Verfolgt, bedroht, entwürdigt - Nora Lycka - E-Book

Verfolgt, bedroht, entwürdigt E-Book

Nora Lycka

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Beschreibung

Roxane lebt alleinerziehend mit zwei Teenagern in einer Kleinstadt. Ihr Vermieter beginnt sie in einer Folge von perversen Anschuldigungen und brutalen Angriffen zu verfolgen. Erst im April 2007 wird Stalking keine Privatsache mehr sein, sondern strafwürdiges Unrecht. Noch gilt das für sie nicht. Überall stößt sie auf Vorurteile, Feigheit, Bequemlichkeit und Sensationslust und auf nur wenig Hilfe. Sie lernt ihrer Opferrolle zu entkommen und schließlich stellt sich das Böse selbst ein Bein.

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

November

Dezember

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

November

Eugen Krätzner fühlte sich völlig am Boden zerstört, als er die 600 Kilometer von der onkologischen Klinik nach Hause fuhr. Hätte ihn später jemand nach Verkehrsaufkommen, bestimmten Ortschaften oder dem Wetter gefragt, er hätte sich am Ende der Fahrt an nichts erinnern können. Seine Gedanken waren beherrscht von Trauer, Verzweiflung und Angst vor der Einsamkeit.

Er stellte den Wagen in einer Seitenstraße ab. Dann versteckte er sich hinter einer Hecke der gegenüberliegenden Straßenseite und beobachtete sein Haus. Er war seit vier Monaten nicht mehr zuhause gewesen und alles kam ihm fremd und unwirklich vor. Ihm war übel, und in seinem Kopf wiederholten sich ständig die immer gleichen Fragen, die ihn bereits auf der Fahrt verfolgt hatten: Wer wird sich jetzt um mich kümmern? Mir sagen, was ich tun soll, wenn ich durcheinander bin? Wer wird mich jetzt beruhigen, wenn ich aufgeregt bin, wer wird für mich da sein? Wo ist die Stimme, die mein Leben geleitet hat? Gerade jetzt brauche ich sie so sehr.

Das Haus schien ihn düster anzustarren und jedes dunkle Fenster erinnerte ihn erbarmungslos daran: Sabine ist nicht mehr da, sie wird nie mehr zurückkehren.

Nur im Parterre waren erleuchtete Fenster.

Bei dieser schrecklichen Mieterin mit ihren zwei frechen Gören war also jemand zuhause. Die ließen es sich gut gehen, wie immer. Sabines Tod und er waren denen völlig egal. Die dachten nur an sich und ihren Spaß. Alles brachten sie durcheinander, überall Dreck, Lärm und Unordnung!

Plötzlich fuhr der alte Volvo der Mieterin vor und parkte am Vorgartentor. Im Küchenfenster tauchten zwei Köpfe auf. Kurz darauf wurden alle Türen sperrangelweit aufgerissen. Die Kinder rannten, von dem aufgeregt bellenden Hund begleitet, über den Vorgartenweg zum Auto und begrüßten ihre Mutter. Alle zusammen begannen, Kisten mit Einkäufen ins Haus zu schleppen. Der Hund flitzte dabei hin und her, drehte plötzlich ab und kam plötzlich bedrohlich knurrend auf ihn zugestürmt.

Angstvoll wich er zurück und dachte: Ich hasse dich du blöder, kleiner Kläffer. Ich dulde dich hier nur, weil Sabine so verliebt in Hunde ist.

Er bemerkte seinen Fehler.

Sabine war nicht mehr da. Sein Hass auf das Tier steigerte sich hemmungslos. Er wollte schon zutreten, da wurde der Hund zurückgerufen und gehorchte sofort. Seine Mieter starrten zu ihm herüber, dann rief die Mutter etwas. Ein Gruß wohl. Er konnte vor Zorn nicht antworten. Lieber wäre er auf sie losgegangen und hätte sie angebrüllt.

Ihm war kalt vor Wut und er fühlte sich unendlich leer und allein.

Als sie endlich fertig und alle im Haus verschwunden waren, schlich er über die Straße, durch den Vorgarten, blieb unter dem hell erleuchteten Küchenfenster stehen und lauschte.

»Was hat der Alte bloß?«, hörte er die Tochter fragen.

Die gemurmelte Antwort der Mutter konnte er nicht verstehen.

»Er ist nicht mehr zu sehen«, meldete der Sohn nun laut.

Eine Weile hörte er nur leises Gemurmel und Getuschel. Bald darauf hörte er die Tochter laut lachen. Es ging ihm durch Mark und Bein.

Die lachen mich auch noch aus, dachte er.

Mit vor Wut zitternden Händen begann er die Schlüssel in die Haustür zu fummeln. Je weiter sich die Haustür durch seinen Druck öffnete, desto mehr zögerte er. Die dunkle Leere in dem eben noch von fröhlichen Menschen belebten Flur schien ihn jetzt traurig und einsam anzugähnen.

Vom dritten Stock aus, unter dem Dach, wurde plötzlich das Treppenhauslicht eingeschaltet. Seine Tochter war wohl da. Aber auch heute kamen von ihr kein Gruß und kein Zeichen von Anteilnahme.

Angst, wie immer, dachte er.

Dieses verwöhnte Weib hat sich doch sowieso nur für ihre Mutter interessiert.

Etwas entschlossener als vorher betrat er den jetzt hellen Flur und stieg langsam zum zweiten Stock hinauf, zu seiner und Sabines Wohnung.

Als er die Tür öffnete, schlug ihm von der Garderobe der vertraute Geruch aus ihrer Kleidung entgegen. Vor dem Spiegel lag ihre Haarbürste. Es waren noch ihre Haare darin. Ein Lippenstift rollte zu Boden, als er den Ärmel eines ihrer Mäntel an sich zog, um daran zu riechen. Er vergrub seine Nase in ihrem Kleidungsstück und sog ihren Geruch ein, bis ihm die Tränen kamen.

Sabine, bitte sag etwas zu mir, flehte er innerlich, aber nichts geschah.

Ihm war schwindelig. Er setzte sich in einen Sessel und wartete lange in der Dunkelheit.

»Komm herein, Eugen, und erzähle, was hast du draußen gemacht?«, sagte plötzlich eine Stimme.

»Sabine?«, fragte er hoffnungsvoll und horchte in die dunkle Diele. Es kam keine Antwort. Schließlich klagte er in die Stille hinein:

»Ich komme aus der Krankenhaushölle und musste dich dort lassen. Plötzlich hast du nicht mehr mit mir geredet. Nur noch die Wand angestarrt, einfach an mir vorbei. Dann haben sie dich weggebracht. Sie sagten, du bist tot. Aber jetzt hast du wieder mit mir gesprochen. Bitte lass mich nicht allein!«

Wieder saß er lange in dem dunklen Flur und wartete auf Antwort.

Plötzlich fuhr er zusammen weil eine dröhnend laute Stimme in seinem Kopf sagte: »Du bist allein, niemand wird dir helfen. Sie sind alle gegen dich, wie immer! Sie haben sie dir weggenommen und jetzt hast du nur noch mich!«

Der Angstschweiß brach ihm aus.

»Nein, lass mich in Ruhe!« stöhnte er. »Sabine und Dr. Kroll haben dich doch vertrieben. Du darfst nicht wieder kommen!«

»Schwere Schicksalsschläge holen alte Freunde zurück«, erwiderte die Stimme jetzt etwas sanfter. »Ich bin dein einziger Freund. Willst du mich jetzt auch noch vertreiben?«

»Nein, du darfst nicht mehr mit mir sprechen«, protestierte er, »ich hab es Sabine versprochen!«

»Ich weiß, du hast die Therapien nur für sie gemacht. Aber jetzt hat sie dich trotzdem im Stich gelassen … Warum soll ich also nicht zurückkommen? Ich war immer auf deiner Seite und werde es auch bleiben. Ich bin der Einzige, der dir jetzt noch helfen kann.«

Er antwortete eine Weile nichts. Angstvoll knetete er seine schweißnassen Hände und klammerte sich an seine gewohnten Gedanken.

Sabine wird etwas zu mir sagen und mir helfen. Sie hat mich doch immer aus meiner Verwirrung zurückgeholt. –

Er wartete auf Sabines Antwort, aber er war allein, unumstößlich allein! Nach einer Weile sagte er laut vor sich hin:

»Dann ist es eben so! Was kann ich schon ohne sie gegen dich tun!«

»Du wirst vernünftig. Keine Frau, die dich herumkommandiert! Hast du dir das nicht manchmal gewünscht?«, erwiderte die Stimme zufrieden. »Die unverschämten Mieter werden verschwinden. Sie sind auch Schuld an Sabines Tod, nicht nur der Krebs. Immer dieser Lärm, Gestank und Ärger! Wir werden sie vertreiben und alle traurigen Erinnerungen ebenfalls. Das Haus gehört dir ganz allein. Du hast es gebaut und kannst damit machen was du willst!«

»Aber ich will … ich bin … ,« protestierte er in die Dunkelheit hinein, in einem letzten Versuch, sich gegen die Stimme zu verteidigen.

»Nein, bist du nicht – nicht mehr. Werde doch vernünftig!«, dröhnte es. »Ich bin jetzt für dich da. Ohne mich kannst du nicht sein. Es hilft dir sonst niemand!«

Die Wände, Möbel und Haushaltsgegenstände schienen immer näher zu rücken und sich um den Stuhl, auf dem er zusammengesunken saß, zu versammeln.

Die Stimme befahl: »Wirf die Erinnerungen hinaus. Nur du und ich bestimmen, was hier noch her gehört.«

Er sprang wütend und trotzig auf, riss ein Familienfoto von Sabine und der Tochter vom Nagel und schleuderte es gegen die Wand. Glasscherben und Holzstücke knallten vor seine Füße.

»Ihr habt mich im Stich gelassen«, schimpfte er. Auch du, Sabine!« Knirschend zertrat er die Scherben am Boden.

»Gut so!«, lobte der Dämon. »Du und ich werden hier aufräumen, du wirst sehen!«

Er wankte in das verlassene Schlafzimmer, fiel vollkommen erschöpft samt Kleidung und Schuhen auf das kalte Bett und versank in einen tiefen Schlaf. Dass seine Tochter ängstlich durch die Zimmertür spähte und sich dann wieder vorsichtig zurückzog, bekam er nicht mehr mit.

*

Endlich wieder Wochenende! Das war eine anstrengende Arbeitswoche … Hoffentlich sind die Kinder da und helfen mir beim Tragen und Einräumen, dachte Roxane, während sie mit ihrem vollbeladenen Auto in die Leningasse einbog und nach einem Parkplatz Ausschau hielt, möglichst dicht vor dem Gartentor des Wohnhauses. Sie schätzte die Ruhe und Normalität dieser kleinbürgerlichen Gasse, mit netten Ein- bis Drei-Familien-Villen, ordentlichen Vorgärten und kaum Parkplatzproblemen. Die Normalität und nachbarschaftliche Freundlichkeit reichte hier zwar meistens nur bis zu den Gartenzäunen, aber so war es nun mal, in Deutschland. Sie war froh, hier vor drei Jahren eine günstig gelegene Wohnung gefunden zu haben, wo auch der Hund mit einziehen durfte. Ja, Sally war anscheinend sogar der Hauptgrund, dass sie hier wohnen durften. Die Vermieterin hatte sofort einen Narren an ihr gefressen und wollte unbedingt, dass Sally in die Parterrewohnung einzog. Ihre jugendlichen Kinder störten da anscheinend auch nicht. Die Beiden hatten es nicht weit zu dem kleinen Bahnhof und konnten sich regional frei, ohne mütterlichen Fahrdienst, überall hinbewegen, auch zu ihrem Vater im Nachbarort.

Als sie zusah, wie ihr Tom und Bianca, begleitet von der fröhlich umherflitzenden Sally, durch den Vorgarten entgegenkamen, spürte sie plötzlich diese Anspannung zwischen den Schulterblättern.

Warum hab ich das jetzt, dieses Kribbeln im Nacken? Das kenne ich eigentlich nur von meinen Dienstreisen in Armutsländer, als Warnsignal vor Überfällen oder Dieben … Ich werde beobachtet. Unsinn, hier zuhause passt das doch gar nicht hin.

Ihre Kinder begrüßten sie mit lautem Hallo und Sally sprang fröhlich an ihr hoch.

»Hallo, schön euch zu sehen! Ja, du auch, Sally, alles gut, bist eine Liebe!«, begrüßte sie ihre Kinder und knuddelte den freudig aufgeregten Hund.

Das Gefühl beobachtet zu werden, blieb trotzdem hartnäckig. Beim Öffnen der Heckklappe des Kombis suchte sie aus den Augenwinkeln die Umgebung ab.

Tom nahm ihr die erste schwere Kiste aus den Händen: »Das sollst du doch nicht!«

Roxane schaute ihrem Großen nach, der mit schlaksigen Schritten mühelos den schweren Karton ins Haus schleppte.

»Männer sind so stark!«, lobte sie und legte kurz den Arm um Bianca:

»Alles gut bei dir?«

»Geht so, wie immer halt … Schule war wieder mal echt ätzend!«

Bianca drückte ihr einen Kuss auf die Wange und holte dann auch einen schweren Korb aus dem Auto.

Plötzlich rannte Sally aufgeregt bellend auf die gegenüberliegende Straßenseite und offenbarte Roxane den Ausgangspunkt ihres Unwohlseins. Halb verdeckt und geduckt hinter einer hohen Hecke des Nachbarhauses starrte ein Mann mit stechenden, graublauen Augen aus einem seltsam böse verzerrten Gesicht auf sie, den Hund und die Kinder. Offensichtlich nahm er die Vorgänge rund um das Haus genau in Augenschein. Dabei verbreitete er eine schweigende Atmosphäre von angespannter Wut. Ihre normale, fröhliche Alltagsbeschäftigung erschien plötzlich falsch und verwerflich.

Der verwuselte, grauhaarige Kopf kam Roxane bekannt vor.

»Sally zurück, hierher!«, kommandierte sie mit scharfer Stimme.

Die Hündin stoppte sofort ihren wilden Lauf und kehrte um. Sie zog nun, leise knurrend, kleine Kreise um ihre Familie, ganz wie ein Hütehund, der seine Herde bewacht.

Leise fragte Bianca: »Mama, ist das nicht unser Vermieter?«

»Anscheinend …« Roxane runzelte die Stirn. Gleich darauf bemühte sie sich um ein Lächeln, das den Kindern die Unsicherheit nehmen sollte. Aber es erfüllte seine Wirkung nicht, die Anspannung blieb, auch bei ihr.

Wir wohnen hier, was soll das eigentlich?

Sie grüßte hinüber, laut und vernehmlich: »Hallo Herr Krätzner, schön, dass Sie wieder zuhause sind!«

Er antwortete nichts und starrte weiterhin mit böser Miene auf sie und die Kinder und die weit offen stehenden Türen seines Hauses.

Irgendwie wirkt er völlig abwesend, so, als wäre er gar nicht richtig angekommen. Als ob er etwas Wahnsinniges und Verwirrtes im Gepäck hat. Etwas seltsam ist er ja schon immer gewesen, aber so habe ich ihn noch nie gesehen …

Während sie die letzte Soft-Drinks und Milchflaschen aus dem Auto ins Haus schleppten, schauten sie alle immer wieder in seine Richtung und zogen unwillkürlich die Köpfe zwischen die Schultern. Erst als die Wohnungstür hinter ihnen zufiel, löste sich endlich die Anspannung.

Tom eilte in sein Zimmer, inspizierte den Vorgarten und die Straße und kehrte zurück in die Küche.

»Er ist nicht mehr zu sehen!«, meldete er und grinste: »Der sah aus wie ein fußkranker Mops im Stachelhalsband.«

Bianca lachte laut auf. »Da haste voll Recht! Was macht er hier eigentlich? Sollte er nicht bei seiner kranken Frau in der Klinik sein?«, wunderte sie sich, während sie in einer Kiste nach den Schokoladenriegeln suchte.

»Vielleicht sieht er nur mal nach dem Haus«, meinte Tom. »Er könnte als Vermieter ruhig mal die Heizung in Ordnung bringen. Es wird langsam ganz schön kalt in meinem Zimmer.« Jetzt riss er auch einen Schokoriegel auf.

»Könnt ihr zuerst mal einräumen helfen? Es gibt auch gleich was Warmes zu essen«, murrte Roxane. In Gedanken gab sie Tom Recht.

Er könnte sich ruhig mal wieder um das Haus kümmern! Obwohl die letzten drei Monate ohne Vermieter eine entspannte Zeit waren … Er ist ja normalerweise ganz schön pingelig …

»Er hat sich seit Juli nicht mehr um das Haus gekümmert. Seine Tochter bemerkt man nur an ein paar leeren Pizzakartons in der Mülltonne.« Tom nahm von Bianca die Einkäufe entgegen und packte sie in den Kühlschrank. »Meistens ist sie nicht zuhause. Ich fände es schön, wenn mal jemand anderes außer mir den Müll an die Straße stellt, die Treppen und Wege fegt und die Kübelpflanzen gießt.«

Bianca grinste ihren Bruder an: »Du Armer, musst wirklich immer alles allein machen! Ich habe dir natürlich nie geholfen …«

»War nicht gegen dich gemeint«, lenkte Tom ein.

Auch Roxane beschwichtige Toms Klagen.

»Das habt ihr doch früher auch gemacht, als wir noch in unserem Haus für uns allein wohnten. Es tut doch nicht weh, etwas für die Gemeinschaft zu tun, damit wir es schön haben.«

Sie schob Tom einen Beutel Kartoffeln und ein Schälmesser zu und verordnete: »Bitte schälen!« Dann überreichte sie Bianca einen Topf und Tiefkühlspinat: »Bitte auftauen …« Während sie Rühreier vorbereitete, fuhr sie fort: »Vieles haben wir in der letzten Zeit selber erledigt und ich fand es angenehm ohne den pingeligen Krätzner, der überall rumwuselt. Aber manche Dinge, wie Heizöl bestellen, Heizung anstellen und warten und so, muss halt der Vermieter erledigen. Ich habe ihn Mitte Oktober per Brief darum gebeten. Es kam keine Antwort bis heute … Die Töchter haben die Heizung zwar angestellt, aber es wird trotzdem nicht warm.«

»Hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert«, sorgte sich Bianca plötzlich mit nachdenklichem Gesicht, während sie an ihrer Schokolade knabberte und langsam den Spinat im Topf umrührte. »Warum ist eigentlich Sabine nicht mitgekommen?«

Sie traf damit genau die ungute Ahnung, die Roxane auch befallen hatte, als sie draußen in das hasserfüllte Gesicht von Krätzner gesehen hatte.

Da kommt etwas Schlimmes auf uns zu, dachte sie.

*

Am Sonntagnachmittag, als Roxane von einem Spaziergang mit Sally zurückkehrte, traf sie Krätzners Tochter Silvana an den Mülltonnen, mit zwei leeren Pizzakartons in den Händen.

»Hallo Silvana, wie geht es denn Sabine?«, fragte sie vorsichtig.

Die junge Frau zuckte zusammen und stellte mit zitternden Händen die Kartons ab. Sie hatte verschleierte Augen und schien die Tränen zu unterdrücken.

»Mutter ist vor vier Tagen gestorben …«

So war es tatsächlich, wie sie gedacht hatte. Roxane zögerte kurz, dann

nahm sie die junge Frau in den Arm und diese fing an heftig zu schluchzen.

»Das tut mir leid.«, sagte sie leise und wiederholte hilflos und traurig: »Das tut mir so leid!«

Die Tränen nahmen nun auch bei Roxane ihren Lauf. Den wirklichen Grund für den Aufenthalt in der Klinik hatte Sabine ihr verschwiegen. Aber sie wusste, dass es ihr vor der Abreise nicht gut gegangen war und dass sie wiederholt bei den verschiedensten Ärzten gewesen war.

»Es war Knochenkrebs. Sie hatte zuletzt starke Schmerzen und musste viel Morphium nehmen«, beschrieb Silvana nun mit etwas gefassterer Stimme. Es tat ihr anscheinend gut, ein paar Worte mit Roxane reden zu können.

»Die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun … Mein Vater ist völlig neben sich«, ergänzte sie. Jetzt klang sie wieder verzweifelt.

Roxane fragte nicht nach, was sie mit dem letzten Satz genau meinte. Ich will sie jetzt nicht mit Neugierde quälen. Es folgte eine kleine Gesprächspause und sie hoffte, Silvana würde von selbst mehr zu ihrem Vater sagen. Das tat sie aber nicht, sondern sie sagte nur:

»Morgen ist die Beerdigung.«

Sie nahm die Pizzakartons auf und stopfte sie mit energischem Nachdruck in die Mülltonne, als wären sie schuld an ihrer ganzen Traurigkeit.

»Wir werden zum Begräbnis kommen«, sagte Roxane.

»Besser nicht, mein Vater...«, stammelte Silvana und war plötzlich wieder verlegen und zurückhaltend. Sie drehte sich um, ging zurück ins Haus und ließ Roxane mit dem unvollendeten Satz zurück.

Roxane fühlte sich seltsam. Ich verstehe überhaupt nicht, was diese Ausladung zu bedeuten hat. Da war auch etwas Warnendes in ihrer Stimme und vorher dieser Hass in Krätzners Augen. Was haben wir denn falsch gemacht? Wir wohnen hier nun mal und haben ordentlich gezahlt und das Haus rund um auch ohne sie in Schuss gehalten. Was also ist falsch an uns?

Wenig später erzählte sie die traurige Nachricht Tom und Bianca. Ihrem Bericht folgte zunächst betroffenes Schweigen.

»Deswegen ist Krätzner so komisch gewesen«, meinte Tom schließlich.

»Ich war noch nie bei einer Beerdigung, aber ich finde wir sollten da hingehen«, sagte Bianca bestimmt. »Sabine hat mir oft in Latein geholfen. Ich mochte sie gut leiden.«

Roxane erwiderte: »Silvana meint, wir sollen nicht zur Beerdigung kommen.«

»Wieso das denn? Sie war doch so oft hier, « wunderte sich Tom »und sie hat sich ständig Sally ausgeborgt!«

»Keine Ahnung, Silvana hat es nicht weiter erklärt. Aber es liegt wohl an ihrem Vater. Er scheint sehr durcheinander zu sein. Vielleicht möchten sie in ihrer Trauer nur im engsten Kreis sein.«

Aber seltsam ist es schon. Er verhält sich sehr komisch, so als gäbe er uns für irgendetwas die Schuld. Aber ich wüsste wirklich nicht, was wir uns vorzuwerfen haben...

Die folgende Arbeitswoche gestaltete sich wie gewohnt. Roxane und Bianca suchten am Montag ein Grabgesteck samt Kondolenzkarte aus und Tom stellte das Ganze vor Krätzners Wohnungstür auf. Sie waren mit Sabine befreundet gewesen und wollten ihrer Trauer und ihrem Beileid für die Familie wenigstens auf diese Weise einen Ausdruck geben.

*

Am Morgen nach Sabines Beerdigung stand Roxane dann wie gewöhnlich unter der Dusche. Bianca und Tom waren zur Schule aufgebrochen. Das warme Wasser und der Massageschwamm entspannten ihre Muskeln und sie genoss den erfrischenden Zitronenduft des Duschgels. Herrlich, noch kurz durchatmen vor der Arbeit. War ja mal wieder ein hektischer Morgen. Tom hat Panik vor der Biologieprüfung und Bianca extrem schlechte Laune. Sie frisst die Gründe wie immer in sich hinein. Irgendetwas ist mit ihren Klassenkameradinnen passiert … Ich muss versuchen, sie zum Sprechen zu bringen, sonst wird das wieder eine heftige Krise bei ihr.

Plötzlich schreckte sie ein Schlurfen von schweren Schritten vor dem Badezimmerfenster aus ihren Gedanken auf. Bin ich etwa nicht alleine hier? Jetzt war ein Keuchen zu hören und wieder schlurfende Geräusche. Kein Irrtum! Wer ist da so dicht neben mir? Ich bin nackt … Es kann mich doch wohl niemand sehen? Nein, die Scheiben sind ja geriffelt, man sieht nur Schatten. Aber es ist unangenehm, so nahe.

Roxane drehte den Hahn zu und trocknete sich mit fahrigen, immer schneller werden Händen ab, während sie angespannt lauschte. Noch immer war zu spüren, dass jemand dort unter dem Vordach des Hauseingangs, direkt unter ihrem Fenster, stand. Während sie sich ankleidete hörte sie deutlich ein Stöhnen und über ihren Rücken lief ein unangenehmer Schauer.

Wenige Augenblicke später klingelte es lange und eindrücklich an der Wohnungstüre. Sie schrak zusammen und versuchte sich sofort wieder zu beruhigen. Vielleicht hat nur eines der Kinder etwas vergessen …

Während sie in ihre Schuhe schlüpfte, bellte Sally in der Küche los. Anscheinend doch ein Fremder? Sie ließ den aufgeregten Hund in den Flur und öffnete entschlossen die Wohnungstür.

Verblüfft sah sie sich ihrem Vermieter gegenüber. Verfilzte, graue Haare hingen in sein schwer gealtertes, blasses Gesicht. Er trug zerschlissene Filzlatschen, eine zerbeulte Cordhose mit offenem Hosenstall und ein kariertes Baumwollhemd, das halb aus der Hose hing. Ein ekliger Schweißgestank und viele Flecke auf der Kleidung ließen vermuten, dass er sich tagelang weder gewaschen noch frische Kleidung angezogen hatte.

Au weia, dachte sie nur und der Hund hinter ihr fing leise und böse an zu knurren. Er starrte sie mit dem gleichen, hasserfüllten Blick an wie am letzten Freitag.

Nachdem sie sich etwas von ihrem Scheck erholt hatte sagte sie bemüht freundlich: »Guten Morgen, was verschafft mir die Ehre?«, Mein Gott, der ist ja völlig aus der Spur!

Ohne den Gruß zu erwidern begann der Schmuddel vor ihr zu lamentieren: »So geht das nicht weiter! Das ist mein Haus! Hier können Sie nicht machen, was Sie wollen! Sie wissen doch, dass die Eingangstüren nicht offen stehen bleiben dürfen! Ihre Kinder lassen ständig alles offen! Ich hab᾿s ja schon immer gesagt, Sie können die beiden nicht anständig erziehen! Erlebe ich das noch einmal, bekommen Sie eine Abmahnung!«

»Okay …«, antwortete sie langsam und ziemlich verblüfft.

Das ist zwar gleich eine heftige Drohung, aber für den lieben Frieden: »Ich werde meine Kinder deswegen ermahnen.« Wie kann der alte Bock nur so widerlich hinter mir her schnüffeln. Seine Frau ist doch gerade erst begraben worden!

Ohne auf Roxanes Antwort einzugehen, nörgelte er mit erhobener Stimme weiter: »Die Jalousien müssen entweder ganz runter gelassen werden oder ganz hoch gezogen werden. Das sieht hier sonst aus wie bei Zigeunern.«

Sie spürte wie sie automatisch die Stirn runzelte und ihre Augen einen scharfen Blick bekamen: Geht’s noch? Er spielt sich auf als wären wir seine Dienstboten. Was soll der Quatsch? Trotzdem antwortete sie gefasst und ruhig: »Ich werde sehen was sich machen lässt. Aber jetzt muss ich zur Arbeit. Bitte gehen Sie und besprechen Sie in Zukunft solche Probleme mit mir nicht kurz bevor ich weg muss, sondern wenn ich von der Arbeit nach hause komme. Auf Wiedersehen!«

Sie schob die Tür zu. Er wollte noch etwas loswerden und wich nur widerwillig zurück. Als die Tür ins Schloss fiel, war sein böses Gemurmel im Treppenhaus zu hören. Sie lauschte besorgt, während sie hastig ihre Sachen zusammen suchte. Was soll ich tun, wenn er da immer noch steht und mit neuen Beschuldigungen anfängt? Egal, ich muss jetzt los, sonst komme ich zu spät.

Als sie mit der Laptoptasche in der Hand die Wohnung verließ, stand er auf dem nächsten Treppenabsatz und starrte böse auf sie hinunter. Gespielt gelassen sagte sie: »Auf Wiedersehen, und einen guten Tag, wünsche ich!«

Im Auto spürte sie ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Ich sollte mich beruhigen. Wahrscheinlich ist er in seiner Trauer nicht ganz bei sich. Das wird sich mit der Zeit wieder normalisieren. Dann fiel ihr wieder der Anblick seiner offenen, schmuddeligen Hose ein und Ekel überkam sie. Irre ich mich und ist er nur nachlässig gewesen? Falls nicht, kann er gern zu spüren bekommen, dass ich mir nichts gefallen lasse. Aber jetzt habe ich wirklich Wichtigeres zu tun.

Aber die Gedanken ließen sie nicht richtig los. Auf der Landstraße erinnerte sie sich plötzlich an die Nachbarin, die sie beim Einzug gewarnt hatte. Sie hatte nur den Schlüssel bei ihr abholen wollen, der Mietvertrag war längst unterschrieben. »Der Alte ist verrückt«, hatte die Nachbarin gesagt, »das weiß ganz Lautertal. Er hat die Schulleiterin geohrfeigt und er hat die halbe Stadt verklagt.« Als sie Genaueres wissen wollte, wiegelte sie ab. »Reden Sie mit Sabine. Seine Frau passt auf ihn auf!« Das hatte sie dann auch getan, beim Kaffeetrinken in ihrer Küche. Jedoch war nicht viel aus Sabine heraus zu bekommen.

»Ich habe das voll unter Kontrolle. Er hatte keine so schöne Kindheit, weißt du … Aber er ist hochbegabt …«

Sie hatte ihr sehr direkt in die Augen gesehen und erklärt: »Du musst verstehen, Sabine, als Mutter von zwei Kindern möchte ich über die Verhältnisse in meinem Wohnumfeld Bescheid wissen.«

»Ja, ja, das verstehe ich, ich bin ja auch Mutter! Mach dir mal keine Sorgen!« Und dann, wieder in dieser scharfe, abwehrende Ton:

»Ich habe das hier alles voll unter Kontrolle.«

Aber wer hat heute die Kontrolle, wo sie tot ist? – Genug gegrübelt … Roxane parkte das Auto vor dem Bürogebäude der Entwicklungsorganisation, wo sie arbeitete.

*

Am nächsten Tag, unter der Dusche, hörte sie wieder das Schlurfen, Keuchen und Stöhnen vor ihrem Fenster. Sie schrak zusammen.

Geht das schon wieder los? Nein, ich lass mich jetzt nicht ängstigen und stressen.

Sie ließ das Wasser weiter laufen, während sie sich abtrocknete und anzog, um mehr Zeit zu haben. Die Geräusche hörten nicht auf und ihr lief ein ausgiebiger Schauer des Ekels über den Rücken. Diesmal klingelte es jedoch nicht, nachdem sie das Bad verlassen hatte.

Anscheinend ist er nun irgendwo in seinen Garten gegangen.

Sie packte ihre Arbeitstasche und verließ die Wohnung, nachdem sie in den noch immer kalten Jugendzimmern das Licht und die Jalousien kontrolliert hatte. Doch dann kam die Überraschung. Er wartete auf dem Treppenabsatz auf sie. Völlig verwuselt, unverändert in derselben Kleidung, die immer mehr mit seinem Körpergeruch und seinem verwirrten Geisteszustand eine Einheit der Verwahrlosung bildete.

»Guten Morgen«, grüßte sie knapp und wollte schnell weitergehen. Bitte nicht wieder so eine aufdringliche Vorstellung, wie gestern...

Er stellte sich ihr in den Weg und eröffnete seine Rede mit wichtig erhobenem Zeigefinger: »Wir müssen in der Wohnung arbeiten. Es dauert zwei Tage. Die Abluftkanäle im Bad müssen überprüft und in Stand gesetzt werden.«

Als Mieterin muss ich wohl solche Arbeiten dulden, auch wenn’s mir gar nicht passt. »Also gut, wer wird die Reparaturen durchführen?«

»Ich habe eine Firma beauftragt«, kündigte er gewichtig an und fing an nervös an seinem obersten Hemdknopf zu drehen.

»Wann ist der Termin?«

»Ich weiß noch nicht genau.«

Der Hemdknopf löste sich, kollerte auf den Boden und drehte kleine Kreise. Sie bückte sich, las den Knopf vom Boden auf und dachte: Und warum muss ich das dann ausgerechnet jetzt wissen? Sie hielt ihm den Knopf hin und sagte: »Dann geben Sie doch bitte schriftlich Bescheid. Ich nehme mir dann an der Arbeit frei.«

Zerstreut starrte er auf den Knopf und nahm ihn nicht an. »Es reicht wenn eines Ihrer Kinder da ist …«

Du glaubst doch nicht ich lasse die Kinder mit dir allein in der Wohnung.

Ihr reichte sein Gestank und sie drückte sich wortlos an der Wand an ihm vorbei und verließ eilig das Treppenhaus. Der Ekel plagte sie, während sie in Richtung Auto einige Bögen um den überall herumstehenden Plunder schlug, den er begonnen hatte vor die Tür zu stellen. Auf einem Stapel staubiger Pelzmänteln entdeckte sie dabei das Beerdigungsgesteck, das sie mit den Kindern für Sabine gekauft hatte.

Schade, verwelkt, zerknickt und achtlos beiseite geworfen … fuhr es ihr durch den Kopf. Da legt ja jemand keinerlei Wert auf freundliche Gesten! Schon seltsam wie er drauf ist. Von Trauer merkt man nicht viel, dafür heftigster Aktionismus...

Als Roxane gegen 17:00 Uhr von der Arbeit kam, lag im Briefkasten der Brief ihres Vermieters, in dem er mitteilte, dass er die Instandsetzungsarbeiten beim Abluftkanal vornehmem wollte. Ein genauer Termin wurde nicht angegeben. Man solle sich auf kurzfristige Angaben einstellen. Sie legte den Brief beiseite und ging zu Tom und Bianca, die in Toms Zimmer am Computer spielten und erzählte von den morgendlichen Vorfällen. Das gruselige Vorspiel unter dem Badezimmerfenster verschwieg sie, weil sie die beiden nicht ängstigen wollte.

»Ich finde das total widersprüchlich!«, schimpfte Tom. »Wir werden ermahnt aber er lässt beim Ausräumen von seinem Müll ständig alles offen.«

Du hast ja Recht Tom, aber ich glaube, er ist gerade richtig gaga! Logik geht bei ihm gerade gar nicht. Egal, was er macht, bitte achtet einfach darauf, dass die Haustür zu ist. Und vor allem passt auf, dass unsere Wohnungstür immer geschlossen ist, versprecht ihr mir das?«

»Hast du bemerkt wie er stinkt?«, warf Bianca dazwischen »Seit Sabine nicht mehr da ist sagt ihm wohl niemand mehr, dass er sich waschen muss.«

»Ich glaube das Beste ist, ihm so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen«, beschloss Tom.

»Ja, das ist mit Sicherheit das Beste. Und macht die Wohnungstür zu, bitte!« sagte Roxane.

*

Kaum noch überrascht, hörte sie am nächsten Morgen zum dritten Mal seine schlurfenden Füße in Filzpantoffeln und sein Keuchen unter dem Badezimmerfenster. Verdammt, wird das hier jetzt ein Dauerzustand? Kann ich in meiner eigenen Wohnung nicht mehr in Ruhe duschen. Sein Stöhnen hört sich an als wichst er sich einen dabei...

Weil sie die Dusche nicht abrupt abbrechen wollte, stellte sie laut das Radio an und übertönte die Geräusche. Trotzdem wurden ihre Handgriffe und Bewegungen immer schneller und fahriger, als sie sich abtrocknete und anzog. Es ist so ekelig! Sie nahm ein Kleenex-Tuch in die Hand. Kaum hatte sie das Radio abgestellt und die Badezimmertür hinter sich geschlossen, schrillte wieder eindringlich und lange die Türklingel. Sally fing an zu knurren und zu bellen.

So schnell macht man mir keine Angst!

Ruckartig und entschlossen riss sie die Wohnungstür auf und hielt ihm demonstrativ das Kleenex hin. »Guten Morgen, womit kann ich heute dienen?«

Er schien die Anspielung gar nicht zu begreifen oder das Tuch nicht wahrzunehmen. Grußlos fing er wieder an mit seiner nörgeligen Fistelstimme zu lamentieren:

»Ihr Büffetschrank im Keller steht da jetzt, seit Sie eingezogen sind. Sie sagten doch, Sie wollten ihn verkaufen, weil er nicht in Ihre Wohnung passt. Nichts ist passiert, ihr seid ein faules Pack! Wenn das Ding nicht in drei Tagen verschwunden ist hacke ich es zu Brennholz.«

Sie musste sich wieder einen Augenblick sammeln um freundlich zu bleiben.

Natürlich, das Buffet sollte schon lange weg, da hat er ja nicht Unrecht. Aber was soll dieser unverschämte Ton?

So ruhig wie möglich sagte sie: »Mal langsam, Sie haben ja Recht, aber deswegen müssen Sie uns nicht als faules Pack bezeichnen. Und Sie werden den wertvollen Schrank nicht kaputt schlagen. Ich kümmere mich darum, dass er aus dem Keller kommt.«

Jetzt kippte seine Fistelstimme und er fing an zu kreischen: »Wenn der Schrank nicht in drei Tagen verschwunden ist, mache ich ihn zu Kleinholz! Dann könnt ihr mit damit eure Wohnung heizen. Meine Heizung genügt euch ja nicht. Ewig wird hier gemeckert! Seit ihr hier wohnt hat man keinen Frieden mehr im Haus, aber das ist mein Haus, ich bin der Besitzer hier und ich bestimme was hier läuft!«

Du ekliges, nerviges Rumpelstilzchen. »Jetzt sag ich Ihnen mal was! Ich muss gleich zur Arbeit. Wenn Sie mit mir sprechen wollen, dann heute Nachmittag. Ich wünsche hier morgens nicht gestört zu werden. Lassen sie mich jetzt in Ruhe!«

Darauf trat er einen Schritt vor und stellte dabei einen Fuß in den Türrahmen. Er zischte: »Ich werde das Haus umbauen und ihr habt dann keinen Platz mehr hier!«

Ihr gefiel der Fuß im Türrahmen gar nicht, auch wenn sie nicht wusste, ob er dort bewusst hingeraten war. Mit scharfer Stimme antwortete sie:

»Herr Krätzner, Sie gehen jetzt sofort! Wir reden heute Nachmittag weiter!« Sally knurrte hinter ihr und näherte sich dabei der Tür. Er zuckte zusammen und trat zurück. Sobald Roxane nicht mehr Gefahr lief seinen Fuß einzuklemmen, schloss sie mit einem Knall die Wohnungstür. Sie hörte ihn wütend vor sich hin schimpfen und im Treppenhaus nach oben steigen. »Dreckspack! Mein Haus! Euch zeig ich’s!«

*

Noch vor der Arbeit fuhr Roxane beim Trödler im Nachbarort vorbei, mit dem sie schon einmal wegen dem antiken Schrank gesprochen hatte. Hoffentlich ist er schon da. O ja, ich habe anscheinend Glück.

Vor einigen Monaten hatte sich der Trödler das antike Nussbaumbuffet bei ihr angesehen und war interessiert. Jedoch wollte er das riesige Möbelstück nur im Tausch gegen einige andere Stücke aus seinem Lager aufkaufen. Roxane hatte gezögert. Es war die letzte Erinnerung an ihre ostpreußischen Großeltern und sie hätte das gute Stück gern in guten Händen gewusst. Außerdem wäre ihr Bargeld lieber gewesen, als noch mehr schwere alte Möbel in ihrer Wohnung. Nun erklärte sie sich mit dem Vorschlag des Händlers einverstanden. Sie einigten sich auf den Tausch gegen einen massiven Kleiderschrank und einen runden Ausziehtisch, die gut in Roxanes Wohnung passten. Der Händler versprach am Freitagabend mit einem starken Gehilfen die Möbel zu bringen und das Buffet abzuholen. Somit würde die Forderung von Krätzner innerhalb der drei Tage Frist erfüllt sein.

Roxane bedankte sich und fuhr erleichtert los.

Gott sei Dank, dass der Händler so nett ist. Er kann mir einfach nichts abschlagen … Sie schmunzelte und legte einen höheren Gang ein und gab Gas. Ich habe lange gezögert mich von dieser Erinnerung zu trennen. Aber wer loslässt hat beide Hände frei. – Hoffentlich gibt der idiotische Vermieter jetzt endlich Ruhe.

*

Es war der späte Freitagnachmittag vom letzten Novemberwochenende. Wolken aus Nieselregen hingen schwer über der Kleinstadt und erste Adventssterne beleuchteten einige Fenster. Tom und Bianca brachten sie zum Bahnhof. Sally flitzte auf den leeren Bürgersteigen voraus.

»Kann ich euch wirklich allein lassen?«

»Klar Mama, wir machen das hier schon. Bleib mal ganz locker!« Toms Stimme klang cool und zuversichtlich.

»Ich lasse die Handwerker morgen früh um 8:00 Uhr rein, damit die restliche Arbeit erledigt wird, Bianca und ich frühstücken solange, danach fahren wir zu Papa und Sally nehmen wir mit. Was ist da bitte Schwieriges dran? Nix!« Er grinste sie an.

Bianca zog ein langes Gesicht. »Du musst mich aber nicht schon gleich um 8:00 wecken, schließlich ist Samstag und wann haben wir schon mal sturmfrei …«

»Ach willst du mal wieder warten, bis man dir alles fertig vor die Nase setzt?« Tom sah seine Schwester warnend an, während er seiner Mutter half den Koffer auf den Bahnsteig zu ziehen.

Roxane versuchte vorzubeugen. »Bitte kein Streit! Sturmfrei heißt auch, dass ihr etwas von meinen Aufgaben übernehmen müsst. Bianca du kannst ja mit Sally morgens Gassi gehen und ihr habt ja bestimmt auch beide noch was für Montag in der Schule vorzubereiten. Wäre doch nicht schlecht, wenn ihr alles erledigt habt und dann am Abend auf dem Konzert keinen Gedanken mehr dran verschwenden müsst.«

»Aber morgen ist Samstag!«, beharrte Bianca.

Tom war jetzt ganz großer Bruder: »Na und, man kann eben nicht alles haben! Willst du morgen Abend mit oder nicht?«

»Schon gut«, brummte Bianca, »aber es kommt der Tag, da kann ich auch allein auf sowas gehen und selber entscheiden, wie das läuft!«

»Also, kann ich euch jetzt beruhigt allein lassen, oder nicht?« Roxane wünschte sich ein Versprechen, dass alles friedlich verlaufen würde.

Bianca nahm ihre Mutter in die Arme, als der Zug einfuhr.

»Klar Mama, besuch du nur deinen Oliver. Du sollst auch mal wieder glücklich sein! Ich werde mich mit Tom vertragen und alles erledigen, wie du es willst.«

»Danke mein Schatz, du kannst so lieb sein!« Roxane drückte ihre Tochter an sich. Dann umarmte sie auch Tom.

»Danke, dass du das mit den Handwerkern erledigst. Bitte gib Acht, dass Krätzner nicht mit reinschleicht. Ich habe ihm ausdrücklich gesagt, dass ein Vermieter sich vorher anmelden muss.« Sie küsste ihren Sohn auf die Wange.

Tom schob den Koffer in den Zug. »Alles klar, Mama. Jetzt steig mal besser ein, sonst fährt dein Zug noch ohne dich nach Berlin.«

Kurze Zeit später winkte Roxane den Beiden zu, als der Regionalexpress aus dem Bahnhof rollte. Sie sind 15 und 17, alt genug … Es ist besser, wenn ich nicht ständig versuche alles zu kontrollieren. Es wird schon alles gut gehen. Schließlich hat ihr Vater ja auch noch ein Auge auf die beiden und gerade darum sollte ich mich besser raushalten.

*

Krätzner zupfte am Samstagmorgen in seinen akkurat gesäuberten Blumenbeeten winzige Keimlinge aus und beobachtete dabei, wie die Handwerker von Tom eingelassen wurden. Er erinnerte sich an die Worte seiner toten Frau. »Du kannst deinen Mietern nicht vorschreiben wie und was sie kochen.«

»Aber …«, hatte er zu widersprechen versucht.

»Keine Widerrede, ich will nichts mehr hören! Bei unserem Hausbau wusstest du immer alles besser als der Architekt und die Handwerker. Außerdem wolltest du schnell vermieten, wegen dem Geld. Jetzt haben die Mieter eben das Recht ihre Wohnung zu nutzen, wie sie wollen. Du wirst ihnen keine Vorschriften machen, die rechtlich nicht gesichert sind.«

So war sie immer, konsequent und gerade heraus. Aber dieser verdammte Knoblauchgestank von da unten ist davon nicht besser geworden. Sie braten, brutzeln und verpesten sie die Luft. Wie bei den Muftis. Es ist zum Kotzen! Ich muss endlich herausfinden warum das zu mir in die Wohnung zieht. Dieser Abluftkanal … Warum hat diese unverschämte Person mir nur verboten in die Wohnung zu gehen?

Der Dämon in seinem Kopf erwachte. »Willst du dir schon wieder alles vorschreiben lassen? Und noch dazu von dieser Schlampe? Es ist doch dein Haus und auch deine Wohnung!«

»Nein, du hast Recht!«

Entschlossen wendete er sich seinem Gartenschuppen zu und begann mit sturem Blick eine Handwerkskiste zusammenzupacken. Ich kann in meinem Haus machen was ich will!

*

Tom hatte um 8:00 Uhr einen Trainingsanzug über seinen Schlafanzug gezogen und dachte: Es soll ja nur eine halbe Stunde dauern, das fehlende Teil einzubauen … Als es kurz darauf klingelte, ließ er, noch reichlich verschlafen, die zwei Handwerker in die Wohnung. Die machten sich sofort im Bad an die Arbeit. Während sie hämmerten und klopften, bereitete Tom in der Küche das Frühstück vor. Kaffeearoma erfüllte die Küche, und Tom wurde langsam wacher. Er machte es sich mit leiser Musik aus dem Küchenradio gemütlich.

»Bring doch schon mal das Werkzeug in den Wagen«, wies der Chef seinen Kollegen an, »ich räum noch schnell auf.«

Dann klopfte er an die Küchentür und hielt Tom seinen Auftragszettel hin. »Würdest du das bitte abzeichnen.«

»Klaro!« Tom nahm den Kugelschreiber vom Einkaufsblock und kritzelte seine Unterschrift auf das Papier. »Ein schönes Wochenende noch«, sagte er, als auch der Chef die Wohnung verließ und kam sich einen Moment sehr erwachsen vor.

Dann weckte er Bianca, die bald darauf gähnend, im Schlafanzug, am Küchentisch Platz nahm.

»Frühstück machen kannst du gut alleine, viel besser als ich … Nachher hau ich mich aber nochmal aufs Ohr«, foppte sie ihren Bruder, während sie sich Kaffee einschenkte.

»Genau, ich vergesse nicht immer die Hälfte wie du, wenn man mich in Ruhe lässt.« Tom fischte sich eine warme Brotscheibe aus dem Toaster. »Du wirst schon sehen, der Kaffee macht … He, Sally, was ist?«

Der Hund stand knurrend an der Küchentür, die sich langsam öffnete. Eine Stehleiter schob sich herein, gefolgt von Krätzner, der außerdem mit einer großen Handwerkskiste beladen war. Tom fiel die Kinnlade nach unten. Er sah Bianca an, die auch sprachlos mit offenem Mund zusah.

»Könnt ihr nicht mal anfassen!«, war seine ganze, ärgerliche Begrüßung.

Die beiden sahen sich in die Augen und konnten gegenseitig ihren Ärger wachsen sehen. Tom fand seine Sprache zuerst wieder.

»Was machen Sie hier? Meine Mutter hat Ihnen doch ausdrücklich verboten einfach die Wohnung zu betreten. Vor allem wenn sie nicht da ist!«

Sein entrüsteter Tonfall schien den Alten zu reizen.

»Maul halten! Ich habe hier zu arbeiten. Das ist mein Haus. Macht gefälligst Platz hier!«

Er stieß grob gegen Biancas Stuhl, der ihm im Weg stand. Bianca sprang erschrocken auf und Sally fing wütend an zu bellen. Er trat heftig nach der Hündin, die erschrocken den Schwanz zwischen die Beine klemmte und in den Flur flüchtete.

»Ihr seid ja noch im Schlafanzug, zieht euch gefälligst was an!« schimpfte er weiter.

Jetzt wurde Tom richtig sauer: »Was fällt Ihnen ein! Sie verlassen jetzt sofort die Wohnung, oder ich hole die Polizei! Bianca, gib mir mal das Telefon vom Flur.«

Seine Schwester tat wie ihr geheißen. »Hier«, flüsterte sie und Tom spürte, wie ihre Hände zitterten, als sie es ihm reichte.

Blitzschnell griff Krätzner dazwischen und schnappte sich das Telefon. Er warf es in seine Handwerkskiste und brüllte: »Wenn du nicht sofort verschwindest gibt’s richtig Senge, du verlauster Bengel.«

Erschrocken folgte Toms Blick dem Gerät. Auf ein Handgemenge mit dem Alten wollte er es lieber nicht ankommen lassen. Er überlegte: Wer von uns beiden ist hier der Stärkere? Was passiert, wenn ich den alten Knacker verletze? Oder er mich? Eigentlich ist Prügeln auch gar nicht mein Ding …

Vor der Türe hörte man das Knurren der verunsicherten Sally.

Jetzt stellte Krätzner knallend die Blechleiter vor den Küchenschrank, holte Hammer und Meißel aus seiner Kiste und bestieg mit lautem Klappern die Leiter.

Tom nahm seinen ganzen Mut zusammen und versuchte es nochmal mit Vernunft: »Sie dürfen hier nicht ohne Anmeldung rein. Das wissen sie ganz genau! Und geben sie sofort das Telefon her!«

Völlig unbeeindruckt von seinen Worten schlug der Alte auf die Zimmerdecke ein. Mörtel staubte den Frühstückstisch mit samt den Lebensmitteln ein. Dabei schimpfte er:

»Was kann ich denn dafür, dass eure verdammte Mutter in Berlin rumhuren muss!«

»Hören Sie sofort mit dem Scheiß auf! Was fällt Ihnen ein!«

Tom wollte entschlossen wirken, aber er spürte, wie dünn und verzweifelt seine Stimme klang und wie heiß sein Gesicht vor Wut geworden war. Hilflos sah er zu, wie Krätzner rückwärts von den Sprossen kletterte und mit drohend erhobenem Vorschlaghammer auf ihn zukam.

«Tom, pass auf!« Bianca hatte angefangen zu weinen. «Der hat sie nicht mehr alle! Ich will nicht, dass dir was passiert!«

Tom wich zurück und Bianca zog ihn an seinem Trainingsanzug zur Küchentür. Er schnappte sich aber blitzschnell das Telefon aus der Werkzeugkiste. Dann flüchteten sie durch den Flur in Biancas Zimmer und schlossen die Tür ab. Er folgte ihnen Gott sei Dank nicht, sondern begann weiter das Loch in der Küchendecke zu bearbeiten.

»Ich hab so Angst!« Bianca drückte gedankenverloren Sally so heftig an sich, dass diese versuchte, sich aus der schmerzhaften Umarmung heraus zu drängeln. »Entschuldige, armer Hund, du bist ja nicht aus Stoff!«

»Vorläufig sind wir in Sicherheit«, beruhigte Tom sie »Ich rufe Papa an.«

»Hoffentlich ist der schon wach«, meinte Bianca und lauschte den heftigen Hammerschlägen und dem Knallen von Mörtelbrocken aus der Küche.

»Wie ist der hier bloß reingekommen«, rätselte Tom, während er wählte.

»Vielleicht hat er sich an den Handwerkern vorbei gedrängelt, als die gingen?«

»Aber ich habe doch gesehen wie sie die Wohnungstür zugezogen haben!«

»Keine Ahnung, woher weiß er überhaupt wohin Mama gefahren ist?« wunderte sich Bianca. Ratlos lauschten sie dem Rufton des Telefons.

»Ah endlich! Hallo Papa? Du musst sofort kommen! Der Vermieter reißt wie ein Irrer bei uns die Küchendecke auf und Mama ist doch in Berlin!« –

»Nein, hat sie nicht erlaubt.« –

»Keine Ahnung wie, aber der Typ hat uns mit ᾿nem Hammer bedroht, als ich ihm gesagt habe was Sache ist.« –

»Nein, ich bin doch nicht blöd! Wir haben uns in Biancas Zimmer eingeschlossen.« –

»Ja gut, wir warten. Aber beeil dich, Bianca macht sich aus Angst fast in die Hose.«

Tom entging nicht, dass Bianca jetzt beleidigt aussah.

»Ich wollte doch nur, dass Papa Gas gibt. Und wir können ja wirklich noch nicht mal aufs Klo, oder traust du dich hier raus?«

»Nein, nicht so richtig …« Die beiden lauschten wieder dem Baulärm aus der Küche. »Mann, was ein Arschloch!« Genervt stellte Tom sich ans Fenster und schaute wartend auf die Straße. Als eine halbe Stunde später sein Vater die Wohnung betrat, war Krätzner nicht mehr zu sehen. Allerdings entging niemand die Spur der Verwüstung in der Küche.

*

Am gleichen Samstagmorgen, um ca. 10 Uhr, streckte Roxane sich noch einmal in Olivers weichen Kissen und setzte sich dann langsam auf. Sie war allein.

Was für eine Nacht und was für ein Mann!

Sonnenstrahlen fielen durch die durchsichtigen, weißen Stores und verträumt betrachtete sie das geometrische Triptychon an der gegenüber liegenden Seite des breiten Bettes.

Diese Hände, dieser wendige, muskulöse Körper, die Raffiniertheit mit der er immer wieder neue Spiele erfindet … Als er meine Hände am Bett gefesselt hat war es unglaublich erregend. Einmal so gar nichts aktiv tun zu dürfen... Und es hat ihm mindestens so viel Lust bereitet wie mir, da bin ich mir sicher.

Ihre Gedanken wurden von Geräuschen des Wohnungsschlüssels und von Olivers festen Schritten abgelenkt, die sich näherten. Dann stand er grinsend mit seiner »Berliner-Schrippen-Tüte« in der Tür.

»Na, ausgeschlafen? – Frühstück?«

»Gern, aber was meinst du mit Schlafen?«

Langsam schob sie sich nach vorn ans Fußende des Bettes und nahm eine Hand von ihm.

»Dafür war es viel zu aufregend mit dir. Wenn ich dich sehe, bekomme ich schon wieder die schönsten Ideen.« Als sie ihre langen Beine auf den Teppich setzte und lächelnd Anstalten machte, ihn noch mal ins Bett zu ziehen, entzog er sich mühelos. Widerstand war bei seiner Kraft zwecklos.

»Ich liebe deine Leidenschaft, aber hol dir erstmal wieder ein bisschen neue Energie. Dann können wir gerne über den erotischen Nachschlag reden, oder eine neue ausgiebige Hauptmahlzeit ….«

Er wendete sich der Küche zu.

»Kaffee oder Tee?«

»Tee, bitte« Roxane stand langsam auf und ging zum Bad. Komisch, bei solch alltäglichen Dingen wie Toilette und Duschen fühle ich mich noch fremd und verlegen aber in seinem Bett habe ich solche Gefühle total vergessen. Ziehe ich mich jetzt an oder bleibe ich so, wie ich bin, einfach nackt?

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, lugte sein Kopf durch die Badezimmertüre:

»Bleib so wie du bist, du bist unglaublich schön!«

Als sie sein gemütliches Wohnzimmer betrat, hatte er einen Tisch mit Eiern, Butter, Marmelade, Käse und Lachs gedeckt und zwei große Handtücher fürsorglich auf dem Ledersofa ausgebreitet. Roxane ging auf ihn zu und zog ihm das T Shirt aus.

»Ich möchte auch was zum Bewundern haben, während ich frühstücke.«

Als sie ihn weiter ausziehen wollte, rückte er weg und lächelte freundlich. »Erst essen!«

Dann schenkte er den duftenden, frisch gebrühten Tee in zwei Tassen. Ihr Blick konnte sich kaum von seinen starken Händen lösen, die so zärtlich und manchmal auch richtig hart zu ihr gewesen waren.

Ich war noch nie so verliebt in Hände. Ach was, nicht nur in die Hände …

Endlich nahm Roxane sich ein halbes Brötchen und begann Butter darauf zu streichen.

»Was machen wir heute?«

»Es haben uns Freunde im Yachtklub eingeladen. Es gibt heute Hirschgulasch. Dann wollen wir zusammen Fußball gucken. Falls nichts dazwischen kommt, meine ich.«

Oliver streichelte ihre Schenkel und lächelte mit seinen schmalen, fast harten Lippen wie ein verschmitzter Lausebengel.

»Okay, dann lern ich mal Freunde von dir kennen. Das interessiert mich sehr und am Yachthafen ist es bestimmt gemütlich.«

Als sie sich gerade etwas mehr auf ihren Hunger auf Nahrung konzentrierten, klingelte Roxanes Handy. Roxane schaute auf die Nummer. Oh nein, nicht jetzt! »Mein Exmann!«

»Muss das jetzt sein?« Olivers Gesicht verdunkelte sich leicht.

Roxane warf ihm einen besorgten und entschuldigenden Blick zu.

»Normal würde er mich hier nie anrufen. Das muss ein Notfall sein.«

»Okay, dann geh mal besser dran.«

Sofort meldete sich die sehr aufgebrachte und laute Stimme von Lenhardt: »Bist du von allen guten Geistern verlassen, den Kindern sowas anzutun!«

Roxane war blass geworden und ihr wurde kalt vor Angst. »Was ist denn passiert?« Wieso habe ich denn den Kindern was angetan?

»Tom ist völlig fertig mit den Nerven und Bianca ist total verängstigt! Dein bekloppter Vermieter hat die Kinder bedroht! Ich gebe dir mal Tom. Soll er doch selber erzählen!«

Das Handy wurde weiter gereicht und Toms klagende Stimme übernahm:

»Mama, Krätzner hat die Küchendecke aufgebrochen und rumgebrüllt wie ein Idiot. Als ich ihm gesagt habe, er darf gar nicht einfach in die Wohnung und er soll abhauen, hat er mich und Bianca mit ᾿nem Vorschlaghammer bedroht.«

Roxane wurde blass. »Verdammt, wie ist er denn reingekommen? Ich habe doch ausdrücklich gesagt, nur die Handwerker haben Zutritt!«

»Keine Ahnung, die Handwerker waren gegangen, die Wohnungstüre war zu, da bin ich sicher und plötzlich stand er einfach in der Küche. Es tut mir leid. Die Küche sieht fürchterlich aus.«

Roxane stellte ihr Essen zur Seite und setzte sich kerzengerade auf.

Was ist denn das jetzt für eine neue Dimension an Wahnsinn? Und immer diese Schuldzuweisungen von Lenhardt, als ob es nichts Wichtigeres geben würde!

»Tom, du hast auf keinen Fall Schuld. Bitte mach dir keine Vorwürfe! Wir müssen aber unbedingt herausfinden, wie er da reingekommen ist. Ihr seid so nicht mehr sicher in der Wohnung!«

»Wir haben uns in meinem Zimmer eingeschlossen und Papa angerufen.«

»Seid ihr jetzt bei eurem Vater?«

»Ja, aber Sally durfte nicht mit. Du weißt doch … Wir waren noch kurz mit ihr draußen, aber jetzt ist sie ganz allein in der Wohnung. Wir trauen uns nicht nachhause und sie muss doch heute Abend noch mal raus.«

»Ihr bleibt bei Papa, bis ich nachhause komme, egal was passiert! Und er soll Sally auch holen, sag ihm das! Ich komme so schnell es geht nachhause! Hab keine Angst, alles wird gut!«

»Ich hab keine Angst vor dem alten Knacker, ich bin wütend! Ich reich dich nochmal an Papa zurück, der will noch was sagen …«