Vaterlücken - Klaus Kitzmüller - E-Book

Vaterlücken E-Book

Klaus Kitzmüller

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Beschreibung

Eine Kurzgeschichte über Leerräume, die bleiben, wenn Väter von Söhnen gehen. Über einen wahrscheinlich ganz normalen Vater des Jahrgangs 1930 und seine Generation. Bevor Erinnerungen verblassen, lassen sich zumindest manche Lücken schließen, wenn man nachdenkt und seine Gedanken in Worte fasst. Um vielleicht ansatzweise einer Generationenverantwortung gerecht zu werden.

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Seitenzahl: 120

Veröffentlichungsjahr: 2022

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FÜR MARIE-LOUISE, LARA, CLEMENS, CHRISTOPH

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vaterlücken

Szenenwechsel. Eisenerz 1930

Exkurs in die Monarchie

Konsequenzen

Das Kriegskind

Die Persönlichkeit(en) eines 30er-Jahre Vaters

Der Tolerante

Der (Nicht-)Erzieher

Der Autofetischist

Der sehr bedingte Genussmensch

Der rotarische Freund

Der Naturbursche

Der Blutsbruder

Schweigen ist Gold

Nähe hemmt. Distanz verbindet

Der weltbürgernde Provinzadvokat mit sozialer Ader

Der Arrogante

Frauenbeschützer versus Frauenversteher

Der Medienmensch

Der Urlauber

Der Beschützer

Der Unterdrückte

Freunde

Der Ritualverweigerer

Halb voll!

Der halbe Macho

Berührungsängste

Kontrapunkte

Geld statt Gefühle

Politische Bildung

Der Einzelsportler

Vaterstolz

Wie geht es dir?

Schlussakkord

VORWORT

Zurückschauen, um voranzukommen. Formulieren, um zu verstehen. Schreiben, um (sich) zu befreien. Das sind die Hauptgründe für dieses Buch.

Und das Bedürfnis, die Generation meines Vaters einmal eigenhändig und völlig subjektiv etwas ausführlicher zu beleuchten. Jene Generation von Männern, die mich genauso wie die Mehrheit meiner Freunde und Weggefährten maßgeblich geprägt hat. Die Generation zwischen den aktiven Kriegsteilnehmern und den berühmt-berüchtigten 68ern, die Jahrgänge zwischen Mitte der 20er- und Ende der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Also jene Generation, die die Kriegsjahre teilweise aktiv und in jedem Fall bewusst erlebt hat und die uns jetzt bald zur Gänze verlässt. Ich bin heute mehr denn je davon überzeugt, dass vieles, was ich an meinem Vater feststellen und erleben konnte, nicht nur einen persönlichen Charakterzug darstellte, sondern auch eine manifeste Lebenseinstellung einer ganzen Männer- und Vätergeneration.

Diese Erkenntnis hat mir dabei geholfen, keine Ressentiments, zum Beispiel wegen zu wenig väterlicher Beachtung oder erzieherischen Engagements, zu pflegen, gemäß meinem einleitenden „Vorsatz“: Zurückschauen, um voranzukommen. Heute glaube ich, zumindest teilweise zu verstehen, warum mein Vater so war, wie er war, und … dass ich ihn gerade deshalb geliebt habe.

NACHTRAG ZUM VORWORT

Vier Jahre lag das Manuskript in einem Schrank meines Homeoffice. Ich konnte und wollte mich nicht mehr damit befassen, weil ich mich entschlossen hatte, es zu Lebzeiten meiner Mutter nicht in einen wie auch immer gearteten Umlauf zu bringen.

Vor wenigen Monaten ist meine Mutter im einundneunzigsten Lebensjahr verstorben.

Kurz darauf hatte ich das Manuskript wieder in der Hand. Beim Lesen und Redigieren stellte ich doch etwas überrascht fest, welch (zu) tragende Rolle meine Mutter in diesem Vaterbuch spielt.

So begann ich, zumindest teilweise, noch einmal von vorne. Und das ist dabei herausgekommen:

VATERLÜCKEN

Mein Vater ist tot. Er starb am 6. Dezember 2015 um 04.30 Uhr. Um 14.30 Uhr war ich bei ihm. Nein, um 14.30 Uhr habe ich einen ebenso intensiven wie leeren Blick auf das geworfen, was man wohl gemeinhin als „sterbliche Überreste“ bezeichnet. Auf eine Hülle, die einmal mein Vater gewesen zu sein schien.

War ich zu spät gekommen, obwohl ich ohne allzu große Mühen hätte „rechtzeitig“ da sein können? Oder war er, ganz und gar absichtlich, „zu früh“ gegangen? Früh genug jedenfalls, um weder Tochter noch Sohn in einer Verfassung zu begegnen, die er deklariertermaßen als unzumutbar empfunden hätte. Nun ja, wie das bei Toten so ist, wird es sich wohl kaum mehr klären lassen.

Was mir hingegen völlig klar war, und zwar in der Sekunde, in der ich das Wohnzimmer mit der Hülle meines Vaters betrat, war die Tatsache, dass ich etwas Substanzielles nicht geschafft hatte. Etwas, von dem ich gedacht hatte, es zumindest ansatzweise erreicht zu haben. Nun stellte ich fest: Ich war nicht frei. Nicht frei von Skrupeln und unausgedrückter Dankbarkeit. Nicht frei von Selbstmitleid, gedämpfter Wut – und Ratlosigkeit.

Weg ist weg. Vater ist Vater. Und Lücken sind Lücken. Meine Vaterlücken sind groß.

Ich habe mir, spätestens seit man mich halbwegs getrost zur Gemeinschaft der sogenannten Erwachsenen zählen konnte, stets einiges auf diese gepflegte, freundschaftlich angehauchte Distanz eingebildet, mit der wir beide zumeist miteinander umgingen. Ich habe sie vermutlich als maximalen Ausdruck seiner Zuneigung einerseits und meines Respekts vor seiner Geschichte und Herkunft andererseits interpretiert. Eine Art „silent agreement“. Nein, es war unsere sehr persönliche Art eines Generationenvertrags, der vor allem darin bestand, den anderen möglichst wenig zu belästigen, zu belangen, zu berühren. Und damit auch keine unbotmäßigen Fragen zu stellen, nicht allzu tief in irgendwelche Emotionen einzutauchen, sich in uferlose Diskussionen über Gefühle, Werte und ähnliche Untiefen zu begeben.

Erst in den letzten Wochen vor dem Tod meines Vaters habe ich halbwegs ernsthaft versucht, dieses Agreement ein wenig außer Kraft zu setzen. Was mir weitestgehend misslang.

Wobei ich einen ähnlich ambitionierten Versuch, diesen Generationenvertrag zumindest temporär neu zu interpretieren, bereits fünfzehn Jahre zuvor gestartet hatte.

Mein Vater war in diesem Jahr siebzig geworden. Ich verzeichnete gerade eine Phase wirtschaftlichen Erfolgs und fühlte mich wohl deshalb und aus einigen anderen Gründen gewappnet und motiviert, meinen Vater einmal halbwegs generös einzuladen. In diesem Fall zu einer Vater-Sohn-Reise nach Portugal. Zum einen, weil uns damals mit dem Golfsport noch ein gemeinsames Hobby verband, das sich im portugiesischen Frühling besonders angenehm gestalten ließ. Zum anderen und vor allem, weil ich die zumindest vage Hoffnung hegte, dass uns eine solche Reise emotional näherbringen könnte. Dass ich Fragen loswerden könnte, die ich schon lange mit mir herumtrug, und vielleicht sogar die eine oder andere Antwort erhalten würde.

Es war ein perfektes Setting für eine derartige Attacke! Zwei Nächte in Lissabon mit erstklassigem Essen, eine Autofahrt durch die endlosen Korkwälder im portugiesischen Süden bis zum Südwestzipfel am Atlantik. Mein Vater war begeistert und spielte dann auch noch fünf Tage ein für seine Verhältnisse ausgezeichnetes Golf an der Algarve.

Um es kurz zu machen: einhundert Prozent Fehlanzeige. Nichts.

Nach spätestens drei Tagen gab ich einfach auf. Aber wir spielten gemäß unserem persönlichen Generationenvertrag eine Woche lang wunderbares Golf bei angenehmen Temperaturen, gingen uns niemals auf die Nerven, genossen Kulinarik und Wellness und konstatierten beim Rückflug übereinstimmend einen gelungenen Ausflug. Doch was meine eigentlichen Absichten betraf, war selbiger eine Bruchlandung. Es war mir nicht gelungen, Fragen zu stellen, um die er wie ein geschickter Pilot herummanövrierte, noch ehe ich sie abschießen konnte. Zum Beispiel nach den Hintergründen seiner Familiengeschichte in den 1930er- und 1940er-Jahren, den Gründen für seine emotionale Verschlossenheit und die für uns Kinder völlig undurchschaubare Gefühlswelt im Innenverhältnis unserer Eltern. Inklusive meines größten persönlichen Mirakels, warum in aller Welt er mit meiner Mutter noch immer zusammen war!? Hatte ich es zu halbherzig versucht? War ich zu schwach gewesen, um zu fordern, zu beharren, zu kämpfen? Zu besorgt, um die Oberflächlichkeit unserer mediterranen Harmonie aufs Spiel zu setzen? Oder war es einem Teil von mir sogar recht? Sodass ich schließlich wie betäubt von der ebenso beruhigenden wie unglaubwürdigen Vision, es sei ja ohnehin noch genügend Zeit und es würden sich sicher noch ausreichend Gelegenheiten ergeben, das Unvollkommene einmal konsequent anzugehen, weitermachte wie gewohnt.

Doch genügend Zeit ist nie genug, eher das Gegenteil, wie das Leben lehrt. Und als mein Vater fünfzehn Jahre später die niederschmetternde Diagnose eines sehr aggressiven neuroendokrinen Karzinoms erhielt, beschloss ich, trotz oder eher wegen seiner Erkrankung einen neuen Anlauf zu starten. Und diesmal würde ich nicht so schnell aufgeben! Meine Vorsätze waren eisern.

SZENENWECHSEL. EISENERZ 1930

Eine Industriekleinstadt im Herzen eines völlig neurotisierten, vielfach zerrissenen und weitgehend verarmten Überrests einer bis zwölf Jahre zuvor sich mächtig und wichtig wähnenden Monarchie. Was die immer schon kleinen Leute qua verloren gegangenem staatlichem Selbstwertgefühl noch kleiner machte. Das tägliche Leben als täglicher Kampf um ein physisches, aber auch gesellschaftliches Überleben, um eine zumindest vage vorhersehbare Zukunft.

Die für einige „Großstädter“ zumindest ansatzweise hoffnungsfrohen 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts waren hier nie angekommen. Dennoch war die etablierte Schwerindustrie der Kleinstadt für viele, die aus noch ärmeren und noch hoffnungsloseren Gegenden zugezogen waren, in diesen Jahren so etwas wie ein verheißungsvoller Ort. 1930 jedoch gehörte auch diese Hoffnung der Vergangenheit an. In diese Gemengelage und in eine höchst politisierte Umgebung wurde mein Vater als Sohn eines Gastwirts hineingeboren, der, wohl ohne große Planung oder Absicht, plötzlich mittendrin war statt nur dabei. Denn Gasthäuser waren in der Provinz die eigentlichen Parteizentralen der wackeligen, jungen Republik. Und aus welchen – für mich trotz der Befragung einiger Zeitzeugen nie wirklich ersichtlichen – Gründen auch immer, wurde das Gasthaus meines Großvaters zum örtlichen Hotspot der deutschnationalen Bewegung der Stadt. Mit weitreichenden Folgen, wie sich recht schnell auch für meinen Vater, den kleinen Alois, zeigen sollte. Und mit lebenslänglichen und generationenübergreifenden Nachwirkungen.

Mein Vater hat immer behauptet, seine Kindheit sei eine schöne gewesen. Schön im Sinne großer Chancen, frühzeitig viel zu lernen. Schön im Sinne großer Freiheit von ganz frühen Jahren an. Schön tatsächlich auch in dem Sinne, nie ernsthaft Hunger gelitten zu haben.

Ich habe das über weite Strecken für blanken Zynismus der eigenen Historie gegenüber gehalten. Aber das hätte aus späterer Sicht geheißen, den Umständen nicht gerecht zu werden. Deshalb habe ich in den letzten Jahren zaghaft versucht, auch ohne meinem Vater zu nahe zu treten, und vor allem mittels Verwandter und Bekannter seiner Generation, etwas mehr Gefühl dafür zu bekommen, wie diese Aussagen realitätsnahe zu interpretieren seien. Aus der Zeit seiner „großen Wanderschaft“ zwischen 1935 und 1938, auf die ich später zu sprechen kommen werde, gibt es einige Anekdoten, die ein deutlicheres Bild zeichnen. Doch die prägenden Kleinkindjahre blieben weitestgehend im Nebel einer Vergangenheit, die genauso verdrängt wie nicht erinnert wurde.

Apolitisch im extremst vorstellbaren Sinne ist wohl der Ausdruck, der die Weltanschauung meines Vaters auf den Punkt bringt. Wobei dieser Begriff nicht nur für Politik im klassischen Sinne, sondern für gesellschaftspolitische Themen aller Art galt. Und für alles Religiöse sowieso. Religion war für meinen Vater am Ende des Tages nur eine andere Facette von Politik. Und die katholische Kirche eine äußerst dubiose Partei.

Was seinen eigenen Vater Raimund, meinen Großvater, den Gastwirt betrifft, hat mein Vater nie ein schlechtes Wort über ihn verloren. In meiner Kindheit gab es dazu kaum Gelegenheit, denn er sprach ja kaum über früher. Erst in seinen letzten Jahren ließ er die eigene Kindheit manchmal auferstehen, dann aber eher gegenüber seinen Enkelkindern als den eigenen. Das scheint für Kriegskinder typisch zu sein, wie ich öfter gelesen habe.

Ich habe immer wieder versucht, mir vorzustellen, wie er mit großen Augen und weit geöffneten Ohren, aber zugleich ganz unscheinbar und unaufgeregt, als kleiner Bub die lauten, heftigen und bisweilen sicher unverständlichen, vor allem aber derben bis brutalen Verbalinjurien der deutschnationalen Stammtischbrüder wahrgenommen hat. Denn gerade in der Vorschulzeit verbrachte er wohl viel Zeit in Küche und Schankraum, wenngleich zumeist in Obhut der Mutter.

Ach ja, meine Großmutter. Ein viel größeres Fragezeichen noch als der Großvater, zumal ich die beiden nie kennenlernte. Es scheint, dass genau so, wie mein Großvater wohl das Verhältnis meines Vaters zu mir (und der katholischen Kirche) geprägt hat, eine ungreifbare Mutter, die der frühen „Nicht-Erziehung“ ihres Gatten kaum etwas entgegensetzen wollte oder konnte, das Frauenbild meines Vaters frühzeitig manifestierte. Auch wenn es vollkommen hypothetisch ist, bin ich der Meinung, dass der Entschluss meines Vaters, eine Ehefrau niemals mehr zu verlassen, schon vor seinem achten Lebensjahr gefallen ist.

Es ist mir aber bis heute ein Rätsel, warum sich dieses diffuse und nach meines Vaters eigenen Worten weitgehend emotionsfreie Verhältnis zu seiner Mutter auch in den mehr als drei Jahren nicht änderte, in denen er an ihrem Rockzipfel der Odyssee ihres Ehemanns durchs Deutsche Reich folgte.

Denn nachdem mein Großvater 1934 in den Wirren des kurzen, aber in den steirischen Industriegebieten besonders intensiv betriebenen Putschversuchs österreichischer Nationalsozialisten nach der offensichtlichen Verbrüderung mit seinen Stammtischgästen erst verprügelt und dann eingesperrt worden war, war es mit der eigentlichen Kindheit meines Vaters auch schon vorbei.

Da die Austrofaschisten in der Wahl ihrer Mittel den deutschen Originalen um nichts nachstehen wollten, wurde es gefährlich für die Familie. Aber, einer spezifisch österreichischen Inkonsequenz sei Dank, gelang dem Familienoberhaupt nach mehreren Wochen eine in den späten Erzählungen etwas verklärte Flucht über Südeuropa ins gelobte dritte Reich der Stammtischbrüder.

Und der kleine Alois durfte an der Seite seiner Mutter nachziehen. Was dann folgte, war die Zeit, von der mein Vater allen Ernstes behauptete, sie als glückliche Kindheit empfunden zu haben. Selbige gestaltete sich als Irrfahrt und führte ihn in knapp vier Jahren durch mindestens sechs Volksschulen zwischen dem Bodensee und Berlin. Denn trotz der Unterstützung der NSDAP, die mein Großvater sicherlich erfahren hat, war es wohl schwer, als österreichischer Exilant und Wirt irgendwo in Deutschland Fuß zu fassen. Das gelang erst und nur für relativ kurze Zeit am letzten Standort, in Berlin.

In seiner Erinnerung schwärmte mein Vater vom absoluten Gerechtigkeitssinn prügelnder Grundschullehrer (jeder Fehler ein Hieb, ohne Ansehen von Herkunft oder Sympathie), und wie er ein ansehnliches Hochdeutsch lernte.

Ich denke, mein Vater war ein Kind, das es seinen Eltern zumeist leicht gemacht hat. Zumal er sehr deutlich sah, wie schwer sich diese schon mit den Umständen taten. Da wollte er wohl in keiner Weise eine zusätzliche Belastung darstellen. Und das konnte er am besten dadurch erreichen, dass er möglichst schnell so selbstständig wie nur möglich wurde.

Wunderbar, so viel Auslandserfahrung in jungen Jahren musste ja zu einer frühen Persönlichkeitsbildung und zu großer Selbstständigkeit führen. Und genau dies ist das Motto, das ihn nie wieder losließ: Selbstständigkeit. Oder Unabhängigkeit. Am besten beides. Er wollte das von ganz jungen Jahren an so sehnlich und unbedingt wie nichts anderes. Aber nur für sich. Er war und blieb immer der ruhige Mittelpunkt seines Kosmos. Alles andere passierte. Und – er konnte sich immer bestens anpassen an das, was so passierte. Solange er sich in seinem tiefen Inneren sicher war, dass er selbst unabhängig und frei blieb. Unangetastet in seinem Sinne. Das galt für wirklich alles. Für jede Lebenssituation und für jeden Mitmenschen. Ob der nun Vater oder Mutter hieß, Sohn oder Tochter, Freund oder Klient. Eine konsequente Interpretation von Unabhängigkeit und Freiheit, egal wie sanft und unscheinbar er sie oft lebte. Und in dem Moment, in dem er wahrhaftig und unwiderruflich realisierte, dass er sie verloren hatte, begann er, denke ich, zu sterben. Was er dann auch mit derselben Konsequenz und einer gewissen Unaufgeregtheit vollbrachte.

Dass er aber diese für ihn essenzielle innere Freiheit in Wahrheit schon lange vorher in kleinen Dosen begonnen hatte aufzugeben, das war mir vielleicht bewusster als ihm selbst. Denn auch wenn es lange Zeit gut ging, irgendwann war die Konsequenz eines Lebensversprechens ewiger Bindung, Fürsorge und Rücksichtnahme auch mit der philosophischsten Freiheitsdeutung kaum mehr vereinbar. Zumindest nicht in seinem Fall.

EXKURS IN DIE MONARCHIE