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"Verpiss Dich" zischt es unter der dunklen Sturmhaube hervor. Ich stecke bis unter die Haarspitzen voller Adrenalin, begreife aber sofort. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen stehen zu bleiben. "Freeze", wie der Amerikaner so schön sagt. Das erste Mal nach vier Treppen und einem 100-Meter-Sprint nehme ich meine Umgebung richtig wahr. Die Hauptstraße um mich herum ist leer - klar, sie ist gesperrt. Die Kamera drückt schwer auf meine rechte Schulter. Mein Atem rasselt - ich muss für meinen neuen Beruf dringend mehr trainieren. In der Zeit von Blut und Tränen der Privatsender gibt es den täglichen Kampf um das beste Bild oder die beste Szene. Für mich ist es egal, ob es brennt, Leichen in Autowaracks liegen oder tote Kinder aus dem Wald geborgen werden - Ich bin als Kameramann immer näher dran als der Redakteur, denn das ist meine Aufgabe. Egal wie eklig es wird, egal wohin es geht. Ich bin schnell bereit, jene Grenzen zu überschreiten vor denen andere Menschen Halt machen. Das ist damals die Hauptvoraussetzung um in dem Geschäft erfolgreich zu sein - keine Skrupel zu haben. Auch wenn heute viele Anderes behaupten. Wie sieht damals die Arbeit eines Nachrichtenkameramanns aus und was macht sie mit mir und den Menschen um mich herum? Ein Blick hinter die Kulissen vom Nachrichten-Wildwest im Deutschland des aufkommenden Privatfernsehens.
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für meine Kinder und meine damalige Frau, die mich in der Zeit ertragen mussten.
Sorry, ich habe meinen Traum gelebt.
Am Anfang war das Wort – zumindest ziemlich am Anfang
Die anderen machen immer erst einen Weißabgleich
Die mit ins Feuer gehen
Live-Schalten
Die Polizistenmörder
Das Christkind ist tot
Tod bedeutet Geld
Ein Jahr nach der Revolution
Orlando liegt in Florida Manchester in England
Überleben im Nachrichtendorf
Keine Namen, welche Farbe, welche Nummer?
Spannende Orte
Der Krieg
Was ist ein Kameramann wert?
Warum ich aufgehört habe und was danach kam
„Verpiss Dich“ zischt es unter der dunklen Sturmhaube hervor. Ich stecke bis unter die Haarspitzen voll Adrenalin, begreife aber trotzdem sofort: Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um stehen zu bleiben. „Freeze“, wie der Amerikaner so schön sagt. Das erste Mal nach vier Treppen und einem 100-Meter-Sprint nehme ich meine Umgebung richtig wahr. Die Hauptstraße um mich herum ist leer - klar, sie ist gesperrt. Die Kamera drückt schwer auf meine rechte Schulter. Mein Atem rasselt – ich muss für meinen neuen Beruf dringend mehr trainieren. Aber das wirkliche Problem steht einem Meter vor mir, direkt in der Sonne. Ob der das mit Absicht macht? Ein Kerl, zwei Metern groß - bin ich auch - aber er ist durchtrainiert und voll aufgerüstet. Trägt einen grünen Overall mit schwarzem T-Shirt darunter, die Ärmel wegen der Hitze etwas hochgeschoben, die durchtrainierten Unterarme braungebrannt. Über dem Overall eine schwarze schusssicherer Weste, an seinem Gürtel zwei kleine schwarze Ledertaschen, in einer stecken die Handschellen. Die schwarzen Lederhandschuhe unter den Bund geklemmt. Aber um ehrlich zu sein, ich sehe in diesem Moment nur die Waffe in seiner Hand. Eigentlich ganz locker, den Unterarm nach oben abgewinkelt und mit der anderen Hand abgestützt. Der Lauf der Waffe zeigt nach oben, aber die Augen hinter den schmalen Schlitzen der Sturmhaube sprechen eine eindeutige Sprache. Die Worte waren eigentlich unnötig. Mein plötzlich verkrampfender Rückenmuskel unterstützt seine Aussage. – Du hast einen fatalen Fehler gemacht. - Sollte nicht der letzte sein. Ich starre dem Mann vom Sondereinsatzkommando eine Sekunde lang an, begreife endgültig, nehme die Kamera von der Schulter und gehe langsam zurück. Die Sonne, die mir eben im Fenster noch einen Sichtschutz gegen den vermeintlichen Amokschützen geboten hatte, blendet mich jetzt. Ein Segen, denn ich sehe erst auf dem letzten Meter die feixenden Pressekollegen, die sich über den Neuen amüsieren. Wie sollte ich wissen, wie man sich richtig verhält? Ich bin doch erst einen Monat dabei und hab noch keine Polizeieinsätze erlebt. Es sollen viele folgen. Wie kommt ein junger Mann aus dem beschaulichen Ostwestfalen eigentlich in diese Situation?
Auf Umwegen.
Gelernt habe ich das ehrwürdige Handwerk eines Fotografen. Aber nach zehn Jahren, einer unübersehbaren Menge an Fotos von Industrienähmaschinen, einer Meisterprüfung und dem unmissverständlichen „NEIN“ meines Werbeleiters (so hieß das damals noch) auf meinen Gehaltswunsch, ist klar – Ich bin so weit weg von meinem eigentlichen Berufsziel, wie man nur sein kann. Und ich bekomme es noch nicht einmal so gut bezahlt, wie mein Vorgänger es mir versprochen hatte. Zeit für einen Wechsel. Und da bietet sich das grade gestartete Privatfernsehen an. Die suchen junge Männer, die irgendwie mit einer Kamera umgehen können und keine Skrupel haben. Und ich träume seit meinem zehnten Lebensjahr davon, Kriegsberichterstatter zu werden. Die Bilder im Buch „World Press Photo 1958“ im Bücherschrank meiner Eltern, die allabendlichen Fernsehbilder aus den letzten Tagen des Vietnamkrieges, all das schien mir ein großes Abenteuer, weckte diesen Traum in mir. Wie viele andere Kinder spielte ich mit meinen Freunden nicht nur Cowboy und Indianer, sondern auch Soldat. Wir hoben im nahegelegenen Wald Schützengräben aus, inspizierten verlassene und nur nachlässig abgesperrte Bunker und hörten uns ehrfurchtsvoll die Geschichten von den Freunden an, die sich in den nahegelegenen Schießstand der Engländer getraut hatten, um leere Patronenhülsen zu sammeln. Abenteuer über Abenteuer und wenn man die, ohne selbst zu schießen und wie ich damals dachte erschossen zu werden, erleben konnte, dann war das meine Welt. Die Welt der Kriegsberichterstatter. Dazu kam für mich schon damals diese unwahrscheinliche Ästhetik der Bilder. Ich erinnere mich noch heute an jene, die mich in diesem Bildband besonders faszinierten. Es waren Bilder aus dem Koreakrieg. Der abgetrennte Schädel eines Menschen auf einem ausgebrannten Panzer, eine weite Fläche mit Einmannlöchern, über die ein Flammenwerfer gegangen war. Das dargestellte Grauen stand für mich nicht im Vordergrund. Die Schönheit der Komposition nahm mich gefangen. Das Adrenalin in den Adern des Fotografen konnte ich fast spüren. Aber diesen Beruf kann man nicht lernen, also hatte ich eine Ausbildung als Fotograf angefangen und Nähmaschinen fotografiert. Die Lehre beendet, meine Bundeswehrzeit absolviert, danach wieder Nähmaschinen fotografiert. Tag ein, Tag aus.
Dann an einem friedlichen Sonntag diese Anzeige in der Zeitung. In meiner Stadt suchte eine Agentur Kameraleute für den Nachrichteneinsatz. Ich wusste nicht mal, dass es bei uns so was gab. Das war die Chance, die sich wahrscheinlich nie wieder eröffnen wird. Ich griff zu. Bewarb mich, wurde genommen und ins kalte Wasser geworfen. War Kameramann und Cutter, schwitzte in den ersten drei Monaten Blut und Wasser, bis ich die Technik einigermaßen beherrschte. Vor dem Eintauchen in die Welt der aktuellen Berichterstattung hatte ich nur zwei, aber dafür wirklich schlechte Filme über Nähmaschinen gedreht. Da hat man Zeit und eine uralte Ausrüstung. Eher etwas fürs Heimkino und weit weg von einer professionellen Ausrüstung. Und für diese langweiligen Filme über Nähmaschinen hatte ich so viel Zeit, wie ich wollte. Jetzt war alles anders. Jetzt musste der Beitrag des Tages spätestens um 17:45 beim Regionalsender oder um 18:30 bei den Hauptnachrichten sein. Ich lernte, was es zu lernen gab und konnte irgendwann auch mit dem oft unmenschlichen Stress umgehen.
Am 01.04.1990, nur einen Monat nach meinem Start im neuen Lebensabschnitt, komme ich wie jeden Morgen um 09:30 in die Redaktion. Doch diesmal ist alles anders. Die Redakteure laufen aufgeregt durcheinander, vor der Tür wartet schon ein gepackter Teamwagen auf mich. Ein Amokschütze in einer Kleinstadt nur wenige Kilometer entfernt. Und das in unserem beschaulichen Ostwestfalen: Ein Geschenk für eine Nachrichtenagentur. Und ich, der Neue, tauche als erste der drei Kameramänner auf. Also muss ich trotz meiner mangelnden Erfahrung mit. Ich bin wie elektrisiert. Das ist es, wovon ich all die Jahre geträumt hatte. Das ist der wirkliche Beginn des großen Abenteuers meines Lebens. Ich setze mich in den Passat - ohne die Ausrüstung zu kontrollieren. Klassischer Anfängerfehler, denn kein Kameramann fährt mit einer Ausrüstung los, die er nicht selbst kontrolliert hat. Auf der Motorhaube prangen groß die Buchstaben unseres Hauptkunden. Sofort ist man Teil des Ganzen, das damals noch etwas Besonderes war. Man gehört zur jungen heißen Elite der neuen Nachrichtenmacher. Ich lasse den Wagen an, stelle den Sitz ein und schon kommt der Redakteur aus der Tür gelaufen. Er schmeißt sich auf den Beifahrersitz. „Los Los Los, das SEK ist schon vor Ort. Wenn du es nicht schaffst und wir zu spät sind, geht uns das beste Ding des Monats durch die Lappen. Gib einfach Gas.“ Er greift nach dem Hörer des Mobiltelefons, das damals seinen Namen noch nicht verdient: Ein Klotz, so groß wie drei Ziegelsteine aber schwerer, mit einem Hörer oben drauf. In rasender Fahrt geht es vom Hof, und auf die Umgehungsstraße. Wie auch später in solchen Momenten, setzte ich mich über alle Verkehrsregeln hinweg. Das passiert ganz unbewusst. Man fühlt sich wie in einer anderen Welt, losgelöst von allem was die „einfachen“ Menschen um einen herum so erleben. Rote Ampeln sind das einzige, was mich stoppen könnte. Aus dem Telefonat mit der Redaktion des Senders erfahren wir die Lage: Ein Mann steht am Fenster eines vierstöckigen Wohnhauses an einer viel befahrenen Straße. Er schießt mit einem Gewehr, wahrscheinlich Luftgewehr, auf die Passanten. Noch gibt es keine Verletzten. Ich bin etwas enttäuscht. Ein Luftgewehr, na Klasse. Nach wenigen Minuten rasender Fahrt biege ich in die Parallelstraße des Tatortes. Zwei Polizeiwagen stehen quer auf der Straße. Sie ist auf der Länge eines Wohnblocks vorne und hinten abgesperrt. Der Redakteur lässt die Scheibe herunter und zeigt seinen Presseausweis. Auch der große Aufkleber auf der Motorhaube zeigt seine, damals noch positive, Wirkung. Wir werden durchgewunken. Das ist der Moment in dem ich zum ersten Mal den Übergang in eine andere Welt erlebe. Das Gefühl als man wäre man Teil eines Films. Ganz eigenartig, vor allem, wenn man das erste Mal an solch einen Ort kommt. Man ist da, wo andere Menschen nicht hinkommen, wird Teil einer Gruppe, Teil eines Geschehens, abseits der Normalität. Vielleicht kann man es mit einen VIP-Pass oder einer Backstage-Karte vergleichen. Sobald ich hinter der Polizeiabsperrung bin, bin ich herausgehoben aus der Masse. Bin besonders, aufgenommen in den Kreis der Teilnehmer, der Wissenden, der Menschen, die jetzt etwas Besonderes erleben. Es herrscht eine angespannte aber unaufgeregte, sehr professionelle Atmosphäre. Trotzdem kann man das Adrenalin förmlich riechen, spüren. Für mich ist es der ultimative Kick. Der Moment, in dem ich durchgelassen werde, ist für mich die Taufe. Ich bin da, wo ich schon immer sein wollte. An vorderster Front, da wo die Coolen sind. Während ich noch diesen Moment genieße, kommt etwas ganz profanes. Ich muss mein Fahrzeug abstellen. Am Straßenrand stehen zwei große grüne fensterlose Polizeifahrzeuge. In ihnen bringt das SEK schweres Gerät vor Ort. Daneben stehen schnelle unauffällige Fahrzeuge, in denen die SEK-Beamten selbst zum Einsatz fahren. Mein Redakteur schaut sich um, sucht seinen Ansprechpartner. Jetzt lerne ich, dass es ganz allein auf das Geschick und die Kontakte des Redakteurs ankommt, mit welchem Ergebnis wir nach Hause kommen. Wie weit kennt er die Beamten vor Ort? Haben sie eine gemeinsame Leiche im Keller, gemeinsam nächtelang am Tatort gesessen oder vielleicht schon den einen oder anderen zusammen gehoben? Es ist ein Geben und Nehmen. Wir haben Glück, mein Redakteur kennt den Pressesprecher sehr gut. Sie haben schon viel miteinander erlebt. Die beiden ziehen sich etwas zurück. Ich sehe, wie sie diskutieren. Jetzt geht es um Minuten. Der Redakteur ist nervös und versucht trotzdem cool zu wirken, jederzeit kann der Zugriff erfolgen. Der Pressesprecher spricht immer wieder in sein Funkgerät. Ich gehe an die Heckklappe des Wagens. Das ist jetzt nicht mein Job. Ich muss mich auf meine Aufgabe vorbereiten. Ein immer gleicher Ablauf, der nach kurzer Zeit automatisch abläuft. Als erstes das Stativ aus seinem Koffer holen und aufstellen. Dann den Kamerakoffer öffnen und die Stativplatte auf dem Stativkopf befestigen. Ein lautes metallisches Klacken zeigt, alles eingerastet. Jetzt die Kamera aus dem Koffer heraus und in die Halterungen der Stativplatte schieben. Klack, ein gutes Zeichen, trotzdem noch einmal kurz wackeln. Alles fest. Ich bin ohne Assistenten unterwegs, also hole ich seine Tasche heraus und schlage den Deckel zurück. Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Auch nach nur einem Monat weiß ich, dass hier die größte Gefahr besteht. An Kamera und Stativ denkt jeder Depp, aber ist auch alles und vor allem das richtige in der Tasche? Ein kurzer Blick beruhigt mich. Alles was wichtig ist, ist da. Jetzt einen Akku in den hinteren Schacht der Kamera, Deckel schließen. Hauptschalter an. Ein leises Surren zeigt mir, dass ich mein Baby zum Leben erweckt habe. Jetzt den Kassettenschacht öffnen. Die Kassette aus der Hülle nehmen, zweimal an den Kopf klopfen, eine blöde Angewohnheit von Soldaten mit ihren Magazinen abgeschaut, einlegen und Klappe zu. Leises Surren verrät mir, dass mein Baby seine Kassette richtig einfädelt. Ein Blick auf den Schalter für den Weißabgleich. Tageslicht – Preset. Die Voreinstellung. Passt fast immer. Dann ein Blick unter die Klappe, hinter der sich die Mikrofonsteuerung verbirgt. Alles ist richtig eingestellt. Audio 1 und 2 sind mit dem Japaner belegt, dem kleinen Mikrofon vorne an der Kamera. Es ist für die Atmo zuständig, also den Ton, der als Hintergrund aufgenommen wird. Und beide Spuren werden automatisch ausgepegelt. Alles bestens. Jetzt die Hinterkamerabedienung an den Schwenkarm des Kamerakopfes schrauben und das Kabel für den Transport befestigen. Mit ihr kann ich den Zoom betätigen und die Kamera auslösen. Ich bin fast fertig, löse die Kamera von der Platte und hebe sie mir auf die Schulter. Knapp acht Kilogramm schmiegen sich in die sich langsam formende Delle meines Körpers. Ich muss gestehen, dass die Sony und ich in den kommenden Jahren fast eine Symbiose miteinander eingegangen sind. Mein Baby auf meiner Schulter fühlt sich an, wie ein weiterer Körperteil. Später gab es leichtere Kameras aber keine hat sich so in meine Schulter gelegt. Ich stelle mir den Sucher ein, fixiere eine weiße Fläche und mache einen vernünftigen Weißabgleich. Jetzt habe ich auf jeden Fall die richtige Farbe des Bildes. Es wird nicht zu Blau oder zu Rot sein, sondern natürlich. Das alles passiert in der Zeit, in der der Redakteur uns den Weg bereitet. Es sind ein bis zwei Minuten, die einem in solchen Fällen wie eine halbe Ewigkeit vorkommen. Aber es gibt keinen Weg daran vorbei. Der Redakteur hat mich aus den Augenwinkeln beobachtet. Jetzt sieht er, dass ich drehbereit bin. Er kommt zu mir, greift sich das Stativ. „Auf geht`s“ Ich stecke mir zwei Akkus und eine weitere Kassette in die Seitentaschen meiner Jacke. Der Pressesprecher führt uns in ein Haus in den ersten Stock. Er öffnet ganz leise eine Tür, dreht sich zu uns um und legt den Finger auf die Lippen. Wir betreten einen Raum mit großen Fenstern zur Straße. Durch die Fenster sehe ich auf der anderen Straßenseite eine Häuserfront, in der an einem geöffneten Fenster ein Mann mit einem Gewehr steht. Die Beamten in dem Raum sehen uns ungläubig an. Sie haben sich seitlich der Fenster so postiert, dass sie ungesehen die andere Seite beobachten können. Die ideale Position des Jägers. Ein freier Blick, die Sonne steht genau hinter uns und im April noch tief genug. Sie blendet das Ziel und gibt perfektes Licht.
In diesem Moment tritt der Mensch dort am Fenster als Mensch für mich in den Hintergrund. Genau wie für alle anderen im Raum ist er nur noch das Ziel. Wir dürfen natürlich nicht so nah ans Fenster wie wir wollen, aber es gelingt mir eine Position zu finden, aus der ich einen perfekten Schuss setzen kann. Nichts ist im Wege, was will man mehr. Das Stativ steht, so leise wie möglich lasse ich die Kamera in die Stativplatte einrasten. Die Schraubverbindung der Hinterkamerabedienung kommt an das Objektiv. Jetzt noch den Kamerakopf in die Waage stellen. Eine Hand oben an die Kamera, die andere löst die schwere Flügelschraube unter dem gelagerten Kopf. Ein Blick auf die Libelle, Sekunden später ist alles in Waage. Ich bin bereit, schaue durch den Sucher und sehe mein Bild. Jetzt darf noch nichts passieren. Meine rechte Hand umfasst die Hinterkamerabedienung. Der Daumen legt sich schon ganz automatisch auf die Zoom-Wippe. Der Zeigefinger auf das Gummi des Auslöseknopfs. Ich zittere, lasse die Kamera, wie später immer in solchen Situationen, schon laufen, zoome ran, linke Hand ans Objektiv, stelle scharf. Jetzt den richtigen Ausschnitt wählen. Ich bin bereit, alles ist eingestellt, die Kamera nimmt auf, es kann losgehen.
Aber nichts passiert.
Wir sind hier nicht in einem Spielfilm. Kamera läuft, Ton läuft und Action. Das hier ist eine Jagd, an der ich das erste Mal beteiligt bin. Und wie ein Jäger muss ich mein Ziel beobachten und entscheiden, drücke ich ab oder nicht. Das Glücksgefühl, das sich eingestellt hat, als alles lief, schwindet nach nur 30 Sekunden. Die Kamera läuft, ja, aber sie kann nicht ewig laufen. Die eingelegte Kassette hat 20 Minuten, im Notfall kann man noch zwei Minuten drauflegen, aber am Ende des Bandes kann es zu sogenannten Spratzern kommen. Kleinen Fehlern, die wie ein Blitz im Bild erscheinen. Der Akku hält ca. 15 Minuten, wenn er wirklich voll war. Ich habe die Assitasche nicht gepackt und kann mich daher auf nichts verlassen. Muss ich die Kamera ausschalten, weil der Akku alle ist, brauche ich ca. 20 Sekunden, bis ich wieder aufnahmebereit bin: Aufnahme stoppen, Kamera ausschalten, Akku wechseln, Kamera anschalten, Return-Knopf drücken, das Band fädelt ein und läuft wieder an den Anschnitt. Aber soweit ist es zum Glück noch nicht. Jetzt brauche ich nur drei bis fünf Sekunden vor der Aktion, um einen vernünftigen Anschnitt liefern zu können. Der Zuschauer braucht nach dem späteren Schnitt einen Moment um sich an das neue Bild zu gewöhnen. Er will sehen wie es zu dem Höhepunkt kommt. Genau wie beim Fußball, sie wollen auch sehen wie es zum Schuss aufs Tor kommt und nicht nur, wie der Ball über die Linie rollt. Ach wäre ich doch Fotograf geblieben, der muss „nur“ im richtigen Moment auslösen. Mein Körper hatte sich grade beruhigt, der Gedanke an ein mögliches Versagen treibt mir den Angstschweiß auf die Stirn. Zwischen Looser und Held liegt in unserem Gewerbe meist nur eine Entscheidung. Wie es jetzt läuft kann es nicht weitergehen, ich muss die Aufnahme nach ca. zwei Minuten stoppen. Ein kleiner Druck auf den Auslöseknopf, das beruhigende Surren des Motors erstirbt. Wenn jetzt etwas passiert, habe ich verloren. Der Redakteur und ich sprechen uns ab. Immer wenn das Ziel zurück in die Tiefe seines Raumes geht, stoppe ich die Aufnahme, immer wenn er nach vorne kommt, starte ich die Aufnahme. Der Zugriff wird nach unserer Einschätzung auf jeden Fall von außen erfolgen. Direkt unter dem Fenster kauern schon die ganze Zeit zwei SEK-Beamte auf einem Flachdach. Der Mann hat sie noch nicht gesehen, auch hier hilft die Sonne. Allerdings möchte ich nicht wissen, wie sehr die beiden dort schwitzen. Der Einsatzleiter am Funkgerät rechts neben uns spricht ständig mit seinen Leuten im Haus gegenüber. Wir versuchen aus dem, was wir verstehen können schlau zu werden. Passiert jetzt was? Heißt das in der Realität wirklich Zugriff, wie man immer im Fernsehen sieht oder gibt es da ganz andere Befehle? Ich sitze auf heißen Kohlen, der Rücken beginnt zu schmerzen, weil ich mich blöderweise in einer anstrengenden Position an die Kamera gestellt habe. Ein weiterer Anfängerfehler, aber jetzt traue ich mich nicht, das Auge vom Sucher und die Hand vom Auslöser zu nehmen. Manch erfahrener Kollege hätte sich sofort einen Stuhl geholt. Außerdem schwitze ich, obwohl es in dem Raum angenehm kühl ist.
Der Schweiß läuft mir in die Augen. Es brennt. Das geht jetzt gar nicht. Kaum wische ich mir durch die Augen fasst mich mein Redakteur an der Schulter. Ich folge seinem Blick und sehe, wie zwei Beamte das Fenster über dem Ziel öffnen und ein kleines Päckchen an einer Schnur herunterlassen. Ganz langsam, ganz vorsichtig. Immer wenn das Ziel an das Fenster kommt, halten sie inne. Sobald er nach hinten geht, senkt sich das Päckchen weiter. Jetzt ist es nur noch zehn Zentimeter vom oberen Rahmen des Fensters entfernt. Das Ziel kommt wieder nach vorne, ich lasse die Kamera laufen. Dann ein Knall, vor Schreck reiße ich die Kamera nach oben. Richte sie aber sofort wieder ein. Das Päckchen war eine Blendgranate. Das Ziel schlägt sich die Hände vor die Augen, ist benommen. Die beiden Beamten unter dem Fenster springen auf, einer hilft dem anderen durchs Fenster, das Ziel bekommt einen gezielten Schlag mit dem Pistolenkolben, im Hintergrund sieht man, wie weitere Beamte den Raum stürmen. In fünf Sekunden ist alles vorbei. Ich versuche in den Raum hinein zu zoomen, aber alles Interessante passiert jetzt auf dem Boden. Ich sehe Nichts. Für mich ein klarer Fall, wenn ich nichts sehe, muss ich den Standort wechseln. Ich reiße das Kabel der Hinterkammerabedienung vom Objektiv, nehme die Kamera vom Stativ und wuchte sie mir auf die Schulter. Schon laufe ich los. Hinter mir bleibt ein fassungslos starrender Redakteur im Raum zurück. Die Treppe ist schnell überwunden. Ich laufe um die nächste Hausecke. Dort stehen die Kollegen vom WDR und die Zeitungsleute. Ich nehme sie nicht richtig war und stürme über die Straße. Und damit sind wir wieder am Anfang dieser Geschichte und dem gezischten „Verpiss dich“. Mir wird klar, dass ich noch sehr viel lernen muss. Ich trotte zurück.
Ich habe in meinem Beruf nie wieder in so viele grinsende Gesichter von Kollegen geschaut: Schaut euch den Rookie an. Er hat keine Ahnung, wie das Geschäft läuft. Auch mein Redakteur schaut mich belustigt an. „Gute Idee, funktioniert aber nicht.“ Wir gehen zu unserem Fahrzeug, er wird ernst. „Lief die Kamera beim Zugriff?“. Wie ich später lernte eine berechtigte Frage. Ich bin mir sicher, sie lief. Genug Bilder um die Geschichte rund zu machen hatte ich ebenfalls im Kasten. Jetzt gilt es schnell zurück in die Redaktion zu fahren. Diesmal gelten die Verkehrsregeln auch für mich und nach kurzer Zeit rollen wir auf den Hof. Die Kollegen sind informiert, der Schnittplatz ist hochgefahren und wartet auf uns. Ich übergebe das Material. Es muss sehr schnell gehen und daher übernimmt ein erfahrener Kollege den Schnitt, den ich normalerweise selbst gemacht hätte. Um 18:00 läuft die erste Sendung des neuen Regionalsenders und sie sind die ersten, die diese Bilder zeigen können. Ich habe meinen ersten großen Erfolg.
Am 01.03.1990 wird um 01:00 unser Sohn geboren, unser erstes Kind.
Aus einer Ehe wird eine Familie.
Um 10:00 beginne ich als Nachrichtenkameramann meinen neuen Job. Einen Job, von dem ich mein Leben lang geträumt habe. Ein Job, der mich wie nichts anderes in meinem Leben verändert hat. Ein Job, der durch die in mir entstandenen Veränderungen ein Jahrzehnt später einen wesentlichen Teil zum Ende dieser Familie beiträgt. Doch das ist noch lange hin. Denn jetzt steht doppelte Freude im Vordergrund. Ich komme in die Niederlassung und sage nur kurz Bescheid, dass ich heute frei nehmen muss und erledige alle Behördengänge an einem Tag. Überall höre ich „Na dann wird ja heute ordentlich gefeiert“, aber dafür bleibt keine Zeit. Ich muss alles an diesem Tag schaffen und will natürlich auch meine Frau und unseren Sohn so bald wie möglich wieder im Krankenhaus besuchen. Ein Kind zu haben ist etwas so Besonderes. Noch ahne ich nicht, wie wenig ich von den ersten Jahren haben werde.
Am nächsten Morgen stehe ich pünktlich in der Niederlassung ohne wirklich zu wissen was ich zu tun habe. In meinem Vorstellungsgespräch war ich einfach nur sehr großkotzig und scheinbar hat der frisch erworbene Meisterbrief als Fotograf seine Wirkung getan. Ich kenne mich mit Bildgestaltung aus, aber wie ich die im Film umsetze, muss ich jetzt erst lernen. Ich kenne eine Videokamera und einen Videoschnittplatz, aber mit dem was ich hier vorfinde, hat das wenig zu tun. Und deshalb sitze ich am ersten Tag nur mit dem Techniker zusammen und lasse mir die Ausrüstung erklären. Nur ein Crashkurs, denn ich habe ja behauptet, das sei für mich alles kein Problem. Nervosität kriecht in mir hoch. Wenn ich es hier versaue, stehe ich auf der Straße und kann mir einen schlecht bezahlten Job als Fotograf suchen. Ich darf nicht versagen, denn ich bin ab jetzt der Alleinversorger unserer kleinen Familie. An den nächsten zwei Tagen soll ich als dritter Mann mit rausfahren und mir alles anschauen. Am vierten Tag dann alleine die ersten einfachen Reportagen drehen und in spätestens drei Wochen auch alleine schneiden. Mir wird abwechselnd heiß und kalt.
Mein Traum ist in Erfüllung gegangen, aber jetzt habe ich Angst vor der eigenen Courage. Und es kommt ein weiteres Problem dazu, dass ich vorher nicht bedacht habe: Ich bin schüchtern und kann nur sehr schlecht auf Menschen zugehen. Als ich Maschinen fotografierte, brauchte ich das nicht. Jetzt muss ich Menschen erklären, was sie machen sollen und sie motivieren mitzuspielen, das ist etwas was ich wirklich hasse. An den nächsten zwei Tagen versuche ich, so viel wie möglich in mich aufzusaugen. Wie machen die das, was macht der Kameramann? Ich inhaliere jede noch so kleine Information, die mir in den nächsten Tagen den Arsch retten könnte. Am vierten Tag, dem ersten an dem ich selber drehen soll, dann eine Verschiebung. Eigentlich soll eine Kindergruppe aus Bitterfeld zur Erholung in den Teutoburger Wald ankommen. Die Fahrt hat sich aber um einen Tag verschoben. Auf den Tag, an dem meine Frau aus dem Krankenhaus entlassen werden soll. Da sollte ich eigentlich frei bekommen. Schon nach 5 Tagen muss sich meine Familie bei einer wichtigen Sache das erste Mal den Erfordernissen meines neuen Jobs unterordnen:
Meine Frau und unser Kind müssen von ihrer Schwester abgeholt werden. Unvorstellbar für die meisten Menschen, aber für uns die Zukunft unseres Familienlebens. Während also meine Frau nicht wie der Großteil der anderen Frauen von ihrem Mann abgeholt wird, warte ich auf einen Bus mit Kindern aus Bitterfeld und mache meine ersten eigenen Aufnahmen. Ich muss lernen und dabei hilft mir der erfahrene Assistent, den sie mir extra mitgegeben haben und der in den nächsten Wochen nicht von meiner Seite weichen wird. Er stellt mir das Stativ hin und setzt die Kameraplatte drauf. Ich befestige die Kamera und mache sie mit seiner Hilfe startklar. Wir hören, dass der Bus gleich kommen soll. Ich habe eine schöne Stelle ausgesucht und warte. Schwenke die Strecke immer wieder ab, auf der der Bus gleich kommen muss. Schwenk, Zoom und Schärfe müssen zu einer Bewegung werden - ganz schön schwierig. Aber ich habe ja Zeit, denn der Bus lässt auf sich warten. Andere Fahrzeuge fahren immer wieder durchs Bild und ich kann üben, üben, üben. Dann kommt der Bus und ich mache einen richtig schönen Schwenk, bin stolz auf mich. Der Assi schaut mich an, schaut auf meine Kamera.
„Die anderen machen immer erst einen Weißabgleich.“ Jetzt hat er mich da, wo er mich haben will. Den habe ich vergessen und er hat mich ins Messer laufen lassen. Ich habe natürlich vergessen den Weißabgleich zu machen. Bevor die Kinder aus dem Bus steigen, hole ich es nach. Ich drehe wie ein Familienvater, viele Bilder. Mit Bildern meint man beim Fernsehen übrigens immer Teile des Films, keine Fotos. Wäre lustig, wenn man nach der Aufforderung „Mach mal Wetterbilder“ mit Fotos zurückkommt. Wir machen drei Interviews und fahren wieder zurück. Der Cutter rauft sich bei dem, was ich ihm liefere die Haare. Er schafft es einen sendefähigen Beitrag zu erstellen. Aber ein Highlight ist es mit Sicherheit nicht. Es ist 19:00, ich habe endlich Feierabend und fahre nach Hause, wo meine Familie schon auf mich wartet. Der erste Abend mit Kind im eigenen Heim und meine Gedanken drehen sich hauptsächlich um das, was heute geschehen ist. In den nächsten drei Monaten bin ich jeden Abend, wenn ich zuhause ankomme, ein reines Nervenbündel. Die Hektik, die Verantwortung, sofort und unmittelbar handeln zu müssen. Der Druck, noch am gleichen Tag, oftmals schon um 15:30 Uhr fertig sein zu müssen, zerrt an meinen Nerven. Ich bin keine große Hilfe für meine Frau mit unserem Kind. Gleichzeitig lebe ich meinen ultimativen Traum. Grade die ersten zwei Jahre, in denen ich alles Private diesem Traum unterordne, sind wie ein Flug für mich und immer mehr ein Fluch für meine Familie. Meine Frau weiß nie, wann ich nach Hause komme, sie kann an keinem Wochenende mit mir planen, sie hat oft Angst, dass mir etwas passiert. Egal, ob ich nachts losrase, weil es irgendwo brennt, ob ich davon berichte, wie ich mit Höchstgeschwindigkeit über Feldwege jage und dabei telefoniere oder, ob ich nachts Kurven nicht mehr schaffe und dann in Einfahrten lande. Irgendwann erzähle ich nichts mehr. Es ist besser so, sie weiß so oder so, dass ich mich für meinen Traum ständig in Gefahr begebe. Für mich gibt es keine halben Sachen. Es gibt es immer nur den vollen Einsatz für meinen Job. Und das bleibt für Jahrzehnte so, immer zu Lasten meiner Familie. Die einzige Sucht, die einzige psychische Erkrankung, die gesellschaftlich anerkannt ist. Und weil ich so besessen bin und hart an mir arbeite, werde ich täglich besser. Nach den ersten Monaten stellt sich eine gewisse Routine ein. Das Adrenalin ist nicht mehr bei jedem Einsatz gleich hoch. Ich habe in meinem Kopf für jede Situation eine Folge von Bildern abgespeichert, mit denen ich zurückkommen will und spule sie professionell ab. Sobald ich an den Drehort komme, denke ich nur noch in Bildern, bzw. Filmschnipseln. Ich weiß was ich brauche, um später einen sendefähigen Beitrag von 30 oder 45 Sekunden schneiden zu können. Es ist ein großer Vorteil, wenn man, wie ich, das grade Gedrehte selber schneiden muss oder darf, je nach Sichtweise. Effektivität geht hier ganz klar vor Kunst, da zwischen der Ankunft im Studio und dem Sendetermin oftmals nur ein bis zwei Stunden liegen. Hier liegt der große Unterschied zwischen einen Kameramann im Aktuellen und einem Kameramann beim Film. Während man sich beim Film sehr viele Gedanken um die Auflösung einer Szene, das richtige Licht und die Wahl von Kamera, Kameraeinstellung und Objektivwahl macht, heißt es beim Aktuellen meist: Das hab ich und jetzt dran, drauf, drüber und schnell wieder weg. Hier einige der Regeln, die ich mir aufgestellt habe und die Situationen die sich daraus ergeben. Wenn ich das Erlernte einfach nur abrufen muss, funktioniere ich vor Ort genauso gut, wie ein Rettungssanitäter oder ein Feuerwehrmann.
Der Überblick - Egal wohin ich komme, ich bleibe einen Moment stehen und verschaffe mir einen Überblick. Wie sieht zum Beispiel das Büro aus, in dem ich das Interview drehen soll? Gibt es einen guten und einen schlechten Hintergrund. Wo kann ich drehen, um die Geschichte zu erzählen? Oder wenn es dramatischer wird – Welche Fahrzeuge sind in den Unfall verwickelt? Wie bringe ich sie im Bild in eine Beziehung zueinander?
Das Licht - Gibt es einen Platz, der sich vom Licht her geradezu anbietet oder noch wichtiger: verbietet? Bei dieser Entscheidung muss ich das Wandern der Sonne und die Wetterlage beachten. Schönwetterwolken hasse ich. Licht an, Licht aus. Immer im falschen Moment. Ich habe einmal Udo Lindenberg, das Idol meiner frühen Jahre, vor ein Fenster gestellt: Man sollte gleichzeitig das Meer vor Sylt draußen sehen. Die Aufnahmen wurden ein Desaster. Ich hatte nicht genug Licht mit, um ihn so hell zu bekommen, wie den Strand draußen im gleißenden Sonnenlicht. Hätte ich genug mit, hätte ich Udo wahrscheinlich verdampft. Später wurde das der Mette Marit-Effekt genannt. Die norwegische Prinzessin sollte bei einem Interview im Gegenlicht gedreht werden. Da das aber noch sehr stark war, musste sie mit großen Scheinwerfern aufgehellt werden. Die verursachten einen so schweren Sonnenbrand, dass sie wochenlang keinen öffentlichen Auftritt hatte. Auch wenn es dann hieß, es wäre etwas anderes gewesen. Wir Kameraleute wussten, was passiert war.
10! - 10?! - Ich zähle im Kopf bei jeder Einstellung von 21 bis 30, egal, ob bei einer Ausstellungseröffnung oder einem Großbrand. Dadurch schaffe ich es immer ein genügend langes Bild zu haben. Drei Sekunden sind das Minimum, die eine Szene ruhig stehen sollte. Selbst bei einem Großbrand, wenn das Adrenalin in den Haarspitzen knistert, braucht man für diese Zahlenkette mindestens drei Sekunden. Macht man das nicht, kann es einem passieren, dass man im Endeffekt beginnt mit der Filmkamera zu fotografieren. Das gibt dann vielleicht schöne Standbilder, aber mit Sicherheit keinen Film.
Think three - Der Begriff kommt nicht von mir, sondern von einem amerikanischen Producer, für den ich einmal gearbeitet habe. Ich schnitt für ihn einen kurzen Beitrag und der arme Kameramann saß mit im Raum. Er hatte viele schöne Einstellungen gedreht, aber leider konnte man sie nicht aneinander schneiden, da es keine sogenannten Zwischenbilder oder Übergänge gab. Wenn man an die Zahl drei denkt, hilft das. Zu jeder Totalen, also einem Bild auf dem man die ganze Situation sehen kann, gehören zwei Naheinstellungen, also Einstellungen, die nur ein Detail des Ganzen darstellen. Beherzigt man das, kann man alles mit dem Material machen.
Die Action - Bei allen Notsituationen, Unfall, Brand, Mord ist die wichtigste Frage - Wo geht die Action ab? Wo wird reanimiert und vor allem: Wie lange noch? Ich muss sofort entscheiden, was ich manchmal nur noch wenige Minuten oder gar Sekunden drehen kann und daher als Erstes abschießen muss. Es gibt Situationen, die nur einmal passieren: Zum Beispiel der RTW, der mit den Verletzten abfährt oder die Blechkiste, die nach einem Mord aus dem Haus getragen wird. Wenn man die verpasst, hat man verloren. Der Beitrag hat nur noch den halben Wert.
Zwei Beispiele: Es ist kurz nach Mittag. Die beiden anderen Teams sind auf verschiedenen Drehs unterwegs. Ich sitze mit meinem heutigen Assi dösend im Aufenthaltsraum. Die übliche Currywurst mit Pommes weiß macht mich träge. Alle Zeitungen sind gelesen, die Nachrichtenagenturen bringen auch nichts Witziges, Handyspiele oder Facebook gibt es noch nicht. Langeweile macht sich breit. Plötzlich stürmt ein Redakteur in den Raum. „Sofort alles fertigmachen, Doppelmord in einer Pizzeria in der Nähe. Die Speckkiste ist schon im Haus.“ Speckkiste nennen wir liebevoll den Sarg, mit dem die Leichen abtransportiert werden. Von Null auf Hundert in wenigen Augenblicken. Mein Körper rebelliert in solchen Momenten etwas. Das Essen möchte raus, um der Aufregung Platz zu machen. Ich schlucke und mein Verdauungstrakt beruhigt sich. Muss er auch, denn jetzt ist der Alarmknopf gedrückt. Mein Assistent und ich springen die Treppe zum Gerätelager hinunter. An der Tür reißen wir den Autoschlüssel vom Haken. Eigentlich genau wie bei der Feuerwehr. Jeder weiß, was er zu tun hat, jeder Handgriff sitzt. Ich schnappe mir den Kamerakoffer und checke mit einem kurzen Blick den Inhalt. Alles da, die Verschlüsse verriegeln, dann stürme ich weiter auf den Parkplatz. Heckklappe auf, Koffer rein und ans Steuer. Ich starte den Motor. Ich bin einer der wenigen Kameraleute bei uns, die immer selber fahren. Alle anderen sind mir zu langsam und setzen die falschen Prioritäten. Jahre später sagt eine ehemalige Kollegin einmal zu mir „Du warst der einzige Kameramann den ich kenne, der mit 100 Sachen durch ein Dorf jagt, mit den Knien lenkt und dabei Currywurst Pommes isst.“ Ich hätte mir andere Assoziationen mit meiner Arbeit gewünscht. Der Assi kommt mit seiner Tasche und dem Stativ über den Hof gelaufen. Ich kann mich darauf verlassen, dass er alles dabei hat. Kann es eh nicht kontrollieren, keine Zeit. Als alles verstaut ist, springt er auf den Rücksitz. Türen fallen knallend zu und wir fahren zum Vordereingang. Dort kommt der Redakteur aus der Tür, steigt ein: „Rechts rum“. Ich fahre los. Er ruft mir die Adresse zu und sofort beginnt der übliche Telefonterror der Redakteure. Redaktion, Sendeleitung, Polizei, manchmal wird ein Beitrag erst verkauft, wenn wir schon unterwegs sind. Der Tatort liegt glücklicherweise nur ca. 2,5 Kilometer entfernt. Mir ist klar, es geht um jede Sekunde. Sobald die Speckkiste raus ist und der Leichenwagen weg, gibt es nur noch die schemenhaften Bilder der Spurensicherung hinter Fenstern und ab und zu eine Person in den kleidsamen weißen Ganzkörperkondomen, die einen Beutel zum Lieferwagen tragen. Und natürlich die langweiligen Bilder vom Haus, in dem alles passiert ist. Ich kann das Haus schon 300 Meter vor mir sehen, könnte klappen, wenn nur diese verdammte Kreuzung vor mir nicht wäre. Noch ist die Ampel grün, die Straße vor mir frei. Ich schaue abwechselnd auf die Straße und das Haus. Das Fahrzeug der Spurensicherung parkt auf dem Fußweg am Nebeneingang des Hauses. Klar, die wollen in ihrer Verkleidung nicht weit über die Straße laufen. Vor dieser Nebentür ist ein Streifenpolizist postiert. Ich registriere einen Polizei- und den Leichenwagen in einer Parkbucht auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Vor den beiden, nur 30 Meter nach der Kreuzung, ist noch ein Parkplatz frei. Da will ich hin. Noch 100 Meter bis zur Ampelkreuzung. Sie springt um auf Gelb. Der Polizist vor der Tür dreht sich um und öffnet sie. Ein sicheres Indiz, dass gleich die Speckkiste kommt. Bremsen ist keine Option, ich schieße über die Kreuzung und trete sofort die Bremse. Lenke ein und bemerke erst jetzt, das nasse Laub in der Parkbucht. Toll, noch vor einer Woche habe ich einen Beitrag über die Gefahren des Autofahrens im Herbst gemacht. Ich gleite wie auf Eis. Das Vorderrad schlägt gegen den Bordstein. Das bremst. Ein weiterer Polizist springt aus dem Streifenwagen und starrt uns entgeistert an. Ich habe keine Zeit mich darum zu kümmern oder ihm gar etwas zu erklären, springe aus dem Wagen, renne nach hinten und hole mein Baby. Der Assi kommt dazu und reicht mir Akku und Kassette. Jetzt ruhig bleiben. Ich sehe wie die Kiste aus dem Haus getragen wird. Als ich endlich soweit bin, sind die Träger schon am Wagen. Ich schaffe es zumindest noch zu drehen, wie der Sarg im Fahrzeug verschwindet und die große Heckklappe geschlossen wird. Mist Mist Mist, keine Ahnung ob die Kamera schon lang genug lief. Ich habe damals noch zu große Hemmungen die Träger einfach zu fragen, ob sie das für mich noch einmal machen, das soll sich im Laufe meiner Karriere noch ändern. Der Leichenwagen fährt ab und lässt mich mit meinen Zweifeln allein, ich habe es nicht geschafft. Wahrscheinlich hätten alle anderen es noch weniger geschafft, aber ich habe für mich versagt.
Einige Monate später zeigt mir ein lieber Kollege, nennen wir ihn Heinz, wie es auch ganz anders gehen kann. Er ist ein ganz besonderer Typ, hat eine kleine Fernseh- und Fotoagentur auf dem Land und ist unsere einzige ernstzunehmende Konkurrenz in der eher beschaulichen Nachrichtenprovinz. Wenn es nachts etwas zu drehen gibt, dann sind meist nur er und ich vor Ort. Er für die öffentlich-rechtlichen, ich für die Privaten. Er nachts immer in einer Art orangenem Rettungsanzug und Sandalen gekleidet. Ich, wie ich fand, normal, mit Jeans, Turnschuh und Weste, behängt mit Akkus Kassetten, Taschenlampe, Presseausweis, diversen Snickers und einer Regenhaube für die Kamera. Wir beide sind eindeutig die Nachtfalken der Gegend. So nennt man die Teams, die dann auf der Lauer liegen, wenn andere schlafen. Die auf den neusten Unfall, Brand oder Mord warten. Aber jetzt ist es Tag, wir sehen beide relativ normal aus und stehen uns vor dem Tatort die Beine in den Bauch. Ein unscheinbares Haus inmitten einer ruhigen Kleinstadt. Leider ist dieser Tatort mindestens eine Stunde Fahrzeit vom Studio entfernt. Wir haben alles gedreht, was man nur drehen kann. Die Lage des Hauses, Männer in komischen Anzügen hinter Fenstern und Anwohner, die die Szenerie interessiert beobachteten. Was fehlt - die Speckkiste. Nervös schaue ich immer wieder auf die Uhr. Die Zeit verrinnt und der Abgabetermin rückt unerbittlich näher. Es gibt einen Moment, an dem alle an einem Ort versammelten Pressevertreter anfangen zu rechnen. Die Zeitungsleute haben ihren Redaktions-, die Fernsehleute ihren Abgabeschluss. Ich rechne, zusammen mit meinem Redakteur, unsere Möglichkeiten durch. Der Beitrag ist für das Regionalmagazin verkauft. Das startet um 18:00 Uhr. Um 17:45 Uhr ist Abgabeschluss. Dann werden die Leitungen im Normalfall gekappt. 17:45 bedeutet Schnittbeginn um 16:45, denn eine Stunde Schnitt muss für eine Sendeminute in den Nachrichten reichen. Wenn wir eine Stunde brauchen, um zurück zu fahren, haben wir also bis 15:45 Uhr Zeit. Inzwischen ist es aber schon 15:00 Uhr. Die Zeit läuft unerbittlich ab. Wenn wir die Speckkiste nicht mehr bekommen, wird der Beitrag nicht genommen und unsere Firma bekommt nur ein mickriges Ausfallhonorar. Heinz wird immer nervöser. Für eine so kleine Firma ist ein derartiger Verlust viel schwerer zu ertragen. Wieder erscheint ein Mann in weiß an der Eingangstür und Heinz stürmt auf ihn zu. Fragt, wann denn endlich die Leichen abgeholt werden. Der Beamte antwortet lachend, woher er denn überhaupt wüsste, dass dort oben Leichen liegen würden. Ein lustiger Spaß für die Polizei, aber nicht für die Pressemeute. Ich sehe, wie die beiden sich weiter unterhalten und der Beamte plötzlich die Straße hinunter zeigt. Endlich kommt der Leichenwagen. Er parkt neben dem Transporter der Spurensicherung. Alles dreht und der Fahrer tut so, als würde ihn das stören. Dabei machen wir doch unbezahlte Werbung für ihn. Andererseits, vielleicht ist er es einfach nicht gewöhnt bei der Arbeit gefilmt zu werden. Er betritt mit dem Beamten das Haus. Auch für ihn gilt es, sich erst einmal einen Überblick zu verschaffen. Nach zwei Minuten kommt er wieder aus der Tür. Aber er geht nicht, wie von uns erhofft nach vorn, holt seinen Kollegen und beginnt mit seiner Arbeit, nein, er zündet sich eine Zigarette an und blinzelt versonnen in die Sonne. Da reißt Heinz der Geduldsfaden: „Hallo, was ist? Warum holen Sie die Leichen noch nicht ab?“ „Weil die Spusi noch nicht soweit ist. Das kann noch eine Stunde dauern.“ Entsetzen macht sich unter uns breit. Eine Stunde, dann können wir alles vergessen. Aber jetzt, wo der Wagen hier ist, wird uns die Zentrale auch nicht nach Hause lassen. Wir werden warten müssen, spät zurückkommen und noch nicht einmal etwas Vernünftiges verkaufen können. Ich sehe wie der Kopf von Heinz langsam rot wird. Er kommt in eine gefährliche Phase, aber dann scheint er eine Idee zu haben. Ich gehe näher ran, damit ich keine Absprachen verpasse. Heinz erklärt ihm, dass er jetzt und zwar nur jetzt die Aufnahme mit der Kiste braucht. Wenn er die machen kann und der Kollege kooperativ ist, werden wir seinen Firmennamen so lange im Bild lassen, dass jeder ihn in Ruhe lesen kann. Der Mann ist einverstanden. Wenn das mit der SpuSi geklärt ist, tragen sein Kollege und er die Kiste einmal in das Haus und wieder raus, verstauen sie im Auto und schließen die Klappe. Das ist alles was wir wollen. Abfahrendes Fahrzeug wäre schön, ist aber nicht wirklich notwendig. Heinz geht zur Tür und ruft hinein. Sofort erscheint ein weißbekränztes Gesicht am Fenster im ersten Stock. Heinz erklärt, dass sie in aller Ruhe arbeiten können, wenn wir die Aufnahme haben und das die Träger ja nur bis hinter die Haustür und zurück müssen. Heute würde man das Scripted Reality nennen. Der Mann am Fenster stimmt belustigt zu und so arrangiert Heinz die Szene. Ich hänge mich mit dran und die beiden Fotografen postieren sich. Die Träger verschwinden auf Zuruf mit der Speckkiste hinter der Tür und kommen auf Zuruf wieder dahinter hervor. Dann Umschnitt, also eine zweite Einstellung in einer anderen Einstellungsgröße und die Kiste verschwindet im Laderaum des Leichenwagens. Klappe zu und wir können fahren. Ich glaube niemandem von uns ist klar, dass diese Form des Fernsehens später ein wichtiger Teil werden wird. Wir sind zufrieden, packen unsere Sachen und verlassen den Ort, der wieder in den unbedeutenden Teil der Geschichte verschwindet.
Der richtige Moment ist auch bei einem Feuer entscheidend. Sind die Flammen erloschen, ist auch die Geschichte aus. Gleichzeitig geht es grade bei meinem Lieblingsthema, dem Feuer, darum, Mechanismen abzurufen, um sich ganz nebenbei noch darauf konzentrieren zu können zu überleben. Für mich erreichen der Jagdinstinkt und der Thrill bei einem Brand die höchste Stufe. Kein anderes Thema spornt mich so zu Höchstleistungen an, lässt mich persönliche Gefahren außer Acht lassen. Für einen guten Beitrag über einen Großbrand habe ich immer alles riskiert. Ich liebe den Geruch eines Feuers - wenn es nicht grad eine Kunststofffabrik ist. Ich liebe die Hitze auf meinem Gesicht, wenn man meint es nicht mehr aushalten zu können. Ich liebe die hochlodernden Flammen, das Leuchten der Gefahr in der Nacht. Nichts ist für mich mit dem Erlebnis Feuer zu vergleichen. Es gibt vieles vor dem ich Angst habe, aber Feuer gehörte noch nie dazu. Daher lieferte ich immer die besten Bilder von Bränden. War der Mann, der fast immer mit Flammen zurückkam und den man eher zurückhalten musste, wenn man denn wollte. Ich war der Fireman in unserer Agentur. Warum? weil ich bei einem Feuer nicht nachlasse, bis ich das habe, was ich will. Zum Beispiel an diesem frühen Sonntagnachmittag:
Wir kommen von einem extrem langweiligen Dreh aus dem Münsterland zurück. Durchqueren ein Gebiet, in dem wir nicht sonderlich gut vernetzt sind. Wenn hier etwas passiert, erfahren wir es nur durch viel Glück. Ich lasse den Blick gelangweilt durch die Landschaft streifen, während ich mich in einer langen Reihe von Sonntagsautofahrern langsam dem Studio nähere. Es gibt keinen Grund zur Eile. Der Beitrag muss erst am Montagabend geliefert werden, der Schnitt ist für Montagvormittag geplant. Der Assi macht uns plötzlich auf eine Rauchsäule am Himmel aufmerksam. Erst dünn und kaum zu erkennen, dann plötzlich dick und schwarz. Ich bin wie elektrisiert. Solch eine Säule verspricht ein großes Feuer. Aber wo zur Hölle ist es? Wir sind auf jeden Fall noch ein ordentliches Stück weg. Es ist wie gesagt nicht unsere Gegend, nicht unser bevorzugtes Jagdgebiet, daher weiß der Redakteur auch nicht, welche Leitstelle er anrufen soll. Selbst wenn, die Nummern kann man damals noch nicht im Mobiltelefon speichern, der Ordner mit allen Nummern liegt in der Redaktion auf dem Schreibtisch. Wir fahren rechts ran. Orientieren uns anhand einer Karte. Ganz klassisch, wie man das damals noch machte. Wir sind hier, die Rauchsäule ist da. Wenn man der Linie auf der Karte folgt, trifft man in einigen Kilometern auf ein Industriegebiet. Das scheint uns der wahrscheinlichste Unglücksort. Dicker schwarzer Rauch bedeutet häufig Kunststoff oder Reifen. In der damaligen Zeit begann die Ära der Wiederverwertung von Kunststoffen. Ein Recyclingbetrieb nach dem anderen wurde gegründet und viele brannten ab. Wir sagten immer belustigt, wenn das Lager voll ist, wird heiß saniert. Wieder im Wagen schalte ich innerlich in den Egal-was-solls-ich-muss-hier-durch-Modus. Der Assistent auf der Rückbank hat die Karte und ruft mir die Richtungen zu. Ich überhole wo immer es nur geht und lasse eine Schar verdutzter Opas auf ihrer Sonntagstour zurück. In fünf Minuten sind wir am Brand. Diesmal ist es kein Recyclingbetrieb, sondern ein Betrieb für Kunststoffverarbeitung. Die Feuerwehr ist schon da, hat aber noch nicht viel ausrichten können. Es beginnt die übliche Routine: Schnell den Wagen abstellen, der Redakteur läuft los, um die ersten Informationen zu sammeln. Ich gehe nach hinten, schnappe mir mein Baby, der Assistent reicht mir Akku und Kassette. Wir traben los. Während des Laufens überprüfe ich die Einstellungen der Kamera. Alles passt, ich bin drehbereit. Ein prüfender Blick zur Rauchsäule – Gott sei Dank, der Laden brennt noch immer lichterloh. Der Tag kann mein Freund werden. Am Firmentor wird meine Euphorie jäh gebremst. Es ist geschlossen. Zwei Fotografen, ein englisches Kamerateam, dass aus welchen Gründen auch immer zufällig in der Nähe war und einige Schaulustige stehen davor, ein Feuerwehrmann steht dahinter. Er lässt niemanden durch. Ich beginne mit ihm zu diskutieren, starte mit einem freundlichen - ach kommen sie, dass ist nicht mein erster Brand, ich weiß wie ich mich zu verhalten habe - und ende mit einer Verteidigung der Pressefreiheit. Nichts kann ihn erschüttern. Da wären einige Gasflaschen in der Nähe des Feuers, die könnten jederzeit hochgehen. Er lässt keinen auf das Gelände.
Beim Thema Gasflaschen muss ich schnell mal eine lustige Geschichte einfügen, die mir in einer Nacht mit dem eben schon erwähnten Heinz passierte: Es brannte eine Sauna, also eine große Sauna als Teil eines Wellness-Zentrums. Nicht so ein kleines privates Teil. Wie so oft in der Nacht waren Heinz und ich vor Ort. Ich konnte ihn schon beim Eintreffen an seinem leuchtend orangenen Anzug erkennen. Mist, ich hätte die Bilder nicht exklusiv. Aber das reichte nicht, als ich ihn fragte, wo man denn am besten anfinge, schickte er mich ganz kollegial in die falsche Richtung. Da war Nichts. Ich kam wutschnaubend zurück und stellte mich genau vor ihn. Half nicht viel, aber beruhigte mich etwas. Das Bild wurde aber langweilig, ich brauchte einen anderen und vor allem eigenen Blickwinkel. Ich machte mich möglichst unauffällig davon. In solchen Momenten ist es gut einfach mal einem Feuerwehrschlauch in die Nacht zu folgen. Der startete wie immer am Pumpenwagen, wich dann aber aus der Reihe der anderen Schläuche ab und verschwand in einem kleinen, lichten Wald aus Nadelbäumen mit einem Stammdurchmesser von 20 bis 25 Zentimeter. Die Bäume standen nicht zu dicht, man konnte gut durchgehen. Ich schaute mich um, ob Heinz mich sehen konnte und verschwand dann im Zwielicht des vom Schein des
