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Ulrike Demmer und Daniel Goffart haben sich auf die Spur der Ausnahmepolitikerin Ursula von der Leyen gesetzt und ein kritisches Porträt der prominenten Christdemokratin verfasst. Die beiden Autoren zeichnen den Lebensweg der streitbaren Tochter des langjährigen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht nach und erzählen, wie aus dem braven »Röschen« eine Ärztin, siebenfache Mutter und weltläufige Ministerin wurde. Jetzt muss sich die frühere Verteidigungsministerin als erste Frau an der Spitze der EU-Kommission behaupten.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover & Impressum
Prolog
Die Heimkehr nach Brüssel
Der Weg zur Nominierung
Überzeugungsarbeit im Parlament
Schlechte Ausgangsposition: Verteidigungsministerin
Das Geheimnis des Erfolgs: Die Vita
Die Tochter
Das rosa Baby
Ernst Albrecht, der Patriarch
»First Family«
Der gelebte Roman
Extrovertiert und warmherzig, Heidi Adele Albrecht
Das geerbte Glück
Wer bis zum 21. Geburtstag nicht raucht, bekommt 2000 Mark
Das Lieblingsröschen
Wie der Vater, so die Tochter
Das Albrecht-Lächeln
Von Kanzlerkandidaten und Bundespräsidenten
Der einsame Entscheider
Die Ärztin
Aus Röschen wird Rose
Arbeitsbiene auf Station
Die mitreisende Ehefrau – unter der Sonne Kaliforniens
Die Krachmacher im Schleichgarten – zurück in Hannover
Eine gute Freundin, kalt wie ein Eiskristall
Die Landespolitikerin
Die Zukunft fängt zu Hause an
Wahlkampf mit Ziegen
Mit dem Vater am Kabinettstisch
Wie schafft sie das mit all den Kindern?
Und immer wieder die Familie
Der Weg nach Berlin
Die Familienministerin
Sternstunden und Niederlagen
Kinder, Küche und Karriere!
Das eigene Leben als Blaupause
Kampf gegen die Konservativen
Bündnis für Erziehung
Kita-Garantie und Elterngeld
Vätermonate als »Wickelvolontariat«
Viel Steuergeld für wenig Kinder
»Rabenmütter« und »Gebärmaschinen«
Die »Herdprämie«
»Zensursula«
Rückenwind für die Piraten
Die Arbeitsministerin
Viele Ideen, wenig Erfolge
Beginn einer wunderbaren Feindschaft
Ringen um Hartz-IV-Reform
Bildungsgutscheine statt Geld
Das Tabu Altersarmut
Die Lebensleistungsrente
Karstadt
Inszenierung als Retterin
Die Schlecker-Pleite
Für Mindestlöhne
Frauenquote
Kampf gegen die eigene Fraktion
Die Populistin
Das durchsichtige Spiel mit den Medien
Fromme Wünsche, schöne Überschriften
Der »Familien-TÜV«
Jugendliche als Testkäufer
Der »Spin-Doctor«
Die verhinderte Bundespräsidentin
Der kurze Traum vom Schloss Bellevue
Kein Konsens-Kandidat
Haltung bewahren
Die Verteidigungsministerin
Die erste Frau
Zum ersten Mal in Afghanistan
Gleichgültigkeit ist keine Option
Das Großreinemachen
Ministerin in Ausbildung
Unser Heer muss schöner werden
Die historische Entscheidung
Mit Tina am Horn von Afrika
Eine Reise mit Hindernissen
Die Pannenhelfer
Von der Fehlbesetzung zur Spitzenkandidatin
Die CDU-Politikerin
Eine Beziehung auf Distanz
Lieber die Familie als die Partei
Im Dunstkreis der Kanzlerin
Unbequeme Reformerin
»Politik ist keine Ich-AG«
Das vielschichtige Verhältnis zu Merkel
Die mächtigste Frau Europas
Was Ursula von der Leyen als Präsidentin der EU-Kommission plant
Zeittafel
Als Heidi Adele merkt, dass sie schwanger ist, stellt sie ihrem Mann den Stuhl vor die Tür. Einen Kinderstuhl. Er stolpert fast darüber. Aber Heidi Adele, ausgestattet mit einem Sinn für das Theatralische, findet es angemessener, ihrem Mann Ernst die frohe Botschaft von der anstehenden Geburt des dritten Kindes symbolisch zu überbringen.
Das Baby kommt am 8. Oktober 1958 in Brüssel zur Welt. Es ist ein Mädchen. Das dritte Kind und die erste Tochter von Heidi Adele und Ernst Albrecht. Auf dem Geburtsschein wird der Name Ursula Gertrud eingetragen, aber die beiden Brüder, zwei und fast vier Jahre alt, haben sich so sehr ein Schwesterchen gewünscht, keinen »Heini«, sondern ein »rosa Baby«, wie sie sagen, dass die kleine Schwester fortan Röschen genannt werden wird.
Röschen wird in rosigen Zeiten geboren. Am 1. Januar 1958 sind die Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in Kraft getreten. In Brüssel läuft die erste Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Wahrzeichen der Ausstellung, das Atomium, die 165-milliardenfache Vergrößerung einer Eisen-Kristallstruktur, ist ein Symbol für die friedliche Nutzung der Kernenergie. Und ein Symbol für den Fortschritt. Der Aufzug im Innern der Konstruktion ist 1958 mit einer Geschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde der schnellste der Welt. Es geht aufwärts mit Europa.
Der Vater, Ernst Albrecht, seit ein paar Monaten Kabinettschef in der ersten Kommission dieser Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, wohnt mit seiner Familie in einem Brüsseler Bürgerhaus mit Backsteinmauer rund um den Garten. Die kleinen Stühlchen, die Heidi Adele beim Trödler für die Kinder ersteht, sind keine bunten Plastikmöbel, sondern aus feinem Holz gearbeitete Stühle, Louis-XIV.-Holzsesselchen und kleine Windsors, englische Landhausstühle, wie für Erwachsene, nur eben kleiner. Vom erstgeborenen Sohn Harald steht eine Büste im Wohnzimmer. Vor dem Einschlafen trägt die Mutter den Kindern Gedichte von Eduard Mörike vor.
Röschen fügt sich in die Familie gut ein. »Du bist ein sensationelles Baby: Das erste Kind, das sich nicht ins Leben hineinschreit, sondern von einem friedlichen Schlummer in den anderen gleitet«, schreibt die Mutter in ihr Tagebuch. »Schon vierzehn Tage nach Deiner Geburt, kaum aus der Maternité in das Elternhaus eingezogen, schläfst Du, satt und lächelnd, bis tief in den dämmerigen Wintermorgen hinein. Mit vier Wochen folgt Dein Blick meinem Fingerspiel. Acht Wochen alt kannst Du bereits zu Großmamas Entzücken, die Dir ihren ersten Besuch abstattet, anmutig das Köpfchen drehen und ›hören‹. Dein bevorzugter Laut, den die Brüder ständig nachahmen: ereeh, erehh!«[1]
»Röschen hat von beiden Elternteilen nur das Beste abbekommen«, sagt ein Freund der Familie heute. »Vom Vater die nötige Härte und das Durchsetzungsvermögen, von der Mutter das Musische.« Das Röschen heißt heute Ursula von der Leyen, hat selbst sieben Kinder und eine beachtliche politische Karriere hinter sich, vielleicht auch noch vor sich. Die Familie ist im Leben der heutigen EU-Kommissionspräsidentin von zentraler Bedeutung. Aber was war und ist der Ansporn von Ursula von der Leyen? Was treibt sie? Ist es der Wunsch, es den Eltern recht zu machen? Oder versucht sie in einem ewigen Konkurrenzkampf, den kürzlich verstorbenen Vater, den ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen, zu übertrumpfen? Es ist lohnenswert, sich die Familiengeschichte von Ursula von der Leyen anzusehen. Nicht nur, weil sie selbst die Familie so in den Vordergrund rückt, sondern auch, um zu erkennen, wie viel sie von ihrem Vater gelernt hat. Ein Rückblick in die Geschichte der Albrechts zeigt verblüffende Parallelen zwischen Vater und Tochter. Das jugendlich strahlende, zugleich kalte Lächeln, das Image des Musterschülers, die große Familie, die Liebe zur Natur, der politische Instinkt, die Nähe zur Bild-Zeitung. Beide erreichen als Quereinsteiger in kürzester Zeit hohe politische Ämter. Selbst die Debatte um eine mögliche Kanzlerkandidatur hat Ursula von der Leyen mit ihrem Vater, dem langjährigen Ministerpräsidenten von Niedersachsen, gemein. Vater und Tochter verstehen es wie kaum ein anderer Politiker, sich in der Öffentlichkeit mitsamt Familie so perfekt zu präsentieren, dass Journalisten sich nicht scheuen, den Vergleich zu Groschenromanen zu ziehen. Die Perfektion, die makellose Fassade, provoziert aber auch Neid. »Am Ende«, sagt ein Wahlkampfmanager 1982 der Zeit, »läuft bei Ernst Albrecht alles auf die Frage hinaus: Glaubt man ihm, oder kann man ihn nicht leiden?« Ähnliches gilt heute für Ursula von der Leyen. Glaubt man ihr, oder kann man sie nicht leiden?
Ernst Albrecht, Ursula von der Leyens Vater, wird 1930 geboren. Ein Kriegskind. In Bremen hilft der junge Ernst seinem Vater, einem Arzt, Verwundete aus Schutt und Asche zu zerren. Nach dem Krieg schließt er sich für zwei Jahre einer Gruppe der Bündischen Jugend an. Er wird Gruppenführer und ist beseelt von Lagerfeuerromantik und der nach innerer Disziplin strebenden Jungsgemeinschaft.
Nach dem Abitur kann er sich nicht recht entscheiden. Erst studiert er, unter anderem bei Karl Jaspers, Theologie und Philosophie, wechselt dann aber zu Rechtsund Wirtschaftswissenschaften. In Tübingen schlüpft er bei einer Familie in einer schäbigen Rumpelkammer unter, die er mit einem halben Pfund Kaffee aus einem Care-Paket überzeugt. Sein Vater schickt monatlich 110 Mark aus Bremen. »Davon blieben genau fünf Mark für mich«, sagt Albrecht später. »Ich konnte mich entscheiden: Entweder du gehst ins Kino oder trinkst ein Viertel Wein.« Meistens entscheidet sich Albrecht für den Film. High Noon, »Zwölf Uhr mittags«, ist sein Lieblingsfilm. »Weil da der Mann nicht aufgibt, obwohl sich alles gegen ihn verschworen hatte.«
Im Leben von Ernst Albrecht läuft zu diesem Zeitpunkt alles glatt. Mit 24 Jahren avanciert er zum Attaché bei der Montanunion in Luxemburg. Wenig später leitet er das Sekretariat für die Verhandlungen über den gemeinsamen Markt. Er arbeitet für Walter Hallstein und Konrad Adenauer die Römischen Verträge aus. Albrecht, noch keine 30 Jahre alt, fällt als harter Verhandlungsführer auf, der die deutschen Interessen zwar geschmeidig, aber unnachgiebig und völlig frei von historisch bedingten Schuldkomplexen vertritt. Albrecht sagt: »Liebe Leute, entweder ihr wollt mit uns Deutschen Europa bauen, oder nicht. Wir sind eine neue Generation. Die alten Geschichten sollen die Alten unter sich ausmachen. Ich bin hier genauso unbefangen als Vertreter meines Landes wie die Franzosen.« Seine Mentoren trauen dem jungen Mann alles zu. 1967 wird Ernst Albrecht zum Generaldirektor für Fragen des Wettbewerbs bei der EWG-Kommission in Brüssel ernannt. Es ist der Gipfel einer europäischen Beamtenkarriere. Er verdient 8000 Mark im Monat. Er ist 37 Jahre alt.
Albrecht kauft ein großes Grundstück in Tervuren am Waldrand des Foret de Soigne, 15 Minuten von Brüssel entfernt. Von dem Plan, ein schwedisches oder deutsches Fertighaus daraufzustellen, kommt die Familie bald wieder ab. Es soll eine »Anlage« werden mit drei Etagen, einer geschwungenen Treppe und einem Kamin, schreibt Heidi Adele Albrecht am 24. November in ihr Tagebuch, »nur Lumpen sind bescheiden …«.[2] Trotzdem hat Albrecht drei Jahre später genug von Brüssel.
»Ich war damals 37 Jahre alt und am Gipfel der europäischen Beamtenkarriere angelangt. Sollte ich etwa bis zu meinem 65. Geburtstag Generaldirektor für Wettbewerb bleiben? Ich konnte mir das nicht vorstellen«, schreibt Albrecht in seinen Memoiren.[3] Als der niedersächsische Landwirtschaftsminister Wilfried Hasselmann zu Besuch bei der Europäischen Kommission in Brüssel ist, lädt Albrecht ihn vornehm zum Abendessen in »ein erstklassiges Restaurant an der Grand Place« ein und lässt durchblicken, dass er sich eine politische Karriere vorstellen könne. »Ewig will ich nicht hier in Brüssel bleiben«, sagt er zu Hasselmann, »wenn Sie mal was bei sich haben …«[4] Hasselmann hat etwas.
Albrecht soll den Wirtschaftsminister Karl Möller ersetzen, der nach den Landtagswahlen im Juni 1970 abgelöst werden soll. Im Frühjahr 1970, mit 40, quittiert Albrecht seinen hochdotierten Posten als Beamter auf Lebenszeit und zieht nach Hannover. Obwohl er nicht weiß, wie die Landtagswahlen ausgehen werden. Obwohl seine jüngste Tochter Benita an Rückenmarkskrebs erkrankt ist. Er lässt die Familie zunächst in Brüssel zurück. Erst als Benita ein Jahr später, am 31. Januar 1971, stirbt, folgt ihm die Familie nach Hannover. Röschen ist jetzt das einzige Mädchen im Haus.
Wilfried Hasselmann organisiert eine Pressekonferenz in der niedersächsischen CDU-Zentrale. Durch die Oberlichter des großen Sitzungssaals der alten Villa in Hannover-Herrenhaus dringt die Frühlingssonne. Es ist Wahlkampf. Die CDU will endlich die alleinige Landtagsmehrheit erringen. Der Parteivorsitzende Wilfried Hasselmann präsentiert den Niedersachsen einen bis dahin völlig unbekannten Mann. Ernst Albrecht.
Bei den niedersächsischen Christdemokraten kommt Hasselmanns Vorschlag gut an. Albrecht ist ein profilierter Wirtschaftsfachmann, und er stammt aus einer renommierten niedersächsischen Familie. Sein Bruder Georg Alexander ist Musikdirektor der Oper in Hannover, und Ururgroßvater Karl Franz war im vergangenen Jahrhundert Generalzolldirektor des Königreichs Hannover.
Die Parteispitze überlässt Albrecht den Wahlkreis Wietze an der Wietze. Albrecht macht sich mit Luftballons und öffentlichen Diskussionsrunden bekannt. Ein echter Wahlkämpfer ist er nicht. Albrecht raucht nicht, trinkt nicht, und auch das Schulterklopfen fällt ihm schwer. Der unmittelbare Kontakt mit der Bevölkerung, das Bad in der Menge liegen ihm nicht.
»Stört Sie das?«, wird er von Journalisten gefragt. »Nein, man muss nicht versuchen, ein anderer zu sein. Ich kultiviere diese Distanz auch nicht. Ich bemühe mich, sie immer wieder zu durchbrechen.« Albrecht schafft es, den CDU-Stimmenanteil um 7,2 Prozent zu steigern. Er kommt in den Landtag, aber Minister wird er nicht. Der CDU fehlt ein Mandat. Die SPD erreicht knapp die absolute Mehrheit. Damit sind für die nächsten vier Jahre die Weichen gestellt. Albrecht müsste jetzt von rund 20 000 Mark AbgeordnetenDiäten im Jahr leben. Das wollen ihm die CDU-Honoratioren nicht zumuten. Bahlsen-Geschäftsführer und CDU-Förderer Kurt Pentzlin setzt bei seinem Parteifreund und Firmenchef Bahlsen durch, dass Albrecht einen Managerposten bei den Keksbäckern bekommt. Albrecht soll sich als einer von fünf stellvertretenden Geschäftsführern um den Bereich Recht und Verwaltung im Unternehmen kümmern. Hart arbeiten muss er für Bahlsen nicht. Die Zeit reicht, um politische Aufgaben wahrzunehmen. Er wird wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion und stellvertretender Parteivorsitzender.
Die politische Karriere läuft nicht ganz so glatt wie Albrechts Beamtenlaufbahn. Auch bei der Landtagswahl 1974 reicht es für die CDU nicht. Ein Mandat trennt sie von der Regierungsmacht. Albrecht denkt über einen Wechsel in die Bundespolitik nach. Aber als anderthalb Jahre später Alfred Kubel wie angekündigt in der Mitte der Wahlperiode das Amt des Regierungschefs an seinen Finanzminister Helmut Kasimier übergeben will, passiert das Überraschende.
Am 16. Januar 1976 steht Heidi Adele hinter dem Stuhl ihres Mannes und wartet geduldig. Die Familie sitzt am Frühstückstisch. Ernst Albrecht spricht zu den Kindern. »Politik verdirbt nicht den Charakter«, sagt er. Es klingt, als halte er eine Rede. Erst als er mit seiner Ansprache fertig ist, tippt Heidi Adele ihm sachte auf die Schulter. »Du, Ernst, rück mal bitte und lass mich vorbei.« Und das 17-jährige Röschen erklärt: »Wenn Vater redet, ist das faszinierend. Man kommt nicht dagegen an.«
Zwei Tage zuvor, am 14. Januar 1976, kommt es im Landtag zu einem bis heute nicht aufgeklärten Verrat. Der altersbedingte Wechsel von Kubel zu Kasimier ist seit langem mit dem Koalitionspartner FDP abgesprochen. Aber drei Abgeordnete der Regierungskoalition geben in geheimer Wahl ungültige Stimmen ab. So kommt es, dass auf den SPD-Kandidaten für den Ministerpräsidentenposten Kasimier nur 75 Stimmen entfallen. Der nur pro forma aufgestellte Gegenkandidat der CDU, Ernst Albrecht, kann alle 77 Stimmen seiner Fraktion hinter sich vereinen. Im Landtag bricht tobender Applaus aus. Die Parteifreunde spurten durch den Landtag und umringen Albrecht wie eine Fußballmannschaft den Spieler, der in der 89. Minute das entscheidende Tor geschossen hat.
24 Stunden später bekommt Albrecht mit 78 Stimmen sogar die absolute Mehrheit. Aber er kann mit dem Erfolg nichts anfangen. Die Landesverfassung schreibt vor, dass ein gewählter Ministerpräsident binnen 21 Tagen dem Landtag seine Minister vorzustellen hat, die in offener Abstimmung durch die Parlamentsmehrheit bestätigt werden müssen. Albrecht weiß, keiner in der Koalition wird durch Handaufheben seinen Verrat offen zugeben. Die FDP lehnt eine Koalition aus Solidarität mit der SPD ab.
Drei Wochen später, am 6. Februar, findet der dritte Wahlgang statt. Die Verfassung bestimmt, dass danach derjenige Ministerpräsident ist, der die meisten Stimmen erhält. Die Minister müssen nicht mehr vom Parlament bestätigt werden. Ernst Albrecht gewinnt die Wahl mit 79 Stimmen. Um 11:52 Uhr gehen 30 Jahre sozialdemokratischer Regierungsverantwortung zu Ende.
»Wir wollen jetzt keinen Sekt, aber einen anständigen deutschen Korn«, ruft Wilfried Hasselmann in den Landtag, »jetzt geht’s los!« Er prostet Albrecht mit gefülltem Schnapsglas zu.
Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, läuft ein junger Mann, Bezirksvorsitzender der Jungsozialisten, durch den Landtag. Der angehende Jurist ist in diesen Tagen häufig dort zu sehen. »Jetzt wird es zehn Jahre dauern, bis wir Sozialdemokraten wieder zum Regieren kommen«, sagt er zu einem Journalisten. Es ist Gerhard Schröder, der zehn Jahre später Ernst Albrecht herausfordern wird.
Als am frühen Nachmittag des 6. Februar 1976 die Lokalpresse bei Albrechts vor der Tür steht, halten Heidi Adele und der frisch gewählte Ministerpräsident noch ihren Mittagsschlaf. Es ist die 17-jährige Ursula, die der Reporterin die Tür öffnet. Sie ist den Umgang mit der Presse gewohnt und erklärt selbstbewusst, dass sie nur ganz offiziell Ursula heiße. Eigentlich werde sie von allen Röschen genannt. Die Albrechts sind jetzt die »First Family« in Niedersachsen. Ursula ist die strahlende Prinzessin.
Im Februar 1976 stellt die Bild-Zeitung die Frage: »Kann dieser Dr. Ernst Albrecht überhaupt begreifen, welche Sorgen der sogenannte kleine Mann hat? Schwebt so einer nicht schon zu hoch über allem? Kann ein Arbeiter so einem Mann vertrauen?«
Die Albrechts sind eine großbürgerliche Familie und tiefgläubige Protestanten. Sie leben in Ilten, einem kleinen Dorf bei Hannover, hinter einer mannshohen Brombeerhecke auf einem alten Bauernhof aus rotem Klinker. Die Haustür ist von Efeu umrankt. Die Familie betet vor dem Essen. Silvester lesen Heidi Adele und
Ernst Albrecht sich gegenseitig Platons siebten Brief vor. Am Wochenende jagt Ernst Fasane beim belgischen Adel. Auf den Familienfesten wird Theater gespielt und Quadrille getanzt, die Familie lädt Gäste zur Polonaise durch Lampion-geschmückte Gärten und spielt Boccia auf dem Krokettrasen. »Andere lesen Romane, wir leben ihn«, sagt Heidi Adele Albrecht.
Die Familie trägt viel zum Image des Ministerpräsidenten bei. Er verkauft sie an die Medien, als wären sie das Produkt seines erfolgreichen Regierungsprogramms. Die Bilder, die er von seiner Frau Heidi Adele und den sechs Kindern verbreitet, suggerieren eine heile Welt, Leidenschaft für Literatur und Hausmusik, eine Gabe für das Gute, Wahre und Schöne.
Fünf Tage nach der Wahl zum Ministerpräsidenten erscheint in der Bild-Zeitung »Die große Ernst-Albrecht-Story«. Unter der Überschrift »Der neue Landesvater und seine fröhliche Familie« erscheint eine fünfteilige Serie, grafisch hervorgehoben von einer Zierleiste, die an einen goldenen Bilderrahmen erinnert. »Die erste Bürde der neuen Würde ihres Mannes, die trägt natürlich wieder die Frau«, heißt es darin. »Heidi Adele Albrecht muss nun abends die beiden Übergardinen an den sechs mannshohen Fenstern im Erdgeschoss des roten Backsteinhauses in Ilten zuziehen – die Polizei hat darum gebeten, sicher ist sicher.«
Um seine Bodenständigkeit zu beweisen, gewährt der neue Landesvater der Presse großzügig Einblick auch hinter die Gardinen. So dürfen die Niedersachsen in seinen Kleiderschrank gucken. Fünf Anzüge hängen dort. Nur einer davon, der grüne, ist modisch. Den Smoking hat er von seinem Onkel geerbt. Bei den Albrechts steht nur Leitungswasser auf dem Tisch, nicht Orangensaft oder Coca-Cola. Allerdings wird das Wasser in wunderbaren Kristallkaraffen gereicht. Die Kämpfe von Cassius Clay guckt die Familie auf einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher im ersten Stock. Zur Hochzeit hat Ernst Albrecht seiner Frau eine Nähmaschine geschenkt.
Fernsehzuschauer sehen Ernst Albrecht, wie er Schafe füttert, sie sehen ihn beim Joggen mit der Familie. »Röschen« und die Brüder singen im NDR-Fernsehen ein Jägerlied für ihn. Kommen Parteifreunde zu Besuch, werden die Kinder aufgereiht, um unter der Regie ihrer Mutter Hauskonzerte zu geben. Mancher Besucher verkneift sich währenddessen ein Grinsen. »Albrechts haben das Familienleben von 1918 kultiviert«, sagt ein CDU-Mann, der oft dort war, 2013 der Zeitschrift Cicero. »Das war nicht von dieser Welt. Ein völlig eigenes Universum.«
Für die Familie sei der Wechsel von Brüssel nach Hannover tatsächlich zunächst nicht ganz leicht gewesen, schreibt Ernst Albrecht später in seinen Memoiren. »In Luxemburg und Brüssel hatten wir das Privileg gehabt, in einer Gesellschaft von ausgewählten Beamten aus allen sechs Mitgliedstaaten zu leben. Es war eine faszinierende Erfahrung. Mit dem Wechsel nach Hannover begann eine neue Art der Existenz. Wir lebten und arbeiteten, was für Politiker selbstverständlich sein sollte, mitten im Volk, das heißt mit allen Schichten des Volkes, und es begann das, was ich gerne ›die Tour der tausend Kneipen‹ nannte, das heißt die Basisarbeit eines demokratischen Politikers. Auch meine Frau wurde mehr und mehr gefordert, am öffentlichen Leben mitzuwirken, Vorträge zu halten, Schirmherrschaften zu übernehmen, aber auch einzelnen Menschen in Not zu helfen. Wir haben die Rückkehr ins Volk als echte Bereicherung empfunden, als eine Wende in unserem Leben, für die wir heute noch dankbar sind.«[5]
Auch seine Liebesgeschichte breitet Ernst Albrecht vor der Presse aus. »Die Liebe kam beim ersten Kuss auf Bahnsteig 4«, titelt die Bild-Zeitung im Januar 1979. »Ministerpräsident Albrecht sitzt auf seinem Samtsofa und pfeift ganz verliebt die ersten Takte von Beethovens 8. Symphonie. Aus dem Biedermeierstuhl gegenüber antwortet seine Frau mit den nächsten drei Takten.« So habe er sie als Student immer ans Fenster gelockt, erzählt Albrecht der Zeitung. »Und ich hab immer so geantwortet, dass ich runterkomme. Ach Percy – du Süßer!« Heidi Adele nennt ihren Mann »Percy« – weil sie einsilbige Vornamen stillos findet. Und weil der Held in dem von beiden Albrechts geschätzten Liebesroman Sommer in Lesmona von Marga Berck Percy heißt. In dem Buch ist »die Atmosphäre einer versunkenen bürgerlichen Epoche lebendig geblieben«, heißt es im Klappentext.
Heidi Adele Stromeyer und Ernst Albrecht begegnen sich zum ersten Mal im September 1938, als Ernsts Vater, Dr. med. Carl Albrecht, zu der an Tuberkulose erkrankten Edda Stromeyer, Heidi Adeles Schwester, gerufen wird. Der alte Albrecht kann dem kleinen Mädchen nicht helfen, aber fortan besuchen sich die Familien gegenseitig.
An einem »herrlichen Sommertag«, so erzählen Percy und Heidi Adele es 1979 der Bild-Zeitung, kommen die Stromeyers
»in einem offenen Mercedes« zu Besuch. Die wilden Töchter der Stromeyers in weißen Kleidchen treffen auf die wohlerzogenen Albrecht-Söhne. Ernst, 10, fühlt sich sofort zu Heidi Adele, 13, hingezogen. Das Mädchen mit den blonden Haaren und den hohen Wangenknochen nimmt ihn nicht für voll.
Vier Jahre später wird Ernst wegen der Luftangriffe bei den Stromeyers in Brake einquartiert. Für den inzwischen 14-Jährigen eine glückliche Fügung. »Schon damals wusste ich: Das ist das Mädchen, das ich mal heirate«, sagt Ernst Albrecht 35 Jahre später, »Heidis ungeheure Lebendigkeit – und dann ihre weiblichen Reize! Dieses Begehrenswerte, was einen Jungen total aus der Fassung bringt …« Und Heidi Adele, seit 26 Jahren mit Ernst verheiratet, vertraut den Journalisten an: »Er war der Star unserer Schule. Ein so brillanter Mathematiker und Lateiner! Und hübsch war er – oh Percy! Alle Mädchen haben mich beneidet, dass Du bei uns gewohnt hast.«
An einem Sommertag 1949 merken sie, dass es mehr ist. Sie sitzen auf Bahnsteig 4 in Tübingen. Ernst Albrecht hat ein Stipendium für Amerika. Und wie sie da in der brütenden Hitze auf dem Bahnsteig steht, in einem neuen rot-weiß gestreiften Kleid,
wird Heidi Adele »ganz mulmig«. Da nimmt Percy sie in die Arme und küsst sie innig. Und dann sagt er ganz einfach: »Wartest du auf mich?« Und sie antwortet genauso einfach: »Ja – du auch?« Und dann kullern bei Heidi Adele die Tränen. »Und plötzlich wusste ich: Das ist der Mann für mich!« Die glühenden Liebesbriefe, die sie sich damals schrieben, bewahrt das Paar in einem Karton im Schrank.
»Gibt es ein Rezept für dieses fast unheimliche Glück?«, fragt die Bild-Zeitung. »Wir haben beide früh begriffen, dass eine Ehe immer wieder erneuert werden muss, wie die Zellen des menschlichen Körpers«, sagt Ernst Albrecht. »Bei so viel Harmonie: Gibt es denn nichts, was Sie mal am Partner stört?«, fragt die Journalistin. Heidi Adele schüttelt den Kopf. Ernst Albrecht sagt lächelnd:
Ende der Leseprobe
