Unzeitgemäße Gedanken - Sándor Márai - E-Book

Unzeitgemäße Gedanken E-Book

Sándor Márai

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Beschreibung

Für Sándor Márai ist 1945 ein Schicksalsjahr, es ist der Untergang der alten Welt, das Ende des bürgerlichen Zeitalters, dem er mit Leib und Seele angehörte. Genau beobachtet er, was um ihn herum geschieht, liest Zeitung und lauscht den Informationen der BBC, die auch in Ungarn zu empfangen ist. Als scharfer Kommentator und zorniger Prophet beschreibt er die Zustände in seinem Land und nimmt die Zukunft Europas in den Blick. Klug, hellsichtig, anrührend, zutiefst human und persönlich sind die unzeitgemäßen Gedanken des bürgerlichen Demokraten Márai, der neben seinen Notizen zu William Shakespeare und Charles Baudelaire, Georg Büchner und Sigmund Freud seine Ansichten zu Neubeginn und Emigration verfasst. Das leidenschaftliche, ebenso persönliche wie zeithistorische Dokument eines großen Schriftstellers und Denkers.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Übersetzung aus dem Ungarischen von Clemens Prinz

Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Ernő Zeltner

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2009

ISBN 978-3-492-96138-7

© Heirs of Sándor Márai Csaba Gaal, Toronto Die ungarische Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel »A teljes napló 1945« im Helikon Verlag, Budapest Deutschsprachige Ausgabe: © 2009 Piper Verlag GmbH, München Umschlaggestaltung: Petra Dorkenwald / Dorkenwald-Design, München Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Immer nur daran denken, wovon Goethe völlig durchdrungen war: Das Leben ist – in jeder Beziehung – Handlung, also nicht die Abfolge starrer Formen, sondern eine Gesamtheit sich harmonisch wiederholender Handlungen. »Geprägte Form, lebendig sich entwickelt.«

Was fehlt in diesem besonderen neuen Jahr? Sehr viel: zum Beispiel, zu meiner Überraschung, Goethes Urworte. Orphisch.

Ich lese Spengler, nach fünfzehn Jahren zum zweiten Mal. Er ist zeitgemäß.

Der Rabbiner, der sich nebenan versteckt hält, kommt in der Abenddämmerung des zweiten Tages der russischen Besatzung zu mir herüber und vertraut mir mit bleichem Gesicht an: Gerade vorher sei ein russischer Soldat bei ihm gewesen, er habe nach Deutschen gesucht. Der Rabbiner versteckte sich, wie gewöhnlich, in einer Kammer, der Russe wurde der Frau gegenüber zudringlich, tat ihr aber nichts an; dann durchstöberte er das Haus, fand den Rabbiner in der Kammer und wollte wissen, wer er sei. Der zitternde Mann beantwortete die Fragen auf Deutsch und hielt ihm immer wieder seinen Ausweis hin, auf dessen Foto er einen Bart trägt – jetzt ist er rasiert. Der Soldat sagte, so der Rabbiner, immerfort: »Ura, Ura!« Da nahm er seine Uhr vom Handgelenk, und der Soldat sagte: »Kapitano!« und lief mit der Beute davon. Er kam auch nicht mehr zurück.

Ich nehme dem Rabbiner das Versprechen ab, dass er sich fortan, sollte jemand läuten, nicht mehr versteckt und dass er den Russen vor allem nicht auf Deutsch antwortet, weil ihm dann passieren könnte, dass man ihn schon erschießt, während er sich ihnen noch vorstellt. »Ich bitte Sie, was für eine Enttäuschung ist das für uns!«, klagt er. Ich beruhige ihn. Diese Enttäuschung ist unbegründet; es sei denn, die Juden hätten von den Russen eine Art begeisterten Philosemitismus erwartet. Die Russen sind nämlich überhaupt keine Philosemiten; sie kennen nur einfach keine Rassenfrage. Für sie ist es einerlei, ob jemand Ukrainer ist oder Tscheremisse oder Jude. Und sie sehen in den Juden jetzt zweifellos auch Verbündete.

Solche Uhrengeschichten ereigneten sich im Dorf häufiger; die Offiziere bestrafen die Uhrensammler streng, wenn sie davon erfahren. Die Soldaten wollen Uhren, Füllfederhalter, Alkohol und Frauen; andere Dinge interessieren sie nicht. Von ernsterer Gewaltanwendung hab ich nichts erfahren. Aus verlässlicher Quelle hörte ich die Geschichte vom Besuch eines Frontsoldaten, die dem Erlebnis des Rabbiners ganz ähnlich war. Und dem hiesigen Schuster, der ein auffallend dicker Mann ist, nahmen sie den Ledermantel ab, gaben ihm dafür aber einen gebrauchten anderen Mantel und zweihundert Pengő. Und ein Landser wollte dem dicken Mann seinen Ehering vom Finger ziehen: »Burschui, Burschui«, wiederholte er; doch als sich sein Vorgesetzter näherte, lief er davon. Auf der Landstraße nehmen sie den Leuten auch Fahrräder ab, die sie dann eine Weile benutzen und nachher jemand anderem geben. Geld interessiert sie nicht; sie haben aber viel davon. Um die Gunst des hiesigen Dorfhürchens zu gewinnen – erst jetzt habe ich erfahren, dass es hier auch so etwas gibt! –, bezahlten sie fünftausend Pengő.

Ihr Verlangen nach Frauen ist natürlich; junge Männer, die seit Jahren unterwegs sind, ohne Frau. Viel hängt natürlich auch vom Verhalten der Frauen ab und davon, ob sie ihnen Wein anbieten.

Ihre Leidenschaft für Uhren ist da interessanter. Was wohl dahintersteckt? Gibt es in Russland nicht genügend Uhrenfabriken? Vielleicht auch etwas anderes: Ist in den in einer rationalisierten Maschinenzivilisation aufgewachsenen russischen Massen plötzlich das Zeitgefühl erwacht? Sicher ist, dass es einen russischen Bauern vor hundert oder auch vor fünfzig Jahren gar nicht so sehr interessierte, ob er eine Taschenuhr hat oder nicht.

Der Mensch des Ostens ist der Zeit gegenüber ziemlich gleichgültig, ist Optimist, wie Schubart sagt, lebt mit Weitsicht und Gleichmut, die Sekunde interessiert ihn nicht, im Zusammenhang mit dem Leben empfindet er keine Panik, ist nicht in Eile und zerteilt die Zeit nicht in kleinste Einheiten. Jetzt lese ich Spenglers Erklärung der Zeit; der Mensch in der griechischen und lateinischen Antike war den Zeiteinheiten gegenüber ziemlich neutral; die mechanische Uhr ist eine deutsche Erfindung des zwölften Jahrhunderts, und ihre Perfektionierung hängt mit den Rekordsehnsüchten und der Angst des Menschen jener westlichen Kultur zusammen, die vom Gefühl des Bedrohtseins durchdrungen und zur Maschinenzivilisation erstarrt ist. Es ist möglich, dass die Russen sich jetzt so auffällig für die Uhren interessieren, weil sie im letzten Vierteljahrhundert das erste Mal in diese Maschinenzivilisation hineingeschnuppert haben, und deshalb ist für sie die Zeit jetzt wichtig und auch jener Mechanismus, der die Zeit misst? Eine rechte Antwort darauf weiß ich nicht.

Die Deutschen haben das nicht unangemessene Angebot der Russen abgelehnt, und der Beschuss Budapests erfolgt jetzt schon Tag und Nacht; damit die russischen Truppen erst zwei Monate später Pressburg oder Wien erreichen, hat die deutsche Heeresführung Budapest geopfert; und alles wird zerstört, was Generationen von Ungarn aufgebaut haben, alles, was Teil meines Lebens war; meine Familie sitzt in den Kellern, die Stadt wird bald in Schutt liegen. Deshalb gibt es für die Deutschen kein Pardon und keine Gnade mehr. Die Ungarn dürfen dieses Volk verteufeln, solange es Ungarn gibt.

Wir leben in einer Art gesetzlosem Zustand: Die Russen haben uns besetzt, doch vorerst kümmern sie sich nicht um diesen Uferabschnitt; manchmal kommt eine Patrouille vorbei, die Waffen einsammelt, die Uniformierten zusammentreibt, dann ist wieder tagelang kein Russe zu sehen; mit der provisorischen Regierung in Debrecen konnte dieser Landstrich noch nicht in Kontakt kommen; es gibt keine Behörde, keine Gendarmerie, kein Amt, nichts. Der improvisierte Gemeinderat bemüht sich, für die Bevölkerung irgendwie Brot backen zu lassen; sonst tiefe Stille; die Menschen lungern herum, streunen durch die Gassen, in der Kirche sind viele, zu essen gibt es nichts, und für Geld bekommt man auch nichts. Es ist bereits ungarisches Notgeld aufgetaucht, das von der Roten Armee in Umlauf gebracht wurde; Kossuth-Bankós, sagen die Leute schmunzelnd. Das Leben von no man’s land-Menschen ist das hier; ein Schwebezustand zwischen Himmel und Erde; und wir hören das Dröhnen, das buchstäblich ein Dröhnen der »Mühlen in der Hölle« ist; und diese höllische Mühle zermalmt jetzt Budapest.

Seit Tagen schlafe ich nicht mehr.

Am ersten Tag des neuen Jahres ein Spaziergang am Flussufer. Dreißig Kilometer weiter zerbröseln Pest und Buda im Artilleriefeuer; hier herrscht vollkommene Stille, und die Januarsonne scheint; die Jugend von Pócsmegyer läuft unbeschwert Schlittschuh auf dem zugefrorenen Randstreifen der Donau. Das Ereignis des Tages ist das plötzliche Erscheinen eines Frachtkahns, der mit den großen Eisschollen gemächlich die Donau heruntertreibt; er hat sich wohl irgendwo bei Esztergom losgerissen, und der Fluss bringt ihn langsam bis zu uns. Der große schwarze Schiffskörper zwischen den graugrünen Eisschollen ist ein gespenstischer Anblick; alles hat sich befreit und selbstständig gemacht; unternehmungslustige Jungen durchstöbern den Kahn, sie finden Kisten und die Leiche eines ungarischen Soldaten; die Dorfleute hoffen, dass sich vielleicht auch Getreide tief im Bauch des Kahns befindet. Robinson hat so gelebt.

Und dennoch spüre ich an diesem Tag zum ersten Mal, dass wir uns vielleicht – zu einem ungeheuren Preis zwar – langsam aus diesem Höllentunnel hinausbegeben; als würde es irgendwo in weiter Ferne dämmern. Die Regierung in Debrecen, die Deutschland den Krieg erklärt hat, wurde von allen ausländischen Mächten anerkannt; die Siebenbürgen-Frage wird aber bis zu den Friedensverhandlungen nicht angesprochen; es könnte sein, dass auf den Ruinen von Budapest und unseres ganzen früheren Lebens irgendeine Art Staat von diesem Ungarn übrig bleibt. Aus diesem Staat eine Nation zu schaffen, das wäre die Aufgabe. Eine Nation, die nicht das Lehen und Jagdgebiet einer Kommanditgesellschaft ist, sondern das Zuhause von Menschen, die mit Qualitätsanspruch arbeiten und über ein moralisches Selbstbewusstsein verfügen. Doch wer soll das hier schaffen?

Ich vertraue X und hoffe auf Y, doch vertraue ich nicht mehr auf das Material der ungarischen Gesellschaft. Dieses Material ist schlaff. Wer es auch immer bearbeitet, es bleibt weich, schleißt, zerbröckelt.

Und alles wird immer von außen erwartet; gestern von den Deutschen, heute von den Russen, morgen von den Amerikanern. Eine Nation kann nicht mithilfe von außen geschaffen werden; sondern nur aus sich selbst heraus.

Seit zehn Tagen gibt es kein Licht. Ach ja, es gibt auch keine Kerzen und kein Petroleum. Die Kerzen, die uns noch geblieben sind, zünden wir nur für die halbe Stunde an, in der wir zu Abend essen; nachmittags um fünf dämmert es bereits, danach sitzen wir im Dunkeln, oder ich betrachte sinnend die Glut im Ofen.

Ich tröste mich damit, dass die Menschen in der hinduistischen, der chinesischen, ägyptischen, assyrischen, griechischen, römischen Kultur, dass die Massen des christlichen Mittelalters in ähnlicher Dunkelheit gelebt haben. Licht am Abend konnten sich vermutlich nur die Privilegierten, die Mächtigen leisten; und was für Licht das gewesen sein mag, das Buddha, Sokrates, Alexander dem Großen oder Luther leuchtete? Rötliche Fackeln, flackernde Ölfunzeln. Das fiat lux, die Epoche der neuzeitlichen Zivilisation, begann mit der Kerze; danach wurde die Welt rasch immer heller. Doch bis dahin lebte, dachte, wirkte, vergnügte sich der Mensch jahrtausendelang und zuvor jahrhunderttausendelang in Dunkelheit und dämmerndem Halbdunkel. Die Menschheit beschenkte sich in diesen Epochen ohne abendliches Licht dennoch mit Kulturen von hohem Wert.

Gewiss kann man in der Dunkelheit nicht schreiben und auch kein Gesellschaftsleben pflegen; aber nachdenken kann man und auch reden. Weil ich nichts anderes tun kann, übe ich mich darin.

Was Spengler »Winter« nennt, also die Endzeit der zur Weltstadt-Zivilisation abgekühlten Kultur, wird, wie er prophezeit, für die Menschen in der europäisch-amerikanischen Zivilisation zwischen 2000 und 2200 eintreten: imperialistische Kriege, die Verschmelzung der Nationen zu einer formlosen, einheitlichen Masse, die Wiederholung von Zuständen wie in der Urzeit der Menschheit und so weiter.

Ich glaube, dieser große Pessimist ist, was seine Prophezeiung von der Ankunft des Winters betrifft, optimistisch: Schon dieses Jahrhundert hat uns den Beginn des Winters gebracht.

Und der Prozess läuft schnell und unaufhaltsam ab.

Aus der Verpflichtung zur »Klärung der Begriffe« wurde auch ein Gemeinplatz. Das soll uns aber nicht die Lust daran nehmen, die Begriffe, die den Sinn des Schicksals bezeichnen, beharrlich zu wiederholen und zu klären.

In Ungarn haben die Führungsschichten in den letzten fünfundzwanzig Jahren eine »christliche, nationale« Politik betrieben. Große Massen schürten dieses Feuer, das die bisherige ungarische Welt schließlich zu Asche verbrannte. Diese »christliche, nationale« Politik verdeckte mit einer Art OTI-Paravent den Umfang der wahren sozialen Probleme, und sie diente in Wirklichkeit nur dazu, dass eine zutiefst ungebildete, habgierige und skrupellose Führungsschicht von der Gesellschaft für sich und ihre Mischpoche ohne Wissen, Talent oder Moral Privilegien fordern konnte. Im Zeichen des »christlichen, nationalen« Gedankens wollten sie sich ohne fachliches Wissen und ohne Gewissen bereichern, gesellschaftlich aufsteigen und herrschen. Das ist ihnen zum Großteil auch gelungen. Sie betrieben Simonie mit der großen Idee des Christentums, sie verkauften ihr Christentum wie geistliche Ämter und Devotionalien. Die große Idee der Nation wurde von ihnen verdreht und geschwungen wie eine Keule; alle, die es wagten, über die Zukunft der Nation anders zu denken als sie, die ihrer Klasse und Abstammung nach glaubwürdige Christen und Nationale waren, bekamen eins ins Genick. Apotheker, Schriftsteller, Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure konnten in ihren Augen nur jene sein, die auf »christlich-nationaler« Grundlage Apotheker, Schriftsteller oder Ärzte waren.

Das bedeutete es, politisch »rechts« zu sein: Ein künstlicher und gewalttätiger Vorwand, unter dem man, ohne dafür geeignet zu sein, zu besonderem Ansehen und darüber hinaus auch zu Geld kam. Und weil das Material, aus dem man das Land aufbauen muss, nach dem Zusammenbruch dasselbe bleibt, stellt sich die Frage, ob nun die Zugehörigkeit zur politischen Linken die Voraussetzung fürs Nach-oben-Kommen sein wird, auch für nicht geeignete Personen? Davor muss man sich hüten, wenn dies möglich ist.

Ich bin so einsam, dass ich in der Dunkelheit mit mir selbst Begrifferaten spiele.

Erste Nachrichten aus Szentendre, die die Gerüchte über die russischen Soldaten bestätigen. Die russische Kommandantur bestraft die Täter, wenn sie ihrer habhaft wird. Das gelingt nicht immer.

Zwei junge Mädchen liegen im Krankenhaus, sie sind sechzehn, siebzehn Jahre alt. [Eintrag durchgestrichen.]* [* Im Folgenden werden Sándor Márais eigene Anmerkungen im Manuskript auf diese Art gekennzeichnet.]

In der Abenddämmerung stellt sich D. Sz. ein: Er ist gekommen, um sich zu verabschieden. Er wird zu Fuß nach Hause, ins Komitat Somogy, gehen. Am Morgen bricht er auf, setzt mit der Vácer Fähre über. [Eintrag durchgestrichen.]

Ein Besucher erzählt, dass ihn unterwegs, in der Abenddämmerung, zwei Russen angehalten hätten; sie fragten, wo es hier Burschuis gebe? Er beschwichtigte sie, dass es hier überhaupt keine Burschuis gebe, nur kleine Häuschen und so weiter. Sie ließen ihn laufen und zogen weiter in Richtung der Villen.

Auf solche Besuche zur Dämmerstunde muss man gefasst sein. Die Kommandanturen bestrafen jede Tat und ersetzen, wenn möglich, den Schaden; mein Nachbar bekam für das Fahrrad, das man ihm weggenommen hatte, ein anderes. Die Deutschen haben all das im Großen, wie Spediteure, also mit Sachverstand, gemacht; die Russen machen es, wie’s kommt, individuell, in der Dämmerung; doch es waren Ungarn, die es in den vergangenen Monaten am abscheulich sten und hinterhältigsten gemacht haben: legal.

Auf der Landstraße galoppiert ein junger Kosak auf Patrouille. Er bleibt einen Augenblick stehen, fragt nach der Visegráder Straße und richtet dabei den Gurt seines Gewehrs.

Sein mongolisches Gesicht ist gleichgültig, müde und unermesslich fremd; das Pferd und sein Reiter kommen aus jener Ferne, in der sich die Gestalten der östlichen Mythen tummeln; dieser mongolische Reiter galoppiert schon seit Jahrtausenden so durch die Steppe, die Flüsse entlang; über sein dunkles Gesicht huscht ein eigenartiges Lächeln; er winkt und trabt einsam weiter, verschwindet im Nebel.

Tag und Nacht Trommelfeuer; man beschießt Budapest. Ich kann weder schlafen noch lesen. In diesen Tagen geht alles zugrunde, und danach müsste alles ganz von vorn und anders angefangen werden. Doch gerade das ist unmöglich: weil wir Menschen sind; und was menschlich in uns ist, das verändert sich auch unter der Wirkung des Trommelfeuers nicht. Es werden also die Ruinen bleiben und in den Ruinen derselbe Mensch.

Ich muss mich zur vollkommenen Einsamkeit, zu unparteiischer Gerechtigkeit, zu geduldiger Gleichgültigkeit erziehen, es reicht nicht, nur zu überleben; es hat nur dann Sinn weiterzuleben, wenn ich meine Lebenspraxis an jenen Erfahrungen ausrichte, die ich im letzten Jahr gesammelt habe. Wissen, dass niemand einem hilft. Wissen, dass Gott immer da ist. Wissen, dass ich mit Gott allein bin. Alles beobachten, stumm.

Budapest wird in diesen Tagen vernichtet; wie Stalingrad, Charkow, Nürnberg, Berlin, Coventry oder Calais, Monte Cassino; und all die anderen Städte.

Das ist ein zwangsläufiger Prozess, man kann ihn nicht aufhalten; eine graduelle Frage, wie sehr die Stadt zerstört wird; doch diese Zerstörung ist nicht nur horizontal. Die Großstadt, die mein Zuhause war, in der ich ein Zuhause hatte, in deren Kellern in diesen Tagen meine Mutter, meine Geschwister, alle Menschen, an denen mir etwas liegt, jammernd ihres Schicksals harren, zerfällt auch von innen, sie vergeht auch vertikal, zerfällt in ihrer gesellschaftlichen und seelischen Struktur. Das muss man begreifen, und das ist nicht leicht. Denn anderthalb Millionen Menschen gehen nicht völlig unschuldig zugrunde; dazu muss man das Schicksal herausgefordert haben; und diese anderthalb Millionen Menschen sind genauso unschuldig, wie sie schuldig sind; wir sind alle unschuldig und zugleich schuldig, weil wir dieses Schicksal auf uns genommen haben, als wir es nicht laut genug ablehnten, als wir nicht rechtzeitig protestierten, bestimmt und aus voller Brust, ohne Rücksicht auf Verluste, damit haben wir es noch angestachelt. Das alles beginne ich in diesen Nächten zu verstehen; und über jedes Mitleid hinaus, das mein Herz schneller schlagen lässt, begreife ich auch, dass im Rahmen der absoluten Verantwortung nun mit gleichgültiger Unparteilichkeit beobachtet werden muss, was geschieht.

Und es ist nicht wahr, dass »neu« sein wird, was sich eines Tages zwischen den Ruinen aufrappelt und aufzubauen beginnt; alles wird eine andere Formensprache haben; doch es wird nicht »neu« sein. Es wird dasselbe sein; und aussichtslos.

Und noch einmal »rechts« und »national« und »christlich«.

Auch die Russen erweisen sich als große Patrioten, obwohl sie Bolschewisten sind; auch die Engländer sind Christen, obwohl sie Demokraten sind. Was für ein Monopol war das wohl, das die ungarische »Rechte« unter dem Vorwand dieser großen menschlichen Ideen beanspruchte und für sich ausnutzte?

Mein Nachbar – vor Kurzem noch leidenschaftlicher Nazifreund – hat einen russischen GPU-Offizier zum Abendessen eingeladen. Während des Abendessens fragten die Gastgeber, was die Bolschewisten von den Juden hielten? Der Offizier zuckte mit den Schultern und sagte: »An die Arbeit mit ihnen, wie mit allen anderen.«

Das beklagenswerte ungarische Judentum, von dem der größte Teil schon umgekommen ist, und das jetzt, in der Budapester Gehenna, röchelnd um sein verbliebenes Leben ringt: Während der russischen Besatzung kann es für wenige Wochen seine Wunden zur Schau stellen, die wahrlich grauenhaft sind und jedwede Anteilnahme verdienen. Die Russen sind von diesen Wunden nicht übermäßig berührt. Sie mögen die Juden nicht besonders; aber die Juden werden von ihnen auch nicht verfolgt. Und das ist ein großer Unterschied. Doch das Judentum wird sich, wie mein Rabbiner gesagt hat, nach der ersten »Enttäuschung« mit wenig zufriedengeben müssen: Es wird nicht weiter verfolgt, weder aus rassischen Gründen noch persönlich. Die große Masse der Juden gehört dem Bürgertum und dem Kleinbürgertum an – in ihrem Fühlen ebenso wie in der Lebensweise –, und nachdem die ersten Wochen vergangen sind, oder auch gleich, werden die Juden das Schicksal der Mittelschicht und des Kleinbürgertums teilen, das so sein wird, wie es kommt; es wird jedoch für die Juden nicht anders sein als für die Christen. Viele von ihnen, die Armen, erwarten von den Russen irgendein karitatives Wunder, Wiedergutmachung, materiellen und moralischen Schadenersatz; doch wie ich die Russen zu kennen glaube, kann davon keine Rede sein. Alles, was sie bekommen können, ist die Bestrafung der Judenmörder, genau wie die aller anderen, die für Krieg und Gewalt verantwortlich sind; und sie werden nicht mehr verfolgt, die Juden, wegen ihrer Abstammung; und dann geben sie ihnen nicht nur die Möglichkeit zu arbeiten, sondern verpflichten sie dazu. Die einfältige Vorstellung, dass Millionen von Russen in der Ukraine und anderswo gestorben sind, nur um jetzt Aufsichtsratssitze, Aktienpakete und Mietshäuser am Budapester Szabadságplatz an die ausgeraubten und gequälten ungarischen Juden verteilen zu können – ist ein Wunschtraum.

Die Juden wie die Christen können die Judenfrage nur auf eine Art lösen: mit moralischer Aufrichtigkeit und Leistungswettbewerb.

Spengler hat recht: Der gute Geschichtsschreiber ist wie ein Dichter: Er hat eine Vision von den weltlichen Handlungen. Die Geschichtsschreibung, die nur feststellt und einordnet, zeichnet kein Bild von dem Erlebnis, dessen Inhalt das menschliche Schicksal ist, über die Zeiten hinweg, sie trägt totes Geröll zusammen, beschriftet es und packt es ein.

Der noli-tangere-Standpunkt von Archimedes ist vielleicht unmenschlich. Doch der einzig mögliche Standpunkt, denn auch die Welt ist unmenschlich.

Zwischen herumlungernden kirgisischen und mongolischen Soldaten und beim Trommelfeuer auf Budapest schreibe ich, völlig ausgelaugt und trotzdem mit ganzer Aufmerksamkeit, so gut ich kann die Fortsetzung der Schwester. Es mag sein, dass sich dieses Verhalten für einen »fühlenden und Anteil nehmenden« Menschen nicht geziemt; aber ich kann nichts anderes tun, bin doch ein Mensch.

Als Abendessen bekomme ich einen Teller aufgewärmtes – vom Vortag übrig gebliebenes – Bohnengemüse; und eine dünne Scheibe Brot, die zehn Tage alt ist; und ein Glas kaltes Wasser vom Brunnen; für eine halbe Stunde zünden wir auch »die« Kerze an; und im Zimmer ist es erträglich lau.

Was für ein Erlebnis! Wo ist der Lucullus, Brillat-Savarin, Traiteur Montaigné, der seine Gäste je mit einem solchen Essen traktiert hat! Diese Bohnen sind wahrhaftig eine Götterspeise! Sie schmecken nach Phosphat, haben auch einen mürben Mehlgeschmack, wunderbare Nährkraft, einen Duft, zergehen auf der Zunge – weil man auch ein Lorbeerblatt dazugegeben hat! –, sie rufen Geschmackserinnerungen wach, wie sie nur große Gourmets haben. Und sie sind lau, nicht gerade warm, weil wir am Abend den Küchenherd nicht einheizen können, wir wärmen das Essen vom Vortag auf dem Zimmerofen – aber es ist lau. Und das zehn Tage alte Brot: Jetzt schmeckt es erst so richtig. Man muss es gut kauen, dann gibt es den wahren Geschmack ab, köstlich! Und das kalte Wasser direkt vom Brunnen! Und gleich stopf ich mir die Pfeife … Mein Gott, wollte ich denn jemals etwas anderes vom Leben?

Ich wollte. Und ich werde wollen.

Vor dem Egoismus, der Aufdringlichkeit, den Angriffen der Menschen kann man sich nicht schützen; ihre Undankbarkeit ist genau so maßlos wie ihr gnadenloser, jammernder Egoismus im Moment der Gefahr. Ich kann mich innerlich nur dagegen schützen, indem ich den, der ich bin, im Innern mit keiner Forderung und keinem Angriff verletzen lasse.

Die Nachricht vom Durchbruch auf der Linie Székesfehérvár–Bicske erreichte uns am Heiligen Abend, sie war ein schönes Weihnachtsgeschenk. Doch jetzt, am Dreikönigstag, muss der Weihnachtsbaum abgeräumt werden. Das ist bei allem so, immer; warum wunderst du dich? [Eintrag durchgestrichen.]

Wenn ich überlebe, werde ich noch lange hierbleiben, in diesem kleinen Haus, wenn es mich und dieses kleine Haus noch gibt; und ich bitte die Besitzer, wenn sie denn einmal wiederkommen, mir im Haus ein Zimmer zu geben. Ich will lange hier leben; hole mir vom Brunnen Wasser, aus dem Wald Holz wie bisher; ich lese und schreibe dieses Tagebuch und was mir gerade einfällt; und dann, bei erster Gelegenheit, verlasse ich dieses Land, in dem Ungarn, Deutsche, Juden gleichermaßen die wahre Bildung abgelehnt haben.

Am Nachmittag des Dreikönigstages sehe ich das erste Mal größere Einheiten der russischen Streitkräfte durchs Dorf ziehen. Sie sind in Richtung Esztergom unterwegs: Artillerie, Kavallerie und Train. Das ist der kritische Tag, an dem die Deutschen im Rahmen eines Entsatzversuchs bei Komárom und im Raum Esztergom mit aller Kraft angreifen. Seit zwei Tagen ist der Kanonenbeschuss so stark, dass mir vom Lärm die Ohren geradezu schmerzen. Parallel zu unserem Haus wurden im Maisfeld von den Russen fünf schwere Geschütze aufgestellt, mit Esztergom als Zielgebiet; das kann aus Vorsicht oder zur Vorbereitung geschehen sein, die Lage ist sicherlich gefährlich, und die Russen sehen sich möglicherweise gezwungen, dieses Ufer aufzugeben; dann sind wir in der Schusslinie; und eine neuerliche deutsche Besetzung erwartet uns, mit allen vorstellbaren Folgen; und sicherlich auch neue Kämpfe, wenn die Russen wiederum zum Sturm ansetzen. All das mag wohl gefährlich sein, aber wir sind hilflos; verteidigen können wir uns nicht mehr; ich habe eine Kerze und eine Flasche Wasser in den Keller gebracht. So warten wir auf die Nacht und auf die kommenden Tage.

Dieser russische Truppenverband zog nicht vorbei, als wäre er auf der Flucht; allein die Offiziere und Unteroffiziere sprengten mit ihren Pferden die Straße entlang; die Artillerie und der Train trotteten ebenso ungerührt dahin wie ein paar Wochen früher die ungarische Artillerie und der Train; auch auf Wagen, zerzaust und strubbelig, ein wenig wie die Zigeuner. Die Deutschen flitzten immer mit Motorrädern umher; der russische Zug besteht, wie der ungarische, fast nur aus Pferdewagen. Doch er ist gut organisiert, das sieht auch der Laie. Und die Reiter fühlen sich auf ihren Pferden außergewöhnlich wohl; sie galoppieren, sprengen dahin, nach vorn und wieder zurück, in den Händen eine aus roten Riemchen geflochtene Knute, die Karbatsche; unter ihnen ganz urtümliche, östliche Gestalten und andere, die aussehen, als würden sie aus Puschkins Onegin hervorgaloppieren: im gut geschnittenen Mantel mit rot gefütterter Pelzmütze, Backenbart, schneidige Lenskis und Onegins.

Sie strotzen vor Kraft und sind auf ihre lockere Art doch diszipliniert und beherrscht.

Die lokale »Intelligenzija«, also jener Teil der Intellektuellen, der nicht mit den Deutschen geflüchtet ist, wünscht sich das Bleiben und den Sieg der Russen; die kleinen Leute von der Straße verstecken sich und halten eher den Deutschen die Daumen. Also: die Bourgeoisie erwartet – für sich selbst und für die Nation – etwas von den Bolschewisten, die Proletarier auf dem Dorf sind argwöhnisch. So sieht die derzeitige Lage aus.

Der Krieg ist das größte Übel im Leben des Menschen; und dieser Krieg, der gleichzeitig horizontal und vertikal tobt, ist das Übel überhaupt. Was mussten wir schon erleben, und was werden wir noch erleben müssen! Wenn ich daran denke, dass die Deutschen und ihre ungarischen Schindknechte, die Pfeilkreuzler, zurückkehren könnten – und dies ist leider so unmöglich nicht, wenn auch nur für kurze Zeit und vorübergehend! –, neuerlich würden das Rauben, das Morden, die widerrechtlichen Verordnungen beginnen, die Verdächtigungen, die Verschleppungen: Dann will ich lieber nicht mehr leben. Jetzt sehen wir, dass die Russen während dieser zehn Tage ihrer Besatzung wahrhaftig eine Art der Befreiung brachten – nicht nur für die Juden, sondern für alle.

Die Beispiele Spenglers sind willkürlich und nicht immer überzeugend. Ich glaube, ich verstehe genau, was er über die Symptome der Blüte und des Untergangs der »zeitgleichen« Kulturen sagen will, »zeitgleich« auch dann, wenn ein-, zweitausend europäische oder chinesische Jahre zwischen identischen Symptomen liegen, doch der Kontrapunkt und die doppelte Buchführung, die »Zeitgleichheit« der chinesischen Seide und Giordano Brunos überzeugen mich nicht. Er ist übertrieben plakativ und dünkelhaft fanatisch, wenn er Beweise führt; und er beweist selten, behauptet etwas eher überraschend und in überheblichem Ton.

Das Leben ist entweder gefährlich oder langweilig. Bitte wählen. Wirklich erwachsen ist jener Mensch, der lernt, sich zu langweilen, ohne sich von diesem Zustand erniedrigt zu fühlen.

Die ersten Nachrichten sind besser: Bei Felsőgalla wurde der große deutsche Panzerangriff aufgehalten. Sechs Divisionen haben dort angegriffen, mit angeblich sechshundertsechzig deutschen Panzern. Am Sonntag nach dem Dreikönigstag ist auch der Artilleriebeschuss schwächer, über Budapest gibt es nichts Neues; und was durchsickert, ist unzuverlässig. Angeblich sind drei Viertel von Buda und ein Drittel von Pest in russischer Hand. Straßenkämpfe in den Tunnels der Untergrundbahn; Russen haben unter den Ruinen der Margaretenbrücke auf den Rudolfskai übergesetzt und so weiter. Oben in der Zitadelle und in der Burg stehen und kämpfen nach wie vor die Deutschen.

All das ist ein Fiebertraum. Eines ist gewiss: Es handelt sich um eine tödliche Krankheit, an der man vielleicht nicht sterben muss, doch völlig geheilt von ihr wird man nie sein. Keiner von uns kann vorhersehen, in welchem Zustand er aus diesem Fiebertraum erwacht, wenn er ihn überhaupt überlebt. Mein ganzes bisheriges Leben, meine Arbeit, jeder Bezug zur Lebensweise, zu den Arbeitsumständen ist verloren gegangen; alles, was ich mir in fünfundzwanzig Jahren mit Arbeit verdient habe; aber das ist das wenigste. Auch die bloße Existenz ist eine schwierige Sache. Zwei Anzüge sind mir als mein persönlicher Besitz geblieben, der eine ist zerlumpt, zwei Paar Schuhe, die Sohle des einen Paars ist beinahe durchgelaufen … Meine Habseligkeiten in Budapest sind vielleicht vernichtet, vielleicht auch nicht, doch der Lebensstil, zu dem diese Utensilien gehörten, ist mit Sicherheit zugrunde gegangen. Es gibt keine menschliche Vorstellungskraft, die vorhersagen könnte, wie, warum, für wen ich in diesem zerstörten Land Schriftsteller sein soll. Wird es überhaupt Literatur in dem Sinne wie früher geben? Und alles andere, was zur Kultur gehörte …

Seit zwei Tagen dichtes Schneetreiben. Diese Hurenlandschaft hat sich den Russen schon ganz hingegeben. Das Dorf sieht aus wie ein Dorf an der Wolga.

Und wie verdorben diese ungarische Gesellschaft ist, wie habgierig verdorben, zigeunerhaft, unmoralisch in ihrer Unkultur! Das Eis hat einen Lastkahn, der sich losgerissen hat, bei Tahi angetrieben; eine fröhliche Meute fährt am Nachmittag mit Leiterwagen der Gemeinde los, um den Lastkahn zu plündern; unter ihnen auch der örtliche Pfeilkreuzler und der örtliche Kommunist in friedlichem Einverständnis; die Hoffnung auf Beute bringt sie für einen historischen Augenblick zusammen, wie das auch bei der Plünderung des Weinkellers in unserem Haus der Fall war. Ihrer Erklärung entnehme ich, dass sie von der Gemeinde geschickt sind, damit sie für das Dorf, das mühsam sein Leben fristet, in dieser außergewöhnlichen Lage Lebensmittel besorgen; und das ist wahrlich eine Rechtfertigung für den Raubzug … Doch am Abend weiß ich schon, dass die Gemeinde vom Käsepulver und vom Lebkuchen, den man auf dem Frachtkahn gefunden hat, nichts bekommt; jeder hat auf eigene Rechnung geplündert; sogar die Möbel der Schiffer haben sie mitgenommen, jede Messingschraube des Dieselmotors. Rauben, leben ohne Gesetz und Moral, dazu sind schon heute – blutdurstig, zynisch – Herr und Bauer bereit … Dieser Prozess, der am 19.März des letzten Jahres begonnen hat und jetzt nicht mehr aufgehalten werden kann, ist der Tiefpunkt des moralischen Niedergangs. Wer wird diesem Volk wieder Gesetze schreiben, dem Volk, das unter den Arpaden stark und diszipliniert war und heute an eine Diebesbande von Zigeunern erinnert, die von habgierigen Häuptlingen angeführt wird? Wer soll hier in einem Cambridge, in einem Oxford und, was noch wichtiger ist, in den Grundschulen Recht und Moral, Anstand lehren? Die Kinderseelen mit Ehrfurcht vor anderen und deren Besitz erfüllen? Ich sehe diese Lehrer nicht, und ich erkenne auch keine diesbezüglichen Absichten.

Ich beobachte die Russen, ihre Aufmärsche, ihr Verhalten. Wir wissen so wenig über dieses Volk! Fünfundzwanzig Jahre lang haben die Russen geschwiegen, und wir wurden über sie belogen. Jetzt dämmert mir etwas … es ist mehr ein Gefühl als Wissen.

Wie ist ihr Verhältnis zueinander, zu uns, zur Familie, zum Zuhause, zum Privatbesitz? Ich sehe bereits, dass es anders ist als unsere Beziehung zu diesen Werten; nicht so starr. Sie nehmen zum Beispiel auf der Landstraße jemandem ein Fahrrad weg, fahren eine Zeit lang damit, dann geben sie es weiter … ihr Aufmarschieren ist trotz jeder Zielstrebigkeit lockerer, ungezwungener als das der Deutschen; mit diesen Wägelchen, diesen Karren und Pferden sind sie von der Wolga bis zur Donau getrottet; zwischendurch machen sie manchmal für zwei, drei Wochen irgendwo halt, schlagen eine große Schlacht, dann wochenlang wieder nichts. Sie ziehen weiter, in neue Schlachten, neuen Kriegszielen entgegen; nicht ungeordnet, aber auch nicht in so verkrampfter, maschinengleicher Ordnung wie die Deutschen; trottend, auf Pferdewagen, mit Gulaschkanonen, deren Ofenrohre in den Himmel ragen; die deutschen Gulaschkanonen sind wahre Panzer, Dampfmaschinen … Auf diese Weise schleppen sie alles, was man zum Krieg braucht, wie ein riesiger herumstreunender Wanderzirkus mit sich; und sie schlagen sich hervorragend. Sie nehmen einem die Uhr weg, aber am liebsten zerlegen sie sie dann. Sie sind ungezwungener, wollen nicht um jeden Preis »besitzen« und behalten; sich nur etwas aneignen, so dahinleben und spielen. Sie sind sehr stolz auf die narodni kultura, doch ein wenig so wie der Neger auf den Zylinder. Und nebenbei ist es möglich, dass sie heute samt und sonders gebildeter sind, als sie vor fünfundzwanzig Jahren waren, oder gebildeter als unsere Bauern … Familie, Zuhause, all das existiert für sie oder auch nicht; im schicksalhaften Sinn unserer Wörter sicher nicht; diese Begriffe sind für sie nicht so eindeutig und unabänderlich. Und wahrscheinlich sind auch die Begriffe Leben, Tod und Individuum für sie nicht so krampfhaft wertvoll. All das fühle ich eher, als dass ich es erfahre.

Diese ungarische Gesellschaft hat so grauenvolle Verbrechen begangen, dass an dem Tag, da sie zwischen den Ruinen zur Besinnung kommt und die wirkliche Lage erkennt, ihr verzweifeltes Schuldbewusstsein nur neue Wut gebären kann; sie wird, lautstark oder insgeheim, auf all jene wütend sein, die hiergebliebene Corpora delicti ihrer Verbrechen sind, auf die Juden und alle anderen, die sie an ihre Verbrechen erinnern. Je himmelschreiender ein Verbrechen, desto peinlicher ist es, wenn Indizien der Schandtat zurückbleiben.

Der kompromittierte Teil der Gesellschaft eilt im ersten Trubel der Besatzung zu den Russen, um sich mit ihnen anzufreunden; glaubt, mit dieser verdächtigen Willfährigkeit schon alles wiedergutgemacht und in Ordnung gebracht zu haben. Und die Russen reagieren auf diese Anbiederung mit gleichgültiger, ein wenig spöttischer und verächtlicher Gutmütigkeit.

Den Russen liegt überhaupt nichts an dieser Gesellschaft; sie wollen von uns auch nichts Besonderes; sie überlassen es nach dem Krieg dem Land selbst, sich im Einflussbereich von Moskau eine Lebensweise zu suchen, die der Wesensart des Landes entspricht; mit einer, sagen wir, halb roten, halb demokratischen gesellschaftlichen und politischen Ordnung werden sie sich wahrscheinlich zufriedengeben, etwa so wie in der Tschechoslowakei vor dem Krieg …

Nein, die Abrechung wird hier drinnen stattfinden, viel später; vielleicht nach dem Krieg; und so schlaff, weich und verdorben das ungarische Material auch ist, es wird dennoch eine Abrechnung geben, zurückreichend bis in längst vergangene Jahrhunderte; und diese Abrechung wird Moskau ohne Gefühlsduselei beobachten, auch wenn es unschuldige Opfer gibt – und die wird es geben.

Aber du, verlang nicht nach irgendeiner »Abrechnung«. Du rechne nur mit dir selbst ab, mit diesem besonderen Jemand, der hinter jeder deiner Masken steckt, wahrhaftiger als das Selbstbewusstsein und das Gewissen; der gleichgültig und unparteiisch ist, der das Böse nicht hasst und das Gute nicht verherrlicht, weil er weiß, dass all das nur ein Produkt des menschlichen Wesens ist und zu dir gehört wie deine Ohren oder deine Hände; und mit dem man nicht feilschen kann, der dich nicht verurteilt, dir aber auch niemals die Absolution erteilt.

Die letzten Seiten der Schwester. Trotzdem würde es sich ziemen, auf die Frage zu antworten, was Krankheit ist … Denn »verletzte Weltordnung« und »kranker Gott«, das sind nur Wörter.

Ich weiß keine Antwort. Sicher ist die Krankheit eine Haltung; genauer – der Mangel an Haltung. Der Mensch wird eines Tages feige oder dumm oder versündigt sich, und dann erkrankt er. Doch das kann man nicht analysieren. Es gibt Krankheiten, die heilen, weil man sie behandelt. Und es gibt Krankheiten, die man nicht behandelt und die trotzdem heilen. Und es gibt Krankheiten, die heilen trotz der Behandlung. Und es gibt Krankheiten, von denen wir nie erfahren, warum sie heilten, dank oder trotz der Behandlung. Man würde zwei Exemplare jedes Kranken benötigen – den einen behandeln, den anderen nicht –, um darüber Gewissheit zu bekommen.

Ich glaube, die Krankheit ist zu einem großen Teil Selbstbestrafung; dann Feigheit; und zuallerletzt Ausdruck von Panik, jener Panik, die das Lebewesen im furchtbaren Chaos des Seins von Zeit zu Zeit erfasst.

Vielleicht ist die Krankheit jene Aggression, mit der der Körper auf das Panikgefühl der Seele antwortet. Wenn es denn stimmt, dass der tiefste Grund jeder Aggression die Panik ist …

Spenglers Stil verdrießt mich; er ist amateurhaft, schwatzhaft, schwärmerisch, übertreibt, er will alles beweisen und ist gleichzeitig nicht überzeugend genug. Folgende These stimmt und ist gar nicht so neu, wie er glaubt: Auch früher schon wussten wir, dass große Kulturen, zum Beispiel die babylonische, die phönizische, die Inkakultur, die Azteken, Tolteken, die persische, die ägyptische, die griechischen Kulturen, zur Großstadtzivilisation erstarrt sind und dann untergingen. Interessanter wäre es, dem Geburtsprozess der Kulturen nachzuspüren: Wie entsteht aus dem mürben Humus der Kultur, die an der Zivilisation erkrankte und starb, neues Leben, eine neue Blütezeit, wie wird eine Kultur geboren? Jetzt vielleicht, auf den buchstäblichen Ruinen der westeuropäischen Zivilisation, die russische …

Mit Stundenplan, Arbeit und Lektüre narkotisiere ich mich, so gut ich kann; währenddessen höre ich diesen entsetzlichen Lärm, der das Verderben Budapests bedeutet; doch dann gibt es Stunden, da alle Disziplin nichts hilft, ich kann es nicht mehr ertragen.

Vergebens ist alle Disziplin, Erfahrung, umsonst weiß ich, dass jeder Mensch schuldig ist – all das, was jetzt schon die dritte Woche mit den Menschen in Budapest geschieht, ist unbegreiflich und unerträglich. Hilflos, hoffnungslos lausche ich diesem Lärm aus der Unterwelt, der Zerstörung des Lebens und des Zuhauses von einer Million, von anderthalb Millionen Menschen, von allem und allen, an dem, an denen mir etwas lag – und das alles nur, damit die Russen ein paar Wochen später die österreichische Grenze erreichen. Dafür opfern einige Nazigeneräle das Leben und Zuhause von anderthalb Millionen Ungarn, dafür, nur dafür. Ich verstehe, dass es für die Deutschen keine Vergebung mehr gibt – ich verstehe, dass man ihnen nur mit der Waffe antworten kann, ein für alle Mal. Ein Volk, in dessen Seele man solche Grausamkeit großgezogen hat, verdient keine Nachsicht mehr. Und das Gleiche haben sie mit Stalingrad gemacht, mit Charkow, Kiew, Calais, mit italienischen Städten … haben es gemacht und machen es immer noch, wo und wie sie können, systematisch, kalt, nach Plan! Ganz Europa zerstören sie aus »kriegstechnischer Notwendigkeit«. Dafür gibt es keine Vergebung. Daran sollen die, die nach uns kommen, stets denken, was auch immer geschieht.

Unwirklicher Schneefall, dicht und übermäßig; ich schaufle mich durch den Schnee, der mir bis an die Hüften reicht, in Richtung Gartentor. Diese Andersen’sche Landschaft ist eine Ecke auf einem der blutigsten Kriegsschauplätze; gestern haben die Deutschen Esztergom und Bicske zurückerobert.

Keiner hilft, nur die völlig namenlosen kleinen Leute; heute hat die Wäscherin aus Tahi zehn Kilo Mehl und sechs Liter Lampenöl gebracht; für Geld und auch nicht billig, ja, unwahrscheinlich teuer, trotzdem ist es, als würde sie es umsonst geben, denn für Geld gibt keiner mehr was. Und den ganzen Tag habe ich im Dorf nach einer Lampe gesucht, und schließlich gab mir eine fremde arme Frau »umsonst, leihweise« – eine Lampe, das Glas dazu und einen Glühstrumpf! Nur die ganz armen Menschen sind noch menschlich geblieben; alle anderen sind Hamster und Raubwild.

Sie stehlen wie die Elstern; von Frachtkähnen, aus Wohnungen; warum sollten sie nicht stehlen? In den letzten zehn Monaten haben sie als Beispiel nichts anderes von ihren Herren und Führern gesehen als institutionalisierten Raub, Diebstahl, Gewalt.

Während ich Schnee schaufle und mir den Kopf zerbreche, wo ich Kartoffeln herbekomme, denke ich daran, dass in Paris sicher schon irgendwo ein französischer Dichter lebt, der ernsthaft beunruhigt und schlecht gelaunt ist, weil man in der letzten Nummer der Nouvelle Revue Française eine abfällige Kritik über seinen Gedichtband geschrieben hat …

Gleichgültigkeit und Objektivität; und dann, wenn der Augenblick und die richtige Gelegenheit gekommen sind: völlige Ekstase und Hingabe an die Welt oder ein Werk.

Die Menschheit ist nichts; die Menschen, auch sie zählen nicht viel; selbst große Menschen zählen nicht; immer nur Krieg und Frieden, die Göttliche Komödie, die Pietà oder die Neunte Symphonie oder der Faust.

Am frühen Vormittag stellen sich die Russen gleich zweimal ein; zuerst sind sie zu zweit, mit Waffen und einem Schäferhund; sie suchen angeblich nach deutschen Fallschirmjägern, die man bei Visegrád abgeworfen hat. Ich kann mich mit ihnen nicht verständigen; eine Zeit lang sehen sie sich um, dann gehen sie. Nicht viel später kommen zwei einfache Soldaten; äußerlich sind es zwei ziemlich wilde Gestalten. Ich biete ihnen Platz an, wir unterhalten uns mit Händen und Füßen. Sie bekommen eine Zigarette angeboten, bitten um Wein; als ich ihnen sage, dass ich keinen Wein habe, nicken sie resigniert. Sie kommen von der Budapester Front und ziehen in Richtung Esztergom; der eine, der wilder aussieht – ein Ukrainer –, beginnt plötzlich lebhaft etwas zu erklären; er tut, als wollte er mit seinem Gewehr zielen, und sagt etwas über die »Hermanns«; so nennen sie die Deutschen. Dann deutet er auf den kleinen Jungen, der in einer Ecke der Stube die Schulaufgaben macht, mit seinen Fingern macht er deutlich, dass auch er zwei Kinder hat und schon seit drei Jahren im Krieg ist. »Hitler!«, sagt er, nicht wütend, eher traurig. Sie bekommen ein wenig Tabak, bedanken sich dafür, stecken ihn ein, drücken mir die Hand und gehen müde fort.

Diese gewisse russische »Menschlichkeit« ist vielleicht doch kein literarischer Begriff, sondern Realität. Rauer und wilder aussehende Bolschewisten habe ich auch auf deutschen und ungarischen Propagandaplakaten nicht gesehen; und diese beiden Menschen waren sanft, freundlich und traurig. Sie raubten nicht, waren nicht gewalttätig, saßen nur müde da; ich bot ihnen Brot an, doch sie winkten ab, sie hätten Brot, ich solle es für uns behalten. Natürlich kann so eine Begegnung auch anders verlaufen, besonders wenn die Russen von niederträchtigen Einheimischen angeführt werden und Wein bekommen.

All das, was diese ungarische Gesellschaft in den letzten zehn Monaten gezeigt hat, kann ich nicht einmal mehr mit Zorn betrachten; ich verspüre nur Verachtung und Ekel.

Es ist verdammt schwer, ohne »Requisiten« zu arbeiten; ohne Bücher, ohne literarisches Umfeld; aber es ist nicht unmöglich.

Der »Rassenschutz« dauert natürlich weiter an, bis ins siebte Glied; jetzt ist es der Rabbiner, der die Rasse schützt; zu Z., die ihn besuchte und ihm Lebensmittel brachte, sagte er im Vertrauen: »Sie müssen wissen, es sind mir noch Kleider in Óbuda geblieben, bei dem Goi, der meine Sachen hütet …« Sodann bot er im Tausch für die mitgebrachten Sachen ein halbes Kilo Schweineschmalz an und sagte: »Wir können das ja ohnehin nicht essen …« Sie könnten überhaupt nichts essen, auch kein Geflügel, weil »es niemand gibt, der es schächtet …« Sie kauen bloß Brot und essen Suppe und Gemüse, weil alles andere für sie »unrein« ist.

Das sind wilde Gesetze; wer wird die Kraft haben, in den Seelen dieser finsteren christlichen und jüdischen Rassenschützer ein Licht zu entfachen?

Mich selbst zur Einsamkeit unter den Menschen erziehen, wie es die Pflicht der Mitglieder eines strengen mittelalterlichen Ordens war: das Schweigen zu lernen, die Einsamkeit, das völlige und bedingungslose Alleinsein, die Tatsache, dass sie zu keinerlei irdischer und menschlicher Beziehung mehr einen persönlichen Bezug haben. Nur schauen, beobachten und die Aufgaben erfüllen, die Gott mir auferlegt hat.

Budapest ist für mich auf jeden Fall ruiniert, auch wenn das Parlament nicht zerstört wurde; auch wenn meine Wohnung unbeschädigt blieb – die Wahrscheinlichkeit ist allerdings gering –, denn umsonst habe ich eine Wohnung, wenn andere, Zehn-, vielleicht Hunderttausende, keine haben; auch wenn Theater erhalten blieben und Buchhandlungen, wozu, wenn es die zugehörige Bildung nicht gibt, nur Massen, halbe Höhlenbewohner, die gegen die tägliche Not ankämpfen. Aber das ist alles nicht so tragisch für mich wie die feste Überzeugung, dass sich in der jüngsten Vergangenheit die gesamte ungarische Gesellschaft in ihrem wirklichen, ungebildeten und unmoralischen Wesen gezeigt hat, dass sie in den letzen zehn Monaten alle Masken abgelegt und sich als überzeugte Parteigängerin von Diebstahl, Raub, Gewalt und Niedertracht erwiesen hat – auch wenn sie persönlich weder habgierig noch gewalttätig war … Wie diese Gesellschaft allem lüstern abschwor und zu verfolgen begann, was sie in der Tiefe ihres Herzen schon immer gehasst hatte: zuerst die Juden, dann jeden, der für Begabung und Qualität stand, also ihr »christlich-nationales« Geschäft hätte stören können: Das kann man seelisch nicht verwinden, damit kann man sich nicht aussöhnen, darüber kann man nicht zur Tagesordnung übergehen, wir können nicht weitermachen, wo wir aufgehört haben, auch dann nicht, wenn Budapest bleiben würde und Arbeit und Wohnung … Man muss Ungarn verlassen.

Langsam, ganz langsam erfinden wir irgendwie die Zivilisation; ein paar Wochen lang saßen wir in den Abendstunden im rötlichen Licht, das uns bei offener Ofentür leuchtete; wie die Höhlenbewohner, die im Lichtschein ihrer Feuerstelle lebten. Dann fassten wir uns ein Herz und erfanden jeden Abend für eine halbe Stunde das Kerzenlicht; das war schon ein großer Fortschritt, Mittelalter; und jetzt diese Rockefeller’sche Erfindung, das ist die Neuzeit, der moderne Luxus, die Petroleumlampe, die zwar mühsam flackert, aber trotzdem Licht gibt, und wenn man bei ihrem Licht auch nicht lesen kann, zeigt sie doch die Umrisse der Gegenstände im Zimmer. All das ist, dank der Gnade des Schicksals, wahrhaftiger Fortschritt. Es ist nicht unmöglich, dass ich eines Tages noch mit der Straßenbahn fahren werde, mit einem Kurzstreckenfahrschein; nichts ist unmöglich.

Nur eines ist unmöglich, so scheint es: der wirkliche Fortschritt. Fortschritt, der nicht elektrisches Licht bedeutet und auch nicht Kunst und Dichtung; der wirkliche, innere Fortschritt, der die menschlichen Massen aus dem Zustand des niederträchtigen Egoismus, der ehrlosen Leidenschaften, der hoffnungslosen Dummheit heraushebt. Die Utensilien des menschlichen Lebens werden immer vollkommener, und in der Masse der Menschen blitzt manchmal eines der großen, einsamen Lichter auf, ein Künstler, Dichter, Musiker, Wissenschaftler. Doch das alles ist kein »Fortschritt«, wenn wir das Ganze betrachten: Das Ganze ist ungebildet und unmoralisch geblieben – jenseits der Blüte von Kulturen, jenseits der Ruinen von Zivilisationen blieb es immer das Gleiche.

Interessante Nachrichten aus Budapest: Den Ostbahnhof haben die Russen angeblich schon besetzt, nur im Bahnhofsrestaurant kämpfen noch Deutsche.

All das kann man nicht »begreifen«, ich habe das Schaudern verlernt und auch das Bedauern; man lernt wirklich zu schweigen, auch innerlich, auch mit seinen Gefühlen.

Manchmal taucht schon der eine oder andere Mensch aus der früheren Welt auf; eine neue Art von sich Verkriechenden, die um Weihnachten außerhalb von Budapest waren und nicht mehr zurückkehren konnten, sie waren von der Besetzung überrascht worden; in ihrer Verlegenheit haben sich ausnahmslos alle einen Bart wachsen lassen und schleichen jetzt vorsichtig auf der Landstraße zwischen den russischen Patrouillen herum …

Diese Menschen sind verstört; haben Angst; fürchten sich vor den Russen und davor, was kommen und folgen wird, und sie fürchten sich vor ihren Erinnerungen … Auch wenn sie persönlich nichts verbrochen, an den kollektiven Verbrechen der jüngsten Vergangenheit gar nicht teilgenommen haben; ihr Gewissen, wenn sie eines haben, flüstert ihnen zu, dass die gesamte ungarische Gesellschaft für all das verantwortlich ist, was geschah, und sich nicht nur vor den heutigen Richtern zu verantworten hat, sondern auch vor der Geschichte. Und die meisten können sich immer noch nicht damit abfinden, dass die große Konjunktur zu Ende ist; dass morgen, wenn sie das Morgen erleben, wieder jeder Einzelne durch Talent, Fleiß und konkurrenzfähige Qualität beweisen muss, dass er ein Recht hat zu leben; und dass es nicht reicht, nur »Christ« zu sein …

In meinem Alter ist es nicht mehr leicht, die Heimat zu wechseln; für einen Schriftsteller, der überhaupt nur in der Atmosphäre seiner Muttersprache atmen kann, ist es fast unmöglich. Dennoch muss man weg von hier, sobald es möglich ist.

Wenn möglich, mache ich dort weiter, wo ich vor zwanzig Jahren begonnen habe; ich verdinge mich als »Auslandskorrespondent« irgendeiner ungarischen Zeitung. Im Westen [im Manuskript ursprünglich: Paris ist doch die einzige Stadt, wo …] finde ich vielleicht etwas von der verlorenen Heimat, wo ich dann – heimatlos und fremd – dennoch einigermaßen zu Hause bin.

Doch die Verachtung, die mich jetzt ganz und gar erfüllt, jetzt, da ich das wahre Gesicht der ungarischen Gesellschaft erkannt habe, kann ich nicht mehr ablegen. Ich muss weg von hier.

Ich glaube daran, dass Gott, der Weltgeist, von allem weiß, alles durchdringt, allem Sinn gibt und mit allem etwas bezwecken will. Amen.

Am Morgen ein martialischer Russe; er sucht Männer, ganz allgemein, also diesmal keine Deutschen, Männer zur Arbeit, weil die Landstraße zwischen Esztergom und Szentendre mit Tellerminen gesichert wird. Ich stelle mich vor, er mustert mich mit strengem Blick; dürfte eine Art Feldwebel sein; mit düsterem Gesicht fragt er, ob ich wirklich Schriftsteller sei? Ich beruhige ihn, sage, dass ich Schriftsteller bin. Er sagt nichts und geht. Er geht zum Rabbiner hinüber und nimmt ihn zur Arbeit mit; nebenan, ein paar Meter von unserem Haus entfernt, verlegen sie das erste Minenfeld; den Rabbiner lassen sie, wie all die anderen, die sie zur Arbeit abgeholt haben, am Abend wieder frei.

Ich weiß nicht, wie lange das Wort »Schriftsteller« für die Russen noch seine Zauberkraft besitzen wird – doch bisher hat es bei allen Besuchen befreiend für mich gewirkt. Sie wissen, was ein Schriftsteller ist; und dass man ihn in einer Gesellschaft braucht; das ist alles, was man aus ihrem Verhalten schließen kann.

Ein junger Mann, Student, der von Római Fürdő zu Fuß nach Visegrád unterwegs ist, berichtet von einem ähnlichen Erlebnis; die Russen wollten ihn unterwegs zur Arbeit rekrutieren; als er sagte, er sei Student, fragten sie ihn, was er studiere. Er beschäftige sich mit Dramaturgie, sei Philologe, sagte er; sie nahmen ihm die Uhr ab und ließen ihn gehen.

Was beweist all das? Nichts und doch sehr viel. In den vergangenen fünfundzwanzig Jahren hat man diesem in außergewöhnlich primitiven seelischen und gesellschaftlichen Verhältnissen dahinlebenden Mammutvolk klargemacht, dass die Kultur ein notwendiges und gutes Irgendwas sei. Dieses Volk ist noch nicht »gebildet«, doch es gibt in ihm ein Bedürfnis nach Bildung, und es achtet jeden, der der Sache der Bildung dient. Das habe ich erlebt, erfahren … Ein Arzt, Ingenieur, Schriftsteller, Wissenschaftler ist in ihren Augen kein »Burschui«, sondern Geistesarbeiter, der einen anderen Lebenswandel hat als die körperlich Arbeitenden; auch das wissen sie. Und wenn sie so weitermachen, werden sie auf den Ruinen der untergehenden westeuropäisch-amerikanischen Zivilisation wahrhaftig als die Menschen der Zukunft erscheinen, und Dostojewski wird recht behalten: Der Mythos vom optimistischen, »erlösenden« Russland kann eines Tages Wirklichkeit werden, Russland könnte Europa neue Kultur bringen … Die Chinesen, Hindus schlummern schon oder immer noch; die Russen sind dabei aufzuwachen. Der Westen lebt in Panik, und sein Lebensgefühl ist erstarrt. Vielleicht werden es die Russen sein, die diese erkaltete Lebensweise mit neuer Energie erfüllen. Jetzt, da ich sie langsam kennenlerne, glaube ich daran.

Aber ich bin Europäer; und für mich persönlich gibt es keine »Erlösung«, ich bin Pessimist. Vielleicht ist keine andere Aufgabe für mich geblieben als das, was Goethe Forderung des Tages nannte; tun, was der Tag erfordert, und nicht an die Zukunft denken.

Die Kriegslage wird in diesem Abschnitt immer kritischer; die Russen übersäen die Szentendrer Straße vergeblich mit Tellerminen; die Deutschen haben sich bei Esztergom eingeigelt, und man kann nicht wissen, in welcher Truppenstärke sie hierher vorstoßen werden. Ein großes russisches Truppenkontingent bezieht am rechten Donauufer Stellung, in den letzten zwei Tagen sah ich vier-, fünftausend Mann mit Geschützen. Und gerüchtweise verlautet, dass die Russen vom Baltikum bis zur Drau ihre allgemeine große Winteroffensive mit zweihundertfünfzig Divisionen begonnen haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir hier ins Schussfeld geraten, ist größer denn je; und was geschieht, wenn auch diese letzte kleine Zuflucht zerstört wird? … Der Krieg ist ein abscheuliches Etwas; und alles in allem dennoch die verdiente Strafe für unsere Sünden.

Zu Mittag Besuch einer größeren Gruppe von Russen. Offiziere. Sie sind zu sechst, verlangen nichts zu essen, zu trinken, sie unterhalten sich freundlich. Schauen sich die Bücher an, erkundigen sich, ob ich auch russische Bücher hätte. Einer nimmt die deutsche Ausgabe eines Tolstoi-Romans in die Hand; ihr Anführer, ein Moskauer Major, sagt in ernstem Ton, dass deutsche und ungarische Truppen Jasnaja Poljana verwüstet hätten. Sie interessieren sich für meine Schreibmaschine, der Major beugt sich über meine Manuskripte und bittet mich, ihm einige Seiten Durchschriften meines Manuskripts als Andenken zu geben; er bekommt ein paar Seiten aus der Schwester und verstaut sie vorsichtig in seiner Kartentasche. Zum Abschied sagt er: »Schreiben Sie, dass ein russischer Major hier war und Ihnen nichts Böses getan hat.« Ich schreibe es.

Die Ungarn ließen in Woronesch ein schlechtes Andenken zurück und auch anderswo; die Russen sprechen nicht gerne darüber, doch manchmal bricht es aus ihnen heraus. Die Offiziere interessierten sich sehr für die Manuskripte, die Schreibmaschine – Schreiben ist etwas sehr Wichtiges für sie. Wie zu Beginn jeder anfänglichen großen menschlichen Unternehmung hat auch in ihren Augen das Schreiben magische Bedeutung. Erst später, in der Zivilisation, wird das Geschriebene zur Handelsware, zu einer modischen Liebhaberei.

Am Morgen nach Tahi, wo man in der Mühle Mehl bekommt. Die Fahrt in einer Zille zwischen den Eisschollen, die in unterschiedlichen Ausmaßen auf der Donau treiben, ist ziemlich abenteuerlich.

In der Mühle von Tótfalu herrscht Großbetrieb; sackweise bringt man Getreide zum Mahlen. Diese Bauern sind wohlhabend; während ich auf den gnädigen Herrn Müller warte, mustere ich ihre Stiefel, ihre Kleider, ihre Pelzjacken; alles gut verarbeitet, warm, solide. Auch Lebensmittel gibt es hier reichlich, nur sind sie versteckt. Dieser Bauernstand will keine Revolution.

Der Müller gibt mir zehn Kilo Mehl. Mit diesem Schatz schleiche ich davon, wieder ins Boot, nach Hause. All das wirkt surreal … aber es ist vielleicht noch nicht das Schlimmste.

Seit zehn Monaten bin ich nicht mehr in meiner Wohnung, habe keinen Arbeitsplatz, kein Einkommen, keinen Umgang mit Menschen; versteckt, manchmal in der Feuerlinie, inmitten von unvorhersehbaren und wirklichen Gefahren, in völliger Unsicherheit, verfolgt und ausgeliefert – seit zehn Monaten lebe ich so.

Es kann aber auch sein, dass ich mich in diesen zehn Monaten herrlich ausgeruht habe.

Vieles erlebe ich in diesen Tagen. Vielleicht kommt noch die Zeit, da ich all das aufschreiben kann, was ich erlebt habe. [Durchgestrichener Eintrag.]

Die Traurigkeit stellt sich gegen Morgen ein; sie spricht dieser Tage so eindringlich zu mir, dass ich manchmal vor der Kraft ihrer Stimme erschrecke.

Warum lebe ich denn noch? Vielleicht, um Die Beleidigten zu vollenden. Vielleicht ist aber auch das nur eine Ausrede, ein Vorwand.

Was Goethe Die Forderung des Tages nannte, ist nützlich und hilfreich, wenn daneben auch für kreative Arbeit noch Zeit bleibt. Doch wenn das, was der Tag fordert – die Erhaltung der nackten Existenz und die Ernährung –, den Tag völlig ausfüllt, wird das Leben sinn- und zwecklos.

Was Spengler »faustische Seele« nennt, ist eine aus Verdächtigem und Gefährlichem zusammengesetzte Seele; in ihr gärt bereits all das, was später auf »plebejische Art«, mithilfe der Nazis und ihrer Deutungen, die Deutschen so verhängnisvoll bewegt hat. Stoa und Buddhismus sind keineswegs so gering zu schätzende Geisteshaltungen, wie dies der Deutsche Spengler mit seiner »faustischen Seele« glaubt; beide geben die Möglichkeit zur Größe und zum Schöpferischen. Und gerade der Dichter des Faust ist ein großes Beispiel dafür, dass eine »apollinische« Seele genauso vollkommen und schöpferisch sein kann wie das faustische Individuum, das sich ständig in die »Tat« flüchtet. Der Nazismus hat Spengler das eine oder andere zu verdanken.

Er hat aber recht mit dem, was er über den Unterschied zwischenn »Tat« und »Arbeit« schreibt; die Tat ist ein menschliches, die Arbeit nur ein gesellschaftliches Ideal … Doch auch hier ist es schwer, eine gültige Grenze zu ziehen; und gerade Goethe hat auch gesagt: Genie ist Fleiß.

Kaschau ist gefallen.

Wir verdienen alles, und jedwede Buße ist armselig, wenn wir die Verbrechen in Betracht ziehen, die diese Gesellschaft im letzten Vierteljahrhundert begangen hat. Wir haben das Verderben angestachelt, es in unser Haus eingeladen. Was das Horthy-Regime zu verantworten hat, ist in der ungarischen Geschichte ohne Beispiel; der Tatarensturm und Mohács sind nur Schatten jener fürchterlichen Wirklichkeit, die diese Generation heraufbeschworen und die sich dann unerbittlich eingestellt hat.

All das vorherzusehen war nicht schwer; doch die Wirklichkeit schmerzt trotzdem. Man hat sich, wenn auch nicht mit dem Verstand, sondern im Herzen, für das Leid, das zu ertragen war, eine Art Wiedergutmachung erhofft. Aber es gibt keine Wiedergutmachung; nur weitere, andere Heimsuchungen; und alles wird von einem Strudel verschlungen, wir alle, Schuldige und Unschuldige … Mit dem Verstand ist es leicht, mit dem Herzen schwer zu verstehen.

In diesen Tagen denke ich manchmal, ich kämpfe bis an die Zähne bewaffnet um meine Existenz, ich verteidige mich bewusst und streitbar und suche nach einem Ausweg aus dieser wilden Lage, aus diesem Schlachtfeld; und manchmal glaube ich, Gott führt mich wie einen Blinden an der Hand über entsetzliche Tiefen und Wirbel hinweg.

Derjenige wird einst recht behalten, der gesagt hat: »Nichts ändert sich, alles bleibt beim Alten, nur die Gültigkeit der Judengesetze wird auf alle ausgeweitet, auch auf die Christen.«

Kaschau wird in absehbarer Zeit, ja wahrscheinlich nie mehr eine ungarische Stadt sein; die Slawen saugen diese schöne Stadt, die Stadt Rákóczis, in sich auf.

Das schmerzt jeden Ungarn und schmerzt mich ganz besonders; seit zwei Tagen denke ich an Kaschau wie an einen lieben Toten. Fakt ist jedoch, dass die Ungarn nicht an dem Tag Kaschau verloren haben, als die russischen Truppen dort einmarschiert sind; wir haben es, endgültig, an jenem Tag verloren, als im November 1938 Horthys Truppen vor dem Dom erschienen. Wir haben es verloren, weil wir Reaktion der allerschlechtesten Sorte mitgebracht haben, die Willkür bequemer und habgieriger Beamter, anmaßender, ungebildeter Verwaltungs- und Heeresorgane; weil wir den ungarischen Gnädige-Herren-Geist in eine Stadt brachten, die unter den Tschechen die Demokratie kennengelernt hatte; wir brachten alles mit, was es nach Trianon in Ungarn an Üblem gab. Das Ungarn der Vorrechte, der Bevorzugungen, der Gernegroße, des Pfusches, der Unangemessenheit, der neobarocken aufgesetzten Kultur ist an jenem Tag in Kaschau eingezogen: Diese Stadt hatte eine andere Art von Ungarntum gekannt und eine eher europäische Lebensweise. Damals haben wir Kaschau wirklich, vielleicht für immer verloren. Und wir verdienen Strafe, weil wir uns diese Stadt nicht verdient haben. Es gibt keinen ehrlichen Kaschauer Ureinwohner, der sich in diesen Jahren nicht die Tschechen zurückgewünscht hätte.

Plünderer. Wahrscheinlich werden sie von den Ungarn geschickt, an die genaue Adresse. Drei uniformierte Rotzjungen mit Wanderstock stellen sich bei Sonnenuntergang ein und durchsuchen die Wohnung, sie geben sich schließlich mit meinem Gillette-Rasierapparat zufrieden; zwei Tage später bleibt zu Mittag ein Auto vor dem Haus stehen, ein russischer Landser steigt aus, er öffnet jede Schublade und jede Schranktür, nimmt unser Mehl mit und eine große Flasche Kölnischwasser; jenes Mehl, das ich vor ein paar Tagen im Rucksack aus Tahi hergeschleppt habe. All das ist eher verabscheuungswürdig als gefährlich. Anderswo wird mehr und mancherlei anderes mitgenommen. Ein russischer Offizier, mit dem Z. tags darauf spricht, erwidert, er hätte den plündernden Soldaten erschossen, wenn er ihn vor die Flinte bekommen hätte; doch so viel ist das Ganze gar nicht wert.

Diese gesetzlosen Zustände sind bloß das Vorspiel zu irgendwas; und nicht die Russen werden die Hauptdarsteller im Drama sein, das sich ankündigt; die ungarische Revolution reift jenseits all dieser Symptome heran. Wer kann sie aufhalten? Vielleicht gerade die Russen, wenn sie wollen … Und diese Revolution wird, wenn sie doch eintritt, ein gewaltiger Strudel sein.

Wir leben am Rande des Dorfes in einem einsamen Haus, am Hang eines Hügels. In Erwartung von plündernden Patrouillen und ungarischen Strauchdieben harren wir im Dämmerlicht aus; es gibt keine Behörde, keine Gesetze. Budapest geht zugrunde, es hungert und durstet. So leben wir. Und all das ist noch nicht das Ende dessen, was wir unausweichlich heraufbeschworen haben und was wir verdienen.

Dennoch ist all das unbedeutend: Die Russen sind mit dem Recht der Waffe in ein Land gekommen, das den Sowjets den Krieg erklärte; sie können hier tun, was sie wollen; sie sind die Sieger. In Wirklichkeit aber erweisen sie sich als eher gutmütig, diese Plünderungen sind eigenmächtige Raubzüge, bei jedem Besatzungsheer kommen in einem besiegten Land solche Übergriffe vor. [Mehrere Zeilen durchgestrichen.] Die Ungarn haben in Russland Schandtaten begangen; vor drei Jahren las ich die ungarischen »Kriegstagebücher« … die Russen sind uns nichts schuldig, und es ist eher verwunderlich, dass sie sich so und nur so benehmen.

Doch alle Anschuldigungen, jedes Zur-Rede-Stellen, jede Gemütsbewegung gegen die Ungarn ist begründet, sie haben im letzten Jahrzehnt nichts unversucht gelassen, um zu erreichen, dass das ungarische Schicksal auf diese Weise seinen Lauf nahm. Alle, die aus Unbedarftheit oder Habgier dieses Feuer schürten, dieses Gehenna mit ihrem Atem noch stärker anfachten, kann man mit Recht vor den Richter zitieren.

»Neu beginnen« lässt sich nicht mehr; aber ob man »weitermachen« kann? … Wo und für wen und warum? Immer und ewig diese Qual, dass ich nicht länger an das Material, die Substanz des Ungarntums, glaube, ich glaube nicht an seine Moral, nicht an seinen Charakter.

Z. hat aus Tótfalu eine ein paar Wochen alte magere Ente mitgebracht. Die erste Nacht sperrten wir sie in die Hundehütte, dort aber fror sie, war schlechter Laune und fraß nicht; ich habe ihr auf dem Steinboden des unbewohnten und unmöblierten Gästezimmers im ersten Stock ein Luxusappartement eingerichtet. Dort quakt sie nun, frisst Mais und taucht ihren Kopf manchmal in die Wasserschüssel; sie ist deutlich besser gelaunt.

Aber jedes lebende Wesen, das wir in unser Leben aufnehmen, selbst eine Ente, die man zur Mast gekauft hat, bedeutet Verantwortung. Wir beschäftigen uns jetzt viel mit ihr, sie tut uns heute schon leid, und es wird sicher eine sentimentale Tragödie, wenn sie eines Tages geschlachtet werden muss. Im Zusammenhang mit diesem Lebewesen, das im ersten Stock quakt, ist eine Situation entstanden, die an Ibsens Wildente erinnert; und auch die Lebenslügen sind nah, man muss nicht weit gehen, um sie zu finden.

Es stimmt nicht, dass das Dorfleben »langweilig« und eintönig ist; fast ein Jahr lang lebe ich im Dorf und erinnere mich nicht daran, mich auch nur einmal gelangweilt zu haben. Im Dorf spricht den Menschen alles aus unmittelbarerer Nähe an, die Landschaft, das Schicksal und auch die Menschen. Kleinstädte sind zermürbend langweilig. Doch in einer großen Stadt – in einer richtigen Großstadt, wie Paris eine ist – oder im Dorf kann ich mich nicht langweilen.

Und die Dorfbewohner, mit denen mich die Zeit allmählich bekannt macht; sie sind nicht minder interessant als die angespannt-unruhigen Neurotiker der Großstadtzivilisation. (Auch sie, die Dorfleute, sind in ihrer eigenen Formensprache neurotisch …) Herr Csámpa, der Schuster, den ich bat, mir einen Fleck auf meine löchrigen Schuhsohlen zu nageln, äußerte wichtigtuerisch, das »hängt von der Kriegslage ab«. Herrn Csámpa haben die einmarschierenden Russen den Ledermantel ausgezogen; seitdem lebt er in vorsichtiger, historischer Allzeitbereitschaft; sein Werkzeug hat er vergraben; und vom Mantelraub spricht er in einem mythischen Ton wie Akaki Akakijewitsch in Gogols Erzählung. Und Herr Herczeg, der Konditor, er erscheint mit seinem schönen bärtigen, biblischen Gesicht wie eine Art heiliger Josef, der sich in seinem Alter den Büchern zugewandt hat und jetzt Tolstoi und Cicero liest. Und Herr Schillerwein, der Alte, der seit fünfundzwanzig Jahren Kommunist in Pócsmegyer ist und jetzt, als auf eine ungarische Anzeige hin die Russen – mit dem Kommentar »Sei nicht traurig, Towarischtsch, du bist Kommunist, freu dich, dass wir, deine Genossen, dir den Wein abnehmen!« – seinen versteckten Wein mitnahmen, im Herzen erschüttert wurde und finster seine Pfeife pafft. Und all die anderen, zahlreiche duckmäuserische Bauern.