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Seit 26 Jahren sitzt Peter Runaway im Gefängnis, für ein Vergehen, das er längst abgebüsst hat: sexueller Missbrauch von Minderjährigen sowie Konsum von Marihuana. Trotz entscheidender Einsichten in die schädlichen Auswirkungen seiner Taten sowie die Zusage, dass er nun therapiert sei, wird eine Entlassung immer wieder aufgeschoben. In diesem Buch spricht der Betroffene ausführlich über sein Leben, angefangen von seiner Kindheit im Knabenheim Landorf. Über Recht oder Unrecht der Massnahme möge man nach der Lektüre entscheiden.
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Entschuldigungsschreiben – 6. Juni 2017
Vorwort
Eine wahre Geschichte
Führungsloser Lebensweg
Was für ein Irrtum!
Mein Schicksal nahm seinen Lauf
Teufelskreis des Abhauens
Hier fühlte ich mich wie im Paradies!
Bauernleben mit Bruder
Sie war eine Hexe!
Psycho / Metzgerfamilie
Gefängnis / Flucht / Freiheit / Delikte / Gefängnis
Neue Erfahrungen
Vaterrolle?
Entlassung – einige Monate in der Freiheit
Mein riesiges Glück
So lernte ich meinen allerbesten Freund kennen
Unser Dealer-Raub
Gefängnis / Freundschaften / Abhauen / Tablettensucht und Spital
Versetzung in ein anderes Gefängnis / Entlassung / Jessica
Alpenleben
Sehnsucht nach einer neuen Beziehung
Mein Fehlverhalten gegenüber Dany
Mein Helfersyndrom
Ein Wiedersehen von Freunden
Untersuchungshaft / Vorzeitiger Strafvollzug
Gericht: Verwahrung, ein neuer Beistand
Meine Befürchtungen trafen nicht ein
Nachträglich trafen meine Befürchtungen doch noch ein!
Bezüglich meines Vorwurfs
Irrfahrt durch den Strafvollzug: Nicht endender Therapiekarussellwahnsinn
Selbstanalyse
Als erstes möchte ich mich bei der ganzen Gesellschaft entschuldigen, für alles Leid, das ich Menschen bewusst oder unbewusst zugefügt habe. Die Entschuldigung richtet sich besonders an alle direktgeschädigten Opfer aus meiner Vergangenheit, die unter meinen Taten gelitten haben. Die lange Phase meines Strafvollzugsaufenthalts hat mich sehr zum Nachdenken gebracht, alleine die Zeit im Strafvollzug kann Personen auf ganz unterschiedliche Weise verändern.
Darüber hinaus habe ich das Glück gehabt, in Haft auch die nötigen Mittel (Therapiemöglichkeiten) zur Verfügung zu haben um meine problematischen Persönlichkeitsstrukturen zu verändern. Ich habe schon von Anfang an das gesamte Therapieangebot im Strafvollzug genutzt, vorerst auf freiwilliger Basis. An dieser Stelle möchte ich es nicht unterlassen, mich auch einmal bei den Steuerzahlern zu bedanken, die mir überhaupt die Gelegenheit gegeben haben, eine Therapie zu machen, um meine Unreife und mein schlechtes Verhalten aus der Vergangenheit aufzuarbeiten. Ein langer Weg liegt hinter mir, auf dem ich in Haft meine ganze Lebensgeschichte in diesem Buch niederschrieb. Es handelt sich hierbei um eine Biographie, die in vielen Stunden entstand, wobei mir das nicht leicht gefallen ist.
Was mich bewog, meine wahre Geschichte von 1956–2012 niederzuschreiben:
Ich möchte auf diesem Weg meine Erfahrungen zur Verfügung stellen, damit andere Menschen in gleichen oder ähnlichen Situationen nicht dieselben Fehler begehen. Gleichzeitig konnte ich durch das Niederschreiben meiner Autobiografie meine schmerzhaft erlebte Vergangenheit aufarbeiten.
Namen sind erfunden. Jahrgänge stimmen nicht ganz überein, da ich nie ein Tagebuch führte.
Es war im Jahr 2000. Eines Nachts im Gefängnis, als ich wieder einmal nicht schlafen konnte, machte ich mir wieder einmal Gedanken über mich selbst und musste mit Schrecken feststellen, dass mir viele Erinnerungen fehlten. Zum Beispiel, dass mir Namen von Kollegen/-innen nicht mehr in den Sinn kamen. Dies machte mich sehr nachdenklich. Nach und nach wurde mir bewusst, was ich lange nicht wahrhaben wollte.
Mein Gedächtnisverlust wurde durch den übermässigen Alkohol- und Drogenkonsum hervorgerufen. Es war höchste Zeit, wesentliche Veränderungen herbeizuführen. Für mich kamen nur zwei Möglichkeiten in Frage. Entweder ich nehme mir mein Leben, Selbstjustiz, oder ich arbeite ernsthaft an mir. Ich entschied mich für das Letztere, indem ich mich erst einmal durch Krafttraining, Yoga, autogenes Training, Rauchstopp und mit gesunder Ernährung entgiftete. Die Therapie nicht zu vergessen, auch wenn ich in dieser Hinsicht längere Zeit vom Pech verfolgt wurde. Mein grosses Glück war aber, dass ich von draussen grosse Unterstützung erhielt, die ich als Fachleute bezeichne, die mich bis zum heutigen Tag besuchen und mir psychisch sehr zur Seite stehen.
Ich kam zur Überzeugung, dass ich die Jugendlichen vor all dem warnen muss, die sich in einer ähnlicher Situation befinden, unabhängig davon, welche Art von Delikt sie begangen haben mochten. So kann ich wenigstens indirekt Betroffenen helfen und dieses Bedürfnis meinerseits stillen.
Was ich damit sagen will? Geht bewusster durchs Leben, als ich es gegangen bin, und nehmt euch die Zeit, Gedanken über euch selbst zu machen. Nicht andere Menschen zu verurteilen, es könnte auch euch treffen! Sich die Zeit zu nehmen wird sich bestimmt auszahlen!
Betrachtet eine Situation nicht nur kurzfristig, sondern macht euch vor allem auch langfristige Gedanken über mögliche Konsequenzen.
Der beste Weg, mit Problemen umzugehen, ist, sich diesen zu stellen. Probleme zu verdrängen verschlimmert die Situation nur, weil sie sich dann anhäufen.
Also, ihr Betroffenen, lesen und dabei cleverer werden, als ich es war. Das heisst, wende deine heutige negative Situation, in der du dich vielleicht gerade befindest!
Es war viel Arbeit, doch sie hat sich gelohnt.
Peter Runaway
Im Jahre 1956 kam ich, Peter, auf diesen Planeten, den man Erde nennt, auf die Welt. Um überhaupt auf diese Erde zu gelangen, braucht es bekanntlich eine Frau und einen Mann, die sich paaren. So kam auch ich auf diese Erdenwelt gekrochen, gleich wie meine fünf Geschwister. Dies nennt man dann eine Familie. Ich bin der Drittälteste, zugleich das schwarze Schaf der Familie, wie sich später herausstellen sollte. Ein Kind muss vieles erlernen; was man so macht, und was man eben nicht tun sollte; das Zauberwort dazu heisst: Gute Erziehung.
Unsere Mutter ging mit uns behutsam um. Sie nahm uns immer in Schutz, wenn wir zu Unrecht von Vater bestraft wurden. Sie arbeitete nebenbei als Putzfrau, und später übernahm sie einen Job als Lastwagenspritzerin, da unser Oberhaupt nicht ausreichend verdiente. So hatten wir wenigstens genug zwischen den Zähnen. Ich denke, dass es beide Elternteile braucht, um mit so vielen Kindern zurechtzukommen. Unser Vater war leider auch nicht in einer intakten Familie aufgewachsen und hatte daher auch nicht besonders gute Erziehungsmethoden genossen. So konnte er uns nicht angemessen erziehen. Das zeigte sich zum Beispiel daran, wie er mit uns umging, wenn wir gestohlen hatten. Wir Menschen haben eine Stimme, damit wir uns gegenseitig verständigen können. Vater jedoch fehlten oft die Worte. Stattdessen schlug er uns mit dem Gürtel, weil er sich nicht anders zu helfen wusste. Es kam zu Gegenreaktionen; wir machten erst recht Schwierigkeiten, und so wurde es logischerweise eher nur noch schlimmer.
Es kam mal dies vor: Einmal entwendete ich ein Fahrrad und stellte es auf unseren Fahrradabstellplatz. Da trat mein Vater herbei. Er schaute mich an und sagte nur: «Streich es doch um, damit man es nicht mehr erkennen kann!» Ja, einerseits schlug er uns, wenn wir etwas geklaut hatten, andererseits gab er uns Tipps. Seine Reaktionen waren nicht nur widersprüchlich, sondern völlig überrissen. Einmal stieg ich nachts aus dem Fenster, um mir etwas Süsses vom Bäckereiautomaten zu holen. Als mein Vater dies bemerkte, rastete er so aus, dass er mir sogar mit Erschiessen drohte.
Wenn es zu Hause nicht klappt, geht es meistens auch in der Schule schief. Im ersten und zweiten Schuljahr hatte ich eine Lehrerin, die zwar eine liebevolle Person war, die sich aber uns gegenüber nicht durchsetzen konnte. So kam es, dass sie in ihrer Ratlosigkeit einen anderen Lehrer zu Hilfe holen musste. Ausgerechnet einen Lehrer, der sich nur mit dem Stock Respekt verschaffen konnte. Es kam auch schon vor, dass er mir die Schuhe und die Socken auszog und meine Beine in die Höhe hielt, so dass ich kopfüber in der Luft baumelte und er mir auf die nackten Fusssohlen schlug.
Der Schmerz und die Angst waren so gross, dass ich mir glatt in die Hose machte. Eine richtige Drecksau war dieser Lehrer! Vielleicht bekam er sogar einen Orgasmus durch die Ausführung solcher Tätigkeiten! So was soll es geben, hatte ich schon mal gehört.
Logischerweise wird es so nicht besser, sondern schlimmer. Hier fehlte eine wirkliche Fachperson. So kam es, wie es scheinbar kommen musste. Unsere Familie wurde grösser, der Zahltag von Vater und Mutter reichte nicht mehr aus, um uns alle zu ernähren. Mein Vater war mit dieser Situation völlig überfordert. Gezwungenermassen kam es zwischen uns Brüdern zur Trennung. Drei Brüder von mir wurden in einer Bauernfamilie untergebracht. Und was geschah mit mir?
Eines Tages klingelte es an der Haustüre, und jemand von der Amtsvormundschaftsbehörde stand vor unserer Türe. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass es hiess, wir machen einen Ausflug. Ein Koffer wurde gepackt, ins Auto verfrachtet, und mir wurde befohlen, dass ich mitkommen solle. Das Ziel war mir nicht bekannt; deshalb fragte ich den Mann, wohin er mit mir fahren würde. Er sagte bloss: «Du kommst jetzt an einen Ort, wo du so viel Scheisse bauen kannst, wie du willst.»
Er sagte das mit einem dreckigen Lächeln, so blieb es mir in Erinnerung. Noch heute klingt mir dieser Satz in den Ohren, und ich sehe es immer noch vor meinen Augen. Während der Fahrt musste ich heulen, und ich wusste schon damals: Egal wohin man mich bringt, ich laufe einfach davon. Mit Entsetzen musste ich feststellen, dass man mich in ein Heim verfrachtete.
Als wir im Heim ankamen und sich niemand mehr in meiner Nähe befand, ging ich bereits das erste Mal auf die Flucht Richtung Elternhaus, und das trotz meiner Angst vor meinem Vater. Denn im Heim war es eher noch schlimmer als zu Hause. Wie ich nach Hause kam, weiss ich heute nicht mehr. Ich war damals erst neun Jahre alt. Es ist also schon zu lange her, um es noch zu wissen. Jedenfalls wurde ich wieder zurück ins Heim verfrachtet. Kurz darauf gingen wir zu dritt auf die Flucht, wurden aber nach ein paar Tagen wieder geschnappt. Heute denke ich, den Grund zu wissen. Ja, ich sehnte mich damals nach Geborgenheit und nach jemandem, der mich in die Arme schliesst und mir den Sinn des Lebens erklärt hätte!
Im Landorf gab es eine Dusche wie im Militär. Man duschte miteinander. Hinten im Duschraum befand sich eine Badewanne. Meistens wurde sie nicht gebraucht, deshalb wollte ich sie benützen. Kaum war ich eingestiegen, kam der Aufseher hergerannt, der stets anwesend war. Er packte mich am Hals und schlug mich mit dem Hinterkopf an die Wand. Ich sah nur noch Sterne vor meinen Augen. Es war nicht das erste Mal, dass sich dieser Sadist uns gegenüber so verhielt. Seine sadistischen Veranlagungen gingen so weit, dass er uns sogar an den Tränenhaaren zog. Und dies alles nur wegen Bagatellen.
Ich hasste diesen Mann so sehr, dass ich ihm nur alles Schlechte wünschte. Ja, ich dachte sogar daran, mich als Erwachsener an ihm zu rächen.
Knabenheim Landorf
Bevor wir in den Essraum eintreten durften, mussten wir uns in einer Reihe eingliedern, damit der Direktor unsere Hände und die Fingernägel kontrollieren konnte. Wehe, wenn sie nicht seinen Vorstellungen von Sauberkeit entsprachen, dann gab es mit einem Stock eins auf die Innenseite der Hand, zum Teil so fest, dass es stark blutete.
Wenn jemand gegen die Regeln, egal wie nebensächlich sie auch war, verstiess, musste er zur Strafe nach dem Mittagsessen Karotten oder Kartoffeln schälen gehen, statt die Mittagsruhe zu geniessen.
Zum Heim gehörte ein Landwirtschaftsbetrieb mit Schweinen, Kühen und Pferden. Jeder der Heiminsassen bekam eine Aufgabe. Diese wurde alle drei Monate vom Direktor neu vergeben. Meine Arbeit war, den Pferdestall in Ordnung zu halten, da ich mit Pferden gut umzugehen wusste. Auch im Kuhstall wurde ich oft eingesetzt. Morgens um fünf Uhr wurden wir jeweils durch den Stallmeister geweckt.
Am Morgen und nach den Mittagsstunden mussten wir alle in einer Kolonne strammstehen. Es wurde uns mitgeteilt, ob wir nun auf dem Feld arbeiten müssten oder in die Schule gehen dürften. Im Sommer mussten wir viel in der Landwirtschaft mithelfen, sei es beim Heuen, bei der Kartoffelernte oder beim Korndreschen.
Jedes Kind durchlebt verschiedene Entdeckungsphasen, besonders in sexueller Hinsicht. So war es natürlich auch bei mir und einigen anderen Zöglingen. Wir stellten die verschiedensten Vergleiche an: Wer hat den grösseren Penis? Wer hat schon Schamhaare? Wer kommt bereits zum Orgasmus mit Samenerguss? Mit alldem wurde ich im Heim konfrontiert. Es gehörte zum Heimalltag und damit zu meinem Leben. Dies kam vielleicht dreimal in meiner Kindheit vor.
Einmal hatten Jo und ich, ein älteres Heimkind, jeder für sich Selbstbefriedigung betrieben. Irgendwann forderte er mich auf, mich auf den Bauch zu drehen. Mit seinem Penis drang er in meinen Anus ein, was mir sehr wehtat. Als ich dieses negative Erlebnis meinem zwei Jahre älteren Freund erzählte, nahm dieser eine Heugabel in die Hand und stach sie Jo in den Bauch. Ich hätte es ihm besser nicht erzählen sollen.
In der Zwischenzeit erlernte ich Selbstverteidigung (Judo), damit ich die Möglichkeit hätte, mich in Zukunft selber zur Wehr setzen zu können, falls ich körperlich in Not geriete. Nach etwa zwei Jahren kam dieser Jo zurück ins Heim. Als ich ihn sah, kam in mir alles von früher wieder hoch. Ich forderte ihn zu einem Zweikampf heraus, womit er einverstanden war. Ich nahm ihn in den Würgegriff und schlug seinen Kopf mehrmals zu Boden, bis die anderen, die den Kampf mitverfolgten, mich von ihm wegrissen. Als er wieder zu sich fand, gaben wir uns die Hand.
Er gab sein Fehlverhalten preis. Das tat ihm, aber vor allem mir selbst gut. Von jenem Tag an verspürte ich den Schmerz der «Vergewaltigung» nicht mehr. Wenn ein Elternteil sein Kind schlägt, heisst dies noch lange nicht, dass es dasselbe seinem oder einem fremden Kind auch antut. Dasselbe gilt auch bei Vergewaltigungen.
Zum Landorf gehörte auch ein relativ kleines Schwimmbad. Da lernte ich richtig gut schwimmen.
Schwimmbad im Landorf
Ich war bald soweit, dass ich zu den Schwimmprüfungen gehen konnte. Die erste Prüfung konnte ich überspringen, daher machte ich gleich die zweite Prüfung und bestand sie prompt. Freudig durfte ich ein Abzeichen mit zwei Fischen an meiner Badehose anbringen, was mich zum Weitermachen motivierte. Die nächsten Prüfungen machte ich in der Gemeinde Köniz im Freibad. Es folgte das Abzeichen mit drei Fischen, bald darauf der goldene Fisch, dann der goldene Crawl-Fisch, und schlussendlich schaffte ich auch noch den «Rettungsring». Ich war richtig stolz auf mich. Noch stolzer wurde ich, als ich meinen verdienten Rettungsring unter Beweis stellen konnte, indem ich zwei gleichaltrige Kinder vor dem Ertrinken bewahrte. Die älteren Heimkinder befahlen den Kleineren, was sie zu tun hatten. Das ist nichts Ungewöhnliches in einem Heim. Wir mussten zum Beispiel in ein Einkaufszentrum gehen, um bestimmte Sachen zu stehlen, wie Zigaretten, Esswaren, Schallplatten und anderes mehr. Einmal wurde ich beim Diebstahl ertappt und musste deshalb zum Direktor. Er fragte mich, weshalb ich das getan hätte. Ich sagte ihm, wer mich dazu gezwungen und beauftragt hatte. Das war ein grosser Fehler, für den ich büssen musste. Wenn einer den anderen verpfeift, bekam er «Landorfprügel». Das ging damals so vor sich: Wir waren um die sechzig Heimkinder in einem Alter zwischen sieben bis sechzehn Jahren. Die eine Hälfte der Kinder stellte sich rechts auf, die andere links. Einer hielt mir meine Hände hinter meinem Rücken fest und schob mich zwischen den beiden Reihen durch. Alle mussten mich mit Füssen oder Fäusten schlagen, ob sie wollten oder nicht.
Ich habe danach niemanden mehr verraten, dafür ging ich wieder auf die Flucht. Diesmal versteckte ich mich
in einer Höhle, die ich zufälligerweise entdeckt hatte. Lange Zeit blieb ich dort. Ich war gerade etwa elf Jahre alt. Da ich im Heim auch das Messerwerfen erlernt hatte und mit diesem Ding ziemlich gut umzugehen wusste, nutzte ich mein Können aus. Geduldig wartete ich im Wald auf einen Hasen, um ihn mit einem Messerwurf zu töten. Prompt traf ich auch einen direkt in den Bauch. Ich schlachtete das Tier und hielt es übers Feuer. Beim Essen stellte ich fest, dass er ganz und gar nicht schmeckte. Ich wusste ja nicht, dass man das Fleisch einige Zeit aufhängen muss, bevor man es essen kann.
Ich überlegte mir lange, wie ich mir andere Nahrung besorgen könnte. Mit meinem Rucksack stieg ich nachts in die Keller von Mehrfamilienhäusern, um etwas Essbares zu finden und es zu klauen. Ich fand verschiedene Konserven wie Bohnen, Thunfisch, Fruchtkonserven und Mineralwasser. Danach ging ich wieder in mein Versteck zurück, wie ein Höhlenbewohner oder Fuchs, der sich vor einem Feind verkriechen muss. Zusätzlich baute ich mir eine Baumhütte aus Zweigen und Ästen, damit ich Ausschau halten konnte nach Unliebsamen, der Polizei zum Beispiel.
Als ich einmal nach einem Diebesausflug zurückkehrte, stand mir plötzlich eine Familie gegenüber. Wir sprachen über verschiedene Dinge. Sie waren sehr nett zu mir. Sie fragten mich dann auch, wo denn meine Eltern wären. Nach und nach beichtete ich, dass ich aus einem Heim abgehauen sei. Sie versprachen mir zu helfen und nahmen mich mit zu ihnen nach Hause, wo ich mich sehr wohl fühlte. Ich verspürte sogar Geborgenheit. Trotz allem mussten sie mich wieder ins Heim zurückbringen, weil dies der Gesetzesvertreter so haben wollte. Immer, wenn es mir an einem Ort gefiel und ich mich wohlfühlte, wurde ich von dort weggerissen!
Später gab es auch im Heim positive Seiten. So gingen wir zum Beispiel mit unserem Lehrer, er war ein guter und aufgestellter Typ, für drei Wochen nach Schwarzenburg in die Senseschlucht zum Campieren. Da wir etwa zwölf Zöglinge zählten, hatten wir dementsprechend auch Zelte dabei. Der Fluss Sense bei Schwarzenburg ist schon beachtlich breit. Wir unternahmen viel Kreatives, zum Beispiel mit den Händen zwischen den Steinen zu fischen. Das war nicht einfach, weil uns die Fische immer wieder entwichen. Daher befestigten wir mit Klebstreifen Reissnägel an unseren Fingern, damit uns die Fische nicht mehr aus den Händen rutschen konnten.
Der Wald, sozusagen mein Zuhause.
Im Wald fühlte ich mich schon immer am wohlsten. Ich konnte mich von einem Baum zum anderen schwingen, fast wie ein Affe, natürlich nicht so schnell. Einmal, mitten in der Nacht, kam ein Gewitter auf, es regnete in Strömen. Wir waren im Zelt, als plötzlich einer von uns schreiend rief: «Überschwemmung!» Sofort liefen wir ins Freie, um einen Graben rund um die Zelte auszuheben, damit das Wasser nicht hineinfliessen konnte. Dass wir bis auf die Haut nass wurden, machte uns nichts aus. Wir hatten auch keine Angst, sondern es war für uns etwas Abenteuerliches.
Leider Gottes gingen die drei Wochen viel zu schnell vorüber, und wir mussten ins Heim Landorf zurückkehren.
Fussball spielten wir hier auch gegen andere Heime. Oft kam es vor, dass Zuschauer vom Dorf vorbeikamen, um uns beim Match zuzuschauen. Unter anderem kamen auch gleichaltrige Mädchen vorbei. Als wir einmal ein Match spielten, nahm ich wahr, dass mich ein hübsches Mädchen stets anlächelte. Sie kam dann oft zu mir und wir kamen uns sehr nahe. Bis eine Angestellte vom Heim den Kontakt unterband, indem sie meinen Schwarm vom Heimareal verwies. Ein paarmal verstiess ich gegen die Anordnung, indem ich ihr nach Hause ins Dorf folgte. Na ja, wie es dann zu einem Ende kam, weiss ich heute nicht mehr.
