Vater, Mutter, Kind - Stina Jensen - E-Book
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Vater, Mutter, Kind E-Book

Stina Jensen

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Beschreibung

Ein Umzug. Eine neue Chance. Und dann der Albtraum.

Nach der unerwarteten Trennung von ihrem Mann wagt Anja mit Tochter Mina einen Neuanfang. Sie bezieht ein altes Siedlungshäuschen, organisiert sich eine Tagesmutter und lernt Karsten kennen, der sie endlich wieder zum Lachen bringt. Doch immer deutlicher klopft die Vergangenheit an ihre Tür: Vor elf Jahren ist aus dem Haus ein Kind spurlos verschwunden. Tagesmutter Nerina und ihr Sohn können sich gut an den Vorfall erinnern. Aber sagen sie die ganze Wahrheit? Warum wird Nerina von Tag zu Tag nervöser? Selbst Karsten scheint ein Geheimnis zu verbergen. Und wonach sucht die Mutter des vermissten Kindes so verzweifelt auf dem Dachboden des Hauses? Je mehr Anja versucht, Klarheit zu gewinnen, desto dichter wird der Nebel. Ist sie mit ihrem Umzug direkt in die Fänge von Verbrechern geraten? Verschwindet Mina bald als nächstes?

Neuauflage! Dieser Roman ist bereits im Knaur Verlag unter dem Titel „Unglücksspiel“ erschienen.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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VATER, MUTTER, KIND †

THRILLER

KELLER & JENSEN

INHALT

Neuauflage

Das Buch

Keller & Jensen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Zwei Wochen später

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Vier Wochen später

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

Kapitel 90

Kapitel 91

Kapitel 92

Vier Wochen später

Kapitel 93

Kapitel 94

Kapitel 95

Glossar

Nachwort

Weitere Romane von Keller & Jensen

Hirngespenster

Klirrende Stille

NEUAUFLAGE

Bei diesem Roman handelt es sich um eine Neuauflage des bereits im Knaur Verlag unter dem Autorennamen Ivonne Keller erschienenen und inzwischen vergriffenen Titels „Unglücksspiel“. Sollten Sie dieses eBook versehentlich gekauft haben, wenden Sie sich unter [email protected] an die Autorin.

DAS BUCH

Nach der unerwarteten Trennung von ihrem Mann wagt Anja mit Tochter Mina einen Neuanfang. Sie bezieht ein altes Siedlungshäuschen, organisiert sich eine Tagesmutter und lernt Karsten kennen, der sie endlich wieder zum Lachen bringt.

Doch immer deutlicher klopft die Vergangenheit an ihre Tür: Vor elf Jahren ist aus dem Haus ein Kind spurlos verschwunden. Tagesmutter Nerina und ihr Sohn können sich gut an den Vorfall erinnern. Aber sagen sie die ganze Wahrheit? Warum wird Nerina von Tag zu Tag nervöser? Selbst Karsten scheint ein Geheimnis zu verbergen. Und wonach sucht die Mutter des vermissten Kindes so verzweifelt auf dem Dachboden des Hauses?

Je mehr Anja versucht, Klarheit zu gewinnen, desto dichter wird der Nebel. Ist sie mit ihrem Umzug direkt in die Fänge von Verbrechern geraten? Verschwindet Mina bald als nächstes?

KELLER & JENSEN

Die aus Hessen stammende Krimiautorin Ivonne Keller verfasst unter dem Pseudonym Stina Jensen Inselromane und -krimis – da bot es sich an, die beiden Namen für ihre Thriller miteinander zu verbinden.

Schon seit ihrer Kindheit liebt die Autorin das Spiel mit der Sprache. Bereits in der Schule begeisterte sie sich für englischsprachige Literatur und lernte später während eines Auslandsstudiums im andalusischen Granada Spanisch. Die Faszination für Sprache, gekoppelt mit dem Interesse für alles Menschliche, führte sie neben ihrer früheren Tätigkeit als Personalerin zum Schreiben. Dabei interessiert es sie besonders, was mit Menschen passiert, die kurz davor sind, auszuflippen: Wenn das Leben so anstrengend wird, dass die Fassade bröckelt und man auf das schauen kann, was dahinterliegt.

Nach Zwischenstopps in Granada und Offenbach lebt sie mit ihrer Familie seit vielen Jahren in der Wetterau.

www.ivonne-keller.dewww.stina-jensen.de

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Ku knon pula duhet knevin me ja hjek.

Mädchen, die pfeifen, und Hühnern, die krähen, soll man beizeiten die Hälse umdrehen.

1

Es gab Tage, da fühlte man sich wie in einem schlechten Film. Dieser war so einer.

Der unscharfe Ausdruck einer Internetseite, den Stefan mir an diesem Dienstagmorgen im Juli über den Tisch zuschob, zeigte ein Siedlungshäuschen aus den Fünfzigern mit der Überschrift Einzug sofort möglich.

Ich wusste überhaupt nicht, was ich davon halten sollte, und machte eine vage Handbewegung über unseren großzügigen Wohn- und Essbereich hinweg, dann tippte ich auf das Blatt und hatte Mühe, ernst zu bleiben. »Wir sollen dahin ziehen? Von hier weg?« Das konnte unmöglich sein Ernst sein. Das hier war unser Zuhause. Jedes Detail stimmte. Ich mochte glänzende Oberflächen und viel Platz. Hier war alles luftig und hell.

»Genau«, bestätigte mein Mann. »Du und Mina. Ich möchte diesen Ballast loswerden.«

Ich konnte nur den Mund aufsperren. Stefan machte anscheinend wirklich keinen Witz. Auf einmal fühlte sich mein Gesicht taub an. Als hätte mein Vater, der Zahnarzt war, mir nicht nur eine Spritze ins Zahnfleisch gesetzt, sondern mehrere Einstiche in meinen Wangen verteilt. Dann sah ich – abgelenkt von einem Geräusch – nach draußen zu Mina, unserer Tochter. Sie ließ auf der Wiese vor der Terrasse mit Hilfe des Gartenschlauchs Wasser in einen Eimer laufen, um es sich mit Madeleine von nebenan über den Kopf zu gießen.

Ich sah zurück zu meinem Mann, dann wieder auf das verschwommene Foto dieses heruntergekommen und düster wirkenden Häuschens. Wie sollte man den darin unser Sofa unterbringen?

»Ballast?«, hakte ich nach. »Meinst du damit mich und Mina?«

»Nein. Das Haus, Anja. Das ist der Ballast, den ich loswerden möchte. Ich verkaufe das Haus.« Stefan tippte auf den Ausdruck. »Dieses Häuschen hier in Bad Vilbel ist wirklich eine hübsche und günstige Alternative. Und eben kein Eigentum mehr. Von dort oben auf dem Heilsberg kannst du nach Frankfurt spucken – zu deiner Arbeit und zu Julia sind es nur zehn Minuten. Und eine Grundschule ist auch gleich um die Ecke.«

Er schien sich an einem aufmunternden Lächeln zu versuchen, das ihm aber gründlich misslang.

»Das Haus hat einen tollen Garten. Klein und schnuckelig«, fuhr er fort. »Damit hast du viel weniger Arbeit.«

Ich griff mir an den Kopf. Wann hatte ich mich über unseren Garten beschwert? Und Mina war doch schon auf der Montessorischule in Frankfurt angemeldet. Ich würde sie pro­blemlos jeden Tag hinfahren und wieder abholen. Das war seit Monaten so geplant. Meinen Job in Frankfurt bei einem Steuerberater erledigte ich an vier Tagen bis vierzehn Uhr – montags hatte ich frei –, danach war ich für meine Kleine da. Alles perfekt durchdacht. Und das Haus war doch kein Ballast, es war schuldenfrei! Stefan hatte es von seinen Eltern geerbt, nachdem sie und sein jüngerer Bruder bei einem Fährunglück in Italien ums Leben gekommen waren. Damals war er neunzehn Jahre alt gewesen.

Zugegeben, für uns drei war das Haus riesig. Wir hätten uns so etwas nie leisten können und vermutlich auch nicht ausgesucht, aber wir fühlten uns wohl. Ich wollte hier nicht weg.

Stefan schien mir die Zweifel anzusehen. »Schau mal, es ist wirklich viel praktischer.« Er tippte auf den Ausdruck und fuhr fort: »Und das Schulgeld sparen wir auch.«

Meine Kehle war trocken, und ich leckte mir über die Lippen. Wieso wollte er das Schulgeld sparen? Er würde doch durch den Verkauf seines Elternhauses jede Menge Geld bekommen. Was war denn mit dem Erlös?

In diesem Moment schallte das fröhliche Kreischen unserer Tochter durch die Terrassentür. Eine Ladung Wasser war auf ihrem Kopf gelandet. Ich griff nach Stefans Arm.

»Hör mal, was faselst du da? Hast du Sorgen in der Firma? Probleme? Du kannst es mir wirklich …«

Er ballte die Fäuste. Nicht wütend, eher so, als stünde er unter Hochdruck.

»Ich hab schon unterschrieben, Anja. Nächsten Monat zieht ihr beiden dort ein.« Er schob das Blatt Papier mit dem Foto des Häuschens noch ein Stückchen näher zu mir hin, als hätte ich ein tolles Geschenk noch nicht öffnen wollen.

Ich warf nicht einen Blick darauf, knabberte noch zu sehr an seinen Worten, die nur langsam zu meinem Verstand vordrangen.

»Was genau meinst du eigentlich mit ›zieht ihr dort ein‹? Kommst du etwa nicht mit?« Wir hatten erst vor acht Monaten geheiratet.

Stefan stand vom Tisch auf und drehte mir den Rücken zu, sah mit verschränkten Armen und ohne einen Ton zu sagen aus dem Küchenfenster, hinaus auf die Straße.

Ich wischte mir die schweißnassen Hände an meinen Shorts ab. Vielleicht kapierte ich einfach nicht, was er meinte. Es musste doch eine Erklärung geben für diese Sch…

»Ich werde für eine Zeitlang weggehen«, unterbrach er meine Gedanken. Dann drehte er sich wieder um, kam zu mir und hielt mich an den Schultern fest. »Vertrau mir, Anja! Bitte. Du musst mit Mina hier raus. Ich komme wieder, versprochen. Ich kann dir nur absolut nicht sagen, wann.«

Ich war fassungslos. Mir war danach, ihn anzubrüllen, ob er eigentlich noch ganz dicht wäre. Aber dann fielen mir diese Anrufe der letzten Wochen ein. Nie war jemand am anderen Ende der Leitung. Und die Angst kroch mir den Nacken hoch.

2

Mirë.

Gut.

Gut? Nein, nicht wirklich. Nerina Arifaj rupfte das letzte Fitzelchen Unkraut aus dem Blumenbeet, warf es in den von verwurzeltem Grün überquellenden Eimer an ihrer Seite und richtete sich auf. Sie wischte mit dem Unterarm den feinen Schweißfilm von der Stirn und schob eine herausgerutschte Strähne unter das Kopftuch.

Dann betrachtete sie das Beet, das sich von ihrer Gartenhütte am Zaun ihres Schrebergartens zum Nachbargrundstück hin erstreckte. Rote, gelbe und orangefarbene Blüten reckten ihre Köpfe der Sonne entgegen, als jubelten sie vor Freude. Diesen Blumen ging es gut. Doch wann hatte sie selbst das letzte Mal gejubelt? Vielleicht einmal vor vielen Jahren, als sie, Ajdin und Mirsad die Wohnung auf dem Bad Vilbeler Heilsberg, so nannte sich dieser Stadtteil, bekamen, in der sie seither lebten. Nerina hatte gedacht, dort könnte sie Frieden finden. Doch wenige Jahre später hatte Schwärze in ihr Leben Einzug gehalten. Eine Schwärze, in die sie immer wieder hineinfiel, unvermittelt und ohne Ankündigung. Als sei diese Schwärze hungrig und sperre ihr großes Maul auf, um sie zu verschlingen.

Abermals betrachtete sie das Beet. Sie hatte noch ein paar pinkfarbene Pflänzchen dazwischengesetzt, um Lücken zu füllen, in der Hoffnung, dem Unkraut ein wenig Einhalt zu gebieten, das in diesem Jahr besonders üppig spross. Genauso wie die Gurken und Zucchini, die sie ebenfalls anpflanzte, dazu Tomaten und Kopfsalat. Im Herbst gab es Kohl. Gedankenverloren griff Nerina nach einem der Kärtchen aus den Behältern der neuen Pflanzen. Teppichphlox Emerald Pink. Sie hatte noch immer die allergrößte Mühe, Deutsch zu lesen, selbst nach siebzehn Jahren. Das Wort winterhart verstand sie schon eher. Es drückte aus, wie sie sich in ihrem Herzen fühlte. Wenn man ihr den Prozess machte, würde diese Winterhärte ihr vielleicht helfen.

3

Wenn du wüsstest, wie es in mir aussieht. Immer, wenn ich dich so ansehe, packt mich unsägliche Wut. Du bist frei, und ich bin gefangen. Ich versuche wirklich immer, mein Bestes zu geben, »ein guter Junge« zu sein. Aber verdammt, es ist unendlich schwer, gut zu sein, wenn du siehst, wie sorglos andere durchs Leben gehen, während du selbst dich quälst mit diesen zwei Seelen in deiner Brust.

Wenn es dann aus mir herausbricht, bin ich zu allem fähig.

ZWEI WOCHEN SPÄTER

4

Heshtje.

Stille.

Nerina hielt ihr Ohr an Mirsads Zimmertür. Vermutlich schlief er noch. Es war mal wieder spät geworden – wo auch immer ihr zwanzigjähriger Sohn sich herumgetrieben haben mochte. Vermutlich in der Mulde, wie er jene Stelle am Fluss nannte. Sie war da noch nie gewesen, hatte nur aus Mirsads widerwilligen Antworten auf die Fragen seines Vaters geschlossen, dass er sich dort mit seinen Freunden traf. Nerina wusste nicht, wer die Jugendlichen waren, mit denen ihr Sohn verkehrte, sie kannte nicht einmal eine Handvoll von ihnen. Junge Männer, die ab und zu bei ihnen zu Hause auftauchten und durch Nerina hindurchzusehen schienen. Sie – dunkel gekleidet im dunklen Flur, schnell das Kopftuch übergeworfen, wenn es klingelte – war für sie gesichtslos. Mirsad war ohnehin meist unterwegs, und wenn nicht, saß er allein vor dem Computer. Er ließ sie nicht in sein Zimmer, schon lange nicht mehr. Einmal hatte sie einen Blick auf das werfen können, was er da trieb, kurz nachdem Ajdin den Computer ins Haus geholt hatte. Da war Mirsad dreizehn gewesen und in Ajdins Augen im richtigen Alter dafür. Allerdings hatte ihr Mann wohl eher an die Schule gedacht. Doch statt Zahlenreihen beherrschten vermummte Männer den Bildschirm, stürmten Häuser und schnitten anderen die Kehle durch, dass das Blut nur so spritzte. Damals hatte Nerina gedacht, dass sie anscheinend niemals in ihrem Leben weit genug weglaufen konnte, um solchen Bildern zu entfliehen. Aber Mirsad kämpfte nicht nur am Bildschirm. Mehrmals pro Woche ging er zum Karatetraining. Karate trieb er seit frühester Kindheit. Und offensichtlich erfolgreich, ein Dutzend Pokale zierten das verstaubte Regal in seinem Zimmer.

Als sich die Tür an ihrem Ohr mit Schwung öffnete, wich Nerina erschrocken zurück.

»Was willst du?«, fuhr Mirsad sie an. Er sprach Deutsch mit ihr, wie immer. Sein bulliger Körper füllte den Türrahmen. Kein Wunder, dass sie ihn in der Sicherheitsfirma, in der Ajdin arbeitete, ebenfalls haben wollten. Ajdin bewachte den Eingangsbereich eines Kaufhauses. Besaß einen sicheren Blick dafür, ob jemand für seine Einkäufe nicht bezahlen wollte. Und er war schnell. Wenn der Alarm losging, entkam ihm keiner. Mirsad wollte nicht arbeiten. Neben dem Karatetraining hatte er auch sonst »genug zu tun«. Wenn seine Eltern ihn fragten, was das war, wurde er wütend.

»Was willst du?«, fuhr Mirsad Nerina jetzt erneut auf Deutsch an.

Sie antwortete ihm, wie immer in ihrer Muttersprache: »Ich wollte nur …«

»Ich hab heute nichts für dich«, unterbrach er sie.

Als ob sie wegen einem seiner Umschläge hier herumstehen würde. »Ich wollte nur hören, ob du schon wach bist.«

»Das geht dich einen Scheiß an. Wenn ich penne, penne ich, wenn ich wach bin, bin ich wach. Willst du hören, ob ich mir da drin einen runterhole?«

Nerina traten augenblicklich die Tränen in die Augen. Sie hatte gehofft, dass ihr Sohn vielleicht mit ihnen zu Mittag essen würde, wenn Ajdin von seinem ausgiebigen Spaziergang mit ihrer Hündin Syno, einem Kampfhund, dessen korrekten Rassenamen sie sich nicht merken konnte, zurückkam. Doch als sie ihrem Sohn das vorschlug, schlug er ihr mit den Worten »Deinen Fraß kannst du allein essen« die Tür vor der Nase zu.

Sie musste sich das nicht sagen lassen, sie kochte gut. Fli mit Salat, oder Gemüse aus dem Garten, dazu Rind oder Huhn. Und ihre gefüllten Teigtaschen und Eintöpfe waren hervorragend. Auch Mirsad schaufelte täglich eine Menge von allem in sich hinein. Später, wenn sie im Schrebergarten war, um die Blumen und das Gemüse zu wässern, würde er in der Küche wieder an die Töpfe gehen. Manchmal nahm er den Topf auch einfach mit in sein Zimmer, und dort stand der dann tagelang herum, bis Nerina Mirsad bat, ihn wieder in die Küche zu bringen.

Sie klopfte leise an seine Tür, zwang sich, ruhig zu bleiben. Wenn sie ängstlich aussah, reagierte er noch unversöhnlicher.

»Was denn noch?«, fragte er mit lauerndem Gesichtsausdruck. Es roch nicht gut da drin. Er hatte sicher tagelang nicht gelüftet.

Sie sah auf ihre nackten Füße. In der Wohnung trug niemand von ihnen Schuhe. Strümpfe nur, wenn es kühl war.

»Hast du Wäsche? Du weißt, wir haben samstags …«

Er knallte ihr abermals die Tür vor der Nase zu, sie hörte ihn in seinem Zimmer rumoren, kurz darauf warf er ihr einen Berg Kleidungsstücke und zwei feuchte Handtücher vor die Füße. »Da.«

»Danke.« Sie hob alles auf und trug es ins Bad, wo der Wäschekorb war. Am besten stellte sie im Keller gleich eine Maschine an.

Als sie aus dem Bad trat, stand ihr Sohn vor ihr, die dunklen Augenbrauen zu einer Linie zusammengezogen. »Deinetwegen hab ich eben ein Spiel verloren. Weil du mich dauernd störst.«

Sie sah zu Boden. »Entschuldigung.«

Er stieß ein abfälliges Schnauben aus, dann schlug erneut seine Zimmertür hinter ihm zu.

Manchmal blieb es nicht beim Schnauben. Wenn Ajdin wüsste, wie Mirsad ihr zusetzte, würde er sonst etwas mit seinem Sohn anstellen.

Hauptsache, sie bekam keine Verletzungen im Gesicht. Aber darauf schien auch Mirsad zu achten. Dumm war er nicht.

5

Während ich meinen Golf über die A661 in Richtung Bad Vilbel lenkte, dachte ich an Stefan. Wie so ziemlich in jeder Minute der letzten vierzehn Tage. Neun Jahre kannte ich diesen Mann jetzt. Genauso lange, wie ich meinen Golf fuhr. Als wir uns kennenlernten, war ich sechsundzwanzig und er dreißig. Wir standen im Ausstellungsraum eines Autohändlers in Bad Homburg und betrachteten die Neuwagen. Sein altes Auto war kaputt – die Lichtmaschine. Eine Reparatur lohnte nicht mehr. Ich besaß Geld aus einem Bausparvertrag, den meine Eltern zu meiner Konfirmation für mich abgeschlossen hatten. Und da ich nicht vorhatte, zu bauen oder zu renovieren, kaufte ich mir von diesem Geld meinen ersten eigenen Wagen.

Stefan und ich fanden sofort Gefallen an demselben Auto. Und aneinander. Er sah wirklich schnuckelig aus. Jungenhaft. Ein bisschen schüchtern. Aber nicht unmännlich. Eher sensibel.

Er war Bauingenieur. Hauptsache, kein Arzt, wie Papa. Das hätte ich vermutlich nicht abgekonnt.

»Ich glaube, bei dir ist das mit dem Auto dringender«, sagte ich damals auf Stefans flehenden Blick hin. Sein darauf folgendes Lächeln landete direkt in meinem Bauch.

Am Ende kaufte er den Golf, und ich bestellte einen anderen. Danach gingen wir zusammen etwas trinken, um auf die erfolgreichen Deals anzustoßen. Wir teilten uns die Rechnung, das fand ich gut. Wenn mich damals Typen einluden, fühlte ich mich immer blöd. Als sei ich nicht in der Lage, für mich selbst eine Cola zu kaufen.

Julia, die neben mir im Auto saß, zeigte auf das Stadthotel, an dem ich in diesem Moment vorbeifuhr, und ich zuckte zusammen. Wie so oft in letzter Zeit – ich war furchtbar schreckhaft geworden, seitdem Stefan weg war. Ein richtiges Nervenbündel.

»Sieht hier ja ganz nett aus «, bemerkte meine beste Freundin. Links neben dem Hotel lag ein großer Supermarkt.

Ich nickte nur. Mir war nicht nach reden. Wir waren kurz vor unserem Ziel: meinem neuen Zuhause. Ich hätte natürlich in den letzten vierzehn Tagen schon längst mal vorbeischauen können, aber es war einfach nicht gegangen. Seitdem Stefan mir den Ausdruck mit dem Haus gezeigt hatte, hatte ich irgendwie gehofft, aus diesem Alptraum aufzuwachen. Aber heute zog ich tatsächlich hierher. Auf den Heilsberg. Weil Stefan es so entschieden hatte. Dabei hatte sein »Nächsten Monat« im ersten Moment noch irgendwie so geklungen, als hätte ich Zeit, das alles sacken zu lassen – bis ich in den Kalender schaute und feststellte, dass er eigentlich »Nächste Woche« meinte. Sogar den Schlüssel hatte er schon gehabt.

Für meinen Mann war das völlig ungewöhnlich. Privat kümmerte ich mich normalerweise um alles. Großbauprojekte waren zwar Stefans Beruf, bei einem Wochenendeinkauf wurde es allerdings schon schwierig, wenn ich ihm nicht genaueste Anweisungen gab. Diesen Hausverkauf aber hatte er generalstabsmäßig organisiert. Hinter meinem Rücken.

Eine Viertelstunde nach seiner Ankündigung hatte es bereits geklingelt, und noch eine Stunde später musste ich ihm draußen auf der Straße dabei zusehen, wie er wildfremden, glücklichen Menschen die Hand schüttelte, die kurz zuvor mit einem Maßband bewaffnet durch alle Räume des Hauses getrampelt waren und sich zum Schluss wohlwollend über den »wirklich hervorragenden Zustand der Immobilie« geäußert hatten. Ich musste währenddessen gewirkt haben wie eine Autistin, ich war nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen. In meinem Kopf kreiste in diesem Moment nur ein Gedanke: »Wie soll ich das Mama und Papa erklären?« Es war ganz klar, was meine Eltern antworten würden: »Haben wir es dir nicht schon immer gesagt?«

Tatsächlich hatten sie, nachdem ich ihnen Stefan irgendwann vorstellte, gemeint: »Der hat etwas an sich, das uns nicht gefällt.« Etwas, das sie »nicht greifen« konnten. Dass er ein eigenes Haus besaß, hatte sie nie nachhaltig beeindruckt. Das Misstrauen ihm gegenüber blieb.

Als Stefan an jenem Abend vor zwei Wochen von der Straße zurückkam, wirkte er total euphorisch.

»Vertrau mir.« Er gab mir einen Kuss auf die Stirn. Und am nächsten Tag war er verschwunden. Noch bevor ich meinen Schock verdauen, ihn zur Rede stellen und mit den tausend Fragen, die mir im Kopf herumschwirrten, konfrontieren konnte. Ich war an diesem schrecklichen Tag früh ins Bett gegangen, hatte ihn einfach nicht mehr sehen wollen. Er war untergetaucht, als sei er auf der Flucht. Etwa vor mir? Oder vor diesen Anrufen, die ich bis zu dem Tag für Kinderstreiche gehalten hatte? Ich meine, was sollte es sonst sein? Es hatte ja keiner gestöhnt oder gedroht. Nur geschwiegen. Aber seit er weg war, klingelte das Telefon nicht mehr.

Ich wusste gar nicht richtig, was mir mehr an die Nieren ging: dass er mir nichts von seinen Plänen erzählt hatte oder dass ich nicht gemerkt hatte, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Bei der Arbeit hatte er sich krankgemeldet. Mit Attest natürlich. Allerdings nicht von unserem Hausarzt in Bad Homburg, dort hatte ich nachgefragt. Ich hatte eigentlich überall nachgefragt. Aber keine Spur von ihm. Und sein Handy war tot.

Julia schreckte mich wieder aus meinen Gedanken.

»Über die Infrastruktur kannst du jedenfalls nicht meckern.« Sie deutete auf das Schild einer Arztpraxis an einer Ecke. »Supermarkt, Hotel, und zum nächsten Doktor ist es auch nicht weit.«

»Hm«, brummte ich. Wenn nur dieses flaue Gefühl in meiner Magengrube endlich vergangen wäre.

»Da vorn muss es sein«, bemerkte meine Freundin und zeigte geradeaus. Links und rechts säumten winzige Siedlungshäuschen die Straße, einige weiß gestrichen und umgebaut mit viel Stahl und Holz. Jedes verfügte über eine angebaute Garage, daneben ein Grünstreifen mit Zaun. Es war nicht Dornholzhausen – aber es war in Ordnung.

»Ach du lieber Himmel«, sagte Julia kurz darauf und machte ein betretenes Gesicht. »Hausnummer siebzehn? Das kann doch nicht stimmen.«

Ich ließ den Golf am Straßenrand ausrollen, bis wir vor der genannten Nummer zum Stehen kamen. Das war es also. Auf dem Bild hatte das Haus besser ausgesehen, so viel stand fest.

Die Häuser links und rechts wirkten zumindest so, als wohnte jemand darin. Menschen mit einer gewissen Ordnungsliebe. Die Vorgärten waren angelegt, hier ein Rosenstock, dort ein Busch, der Besitzer links schien ein Faible für Steine zu haben, die er kreisförmig angeordnet hatte. Die Haustüren waren neueren Datums, ebenso die geputzten Fenster.

Das Haus, in das ich einziehen sollte, wirkte jedoch irgendwie elend. Als sei ihm schlecht.

Wir stiegen aus, und ich sah Julia ratlos an. »Meinst du, es gibt hier irgendwo noch ein hässlicheres Haus?«

Meine Freundin schüttelte den Kopf.

Das Gartentor fehlte. Vielleicht war es mal bei einem Sturm abgerissen worden, jedenfalls ließen die verbogenen Angeln an den Pfosten darauf schließen. An einem Pfosten war einer dieser US-Briefkästen befestigt, mit Fahne zum Hochklappen. Der zumindest gefiel mir.

Am Giebelfenster hing ein einzelner windschiefer Fensterladen; der Vorgarten war überwuchert von kniehohem Unkraut. Drei Waschbetonstufen führten zur Haustür, eines jener hässlichen Ungetüme mit messingfarbenem Rahmen und geriffelter Glasscheibe.

Gott, war mir schlecht. »Ich trau mich da gar nicht rein«, flüsterte ich. »Sag, dass Stefan mir die falsche Adresse genannt hat.«

Julia schaute skeptisch. »Ich würde mal den Schlüssel probieren.«

Der Schlüssel passte. Als Julia die Tür öffnete, quietschte sie, als beträten wir ein Geisterschloss.

6

Liebe. Ein abstraktes Wort. Bei Wikipedia steht Folgendes dazu: »Form der Zuneigung und Wertschätzung«.

Mehr nicht. Bisschen wenig, oder?

Mir fällt noch viel mehr dazu ein:

Geborgenheit. Rücksichtnahme. Schutz. Irritation. Furcht. Unterdrückung. Verrat. Schmerz.

Wenn man beim Schmerz angekommen ist, verblasst übrigens alles andere. Ich weiß es aus eigener Erfahrung.

7

Lutje.

Gebet.

Sie sollte öfter beten, sie wusste das. Nicht nur, wenn sie unter Mirsad litt, so wie heute, oder wenn die Schwärze kam, sondern täglich. Fünf Mal. Gläubige Muslime, die, die alles richtig machten, hielten sich daran. Nerina hingegen ließ sich ablenken von den vielen Pflichten des Alltags. Und wenn es ihr gut ging – solche Tage gab es auch –, vergaß sie es ganz. Aber wenn sie betete, so wie jetzt, nahm sie sich gern viel Zeit dafür.

Schon ihre Waschungen beruhigten sie. Neben der Toilette stand eine Karaffe, die sie mit lauwarmem Wasser füllte, um sich nach dem Wasserlassen zwischen den Beinen zu säubern.

Kurz darauf stand sie am Waschbecken, das warme Wasser perlte in einem dünnen Rinnsal über ihre Finger, und Nerina griff nach der Seife, schäumte die Hände ein und spülte anschließend den feinen Schaum ab. Für die vorgeschriebenen beiden weiteren Male Händewaschen verwendete sie keine Seife. Es folgten die Arme, bis zu den Ellbogen, ebenfalls drei Mal. Nun war der Mund an der Reihe, drei Mal hintereinander nahm sie mit der rechten Hand Wasser auf, ließ es in den Mund fließen, spuckte es wieder aus. Danach kam die Nase an die Reihe, in die sie vorsichtig Wasser hineinsog und es wieder ausschnäuzte, anschließend wusch sie dreimal ihr Gesicht.

Die nächsten Waschungen erfolgten nur einmal: Sie fuhr sich mit den feuchten Handflächen über den Kopf, von der Stirn bis zum Nacken, reinigte die Ohrmuscheln mit dem Zeigefinger und strich über ihren Hals von innen nach außen.

Nerina stellte ihren rechten nackten Fuß auf den Rand des Waschbeckens und wusch sich mit langsamen Bewegungen weiter. Dreimal jeden Fuß mit Knöchel, auch den Zehenzwischenräumen widmete sie ihre Aufmerksamkeit. Nichts ließ sie aus.

Im Flur zog sie ihren mantil an, das lange, bodenlange Kleid, sowie ihre shami, die sie wie eine Kapuze über den Kopf zog. Dann lauschte sie noch einmal, doch sie hörte nichts von Mirsad.

Im Wohnzimmer nahm sie ihren Gebetsteppich aus der Ecke und rollte ihn aus, stellte sich in Position.

Hörst du mich, Allah?, richtete sie ihre Gedanken auf Gott. Dann begann sie mit den Worten: »Allâhu akbar.« Gott ist größer. Alle Muslime beteten die Suren auf Arabisch, auch wenn es nicht ihre Muttersprache war. Doch wegen allem anderen wandte sich Nerina auf Albanisch an Ihn. Wie sehr sie sich wünschte, dass aus Mirsad ein guter Junge wurde. Dass er auf den rechten Weg zurückfand. Dass Gott ihr ihre eigenen Sünden vergab, wagte sie kaum zu hoffen. Für sich selbst wünschte sie nur, dass Er die Schwärze vertrieb, wenn diese nach ihr griff.

8

Neben der Küche im Eiche-rustikal-Dekor und dem mintgrün gefliesten Bad im Erdgeschoss gab es vier Zimmer: das Wohnzimmer und ein kleineres unten, unter dem Dach zwei größere, die man über eine schmale Treppe erreichte. Dass das Haus mich so deprimierte, lag nicht an seiner Größe. Ich verabscheute mich selbst dafür, dass ich mich so unwohl fühlte. Ich kam mir vor wie eine verwöhnte Zicke. Es lag zum einen an dem wirklich muffigen Geruch – das Haus war vermutlich seit Jahren nicht gelüftet worden – und zum anderen an dem trostlosen Allgemeinzustand. Dabei musste hier mal eine Familie gewohnt haben: In einem Zimmer oben war eine Clowns-Bordüre angebracht.

Aber ich scheute mich gar nicht mal davor, es hier wohnlich zu machen. Was mich an der ganzen Sache am härtesten traf: Ich würde alles allein tun müssen. Wo war Stefan?

Diese Frage ließ mich auch nicht los, während ich mit Julia den Kleinkram aus meinem Auto ins Haus trug. Meine Freundin versuchte, über meine neue Situation zu scherzen. »Andere gehen ins Dschungelcamp, du hierher.«

Ich rang mir ein Lächeln ab. »Oder wir sind bei der Versteckten Kamera. Bestimmt kommt gleich Guido Cantz um die Ecke.«

Als wir einander beim nächsten Mal auf der Außentreppe begegneten, sagte Julia: »Gegenüber drückt sich irgendwer die Nase an der Scheibe platt. Nach der Haarfarbe zu urteilen, ist die Dame nicht mehr berufstätig. Benimm dich gut, sonst kommst du ins Gerede.«

Ich warf einen Blick zur anderen Straßenseite. Tatsächlich wackelte die Gardine. »Das ist so ziemlich meine letzte Sorge«, erwiderte ich.

Stefans einziges Gepäckstück war offenbar eine Sporttasche gewesen – die hatte neben ein paar wenigen Kleidungsstücken gefehlt. Am Abend vor seiner plötzlichen Abreise hatte er Mina zu Bett gebracht und ihr gesagt, dass er für eine Weile fortmüsse und ihr etwas Schönes mitbringen würde. Von mir hingegen hatte er sich nicht verabschiedet. Nicht einmal mit einem Brief.

Julia stellte eine neue Kiste mit Kleinkram neben mir im Flur ab und stemmte die Hände in die Hüften. »Kannst du mir mal verraten, wo du alles unterbringen willst?«

Wir beide waren nur die Vorhut, der Lkw mit den Möbeln war auf dem Weg und musste jede Sekunde eintreffen. Auch den Umzug hatte Stefan schon organisiert, als ich noch gar nichts von dieser Wendung in meinem Leben wusste.

Ich ließ mich auf die Kiste sinken und legte den Kopf in die Hände. Nur nicht verzweifeln. Nicht wegen eines Umzugs. Obwohl mir danach war, besonders, seit meine Eltern Mina vor ein paar Tagen für eine schon lange geplante Fahrt in den Schwarzwald abgeholt hatten. Ich musste unbedingt verhindern, dass die beiden mein Kind Ende nächster Woche persönlich hier vorbeibringen würden und dabei das Haus und den Garten sahen, noch bevor alles halbwegs in Schuss war. Mit ein bisschen Zeit würde ich das vielleicht hinkriegen. Irgendwie. Ein wenig Farbe, Raumspray … vielleicht würde doch alles gut werden?

Ich zog mein Handy heraus, drückte die Wahlwiederholung, lauschte in die Stille.

»Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar.«

Immer dieselbe Ansage.

Wann war »vorübergehend« vorbei?

Tatsächlich befürchtete ich inzwischen fast, mein Mann könne doch eines Tages rangehen.

Wo würde er sein?

Was würde er sagen?

»Tut mir leid, Anja, aber ich bin verrückt geworden«?

Und immer wieder mogelte sich ein weiterer furchterregender Gedanke in meinen Kopf: Vielleicht hat er sich umgebracht? Oder jemand anders ihn? Vielleicht war vorübergehend längst für immer? Und es rief deshalb keiner mehr an?

Doch dann hätte man ihn bestimmt gefunden.

Angenommen, er trug keine Papiere bei sich. Wie sollte man ihn identifizieren, wenn ich ihn nicht als vermisst meldete? Vermisst – das traf es natürlich nicht. Es war ein Verschwinden mit Ansage gewesen. Er war ein freier Mann. An einen Mord glaubte ich in Wahrheit nicht. Todesängste hatte er nun wirklich nicht ausgestrahlt. Auch nicht, als ich ihm mal von den Anrufen erzählte. Das hatte er mit einer Handbewegung abgetan. Vermutlich würde mir die Polizei erklären, dass mehr Männer davonliefen, als ich mir vorstellen konnte.

Natürlich hatte ich mir in den letzten vierzehn Tagen das Hirn über unsere Beziehung zermartert. Was hatte ich übersehen? Stefan hatte doch nie unglücklich gewirkt. Ich fragte mich inzwischen nur, ob wir überhaupt ein Paar geworden wären, wenn ich nicht alles in die Hand genommen hätte. Ich war immer die treibende Kraft gewesen. Der erste Kuss, der erste Sex, das Zusammenziehen in sein Haus, unsere Tochter.

Oder sah ich gerade alles zu schwarz? Stefan war eben ein passiver Typ. Er redete nicht besonders viel, er machte vieles mit sich selbst aus. Das war es auch, was meine Eltern so störte. Dass man Stefan nicht »durchschauen« konnte, wie sie es nannten.

Immerhin war Stefan sehr häuslich gewesen – das war doch ein Zeichen dafür, dass man sich wohl fühlte? Er war abends meistens zu Hause, zumindest am Anfang. Stundenlang hatte er Mina vorgelesen, mit ihr geschmust. Ein liebevoller Papa. Mir gegenüber, seiner Frau … da war eine gewisse Distanz gewesen. Ich hatte mir das bislang nie eingestanden. Aber es stimmte.

Stefan hatte mir nie gesagt, dass er mich liebte. Wir hatten es uns nie gesagt. Sagte das nicht etwas Schreckliches aus? Doch wenn ich mich ehrlich fragte, ob ich Stefan tatsächlich liebte, konnte ich es nicht mit voller Überzeugung bestätigen. Verliebt war ich gewesen, ja. Am Anfang hatte ich mich wahnsinnig zu ihm hingezogen gefühlt. Und dann, etwa vor zwei Jahren musste es gewesen sein, hatte er sich verändert. Oder war es schon länger her, dass er abends fortblieb? Er sagte, es läge an der Arbeit. Natürlich war es am Abend im Büro ruhiger, und er konnte Dinge abarbeiten, zu denen er nicht kam, wenn er tagsüber auf der Baustelle herumhampelte. Auch wenn es unwahrscheinlich war, dass er ausgerechnet samstags bis tief in die Nacht über Bauplänen brütete. Und wenn er nach Hause kam, wirkte er nicht mal zufrieden mit dem, was er erreicht hatte. Stattdessen schien er ständig außer Atem zu sein. Auf dem Sprung. Knabberte an einem Fingernagel – auch eine neue Angewohnheit.

Er sagte, es läge an der Arbeit.

Und ich? Ich hatte lieber nicht weitergefragt. Zu unheimlich war mir sein Benehmen gewesen. Ein böser Fehler, das wurde mir jetzt erst klar.

Genauso wie das Gespräch mit meinen Eltern. Ich hatte ihnen auf keinen Fall gestehen können, dass Stefan das Haus einfach verkauft hatte und verschwunden war, ohne mir zu sagen, wohin. Ich hatte bei Mama angerufen und ganz nebenbei davon gefaselt, dass Stefan zu einem längeren Auslands­einsatz fort sei. Immerhin war das nicht völlig unwahrscheinlich – als Ingenieur war er schon viel gereist. Und dann gab ich vor, wir bräuchten dringend einen Tapetenwechsel aus dem versnobten Dornholzhausen in etwas Bodenständigeres. Tat so, als sei ich vollkommen einverstanden mit Stefans Entschluss über meinen Kopf hinweg; genau genommen sagte ich sogar, wir hätten das Häuschen auf dem Heilsberg zusammen ausgesucht.

»Ihr seid nicht mehr zu retten«, hatte Papa in den Hörer geschnaubt. Ihr, das sagte er immer, wenn er eigentlich Stefan meinte. Mir traute er noch immer keine wohlüberlegten Entscheidungen zu, vermutlich auch noch nicht, wenn ich hundert war. Und am Wochenende danach, also genau vor einer Woche, nahmen meine Eltern Mina dann auf die Fahrt in den Schwarzwald mit. Nach den Sommerferien kam Mina in die Schule – Stefan und ich hatten uns die Ferien mit meinen Eltern aufteilen wollen. Aber jetzt war alles anders, wir konnten uns nichts mehr aufteilen, Stefan war … wo auch immer. Und wenn Mina Ende nächster Woche wieder da war, musste ich zusehen, wie ich die Betreuung organisiert bekam. Es blieben ja immer noch vier Wochen Schulferien, in denen ich keinen Kita-Platz mehr hatte. Immerhin hatte ich für die letzten beiden Wochen Urlaub eingereicht.

Ach, über diese ganze Angelegenheit konnte ich mir Gedanken machen, wenn es so weit war. Eins nach dem anderen.

9

Shumë informata.

Zu viele Informationen.

Die meisten ihrer Informationen bekam Nerina von Mirsad, obwohl sie ihn gar nicht danach fragte. Als bereitete es ihm Vergnügen, zu sehen, wie sie sich innerlich krümmte. In der Welt schien an allen Fronten das Chaos ausbrechen zu wollen. Sie hatte das schon einmal erlebt. Die Medien verbreiteten so lange Unwahrheiten, bis einer ein Telegramm schrieb oder ein Knöpfchen drückte. Und dann fielen sie in Scharen über das Land her, nahmen einem alles, was man besaß: zuerst die Autonomie, dann die Arbeit, schließlich das Leben. Sie besaß ihres noch, im Gegensatz zu ihren Eltern und Geschwistern.

Bis sich die Situation der Albaner im Kosovo so verheerend änderte, hatte Ajdin jahrelang Seite an Seite mit serbischen Kollegen bei der Polizei gearbeitet. Doch plötzlich wurden aus ehemaligen Kollegen Feinde. Ausnahmezustand. Als schließlich auch in den Nachbargebieten die nationalistischen Kräfte immer stärker wurden und Jugoslawien auseinanderbrach, machte sich Ajdin auf in die Berge, dahin, wo Nerina mit ihrer Familie lebte. Er hatte dort Verwandte mit kleiner Landwirtschaft und hoffte, mitarbeiten zu können.

Die Familien kannten einander. Papa war froh, dass dieser Mann für seine Tochter in Frage kam.

Sie lebten eine Weile gemeinsam bei den Eltern, dann erhielt Ajdin eine Stelle in Prizren, über Beziehungen. Einer der wenigen Albaner, die arbeiten durften. Langsam holte man sich seine Rechte zurück. Im Untergrund zumindest – Ajdin hatte sich einer Vereinigung angeschlossen, über deren Vorgehen er seine Frau kaum unterrichtete. In dieser Zeit in Prizren wurden Nerina und Ajdin Eltern. Sie waren so voller Staunen über das Wunder, das Gott ihnen geschenkt hatte! Doch Gelegenheit, diese Zeit zu genießen, hatten sie nicht. Die Serben kesselten Dörfer ein und gingen mit aller Macht gegen die albanische Bevölkerung vor.

Damals, 1998, hatte Nerina tagelang nichts von ihrer Familie gehört, die noch in den Bergen lebte. Normalerweise telefonierten sie einmal pro Woche – aber seitdem es Kämpfe rings um ihren Heimatort gab, waren die Telefonverbindungen unterbrochen. Nerina war voller Angst. Die Hände knetend, lauschte sie auf jede Neuigkeit aus Radio und Fernsehen. Aber man erfuhr nichts Genaues. Und sie bekam weiterhin kein Lebenszeichen von ihrer Familie.

Eines Tages, nicht viel später, wurde Ajdin gewarnt. Einer seiner ehemaligen Kollegen bei der Polizei gab den Tipp, ein Serbe, Bojan, ein rotgesichtiger Kollege, ein Mann, der gern scherzte. Er sagte zu Ajdin: »Es kann sein, dass in eurem Viertel etwas passiert. Bald.«

Ajdin sorgte sofort dafür, dass Nerina und Mirsad aus Prizren abgeholt wurden. Er telefonierte und erteilte Befehle am Telefon, während Nerina ihren Dreijährigen an sich presste. Sie packte ihre wichtigsten Besitztümer zusammen, darunter ihren Pass und das Gold aus ihrer Aussteuer, ein paar Tücher und Laken. Bis heute wusste sie nicht, wer der Fahrer gewesen war, der sie an der Grenze zu Albanien ihrem Onkel übergab. Ajdin blieb zurück, tauchte unter. Fünf Monate lang kämpfte er an der Seite der UÇK, er wollte nicht aufgeben, woran er glaubte. Es war doch auch sein Land. Ihr Sohn war ihr einziger Trost in dieser Zeit. Als Ajdin sie endlich abholen kam, war dieser Mann für Mirsad inzwischen ein Fremder, er klammerte sich an seine Mutter, wollte sich nicht von ihm auf den Arm nehmen lassen. Doch Nerina war unendlich froh, nicht mehr allein zu sein. Ajdin kümmerte sich um sie. Wenn es auch nichts war, was den romantischen Ideen aus ihrer Jugend nahegekommen wäre: Es gab keinen anderen Menschen, der ihr näherstand als Ajdin. Ohne diesen Mann wären sie und Mirsad vielleicht gar nicht mehr am Leben.

Auch wenn ihre Verwandten geduldig und großzügig waren, auf Dauer konnten sie keine ganze Familie beherbergen, dort in dieser Ecke im Wohnzimmer. Ein Schlepper nahm das Gold aus Nerinas Aussteuer.

Sie betrachtete ihre Finger. Wohin konnte man eigentlich aus Deutschland fliehen, wenn in Europa Bomben fielen? Sie durfte gar nicht darüber nachdenken.

10

Kann ich irgendwie behilflich sein?«, fragte der Mann, der in dem Moment auf dem Bürgersteig auftauchte, als ich eine Pflanze ins Haus brachte. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig. Seine dunklen Augenringe ließen auf ein bewegtes Leben oder Schlafmangel schließen. Sein rotes Haar war stoppelig kurz geschnitten, und er trug einen Blaumann. Aus der Brusttasche ragte ein Zollstock.

Wo kam der denn auf einmal her?

Julia reagierte schneller als ich und lief auf den Ankömmling zu. »Und ob Sie helfen können«, sagte sie und streckte dem Typen die Hand hin. Sie deutete auf den Umzugswagen, der in diesem Moment mit quietschendem Keilriemen auf der Straße anhielt. »Hier kommen unsere Umzugsleute. Wenn Sie mit anpacken könnten, wäre das super.«

Der Rothaarige machte ein bedauerndes Gesicht. »Ich hab Rückenprobleme. Ich dachte eher an die Elektrik. Vielleicht haben Sie auch etwas zu dübeln, oder die Spülmaschine muss angeschlossen werden?«

Ich starrte ihn an. Spülmaschine? Gab es in dem Haus überhaupt eine? Unsere Küche in Dornholzhausen hatte Stefan gleich mit verkauft. Ich trat jetzt auch näher.

»Anja Schwehn«, stellte ich mich vor und reichte dem Blaumannträger die Hand. Er nickte anerkennend. Täuschte ich mich, oder taxierte er meinen ganzen Körper, während er weitersprach?

»Herzlich willkommen in unserer Straße. Ich bin der Bernd.« Er zeigte den Bürgersteig hinunter. »Ich wohne da vorn an der Ecke und hab gesehen, dass sich hier was bewegt. Haben Sie das Haus vom Pfarrer gekauft oder gemietet?«

Ihr Vermieter war ein Pfarrer? Auf dem Vertrag stand nur Clemens Mahler.

»Ja … also … gemietet.« Ich sah unschlüssig zu dem Lkw, aus dem eben die zwei Männer ausstiegen, die gestern meine Einrichtung eingepackt hatten.

Der Größere der beiden sagte: »Hier sind wir doch richtig, oder? Sudetenring?« Er deutete zu dem Haus hinter mir. »Sie wollen doch nicht sagen, dass wir das alles da reinkriegen sollen?« Er hob die Schultern und grinste. »Also … wir kriegen alles rein, keine Frage. Aber dann müssen Sie draußen bleiben.«

»Schauen wir mal«, erwiderte Julia und warf mir einen alarmierten Blick zu. Der Mann, der sich als Bernd vorgestellt hatte, deutete auf die Garage an der Seite des Hauses. »Zur Not gibt ja auch noch die zum Unterstellen. Oder den Keller. Ziehen zwei Haushalte zusammen?«

»Nein, nein.«

»Verstehe.« Er sah mich neugierig an, als erwarte er Details.

Ich setzte ein unverbindliches Lächeln auf. »Sie könnten tatsächlich mal in der Küche nach dem Rechten sehen. Ich habe keine Ahnung, ob da überhaupt irgendetwas funktioniert.«

Bernd Reuther, so lautete der volle Name des Mannes, ackerte wie ein Tier, das musste man ihm lassen. Kaum hatte ich eine Kiste ausgeräumt, stand er schon mit der nächsten neben mir. Kartons konnte er trotz lädiertem Rücken tragen, nur keine Möbel. Zwischendurch orderte ich Pizza und holte beim Supermarkt an der Ecke einen Kasten Wasser und ein Sixpack Bier. Und dann ging’s weiter.

Probleme gab es mit dem Sofa: Das passte weder ins Haus noch in die Garage. Bernd wusste eine Lösung: Die Leiterin einer Kita konnte es »super gebrauchen«. Und ehe ich mich’s versah, hatte ich ein erst drei Jahre altes Fünftausendeurosofa verschenkt. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Bei Mama und Papa konnte ich es derzeit nicht unterstellen, und ich hätte auch wieder zu viel diskutieren müssen.

Ohne meinen neuen Bekannten wäre ich im Haus niemals so schnell so weit gekommen. Im Laufe des Nachmittags gingen wir zum Du über. Während er schuftete, schilderte er Julia und mir im Schnelldurchlauf sein Leben. Getrennt lebend. Tochter Franzi war in Minas Alter und wohnte bei Mama. Beide noch bis morgen im Urlaub. Einen Teil der Ferien verbrachte das Mädchen bei ihm und Sohn Pascal, zwanzig. Früher war Bernd Elternbeirat im Kindergarten gewesen. Brauchte immer was zu tun. Er kochte gern. Und er besaß kräftige Finger. Eigentlich hätte er Masseur werden können. Ab diesem Punkt fing Julia für den Rest des Tages immer wieder unbeherrscht an zu kichern, und wenn ich nicht grundsätzlich so schlecht drauf gewesen wäre, hätte ich auch viel zu lachen gehabt.

Später am Abend, nachdem sich Bernd verabschiedet hatte, saßen Julia und ich auf der Außentreppe. Ich ließ frustriert den Kopf hängen. Den ganzen Tag hatte ich versucht, mich mit diesem Haus anzufreunden, aber es gelang mir einfach nicht. Der Gedanke, dass Stefan mich in dieser Situation allein gelassen und mir nicht einmal die Gelegenheit gegeben hatte, die Hintergründe zu erfahren, nagte immer mehr an mir.

»Du suchst dir einfach in aller Ruhe eine neue Wohnung«, erklärte Julia. »Du musst nicht hierbleiben. Kein Mensch kann das von dir verlangen.« Meine Freundin legte den Arm um mich, zog mich an sich und küsste mich auf die Wange.

Nein, verlangen konnte das niemand. Aber ich hatte keine Kraft für eine Wohnungssuche. Ich musste das Beste aus meiner Situation machen. Nur wie? Und allein?

»Lass uns reingehen, so langsam wird es frisch«, schlug Julia vor und vertrieb eine Mücke. »Und die Viecher hier werden mir zu aufdringlich.«

»Fahr ruhig heim, den Rest schaff ich schon«, wehrte ich ab.

»Ich helf dir noch beim Bettbeziehen.«

»Ich weiß gar nicht, wo die Bezüge sind. Lass mal.« Ich wollte allein sein. Vielleicht noch ein bisschen Musik hören und ein bisschen heulen. Abschied zu nehmen war so verdammt schwer.

Julia sah mich liebevoll an. »Grüble nicht zu viel. Irgendwann wird Stefan schon wieder auftauchen, dir sein süßestes Lächeln schenken, und du wirst ihm verzeihen.«

So wie damals, als er mich vor der Hochzeit sitzengelassen hatte. Nicht vor acht Monaten, nein, vor sieben Jahren, als ich mit Mina schwanger gewesen war. Er hatte kalte Füße bekommen und alle Gäste ausgeladen, ohne es mir zu sagen. Schon damals hatte ich meinen Eltern erklärt, dass wir das gemeinsam entschieden hätten, weil es mir durch die Schwangerschaft nicht so gut ging und ich außerdem viel lieber mit flachem Bauch und hohen Pumps heiraten wollte. Und so wenig ich mir das bislang hatte eingestehen wollen: Seitdem hatte ich immer, wenn Stefan etwas tat, von dem ich glaubte, dass es meinen Eltern nicht gefiel, versucht, es entweder zu vertuschen oder als unsere gemeinsame Entscheidung zu verkaufen.

Nach der geplatzten Hochzeit fragten Mama und Papa Jahr für Jahr nach unseren »Plänen«. Dass Stefan und ich dann tatsächlich heirateten, nämlich am einunddreißigsten Dezember letzten Jahres, hatte alle erstaunt. Nur Julia und ein Arbeitskollege von Stefan waren als Trauzeugen eingeweiht. Danach hatte Stefan ins Steigenberger eingeladen und war abends vor dem Fernseher eingeschlafen.

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm das jemals verzeihen kann, Julia«, widersprach ich meiner Freundin. »Diesmal ist er echt zu weit gegangen.«

Als wir aufsahen, lief ein Mann mit Hund am Pfosten des nicht vorhandenen Gartentors vorbei, Tier und Herrchen im Gleichschritt. Das Vieh war eine dieser Kampfmaschinen, ein Staffordshire Terrier oder wie die Rasse hieß. Der Hund starrte stur geradeaus, genauso wie sein Herrchen, dessen Oberarme tätowiert waren. Beide hatten einen kräftigen Nacken.

Ein silberfarbener SUV fuhr in langsamem Tempo am Haus vorbei, zuerst dachte ich, es sei Petra, meine Nachbarin aus Dornholzhausen, die fuhr doch den gleichen, und ich fragte mich schon, was die jetzt hier wollte. Doch es saß ein Mann am Steuer, den ich nicht kannte. Er schien einen Parkplatz zu suchen. Oder nein, eher fixierte er den Herrn mit Hund – an mir und Julia konnte er wohl kaum Interesse haben.

Julia grinste mich an. »Super Umfeld! Hier gibt es alles, was du brauchst. Eine Nachbarin, die die Lage überwacht, einen Kerl für die Hausmeisterarbeiten und welche für den Schutz.«

So konnte man es natürlich auch sehen.

11

Hast du gesehen? Drüben ist jemand eingezogen. Zwei Frauen. Sind die ein Liebespaar, was meinst du? Früher hätte es das nicht gegeben. Hat schon so lange keiner mehr da drüben gewohnt. Und so wie die beiden angezogen sind, kann ich mich nur wundern. Schicke Leute in einer Blechhütte. Ob die das Haus gekauft haben? Dann kehren die Mahlers wohl doch nicht zurück. Normalerweise kommt die Frau vom Pfarrer am ersten August und bringt Blumen ins Haus. Heute hab ich sie noch nicht gesehen. Wäre ja auch Unsinn, jetzt, wo da andere Leute wohnen. Vermutlich haben die Mahlers die Hoffnung aufgegeben, dass ihr Früchtchen zurückkommt. Irgendwann muss man die Trauer loslassen und nach vorn schauen, was? Wohin aber soll eine alte Frau wie ich noch schauen, wenn nicht zurück?

Ich hätte einiges zu erzählen. Aber was ich über die Dinge denke, die da drüben geschehen sind, hat ja noch nie jemanden interessiert.

12

That.

Leere.

Sonntags war es besonders schlimm. Es gab nicht viel, womit sie sich ablenken konnte. Ablenkung war wichtig, damit nicht die Gedanken daran überhandnahmen, was passieren würde, wenn die Schwärze sie wieder übermannte. Diese namenlose Angst vor etwas.

Die Angst konnte überall über sie hereinbrechen.

Im Supermarkt.

Auf ihrem Botengang für Mirsad.

Im Garten.

Und auch an einem Sonntag zu Hause.

Meist begann es damit, dass ihr übel wurde. Auf eine seltsame Weise übel. Nicht im Magen oder in der Kehle. Diese Übelkeit breitete sich über den ganzen Körper aus. Als fließe aus einer Kanne zähflüssiges Öl über sie. Und damit einher kam die Angst, dass ihr etwas Schreckliches widerfuhr. Dass sie sterben würde. Es dauerte nie lange, bis sie nicht mehr richtig schlucken konnte. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Es war ein Ausgeliefertsein, das sie kaum zu beschreiben vermochte.

Es war schwer, einmal nicht an diese Angst zu denken. Oder überhaupt nichts zu denken. Sie fragte sich, wie andere Leute das so spielend schafften. Ajdin zum Beispiel. Wenn sie manchmal wissen wollte, was er dachte, antwortete er: »Nichts.« Sie glaubte ihm nicht. Vielleicht sah es in seinem Kopf nicht ganz so schlimm aus wie in ihrem, doch sie wurde den Eindruck nicht los, als sei er einfach nur perfekt in der Lage, alles Negative auszublenden. Wenn ihr das nur auch gelänge! Heute, zum Sonnenaufgang, als sie ihre Suren sprach und sich auf die Worte konzentrierte, war es ihr für einen kurzen Moment geglückt.

Nerina warf einen Blick auf Syno unter dem Tisch. Die Hündin war Ajdins Ein und Alles. Sein treuester Freund. Aber sie machte viel Arbeit, jedenfalls für Ajdin, auf Nerina hörte der Hund nicht. Genau genommen ignorierte das Tier Nerina. Sie selbst hätte sich niemals einen Hund angeschafft. Allein, weil man hier so viel für Tiere bezahlen musste. Steuern, Hundefutter. Ajdin scherte sich nicht um diese Regeln, er fand es unsinnig, sich um Dinge wie Hundehaufen Gedanken zu machen.

»Deshalb wird keiner von uns abgeschoben, Nerina, du machst dir zu viele Sorgen«, versuchte Ajdin sie zu beruhigen.

Er hatte ja keine Ahnung, wie viele Sorgen sie sich tatsächlich machte. Genug Sorgen für hundert Leben. Die Angst vor Abschiebung schwebte seit siebzehn Jahren über ihr, aber Ajdin tat das mit einer Handbewegung ab, als verscheuche er eine lästige Fliege. Er fühlte sich sicher. Sie besaßen schließlich diese Karte, die ihnen dauerhaftes Bleiberecht bescheinigte, seit ein paar Jahren. Niederlassungserlaubnis nannte sich das, ein schwieriges Wort. Die wurde einem nicht wegen Hundehaufen abgesprochen. Nur wegen Straffälligkeiten. Und in der Hinsicht, so dachte Ajdin, konnte ihnen rein gar nichts passieren.

Ajdin war ohnehin in diese Gesellschaft integriert. Er hatte durch seine Arbeit deutsche Bekannte, die ihm versicherten, man merke gar nicht mehr, dass er aus einem anderen Kulturkreis kam. Dass seine Frau ein Kopftuch trug, konnten die vermutlich kaum glauben. Ajdin war nicht religiös. Er hielt sich gerade mal an den Ramadan, der vor vierzehn Tagen zu Ende gegangen war, ansonsten gehörte seine Religion zu ihm wie seine Nationalität. Wäre es nach ihm gegangen, würde Nerina keine shami tragen, geschweige denn den mantil. Aber sie trug Kopftuch und Überkleid nicht nur, weil es in der Schrift des Propheten stand, sondern auch, weil es sie schützte. Die traditionelle Kleidung baute Distanz auf – sie wurde nicht oft angesprochen.

Wäre es nach Nerina gegangen, bräuchte sie gar keine Konversation. Solange keiner sie ansprach, konnte sie auch nichts Falsches sagen.

Als Ajdin plötzlich vor ihr stand, schreckte sie hoch. Ihr Mann war noch im Schlafanzug. Erstaunt sah sie ihn an.

»Du bist ja schon auf.«

»Konnte nicht mehr schlafen. Hab schlecht geträumt.« Seine dunklen Haare standen in Büscheln von seinem Kopf ab.

Sie fragte nicht, wovon er geträumt hatte, sie konnte es sich vorstellen. Im Schlaf funktionierte das mit dem Verdrängen doch nicht so gut.

»Soll ich dir einen Kaffee machen?«

Die Wäsche war bereits gewaschen, die Wohnung geputzt. Ajdin mochte es nicht, wenn seine Frau um ihn herumwuselte, es machte ihn nervös. Er klopfte Synos bulligen Körper durch und nickte. »Hm.«

Als er sich an den Tisch setzte, fragte er: »Schläft Mirsad noch?«

»Es war gestern spät.«

Ajdin zog die Blechtasse, in der Nerina den Kaffee immer direkt auf dem Herd zubereitete, zu sich heran und rührte so lange darin herum, dass sie ihn schon fragen wollte, ob er vorhabe, den Kaffee heute kalt zu trinken. Statt die Tasse zum Mund zu führen, sagte er: »Mirsad muss arbeiten, nicht so viel feiern.«

Nerina war ganz seiner Meinung. Die Frage war nur, wie sie ihren Sohn dazu bringen konnten. Und wie oft sie dieses Gespräch noch würden führen müssen.

»Er muss Bewerbungen schreiben. Für eine Ausbildung. Mit einer Ausbildung hat er eine bessere Zukunft.«

Nerina sah ihren Mann an und fragte sich, weshalb er ihr das sagte. Es klang wie ein Auftrag. Sollte sie mit ihrem Sohn Bewerbungen schreiben? Sie hätte das nicht einmal für sich selbst gekonnt. Seit Mirsad mit sechzehn von der Schule gegangen war, hatte sie gehofft, dass er eines Tages die Reife besäße, sich um sich selbst zu kümmern. Bisher hoffte sie vergeblich.

13

Es roch anders. Wie in dem Wohnwagen, in dem ich mal mit Mama und Papa nach Jugoslawien gereist war. Mein Gott, hatte ich auf dieser Reise einen Hunger! So schlimm, dass ich mich krümmte. Weit und breit kein Restaurant, keine Tankstelle, wo man etwas hätte kaufen können. Der Reiseproviant schon seit vielen Stunden aufgebraucht, weil Papa die Strecke unterschätzt hatte. Ich war sechs.

Mama motzte die ganze Zeit, dass Papa auf sie hätte hören sollen. Dass kein Mensch nach Jugoslawien in den Urlaub fuhr und dass sie ohnehin kein Cevapcici mochte. Aber Papa antwortete, er sei der Fahrer und wolle auch mal bestimmen, wohin es in den Urlaub ging. Nicht immer nur nach Italien.

Wir fanden schließlich eine Art Bar, in der es etwas zu essen gab: in Plastikfolie eingeschweißtes Toastbrot und ein Tütchen Sonnenblumenkerne. Papa und ich stürzten uns darauf, während Mama sich auf der Toilette übergab. Reisekrankheit. Danach fuhren wir nach Italien, ich schlafend auf der Rückbank, geplagt von Magenkrämpfen, die mich immer wieder aufweckten, ebenso wie das Gezanke meiner Eltern.

In Italien war es schön. So, wie ein Sommerurlaub sein sollte: volle Strände, die eine oder andere Plastiktüte im Wasser, ein Schnitzellokal und eine Pizzeria auf dem Campingplatz, ein Stellplatz in der hintersten Ecke neben den Sanitäranlagen. Wir fuhren nie wieder mit dem Wohnwagen irgendwohin.

Ich schlug die Augen auf und atmete den Wohnwagengeruch in meinem neuen, fremden Schlafzimmer ein. Vermutlich kam das von den Holzpaneelen an der Wand hinter dem Bett. Vielleicht sollte ich dieses hässliche Ding von Bernd Reuther abreißen lassen, dachte ich. Aber es war ja nicht mein Haus, vermutlich musste ich dafür den Eigentümer fragen. Und diesen Pfarrer kannte ich nicht einmal.

Durch die Fensterladenritzen blitzte Tageslicht, die Vögel zwitscherten.

Ich schwang die Beine aus dem Bett, lief zu dem Tischchen im Flur und schaute auf mein Handy. Mist, der Akku war schon wieder leer. Ich nahm das Mobiltelefon mit in die Küche und hängte es ans Ladekabel. 7:12 Uhr zeigte das Display.

Wenige Minuten später ging ich mit einer Tasse dampfendem Kaffee durchs Haus, in dem noch überall Kisten herumstanden. Den unteren kleinen Raum hatte ich abends spontan zum Schlafzimmer erklärt; vorn lag das Wohnzimmer, von dort führte eine Flügeltür auf die Terrasse. Die Fläche war mit Waschbetonplatten ausgelegt; meine Teakholzmöbel wirkten darauf so deplatziert wie mein modernes Geschirr in der altmodischen Küche.

Ich betrachtete den Raum, der zukünftig mein Wohnzimmer sein sollte. Die Möbelpacker hatten die antike Kommode und den grobschlächtigen Kirschholz-Garderobenschrank aus unserer ehemaligen Diele hineingestellt. Es sah ein bisschen seltsam aus. Als hätte man in ein Miniaturpuppenhaus die Möbel aus einem anderen, größeren Modell platziert.

Unterm Dach war es stickig, das war mir gestern schon aufgefallen. Ich öffnete die Dachfenster der beiden mit Kisten vollgestellten Räume, und sofort wehte kühle Morgenluft durch die beiden Zimmer, die ein schmaler Flur trennte. In einem der beiden Räume baumelten Blumensträuße von einem Holzbalken, ehemals gelbe und rote Rosen, auch weiße und pinkfarbene, zumindest ließen sich die Farben noch erahnen, und alle vollkommen vertrocknet. Sie waren mit ebenso verblichenen Wollfäden befestigt. Durch den Luftzug der geöffneten Fenster rieselten Blütenblätter nach unten, leisteten den Wollmäusen auf dem hellen Laminatboden Gesellschaft. Ich guckte über den Garten hinweg zum Nachbargrundstück, dessen bilderbuchmäßig saftiges Grün an die verdorrte Hecke meines neuen Heims grenzte. Hoffentlich wohnten da drüben nette Leute.

Gähnend stieg ich die Treppe hinab, wobei ich mich an der Kordel festhielt, die als Handlauf diente. Dann stellte ich meine Tasse auf einer freien Stelle in der Küche ab.

Bernd wollte heute Mittag Minas Zimmer – das mit den Blumensträußen – streichen. Ich kam nicht darum herum, vorher ein bisschen sauber zu machen, also stieg ich wieder nach oben, pflückte die Blumensträuße vom Balken und zog eine Spur alten Blattwerks hinter mir her bis zur Mülltonne vorm Haus. Ich legte die verwelkten Gebinde neben der Tonne ab, sonst war die gleich voll.

Anschließend schleppte ich den Staubsauger nach oben, schob Minas Kisten in der Mitte des Zimmers zusammen und fuhr mit der Düse über das Laminat, saugte knisternde Blütenblätter und tote Fliegen ein.

Als ich mit der Staubsaugerdüse gegen die niedrige Wand unter der Dachschräge stieß, fiel mir polternd eine Klappe entgegen. Ich stellte den Staubsauger ab und hob das Teil auf. Die Klappe war ebenfalls tapeziert, ich hatte sie überhaupt nicht bemerkt. Vielleicht verbarg sich dahinter ein Sicherungskasten. Ich kniete mich auf den Boden und linste in die Öffnung. Fast hätte ich das kleine Tütchen übersehen, das da völlig verstaubt am Boden lag. Ich zog es aus dem Hohlraum hervor, wischte mit dem Zeigefinger über die Oberfläche. Eine Tüte Gummibärchen. Uralt. Ich stand auf und ging in den Flur, legte das Päckchen an den Treppenabgang, um es später unten zu entsorgen. Zurück im Zimmer, ging ich noch einmal auf die Knie und schaute erneut in den Hohlraum, der sich offenbar über die gesamte Längsseite des Raums bis zum Giebel zog. Lag dahinten etwas? Eine Decke? Ich setzte mich wieder hin. In welchem der vielen Kartons steckte eigentlich meine Taschenlampe? Ach, egal. So interessant war es auch wieder nicht. Ich drückte die herausgefallene Klappe wieder auf die Öffnung. Bestimmt gefiel Mina dieses Geheimversteck für ihre Schätze.

14

Das Ticken der Küchenuhr erschien Marlies Mahler an diesem Morgen wieder einmal ohrenbetäubend laut. Sie betrachtete das Exemplar aus eierschalenfarbener Keramik, das Clemens und sie in Italien gekauft hatten. Am Gardasee. Frisch verliebt waren sie gewesen, Clemens hatte gerade sein Theologiestudium beendet, und sie stand kurz vor ihrem Abschluss als Germanistin. Später stellte sich heraus, dass er das Studium nicht aus tiefem Glauben heraus, sondern aus Interesse begonnen hatte. Dennoch nannte ihn heute jeder einen Pfarrer, weil die Leute dachten, Theologe und Pfarrer seien dasselbe.

Marlies hatte neben dem Studium bei der Caritas im Büro ausgeholfen, als sie sich kennenlernten, kopierte Anträge und gab Kleider an Bedürftige. Sie lebte ihre soziale Ader aus, die sie schon als Kind in sich getragen hatte: helfen um des Helfens willen. Ihr hatte später allerdings niemand geholfen. Gut, Frau Sievers vielleicht, die Therapeutin, die ihr in ihrer schwersten Zeit zur Seite gestanden hatte, aber die war ja auch dafür bezahlt worden.

Als Marlies ein Geräusch hinter sich hörte, wandte sie sich um. Sie hatte ihren Mann nicht hereinkommen hören.

»Was sitzt du hier so tatenlos?«, fragte er.

Sie sah über die Tischplatte und die Sitzbank hinweg nach draußen. »Ich denke nur ein bisschen nach.«

»Worüber?«

»Kannst du dir das nicht vorstellen?«

»Immer noch darüber, dass ich das Haus vermietet habe?«

»Du hast mich nicht gefragt, was ich davon halte.«

»Nein.«

Sie wandte den Kopf zu ihm um. Er hatte wie immer eine dunkle Anzugshose und einen blauen Pullover mit V-Ausschnitt an. Darunter ein weißes Poloshirt. Er trug das sommers wie winters. So erkannten ihn die Leute. Hier in Steinau und auch im Krankenhaus in Gelnhausen, wo er als Seelsorger arbeitete, seitdem er vor acht Jahren seinen Job in der JVA in Frankfurt aufgegeben hatte.

Ihr Mann hob die Schultern. »Du wirst dich schon an den Gedanken gewöhnen.«

Marlies lauschte wieder auf das Ticken der Uhr. Laura wäre heute einundzwanzig Jahre alt geworden. Das war es, woran sie gedacht hatte. Clemens hatte es anscheinend vergessen. Aber sie nicht. Sie konnte nicht einmal Blumen an ein Grab bringen. Stattdessen hätte sie wie jedes Jahr einen Strauß in Lauras altem Zimmer an den Deckenbalken gehängt, an dem ihre Tochter so gern herumgeturnt war. Dieses Jahr ging das nicht. Das Haus war vermietet.

Clemens fasste sie bei den Schultern und knetete ihre verspannten Muskeln.

»Das Haus verfällt, Marlies. Es wird Zeit, dass mal wieder jemand darin lebt und sich darum kümmert.«

»Und wenn sie wiederkommt?«

»Wenn sie wiederkommt, ziehen wir ganz sicher nicht nach Bad Vilbel zurück.«

Das stimmte vermutlich. Aber Marlies hatte weder von ihrer Tochter noch von ihrem gemeinsamen alten Zuhause Abschied nehmen können.

Nachdem Laura anderthalb Jahre verschwunden und nicht wiedergekommen war, waren sie in das fünfzig Kilometer entfernte Steinau gezogen, um den Erinnerungen zu entfliehen. Was Clemens nicht bedacht hatte: In Steinau tummelten sich wegen des bekannten Puppentheaters und wegen des Freizeitparks täglich Hunderte Kinder. Anfangs hatte das Marlies gequält. Sie vermisste Laura noch mehr als zuvor. Doch dann, nach einiger Zeit, hatte sie es als Chance begriffen. Vielleicht war es kein Zufall, dass sie dieses Haus gefunden hatten? Fortan verbrachte sie unzählige Tage im Ort, um unter den zahlreichen herumspringenden Kindern nach ihrem blonden Engel zu suchen. Und im Laufe der Jahre hatte es auch zwei- oder dreimal einen Moment gegeben, in dem sie sicher gewesen war, Laura vor sich zu haben. Doch sie hatte sich natürlich jedes Mal getäuscht. Die Statistik besagte, dass verschwundene Kinder in der Regel binnen kurzer Zeit wieder auftauchten. Aber was war mit den wenigen, bei denen das nicht zutraf? Für die Eltern war das Schlimmste die Ungewissheit. Lebte ihr Kind noch? Hielt jemand es in einem Kellerverlies gefangen?

Am schlimmsten waren die Bilder im Kopf. Ein verschwitzter Männerkörper, dickbäuchig, fettig, auf ihrer zarten Tochter. Das Gesicht der Kleinen tränenüberströmt. Oder mit leeren Augen, die an die Decke blickten. Es gab Tage, da wünschte Marlies sich sehnlich, dass Laura tot war und nichts dergleichen erleben musste. Erlebt hatte.

Vielleicht hatte sie auch jemand geholt, dessen Kinderwunsch so groß war, dass er selbst vor einer Entführung nicht zurückschreckte? Doch diese Variante schien nicht sehr wahrscheinlich. Eine Zehnjährige riss man nicht einfach aus ihrer gewohnten Umgebung und führte sie am nächsten Tag woanders spazieren.

---ENDE DER LESEPROBE---