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Ein Opa im Kleiderschrank, Oben-ohne Handballerinnen in der Sporthalle, ein chauffierender Innenminister, Redner mit Sprechdurchfall, jede Menge cooler Sprüche und Kuriositäten: Über drei Jahrzehnte war Jo Steinmetz als Bildjournalist für lokale Anzeigenblätter und zuletzt hauptberuflich als Fotograf, u.a. für die RHEINPFALZ, tätig. Für viele Zweibrücker ist und war Steinmetz schlicht die RHEINPFALZ. Denn kein Gesicht kennen die Leute besser als das des Fotografen, der bei jeder Gelegenheit vor Ort ist. Durch den Kamerasucher erreichten ihn viele Einblicke in die reale Welt - von Prunk-Palästen bis zu Bruchbuden. Durch sein aufgeschlossenes und kontaktfreudiges Auftreten war der Autor Ansprechpartner für alle Gesellschaftsschichten - vom Akademiker bis zum Bierdosenhelden. Wer wie Jo Steinmetz viel draußen herumkommt, erlebt dabei oftmals witzige und unterhaltsame Episoden. Auch so manches Fettnäpfchen hat der Autor im Laufe seiner Zeit nicht ausgelassen. Sein Berufsalltag spiegelt sich oftmals im Wahnsinn scheinbar alltäglicher Begebenheiten wider.
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2019
Jo Steinmetz
© 2019 Jo Steinmetz
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-7121-9
E-Book:
978-3-7497-7122-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Jo Steinmetz
Verheiratet mit der Zeitung
Kuriose Geschichten und Anekdoteneines Zweibrücker Bildjournalisten
INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung
Backstage
Berufswunsch: Journalist? Fotograf? Von wegen!
Meine Schulzeit - umrahmt von "arischen" und dorischen Säulenformen
Anmut beflügelt
Kreativität erwünscht: Lernen bei Dieter
Die ersten Pressefotos – aus Joachim wird Jo
Die Zeit beim "Zweibrücker Reporter"
Erste Kontakte zur Rheinpfalz
Ab jetzt hauptberuflich!
Bildungslücke
Geburtstagskinder, Ehejubilare und der Opa im Kleiderschrank
Mief!
Fettnäpfchen
Hauptsache, e bissje viel gebabbelt
Der Alte in der Gruft
Im Schlafanzug mit Sturmfrisur
Einfach abgesäbelt
Die Landkarte
Verdauungsprobleme
Oma hasig
Ganz normal, passiert öfter
Totgesagte leben länger
Ausgespitzt
Abschied
Völlig schwerelos
Der längste Tag
Heinrich vom Bermuda-Dreieck oder: Freundlich grüßt das Hinterteil
Totozahlengebiss und Metzgerfahrten
Der Krieg, das Haus und der Flugzeugabsturz
Es geht um Minuten
Es geht um Sekunden
Otto findet sich nicht gut
Nachts irgendwo zwischen Dellfeld und Zweibrücken
Unfälle
With a little help for my friends
Cocktail-Trip zum Horrorcrash
Mit Krankenschein, aber krank nicht sein
Herbis Sprüche
Labor de Luxe
Kommt net uff die Greeß an
Schnäppchenjäger-Schnappschuss
Evelyne Cleemann jagt den Eisenbahnräuber
Grittners "tapezierte" Kamera
Erbsensuppe und rohe Eier
Unfreiwillige Dusche
Der alte Mann und das Mädchen
Von Idioten für Idioten
Alter Falter
Präzise Angaben
Fluch der Technik
Retter in der Not
Jetzt wird's bunt!
Wanted: rothaarige Frauen
Elf halbnackte Frauen in der Westpfalzhalle
In geheimer Mission
Paparazzi
Ein herzlicher Empfang
Fangt schon mal ohne mich an!
Klingeling, rumms, pfuuup
Hallo, Taxi
Maralitafan Falitasan
Zum Abschuss freigegeben: Fotografen
Randerscheinungen
Ich und noch einer
Sprechdurchfall
Trip zum Strip
Lebt ihr noch?
Familienzusammenführung
Uffbasse! Ned hinfalle!
Hallo, Reiner!
De Jo
Rolf "Schumi" Franzen
Gelber Neescha
Peinlich
Lackierte Zehennägel
911
Hätte auf Mutter hören sollen
Alternative Fakten
Der Abschuss
Der Verkehrsminister – mein Chauffeur
Telefonstreich
Asche auf mein Haupt: Skandal beim VTZ-Heimspiel
Fasching und nackte Tatsachen
Michael mit den Röntgenaugen
Saunatoren
Der Antifasenachter
Dreimal "Mein Gott, Walter"
Gefälligst gescheite Sportberichte
Reißt die Hütte ab … upps, nicht mehr nötig
OB Streuber mit Maschinenpistole - Fotomontagen
Star Trek 1998
20 Jahre danach: Star Trek Remake
Professor Schmalspur
April, April!
Augentransplantationen
No Productplacement for Erbsenzähler!
Parksünder
Verschlimmbesserung
Sensationell: das Unmögliche fotografieren!
Haste mal 'n Euro?
Glück gehabt
Voll ninngetappt!
Ehrung der Tochter – Papa beim Zahnarzt
Ein Hauch Eurovision Song Contest: Steinmetz trifft Steinmetz
Gu'n Tach, Herr Kollege: Steinmetz trifft "richtigen" Steinmetz
Datenschutz und Persönlichkeitsrechte
Die Oma war's!
Alfred Hitler und andere (Fehler-) Teufel
Der eitle Herr Prof. Dr. Sowieso
Schlimmer(s) Kaffee und Happy End
Kaffee-Tsunami
Der Schauspieler und sein Rausschmeißer
Och, neee!
Gefährliche Fracht
Interpretationen: Backsteinhaut, explodierende Farbeimer und ein Boxweltmeister
Statistik
In memoriam
Dankesworte
Schlusswort
Einleitung
„In guten und in schlechten Zeiten“! Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Am Tag der Eheschließung hört man diese Worte vom Pfarrer in der Kirche. Wie in einer Ehe erlebte ich mit der Rheinpfalz zumeist gute, aber auch hin und wieder mal weniger gute Zeiten.
Gute Zeiten deshalb, weil die Rheinpfalz mir die Chance zur Selbstverwirklichung gab und mir die daraus resultierende Arbeit zu Selbstbewusstsein und Anerkennung verholfen hatte. Mein Beruf als Bildjournalist war mehr als nur meine Arbeit: Er wurde zu meiner Berufung. Wurde ich nach meinem Beruf oder nach meiner Arbeit befragt, antwortete ich meistens: „Ich arbeite nichts. Eigentlich bin ich ein Faulenzer, aber mit meinem Hobby verdiene ich Geld.“
So zumindest empfand ich die meiste Zeit mit der Rheinpfalz gewissermaßen als ohne feste Arbeit, denn es war nur mit meinem Hobby Fotografie und dem Realisieren kreativer Ideen verbunden. Die unzähligen Stunden anfangs in der Dunkelkammer genoss ich ungemein. Das war eine abgeschlossene Welt, in der ich experimentieren konnte.
War die Zeit darin auch noch so knapp: Es blieben während der Laborarbeiten immer Minuten für ein Käffchen. Später eröffneten sich mir mit der digitalen Bildbearbeitung neue Horizonte. Mit Photoshop und Co. hatte ich bereits Anfang der 90er zu Hause experimentiert, als die digitale Technik bei der Rheinpfalz noch nicht spruchreif war und man damals noch wacker mit Schwarzweiß-Abzügen gearbeitet hatte. Meine Ideen für Grafiken, Collagen und zu bearbeitende Fotos ließen sich immer besser umsetzen. Noch wenige Jahre zuvor während meiner Ausbildung in zwei Werbeagenturen hatte ich von diesen Möglichkeiten nur träumen können. Obwohl die technischen Voraussetzungen für damalige Verhältnisse auch schon recht gut waren, hatten in erster Linie Werbeprofis in grafischen Ateliers Zugriff darauf. Mir ist jedenfalls niemand bekannt, der zu Hause eine Raum füllende Reprokamera, eine zwei Meter breite Fotosatzmaschine oder einen Leuchttisch stehen hatte. Von den diversen anderen technischen Apparaturen, die nur etwa auf Hamsterkäfig-Größe kamen, einmal ganz abgesehen. Mein unstillbarer Impetus nach Technikwissen rund ums Thema Fotografie und später digitale Bildbearbeitung keimte auf und verschmolz mich mit meinem Alltag. Ohne es zu merken, war ich "verheiratet" mit der Zeitung. Mehr als mir anfangs bewusst gewesen war. Die anderen Medien davor könnte man als "meine Freundinnen" abhandeln.
Ich schwor der Rheinpfalz Treue – also nicht fremdzugehen mit anderen, in direkter Konkurrenz stehenden Medien. Wenn ich heute zurückdenke, kommt mir die Zeit mit der Rheinpfalz tatsächlich wie eine Ehe vor. Manchmal sogar wie eine Zwangsehe, in die mich aber niemand gezwungen hatte, denn ich hatte diesen Schritt selbst gewählt. Aber die damit verbundenen Zwänge, wie beispielsweise den 24-Stunden-Standby-Betrieb in all den Jahren, hatte ich mir meistens selbst auferlegt. Geliebt hatte ich den kreativen Job und manches Drumherum für die Rheinpfalz. Doch konnte ich auch Schattenseiten dieser "Ehe" verbuchen. Im ersten Jahrzehnt als Hauptberuflicher gab es Jahre, an denen ich von 365 möglichen Arbeitstagen an 364 der Rheinpfalz zur Verfügung stand. Jeweils den Neujahrstag hatte ich mir des Öfteren von "meinen ehelichen Verpflichtungen" frei genommen. Später kam ich auf 350 Arbeitstage und in den letzten Jahren auf immer noch weit über 300. Urlaub brauchte ich keinen. Wozu langweiligen Urlaub? Ich arbeitete ja nichts, sondern frönte nur meinem Hobby. Auf Kosten meiner Gesundheit. Doch das Leben und die Leute interessierten mich. Immer mehr wollte ich von meinem Leben hier vor Ort erfahren. Was jenseits der Grenze unseres Leserkreises passierte, tangierte mich peripher. So kam es, dass ich in den Jahren immer mehr Leute kennenlernte: von A wie Akademiker bis Z wie zahnlose Bierdosenhelden. Und ich nahm alle Leute ernst und versuchte ihre Sprache zu sprechen, mich in ihre Denkmuster hineinzuversetzen und auf Augenhöhe zu kommunizieren, ohne bei Hochgebildeten den Bückling zu machen oder bei "Normalos" überheblich zu wirken. Auch die weniger guten Zeiten mit der Rheinpfalz überstand ich. Das Miteinander wurde kühler, routinierter, man war einander vertraut und kannte die Macken des anderen.
Die Idee, ein Buch wie dieses zu schreiben, hatte ich schon bald, nach wenigen Jahren als hauptberuflicher Bildjournalist, nachdem mir schon einige Kuriositäten begegnet waren. Letztendlich ausgelöst wurde mein Entschluss im Sommer 2015 während der Rheinpfalz-Sommerredaktion. Dort war mein Freund Lars Lunova zu Gast, der in der Zweibrücker Musikszene als Schlagzeuger der Rock-Band Sin City bekannt ist. Dieser hatte zuvor ein Buch mit dem Titel "Rock 'n' Roll Niemandsland oder wie Angus Young mich aus der Tanzmusikhölle rettete" verfasst und mir damals ein Exemplar mit Widmung geschenkt. Beim Lesen seiner Geschichte wurde ich von Seite zu Seite mehr inspiriert, auch meine Erlebnisse schriftlich zu fixieren und ebenfalls als gebundene Ausgabe zu veröffentlichen.
Das Titelbild zeigt mich zusammen mit meiner Fleisch gewordenen "Zeitungs-Ehefrau", wie sie mit mir zielstrebig, den Blick nach vorne gerichtet und Händchen haltend, durch die Zweibrücker Fußgängerzone läuft. In ihrer linken Hand hält meine "Gattin" einen großen Wecker mit mehreren Stunden- und Minutenzeigern – symbolisch für den Zeit- und Termindruck in meinem Job. Ich selbst präsentiere mich den Lesern dieses Buches so, wie ich auch im beruflichen Alltag zumeist aufgetreten bin: in Turnschuhen, mit über der Schulter hängender Fototasche und Kamera, Baseballcap und ärmelloser Weste. Ursprünglich wollte ich ein anderes "Erkennungszeichen" von mir anziehen: die schwarze M-65 Jacke mit dem Logo meines Lieblings-Basketballvereins "Phoenix-Suns". Allerdings war es mir bei 35 Grad Celsius beim Shooting des Titelbildes hierfür zu heiß.
Gewiss wird so mancher Betrachter ein zweifellos "gequältes" Lächeln in meinem Antlitz erkennen – auch hier wieder symbolisch: Ich kann ja versuchen zu überspielen, dass sich mein Adrenalinpegel mal wieder im roten Bereich befindet!
Die Gestaltung meines Buchcovers ließ ich mir natürlich nicht nehmen. Das Kostüm, in dem meine "Zeitungs-Ehefrau" steckt, entstand zu Hause am Computer. Die Camouflage-Technik, die ich hier angewendet habe, entspricht "digitalem Bodypainting". Bereits in meiner Ausstellung "Interpretationen" in der Galerie Prisma Ende 2017 zeigte ich, wie man mithilfe der digitalen Bildbearbeitung realistische Strukturen auf den nackten Frauenkörper projiziert, so dass das fertige Bild aussieht, als sei die darauf abgebildete Person tatsächlich angemalt. Dank an dieser Stelle an meine "Zeitungs-Gattin" – dem saarländischen Model Natalie – und an Fotograf Stefan, der uns am Rande von Zweibrücken beim Shooting in Szene gesetzt hat!
Die vorliegenden Geschichten und Anekdoten, die sich in all den Jahren ereignet hatten, liegen nicht in chronologischer Reihenfolge vor, sondern sind mehr nach thematischen Inhalten geordnet und deshalb sind Zeitsprünge von mehreren Jahren möglich. Manches darin findet man auch im "Zweebrigger Dialekt" vor.
Backstage
Diesem Kapitel wollte ich ursprünglich ein paar Seiten mehr widmen, die dem Leser dieses Buches Einblicke in den Alltag, das Verhältnis und die Umgangsformen zwischen Redaktionsmitgliedern und freien Mitarbeitern verschaffen sollten. Ich habe darauf verzichtet. Nur eins möge man hier diesbezüglich gestatten: Mehrmals entstand bei mir der Eindruck, dass die Arbeit der "Freien" nicht oft genug geschätzt wurde. Denn diese sind oft die Einzigen vor Ort, die wissen, was hier passiert und was die Menschen interessiert. Die Redaktionen – egal, wo – würden viele interessante Themen nicht mitbekommen, gäbe es nicht die "Freien". Der Job – so scheint mir – wird immer mehr etwas für Liebhaber. Natürlich bedankt sich die Chefetage bei ihren freien Mitarbeitern jedes Jahr schriftlich bei jedem, allerdings habe ich den Eindruck, dass die Wertschätzung im beruflichen Alltag dennoch auf der Strecke bleibt.
Eine weitere Sache möchte ich an dieser Stelle ansprechen, die mir wirklich sehr ans Herz gewachsen ist: das Verhältnis zwischen Redaktion und ihren Lesern sowie das Verhältnis zwischen Redaktion und der Abteilung "Anzeigen".
Redaktion und Anzeigenabteilung sind gewissermaßen zwei verschiedene Seiten einer Medaille. Während die Redaktion vom Leserinteresse geleitet sein muss – ihre Aufgabe ist es, die Leser zu informieren – ist die Anzeigenabteilung für das Geschäftliche zuständig. Sie verkauft den Kunden Anzeigen, in denen diese ihre Botschaft aussenden. Diese Kunden sind natürlich interessiert daran, dass möglichst viele ihre Botschaft wahrnehmen und dann in ihr Geschäft kommen. Weil auch diese Geschäftsleute meist noch Leser der Zeitung sind, stellt sich der ein oder andere vor, dass man die Botschaft der Anzeige ja auch seitens der Redaktion noch verstärken könnte. Bei einer Anzeigenschaltung des Kunden XY besteht jedoch keine Pflicht der Redaktion, über das Produkt dieses Kunden zusätzlich noch zu berichten. Entscheidet sich die Redaktion fürs Weglassen, meckert oftmals der Kunde mit dem Anzeigenvertreter, der hierfür aber nichts kann. Meiner Meinung nach verwechselt aber so manches Redaktionsmitglied ab und zu den Begriff "unabhängig" mit "überheblich": Je stärker der Verwechslungsgrad, desto aufbrausender und arroganter erschien mir oftmals diese „Abgrenzungsdiskussion“. Und weil manch ein Redaktionsmitglied von sich so überzeugt war, dass selbstverständlich niemand außer ihm die Sache richtig beurteilen konnte, kann man sich vorstellen, dass der Kessel in einer Lokalzeitung hin und wieder intern gehörig brodelte. Noch schlimmer als diesen internen Disput empfand ich aber den externen, wenn mit den Lesern in einem ähnlichen Strickmuster verfahren wird. Quasi derart: „Du dummer Leser – ich allwissende/r Redakteur/in!“ Das Problem lässt sich aber genauso umkehren: Es gibt Leser, die von sich glauben, dass nur sie einen Sachverhalt ganz durchschauen und deshalb Inhaber der absoluten Wahrheit sind. Das Auftreten solcher Nervsäcke in Redaktionsräumen konnte ich auch immer mal wieder live miterleben. Was ich oftmals vermisst habe: diplomatischere Umgangsformen!
Berufswunsch: Journalist? Fotograf? Von wegen!
Als kleiner Junge wollte ich immer Pilot werden. Oft stand ich an unserem Gartentor und blickte in Richtung Zweibrücker Flugplatz, der damals in den 60er Jahren von den Kanadiern betrieben worden war. Die Flugzeuge, die in dieser Zeit über unser Haus donnerten, hießen Starfighter. Der von diesen Maschinen verursachte Lärm machte mir nicht das Geringste aus. Im Gegenteil: Er bereitete mir jedes Mal eine angenehme Gänsehaut. Das Jaulen und Geheule dieses Kampfjets bewirkten in mir eine starke Faszination. Im Kindergarten malte ich deshalb viele Flugzeuge mit Wachsmalkreiden. Lieblingsmotiv: der F-104 Starfighter. Kurz bevor die Kanadier Ende der 60er Jahre von den Amerikanern auf der Zweibruecken Air Base abgelöst wurden, fand dort ein Tag der offenen Tür statt. Mein Vater, dem meine Flugzeugleidenschaft nicht verborgen geblieben war, nahm mich damals mit. Unsere Gruppe besuchte den Tower. Von dort aus konnte man einen großen Teil der Landebahn überblicken. Es wurde viel in Englisch gesprochen, was ich als Fünfjähriger noch nicht verstehen konnte. Wir beobachten im Tower alle gespannt eine Militärmaschine, die parallel zur Landebahn flog und vor unseren Augen einen Looping machte. Da ich der Jüngste und Kleinste in der Gruppe war, hatte ich gewissermaßen Privilegien: Ich durfte immer ganz vorne stehen. Und wie so oft im Leben kam das Beste zum Schluss: die Besichtigung der Flugzeuge in einem Hangar – hautnah. Zum ersten Mal sah ich eine F-104 direkt vor mir. Zum Anfassen! Sie erschien mir viel größer als vermutet. Vermutlich hatte ich die Maschine lange und fasziniert angeschaut, so dass der kanadische Offizier schließlich meinen Vater fragte, ob ich mich nicht mal reinsetzen wollte. Klar wollte ich! Man half mir eine kleine Leiter rauf. Mein Vater sagte sinngemäß: „Setz' dich einfach mal rein!“ Das Innere der F-104 hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Etwa so wie das Innere eines Sportwagens mit zwei oder drei Messinstrumenten. Aber hier waren überall um mich herum Schalter und jede Menge "Uhren". Ich war beeindruckt. Zu Hause angekommen, habe ich sofort meiner Mutter von diesem schönen Erlebnis berichtet, und im Hornbacher Kindergarten konnte ich so richtig damit angeben! Der Entschluss stand fest: Joachim wird Starfighter-Pilot!
Die Faszination des Starfighters ließ mich nicht los. An einem Geburtstag – vermutlich der sechste oder siebte – bekam ich ein kleines Starfighter-Modell geschenkt, das sich noch bis heute in einer Vitrine meines Zimmers befindet. Es ist dunkelgrün, genau acht Zentimeter groß (ich habe extra nachgemessen) und besitzt an den Flügelenden Tiptanks. Ohne diese gefiel mir die F-104 nicht. Die Tiptanks gehörten einfach dazu wie beim 911er Porsche der Heckspoiler. Dieses Starfighter-Modell stand ursprünglich viele Jahre direkt auf meinem Nachttisch. Oftmals, wenn ich abends schon im Bett lag, flogen die Starfighter über unser Haus. Die Starts waren sehr laut, die Landungen hingegen soft. Als ich später meinen ersten Hund Blacky hatte – einen Dobermann – tat mir dieser jedes Mal leid, wenn die Maschinen gerade über unser Haus donnerten. Manchmal hörte ich auch von Richtung Flugplatz kommend nur ein bescheidenes „Huhh … Huhh“ wie von einem Uhu. Das stammte ebenfalls von den Starfightern, die im Schritttempo auf den Taxiways rollten. Allmählich spürte ich einen Widerstand in der Gesellschaft, was Fluglärm betraf. Viele Leute schimpften deswegen.
Hatte ich mal Besuch von Freunden aus der Stadt, die nicht wie ich in der später definierten Lärmschutzzone 1 wohnten, waren die allesamt wie paralysiert, wenn einer meiner "beflügelten" Freunde über uns hinwegdonnerte.
In den Sommerferien 1974, als meine Cousins Wolfgang und Michael zu meinen Hornbacher Großeltern kamen, fuhren wir an einem sonnigen Nachmittag in Richtung "Flugplatzzaun". Dieser befand sich damals direkt in der Einflugschneise zum Flugplatz – zwischen Althornbach und Mauschbach. Je näher wir an den Grenzzaun kamen, desto lauter wurde es und umso mehr Schiss hatten meine Cousins. Etwa 100 Meter hinter diesem Zaun begann damals das Rollfeld. Wer sich bis zum Zaun traute, war der Held. Die wenigsten meiner Freunde trauten sich aber – abgeschreckt durch den XXL-Lärm! Die Starts der Starfighter an dieser Stelle waren derart laut, dass man sich unbedingt die Finger in die Ohren stopfen musste. Die Lungen fingen an zu vibrieren. „Mensch, war das geil“, dachte ich damals sinngemäß nach jedem Start. Auch bei den Landungen direkt am Zaun bekam ich jedes Mal Nervenkitzel: Die Maschinen – aus Richtung Frankreich kommend – flogen direkt auf die "Zaungäste" zu. Stand die Sonne günstig, konnte man sogar den Piloten sehen. „Wusch …“ flog der Sternenkämpfer über mich hinweg. Ein paar Sekunden später hörten und spürten wir den Luftwirbel über unseren Köpfen.
Der Zweibrücker Flugplatz sollte auch viele Jahre später noch oftmals eine bedeutende Rolle in meinem Leben spüren.
Meine Schulzeit - umrahmt von "arischen" und dorischen Säulenformen
Meine Grundschulzeit verbrachte ich die ersten zwei Jahre in der Hornbacher Grundschule (heute Hieronymus-Bock-Schule). Die erste Klasse bestand aus fast 50 Mitschülern – heute undenkbar. Unterricht hatten wir damals bei einem Fräulein Schmidt. Ein Jahr später unterrichtete uns Frau Lotz. Die beiden letzten Grundschuljahre verbrachte ich mit der Hälfte meiner Klasse in Dietrichingen bei Herrn Georgi. Die andere Hälfte war in Mauschbach untergebracht.
Ich war ein guter bis sehr guter Schüler. In jenen Jahren bekam ich vom Vater meines zwei Jahre älteren Hornbacher Freundes Klaus Martin Weber zwei Zwerghühner geschenkt. Relativ schnell vermehrte sich dieser Bestand bis auf etwa zehn Hühner. Etwa zur gleichen Zeit nahm ich das erste Mal einen Fotoapparat in die Hand: Eine Agfa Box, die mir meine Zweibrücker Oma Amalie geschenkt hatte. Meine ersten "Fotomodelle" waren die eigenen Hühner. Später wurde der Boxerrüde Billy meiner Zweibrücker Großeltern zum begehrten Motiv. Hin und wieder hatte ich mal rumgeknipst. Ende der 70er Jahre legte ich mir eine Pocket-Kamera zu. Die Lust zum Fotografieren hatte sich aber erstmals schnell gelegt. Es sollte noch etwa zehn Jahre dauern, bis sich das wegen einer jungen Frau schlagartig ändern sollte.
Nach den Sommerferien 1972 begann meine weitere schulische Laufbahn im Herzog-Wolfgang-Gymnasium. Die olympischen Sommerspiele in München liefen gerade. Bis zur zehnten Klasse waren meine schulischen Leistungen im Zweier-Bereich. Ab der (sogenannten) reformierten Oberstufe MSS (Mainzer Studienstufe) änderte sich das. Mit dem überspezialisierten und unterorganisierten Schulsystem kam ich nicht mehr klar. Viele meiner Schulkollegen nannten dieses System verachtungsvoll "Mainzer Schwachsinn". Noch heute graut es mir, wenn ich daran zurückdenke. So konnte ich beispielsweise die Steig- und Fallzeiten einer Gewehrkugel berechnen, aber kein Überweisungsformular für die Sparkasse ausfüllen. Senecas "Non vitae sed scholae discimus" bekamen wir von den Paukern immer wieder eingetrichtert – also dass wir nicht für die Schule lernten, sondern für das Leben. Aber eigentlich war es doch umgekehrt: Wir mussten irgendeinen Scheiß in der Schule lernen, um letztendlich versetzt zu werden. Für das spätere Leben, also für die Praxis, hat mich jedenfalls das Gymnasium nicht vorbereitet. Mit ein paar Ausnahmen: die englische Sprache. Die kam mir damals ganz gelegen, weil ich mit immer mehr amerikanischen Freunden und Freundinnen verkehrte. Ich denke, dass die Schule heutzutage ihre Schüler viel besser auf das Leben vorbereitet als zu meiner Zeit. Während meiner Zeit als Gymnasiast gab es jedenfalls keine Berufspraktika und keine Ausbildungsmessen mit vielen Infos fürs spätere Berufsleben. Bei meinen beiden Töchtern, die das Helmholtz-Gymnasium besuchten, konnte ich diese schulischen Angebote, die mir seinerzeit vorenthalten worden waren, jedenfalls begrüßen.
Die letzten drei Jahre meiner Schulzeit zogen sich zäh wie Kaugummi. Meine schulischen Leistungen waren bescheiden – besser ausgedrückt: beschissen! Die 11. Klasse musste ich wiederholen. Aber irgendwie schleppte ich mich durch. An vier Stellen hatte ich Unterricht: im HWG-Altbau, in der berufsbildenden Schule – dort gab es mehrere Säle für HWG'ler, im Helmholtz-Gymnasium (später Hauptschule Nord) und in einem Gebäude in der Hofenfelsstraße (heute ist dort eine Brandschutz-Firma untergebracht). Wie ein HWG'ler dazu kommt, ins Helmholtz-Gymnasium zu gehen? Nun, das war vor der Zusammenlegung beider Schulen. Da sich in meiner Schule zu wenige Schüler für einen Leistungskurs Physik begeistern konnten, musste ich den Physik-Unterricht im Helmholtz besuchen. Na toll! In den Pausen war ich fast immer auf Wanderschaft!
Die Bereitschaft, für die Schule zu lernen, wurde immer geringer. Viel lieber verbrachte ich die Zeit mit meiner Freundin Petra, die nur wenige Meter von mir entfernt um die Ecke wohnte. Ende der 70er Jahre gab es in Hornbach eine Clique, die sich täglich an den Treppen neben dem Fabianstift traf. Im Frühjahr 1978 bekam ich ein Enduro-Mokick, das schon bald von mir frisiert wurde. Statt erlaubter 40 km/h lief meine Puch Cobra über 70 Sachen. Für die Schule blieb da kaum noch Zeit. Es wurde nur so viel gelernt, dass es irgendwie mit dem bevorstehenden Abi klappen sollte. Aber es klappte nicht. Zumindest nicht beim ersten Mal. Mir fehlte soweit ich mich erinnere nur ein einziger Punkt. Im Dezember 1982 konnte ich die Abiturprüfung wiederholen. Es folgten daher nach den Sommerferien drei Monate intensiven Büffelns. Diesmal muss es klappen, sagte ich zu mir. Um Pilot zu werden, brauchst du das Abi! Aber irgendwie rückte der Traum, Pilot zu werden, immer mehr in den Hintergrund. Wenn ich ehrlich bin, wusste ich damals überhaupt nicht so recht, was nach der Schule kommen sollte. In den letzten Monaten des Jahres 1982 hatte ich von dieser Schule, den Lehrern und meinen Mitschülern absolut die Schnauze voll. Immer mehr distanzierte ich mich von allem und jedem. Hätte mir damals jemand gesagt, ich würde beruflich bei der Zeitung landen, hätte ich ihn für verrückt erklärt. In dieser stetig wachsenden Introvertiertheit lernte ich im HWG einen drei Jahre jüngeren Schüler kennen, der wie ich Joachim hieß. Er hatte interessante Hobbys: Fotografieren und Filmen auf Video. Seine Ausrüstung war top: Spiegelreflexkamera mit Wechselobjektiven, zuhause ein eigenes SW-Labor und zwei Videokameras. Joachim Kropp aus Rimschweiler hatte mein Interesse für Fotografie wieder zum Leben erweckt. Mit ihm hatte ich in dieser Zeit sehr viel Verrücktes unternommen. Diese Freundschaft besteht bis heute. Joachim Kropp war einer der Weichensteller für meinen beruflichen Werdegang. Die Rolle des zweiten Weichenstellers sollte wenige Wochen später einer jungen Frau zukommen. In meinem Buch hier nenne ich sie Christina. Kurz vor meiner "last abichance" lernte ich sie in Rimschweiler auf einer Geburtstagsparty kennen. Doch mehr dazu später.
Anfang Dezember wurde es ernst: Die Abiturprüfung Nummer zwei forderte mich in Englisch, Physik und Erdkunde heraus. Kurz darauf noch im Mündlichen im Fach Kunst! Mitte Dezember war es dann soweit: Ich hatte das Abi geschafft! Schnitt? Schäm! Im Sekretariat des HWG-Altbaus hatte ich den "Wisch" kurz vor den Weihnachtsferien abgeholt. Einen der Pauker, der mich ein halbes Jahr zuvor noch im mündlichen Abi (Nummer eins) verarscht hatte, fragte ich sodann: „Hallo Herr Sowieso, wollen Sie mir denn nicht zum bestanden Abitur gratulieren?“ Seine Antwort war keine Antwort. Mein Thema im mündlichen Prüfungsfach Kunst beschäftigte sich mit Kunststilen im 19. Jahrhundert. Herr Sowieso fragte mich (Zitat): „Wissen Sie … (drei Sekunden Pause) den Unterschied zwischen arischen und dorischen Säulenformen?“ Nach kurzer Überlegung folgte meine Antwort: „Ich weiß nur eins, dass dies nichts mit meinem Abiturthema zu tun hat!“ In meinem Innern dachte ich nur, was ist denn das für ein miserables Deutsch! Herr Sowieso hatte anstelle von „Kennen Sie …“ doch tatsächlich „Wissen Sie …“ gesagt. Übrigens hat mir bis heute niemand erklären können, was "arische" Säulenformen sein sollen. Hatte ich mich etwa verhört? Waren ionische Säulenformen gemeint? Oder hatte mich Herr Sowieso einfach nur verarscht? Ich vermute, Letzteres war der Fall gewesen. Es hätte aber auch sein können, dass sich dieser Pauker "arisch" (Pfälzisch für "arg") viele Dokumentationen zur Geschichte des Dritten Reichs angeschaut hatte. Doch Fakt war: Meine Schulzeit fand Ende Dezember mit dem bestandenen Abitur ihren lang ersehnten Ab(i)schluss!
Anmut beflügelt
Nach vier Wochen intensiven Faulenzens und einem Kurztrip mit Joachim Kropp per Bahn nach Berlin traf ich Ende Januar 1983 an einem verschneiten Freitag durch Zufall wieder Christina, an die ich nach unserem Kennenlernen im November noch oft denken musste. Wir vereinbarten einen Termin zum Schlittschuhlaufen für Mittwoch, den 2. Februar 1983, um 19 Uhr. Sie würde gegenüber der Massagepraxis Anstatt in der Eitersbergstraße um diese Zeit auf mich warten. Ich möge bitte pünktlich sein. Das nahm ich mir sehr zu Herzen und kam exakt zur ausgemachten Zeit, um sie abzuholen. Ich stieg aus, öffnete ihr die Beifahrertüre, und wir fuhren hoch in die Eishalle. Innerhalb weniger Tage war ich total verknallt und mein Herz schwärmte mir vor: „Christina ist die Frau deiner Träume!“ So sicher war ich mir noch nie gewesen. So viele Kleinigkeiten „zwischen den Zeilen“ bestätigten mir von nun an immer wieder, dass sie die Richtige war, nach der ich die ganze Zeit gesucht hatte. Ihre Anmut beflügelte mich und setzte meiner Kreativität Flügel auf. Mit meiner Pocket-Kamera habe ich die ersten Bilder von Christina gemacht. Im Wildrosengarten neben der Fasanerie und im Landgestüt Birkhausen. Die Bilder waren von der Qualität her leider nicht so toll. Daher mein Entschluss: Von meiner Freundin Christina musste ich unbedingt ein paar schöne Fotos besitzen und vielleicht auch noch ein paar Videoaufnahmen! Mit meiner Pocket nicht zu realisieren, und eine Videokamera hatte ich schon gar nicht. Über eine Kleinbild-Spiegelreflex und Videokamera verfügte – wie bereits erwähnt – mein bester Freund Joachim Kropp. Was lag also näher, als ihn zu bitten, von meiner Traumfrau ein paar Fotos zu schießen. Von Christinas unkomplizierter und netter Art war auch er begeistert.
Ein Termin für das Fotoshooting in Schwarzweiß war schnell gefunden. Mit relativ einfachen Mitteln hatte Joachim Kropp in seinem Zimmer tolle Porträtfotos von Christina geschossen. Vom Ergebnis war ich total begeistert. Mein Lieblingsbild ließ ich auf 90x60 Zentimeter vergrößern und platzierte es gerahmt in meinem Zimmer. Christina sah aus wie ein Fotomodell. Diese Tatsache wiederum inspirierte mich immer mehr, weitere Fotos und andere Posen von ihr zu bekommen. Aber ich wollte nicht jedes Mal meinen besten Freund Joachim bitten und kaufte mir Ende 1983 beim Foto Meyer schließlich selbst eine Kleinbildkamera – eine Canon AE1 program – und entwickelte dabei erst richtig die Liebe zur Fotografie. Ich richtete zu Hause in unserem ehemaligen Tischtennisraum ein Fotostudio ein, denn ich wollte so vieles ausprobieren. Bei Elektro-Fuhrmann kaufte ich zwölf Deckenstrahler, von denen jeder 150 Watt Leistung hatte. Zusammen also 1800 Watt. Da man mit sämtlichen Lampen die an beiden Seiten gewölbte Zimmerdecke anstrahlen konnte, hatte ich ein relativ weiches Licht ohne störende Schlagschatten. Christina war von nun an über Wochen und Monate mein „Privatmodel“. Diese Rolle schien auch ihr zu gefallen. An einem Sonntag hatte Christina ein Body-Make-up ausprobiert, wie es auch Herrenmagazine benutzen. Die Qualität meiner Fotos von Christina wurden immer professioneller. Just in dieser Zeit hatte mein Vater geschäftlich mit dem Chef des ehemaligen Zweibrücker Werbestudios Bischoff zu tun. „Wenn Sie mal ein hübsches Model für Ihr Werbemagazin brauchen, wäre die Freundin meines Sohnes bestimmt hierzu geeignet“, sagte mein Vater zu dem Chef namens Dieter Bischoff. Und tatsächlich: Der erste Auftrag ließ nicht lange auf sich warten! Christina sollte Covergirl werden für das Werbemagazin Zweibrücker Journal, das monatlich in einer vierfarbigen Auflage von 25.000 Stück erschienen war. Die Fotos fertigte Walter Meyer jr. aus dem renommierten Zweibrücker Fotostudio Meyer an. Den Aufnahmen durfte ich beiwohnen, und ich war überglücklich, neugierig und stolz zugleich. Vor dem Shooting stylte der Friseursalon Schlicher meine Freundin Christina. Sie trug ein weißes Biedermeierkleid, einen weißen Hut mit Schleierbesatz und jede Menge Schmuck aus dem Hause Juwelier Rohrbacher, das im Zweibrücker Journal beworben wurde. Die Februar-Ausgabe 1984 des Zweibrücker Journals widmete sich zudem der Firmengeschichte des Juweliergeschäftes Rohrbacher – einem guten Kunden des Werbestudios Bischoff. Das Biedermeierkleid ließ meine Freundin Christina aussehen wie eine Prinzessin. Ihr reizendes Lächeln entzückte. Wir beide konnten es kaum erwarten, bis die Journale ausgeliefert wurden. Auch auf der Rückseite war ein Foto von Christina abgedruckt! Mein Interesse an der Fotografie und dem ganzen Drumherum stieg immer weiter, und meine Freundin Christina bekam weitere Fotoaufträge der besagten Zweibrücker Werbeagentur. Wenige Wochen später war Christina zusammen mit weiteren Zweibrücker Hobbymodels auf dem April-Titelblatt des Zweibrücker Journals zu sehen. Anstelle von Schmuck stand diesmal die aktuelle Mode der Boutique Pasch im Fokus, die sich 1984 direkt neben Peterschütz in der Fruchtmarktstraße befand.
Kreativität erwünscht:Lernen bei Dieter!
Die Initialzündung, dass Fotografie nicht nur zu meinem Beruf, sondern auch zu meiner Berufung werden sollte, erfolgte im Sommer 1985. Beim besagten Zweibrücker Werbestudio, das sich damals in der Kaiserstraße schräg vis-à-vis der heutigen Agentur für Arbeit befunden hatte, bekam ich einen Lehrvertrag als Druckvorlagenhersteller mit Fachrichtung Reprovorbereitung. Heute entspricht dies etwa dem Beruf des Mediengestalters für Printmedien.
Auf diese Arbeit freute ich mich sehr, denn das war so ziemlich das Spannendste, was ich mir beruflich damals vorstellen konnte. Viel besser als das Studium für Betriebswirtschaft, das ich zuvor in Saarbrücken begonnen und schon nach wenigen Wochen wieder hingeschmissen hatte. Jetzt, in meinem künftigen Beruf, war nicht nur Fotografie gefragt, sondern auch die Fähigkeit, in anderen Bereichen Kreativität und Ideen zu entwickeln. Meine Arbeit beinhaltete das Gestalten mit Schriften, Entwerfen von Briefbögen, Visitenkarten, Schaufensterbeschriftungen oder die grafische Umsetzung von Kundenwünschen für Werbeanzeigen. Die technischen Möglichkeiten, eigene Ideen zu verwirklichen, waren im Vergleich zu heute viel geringer und aufwendiger. Aber das Kribbeln im Körper, etwas Kreatives zu schaffen, ist bei mir bis heute geblieben. Bei meiner Zeit im Werbestudio Bischoff saß ich deshalb nicht nur im Atelier am Leuchttisch oder vor der Reprokamera, sondern knüpfte auch erste Kontakte mit den Werbekunden.
Leider konnte meine Freundin Christina diese Verwandlung in mir nicht mehr mitbekommen, denn sie hatte sich fünf Wochen zuvor von mir getrennt. Weshalb habe ich nie erfahren. Dass sich unsere Wege für immer trennen sollten, hatte mich sehr getroffen. Acht Kilo hatte ich aus Frust abgenommen und sah aus wie ein Spargel-Tarzan. Doch bin ich Christina bis heute dankbar, denn sie stellte indirekt – wie auch mein Freund Joachim – die Weichen für meine berufliche Zukunft. Christina habe ich vor knapp 30 Jahren zum letzten Mal gesehen. Wahrscheinlich weiß sie bis heute nicht, dass sie während unserer gemeinsamen Zeit meine kreative Ader zum Leben erweckt hatte.
"Drehen Sie Ihren eigenen Bond" lautete im Sommer 1985 der Slogan auf der Titelseite des Zweibrücker Journals. Eine neue Generation von erschwinglichen VHS-Videokameras und Rekordern kam auf den Markt. Die Zweibrücker Firma Quoiffy ließ ihre Produkte im Zweibrücker Journal bewerben. Gesucht wurden ein James Bond und zwei Bond Girls für die Titelseite. Mein damaliger Chef Dieter Bischoff entschied sich kurzerhand für mich, die Rolle des 007 zu übernehmen. Die beiden Bond-Girls hießen Nicole Quoiffy und Petra Eisel. Im weißen Jacket, schwarzer Hose und zwei Pistolen ließ ich mich zusammen mit den beiden Bond-Schönheiten vom Fotografenmeister Walter Meyer jr. in dessen Fotostudio am Alexanderplatz ablichten. Ich als 007! 25.000 Mal gedruckt! Mein Selbstbewusstsein machte wieder einen Sprung nach oben.
Die ersten Pressefotos – aus Joachim wird Jo
Durch die Mitarbeit im Werbestudio Bischoff bekam ich ab und zu Aufträge, Fotos für redaktionell bearbeitete Texte zu liefern. Wie man SW-Filme entwickelt, zeigte mir mein damaliger Kollege Günter Österreicher in der Dunkelkammer des Werbestudios. Östi – so wurde er genannt – war gerade fertig mit seiner Umschulung und arbeitete im Werbestudio Bischoff als Anzeigenberater.
