Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Tina Weiss war über Jahre die Frau, die wusste, was hip und in Mode war. Fashion und Lifestyle war ja ihr Fachgebiet. Sie hatte ihre eigene Agentur für Promotion und Styling, sie schrieb und fotografierte als Reporterin für Zeitungen und Magazine. Die gelernte Buchhändlerin kam zum Fernsehen, stand vor und hinter der Kamera, kreierte ihre eigene Welt "World of Venus" mit Pin-Up-Kalendern und Events. Sie war unermüdlich und kreativ, reiste an Fashion Weeks, wurde zur Stylistin von Models und Prominenten und regelmäßiger Gast an den VIP-Events der Medien-und Fashionbranche. Sie ließ nichts aus, lebte das volle Leben. Wechselnde Männerbeziehungen und freie Sexualität inklusive. Aber was außen wie Glamour aussah, fühlte sich innen nicht nur gut an. Das frühere Promi-Girl mit der ersten veritablen Erotik-Sendung auf Schweizer TV-Bildschirmen erlebte während eines Indien-Besuches einen totalen Wertewandel. Inzwischen studierte Tina Weiss Theologie und arbeitete bei den bekannten Sozialwerken von Pfarrer Sieber. Für sie sind Menschen immer noch wichtig. Aber jetzt geht es nicht mehr ums Aussehen und Kleidung, Erotik und Style. Sondern um das Seelenleben. Und wie! Tina Weiss ist inzwischen verheiratet mit Samuel und heißt heute Tina Schmidt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 580
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Tina Weiss Venus
The Lord is close to the brokenhearted and saves those who are crushed in spirit.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
Die Bibelstellen wurden folgenden Übersetzungen entnommen: New International Version® © 1973, 1978, 1984, 2011 Biblica Inc.® Hoffnung für alle © 1983, 1996, 2002, 2015 Biblica, Inc.®, hrsg. von Fontis – Brunnen Basel
© 2017 by Fontis – Brunnen Basel
Covergestaltung, Bildteil und Klappen-Foto der Autorin: Samuel Schmidt Coverfoto: Caroline Dyer-Smith Logo «World of Venus»: Moritz Adler, Büro Destruct Alle anderen Fotos, soweit nicht anders angegeben: © by Tina Weiss / World of Venus E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg
ISBN (EPUB) 978-3-03848-472-1 ISBN (MOBI) 978-3-03848-473-8
1 Russisches Silvester
2 Ein rothaariger Wildfang – Die Kindheit
3 Sehnsüchte und Dramen – Ein ganz normaler Teenager?
4 Smells like teen spirit: Die Rebellenphase
5 Surfin' USA – und eine ungeplante Schwangerschaft
6 Die Geburt der Venus – Hyperaktiv auf allen Ebenen
7 «Playboy» – Ein Traum wird wahr
8 Große Fragen – Prädestiniert zum Star?
9 World of Venus – Pin-ups, Passion, People
10 Rocky Balboa – Mein Untergang im Boxring
11 Wer bin ich? – Und wer bin ich noch, wenn Venus tot ist?
12 Zürich – Noch einmal rein ins volle Leben
13 Das «Burning Man»-Festival in der Wüste Nevadas
14 Ein kleiner Napoleon auf der Suche nach Liebe?
15 «Kumbaya, My Lord» und andere Erlösungsversuche
16 Indien – Ein kompletter Neuanfang an Weihnachten
17 Lakhanya – Meine Entscheidung am Wasserfall
18 Sri Lanka – Rameshan und mein neuer Freund Axel
19 Vergebung in Goa – oder: Du sollst nicht töten
20 L'Abri – Schutzraum in heilender Gemeinschaft
21 Das Staunen wieder lernen – dem Neuen Raum geben
22 Mission in Toulouse: Wem viel vergeben ist, der liebt viel
23 Doch noch ein Studium: Tina, die Theologiestudentin!
24 Zurück an der Langstrasse: In den Fußstapfen von Pfr. Sieber
25 Samuel – Die Venus lebt jetzt «echte» Liebe
Dank
Pseudonyme
Die Autorin
Anmerkungen
Bildteil
Was wurde geboten? Russisches Silvester mit gleichzeitiger Hochzeit im Schloss Sihlberg in Zürich. Die Russen feiern Silvester – genauso wie Weihnachten – erst Anfang Januar. Olena hatte mich eingeladen. Sie ist eine ukrainische Designerin und war mir eine Freundin geworden. Bei diesem Anlass zeigte sie ihre Kollektion auf einer Modenschau, zudem wurde an dem Abend auch noch eine Hochzeit gefeiert. Ein vielversprechender Event also, bei dem es außerdem gute Unterhaltung sowie Essen und Getränke «all inclusive» gab.
Natürlich nahm ich die «Invitation» gerne an. Ich kam mittlerweile ja in den Genuss von vielen Einladungen. An diesem Abend trug ich ein Kleid von Olena. Stylistin zu sein hatte den Vorteil, Kleider von Designern zu tragen, mit denen ich geschäftlich zu tun hatte. Das war eine Win-win-Situation. Für die Designer war es Gratis-Promotion, wenn ein «Promi» ihre Kleider trug, und ich musste mir nicht dauernd neue Kleider für spezielle Anlässe kaufen. Denn natürlich konnte man bei öffentlichen Events nicht zweimal dasselbe tragen. Man stand da ja immer unter der Beobachtung von Kennern der Branche und wurde außerdem fotografiert.
Olenas Label hieß «Trophäe», welches sie mit einer Freundin zusammen in Zürich gegründet hatte. Die beiden kleideten Prominente ein, aber auch Mitarbeiter der FIFA und anderer Organisationen. Sooft es das Budget der Kunden zuließ, ließ ich Kleider für die Hostessen meiner Agentur von ihnen schneidern.
Das Schloss Sihlberg erhebt sich als imposanter Bau auf einem kleinen Hügel inmitten eines grünen Parks, im Zentrum des Enge-Quartiers. Ursprünglich war es die Villa der Zürcher Bierbrauer-Familie Hürlimann. Viel später wurde es durch den neuen Besitzer mit Events belebt. Die Kandidaten der Casting-Show «MusicStar» wurden hier zum Beispiel mal einquartiert, und russische Silvester-Partys sorgten dann derart für Schlagzeilen, dass das Schloss seit ein paar Jahren nicht mehr für gewerbliche Veranstaltungen genutzt werden darf.
Ich fühlte mich an dem Abend ein bisschen wie eine Prinzessin, jedenfalls wie ein wichtiger Gast, der erwartet wird. Da war eine überblickbare Anzahl von Gästen, die auch zum Essen geladen waren. Gleich zur Begrüßung gab es Wodka-Shots, und bald sah ich das Hochzeitspaar lachend die Treppe herunterkommen. Dieser Moment wurde jedoch unterbrochen. Ein gutaussehender Mann in einem gut sitzenden Anzug und weißem Hemd schob sich in mein Blickfeld. Er erklomm die Treppe in entgegengesetzter Richtung. Plötzlich drehte er sich zu mir um, zeigte mit ausgestrecktem Finger auf mich und rief mir zu:
«Und wann heiraten wir?»
Ich war ziemlich perplex, dass dieser Mann ausgerechnet auf mich zeigte, und auch etwas peinlich berührt. Meine Antwort weiß ich nicht mehr genau. Doch war sie wie meistens schlagfertig und etwas aufmüpfig. Vielleicht sagte ich so etwas wie: «Das musst du mir sagen» oder «Da können wir später drüber sprechen». Ich hatte ihn bis dahin noch nie gesehen, es war der Kollege eines Künstler-Gefährten von Olena, wie sich später herausstellte.
Auf jeden Fall war so eine Frage, obwohl sehr provokativ – oder vielleicht auch gerade deswegen –, Balsam in den Ohren einer sehnsüchtigen und liebeshungrigen Frau wie mir. So etwas setzt sofort allerhand Fantasien frei und wäre dank dieser romantischen Kulisse auch der perfekte Start einer extravaganten Liebesgeschichte gewesen. Außerdem wollte ich an die Liebe auf den ersten Blick glauben. Und warum sollte sich ein Mann nicht auch sofort in mich verlieben, wenn er mich nur ansah? Ich war ja eine auffällige und attraktive Frau. Jedenfalls gefiel er mir, und ich dachte, der Abend könne ja heiter werden.
Was er auch wurde.
Das Essen war exquisit, dazu gab's viel Wein, irgendwann noch Champagner und dazwischen irgendwo die Modenschau von Olena. So detailliert erinnere ich mich nicht mehr an den weiteren Verlauf des Abends, außer dass der gutaussehende Unbekannte nicht mehr in meinem Blickfeld war und ich stattdessen die halbe Nacht mit seinem Kollegen, dem Künstler Gregory Banks, in einem der wunderschönen Räume abhing und Kokain schnupfte. Es war nicht das erste Mal, doch – Gott sei Dank – auch eines der eher seltenen Erlebnisse mit dieser verführerischen Droge, die das Ego noch egoistischer und aufgeblasener macht, eine unnatürliche Wachheit generiert und zudem noch spitz macht wie Nachbars Lumpi.
Die erste Begegnung mit Kokain hatte ich in New York. Ich hatte einen Typen mit aufs Hotelzimmer genommen, der plötzlich das weiße Pulver auspackte und dünne Linien auf dem Fernsehtisch unterteilte. Als ich sie so sah, war meine Hemmschwelle nicht mehr groß, ich hatte keine Angst mehr vor Drogen. Im Gegenteil – jetzt war ich neugierig geworden.
Wir zogen mithilfe einer gerollten Dollarnote das Zeug in die Nase hoch. Der Sex war dann noch hemmungsloser und wilder. Doch am nächsten Morgen warf ich den Fremden buchstäblich aus dem Zimmer. Total fies und «cold» macht die Droge nämlich ebenfalls. Aber ich fühlte mich emotional und körperlich furchtbar, und zwischen diesem Mann und mir war nur noch eine höchst unangenehme Leere. Also: Bye for now.
Ich bin froh, dass das Kokainschnupfen nur eine gelegentliche Erfahrung blieb. Man wird damit eigentlich nur ein zu bemitleidendes Abbild seiner selbst, nach außen zwar stark und unbezwingbar, innerlich jedoch total unruhig, getrieben und unsicher.
Olena und ich machten noch eine Fotosession in einem der schönen Bäder mit Füßchen-Badewanne und gekachelten Wänden. Ich erinnere mich daran, ein Stück Keramik, welches von der Wand splitterte, eingepackt zu haben. Irgendwie hatte ich es so an mir, Erinnerungsstücke aus Gebäuden mitzunehmen, ob es jetzt ein Abbruchhaus war oder ein denkmalgeschützter Ort wie eben dieses Schloss.
Steve, wie der gutaussehende Mann hieß, sah ich erst sehr spät wieder. Und zwar unten im Grotto, dem Gewölbekeller des Hauses, wo die Disco stattfand. Es waren nur noch spärlich Leute da, als ich da unten vorbeischaute in der Hoffnung, ihn zu finden. Und da war er, ebenfalls ziemlich verladen. Lange haben wir nicht miteinander gesprochen, das Kennenlernen auf intellektueller Ebene war zu dem Zeitpunkt nicht mehr möglich und auch nicht mehr so wichtig. So gingen wir gleich zum Nahkampf über.
«Kommst du noch mit zu mir?», meinte er.
«Okay, warum nicht?», entgegnete ich und fühlte mich ziemlich verwegen und auch ganz schön erregt. «Horny», wie man so schön sagt.
Das war auch zum großen Teil dem Alkohol und dem Kokain zuzuschreiben. Ich wurde dann mutig und tat Dinge, die ich sonst wahrscheinlich nicht getan hätte. Es war sicher schon gegen vier Uhr morgens und ziemlich klar, worauf ein Besuch zu dieser Zeit hinauslaufen würde. Er wohnte gleich in der Nähe. Das Hochzeitspaar des Abends hatte sich nämlich in seiner Wohnung vorbereitet, und auch sein Künstler-Kollege Gregory und andere waren von dort aus zu dem Anlass gegangen.
Ich war begeistert über die Loft-Wohnung im «Sihlcity», einem riesigen Überbauungszentrum in Zürich-Wiedikon. Sie hatte eine riesige Fensterfront. Von der Badewanne aus, die erhöht mitten im Raum stand, sah man direkt auf die Autobahn Richtung Chur. Ich wollte unbedingt baden und hatte kein Problem, mich gleich auszuziehen und nackt in die Wanne zu setzen. Er setzte sich auch kurz dazu. Allerdings schien er leicht gestresst und meinte, dass er am Morgen arbeiten gehen müsse. Es blieb also nicht viel Zeit, bevor er wieder aufstehen und nach Liechtenstein fahren musste.
Er war Banker. So richtig bewusst, dass er ein liierter Banker war, wurde mir erst, als ich die ganzen Utensilien im Bad und die Kleider in den Schränken sah. All das zeugte deutlich davon, dass er hier nicht alleine wohnte, sondern mit einer Madame! Ich weiß nicht, was mich mehr schockierte, dieses Faktum oder das Bild über dem Bett, welches eine seitliche Nahaufnahme eines weiblichen Geschlechtsteils zeigte.
Nun erinnerte ich mich, dass Gregory mir von dem Bild erzählt hatte. Er hatte es gemalt, und er sagte mir auch, wer das abgebildete Model war. Ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt hätte wissen wollen, zu wem dieser gemalte Venushügel gehörte. Diese Person kannte ich nämlich, was sie gleich in einem anderen Licht erscheinen ließ. Seltsamer war jedoch, dass es nicht mal das Geschlechtsteil von Steves Freundin zeigte. Wobei – die eigene Freundin vom Kollegen so malen lassen? Möchte man nicht unbedingt. Aber eine andere Frau übers Bett hängen? Noch viel weniger. Das war alles etwas dubios.
Jedenfalls machte es mir nicht so viel aus, dass im Bett dann doch nichts mehr lief. Ihm war das Versagen seiner Männlichkeit allerdings sehr peinlich. Er haderte offenbar damit und entschuldigte sich dafür.
«Wir holen das ein anderes Mal nach», meinte er.
Nun ja, ich schlief dann und bekam später so halbwegs mit, wie er sich verabschiedete. So schlief ich selig unter dem gemalten Vagina-Bild eines mir bekannten Models in einem fremden Bett noch bis zehn Uhr morgens.
Später erfuhr ich, dass die Freundin von Steve irgendwann am Bett stand und mich sah, die Wohnung dann allerdings wieder verließ. Ihn jedoch nicht. Entweder war ich keine große Gefahr und dieses Verhalten normal, oder sie hatte sich schon daran gewöhnt, fremde Frauen im Bett vorzufinden.
Ich weiß nicht mal, ob ich ihre Reaktion bewundern oder eher als gleichgültig und irritierend abtun soll. Ich meine, die meisten Frauen würden doch losbrüllen und die Bettdecke wegreißen, vielleicht sogar auf mich losgehen. Arme Frau, denke ich jetzt, mit so einem, der sich nicht zügeln kann, seinen Charme überall spielen lässt und Unschuldige – oder eben Mitschuldige wie mich – ins gemeinsame Heim schleppt! Furchtbar. Wie viele solche Männer es wohl gibt? Und wie viele Frauen?
Jetzt, da ich verheiratet bin, kann ich mir so gar nicht vorstellen, wie eine fremde Person überhaupt den Weg in unser Ehebett finden könnte. Wenn so etwas passiert, muss doch in der ganzen Beziehung etwas schon vorher nicht ganz gestimmt haben. Das ist einfach so traurig, denke ich jetzt, wenn es derart weit kommen muss.
Die Geschichte war dort nicht beendet, und ich bin ihm leider nochmals verfallen. Offensichtlich war er so in seiner Männlichkeit getroffen, weil er mir keinen wilden Sex bieten konnte, dass er dies unbedingt nachholen wollte. Ich willigte ein, als er mich zum Dinner einlud, und eigentlich nahm ich mir vor, den Abend danach zu beenden. Es gab ja sowieso keine Zukunft für uns.
Außerdem stand ich gar nicht wirklich auf Banker. Jedenfalls nicht ernsthaft. Gut, Männer in Anzügen und einer gewissen Machtposition fand ich schon irgendwie anziehend. Es hat einen gewissen Reiz, die so seriös und etwas hartherzig wirkenden Geschäftsmänner weichzukriegen, ihre Aufmerksamkeit und ihr Herz zu erobern.
Später sollte ich noch einmal eine intimere Zusammenkunft mit einem Banker haben. Den hatte ich an der Bahnhofstrasse kennen gelernt, als ich ihn für die Wirtschaftszeitung «Cash» fotografierte. Danach hatte ich ihn dann «zufällig» in einem Club wiedergetroffen und schließlich zum mitternächtlichen Nacktbad im Zürichsee verführt.
Ich glaube nicht, dass ein Banker kompatibel gewesen wäre mit meiner Leidenschaft für Kreativität und meinen Gerechtigkeitssinn. Und aus Geld habe ich mir sowieso nie viel gemacht. Was ich eher wollte, war: bekannt sein. Und sicherlich nicht «unter dem Mann stehen» – und schon gar nicht von ihm abhängig sein.
Ich weiß nicht, warum ich dann überhaupt mit dem Banker von der Silvesterparty essen gegangen bin. Es war amüsant und gut, wir tranken einige Drinks, er war charmant und schmierte mir viel Honig um den Mund. So war ich leider zu schwach, um meinen Plan durchzuziehen, dass der Abend nach dem Essen beendet sein sollte, und nahm ihn mit zu mir nach Hause.
Damals wohnte ich alleine an der Langstrasse in Zürich. Ich hatte eine gemütliche Dachwohnung und konnte tun und lassen, was ich wollte, ohne jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Es ging gleich zur Sache, und der Sex war sehr unromantisch, unpersönlich und vor allem so was von unnötig. Ich habe mich noch nie so schmutzig und benutzt gefühlt wie nach diesem Erlebnis. Ich bereute es wirklich, und das war atypisch für mich.
Doch ich sollte ihm noch ein drittes Mal über den Weg laufen. Wir besuchten beide die «Fashion Week» in Berlin. Er mit seiner Freundin, ich alleine. Zufälligerweise hatten wir denselben Flug, und ich sah ihn mit ihr in der Reihe vor dem Check-in stehen. Ihm war es peinlich und unangenehm, und es kam sogar so weit, dass wir im Flugzeug in derselben Reihe saßen! Ich konnte mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen. Er war alles andere als entspannt auf dem Flug, schien eher auf Kohlen zu sitzen. So manövriert man sich irgendwann in die Enge, wenn man ein doppeltes Spiel spielt.
Ich war jedenfalls ziemlich relaxed. Offensichtlich hat seine Lady mich nicht wiedererkannt. Ich bestellte mir einen Drink, und über den Wolken fing ich an, ihn definitiv zu vergessen. Bei einer Party der Fashion Week knallte ich ihm bei einer Kissenschlacht noch ein Kissen an den Kopf.
Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Und eigentlich war er ja auch nur einer von vielen, die ich nicht wirklich ihretwegen begehrte, sondern die eher als Projektionsfläche für meine Sehnsüchte dienten, die mich zeitlebens verfolgten und die doch nie erfüllt werden konnten.
Ich bin eine total Liebeskranke, eine Sehn-Süchtige. Das fing schon früh an und hört bis heute nicht auf.
Ich wurde im Lindenhofspital in Bern geboren und wuchs im idyllischen Hinterkappelen auf, einem 9000-Seelen-Dorf in der Gemeinde Wohlen bei Bern. Mein Vater kommt aus Basel, meine Mutter aus Luxemburg. Meine Schwester war schon fast eine junge Frau, als ich geboren wurde. Sie und meine Eltern waren gerade erst aus Venezuela zurückgekommen. Mein Vater hatte dort viele Jahre bei der Siemens-Albis AG gearbeitet.
Vielleicht hätte ich, «wie es so normal wäre», bald nach meiner Schwester auf die Welt kommen sollen. Aber das schien nicht zu klappen. So war ich also ein sogenannter «Nachzügler». Meine Ankunft war eine große Überraschung, aber auch eine besondere Herausforderung für meine Eltern. Schließlich waren sie beide schon über vierzig und dachten, dass sie das Leben jetzt bald wieder ohne Kinder genießen konnten. Nichts da, in dem Punkt machte ich ihnen einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Und so schob sich ein Schopf mit hellroten Haaren an einem stürmischen 11. September in diese Welt. Ab da sollte ich so manches Herz erfreuen, aber auch für viel Furore sorgen.
Meine Schwester war sehr fürsorglich und verantwortungsvoll, übernahm oft eine mütterliche Rolle. Sie setzte sich bei Streitereien mit Nachbarskindern für mich ein, organisierte Geburtstagsfeste für mich. Ich war noch klein, als sie mit ihrem Freund zusammenzog. Ihr Auszug war einschneidend für mich, da sie eine wichtige Bezugsperson für mich war. So wuchs ich eher wie ein Einzelkind auf.
Doch die gemeinsamen Erlebnisse mit meiner Schwester und ihrem Mann prägten mich und bleiben mir in guter Erinnerung. So nahmen sie mich beispielsweise in die Szene-Bar «Quick» des Restaurants «Lorenzini» mit, und mit ihnen durfte ich meine ersten Konzerte von Falco und Michael Jackson erleben. Mit ihnen war es einfach immer spannend.
Ich wuchs in einer Siedlung mit 58 Parteien auf, die 1972 als neue Wohnform gebaut worden war. Die Häuser waren versetzt an den Hang gebaut und hatten Flachdächer. Die Siedlung heißt «Aumatt», und die konzeptionelle Idee gründete darauf, die Gemeinschaft zu fördern. Tatsächlich war bereits eine Verbundenheit zwischen den Familien gegeben, da alle die Siedlung im selben Zeitraum bezogen und die meisten kleine Kinder hatten.
Es gab zwar keinen Gemeinschaftsraum, dafür ein Hallenbad zur gemeinschaftlichen Nutzung. Und jedes Jahr gab es das «Aumattfest» für alle Bewohner und auch die regelmäßige «Aumattputzete». An diesem Tag halfen alle Bewohner, die Siedlung zu reinigen, und waren für verschiedene Aufgaben eingeteilt. Am Abend gab es Fleisch vom Grill und gemütliches Beisammensein.
Vor unserem Haus befand sich eine Schafweide, dahinter gleich der blaugrüne Wohlensee, ein verlängerter breiter Arm der gestauten Aare. Oberhalb der Siedlung angrenzend gab's einen Wald. Ich wuchs also an schönster Lage auf. Oft war ich draußen beim Spielen, alleine oder mit Freundinnen aus der Siedlung.
Da meine Eltern ja einen großen Teil ihres Lebens in Südamerika verbracht hatten, war ihr Spanisch fast perfekt. Sie sprachen oft in der Fremdsprache miteinander. Besonders wenn ich es nicht verstehen sollte. Was ich dann aber bald tat. Es gab auch einiges an nicht ganz stubenreinen Wörtern, die ich auf diese Weise lernte. Es wurde nämlich oft geschrien bei uns im Haus. Ich dachte früher, dass das völlig normal sei.
In der Nähe der Aumatt war das Haus der Familie Frutiger, wo ich eine Spielgruppe besuchte, bevor ich in den Kindergarten ging. Diese Familie wohnte mit ihren vier Kindern, einer Praktikantin, einer Studentin und einer befreundeten Familie in einem 10-Zimmer-Pavillon. Es gab einen großen schwarzen Neufundländerhund, den ich sehr mochte, und die gleichaltrige Tochter wurde eine gute Freundin für mich. Ich liebte den Ort, denn da wurde ich angenommen, wie ich war, und konnte mich so richtig austoben. Da gab's Klettergerüste, große Mal- und Bastelecken und Spielzimmer mit Holzspielzeug. Es wurde gemalt, musiziert, geturnt, Theater gespielt. In der Schweizer Zeitung «Wir Eltern» wurde über den speziellen und pädagogisch wertvollen Ort berichtet. Ich war auf zwei Fotos beim Spielen zu sehen. So hatte ich also schon früh meinen ersten Modelauftritt!
Ich war eine richtige Bücherratte und konnte schon lesen und schreiben, bevor ich in die Schule kam. Mein Lieblingsort in der Schule war die Bibliothek. Ich las «Hanni und Nanni» und «Die drei ???» und liebte die Bücher von Astrid Lindgren, allen voran natürlich «Pippi Langstrumpf», genauso wie die Bücher von Otfried Preußler und Federica de Cesco.
De Cesco hatte ihr erstes Buch mit fünfzehn veröffentlicht. Ich wollte wie sie unbedingt Schriftstellerin werden. Als ich zwölf war, schrieb ich einigen Autoren Briefe. Sie waren meine Vorbilder. Von Max Bolliger erhielt ich die Antwort, dass er sich schon auf mein Buch freut! Wenn der wüsste, dass ich als Erwachsene jetzt ein Buch schreiben darf! Leider ist er inzwischen verstorben.
Ich las am liebsten Geschichten von Abenteuern und Freundschaften, Krimis und später auch unzählige Liebesromane. Viele Bücher gehörten mir selber, und ich lieh sie regelmäßig meinen Freundinnen aus. Ich spielte dann sozusagen daheim Bibliothek, klebte Zettel in die Bücher und versah sie mit einem Rückgabedatum.
Die Schule besuchte ich eigentlich gerne, wenn es auch gewisse Herausforderungen gab. Ich war sehr gut in Deutsch und lernte später auch schnell andere Sprachen, Französisch, Englisch, und büffelte sogar Latein. Dafür war ich ganz miserabel in Mathematik und Geografie. Ich glaube nicht, dass mich Flüsse, Berge und Ortschaften nicht interessiert hätten, doch ich erinnere mich, dass der Lehrer es immer schaffte, mich so bloßzustellen, dass ich sowieso nicht mehr klar denken konnte, wenn ich aufgerufen wurde, und mich am liebsten in Luft aufgelöst hätte, wenn ich dann vor allen Schulkameraden stand und die Antwort nicht wusste.
Ich hielt die Lehrer ziemlich auf Trab und wurde deshalb oft vor die Tür geschickt. Einmal gab's sogar eine ziemliche Prügelei mit einer Mitschülerin. Ich weiß nicht mehr genau, um was es ging, aber ich glaube, ich habe damit angefangen. Sie hatte eine unglaubliche Mähne, und schließlich rissen wir uns heftig an den Haaren. Anschließend wurden wir beide nach Hause geschickt. Im Schulbericht stand, dass ich zwar ein aufgewecktes, fröhliches Mädchen sei und es eine Freude wäre, mir beim Vorlesen zuzuhören. Da stand aber auch, dass ich faul sei und keine Ausdauer zeige. Dass ich oft unruhig sei, einiges (wohl auch Negatives) in Gang setzen könne und den Weg des geringsten Widerstands wähle.
Meine Lebendigkeit war aber nicht immer negativ. Bei einem Familienausflug unterhielt ich mal die ganze Gesellschaft im Bus. Ich griff mir das Mikrofon und plapperte alles Mögliche drauflos, als wäre ich eine Radiomoderatorin im Kleinformat: selbsterfundene Witze, spontane Sprüche und Kommentare über die vorbeiziehende Landschaft. Alle lachten und wurden gut unterhalten. Schon da beherrschte ich es, alle Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Es war aber auch ein gewisses Talent bezüglich Redegewandtheit festzustellen, welches mir zugutekommen sollte.
Ich legte mir früh ein dickes Fell zu. Wahrscheinlich weil ich mich wegen meiner roten Haare und der Sommersprossen verteidigen musste. Schon früh wurde ich gehänselt und fühlte mich deswegen als Außenseiterin. Man nannte mich «Sauerampfer», was eigentlich der Name eines Unkrauts ist, welches nicht mal wirklich rot ist. Als Kind trug ich kurze Haare und später einen Pagenschnitt, der mich sehr jungenhaft aussehen ließ. Ich benahm mich ja auch oft, als wäre ich ein Lausebengel.
Meine bleiche Haut mochte ich gar nicht, weil sie sich nie bräunte wie die der anderen Mädchen. Diese Abneigung sollte mich lange Zeit begleiten. Ich fand mich zwar durchaus speziell, aber nicht unbedingt sehr hübsch. So war ich innerlich ziemlich unsicher und hatte kein intaktes Selbstwertgefühl.
Als Kind mochte ich es gar nicht, alleine daheimgelassen zu werden. Meine Eltern waren abends des Öfteren bei Nachbarn und ließen mich zu Hause. Häufig stand ich dann schon bald mit der Bettdecke bei den Nachbarn vor der Tür oder machte Terror am Telefon, dass sie doch bitte zurückkommen sollten. Ich hatte Angst vor dem Verlassenwerden und fühlte mich schnell einsam und allein. Tina allein zuhaus – ein No-Go.
Wie die meisten Mädchen besuchte ich den Ballettunterricht im Dorf. Ich liebte das rosa Tutu und meine Ballettschuhe. Ballett hatte etwas Kapriziöses und Mädchenhaftes, das mochte ich. Doch ich erinnere mich nicht, dass ich besonders gut darin war; es hatte ja auch viel mit Disziplin und Durchhaltevermögen zu tun. Damit hatte ich schon früh Mühe. Und als ich mich mal mit einer Kameradin in der Umkleidekabine fetzte, wurde ich aus dem Unterricht genommen. Ich ging dann zum Jazz-Dance, was mir mehr entsprach. Da war mehr Bewegung und schnellere Musik.
Ich liebte auch Pferde und durfte zum Reiten. Nicht weit entfernt in einem Dorf gab es einen Reiterhof. King hieß das Pferd, das ich am meisten reiten durfte. Ich hatte einmal einen gefährlichen Sturz, der aber Gott sei Dank gut ausging. Ich erinnere mich, wie ich in hohem Bogen vom Pferd katapultiert wurde. Da lag ich am Boden und sah über meinem Kopf schon die Hufe des Pferdes, welches hinter mir gelaufen war. Es machte aber einen größeren Ausfallschritt, und so blieb mein Kopf verschont. Danke hier diesem intelligenten Tier!
In der Siedlung gab es eine Situation, wo ich meine Macht an Kleineren demonstrierte. Ich sperrte ein jüngeres Nachbarsmädchen im Keller ein und sagte ihr, sie müsse eine Stunde darin aushalten, dann würde ich ihr eine Tafel Schokolade geben. Nach einer Stunde ließ ich sie zwar raus, gab ihr aber keine Schokolade. Ich erzählte den Vorfall meiner Mutter. Sie weinte und bat mich, so was nie mehr zu tun. Heute denke ich, es wäre besser gewesen, wenn ich die Verantwortung für meine Tat übernommen und mich bei dem Mädchen entschuldigt hätte. Auf so einen Gedanken oder auf diese Idee kamen aber weder eine Tina Weiss noch ihre Mutter.
Irgendwie entwickelte ich schon früh das Bedürfnis, andere zu unterdrücken und zu dominieren. Verantwortung zu übernehmen lernte ich hingegen nicht.
Unter meinen Freundinnen in der Siedlung war ich so etwas wie die Anführerin. Ich war auch ein bisschen älter. Wir waren vier Mädchen, die immer zusammen waren, und nannten uns das «Vierer-Team». Wir hatten einige «Geheim-Clubs», imaginäre Welten, in die man nur durch Code-Wörter oder bestimmte Fertigkeiten hineinkam. Es gab auch Geheimschriften, die nur wir verstanden, und Regeln, die vorgaben, was passieren sollte, wenn man zum Beispiel schlecht übereinander redete oder ein Geheimnis ausplauderte.
Ich nannte mich «Bonnie» und dachte mir die Regeln und Prüfungen aus. Es gab zum Beispiel eine Unterwasserwelt im Hallenbad. Um Zugang zu erhalten, musste man einiges beherrschen. Man musste mindestens zehn Sekunden unter Wasser bleiben oder durfte auf keinen Fall die Nase zuhalten, wenn man ins Wasser sprang.
Im Wasser war ich ganz in meinem Element. Ich stellte mir auch oft vor, dass ich eine Meerjungfrau war und unter Wasser leben würde. Das Hallenbad wurde allmählich zu meinem absoluten Lieblingsort. Dort spielte ich, schwamm meine Bahnen, tauchte oder benutzte die Sauna. Uh, ich war eine ziemlich gute Schwimmerin. Es gab dort auch einen Kurs, in dem ich die Schwimmabzeichen machen konnte.
Ich konnte mehr als eine Bahnlänge unter Wasser tauchen, und oft balancierte ich auch auf der Stange, die den Einstiegsbereich vom tieferen Bereich trennte. An dieser Stange machte ich liebend gerne Purzelbäume, manchmal über hundert hintereinander, bis ich fast nicht mehr wusste, was oben und unten war. Alles wie ein Rausch, und ich war richtig süchtig danach.
Ins Hallenbad ging ich aber auch wegen den Unterwasserdüsen. Ich konnte stundenlang am Rand des Beckens hängen und mich von dem Strahl Wasser befriedigen lassen und dabei von romantischer Liebe träumen.
Ich war früh sexuell aktiv, und die Selbstbefriedigung sollte zu einem steten Begleiter in meinem Leben werden. Sie wurde zu einem Zwang, einer Sucht. Ich fand darin Entspannung, und sie lenkte mich von meiner Einsamkeit ab und gab mir zweierlei: Erstens ganz viel Lustgewinn, denn auf alle Arten von Lust sprach ich enorm an, und zweitens eine gewisse Geborgenheit, denn Geborgenheit war neben der Lustbefriedigung mein größtes Verlangen.
Früh machte ich Doktorspiele mit den Nachbarjungs, aber auch mit Freundinnen. Einmal war ich mit dem Nachbarsjungen Timmy in der Sauna, als ich etwa sieben Jahre alt war. Wir lagen aufeinander mit einigen Badetüchern zwischen uns. Dann nahmen wir immer eins weg, bis wir keins mehr zwischen uns hatten. Plötzlich kribbelte es ganz gewaltig zwischen meinen Beinen. Ich hatte zum ersten Mal so etwas wie einen Orgasmus.
Meinen ersten Kuss kriegte ich, als ich knapp zwölf war. Stan war mein erster Freund, und ich fand ihn toll. Er wohnte auch in der Siedlung und ging in dieselbe Klasse wie ich. Er war ebenfalls ein sehr rebellisches Kind. Schon im Sandkasten hatte er mir meinen neuen Ohrstecker aus dem Ohr gerissen, als ich ihm diesen stolz gezeigt hatte. Er wollte immer mit mir in die Schule laufen. Wenn es mal nicht klappte, dann konnte er ziemlich aggressiv und ausfällig werden.
An einem Geburtstagsfest bei mir zuhause wollte ich mal nicht mit ihm tanzen. Da warf er Stühle im Wohnzimmer herum, so dass meine Mutter ihn grob in die Schranken weisen musste. Er war es auch, der mir auf Zettel notierte, wann und auf welchem Kanal erotische Filme im Fernsehen angekündigt waren. Die schaute ich mir dann heimlich im Büro meines Vaters an, wo sich unser zweiter Fernseher befand.
Ich fing mit Tagebuchschreiben an, schrieb auch viele Briefe an Stan und an andere. Es ging meistens um Jungs. Fast auf jeder Seite kam ein neuer Name vor. Ich war dauernd verliebt, liebte mal den und bald den anderen, oder konnte mich nicht entscheiden, welchen ich nun wirklich liebte. So liebte ich halt gleich zwei oder drei parallel.
Mit dem Wort «Liebe» ging ich sehr verschwenderisch um. Meine Gedichte waren sehnsüchtige Liebesgedichte, und ich träumte von inniger, romantischer Liebe. Es war gut und sicher, aus der Ferne zu schwärmen, mich meinem Tagebuch und meinen Freundinnen anzuvertrauen.
Sobald ich das Sternzeichen eines Jungen erfuhr, versuchte ich durch ein Horoskop herauszufinden, ob wir zusammenpassten, und stellte mir dann das eine oder andere vor.
Ich erinnere mich, wie ich einmal mit dem Nachbarsmädchen Nora im Zimmer tanzte. Wir hatten eine farbige Birne in die Lampe geschraubt, um eine Disco-Stimmung zu erzeugen. Dann hörten wir Bonnie Tylers «Total Eclipse of the Heart» und Richard Sandersons «Dreams Are My Reality» aus dem Film «La Boum – Die Fete». Wir tanzten mit einem großen Teddybären im Arm, als ob wir mit einem Jungen tanzen würden.
Irgendwann inszenierte ich sogar eine Hochzeit. Mein Zukünftiger sollte Billy Idol sein. Ha, diesen Rebellen fand ich ziemlich toll, und ich schwärmte für ihn. Ich hörte mir am liebsten sein «Sweet Sixteen» an. Es blieb jedoch nur bei einer selbstgebastelten Einladung. Kein Wunder, denn wie hätte ich ihn auch einladen wollen? Außerdem war ich ja ziemlich viel jünger als er.
Natürlich schwärmte ich auch für andere Stars: Patrick Bach, der «Silas» in der gleichnamigen Serie spielte, meine absolute Lieblingsserie, später die Gruppe «Modern Talking» und die Schauspieler Rob Lowe, Tom Cruise, Patrick Swayze von «Dirty Dancing», Don Johnson von «Miami Vice» und Sascha Hehn aus der Serie «Traumschiff». Ich erinnere mich, wie ich mal ein Bild von Sascha in die Schule mitnehmen wollte. Meine Mutter zerriss es, und ich weinte, weil ich das so ungerecht fand, und klebte dann die Einzelteile wieder zusammen. Ich stand auch total auf Elvis Presley. Immerhin teilte ich da die Leidenschaft mit meiner Mutter, die auch Fan von ihm war.
Im Buch Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick sollte ich später Folgendes anstreichen: «Das noch unerreichte Ziel ist – so scheint es der Schöpfer unserer Welt zu wollen – begehrenswerter, romantischer, verklärter, als es das Erreichte je sein kann.»
Ja, immer wenn die Geschichten mit Jungs aus der Nachbarschaft oder der Schule Realität wurden, war der Zauber oft schnell vorbei, und der Junge, von dem ich geträumt hatte, entsprach doch nicht meinen Erwartungen. Dabei kam es gar nicht zu einem richtigen Kennenlernen. Zuerst drängte ich mich meist per Schreiben auf und bekannte meine tiefste und aufrichtigste Liebe, um dann auch wieder per Brief Schluss zu machen. Dann schrieb ich in mein Tagebuch, dass ich ihn gar nie geliebt hatte!
Ich schrieb viel, traute mich aber kaum, mit den Jungs zu sprechen, geschweige denn über unsere Beziehung. Wenn es damals SMS gegeben hätte, wäre ich wohl die Erste gewesen, die andauernd per Handy Schluss gemacht hätte. Ich flirtete einfach mit allen, Hauptsache, es war immer etwas los. Ich wollte jedem gefallen und liebte es, wenn ich der Mittelpunkt war.
Einmal schrieb ich in mein Tagebuch: «Heute ist so viel Wirbel um mich. Endlich!»
Ich war sehr von äußeren Umständen abhängig. Wenn es gerade gut lief mit einem Jungen, dann schwebte ich auf Wolken. Wenn es nicht nach meinem Willen lief, dann war der Tag zerstört. Dann schrieb ich Dinge wie: «Ich werde sterben, wenn er mich nicht mehr anschaut» und «Ich ersticke vor Liebe … es schmerzt so». Ich war abhängig von dem, was die anderen mir gaben und wie sie auf mich reagierten; unterm Strich war ich total von meinen Gefühlen gesteuert. Meine Identität war auf sehr wackligem Fundament gegründet.
Mit großer Neugier schaute ich mir «Playboy»-Magazine, die ich mir unter den Nagel gerissen hatte, unter der Bettdecke an. Ich zog mir auch die Sendung «Tutti Frutti» rein, eine Erotikspielshow, die ursprünglich aus dem italienischen Fernsehen kam. Da sah man zwar überall nur nackte Frauen, aber irgendwie war das trotzdem spannend für mich. Immer wieder spielte ich auch «Strip Poker» auf dem «Amiga 500», dem Computer von Commodore, den mein Vater in seinem Büro stehen hatte. Ich verbrachte Stunden davor, spielte auch andere Games, «Thunder Boy», «Bubble Bobble» und ein Panzerspiel.
Später organisierte ich mir Videokassetten mit Sexfilmen. Das waren damals noch VHS-Kassetten, und ich erinnere mich, sie per Post bestellt oder von Nachbarjungs ausgeliehen zu haben.
Meine Eltern waren ziemlich abenteuerlich drauf und liebten das Reisen. Wir hatten eine kleine Jolle, ein Segelboot, mit dem wir viel in Estavayer-le-Lac am Neuenburgersee waren. Ich liebte es, mit dem Boot auf dem Wasser zu sein, und im Sommer waren wir, so oft wir konnten, am See. Wir hatten auch einen Camper. Ich erinnere mich, wie wir einmal in die FKK-Ferien nach Frankreich fuhren. Alle liefen nackt herum. Es war nicht ungewöhnlich. Ein Journalist machte sogar ein Foto von mir, wie ich lächelnd am Strand posierte.
Einmal hatten wir unsere Katze dabei, einen beigen Perserkater, der Milo hieß und ein etwas grimmiges Gesicht hatte. Mein Vater hatte ihn meiner Mutter zu Weihnachten geschenkt. Er war in einem riesigen Paket drin, und ich vergesse nie den erstaunten Blick meiner Mutter. Das war eine gehörige Überraschung gewesen. Ich liebte Milo sehr, er gab mir Trost, wenn ich traurig war, und ich schrieb auch einige Gedichte über ihn.
Fünfzehn Jahre später war Milo alt, und es ging ihm nicht mehr gut. Wir mussten ihn einschläfern lassen, und da meine Mutter dies nicht übernehmen wollte oder konnte, musste ich mit meinem Vater mit. Ich war damals zwar schon neunzehn Jahre alt, doch es war ein sehr einschneidendes Erlebnis für mich.
Als Kind war ich fasziniert von Geld, und wenn ich am Strand war, suchte ich den Sand immer nach Münzen ab. Außerdem versuchte ich, auf alle erdenkliche Arten Geld zu machen. Ich verkaufte immer irgendwelche Dinge. Entweder baute ich einen Stand auf in der Siedlung, oder ich ging direkt an die Türen und klingelte, um Blumen, Sandwiches oder selbstgemachte Kerzen zu verkaufen.
Sogar beim Tennisclub stand ich an der Eingangstür und verlangte von jedem, der in den Club wollte, fünfzig Rappen Eintrittsgeld. Ich kann mir vorstellen, dass das für die Besucher ziemlich nervig gewesen sein muss. Aber sie nahmen es mit Humor – wer konnte schon so einem süßen rothaarigen Mädchen wie mir widerstehen?
Wir waren Mitglied im Tennisclub «Lawn», der sich in der Stadt Bern befand. Meine Eltern hatten bereits in Venezuela viel Tennis gespielt, Einzel und manchmal auch Doppel. Ich nahm schon früh Stunden. Ja, irgendwie war es cool in diesem Club. Mir gefiel die Atmosphäre, Tennis hatte etwas Mondänes. Ich machte von da an eigentlich immer Einzelsport, außer in der Schule, in der Teamsport obligatorisch war. Vielleicht hatte das auch Einfluss darauf, dass ich eine ziemlich ehrgeizige Einzelkämpferin wurde und allgemein immer Mühe mit Teamarbeit haben sollte.
An Ostern fuhren wir jeweils zu meinem Großvater nach Luxemburg. Er wohnte in einem riesigen rosafarbenen Haus. Mein Großvater war Zöllner gewesen. Remich hieß das Dorf, in dem die Familie meiner Mutter wohnte. Es grenzt gleich an Deutschland, und die Mosel bildet die Grenze zu beiden Ländern.
«Petter», wie wir Opa nannten, arbeitete auf der Brücke im Zollhäuschen. Ich besitze heute noch die Knöpfe seiner Uniform, die ich an eine Lieblingsjacke angenäht habe.
Ich ging sehr gerne nach Remich. Ich erinnere mich, wie ich jeweils das Osternest gesucht habe, das im großen Garten versteckt war. Der Garten war wunderbar, mit vielen Blumen, Gemüse und Kirschblütenbäumen. Ich ging regelmäßig in den Hühnerstall und holte die Eier. Danach hatte ich mal den ganzen Körper voller Flohstiche.
Mein Großvater bewahrte das Hühnerfutter in den umgestülpten Helmen einiger amerikanischer Soldaten auf, als ob es Schüsseln wären. Im Zweiten Weltkrieg wurde Luxemburg von den Deutschen besetzt. Die Amerikaner kamen als Befreier und quartierten sich in jener Zeit auch im Familienhaus meiner Mutter ein. Dabei hinterließen sie so einiges im Haus.
Einmal kamen wir wie alle Jahre zu Besuch, und Petter saß mit einem Freund am Tisch. Es gab immer viele Katzen im Haus, aber dieses Mal schien es zu überborden. Es stank überall nach Katzen-Urin, das Haus war dreckig, ein einziges großes Chaos. Der Tisch in der Stube war mit Essen und Gläsern überfüllt, Petter und sein Freund tranken Alkohol und qualmten Zigaretten. Für mich als Kind eine traumatische Begebenheit, die ich nie vergessen werde. So mussten wir zuerst mal gehörig putzen, bevor wir uns da wohlfühlen konnten. Der halbe Aufenthalt ging mit Saubermachen drauf.
Es war das letzte Mal, dass wir Opa in dem Haus besuchten. Er wurde in ein Altersheim überwiesen, wo er dann aber rebellierte und davonlief. Offenbar fühlte er sich seiner Freiheit beraubt, und es war nicht einfach, ihn im Heim zu halten. Später besuchten wir dann ein paar Mal meine Tante und meinen Onkel, die das Haus übernommen hatten.
Aber hey, ich kam jetzt in die Jahre, in denen die Hormone verrücktspielten und ich kein großes Interesse mehr an Tanten und Onkeln hatte, sondern eher an der immensen Anziehungskraft der männlichen Welt! Und dieses Magnetfeld sollte mich schon bald extrem in seinen Bann ziehen!
Der letzte Schultag war besonders schlimm für mich. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich meinen Schwarm Attila verabschiedete. Nun konnten wir uns nicht mehr jeden Tag sehen. Ich war total verliebt in ihn, er war ja auch derjenige, der mich entjungfert hatte. Er schien sich jedoch am Tag des Abschieds bereits anderweitig zu interessieren, was Frauen anbelangte. Mein erstes Mal mit ihm war gerade erst vor kurzem im vergangenen Schuljahr passiert.
Ich war fünfzehn Jahre alt, und wir waren in einem Sommerlager mit der Klasse in den Bergen. Unser Leiter war der Pfarrer, der uns auch konfirmieren sollte. Ich war schon lange in Attila verliebt – zwar liebte ich ja unzählige Jungs, aber Attila war eine Konstante in meiner Gefühlswelt. Schließlich war er auch zwei Jahre älter und der Klassencoolste. Ich hingegen war jahrelang überhaupt nicht beliebt. Eine andere und ich waren sozusagen die Ausgestoßenen in unserer Klasse. Ich wurde die ganzen Jahre oft gemobbt und abgelehnt.
Einmal wurde ich von mehreren Schülern festgehalten, und jemand ließ eine Spinne hinten in meinen Pulli fallen. Ein anderes Mal krabbelte eine Spinne aus meinem Pult. Das war fies, weil sie wussten, dass ich vor Spinnen Angst hatte. Und in den Klassenlagern durfte ich oft nicht ins Jungszimmer rein, wo es natürlich am spannendsten war. Das verletzte mich sehr.
Doch in der neunten Klasse, im letzten Schuljahr, fand mich Attila plötzlich toll, und so stieg ich auf der Beliebtheitsskala unserer Klasse auf und wurde auch von den anderen akzeptiert. Meine Unschuld verlor ich dann sozusagen im Massenlager, wo alle Mitschüler im selben Raum mit uns schliefen. Attila und mich störte das nicht wirklich. Ob die anderen das mitbekamen, und wie es für sie war, weiß ich nicht. Das war mir da ziemlich egal. Jedenfalls flog das Ganze irgendwie auf, und unsere Klassenlehrerin hatte großen Stress deswegen.
Ich war jedenfalls fürchterlich stolz am nächsten Tag. Jetzt fühlte ich mich so richtig als Frau! Ich hatte «es» hinter mir, jetzt konnte es nur besser werden.
Beim selben Pfarrer, mit dem ich im Lager war, ging ich in die «Unterweisung», den Religionsunterricht der reformierten Kirche. Einige Mitschüler und ich besuchten den Unterricht in der Vorbereitung auf unsere Konfirmation. Wir führten ein Buch mit Glaubensthemen, darin ging es einmal um den eigenen Namen. Auf die Frage, wo mein Name einmal stehen sollte, schrieb ich: «Irgendwo, wo jeder auf der ganzen Welt ihn sieht.» Und bei der Frage, bei der es darum ging, was ich tun könnte, um meinem Namen Ehre zu machen, antwortete ich: «Berühmt werden.»
Schon da hatte ich in mir diesen Drang, dass ich etwas Besonderes sein müsse. Mit was ich berühmt werden wollte, schien damals noch Nebensache zu sein. Jedenfalls gab ich auch an, dass ich, wenn ich mal heiraten würde, den Namen des Mannes annehmen wolle. Auf meinen eigenen Familiennamen war ich nur mäßig stolz.
Interessant war auch meine fantasievolle Fortsetzungsvariante des Gleichnisses vom verlorenen Sohn, einer starken Geschichte aus der Bibel. Eigentlich endet die Geschichte damit, dass der Vater den Sohn zurücknimmt und ihm mit großer Freude und Gnade begegnet. Diese Barmherzigkeit ist sinnbildlich für die Gnade Gottes.
Wir sollten die Geschichte zu Ende bringen, und ich schrieb: «Der Vater machte ihn zum Tagelöhner. Der Sohn hatte nun keinen Hunger mehr, dafür behandelte der Vater ihn jetzt genau wie die anderen Tagelöhner, abschätzig und als wenn er nicht sein Sohn wäre. Da starb der Sohn aus Kummer.» Was für ein tragisches Ende!
Offenbar glaubte ich damals nicht, dass jemand eine zweite Chance verdient hat, wenn er es verspielt hat. Und schon gar nicht glaubte ich an das Konzept von Gnade.
Gott kam zwar auch immer wieder vor in meinem Tagebuch. Ab und zu dankte ich ihm, wenn mich ein Junge, den ich wollte, auch toll fand, und alles nach meinem Willen lief. Wenn etwas aber nicht klappte, machte ich sogleich Gott dafür verantwortlich.
Der Abend vor meiner Konfirmation brachte mir ziemlichen Ärger ein. Ich war bei Attila zuhause. Wir waren mit intensivem Schmusen und Petting beschäftigt, so dass ich die Zeit glatt vergessen hatte. Meine Eltern ahnten, dass ich dort war, und riefen an. Mein Vater war sehr aufgebracht und kam mich schließlich bei Attila abholen. Er lud mein Fahrrad in den Kofferraum, haute mir eine runter und fuhr mich wütend nach Hause.
Der Tag meiner Konfirmation war ganz wunderbar, feierlich und herrlich. Ganz stolz trug ich ein «Deux-Pièce», ein zweiteiliges Kostüm aus Rock und passendem Blazer, olivfarben, dazu ein weißes Hemd. Ich hatte kinnlanges Haar und eine Dauerwelle, sehr im Achtziger-Stil. Der Nachbarssohn, der später Coiffeur werden sollte, war für mein Haar und mein Make-up verantwortlich. Well done!
In die Kirche lief ich voller Stolz. Ich bestaunte auch meine Mitschüler in ihren Anzügen und schönen Kleidern. Bei der Predigt und dem anschließenden «Vaterunser»-Gebet wurde ich allerdings vollständig abgelenkt von Attilas Präsenz. Er, der Klassenheld, der endlich mein Freund war; der Mann, der mich zur Frau gemacht hatte. Es war gleichzeitig seine Taufe, da er als Kind nicht getauft worden war und dies nun nachholen wollte.
Ich hörte vor allem die Zeile «… und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns …» und grinste zu ihm hinüber. Na ja, ich sah nicht wirklich ein, warum ich dieses Gebet sprechen sollte. Ich wurde eigentlich äußerst gerne in Versuchung geführt.
Der Konfirmationsspruch, den ich an dem Tag zugesprochen bekam, passte zu meiner großen Sehnsucht nach Liebe: «Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Von diesen dreien aber ist die Liebe das größte» (1. Korinther 13,13).
Ich fand den Tag besser als Weihnachten und Geburtstag zusammen. Es gab eine große Familienfeier mit gutem Essen und viele wertvolle Geschenke für mich, unter anderem Schmuck, Geld, Goldtaler und Parfum. Und das Beste war, dass ich den ganzen Tag im Mittelpunkt stand. Tina im Zentrum – mein alter Traum!
Dass ich jetzt ab sofort zu den Erwachsenen zählen sollte, passte mir allerdings nicht so ganz. In mein Tagebuch schrieb ich: «Danke, Gott, dass du mich jetzt offiziell zu den Erwachsenen genommen hast, obwohl ich mich noch gar nicht so benehmen will. Ich will noch ein bisschen Kind sein, Mist machen und Attila so mögen wie jetzt.»
Es war für lange, lange Zeit das letzte Mal, dass ich in einer Kirche war. Natürlich sollte ich noch öfters mit meinen Eltern zusammen im Urlaub zwecks historischer Besichtigung Kirchen besuchen. Doch an einem Gottesdienst sollte ich lange nicht mehr teilnehmen.
Immerhin blieb mir das christliche Lied «Kumbaya, my Lord» in Erinnerung, das wir bei der Konfirmation sangen. Da ahnte ich noch nicht, zu welchem Zeitpunkt dieses Lied später noch wichtig werden sollte. Auch davon, dass ich das Gedicht «Wer bin ich?» von Dietrich Bonhoeffer, das wir im Religionsunterricht gelesen hatten, Jahre später mal im Theologie-Studium vortragen sollte, hatte ich damals überhaupt keine Ahnung. Ich und Theologie-Studium! Wenn ich das damals gehört hätte, wäre ich wohl in lautes Lachen ausgebrochen.
Irgendwann trat ich aus der Kirche aus. Ich sah nicht ein, warum ich Kirchensteuer zahlen sollte, wenn ich mit dem christlichen Glauben gar nichts am Hut hatte.
Später fand ich mal eine Karte von einer Frau aus einer freikirchlichen Gemeinde. Sie schrieb mir: «Du kommst mir vor wie eine junge Tänzerin, die ganz wild tanzt und sich freut über ihren Tanz. Du scheinst das Leben zu genießen. Pass nur auf dich auf und trage Sorge zu dir.» Gut getroffen.
Schließlich machte ich eine Lehre im Buchhandel. Vielleicht hätte ich es ins Gymnasium geschafft, aber mein Vater schlug vor, dass ich eine Lehre absolvieren solle. Glücklicherweise hatte meine Mutter die Idee zu einer Buchhändlerlehre, da ich Bücher und Lesen so liebte. Eine kaufmännische Ausbildung wäre gar nichts für mich gewesen.
Die Buchhandelsschule befand sich in der Münstergasse, mitten in der Berner Altstadt. Wir waren oft mittags auf der Münsterplattform, einem Park mit Grünflächen.
In der Klasse gab's nur wenige Jungs, der große Rest bestand aus Frauen. Wir waren eine Gruppe, die immer zusammen war. Es waren starke und lustige Frauen, alle waren sie ziemliche Feministinnen, einige neigten zur Homosexualität. Ich hatte zwar nicht immer die gleiche Meinung wie sie, da ich eine etwas andere Auffassung von Feminismus hatte. Lustigerweise verstand ich mich mit ihnen aber sehr gut, und wir trafen uns auch oft abseits der Schule, übernachteten beieinander und hatten viel Spaß zusammen.
Es gab auch ein paar junge Frauen in unserer Klasse, die ihre Lehre in christlichen Buchhandlungen machten. Die interessierten mich aber überhaupt nicht, auf mich wirkten sie damals ziemlich fad und langweilig. Eigentlich waren sie für mich praktisch inexistent.
Die Lehre beinhaltete viel Literatur, Geschichte und Poesie, was mir sehr gut gefiel. Wir lasen Klassiker der Literatur wie Shakespeare, Goethe, Schiller, Fontane, dazu auch Schweizer Schriftsteller wie Friedrich Dürrenmatt oder Max Frisch. Wir hatten ein Medienfach, in dem wir Filme schauten und schließlich sogar einen eigenen Film drehten.
Rechtskunde konnte ich nicht ausstehen – und den Lehrer noch weniger. Da war ich aber nicht die Einzige. Er hatte bei vielen einen nicht ganz leichten Stand. Milena und ich provozierten ihn regelmäßig so lange, bis wir vor die Tür gestellt wurden. Manchmal gingen wir auch einfach von selbst raus, wenn es uns passte. Und gingen auf die Toilette – um zu kiffen. Außerdem klauten wir beim italienischen Lebensmittelhändler, der sein Lager im selben Haus hatte, Süßigkeiten. Ich bin nicht stolz auf all das.
Einmal ging die ganze Klasse sogar nach Korsika in die Ferien, was eine supercoole Zeit war.
Unterdessen rauchte ich, trank Alkohol und kiffte. Alles, was die Eltern so richtig gern haben, wenn man damit anfängt …
Betty war zu der Zeit meine beste Freundin und sollte es noch für lange Zeit bleiben. Mit ihr verband mich das Tagebuchschreiben, die Musik, das Kiffen. Wir konnten ganze Abende lang beieinandersitzen, in unsere Bücher schreiben und Sound flashen. Unsere Tagebücher wurden richtige Kunstwerke. Wir klebten jeweils mehrere Hefte zusammen, schmückten sie mit Bildern und farbiger Folie und laminierten sie. Wir verzierten die Seiten, zeichneten und bastelten. Dabei kifften wir ein paar Joints, was unsere Kreativität nur noch verstärkte. Eigentlich rauchten wir mehr Gras, als dass wir Alkohol tranken.
Es gab nur ein Erlebnis, bei dem ich so viel getrunken hatte, dass ich erbrechen musste. Es sollte das erste und einzige Mal bleiben. Betty, ein paar andere Freundinnen und ich waren im Ferienhaus von Nora, dem Nachbarsmädchen. Wir tranken Weißwein und Martini. Dann suchten wir noch mehr Alkohol und leerten eine Flasche mit Kirschwasser, Abteilung «Fundgegenstände». Am Ende waren wir so betrunken, dass wir noch den Apothekerschrank plünderten und an den Melissengeist der Marke «Klosterfrau» rangingen. Kein Wunder, dass einige von uns fast eine Alkoholvergiftung hatten.
Jedenfalls lagen wir alle um neun in den Betten. Neben uns Salatschüsseln, in die wir uns erbrachen. Es war gar nicht schön. Von da an hatte ich aber nie mehr zu viel getrunken, jedenfalls nicht so, dass es zum Erbrechen kam. Vielleicht wurde ich mit der Zeit aber auch abgehärtet und vertrug dann viel mehr, who knows?
Jedenfalls rauchten wir damals lieber Joints. Das war friedlich und ruhig. Mit einigen Ausnahmen rauchte ich erst abends. Und nicht, während ich bei der Arbeit war. Ich pflanzte den Hanf gleich selber an. Meine Mutter erlaubte es mir widerwillig. Nicht, dass sie es unterstützt hätte, aber wahrscheinlich war es ihr lieber, wenn sie wusste, was passiert, als dass es ein Geheimnis im Verborgenen blieb.
Ich liebte Hip-Hop und wollte zu den «Home-Boys», wie sie genannt wurden, dazugehören. In Bern versammelten sich die Berner «Homies» und Breakdancer immer beim Modehaus «Schild» an der Marktgasse oder im Hauptbahnhof.
Es waren so coole Jungs in ihren Kapuzenpullovern von Adidas und den Trainingshosen, Mützen und Turnschuhen von Puma. Aus dem riesigen Ghettoblaster schallte Musik von den DJs «Grandmaster Flash» oder «Afrika Bambaataa». Dazu wirbelten sie durch die Luft und zeigten ihre akrobatischen Tänze.
Ich beobachtete sie mehrheitlich von weitem, war total fasziniert von ihnen, himmelte sie richtiggehend an. Einer hatte es mir besonders angetan, er war aber um einiges älter als ich. Einmal wollte ich unbedingt mit ihnen nach Deutschland reisen. Dafür hätte ich aber von der Schule freigestellt werden müssen. So verfasste ich einen Brief, in dem ich eine Klassenreise inszenierte. Meine Eltern erhielten dann sozusagen «einen Brief von der Schule» mit Infos über eine Klassenreise, die es in Realität gar nicht gab.
Ich glaube, ich wagte es dann aber doch nicht, das Ganze durchzuziehen. Oder die Homies reisten ohne mich ab. Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls klappte es nicht. Sicherlich war ich mehr Groupie, als dass ich wirklich dazugehört hätte.
So gründete ich mit meinen Freundinnen eine eigene Gruppe – die «Stone Posse». Das war ein nicht ganz so einfallsreicher Name, aber es kam uns nichts Besseres in den Sinn. Wir trugen alle an einem Lederbändel einen runden Stein um den Hals, und so bot sich der Name an. Wir waren ja eine «Posse», eine Gang, eine Gruppe. «Stoned Pussies» wäre da eigentlich treffender gewesen, denn wir waren ja meistens bekifft unterwegs – haha.
Abgesehen von einem «Turtle» – einer Figur, bei der man den ganzen Körper auf die Hände stützt –, den ich manchmal aus Spaß machte, konnte ich nicht breakdancen. Ich versuchte mich dann im Sprayen, war darin aber auch nur mäßig talentiert. Doch es hatte natürlich seinen Reiz, weil es illegal war und man es zwingend in der Nacht tun musste.
Das erste Mal war besonders aufregend. Ich ging eines Nachts alleine raus und schlich mich mit dem Rucksack voller Spraydosen aus dem Zimmer. An einer Wand beim Wohlensee verewigte ich ein Graffito. Ein Bild für eine Freundin: Es zeigte ein Herz, und darin waren die Initialen von ihr und ihrem Schatz zu sehen. Später machte ich mit den anderen ein noch größeres Graffito in der Unterführung oben im Dorf. Wir sprayten den Schriftzug «Stone Posse» und einen Bart Simpson auf die Betonwand.
Wir waren oft auf Partys, in der Disco «Exodus» oder im «Xenon». Wir gingen auch ins «Coupole» nach Biel, wo es die besten Hip-Hop-Partys gab. Wir blieben immer bis zum Schluss und hingen dann noch rum, bis wir mit dem ersten Zug nach Hause fahren konnten.
Im Jahr 1989 fand das legendäre «CH-Fresh» in Burgdorf statt, ein riesiger Hip-Hop-Anlass, zu dem Tausende aus der ganzen Schweiz anreisten. Der Hauptbahnhof in Bern sah nachher aus wie die New Yorker Bronx, alles war völlig versprayt und vertaggt. Ich fand es genial.
Mit den Freundinnen der «Stone Posse» ging ich auch in die Ferien. Wir reisten ein paar Mal gemeinsam nach La Rochelle, einer französischen Stadt am Atlantik. Es ist eine besonders hübsche historische Stadt mit zwei imposanten Türmen, die die Hafeneinfahrt flankieren. Heute lese ich, dass La Rochelle erst vor kurzem von der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa der Ehrentitel «Reformationsstadt Europas» verliehen wurde. Wir waren da jedoch weniger an der kulturellen Geschichte interessiert als an den Jungs und am Shopping.
Wir hingen mit einer Clique ab, die aus Franzosen und Jungs mit arabischem Hintergrund bestand. Sie hörten coole Musik von IAM oder Mc Solaar, einige von ihnen rappten selber. Natürlich kifften sie auch, was das Zeug hielt. Und es gab immer wieder Schlägereien, bei denen die Polizei eingreifen musste. Wir fanden die Typen toll und hatten fast jeden Abend an der Stadtmauer high life mit ihnen.
Tagsüber versuchten wir uns im Ladenklau. Wir erbeuteten diverse Kleider und Accessoires. Einmal wurde ich dabei erwischt, konnte mich aber irgendwie rausreden. Jedenfalls hatte es keine Konsequenzen. Noch mal gutgegangen.
Wir wohnten in der Jugendherberge. Manchmal kam der eine oder andere der Jungs vorbei. Wir durften da eigentlich niemanden mit reinnehmen, aber wir ließen sie zum Fenster rein- und wieder rausklettern. Teilweise übernachtete auch mal einer bei uns. Natürlich gab es auch da verschiedenste Liebschaften. Während die einen reine Ferienflirts blieben, gab es auch längere Geschichten, und der eine oder andere besuchte seine Freundin später sogar in Bern.
Bei mir lief da nichts Ernsthaftes. Zu der Zeit hatten die Freundinnen sowieso noch Priorität, wir hielten immer zusammen und gingen miteinander durch dick und dünn.
Sowieso kamen die Freundinnen für mich damals vor den Männern. Dies blieb lange Zeit so. Ihnen erzählte ich alles. Vor allem, was Männer betraf. Oft war es so, dass ich statt mit dem betreffenden Typ die ganze Beziehungsproblematik viel lieber mit meinen Freundinnen beredete und mich bei ihnen darüber ausließ. Es schien, als wären die Männer irgendwie das spaßige Beigemüse für uns. Als ob uns schon von Anfang an bewusst gewesen wäre, dass sie nur kamen und gingen. Als ob wir nicht daran geglaubt hätten, dass ein Mann je diese spezielle Position an unserer Seite einnehmen könnte und er wichtiger werden könnte als die beste Freundin.
Gewünscht habe ich es mir jedoch immer. Später sollte die erfolgreiche Serie «Sex in the City» meine Lieblingsendung werden. Ich glaube, jede von uns konnte sich in einem oder sogar in mehreren der Frauen-Charaktere wiederfinden. Und die Episoden zeigten allesamt Situationen, in denen wir selber schon gesteckt hatten oder mit denen wir uns auseinandersetzen mussten. Es ging darin dauernd um Dates, Affären und Beziehungen.
Später wurde ich in einem Interview mal gefragt, wie ich im Alter wohnen möchte. Ich schrieb, dass ich dann am liebsten mit meinen Freundinnen zusammenwohnen würde. Und dass unsere Männer dann auch noch dabei sein dürften … Das sagt so ziemlich alles, oder?
Ich schrieb sehnsüchtige Gedichte über die Liebe, aber auch über Einsamkeit und den Tod.
Mit Elan sammelte ich auch Gedichte von anderen, wie zum Beispiel die Liebesgedichte von Erich Fried. Schon da war in mir ein sehnsüchtiger Wunsch von einer Liebe, die ewig hält, zu erkennen.
Ich machte mir Gedanken über «Liebe auf den ersten Blick». Ja, Anziehung ist wichtig, aber Vertrauen, eine innerliche Beziehung, über alles reden können, erachtete ich in jener Zeit eigentlich als viel wichtiger als das Äußere und das Sexuelle. Gleichzeitig schrieb ich aber: «Ich glaube nicht, dass ich geeignet bin zu heiraten. Ich bin zu verliebt.» Oder: «Man sollte immer verliebt sein. Das ist der Grund, warum man nie heiraten sollte.»
Offenbar hatte ich das Gefühl – und die Sorge –, dass man nicht gleichzeitig verliebt und verheiratet sein kann. Und machte mir schon da Gedanken, wie um Himmels willen man die Verliebtheit in einer Ehe aufrechterhalten kann. Offenkundig war mir das Verliebtsein sehr wichtig. Aber was war mit der Liebe? Sie schien mir ein Rätsel. Das alles waren ja reale Ängste und Zweifel, aber auch berechtigte Überlegungen.
Ich hatte oft Angst vor meinen eigenen Gedanken, hatte Angst, jemanden zu verletzen oder zu erzürnen, wenn ich aussprach, was ich wirklich dachte. Und da war diese Unsicherheit, ob ich überhaupt liebenswert sei. «You treat me badly, I love you madly» war mein Motto. Ich dachte, dass ich es verdient hätte, wenn ich schlecht behandelt wurde. Den Zustand des Leidens aufgrund einer Liebe genoss ich sogar.
Mit achtzehn Jahren schrieb ich in mein Gedichtebuch:
Ich habe einen Freund Bin aber nicht zufrieden Habe ich keinen Geht es mir nicht besser Immer auf Abenteuersuche Langsam verachte ich mich Für einen Mann will ich kämpfen Ich will verführen Und doch meine Freiheit haben Wenn er mich zu lieben anfängt Und mir das auch zeigt So ist es aus für mich Er muss arrogant sein Und nicht klammern Wenn ich nicht verliebt bin Ist es mir schwer Nur einen Freund zu haben Ich bin nicht normal und unfähig für eine Beziehung!
Ich kriegte die meisten Typen, die ich wollte. Doch wirklich an mich heran, an mein Herz, an mein Innerstes, kam niemand. Sobald ich jemanden hatte, dauerte es nicht lange, und ich wies ihn aus lauter Angst, verlassen zu werden, wieder weg. Die Herzen, die ich dabei brach, interessierten mich nicht. Ich war dann schon beim Nächsten.
In einem Urlaub in Sardinien spielte ich mit dem Feuer und wurde so richtig zur Herzensbrecherin. Ich kam in eine Clique von Italienern hinein und verbrachte viel Zeit mit ihnen am Strand. Sie mochten mich gern, und der eine verliebte sich in mich. Zuerst war ich auch Feuer und Flamme für ihn, doch bald fand ich seinen besten Freund um einiges interessanter. Ich schmuste heimlich mit beiden, und beide sagten mir, wie gerne sie mich hätten. Natürlich flog alles auf, es gab Eifersucht und Spaltung zwischen den Freunden und Unruhe in der ganzen Clique.
Es war Anfang der 90er Jahre, die Zeit von «MTV», «Nirvana» und den «Beastie Boys». Und die Zeit vom Snowboarden. Ich war achtzehn, als ich damit anfing. Noch war der Sport exotisch, und man sah noch nicht viele Snowboarder in den Bergen. Wir «Snöber», wie wir umgangssprachlich genannt wurden, gehörten also fast noch zu den Pionieren. Die Allerersten in der Schweiz fingen ein paar Jahre vorher an, bauten auch ihre eigenen Bretter. Ich hatte ein Snowboard von «Nidecker» und meine beste Freundin Betty eins von «Hooger Booger», beides Schweizer Firmen.
Genauso, wie ich mein Tagebuch kreativ eingefasst hatte, hatte ich mein erstes Board mit rosa geblümter Selbstklebefolie verschönert. Ich stand «goofy» auf dem Board, das heißt, dass der rechte Fuß vorne ist. Man findet seine Position am besten heraus, indem man sich gerade hinstellt und dann nach vorne fallen lässt. Der Fuß, der als Erstes nach vorne geht, ist der, mit dem man vorne auf dem Brett steht.
Da ich schon ein bisschen geskatet hatte, brachte ich Brett-Erfahrung mit. Der Wechsel vom Skifahren fiel mir leicht, und nach einem Tag Auf-dem-Po-Herumrutschen und Kurvenüben konnte ich snowboarden. Betty stand «regular» – mit dem linken Fuß vorne – auf dem Brett, und so machte uns das Skilift-Fahren besonders Spaß, weil wir einander zugewandt waren.
Wir waren eine Clique von Jungs und Mädels. Alle ziemlich fanatisch. Jedes Wochenende ging's auf die Piste. Wir fuhren früh mit dem Zug und waren meist so lange unterwegs, bis die Skilifte schlossen. Gegessen wurden mitgebrachte Sandwiches, die schnell mal auf dem Sessellift verspeist wurden. Ja keine Zeit verlieren! Wir wollten möglichst viel den Berg «shredden»1.
