Unverpixelt - SatNam777 Pseudonym - E-Book

Unverpixelt E-Book

SatNam777 Pseudonym

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Beschreibung

Mein Name ist Pi und ich möchte meine Geschichte mit euch teilen. In welcher ich gefangen war, gefangen in einem System, in dem mir niemand mehr glaubte und ich alles verlor, meine Söhne, meinen Job, meinen Führerschein, meine Würde und meinen Stolz. Eine Fehleinschätzung, die mich in eine Psychiatrie brachte, eine Fehldiagnose. Es heißt Augen sind der Spiegel der Seele, geheimnisvoll und doch so offen, alles kann man darin erkennen, Ängste, Lügen, Böses, Liebe, Güte und Verständnis. Schaue tief in die Augen eines anderen, dann erkennst du seine Seele. Ich zeige dir die Welt durch meine Augen, wie ich durch Höhen und Tiefen gehen musste, wie ich betrogen und belogen wurde und wie ich verletzt und enttäuscht wurde. Aber auch wie ich gekämpft habe, gekämpft, um und für meine Kinder, für mich und die Wahrheit. Wie ich diese schreckliche Zeit überstanden habe und ich mein wahres Ich fand, könnt ihr in meinem Buch lesen. Ein Mops, die Pandemie, der Lockdown und eine Verkettung vieler Umstände. Das Rad der Zeit, manches müssen wir rückwärts lesen, um zu verstehen und eine andere Perspektive zu sehen

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Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Titel

Unverpixelt

von SatNam777

ein autobiographischer Roman, beruhend auf wahren Begebenheiten

Worum geht es?

Mein Name ist Pi und ich möchte meine Geschichte mit euch teilen. In welcher ich gefangen war, gefangen in einem System, in dem mir niemand mehr glaubte und ich alles verlor, meine Söhne, meinen Job, meinen Führerschein, meine Würde und meinen Stolz.

Eine Fehleinschätzung, die mich in eine Psychiatrie brachte, eine Fehldiagnose. Es heißt Augen sind der Spiegel der Seele, geheimnisvoll und doch so offen, alles kann man darin erkennen, Ängste, Lügen, Böses, Liebe, Güte und Verständnis. Schaue tief in die Augen eines anderen, dann erkennst du seine Seele. Ich zeige dir die Welt durch meine Augen, wie ich durch Höhen und Tiefen gehen musste, wie ich verletzt und enttäuscht wurde und wie ich betrogen und belogen wurde. Aber auch wie ich gekämpft habe – gekämpft, um und für meine Kinder, für mich und die Wahrheit. Wie ich diese schreckliche Zeit überstanden habe und ich mein wahres Ich fand, könnt ihr in meinem Buch lesen.

Ein Mops, die Pandemie, der Lockdown und eine Verkettung vieler Umstände.

Das Rad der Zeit, manches müssen wir rückwärts lesen, um zu verstehen und eine andere Perspektive zu sehen.

- N-E-B-E-L-

Impressum

Unverpixelt

ebookausgabe: Januar/2022

Text: ©SatNam777

Umschlag: ©Copyright by Melanie Popp/MP-Buchcoverdesign & mehr

Bildquelle: @kevron2002, @grechka333, @natbasil, @VitalikRadko, @diversepixel/Depositphotos.com

Bilder im Text: Aus eigener Sammlung, Einstein von www.redbubble.com/de/i/poster/Albert-EinsteinZunge-von-jimmywatt/30780569.LVTDI

Buchsatz: Melanie Popp/MP-Buchcoverdesign & mehr

Verlag:SatNam777

Eggensteiner Weg 8

76351 Linkenheim

Druck:epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin, Printed in Germany

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung bedarf der schriftlichen Genehmigung des Autoren. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Verwertung, Übersetzung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektrischen Systemen. Personen und Handlung sind frei erfunden. Die Geschichte ist fiktiv, orientiert sich aber an biografischen Ereignissen.

*Nach jedem Kapitel finden Sie Lieder, die mich in dieser schweren Zeit begleitet haben. Aber das sind nicht alle. Bei Spotify unter SatNam777 finden Sie meine komplette Playlist, darunter auch Mutmachlieder.

Widmung

Unverpixelt

von SatNam777

ein autobiographischer Roman, beruhend auf wahren Begebenheiten

Für meine Jungs.

Ich liebe euch!

Ich bin sehr dankbar, dass ich euch habe!

*Solange du dich bewegst von Wilhelmine

*Ein Geschenk von Ewig

*Wenn du mich lässt von LEA

Intro

*Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt von Curse

*Buch der Erinnerung von Böhse Onkelz

Kapitel 13

13:01 Uhr

Station 8

Mensch, eine vom Aussterben bedrohte Rasse. Was macht ihr denn mit eurer Reichtumsmasse?

Ein Grundstück auf dem Mars kaufen? Reicht denn dort die Luft zum Schnaufen?

Ich will nicht alle über einen Kamm scheren, aber solche Egos sollten sich nicht vermehren.

Kindermund tut Wahrheit kund. Ich lasse es nicht zu und kämpfe wie eine Kuh.

Dass diese verlogene Scheiße kippt, auf eine gescheite Weise, ich hoffe dorthin führt meine Reise.

Anzugträger und Ränge – gezüchtete Idioten, und die sollen wir noch loben?

Welches deutsche Wort der neuen Rechtschreibreform ist denn hier die Norm?

Neue Medikamentenverordnung, davon abhängig die Schlussfolgerung.

Habe ihr alle denn nur noch einen Stock im Arsch? Euer Karma stinkt nach Barsch.

Pläne, Pläne, haufenweise Papier, dient mehr oder weniger auch zur Zier.

Von euren verdreht verlogenen Worten gibt es leider ganze Horden. Steigt denn einer bei dem Wahn noch durch?

Wo steuert das alles noch hin? Ich frage sehr oft nach dem Sinn.

Reden, reden, reden, das könnt ihr alle gut. Habt ihr überhaupt eine Art von Mut?

Mut zur Veränderung?

Ehe ich mich versah, saß ich einem Polizeiwagen. Angst und Panik überschütteten mich und ich wusste nicht, was mit mir passierte. Ich verstand die Welt nicht mehr. Um meine mittlerweile viel zu dünnen Handgelenke befanden sich kalte und enge Handschellen, die mir schmerzten. Völlig verwirrt rieb ich meine Hände aneinander, um die Handschellen loszuwerden, jedoch ohne Erfolg. Es war falsch, ich hatte doch nichts getan. Warum trug ich nur diese Dinger? Ich fühlte mich wie eine Schwerverbrecherin, war todtraurig und weinte. Lautlos liefen die Tränen über meine Wangen, gefolgt von einem niedergeschlagenen Schniefen.

Wir befanden uns mitten in der zweiten Welle.

Ich wollte nicht weinen, ich wollte auch kein Mitleid oder die Aufmerksamkeit der Polizisten auf mich ziehen. Eigentlich wollte ich nur ein normales Leben führen, ich wollte Ruhe, Liebe und Frieden. Ich wollte stark sein und diese unwirkliche Situation mit Bravour meistern, aber ich war am Ende. Ich sah kein Licht mehr am Ende des Tunnels, ich war verzweifelt, müde und kraftlos. So konnte es nicht weitergehen.

Draußen war es schon lange dunkel. Es regnete und im Radio lief der Song I see fire von Ed Sheeran, die Uhr zeigte 23:23 Uhr an. Die Regentropfen liefen die Scheiben hinunter, genauso wie die Tränen über meine Wangen. Am Kinn bildete sich unter dem Mund-Nasen-Schutz ein kleines Rinnsal, das ich wegen der Handschellen und der Maske nicht wegwischen konnte. Ich stierte nur nach draußen und beobachtete die vielen Laternen, die in der Nacht genügend Helligkeit schenkten.

Der Polizist neben mir spürte meine emotionalen Empfindungen und meine unendliche Traurigkeit. Ich fühlte sein ehrliches Mitleid und dachte teilweise, dass er manchmal kurz davor war, gleich mit mir zu weinen. Während der Fahrer ein kaltes Herz zeigte und starr geradeaus auf die Fahrbahn blickte. Sogar durch den Mund-Nasen-Schutz erkannte ich, dass er keine Miene verzog. Er wagte nicht einmal einen kurzen bedauernden Blick in den Rückspiegel. Ganz im Gegenteil, wenn ich seine Augen erhaschte, erkannte ich nur Härte und Lieblosigkeit. Er machte seinen Job auf jeden Fall vorzüglich.

Ich schloss kurz die Augen und versuchte nicht in Panik zu geraten. Die ganze Zeit dachte ich nur an meinen 14-jährigen Sohn Ben. Was er jetzt wohl dachte? Was sie ihm jetzt wohl sagen werden? Er war jetzt allein zu Hause und ich machte mir solche Vorwürfe. Ich machte mir Sorgen um ihn und ich wollte einfach nur noch zu ihm. Aber es ging nicht. Ich war gefangen in dieser schrecklichen Situation und ich war gefangen in einem falschen System.

In der Psychiatrie angekommen, machte mir der grantige Polizist mit einem harten Ton klar, dass ich aussteigen sollte. Ich erschrak, als ich seine dunkle Stimme hörte und wäre am liebsten sitzen geblieben. Jedoch musste ich tun, was sie zu mir sagten, und vor allem musste ich es tun, egal wie sie es zu mir sagten. Würde ich ihren Aufforderungen nicht folgen, wollte ich nicht wissen, wo sie mich sonst hinsteckten. Die Erkenntnis, dass sie vor einer Psychiatrie hielten, machte mir schon sehr große Angst. Der Nettere von den beiden Polizisten öffnete mir die Tür und half mir beim Aussteigen, indem er sich mit der Hand unter meinen Achseln einhakte. So führte er mich auch in die furchteinflößende Klinik.

Ich ließ alles über mich ergehen, teilweise nahm ich auf den Weg vom Auto bis in die Klinik gar nichts um mich herum wahr. Es sollte einfach alles ganz schnell gehen und vor allem sollte es so schnell wie möglich wieder vergehen. Ich musste zu meinem Sohn, er konnte auf keinen Fall so lange allein bleiben. Er brauchte seine Mutter und ich brauchte ihn. Er machte sich sicher schon sehr große Sorgen um mich.

Die Polizisten führten mich durch ellenlange und kahle Gänge, die nur so von Kälte und Trostlosigkeit strotzten. Wir bogen ab und wieder und wieder, bis wir in einen Raum kamen. Einer von den beiden blieb bei mir, während der andere durch eine Tür in ein Ärztezimmer verschwand. Erst als diese Tür geschlossen war, erkannte ich, wie ruhig und still es um uns herum war. Diese Stille machte mich auf der einen Seite ganz nervös, auf der anderen Seite war ich dankbar für diese Ruhe.

Nach fünf Minuten, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkamen, öffnete sich die Tür wieder. Heraus kam der Polizist, begleitet von einem älteren Arzt mit rundem Bauch, grauem Haarkranz und einer Brille, die viel zu tief auf seiner Nase saß. Er trug einen weißen Kittel, der ihm bis zu den Kniekehlen reichte. Der Arzt blieb vor mir stehen und musterte mich eindringlich von Kopf bis Fuß, was mir sehr unangenehm war. Er starrte mich wie ein Stück Vieh auf einer Auktion an und die Polizisten machten es ihm nach. Verlegen blickte ich auf den Boden und schloss die Augen, dennoch spürte ich ihre Blicke auf meiner Haut. Ich fühlte mich nackt und unwohl, sie sollten damit aufhören.

Als der Arzt sich laut räusperte, öffnete ich die Augen wieder und sah ihn vorsichtig an. Er rieb sich die Nase und deutete auf mich. „Wir müssen Sie hierbehalten“, sagte er mit einer rauen Stimme, die perfekt zu seinem Aussehen passte.

Im ersten Moment, als ich seine Worte hörte, war ich wie erstarrt, ich konnte mich nicht mehr bewegen und kaum mehr atmen. Ich fühlte mich wie in einem Schockzustand, wie traumatisiert. Was machten die nur mit mir? Mir wurde schlecht und schwindelig. Was sollte das denn jetzt? Warum musste ich in dieser gruseligen Klinik bleiben? Das konnte doch nicht wahr sein. Ich brauchte Zeit, ich wollte diese Nachricht erst einmal verarbeiten und vor allem wollte ich dafür sorgen, dass es meinem Sohn gut ging, während ich nicht zu Hause war.

Aber dem kaltherzigen Polizisten war das egal. Schroff packte er mich am Arm. „Los! Mitkommen!“, ordnete er barsch an und drückte mich voraus durch die Tür und weiter durch einen langen Gang. Das Licht flackerte und es wirkte für mich so, wie in einem der schlechten Gruselfilme, die ich als Kind immer sah, um mir einen Schreck zu holen, um in der Nacht nicht schlafen zu können oder um mich in der Nacht nicht mehr allein auf die Toilette zu trauen. Diese ganze Situation war so absurd. Ich konnte mich einfach nicht wehren, meine Fassungslosigkeit schlug wie ein schwerer Stein auf mich ein und drückte mich fast zu Boden.

Am Ende des unheimlichen Ganges bogen wir nach rechts ab und kamen bei einem Zimmer an, das vollkommen aus Glas bestand. Panik stieg in mir auf und ich versuchte mich mit aller Macht gegen die Kraft des Polizisten zu stemmen. Das ist jetzt nicht wirklich deren Ernst, oder?, dachte ich und stand kurz davor, die ganze Station zusammenzuschreien. Ich wollte einfach nur noch aus diesem Alptraum heraus, ich wollte aufwachen und feststellen, dass das alles nicht echt war. Aber dem war leider nicht so. Ich befand mich nicht in einem Traum, sondern in der knallharten Realität, so unglaublich, dass ich ab und an wirklich ernsthaft an meiner Wahrnehmung zweifelte. Ich musste schauen, dass ich hier so schnell wie möglich wieder rauskomme. Denn ich wusste jetzt schon, würde ich das nicht schaffen, würde ich in ein tiefes Loch fallen und emotional völlig zusammenbrechen.

Hinter der durchsichtigen Scheibe stand ein Bett auf Rollen. Es war reinweiß bezogen und etwas beunruhigte mich sehr. Denn an dem Bett befanden sich jeweils zwei Fesseln, einmal für die Hände und einmal für die Füße. Angsterfüllt wehrte ich mich gegen den Griff des Polizisten. „Das ist nicht euer Ernst, oder? Bitte, das könnt ihr nicht mit mir machen“, flehte ich sie an, und wenn sie es von mir verlangt hätten, wäre ich vor ihnen auf die Knie gefallen und hätte bis zum bitteren Ende gebettelt.

Aber die Männer achteten nicht auf mich, auch nicht der Polizist, dem ich noch im Wagen etwas Herz zusprach. Plötzlich bekam ich einen Flashback, denn vor vier Jahren musste ich schon einmal die Erfahrung machen, wie es sich anfühlte, eine Nacht an einem Fesselbett fixiert zu sein.

Damals hatte mich mein Ehemann nach 14 Jahren Ehe mit einer 22-jährigen Apothekerin über ein halbes Jahr lang betrogen und belogen. Als ich davon erfuhr, hatte ich das Gefühl zu träumen und ich verstand einfach nicht, warum er mir das antat. Nie hatte ich irgendwie das Gefühl, dass ihm in unserer Ehe etwas fehlte. Wir waren doch zufrieden, wir hatten uns, unsere zwei Kinder und wir liebten uns. Niemals im Leben hätte ich gedacht, dass er mich einmal mit einer Jüngeren betrügen würde. Niemals.

Dazu kam auch noch, dass mein großer Sohn Kai sich vor ein paar Wochen dazu entschloss, zu seinem Vater und seiner jungen Freundin zu ziehen. Weil er nicht mehr bei mir bleiben wollte. Ich erinnerte mich noch genau an den Tag, das erste Weihnachten nach der Trennung von meinem Ex-Mann, da schenkte er mir ein Kummerfläschen mit lauter kleinen Briefen zum Aufmuntern darin. Das schönste Geschenk, das ich jemals bekam. Es war so herzzerreißend. Mit Tränen in den Augen saß ich unter dem Weihnachtsbaum und las Zettel für Zettel. Für die beste Mama der Welt, für die liebste Mama auf der Erde, du bist wunderschön … Es war so bezaubernd und lieb. Zum Geburtstag bekam ich dann noch ein Holzbrett, auf dem stand: Du musst erst Ballast abwerfen, um wieder höher steigen und fliegen zu können. Dies brannte er mit einem Holzbrenner ein. Er ist so ein toller und liebevoller Junge. Um ihn machte ich mir auch tagtäglich Sorgen, die mich fast um den Verstand brachten. Und ich vermisste ihn so sehr.

Ich war zu der Zeit am Ende, ich wollte nicht mehr darüber nachdenken, wenigstens nur für eine kurze Zeit. Somit bekam ich Beruhigungstropfen verschrieben und nahm davon ein paar mehr Tropfen, als auf der kleinen Flasche stand. Ich dachte mir nichts dabei, hatte nur im Sinn, dass ich dann besser schlafen konnte. Leider wirkten die Tropfen mehr als geahnt, ich schlief viel zu schnell und viel zu fest ein. Als ich wieder aufwachte, lag ich plötzlich auf der Intensivstation fixiert an meinem Bett. Niemand war da, ich hatte Durst, mein ganzer Körper juckte und ich lag unbequem in diesem Krankenhausbett. Ich war ein absoluter Bauchschläfer, aber durch die Fixierung war es mir nicht möglich, mich auch nur ein bisschen zu bewegen.

Nicht einmal den Knopf über meinem Kopf konnte ich drücken. Ich war gefangen und hatte keine Chance, um irgendwie auf mich aufmerksam zu machen. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment zu verdursten, meine Luft war knapp und dieses Kratzen im Hals war die Hölle für mich. Das war die schlimmste und längste Nacht in meinem Leben. Eine Minute in diesem Bett kam mir vor wie eine Stunde.

So eine Nacht wollte ich um alles in der Welt nicht noch einmal durchmachen. Aber um mein Befinden und um meine Wünsche scherte sich in diesem Augenblick niemand. Die Polizisten schoben mich unschön weiter in das trostlose Zimmer. Ich wehrte mich weiter, weinte und schluchzte.

Obwohl ich schon lange aus der Kirche ausgetreten war und nie betete, riss ich mich von den Polizisten los und stellte mich in eine Ecke. Der eine schimpfte, der andere sagte nichts. Ich schloss die Augen, faltete meine Hände und ging auf die Knie. Anschließend betete ich leise das Vater unser. Danach atmete ich tief durch, war auf einmal ganz ruhig und setzte mich brav auf das Bett.

In der Zwischenzeit kamen zwei weitere Pfleger dazu. Sie standen neben dem Arzt, während die Polizisten um mich herumstanden und mich perplex anstarrten. Mit einem Mal überkam mich eine vollkommene Leere und es machte mir Angst, von den Männern so angestiert zu werden, als sei ich eine Verrückte. Mit einem lauten Seufzten nahm ich all meine letzte Kraft zusammen und sah alle Mann mit einem traurigen Blick an.

Dann forderte ich sie auf, das Zimmer zu verlassen. Ob ich in dem Augenblick in der Position war, um diese Bitte zu äußern, war mir relativ egal. Ich wollte endlich meine Ruhe haben und über all das nachdenken. Jeder warf dem anderen einen fragenden Blick zu, bis der Arzt nickte und sein Okay gab. Einer der Polizisten nahm mir die Handschellen ab, würdigte mir dabei jedoch keinen einzigen Blick. Danach verließen sie nacheinander das Zimmer.

Als sie alle endlich raus waren, riss ich mir die Maske vom Gesicht, warf ich mich ohne Umwege zwischen die Fesseln auf die harte Pritsche und weinte so heftig und so lange, bis ich fast in Ohnmacht fiel. Doch bevor das passierte, riss ich mich wieder zusammen und starrte eine Weile an die Decke. Sie war ebenfalls weiß mit kleinen Löchern. Sofort kam mir in den Sinn, dass ich gar nicht wissen wollte, wie viele Leute schon hier lagen und diese Löcher zählten.

Ehe ich dazu gehörte, richtete ich mich auf und wurde sofort von einem heftigen Kopfschmerz eingeholt. Meine Augen brannten und waren total geschwollen, meine Glieder waren schwer und schmerzten. Zu meiner Rechten stand ein kleiner Tisch mit einer Scheibe trockenem Brot und einem Glas Wasser, was ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte. Direkt vor mir war eine Kamera angebracht. Außerhalb der Glasscheibe stand ein Monitor und davor saßen die zwei Pfleger und beobachteten mich.

An der Scheibe des Zimmers nahm ich wahrscheinlich von meinem Vorgänger einen Handabdruck wahr. Eine fettige Spur zog sich von oben nach unten an der Scheibe entlang. Dieser Raum strahlte mehr Kälte und Leid aus als alles andere, was ich jemals zuvor sah. Auf einmal bekam ich ein beklommenes Gefühl. In meiner Kehle setzte sich ein fetter Kloß fest und mir war plötzlich so, als würden tausend Emotionen auf mich einprallen.

Hier in diesem Zimmer aus Glas mussten höchstwahrscheinlich schon sehr viele Menschen leiden und diese ganzen Gefühle, ob gute oder schlechte, suchten mich heim und machten mich völlig durcheinander. Überall, in jeder Ecke, nahm ich eine andere Empfindung wahr. Nein, ich will hier weg, schrie ich innerlich. Das hier ist der falsche Ort für mich. Lasst mich raus aus dieser Hölle!

Mir wurde kalt und ich hatte keine Decke. Nur ein dämmriges Licht stand mir zur Verfügung und die Kamera, die mich filmte, blinkte ständig auf mich. Ich kam mir vor wie ein Versuchskaninchen oder eher wie eine Ratte, eingesperrt in einem Käfig, in einer Forschungsanstalt oder einem Untersuchungslabor, als wollte man mit mir irgendwelche verbotenen Experimente durchführen.

Dieser Ort strahlte alles aus, nur nichts Gutes. Ich spürte Kälte und Böses, Trauer und Leid, die Wände waren verschmiert und dreckig, es war einfach alles kahl und roch nicht gut. Ich spürte in mir vollkommene und bedrohliche Angst. Ein Gefühl, das mich vor schrecklichen Ereignissen schützen möchte. Die Pritsche war so hart, dass egal in welche Richtung ich mich drehte, immer irgendetwas schmerzte. So aufgewühlt, wie ich war, konnte ich an Schlaf sowieso nicht denken. Nie im Leben hätte ich daran gedacht, dass ich so einer Situation einmal ausgesetzt werde.

Mir war übel und teilweise fühlte ich mich so, als würde mir jemand das Herz bei lebendigem Leibe herausreißen. Diese Lage tötete meine Seele. Die Sorgen um meinen Sohn wurden immer größer. Statt, dass ich bei ihm war, wurde ich weggesperrt und für verrückt erklärt. Ich war machtlos, man sperrte mich einfach weg und das zu Unrecht. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Nach einer Weile, in der ich auf der Pritsche lag, bemerkte ich eine Bewegung außerhalb der Scheibe, dort tat sich etwas. Langsam drehte ich meinen Kopf in die Richtung der Pfleger und stellte fest, dass jetzt wohl Schichtwechsel war. Die Pfleger packten ihre Sachen zusammen und machten Platz für eine junge Frau, die ich ungefähr auf 28 Jahre schätzte. Ihre Lippen waren aufgespritzt und ihre Brüste waren nicht echt. Sie war sehr stark geschminkt und hatte langes dunkelbraunes Haar.

Die junge Dame nahm vor dem Monitor Platz, ohne auch nur einen Blick hineinzuwerfen. Anschließend legte sie ihre Beine auf dem Schreibtisch und deckte sich mit ihrer Jacke zu. So wie es aussah, wollte sie ein wenig schlafen. Ob ihr Chef das wohl wusste? Mir war es jedenfalls egal. Mittlerweile zeigte die Uhr 03:33 Uhr in der Nacht an. Mein Blick war immer noch auf die junge Dame gerichtet, dabei kam mir in den Sinn, dass sie gar nicht an so einen bösen Ort passte.

Wie auch ich auf meiner unbequemen Pritsche, wand sie sich auf ihrem Schreibtischstuhl immer wieder hin und her. Ich hatte keine Ahnung, wie lange sie das tat, aber irgendwann verdrehte sie genervt die Augen, stand auf und bückte sich nach ihrer Handtasche. Kurz wühlte sie darin herum und holte eine Schachtel Zigaretten heraus.

Ich runzelte die Stirn und stand auf, dabei musste ich Acht geben, denn mir war noch immer schlecht und schwindelig. Ich wollte hier in diesem Raum auf keinen Fall zusammenbrechen, denn ich wusste schließlich nicht, wo ich dann landete. Dieses gruselige Gebäude machte den Eindruck auf mich, als gäbe es hier noch viel schrecklichere Räume als dieser, in dem ich gerade feststeckte.

Mit wackeligen Beinen und voll Ekel gepackt, trat ich ganz nahe an die dreckige Scheibe. „Hallo“, sagte ich erst mit einer ganz sanften Stimme. Mein Hals war trocken und kratzte, also räusperte ich mich und versuchte es noch einmal. „Hallo“, gab ich diesmal ein bisschen lauter von mir, aber die Pflegerin schaute nicht einmal auf, sie war mit ihren Zigaretten viel zu beschäftigt.

Ich musste irgendwie auf mich aufmerksam machen, also klopfte ich nun an die Scheibe, damit sie mich bemerkte. Und meine Tat zeigte Wirkung. Mit einem verwunderten Ausdruck sah sie auf und blickte mich so an, als habe sie gar nicht erwartet, dass jemand in diesem Glaszimmer saß. Ich lächelte kurz und winkte, damit sie merkte, dass ich ein Anliegen hatte.

Die Pflegerin verdreht die Augen, setzte sich einen Mund-Nasen-Schutz auf, kam von ihren Monitoren hervor und öffnete die Tür. Ich hielt ein wenig Abstand, damit sie erkannte, dass von mir aus, keine Gefahr aus bestand. „Was wollen Sie?“, fragte sie mich mit einem schroffen, aber auch einem sehr freundlichen Ton.

„Darf ich bitte mit dir eine rauchen gehen?“, fragte ich einfach so heraus. Ich wusste, dass das vielleicht etwas absurd klang, schließlich war ich in einer Glaskammer, in der ein Fesselbett stand, eingesperrt. Aber was solls. Mehr wie Nein konnte sie schließlich nicht sagen. „Ich mache auch nichts“, fügte ich noch hinzu und versuchte so vertrauenswürdig wie möglich zu klingen.

Die Pflegerin, deren harter Ausdruck sich nun etwas legte, überlegte eine Weile, was mir wie eine halbe Ewigkeit vorkam. „In Ordnung“, erwiderte sie dann und ging beiseite, damit ich aus dem Zimmer treten konnte. „Aber es darf niemand mitbekommen und sage auch zu niemanden etwas, sonst bekomme ich riesigen Ärger.“

Ich war erleichtert über ihre Worte und atmete tief durch. Zum Dank schenkte ich ihr ein Lächeln und nickte. Anschließend folgte ich ihr durch einen dunklen Flur in den Raucherraum. Tief in meinem Inneren hoffte ich auf einen Raum, der liebevoll eingerichtet war. Ich hoffte auf einen Raum, in dem ich mich wenigstens für ein paar Minuten wohlfühlen konnte, aber leider war auch dieses Zimmer genauso kahl, hässlich und herzlos wie die Glaskammer.

Die Pflegerin zog ihre Maske unter das Kinn und gab mir eine Zigarette und ein Feuerzeug, danach öffnete sie das Fenster einen Spalt und wir genossen unsere Zigarette. Sie wirkte entspannt und sehr ruhig auf mich, also ging ich davon aus, dass sie nicht damit rechnete, dass ich etwas anstellen würde. Ich hatte es natürlich auch nicht vor. Mit jedem Wort, das wir miteinander wechselten, war sie mir sympathischer. Sie war wirklich eine sehr nette Frau.

Schließlich wollte sie von mir wissen, wie ich in der Psychiatrie landete. Nach ihrer Frage sah ich sie erst eine Weile an. Wahrscheinlich waren es nur Sekunden, aber für mich fühlte es sich so an, als wären es Stunden, Tage oder gar Monate. Die Welt um mich herum schien zu verschwimmen und ehe ich mich versah, stand ich wieder im Heidelberger Polizeipräsidium.

Jedem, dem ich begegnete, sah mich wütend, mit gerunzelter Stirn und schmalen Augen an. Dieser Mund-Nasen-Schutz machte den Ausdruck der Menschen noch grimmiger. Aber man musste sie nun einmal tragen, aber ich … ich war so mit mir selbst beschäftigt, dass ich vergaß, einen aufzusetzen.

Mit zitternden Händen hielt ich das Tütchen in der Hand und stieg ganz langsam die Stufen in das große Gebäude hinauf. Es regnete, es war kühl und der Wind war frisch. Wie in Trance öffnete ich die Tür und trat ein. Zuerst blieb ich stehen und sah mich um. Die Luft war im Gegensatz zu draußen stickig und es roch nicht gut. Es klingelten Telefone, ich hörte Drucker und Faxgeräte piepen. Viele Personen, in Polizeiuniformen gekleidet, sprachen miteinander. Manche angeregt und laut, manche ganz normal.

Im ersten Moment hatte ich das Gefühl, dass mich niemand wahrnahm, als sei ich Luft. Mein Herz raste und ich hatte Angst, trotzdem wusste ich, dass ich das Richtige tat. Also sprach ich einfach den nächsten Polizisten an, der meinen Weg kreuzte. Ich drückte ihm ohne Umwege das Gras in die Hand und bat um Hilfe. Einzelne Tränen liefen über meine Wangen und meine Augen versuchten jeden Winkel in der Wache im Blick zu behalten. Wie ein Roboter erzählte ich dem Polizisten was passiert war, es sprudelte alles nur aus mir heraus.

Plötzlich hielt er mich aber davon ab. Mit etwas Wut und Unverständnis in der Stimme, machte er mir klar, dass ich einen Mund-Nasen-Schutz tragen musste. Seine Stimme klang rau und tief hinter der Maske. Als ich auf seine Aussage nicht einging, verdrehte er die Augen, griff in seine linke Hosentasche und holte eine Maske hervor. Keinen Wimpernschlag später reichte er mir diese und ich zog sie auf.

Es war im November 2020, wir waren mitten im 2. Lockdown, es war 21:21 Uhr, also mitten in der Ausgangssperre. So lange war ich schon hier. Anschließend bat mich der Polizist, mit ihm zu kommen und brachte mich in einen Verhörraum. Dort erzählte ich, dass ich das Cannabis abgeben wollte, um mich selbst zu schützen, bevor mich jeder in den Wahnsinn trieb. Anschließend bat ich darum, dass sie mein Handy checken sollten, weil sich alles so verlogen und unecht anfühlte. Ich wusste nicht, ob ich irgendeine Spionage-App oder Sonstiges auf meinem Handy hatte, aber ich wusste, dass irgendjemand immer wusste, wo ich war. Das machte mir Angst und ich hoffte so sehr, dass es sich bei dem Ganzen nicht um meinen narzisstischen Ex-Freund handelte.

Ich hatte furchtbare Angst und wollte doch nur Schutz und Unterstützung. Aber ab diesem Zeitpunkt war ich für die Polizei kein Opfer, sondern eine verrückte Drogenabhängige. Ich musste die Schuhe ausziehen und von einem sehr alten Arzt musste ich mir Blut abnehmen lassen. Ich fühlte mich falsch verstanden und wusste nicht, was mit mir geschah. Jetzt bereute ich ein wenig, dass ich hierhergekommen war. Der Arzt hielt mir ein Dokument hin und sagte doch tatsächlich zu mir, dass ich mit „Heute ist Freitag“ unterschreiben sollte. Innerlich schüttelte ich den Kopf und fragte mich, ob er das wirklich ernst meinte. Wer ist hier jetzt der oder die Verrückte?

Das durfte alles nicht passierten, ich durfte nicht aufgeben. Also redete ich weiter auf die Polizisten ein, ich wollte mich erklären und ihnen sagen, dass ich möglicherweise in Gefahr war. Aber für sie stand wahrscheinlich schon längst fest, dass ich unter Wahnvorstellungen litt und ein geeigneter Kandidat für die Klapse war. Sie halfen mir nicht, sie steckten mich einfach in eine Schublade – ganz nach dem Schema „runterspülen“ und fertig.

„Und ehe ich mich versah, war ich gefangen in dieser Glaskammer.“ Ich zuckte zusammen und sah die Pflegerin mit großen Augen an. Mir war gar nicht bewusst, dass ich ihr meine Geschichte erzählte. Mein Blick verschwamm und ich stand kurz davor zu weinen. „Ich verstehe nicht, warum man mich so wegsperrt und wie eine Schwerverbrecherin behandelt.“

„Das wird schon wieder“, beruhigte mich die Pflegerin und drückte ihre Zigarette im dafür vorgesehenen Aschenbecher aus. „Du kannst morgen früh sicher mit einem Taxischein der Krankenkasse wieder nach Hause fahren. Das ist bei den meisten so.“

Ich machte es ihr nach und drückte die Zigarette aus. Ihre Worte machten mir etwas Hoffnung und gaben mir Mut. Vielleicht konnte ich morgen schon wieder zu Hause sein und meinen Sohn im Arm halten. Also brachte sie mich wieder zurück in das Zimmer aus Glas und ich musste es irgendwie schaffen, diese Nacht und diesen Albtraum zu überstehen.

***

Leider schaffte ich es nicht zu schlafen. Nicht einmal für eine Sekunde konnte ich meine Augen schließen. Ich war viel zu aufgewühlt und mich beschäftigten viel zu viele Dinge. Ich war emotional so zerstört und so enttäuscht, dass ich den Glauben an die Menschheit verlor. Warum ging man so mit mir um? Warum nur? Ich hatte große Angst um meine Söhne und hoffte so sehr, dass sich jemand um meinen Jüngsten kümmerte.

Das Bett war sehr unbequem und mir war unheimlich kalt. Ich hatte das Gefühl, auf irgendwelchen Schrauben zu liegen, und obwohl ich nicht gefesselt war, störten mich die Fesseln trotzdem. Dieses Zimmer war einfach kein schöner Ort und ich wusste jetzt schon, dass mein Körper am nächsten Tag grün und blau sein wird. Es war kaum auszuhalten, es war Seelenmord. Dennoch beschloss ich die Augen zu schließen, in der Hoffnung, wenigstens ein bisschen zu schlafen. Aber all meine Bemühungen waren umsonst. Aber der Morgen kam dann doch schneller als gedacht. Er kündigte sich nicht durch einen Wecker an, auch kam nicht die Pflegerin zu mir, sondern die Helligkeit, die durch die Scheiben auf mich traf, sagte mir, dass es Zeit zum Aufstehen wird.

Langsam öffnete ich die Augen und musste erst ein paar Mal schnell hintereinander blinzeln, damit ich mich an das Licht gewöhnte. Andere mögen vielleicht schimpfen, wenn die Sonne sie weckte, bei mir war das in diesem Augenblick jedoch ganz anders. Die Strahlen schenkten mir Wärme und Zuversicht und ich hoffte so sehr, dass ich heute wieder nach Hause durfte.

Außerhalb des Zimmers hörte ich, dass sich jemand unterhielt. Also richtete ich mich auf, um zu sehen, worum es ging. Mein erster Blick ging zu dem Raum mit dem Monitor und der Pflegerin. Dort beobachtete ich, dass wohl wieder ein Schichtwechsel anstand. Die Pflegerin wurde von einer anderen Dame abgelöst. Sie suchte schnell ihre Sachen zusammen und war schon auf dem Sprung. Doch, bevor sie ging, schaute sie noch einmal bei mir vorbei und verabschiedete sich von mir.

Kaum hatte sie die Tür wieder geschlossen, brachte mir die neue Pflegerin eine frische Scheibe Brot und einen Joghurt vorbei. Sie gab sich gar nicht viel mit mir ab. Ich konnte von Glück sprechen, dass sie mir ein einigermaßen freundliches „Guten Morgen“ zuwarf, als sie in das Zimmer kam. Aber im Großen und Ganzen konnte mir das ja egal sein, denn heute konnte ich schließlich wieder nach Hause. Ich hoffte es zumindest.

Als die Pflegerin ohne ein weiteres Wort den Raum wieder verließ und sich hinter dem Monitor setzte, sah ich mich um. Im Hellen hatte dieser Glaskasten eine ganz andere Wirkung. Damit möchte ich nicht sagen, dass ich mich langsam darin wohlfühlte, sondern nur, dass er eben anders wirkte. Durch ein kleines hochstehendes Fenster beobachtete ich draußen die Vögel in den Bäumen. Sie sangen und flogen fröhlich umher, sie waren frei und sorglos. Ganz im Gegenteil zu mir.

Angewidert starrte ich auf das trockene Brot, keine Sekunde später knurrte mein Magen. Auf der einen Seite sagte er „Iss es, ich habe schon lange nichts mehr bekommen“ und auf der anderen sagt er „Schmeiß das Zeug weg und sieh zu, dass du bald etwas Richtiges zwischen die Zähne bekommst“. Kurz schloss ich die Augen und atmete tief durch. Anschließend nahm ich das Brot, zerkleinerte es und legt die Brösel für die Vögel auf die Fensterbank. Sie hatten damit sicher mehr Spaß als ich.

Damit ich die Fensterbank erreichen konnte, musste ich mich auf Zehenspitzen stellen und mich etwas strecken. Jetzt sah ich nicht nur den Baum mit den Vögeln, sondern durch Gitterstäbe auch das Außengelände der Psychiatrie. Draußen herrschten dieselbe Kälte und Herzlosigkeit wie im Inneren, das Gelände war einfach nur hässlich und düster. Gegenüber waren weitere braune Komplexe, deren Fenster auch mit Gitter versehen waren.

Hier war einfach ein ganz schrecklicher Ort. Ab und an hörte ich aus den anderen Zimmern Menschen um ihr Leben schreien. Teilweise hörte es sich so an, als würden sie abgeschlachtet werden. So wollte ich auf keinen Fall enden, ich musste zusehen, dass ich hier so schnell wie möglich herauskam. In meinen Gedanken fragte ich die Pflegerin schon nach dem Taxischein.

Ich zuckte zusammen und dreht mich schnell herum, als jemand das Zimmer betrat. Ich stellte sofort fest, dass es sich um einen Arzt handelte. „Guten Morgen“, begrüßte er mich mit einer hellen Stimme und einer Maske vor dem Mund. „Ich bin Dr. Blickwinkel.“ Er hatte ein Klemmbrett mit vielen Blättern darauf in der Hand und schaute sich diese an.

„Guten Morgen“, erwiderte ich. Im Stillen dachte ich, dass es immer auf den richtigen Blickwinkel ankam, wie man eben eine bestimmte Situation begutachtete. Mit einem Lächeln kam ich dem Arzt einen Schritt näher. „Eine Pflegerin sagte mir gestern, dass ich mit einem Taxischein der Krankenkasse wieder nach Hause fahren könnte“, erzählte ich. „Wo bekomme ich so einen her?“

Der Arzt nickte und war meiner Meinung nach ziemlich tief in den Unterlagen vertieft. Auf meine Frage ging er gar nicht ein und ich kam mir vor wie im falschen Film. Er ignorierte mein Anliegen vollkommen und tat so, als hätte ich gar nichts gesagt. Nach gefühlten Stunden hob er plötzlich den Kopf, grinste breit und sah mich an, als wäre ich nicht ganz dicht. „Setzen Sie bitte den Mund-Nasen-Schutz auf und kommen Sie bitte mit.“ Kaum waren seine Worte zu Ende, erschien auch schon ein Pfleger, der sich hinter mich stellte und mich stumm aufforderte dem Arzt zu folgen.

Am liebsten wollte ich jetzt anfangen zu schreien und um mich schlagen. Die offene Tür bot mir auch eine geeignete Chance für eine Flucht, aber ich wollte nicht weiter auffallen aus Angst, dass ich noch länger hierbleiben musste. Also folgte ich brav den Aufforderungen und lief hinter dem Arzt her. Verzweifelt fragte ich immer wieder nach dem Taxischein, aber niemand ging darauf ein.

Wir bogen in einen kahlen Raum ab. Dort gab mir der Arzt einen kleinen Becher und bat mich um eine Urinprobe. An meiner Seite war immer der Pfleger, der mich nicht aus den Augen ließ. Danach sollte ich im Flur auf einem harten Stuhl Platz nehmen und warten, man würde mir bald sagen, wie es weiterging.

Überall waren so viele Menschen. Eine Indianerfrau mit überaus gelben Fingern, die zeigten, dass sie sehr viel rauchte. Ein Mann, der ganz trockene Hände hatte und diese die ganze Zeit aneinander rieb. Ein weiterer Mann, der ständig im Kreis lief und immer wieder sagte, dass er unter Gedächtnisverlust litt. Ich gehörte hier nicht her.

Nervös tippte ich immer wieder mit den Fußzehen auf dem Boden. Die Zeit zog sich wie Kaugummi und ich wollte unbedingt wieder nach Hause. Um ehrlich zu sein, wusste ich gar nicht, warum ich hier noch festgehalten wurde. Jedes Mal, wenn ein Arzt oder eine Pflegerin und ein Pfleger an mir vorbeiliefen, war ich schon halb auf dem Sprung, weil ich dachte, dass sie zu mir wollten, aber dem war nicht so.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich mir diese armen Menschen ansehen musste, kamen endlich zwei Pflegerinnen und forderten mich auf, ihnen zu folgen. Im ersten Augenblick starrte ich sie nur fragend an. Die Frage nach dem Taxischein lag schon wieder auf meiner Zunge, aber ich hielt mich zurück. Eigentlich hatte ich so viele Fragen, aber ihr hartes Auftreten machte mich ganz verlegen und zurückhaltend.

Also tat ich es wie immer. Ich fügte mich und machte das, worum man mich bat. Na ja, von bitten konnte hier nicht die Rede sein. Aber was sollte ich tun? Wenn ich mich wehrte, würde ich hier wahrscheinlich nicht mehr so schnell herauskommen.

Die Pflegerinnen führten mich vor das Gebäude, wo schon ein weißer Van auf uns wartete. Das Wetter hatte sich nicht geändert. Genauso wie gestern war es trüb, nass und kalt. Zwar regnete es nicht, aber die dicken Wolken verrieten, dass es nicht mehr lange dauerte, bis der Himmel seine Schleusen wieder öffnete. Die Kleinere von den beiden schob die Schiebetür auf und deutete nur mit einem einzigen Augenaufschlagen an, dass ich einsteigen sollte. Die andere setzte sich gleich hinter das Steuer.

Sobald ich im Wagen saß und sie die Tür zugeschlagen hatte, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Ein ganz komisches Gefühl kam in mir auf. Ich hatte keine Ahnung, wo mich die beiden Pflegerinnen hinfuhren. Der Wagen wurde gestartet und wir fuhren los. Je weiter wir uns von dem gruseligen Gebäude entfernten, desto erleichterter war ich, obwohl ich nicht wusste, was als Nächstes auf mich zukam.

Waren sie vielleicht mein Taxischein nach Hause? Kurz klaffte Hoffnung in mir auf. Als wir jedoch nach gerade Mal fünf Minuten Fahrt an einem anderen Gebäude hielten, schwand diese schnell wieder. Was wollten wir hier? Was sollte das alles? Die kleine Pflegerin machte mir wieder die Tür auf und deutete diesmal mit einem Handzeichen an, dass ich aussteigen sollte.

Die andere lief voran und ich folgte ihr. Dieses Gebäude war von dem Vorherigen kaum zu unterscheiden. Es war einfach nur ein einziger Horror für mich. Kaum passierten wir die Tür, kam uns auch schon ein dicker glatzköpfiger Arzt mit breiter Brille entgegen, zu meinem Erstaunen, diesmal ohne Mund-Nasen-Schutz. Als ich aber sein ekelhaftes Grinsen wahrnahm, wünschte ich mir, er würde eine tragen.

Ohne ein Zögern näherte er sich mir und hielt mir sogleich ein Blatt Papier auf einem Klemmbrett und einen Kugelschreiber vor die Nase. „Guten Morgen Pi“, begrüßte er mich. „Unterschreiben Sie das bitte.“ Er lächelte und nickte.

Zuerst blickte ich auf das Papier, danach zu den Pflegerinnen und dann zu dem Arzt. War das nun endlich der Taxischein? Mussten wir etwa hierherfahren, weil nur dieser Arzt den Schein ausstellen kann. Ohne weiter zu überlegen, griff ich danach und setzte meine Unterschrift unter dem Text. Ich machte mir nicht die Mühe, das Dokument durchzulesen. Warum auch? Denn ich roch die Freiheit schon. Bald war ich wieder zu Hause.

Der Arzt nahm mir das Zeug wieder ab, schaute darauf und nickte. „Sehr schön, vielen Dank, Pi“, sagte er mit einem ganz komischen und siegreichen Ton, der mir etwas Angst machte. „Wir haben Ihre Eltern schon benachrichtigt. Sie werden Ihnen Kleidung und Waschzeug vorbeibringen. Sie bleiben erst einmal hier.“