Vater hat nie geschossen - Michel Hülskemper - E-Book

Vater hat nie geschossen E-Book

Michel Hülskemper

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Beschreibung

Unsere Väter und Großväter waren Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Darüber gibt es in fast jeder Familie Geschichten, die immer wieder erzählt werden. Die meisten handeln von Hunger und Gefangenschaft, Kälte und Entbehrungen in der Zeit danach. Aber was war vorher? Was haben unsere Väter und Großväter getan, damals, bei der Wehrmacht? Sie hatten ein Gewehr in der Hand, brachten Kanonen in Stellung, führten Befehle aus. Sie eroberten andere Länder und brachten Leid und Tod. Sie, die zu unserer Familie gehören, die für uns gesorgt haben, die wir lieben! Die für uns eine Autorität darstellen, auch dann noch, wenn sie nicht mehr leben. Wie können wir zu dieser Seite ihrer Biografien einen Zugang finden? Michel Hülskemper hat die Geschichten, Legenden und kleinen Geheimnisse aus seiner großen Familie eingesammelt und im eigenen Stil wiedergegeben. Seine Erzählungen sind eine vorsichtige Annäherung an den Gedanken, dass unsere Väter und Großväter vielleicht nicht nur Opfer waren. Ein sensibles Thema, das sicherlich bei den Lesern Erinnerungen und Gedanken an die eigene Familie freisetzt, zumal nicht nur das Schicksal der Soldaten, sondern auch das der Frauen und Mütter angesprochen wird. Was sie erlebt haben, ist immer einmalig und doch typisch für eine Zeit, deren Folgen bis heute nachwirken.

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Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Die Scham ist das Aschenputtel unter den Gefühlen.

Leon Wurmser

Inhalt

Hans im Glück

Das siebente Kind

Man schwebte über allem

Ausgebombt

Sommerferien

Hitlerjunge Heribert

Flucht in die Gefangenschaft

Als der Krieg zu Ende war

Wiedergutmachung

Vater hat nie geschossen

Besuchsdienst

Besenrein

P.S.

Hans im Glück

Hans ist praktisch ausgestorben. Kommt so gut wie gar nicht mehr vor. Ich meine jetzt: der Vorname. Jetzt nennen sie ihre Kinder: Jonas und Emma. Oder Ben und Mia. Oder Noah und Lena. Darüber bringen die Zeitungen jedes Jahr Statistiken. Ist noch nicht lange her, da hießen die Spitzenreiter: Chantale und Kevin.

Hans kennt man nur noch aus Filmen. Hans Albers zum Beispiel. Oder aus Märchen. Der Eiserne Hans, Hänsel und Gretel, der gescheite Hans. Oder eben Hans im Glück.

Hans hatte sieben Jahre bei seinem Herrn gedient, da sprach er zu ihm: „Herr, meine Zeit ist herum, nun wollte ich gern wieder heim zu meiner Mutter, gebt mir meinen Lohn“. Der Herr antwortete: „Du hast mir treu und ehrlich gedient, wie der Dienst war, so soll der Lohn sein“, und gab ihm ein Stück Gold, das so groß als Hansens Kopf war.

Ich hatte mal einen Onkel Hans. Aber ich kannte ihn kaum. Unsere Familien besuchten sich selten gegenseitig. Und wenn es in der Verwandtschaft etwas Besonderes zu feiern gab, blieb er meistens weg. Für mich war er ein alter Onkel, ganz am Rande der Bildfläche.

Der neue Trend ist übrigens, einen möglichst ausgefallenen Namen für seinen Sprössling zu finden. Also eben nicht einen aktuellen Modenamen, sondern einen, der möglichst einmalig ist. Xantippe, Sequoia, Godsgift gibt es schon und das Standesamt hat auch schon Schnuckelpupine zugelassen. Obwohl die Behörden doch eigentlich streng sind mit so etwas. Schnuckel kommt nicht in Frage, hatte ein Gericht entschieden, aber Pupina steht in einem internationalen Namensverzeichnis und deshalb kamen die Eltern dann doch mit dem Doppelvornamen durch. Cheyenne gibt’s ja schon länger.

Von Onkel Hans sind noch ein paar Fotos da. Und ein Brief. Auf den meisten Schwarz-Weiß-Bildern, die ich habe, trägt er eine Uniform.

Getauft war er übrigens auf Johannes. Wie vielleicht die meisten Jungen und Männer damals, die Hans hießen. Johannes, das hatte auch den Vorteil, dass die Eltern den zuständigen Patron quasi aussuchen konnten. Und damit den Namenstag für ihr Kind: Johann Nepomuk am 16. Mai, Johannes Savio am 7. September, Johannes vom Kreuz am 14. Dezember und so weiter. Der Namenstag war ja wichtiger als der Geburtstag. Ich hätte Johannes den Täufer gewählt, denn das ist am 24. Juni, also im Sommer. Aber der Namenstag spielt jetzt eh keine Rolle mehr.

Der häufigste Jungenname bei Neugeborenen war aber Mohammed. Ich meine jetzt, im vergangenen Jahr. Jedenfalls in Großbritannien. Interessant.

Onkel Hans hieß überall Hans. Und nie Johannes.

Irgendwann kam ich auf die Idee, die Fotos umzudrehen. Und da stellte ich fest, dass er hinten etwas drauf geschrieben hatte. Nicht auf alle, aber auf fast alle. Gute Handschrift. Immer noch hundertprozentig lesbar.

Johanna gabs früher auch viel. Tante Johanna: Wenn man das heute hört, weiß man gleich, dass das nur eine alte Tante sein kann. Eine ganz alte. Aber das ändert sich auch vielleicht wieder. Hannah ist ja heutzutage keineswegs selten und von der wäre es bis Johanna nicht mehr weit.

Ich hab die Fotos also alle umgedreht. Und dann in die richtige Reihenfolge gelegt. Das war kein Problem, weil Onkel Hans immer eine Jahreszahl dazugeschrieben hat. 1943 oder so. Die Ortsnamen sagten mir gar nichts.

Man kann ja mal fragen.

Ich hab seinen Sohn gefragt, ob er was darüber weiß. „Nö“, sagte er, „nichts“. Über den Krieg hätte sein Vater nie mit ihm gesprochen, niemals. Bloß eines: dass er irgendwo im Baltikum war. Mehr nicht.

Ist ja auch schon lange her. Muss auch nicht mehr sein, finde ich. Geht mich ja außerdem nichts an. Es waren schließlich auch nur ein paar Fotos.

Ich habs dann doch mal gegoogelt. Ich meine die Ortsnamen. Liegen alle in Russland. Aber nicht verstreut, sondern alle in der Nähe von St. Petersburg. Ich kenne mich dort nicht aus. Ich war noch nie in Russland.

Das mit den Vornamen ist so ein kleines Hobby von mir. Die Profis haben sogar ein extra Wort dafür: Onomastik. Klingt einfach besser als Namenskunde. Die erforschen alles, was mit Vornamen zusammenhängt. Es ist ein interessantes Gebiet. Okay, zugegeben, kein besonders angesagtes Hobby. Aber wenn man sechzig plus ist, steht man nicht mehr so auf diesen Racing Games mit Fußpedal und Lenkrad. Man macht ja auch kein Snow Boarding. Eher Minigolf. Es ist einfach so: Wenn ich den ganzen Tag lang nur Zahlen vor mir habe, wenn ich sonst nur kalkuliere und disponiere und fakturiere, damit unsere LKWs irgendwelche Sachen einigermaßen pünktlich durch Europa kutschieren, dann – ja, dann können Namen und ihr Drumherum schon mal ’ne ganz nette Abwechslung sein. Find ich jedenfalls.

In Leipzig gibt es an der Uni eine Namensberatungsstelle. Man glaubt es kaum, aber die haben 41 514 Vornamen registriert.

Das mit Onkel Hans hat mich dann doch interessiert. Dubowik, Pogodje, Wolchow: Die Namen habe ich auf der Landkarte gefunden. Und den Ladogasee und den Ilmensee. Die kann man wahrscheinlich aus einem Raumschiff mit bloßem Auge erkennen, so groß sind sie. Östlich von der Ostsee. Also rechts davon, falls das hilft. In der Nähe von St. Petersburg.

Übrigens: Johannesburg gibt es auch. Aber in Südafrika. Ganz unten auf dem Globus. Wo war ich stehen geblieben? Ja, St. Petersburg: Es hieß damals: Leningrad. Und jetzt müsste ich vielleicht doch den Brief erwähnen. Den hat Onkel Hans an seinen Vater geschrieben. Ein Familienerbstück. Lag lange tief in einem Schrank versteckt.

Unsere Winterausrüstung haben wir bereits bekommen, sie ist ganz phantastisch! Angefangen von den Filzstiefeln bis zur gefütterten Kopfhaube, Bauchwärmer, Knieschützer, eine wunderbare Pelzweste mit langen Ärmeln usw. usw. Du siehst, es ist alles da u. für uns wird wirklich alles getan! Übrigens liege ich immer noch am selben Platz! Ich gedenke auch den kommenden Winter hier zuzubringen, der hier oben zwischen Ladoga- und Ilmensee nicht sehr zart ist. Na – wir sind ja eingedeckt mit warmen Sachen u. können es schon aushalten.

Echt – so hat der sich ausgedrückt! „Ich gedenke, auch den kommenden Winter hier zuzubringen“: Das klingt schon ein bisschen wie Goethe und Schiller. Aber was mich dann doch ein bisschen gewundert hat: Woher konnte er wissen, dass er auch im nächsten Winter an der gleichen Stelle bleiben würde? Mitten im Zweiten Weltkrieg? Mitten in Russland? Komisch. Das passte nicht zu dem bisschen, was wirklich jeder weiß, der schon mal mit der Fernbedienung herumgezappt hat. War es nicht so: Erst der Überfall auf die Sowjetunion und dann änderte sich alles in Stalingrad. Und dann die ewigen Rückzugsgefechte in diesem wirklich großen Land. Jahrelang. Bis die letzten Überreste der Wehrmacht wieder da waren, wo sie angefangen hatten. Zurück in Deutschland.

Ich hatte übrigens noch einen anderen Onkel Hans. Aber das ist noch länger her und den habe ich kein bisschen kennen gelernt. Dieser Onkel war auch Soldat, aber er brauchte keinen Winterpelz.

Dieser Onkel Hans war auch auf Johannes getauft. Übrigens in Schalke. Aber er hieß auch nur Hans. Jedenfalls in Deutschland.

Dann passierte etwas, wovon keiner genau weiß, was eigentlich. Er war beim Militär, noch unter Kaiser Wilhelm, und hat sich mit seinem Vorgesetzten angelegt. Hat ihm eine gescheuert und das vor versammelter Mannschaft. So wurde es jedenfalls in der Familie erzählt, hinter vorgehaltener Hand. Zuerst wurde er eingebuchtet und dann verschwand er von der Bildfläche. Für viele Jahre.

Onkel Hans kam bei der Fremdenlegion unter. Die brauchte dringend Leute. Frankreich war nämlich dabei, Marokko zu erobern und das stellte sich als schwieriger heraus als gedacht. Überall gab es Aufstände. Und Onkel Hans war mittenmang dabei.

Vielleicht nannten sie ihn dort Jean? Keiner weiß es.

Hinterher hat er nicht viel darüber gesprochen. Es war ja auch nicht alles schön, was da ablief. Die Fremdenlegion war noch nie zimperlich. Und die Berber wollten einfach nicht zu Frankreich gehören. Welches Land wird schon gerne eine Kolonie von einem anderem?

Warum erzähle ich das alles? Interessanter ist vielleicht, dass Hans so etwas wie Iwan war. Ja, ich meine jetzt Iwan, den russischen Vornamen. Den haben anscheinend unheimlich viele Russen. Und vielleicht deshalb haben die deutschen Soldaten einfach gesagt: der Iwan. Und damit meinten sie dann die russischen Soldaten und alles, was dazu gehörte. Auch noch nach dem Krieg. Der Iwan machte einen Angriff auf unsere Stellung. Der Iwan lauerte im Wald überall. Der Iwan kam immer näher heran. Der Iwan will die Weltherrschaft. Und so weiter.

Und was für die Deutschen der Iwan war, das war für die Russen und auch für die Engländer der Hans. Vermutlich stellten sie sich dabei eine Masse von großen Soldaten vor, mit blauen Augen und blonden Haaren und diesen Stahlhelmen. Der Hans bombardiert London, der Hans hat alle Juden abgeholt und so weiter. Das hat sich aber nicht überall durchgesetzt. Jedenfalls nicht bei den Engländern. Die sagen bis heute für die Deutschen lieber: die Krauts.

Jedenfalls, die Spanier bekamen das Rif-Gebirge und ein Stück von der Sahara, die Franzosen den größeren Rest. Die Spanier verteilten auf ihrem Gebiet Senfgas, flächendeckend, bis Ruhe herrschte. Die Franzosen kamen auf ihrem Terrain mit Panzern und Kanonen. Als sie damit fertig waren, hatte Onkel Hans seine Dienstzeit laut Vertrag beendet. Auftrag erfüllt, sozusagen.

Das mit dem Kolonialkrieg weiß ich nur zufällig, weil ich mal zu Besuch in Marokko war. Man sieht aber nichts mehr davon. Zum Beispiel, dass Chefchaouan, die wunderbare blaue Stadt, aus der Luft beschossen wurde: Schnee von gestern, so wie der Schnee auf den Bergen ringsum.

Vielleicht brauchte Onkel Hans doch eine Winterausrüstung? Man kann ja in Marokko sogar Ski fahren. Keine Ahnung.

Jedenfalls, er bekam ein schönes Entlassungsgeld und kehrte in die Heimat zurück. Der Kaiser war längst weg. Adolf war gerade an der Macht und auch sonst schwer im Kommen. Es gab sogar Leute, die ihrer Tochter den Namen Adolfine gaben. Kommt sogar heute noch vor. Jedes Jahr werden rund 20 Kinder wie dieser Verbrecher genannt. Man will es kaum glauben.

Mein Onkel Hans eröffnete einen Laden in Essen an der Ruhr, direkt an der Rüttenscheider Straße. Eine Drogerie, denn das hatte er gelernt. Das klappte aber erst nicht. Dann lernte er seine Mimi kennen und mit der machte er in Recklinghausen ein Feinkost- und Delikatessengeschäft auf. Und das lief wohl richtig gut.

Hans im Glück, könnte man sagen.

Sein kompletter Vorname war übrigens Johannes Carl Maria. Carl mit C.

Wie seine Frau richtig hieß, weiß keiner. Sie hieß immer nur: Tante Mimi. Den Namen find ich witzig. Sie soll übrigens eine ganz Nette gewesen sein, wie Onkel Hans. Der hatte noch ein paar spezielle Erinnerungsstücke aus seiner Zeit bei der Fremdenlegion. Über dem Ehebett, wo normale Familien ein Kreuz oder eine Muttergottes oder eine kitschiges Bild hatten, hingen irgendwelche militärischen Abzeichen. Und eine Kompaniefahne und ein arabischer Krummsäbel.

Aber zurück zu dem anderen Onkel Hans. Okay, der hatte kein Delikatessengeschäft, aber Essen und Trinken spielten in Russland natürlich auch eine Rolle. Auf einem Foto sieht man ihn mit einigen Kollegen. Alle Offiziere. Einer hat seine weiße Ausgehjacke offenstehen, ganz lässig. Sie sitzen um einen Tisch und auf dem stehen unzählige Flaschen. Anscheinend eine mittelgroße Feier. Denen scheint’s ja gut zu gehen!

Mutter’s Apfelpaket ist tadellos angekommen, nicht ein einziger war verdorben, sondern alle prima. Herzl. Dank. Mir selbst geht es immer noch sehr gut. Die Verpflegung ist ausgezeichnet bei uns. Manchmal haben wir sogar „Hennessy“ oder „Martell“! Auch in dieser Hinsicht können wir also nicht klagen!

Ich hab mich dann doch mal erkundigt. Wie man das halt so macht, mit Wikipedia und so. Ich meine jetzt, das mit St. Petersburg. Beziehungsweise Leningrad.

Kurz gesagt war es so: Die Deutschen veranstalteten einen Blitzkrieg und eroberten, zackzack, halb Russland. Marschierten bei schönem Sommerwetter von Polen aus los, bis kurz vor Moskau. Und am Liebsten bis an die Wolga. Alle Welt wunderte sich, wie schnell das ablief.

In Leningrad erzählt man sich die Geschichte von der Straßenbahnfahrerin. An einem ruhigen Sonntagmorgen steuerte sie ihre Bimmelbahn wie immer bis zur Endstation in einem Außenbezirk von Leningrad. Dort stieg sie aus, um die Weiche von Hand umzulegen, damit sie wieder in die Stadt zurückfahren konnte.

Sie bückt sich und im Aufstehen sieht sie einen Panzer an der nächsten Straßenecke stehen. Aber es ist kein russischer Panzer. Und überhaupt, warum sollte hier einer stehen? Sie erkennt das Zeichen der deutschen Wehrmacht unter der Kanone und glaubt, dass das alles eine Fata Morgana ist. Nichts passiert. Sie steigt wieder ein, fährt zurück und wundert sich immer noch.

Vielleicht hieß sie Olga. Oder Tatjana. Oder Vera. Mit russischen Vornamen kenne ich mich nicht aus. Obwohl es die jetzt viel gibt in Deutschland. Auch Wladimir, Juri und so weiter.

Also, die deutsche Wehrmacht kesselte Leningrad einfach ein. Sie blockierte alle Zufahrtsstraßen und den Hafen natürlich auch.

Es war, so gesehen, eine Belagerung wie zu Barbarossas Zeiten. Man ließ einfach keinen rein und keinen raus und spielte auf Zeit. Die Eingeschlossenen würden schon irgendwann aufgeben.

Von da an war Schmalhans Küchenmeister. Das ist jetzt nicht von mir, sondern ein alter Ausdruck aus Grimms Märchen.

Nach und nach baute die deutsche Artillerie ihre Sachen auf. Immer schön außenherum und nicht zu nahe dran. Auf der Landkarte muss das so eine Art Kreis gewesen sein. Leichte, mittlere und schwere Artillerie. Kanonen, Haubitzen, Mörser, Flak. Das ganze Sortiment. Ab und zu schossen sie auf die Stadt. Mal mehr, mal weniger. Mal bei Tag, mal bei Nacht. Immer schön unregelmäßig. Zwischendurch flogen die deutschen Kampfbomber ihre Angriffe. Vor allem schossen sie auf Gebäude, von denen sie wussten, dass dort Lebensmittel gelagert waren.

Außerdem passte die Artillerie auf, wenn mal ein russisches Flugzeug angeflogen kam und sie dabei stören wollte, auf die Stadt zu schießen. Das holten sie dann vom Himmel, wenn es ging.

Ich hab vergessen zu erzählen, dass Onkel Hans bei der Artillerie war.

Das war eigentlich nicht das, was er ursprünglich gewollt hatte. Er ist einfach für sein Leben gern geritten. Schon als Junge. Deshalb hatte er sich zur Kavallerie gemeldet. Da konnte er sozusagen von Berufs wegen jeden Tag auf einem Gaul sitzen. Nach der Schule hatte er sich zur Reichswehr gemeldet. Freiwillig. Dafür musste er sich für zwölf Jahre Dienstzeit verpflichten; drunter ging’s nicht. Also packte er als junger Mann in Essen seine Sachen und zog in die Kaserne nach Münster. Dort soll ja die ganze Gegend nach Pferd riechen.

Es kam aber ein bisschen anders. Das hing damit zusammen, dass er schon bald einen neuen Chef kriegte: Hitler. Der fand die Kavallerie altmodisch und schaffte sie kurzerhand ab. Na, und so kam Onkel Hans zur Artillerie. Und nach Leningrad.

Ich nehme an, dass er vorher noch nie in Russland war. Ich will jetzt keine Verwirrung stiften, aber ich hatte noch einen dritten Onkel Hans. Der war auch in Russland. Aber nicht in Leningrad, sondern irgendwo anders in diesem riesigen Land.

Von ihm ist auch noch ein Brief da. Aber nicht an seinen Vater, sondern an seine Mutter.

Noch so ein Familienerbstück.

Wo dieser Onkel Hans gerade war, als er seinen Brief schrieb, weiß ich nicht, denn Ortsnamen durften keine genannt werden. Das war ja geheim. Und viel Platz hatte er auch nicht. Feldpostbriefpapiere waren nicht groß, aber dafür praktisch. Man schrieb auf die eine Seite. Dann falten, einklappen, ablecken, zukleben und zum Schluss noch die Adresse auf die Außenseite. So sparte man sich den Umschlag.

Meine geliebte Mutter! Auch heute kann ich Dir sagen, daß es mir noch recht gut geht. Ich habe über nichts zu klagen. Leider habe ich nicht viel Gelegenheit zum Schreiben.

Es stimmt wirklich, dass ich drei verschiedene Onkel Hans hatte. Ehrlich. Na gut, der in Marokko und der irgendwo in Russland, die zwei waren Großonkel, also Brüder von meinen beiden Omas. Aber eben doch Onkel, oder nicht?

Man darf nicht vergessen: Hans war der häufigste Jungenname überhaupt. Jahrzehnte lang. Hans und Johannes jetzt mal zusammen genommen.

Also ist es kein Wunder, dass der Name auch in unserer Familie eine gewisse Tradition hat.

Während der eine Onkel Hans Leningrad belagerte, war der andere unterwegs, um den Rest von Russland zu erobern. Der dritte Onkel Hans verkaufte vermutlich weiter seine Delikatessen in Recklinghausen, denn für diesen Krieg war er zu alt.

Im Internet kann man alles Mögliche finden. Ich bin dort natürlich ab und zu unterwegs. Wegen meinem Hobby. Da gibt es eine Seite, wo man nach dem Image von Namen gefragt wird: Wie empfinden Sie Träger dieser Vornamen? Und dann kommt eine lange Liste und man kann ankreuzen. Also praktisch so eine Art Meinungsabstimmung. Folgendes kann man zum Vornamen Hans zusammenfassen: bekannt, gewöhnlich, nicht wohlklingend, alt, sehr männlich. Ist aber nicht repräsentativ.

Leningrad sollte mürbe werden. Wie im Mittelalter.

Aber diese Belagerung war doch speziell. Leningrad war nämlich keine Kleinstadt. Es gab zwei Millionen Einwohner. Oder vielleicht sogar drei. Und außerdem hatte die deutsche Wehrmacht gar nicht vor, die Stadt zu erobern. Sie sollte einfach nur ausgehungert werden. Und das klappte auch halbwegs. Sogar wortwörtlich.

Im Buchladen bin ich auf Lenas Tagebuch gestoßen. Na ja, wenn man mit einem Thema mal angefangen hat, dann fällt einem ständig etwas auf, was man sonst nicht beachten würde, egal wo man ist. Ich sah also dieses Buch auf dem Stapel, las den Klappentext und dann hab ich’s mir gleich gekauft und gelesen.

Lena lebte zu der Zeit in Leningrad, als mein Onkel Hans auch dort war. Sie erlebte alles mit.

Die Lage in der Stadt bleibt sehr angespannt. Wir werden aus Flugzeugen bombardiert, aus Geschützen beschossen, aber das ist noch gar nichts, wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir uns selbst darüber wundern. Aber dass unsere Verpflegungssituation sich jeden Tag verschlechtert, das ist furchtbar … Ich habe schrecklichen Hunger, fühle eine furchtbare Leere im Magen. Ich sehne mich nach Brot.

Das Mädchen tat mir echt leid. Sie war ja erst sechzehn. Im Mai fing sie ihr Tagebuch an, weil sie so furchtbar von einem Jungen schwärmte, Wowka hieß er, aber er beachtete sie kaum. Also schrieb sie seitenweise über ihre Gefühlswallungen, über den Tratsch mit ihren Schulfreundinnen und über ihre Zukunftsträume. Ziemlich kitschig, ehrlich gesagt. Aber dann griffen die Deutschen Russland an, es war plötzlich Krieg und Leningrad war im Nu eingekreist. So ernst wie die Lage war, genauso ernst schrieb Lena von da an.

Jetzt ist es zwölf Uhr nachts. Heute gab es neun Fliegeralarme … O Gott, wie sehr einen diese häufigen Fliegeralarme zermürben … Der letzte, neunte Fliegeralarm war furchtbar. Immer wieder bebte die Erde von den Explosionen der Sprengbomben. Und währenddessen hörte man pausenlos Flugzeuglärm, obwohl unsere Flak aus allen Rohren feuerte. Bomben explodierten, wie es schien, ganz in der Nähe. Und jedes Mal rollten wir uns instinktiv zusammen, wir hatten das Gefühl, eine Bombe werde jetzt gleich unser Haus trefen. Aber wir hatten Glück …

Auf den Straßen ein Durcheinander, ein Wirrwarr. Die Menschen rennen wie von Sinnen … Meiner Meinung nach wird es in dieser Stadt, wenn es zehn Tage lang jeden Tag neunmal hintereinander Fliegeralarm gibt, mehr Geistesgestörte geben als geistig gesunde Menschen.

So ging es immer weiter. Dann kam der Winter. Die Lebensmittelvorräte waren so gut wie aufgebraucht. Brennholz und Kohle gab es auch bald nicht mehr. Im Oktober fiel der erste Schnee. Lena schrieb auf, wie klein und immer kleiner die Rationen wurden, wie kalt die Wohnungen. Und die Leute immer schwächer und apathischer.

Ich weiß nicht, wie Onkel Hans dazu stand. Ob er stolz war auf diesen Krieg. Und darauf, dass er dabei mitmachte. Oder geknickt. Ob es ihm peinlich war, was mit den Leuten in der eingeschlossenen Stadt passierte. Oder egal? Keine Ahnung.

Ich weiß auch nicht, ob er gern Soldat war. Ob er Hitler gut fand. Ob er ein netter Kerl war oder ein grausamer Typ. Die russische Propaganda behauptete, alle deutschen Soldaten wären gewissenlose Kinderfresser.

Ob Onkel Hans Glücksgefühle hatte, wenn er seine Befehle gab, wenn er die Kanonen abfeuern ließ, wenn sie trafen? Ich kann es mir schlecht vorstellen.

Lena und er kannten sich jedenfalls nicht. Logisch.

Lena schrieb, sooft sie Zeit hatte.

Im Radio wird von nichts anderem geredet, dass wir den Feind bald von Leningrad vertreiben werden, dass es nun nicht mehr lange dauert. Und sobald der Feind vertrieben ist, werden sich Ströme von Lebensmitteln nach Leningrad ergießen. Aber so lange müssen wir durchhalten. Wir halten ja auch durch, aber das ist so schwer. Manchmal verzweifelt man auch, manchmal denkt man, nein, wir werden alle wie die Fliegen verrecken, wir werden den hellen Tag des Sieges nicht mehr erleben.

Als der Winter zu Ende war, hatten die Leningrader alles nur Denkbare aufgegessen. Auch ihre Hunde und ihre Katzen und ihre Kanarienvögel. In der ganzen Stadt gab es keine Spatzen und keine Krähen mehr. Angeblich auch keine einzige Ratte. Die Menschen aßen Gelee aus Tischlerleim und gekochtes Schuhleder und Schmierfett und Tapetenkleister. Wenn sie etwas davon hatten. Und die süße Erde von der zerschossenen Zuckerfabrik, in der nach einem Bombenangriff alles geschmolzen und irgendwohin geflossen war.

Schrecklich.

Aber am Schlimmsten war für Lena, dass sie nach kurzer Zeit ganz allein war. Von fremden Menschen umgeben, denen sie egal ist, schrieb sie. Der Vater war schon seit vielen Jahren tot. Aber in diesem Belagerungsjahr starb ihre Mutter. Und dann ihre Ziehmutter, Tante Lena. Und auch noch Aka, die alte Tante, die mit ihnen in der Wohnung lebte. Lena musste die gefrorenen Leichen auf einem Kinderschlitten zum Friedhof ziehen. Dort wurden sie mit anderen zusammen aufgestapelt. Es waren sehr, sehr viele. Im Frühjahr sollten sie alle in Massengräbern beerdigt werden.

Lena hieß übrigens mit vollem Vornamen Jelena Wladimirowna. Wla-di-mi-rowna. Russische Vornamen sind für uns manchmal schwer auszusprechen. Wladimir wäre schon leichter. Lena wurde nur Lena gerufen. Und sie nannte sich auch selbst so. Irgendwann fing sie sogar an, in der dritten Person von sich selbst zu sprechen, ich meine, zu schreiben.

Ich wollte aber doch eigentlich nicht über die Leute von Leningrad reden, sondern über Onkel Hans. Es soll nicht hinterher heißen: Thema verfehlt.

Von Onkel Hans gibt es, wie gesagt, ein paar Fotos aus der fraglichen Zeit. Manchmal ist er selbst gar nicht drauf zu sehen, sondern nur andere Soldaten, die in einer Kolonne marschieren. Oder locker zusammenstehen, Zigaretten in der Hand, und freundlich in die Kamera lächeln. Ich kenne mich mit Rangabzeichen nicht so gut aus, aber meistens sind es Höhergestellte. Jedenfalls die vorn im Bild. Er war ja selbst einer. Leutnant.

Auf etlichen Fotos geht es um eine solide kleine Blockhütte, so richtig aus Holzstämmen gezimmert. Sieht aus wie ein romantisches Wochenendhäuschen. Von so etwas habe ich geträumt, als ich noch ein Junge war und so sein wollte wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn.

Das Dach mit Tannengrün abgedeckt, wahrscheinlich zur Tarnung. Im Giebel ein großer geschnitzter Adler mit Hakenkreuz. Onkel Hans auf der Terasse vor der Tür. Mal im Sitzen, mal im Stehen. Mal mit einem Fliegenschutznetz an seiner Mütze, das er kurz zur Seite schiebt, wenn er geknipst wird. Auf der Rückseite hat er notiert: Schreibstube 11. Batterie 3. Artillerieregiment 12 (L). Sommer 1943.

Onkel Hans hieß übrigens komplett: Johannes Karl Maria. Karl mit K.

Dass früher viele Jungs den zweiten Namen Maria bekamen, find ich doch komisch. Oder kennt jemand ein Mädchen, das mit dem zweiten Vornamen Josef heißt? Zum Beispiel: Sophia Charlotte Josef? Kein Mensch käme auf diese Idee. Vielleicht waren alle Eltern, die ihren Sohn damit kennzeichneten, tief gläubige Verehrer der Muttergottes. Oder sie dachten sich einfach nichts dabei. Aber das kann ich mir auch nicht vorstellen.

Aber man kann sich die Sache ja mal weiter ausmalen. Zum Beispiel: Rainer Maria Rilke gegen Rosamunde Josef Pilcher. Dann wäre der Vater von Jesus doch emanzipiert, oder?

Ich muss zwischendurch wieder an Lena denken. Ihr Tagebuch hörte Ende Mai plötzlich auf.

Später hat man herausgefunden, dass sie nicht mehr in Leningrad war, als Onkel Hans sich vor seiner Jägerhütte fotografieren ließ. Sie hatte Glück gehabt. Sie gehörte zu denen, die in eine andere Stadt evakuiert werden konnten. Es gab zu der Zeit nämlich noch einen einzigen Ausweg, eine gefährliche Straße, über die etwas Nahrung herein- und Bewohner herausgeschafft werden konnten.

Der Belagerung ging weiter. Auf einigen Fotos ist Onkel Hans mit Stiefeln im Schnee und im Matsch zu sehen, auf anderen wieder mit Fliegennetz am Kopf. Die Stechmücken waren im Sommer bestimmt eine Plage.

Die Russen wollten natürlich ihre Stadt von den Deutschen befreien und sie versuchten es immer wieder, von vorn und von hinten. Regelrechte Schlachten fanden statt, genau in dem Gebiet, in dem Onkel Hans stationiert war. Die wurden sogar durchnummeriert. Erste Ladoga-Schlacht, zweite und so weiter.

Bestimmt gab es auch in seiner Einheit Tote und Verletzte.

Vielleicht hatte er auch Angst, dass ihm etwas zustoßen könnte. Dass er von einer Kugel erwischt würde. Dass ihm eine Granate auf den Kopf fallen könnte. Oder etwas Ähnliches.

Auf einigen Bildern sieht er sehr ernst aus.

Wie auch immer: Onkel Hans hielt die Stellung.

Übrigens liege ich immer noch am selben Platz! Ich gedenke auch den kommenden Winter hier zuzubringen, der hier oben zwischen Ladoga- und Ilmensee nicht sehr zart ist.

Das war nun schon der dritte Herbst der Belagerung von Leningrad. Und Onkel Hans befördert zum Oberleutnant.

Durch den Oberleutnant, besser gesagt durch seinen Brief habe ich eine neue Abkürzung gelernt: HKL. Bedeutet: Hauptkampflinie. Das ist da, wo am meisten geschossen wird. Also die Front an sich.

Du rätst mir nun, mich einmal mit einem Feldgeistlichen auszusprechen, ja, Vater, hier vorn zu uns kommt keiner! Und nach hinten komme ich so selten, dass ich dort nur zufällig einen treffen könnte. „Hinten“ heißt bei uns auch nur ca. 8 km hinter der HKL, weiter komme ich nämlich nicht zurück und dann auch nur, wenn ich meinen Papierkrieg erledigen muß.

Man könnte jetzt sagen: Die Belagerung war immer noch erfolgreich. Auch im nächsten Winter wurden in Leningrad wieder die Verhungerten und die Erfrorenen in rauen Mengen gestapelt. Aber das konnte Onkel Hans vielleicht nicht wissen.

Vielleicht wusste er auch nicht, dass Hitler persönlich den Befehl gegeben hatte: Belagern und abwarten, bis da drinnen alle verreckt sind! Die oberste Heeresleitung hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass alles so lange dauern würde.

Ich weiß, es ist kein Kunststück, mit dem Wissen von heute anzukommen und einen auf schlau zu machen. Besserwisserei ist die Krankheit der später Geborenen. Aber es war so. Die Heeresgruppe Nord hatte klare Anweisung aus Berlin:

Sich aus der Lage in der Stadt ergebende Bitten um Übergabe werden abgeschlagen werden, da das Problem des Verbleibens und der Ernährung der Bevölkerung von uns nicht gelöst werden kann und soll. Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht in diesem Existenzkrieg unsererseits nicht.

Jetzt muss ich zur Abwechslung doch einmal etwas anderes ansprechen. Wie schon eingangs erwähnt, machen sich junge Mütter und junge Väter viel Kopfzerbrechen darüber, welchen Namen sie ihrem Kind geben sollen. Die Zeitschrift ELTERN hat ein Internetforum und dort habe ich diesen besorgten Artikel gefunden:

Vorname Hans – geht das? hallo. im januar wird unser sohn zur welt kommen! wir sind schon total aufgeregt und freuen uns sehr auf den kleinen. es gibt nur noch ein kleines bzw. großes problem ... der vorname! seit beginn meiner schwangerschaft haben wir unseren kleinen „hans“ genannt – dieser name stößt allerdings bei den meisten auf ablehnung. für uns ist er mittlerweile sehr vertraut und wohlklingend, allerdings weiß ich nicht, ob ich meinem kind damit einen gefallen tun werde. ich bin mittlerweile total verunsichert und hoffe deshalb gaaanz fest auf eure mithilfe und viele antworten, was meint ihr dazu?! ist dieser name soo schrecklich?

Der Mutter wurde geholfen – mit diversen Ratschlägen. Macht das ruhig, so waren einige Einträge, denn alte Namen sind wieder im Kommen. Oder als Alternative einen Doppelname mit Hans aussuchen, wie zum Beispiel Hans-Peter. Den sauren Namen wie einen Saft verdünnen, sozusagen.

Ok, ich könnte wieder auf meinen anderen Onkel Hans zu sprechen kommen. Der war immer noch in Russland unterwegs. Im Mittelabschnitt der Ostfront, so hieß es. Die Wehrmacht hatte ja immer noch den Befehl, den Lebensraum im Osten zu erobern, wegen Hitlers Traum vom neuen Großdeutschland. Wenn der Krieg erfolgreich zu Ende wäre, so der Plan, sollten Deutsche angesiedelt werden. Die würden Russland germanisieren, überall schöne Bauernhöfe gründen und alles in blühende Landschaften verwandeln, bis zum Ural.

Das klappte aber nicht. Die Wehrmacht kam nicht mehr voran. Im Gegenteil.

Wenn ich nicht völlig falsch informiert bin, waren die Deutschen längst auf dem Rückzug, als Onkel Hans den Brief an seine Mutter schrieb. Aber er drückte es anders aus:

Wie du aus den Wehrmachtsberichten gehört hast, sind wir nun wieder ein Stück näher an Deutschland gekommen. Das ist bestimmt nicht gut, jedoch ist das noch lange kein Grund zum Verzweifeln.

Onkel Hans war schon tot, als ich zur Welt kam. Ich weiß kaum etwas über ihn. Dass er in Köln studiert hatte. Dass er Handelslehrer war, verheiratet, keine Kinder. Dass er einen Deutschen Schäferhund hatte. Dass er gern Motorrad fuhr.

Ein paar Fotos sind auch noch da. Nicht viele. Auf einem ist er in vollem Wichs. Ein echt schräger Ausdruck. So nannten die das, wenn man zu einer Studentenverbindung gehörte. Da sitzt er mit seiner bestickten Jacke, der komischen Mütze, den übergroßen Lederhandschuhen und dem Säbel in der Hand. Ob er sich damit eine Narbe ins Gesicht schlagen ließ, weiß ich nicht.

Keine Ahnung, was in ihm vorging. Ich weiß nicht, wie er so war, als Mensch, meine ich jetzt. Ob er den Plan vom Lebensraum im Osten gut fand. Kann ja sein, dass er von einer Zukunft als Rektor einer Handelsschule träumte. In einer hübschen, neuen, deutschen Stadt an der Wolga. Oder auf der Krim.

Vielleicht dachte er, dass dieser Russlandkrieg einfach glatter Wahnsinn war, aber er konnte es niemandem sagen.

Vielleicht war er einfach übermüdet, ständig unter Stress. Vielleicht hatte er auch mal Heimweh.

Er hat bestimmt viel Feuer gesehen. Vielleicht auch gelegt, wer weiß.

Taktik der verbrannten Erde: Das war der Rückzugsbefehl für die Soldaten der Heeresgruppe Mitte. Die Kornfelder hatten sie sowieso schon angezündet, weil sich Russen darin verstecken könnten. Aber jetzt, als alles nur noch im Rückwärtsgang lief, steckten sie alles in Brand. Häuser, Dörfer, Kirchen, Scheunen. Bahnhöfe und Schulen und Molkereien und Krankenhäuser und die kleinsten Holzhütten. Einfach alles.

Die Russen hatten ja fast alles aus Holz gebaut. Nur die Schornsteine nicht, die waren gemauert, was denn sonst. Und jetzt gab es also Dörfer und Städte, in denen nichts mehr stand außer Schornsteinen. Ein lockerer Wald aus Schornsteinen. Gespenstisch sah das aus. Ich kenne den Anblick zum Glück nur von Fotos.

Ich weiß nicht, ob Onkel Hans dabei mitgemacht hat. Ich weiß nur, dass er Unteroffizier war. In einem Grenadier-Regiment. Das waren die Leute, die mit Lastwagen oder Panzern an die HKL gefahren wurden und dann zu Fuß weitermachten.

Es wäre so schön, jetzt über etwas anderes zu reden. Hab ich schon gesagt, dass man mit Namen Geld verdienen kann? Das Zauberwort heißt: Adressenhandel. Und das kommt davon, dass Vornamen auch so etwas wie Modeartikel sind. Das heißt, sie kommen und gehen. Und wenn man dann rückwärts schaut und einen Namen hört oder liest, dann kann man daraus schließen, wann die Person geboren ist und wie alt sie gerade ist. Wenn man sich damit auskennt.

Und daraus machen bestimmte Firmen ein Geschäft. Also, sie haben zuerst Statistiken erstellt, wann in den letzten hundert Jahren welche Namen besonders häufig vorkamen. Und dann durchleuchten sie Telefonbücher und andere Namenslisten, legal oder illegal, egal, nach ihren Suchkriterien. Per Computer, versteht sich.

So. Und wenn ich jetzt, sagen wir mal, gerne Werbung machen würde für ein bestimmtes Produkt bei alten Damen zwischen 60 und 80 in einer bestimmten Stadt, dann kann ich entsprechende Adressen kaufen und den Damen meine Werbebroschüren zusenden. Das passt einigermaßen, nach den Gesetzen der statistischen Wahrscheinlichkeit. Ungenauigkeiten und Streuverluste muss man in Kauf nehmen.

Streuverluste hatte auch Onkel Hans in Leningrad, denn nicht jede Kanonenkugel traf ihr Ziel. Aber ich will jetzt nicht ironisch werden. Auch Onkel Hans in Leningrad machte sich über den Kriegsverlauf seine Gedanken. In dem Brief an seinen Vater schrieb er:

Die Ereignisse an der Ostfront sind zwar ernst, aber für uns liegt nicht im Geringsten Veranlassung vor, an unserer Lage zu verzweifeln. Wir hatten wirklich einmalige Erfolge, die immer zwar freudig begrüßt, aber immer auch als selbstverständlich hingenommen wurden. Wenn wir nun unsere vordere Linie an der Ostfront zurücknehmen, dann in der Hauptsache, um unsere Nachschubwege zu verkürzen, und damit dem Bandenwesen in den weiträumigen rückwärtigen Gebieten durch dichtere Truppenbelegung energisch u. rücksichtslos entgegenzutreten. Aber das ist kein Grund, um schwarz zu sehen. Laß die Burschen von der anderen Seite doch frohlocken über Erfolge, die gar keine sind, sondern nur eine geplante und exakt durchgeführte Maßnahme unserer Führung. Was gewinnt denn z.B. der Russe? Gebiete, die ihm im Augenblick aber auch garnichts bringen! Zerstörte Straßen, Eisenbahnen, Fabriken usw., für deren Wiederherstellung er lange Zeit brauchen wird.

Onkel Hans war zum Batteriechef ernannt worden. Das heißt, für Laien: Er hatte eine ganze Menge Kanonen unter sich und ’ne Masse Soldaten dazu.

Bitter ist es augenblicklich noch für Euch und alle in der Heimat, die unter den gemeinen Bombenangriffen zu leiden haben. Dieser Krieg fordert nun einmal von jedem Opfer, gleich ob er an der Front steht oder in der Heimat arbeitet. Aber eines Tages wird es soweit sein, dann wird abgerechnet! Dann wird jeder deutsche Landser, der jetzt irgendwo an der Front steht und seinen Groll über die satanischen Bombardierungen deutscher Frauen und Kinder still in sich hineinfrißt, nicht mit Seidenhandschuhen arbeiten! Und wenn dann endlich einmal wieder Frieden ist und ich sollte das erleben – Vater, ich werde dann dem lieben Gott von ganzem Herzen danken u. wissen, was ich dann zu tun habe. Solange aber dürfen wir nicht schwach werden und nachgeben, wenn’s auch manchmal noch so schwer fällt. Vergessen wir nicht die vielen Toten, die dieser Krieg bisher gekostet hat, deren Opfer aber sinnlos wäre, wenn wir schlapp machen. Wie mit Miesmachern u. solchen Leuten, die die öffentliche Ruhe, das Vertrauen zur Front zu untergraben versuchen, verfahren wird, darüber besteht ja nach der letzten Führerrede auch kein Zweifel.

Ich würde mich jetzt wirklich lieber mit etwas anderem beschäftigen. Mit Blumennamen zum Beispiel. Ich habe eben zwischendurch im Garten eine Marbel eingepflanzt. Eine Wald-Marbel. Und dabei ist mir eingefallen, dass es viele Pflanzennamen gibt, die auch Mädchennamen sind. Zum Beispiel Iris. Oder: Erika, Rose. Viola. Jasmin. Hortensia. Ist das nicht schön?

Ich kenne aber keine Blume, die einen Jungennamen trägt. Peterblume? Hansblume? Nicht, dass ich wüsste. Mir fällt nur Männertreu ein und das blüht bekanntlich nicht besonders lange.

Und Knabenkraut. Ist sogar eine Orchidee. Ausdauernd, krautig, laut Wikipedia. Die Blüten so gut wie duftlos. Blütenökologisch eine Täuschblume. Lockt Bestäuber an, gibt aber keinen Nektar ab. Interessant.

Ach ja, und Johanniskraut. Das passt doch wieder zum Thema, oder? Es blüht im Sommer. Sein Öl kann im Winter die Schwermut vertreiben, heißt es.

Eines Tages war es dann doch soweit. Die deutsche Wehrmacht musste ihren Belagerungsring rund um Leningrad aufgeben. Nach drei Sommern und drei Wintern, nach fast neunhundert Tagen, war Schluss mit der Blokada, wie die Russen es nannten. Das Wort versteht man doch sofort, oder?

Eine Million Leningrader waren tot.

Die meisten von ihnen verhungert oder erfroren.

Blumen und Mädchennamen fallen mir noch mehr ein. Rosemarie, Annerose, Flora, Margarita, Veronica. Dann auch noch Mädesüß und Lippenmäulchen. Gerlinde und Mimose. Mauerblümchen. Ok, gilt nicht. Aber die Schwarzäugige Susanne, die gibt es wirklich.

Na gut, lassen wir das.

Marbel als Mädchennamen schreibt man außerdem ohne r, also Mabel. Von Amabella. Und das kommt von dem lateinischen amabilis. Liebenswürdig.

Ich hab das alles nicht gewusst. Das mit Leningrad. Einverstanden, ich hab im Geschichtsunterricht auch nicht immer aufgepasst. Aber ich könnte schwören, dass wir das nicht durchgenommen haben. Und nach der Schule habe ich auch noch nie davon gehört. Bis vor kurzem. Seitdem ich mich mit Onkel Hans und dem Ganzen beschäftige.

Ich hab nicht gewusst, dass dort Menschen in den Hungertod getrieben worden sind, im ganz großen Stil, kann man sagen. Dass es Grausamkeiten gab auf beiden Seiten, furchtbare Grausamkeiten, ist allgemein bekannt. Aber dieses systematische Aushungern einer Millionenstadt?

In Russland kennt anscheinend jedes Kind die Geschichte der Blokada. Jedes Jahr wird daran erinnert. Für die Russen war es eines der größten Ereignisse des Krieges. Ein nationales Drama.

Ich hab natürlich auch nicht gewusst, dass Onkel Hans dabei mitgemacht hat. Woher denn auch.

Aber wundern tut es mich, ehrlich gesagt, nicht.

Ich meine jetzt gar nicht speziell Onkel Hans. Aber all diese deutschen Soldaten, die in Russland waren, die haben dort doch nicht nur Bier und Cognac getrunken und Karten gespielt. Die haben doch einen Krieg geführt. Das geht mir nicht aus dem Kopf. Was haben die dort gemacht?

Vielleicht will ich es auch gar nicht wissen.

Es gibt ja außerdem kaum noch welche, die man fragen kann. Die meisten sind schon tot.

Onkel Hans bekam eine Schussverletzung an der linken Hand. Das war sein Glück. Sein Heimatschuss. Er wurde nach Deutschland versetzt, in die Heimat, und zwar buchstäblich.

In Essen-Kray kommandierte er eine Flak-Batterie, die die feindlichen Bomber abschießen sollte. Sie lag nur ein paar Kilometer von seinem Zuhause in Essen-Holsterhausen entfernt.

Aber nicht mehr lange. Sein Elternhaus war bald nur noch Schutt und Asche.

Britische Fliegerbomben.

Mir fallen noch ein paar Blumennamen ein. Frauenschuh. Die Jungfer im Grünen. Nessi Tausendschön, aber das ist eine Sängerin, das gilt nicht.

Onkel Hans Leningrad und Onkel Hans Irgendwoinrussland kannten sich nicht. Aber ein bisschen Ähnlichkeit hatten sie vielleicht doch, ich meine, in ihren Ansichten.

Onkel Hans Irgendwoinrussland schrieb seinen Brief, als Stalingrad und Leningrad schon verloren waren. Oder befreit, je nachdem, wie man es betrachtet.

Der Führer ist beim letzten Attentat auf solch wunderbare Weise errettet worden, dass man es wie einen Wink des Schicksals auffassen kann. Der Himmel hat ihn uns erhalten und er wird sein Volk auch aus allen Nöten herausführen. Das ist unser fester Glaube.

So schrieb er Ende Juli 1944 an seine Mutter.

Ich kann das jetzt nicht gut aushalten. Ich muss zwischendurch mal an etwas anderes denken. Zum Beispiel an Hans im Glück und all die schönen Märchen der Gebrüder Grimm, die ich so gern lese. Hans hatte ja diesen Goldklumpen bekommen. Und dann eingetauscht gegen ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein, eine Gans und am Ende gegen einen einfachen Feldstein. Eine verrückte Geschichte.

Man muss es jetzt einfach mal sagen: Die Geschichten meiner drei Onkel Hans sind keine lustigen Geschichten. Keine Anekdoten, die man immer wieder gern bei Familienfeiern erzählt. Weißt du noch, wie …? Erzähl nochmal die Story mit dem … Was haben wir gelacht!

Kriegsgeschichten taugen nicht dafür. Oder manche vielleicht doch? Als ich noch Kind war, kam es vor, dass lustige Geschichten aus Kriegszeiten erzählt wurden, von Nachbarn, von Onkeln, von meinem Vater, also von Leuten, die selbst dabei waren. Als ich größer wurde, beschlich mich eine leise Ahnung, dass das nicht alles gewesen sein kann. Über die schlimmen Sachen wurde nicht geredet.

Ich möchte jetzt doch die Geschichte zu Ende erzählen. Es führt ja kein Weg daran vorbei.

Also, Onkel Hans, der andere, nicht der in Leningrad, sondern derjenige, der immer noch irgendwo mitten in Russland war: Der hatte kein Glück. Man weiß nicht, wo es passiert ist, nur: wann.