr Hilfsangebot zurückgezogen hatten. Dies hatte ihr erneut ein paar innere Kämpfe beschert. Schließlich wollte sie niemals wieder in ihr früheres Verhaltensmuster zurückfallen. Dennoch hatte es sie einiges an Kraft gekostet, ein weiteres Mal das Gefühl des Verlassenseins, der Frustration über Männer im Allgemeinen und den Eindruck, nicht wertgeschätzt, nicht geliebt, nicht „genügend“ zu sein, von sich zu weisen.

Langsam drehte sie sich um sich selbst und betrachtete ihr neues Reich. Die großen Fenster auf der linken Seite und die Glastür zum Foyer ließen tagsüber großzügig Licht ein. Die hohen Regale entlang der rechten Zimmerfront waren mit fertigen oder halb fertigen Werkstücken, dem aktuell benötigten Werkzeug und allerlei Material gefüllt. Der kunterbunte Mischmasch wirkte – im Gegensatz zu dem alten, rustikalen Holzboden und der Kassettendecke, an der sie kräftige Strahler angebracht hatte –, wie die bunt verfärbten Laubbäume vor den dunklen Fichtenwäldern, die das Gutshaus umgaben.

Gleich acht Arbeitstische und Werkbänke, in zwei Reihen schräg hintereinander angeordnet, entsprachen ihrem Wunsch, gleichzeitig an mehreren Objekten arbeiten zu können, ohne sie ständig wegräumen zu müssen. Das würde zwar immer durcheinander aussehen, doch wen sollte das stören? Hier wurde kreativ gearbeitet, und wo gearbeitet wurde, flogen nun mal Späne – oder standen, wie in ihrem Fall, unvollständige Kunstwerke herum.

Sie trat an eines der Fenster, öffnete es und warf einen Blick auf den gegenüberliegenden Hausflügel, soweit dieser nicht durch die glühendroten Blätter der Eiche eingeschränkt wurde. Dabei atmete sie tief die feuchtigkeitsgeschwängerte kalte Luft ein. Im Erdgeschoss, dort, wohin das gewaltige Computerequipment sowie Büromöbel, Stellwände und – zu ihrer Begeisterung – Schachteln mit der Beschriftung Skizzenblöcke, Stifte etc. gebracht worden waren, brannte kein Licht, doch im Stockwerk darüber war jedes Zimmer erleuchtet. In der Küche bewegte sich eine Silhouette, vermutlich Patrick, der noch mit Einräumen beschäftigt war. Nebenan war bereits ein nahezu blickdichter Vorhang angebracht worden. Wahrscheinlich befand sich dort Leos Reich. Im gleichen Augenblick erschien ein kleiner Schatten in dem Vorhangspalt, der einen schmalen Lichtschein nach draußen ließ. Sie konnte nur Leos Umriss sehen, nahm jedoch an, dass er sich gerade die Nase an der Scheibe platt drückte, um trotz der Dunkelheit etwas zu erkennen.

Sie hob den Arm und winkte ihm zu. Es dauerte einen Moment, bis er sie entdeckte und zurückwinkte. Gleich darauf öffnete er das Fenster und rief: „Ich schlafe heute auf dem Boden.“

„Na, du wirst doch hoffentlich eine Matratze haben?“

„Klar! Aber ich habe das Piratenbett verschenkt.“

„Weil du eine Ritterburg als Bett bekommst?“

„Ja!“ Leo klang begeistert. Allerdings tauchte hinter ihm ein größerer Schatten auf, der der laut geführten Unterhaltung quer über den Hof ein Ende bereitete.

„Gute Nacht, Debora!“, rief Leo noch höflich und deutlich verhaltener, dann schloss Patrick den Fensterflügel und zog energisch den blauen Vorhang vor.

„Ja, gute Nacht!“, flüsterte Debora und verschloss zitternd vor Kälte ebenfalls das Fenster. Es ließ sich nicht länger verleugnen: Der Winter stand vor der Tür.

Sie drehte sich um und warf einen Blick auf den hintersten, noch leeren Tisch. Ihr war eine Idee gekommen, und wie so oft wollte sie diese sofort in die Tat umsetzen. Also eilte sie zurück zur Verbindungstür und knipste das Licht in einem der Lagerräume an, um von dort wetterfeste Outdoorstoffe, mit denen sie vor einiger Zeit Windräder bespannt hatte, Nähgarn und ihre Nähmaschine nach vorn zu tragen. Drei Stunden blieben ihr noch, ehe sie zu Bett gehen wollte, und in diesen konnte sie ihr neues Projekt – ihr Begrüßungsgeschenk für Leo – weit vorantreiben.

Patrick trat aus dem Haus, als Jonas mit seinem Kleinlaster im Hof herumrangierte, da er mit der Ladefläche möglichst nahe an die Haustür des Ostflügels gelangen wollte. So konnte Patrick beobachten, wie Noa aus der Fahrerkabine kletterte, was bei ihrer kleinen, zarten Gestalt so wirkte, als hüpfe ein Floh von einem Tisch. Ihm entging auch nicht, wie sie nach einem ersten Blick auf das Gutshaus den Kopf in den Nacken legte, wobei ihre langen roten Locken wie ein Wasserfall über ihren Rücken flossen, und begeistert die bunte Wimpelkette betrachtete, die von Leos Zimmer quer über den Hof zu Deboras Küche gespannt war.

„Das ist ja hübsch!“, rief sie genau das, was Patrick befürchtet hatte. Noa führte ein Café, in dem es neben einem Floristikangebot auch Dekorationsgegenstände aller Art zu kaufen gab; im angrenzenden Wintergarten hatte ihr Verlobter Jonas seine Schreinerei.