Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ihre Rückkehr in ihre Geburtsstadt Berlin hatte sich Serafina, die von ihren Freunden nur Sera genannt, anders vorgestellt. Aber nach einer gescheiterten Ehe muss sie sich und die beiden Kinder als Alleinerziehende durchbringen. Dies geht, so glaubt Sera, in ihrer vertrauten Berliner Umgebung leichter als anderswo. Allerdings hat sich die Stadt, seitdem sie diese nach ihrer Eheschließung verließ, sehr verändert. Aus finanziellen Gründen muss sich Sera dann auch noch im berüchtigten Stadtteil Wedding niederlassen, in dem Tjark, ein Freund aus Studienzeiten, ihr eine Wohnung in seinem Haus anbietet. Die Mietparteien des Hauses, die sich täglich in dem harten, sich deutlich wandelnden Stadtbezirk behaupten müssen, bilden einen eigenen Mikrokosmos voller Überraschungen, Widersprüche und schrulliger Liebenswürdigkeiten. Die Gegensätze in Seras Umfeld, jene Paralleluniversen mitten in der Hauptstadt, offenbaren aber auch, dass nicht alles so harmonisch ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Das kulturelle Miteinander auf engstem Raum mit den damit verbundenen Konflikten wird aus Seras Perspektive schonungslos, aber nicht ohne Humor beschrieben. Viele Wahrheiten offenbaren sich erst nach genauerem Hinsehen. Dies gilt aber auch für die familiären Verhältnisse von Sera: Ihre Mutter, von der sie seit Kindertagen immer tyrannisiert wurde, entwickelt kurz vor ihrem krankheitsbedingten Tod nahezu liebenswerte Züge. Seras Vater offenbart der Tochter nach Jahrzehnten, dass sie aufgrund seines Seitensprungs einen Halbbruder hat. Mit Nell, ihrer besten Freundin und Hausmitbewohnerin, macht sie sich auf den Weg nach Leipzig, um ihren Halbbruder Marten kennen zu lernen. Dieser verliebt sich Hals über Kopf in Nell und zieht zu ihr nach Berlin. Auch für Sera hält das Leben noch Überraschungen bereit.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 444
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Ihre Rückkehr in ihre Geburtsstadt Berlin hatte sich Serafina, die von ihren Freunden nur Sera genannt, anders vorgestellt. Aber nach einer gescheiterten Ehe muss sie sich und die beiden Kinder als Alleinerziehende durchbringen. Dies geht, so glaubt Sera, in ihrer vertrauten Berliner Umgebung leichter als anderswo. Allerdings hat sich die Stadt seit sie diese nach ihrer Eheschließung verließ, sehr verändert. Aus finanziellen Gründen muss sich Sera dann auch noch im berüchtigten Stadtteil Wedding niederlassen, in dem Tjark, ein Freund aus Studienzeiten, ihr eine Wohnung in seinem Haus anbietet. Die Mietparteien des Hauses, die sich täglich in dem harten, sich deutlich wandelnden Stadtbezirk behaupten müssen, bilden einen eigenen Mikrokosmos voller Überraschungen, Widersprüche und schrulliger Liebenswürdigkeiten. Die Gegensätze in Seras Umfeld, jene Paralleluniversen mitten in der Hauptstadt, offenbaren aber auch, dass nicht alles so harmonisch ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Das kulturelle Miteinander auf engstem Raum mit den damit verbundenen Konflikten wird aus Seras Perspektive schonungslos, aber nicht ohne Humor, beschrieben. Viele Wahrheiten offenbaren sich erst nach genauerem Hinsehen. Dies gilt aber auch für die familiären Verhältnisse von Sera: Ihre Mutter, die sie seit Kindertagen immer tyrannisierte, wird kurz vor ihrem krankheitsbedingten Tod zugänglich und entwickelt nahezu liebenswerte Züge. Seras Vater offenbart der Tochter, dass sie aufgrund seines Seitensprungs einen Halbbruder hat.
Mit Nell, ihrer besten Freundin und Hausmitbewohnerin, macht sie sich auf den Weg nach Leipzig, um ihren Halbbruder Marten kennen zu lernen. Dieser verliebt sich Hals über Kopf in Nell und zieht zu ihr nach Berlin.
Ich habe eine schlichte Lebensphilosophie, die eigentlich recht trivial klingt: Für mich sind Liebe und Freiheit neben der Gesundheit die wichtigsten Dinge im Leben. Ohne Freiheit gibt es keine wahre Liebe, so hell und beschwingt wie ein erwachender Sommertag am Meer. Und ohne wahre Freiheit, jenem Fehlen von moralisierenden Vorschriften, die nämlich nur ein Ziel haben: den farbenfrohen Glanz einer Gesellschaft in ein tristes grau zu verwandeln, kann es keine echte Liebe geben. Keine Liebe zu anderen Menschen und keine Liebe zu Idealen, von denen Freundschaft, Hilfsbereitschaft und persönliches Glück die wichtigsten für mich sind. Diese Erkenntnisse sind mir beim Niederschreiben der Ereignisse der vergangenen Jahre klar geworden. Freiheit und Liebe sind in meinem Leben untrennbar miteinander verwoben und bilden die Voraussetzung für jede unverschleierte Wahrheit.
Umso weniger hätte ich gedacht, dass meine bescheidene Sicht auf das Leben einmal als Vorlage für eine autobiografische Erzählung dienen könnte. Dafür waren meine Kinder- und Jugendjahre viel zu normal und unspektakulär, nicht anders als bei den vielen abertausend Gleichaltrigen, die in den 1970er und frühen 1980er Jahre aufgewachsen sind. Doch irgendwann brach das Leben über mich herein. Im persönlichen Umfeld war meine Scheidung der Auslöser für eine Kette von Veränderungen, die in einigen Wagnissen und Experimenten mündeten, von denen ich nie so richtig wusste, ob sie gut ausgehen werden. Aber auch weltgeschichtliche Ereignisse wie der Berliner Mauerfall am 9. Novembers 1989 sowie die terroristischen Anschläge des 11. Septembers 2001 wirkten sich auf unterschiedlichste Weise auf mein Leben aus und beeinflussen es bis heute. Das Schreiben dieses Buches hat mir dabei geholfen, mich in meinem Leben wieder besser zurecht zu finden, denn manchmal war ich durch die Wucht der Ereignisse, die über mich herein brachen, völlig überfordert. Dann stand ich da wie ein desorientiertes vierjähriges Mädchen, das im Gewusel einer überfüllten Einkaufsstraße seine Eltern verloren hatte. Allerdings war ich mittlerweile erwachsen, zumindest nach der Zahl meiner Lebensjahre. Wie sinnentleert das Wort „erwachsen“ ist, begriff ich erst als meine Kinder in mein Leben traten. Auch für sie verfasste ich diesen autobiografischen Roman, denn meine drei Jungs teilen mit mir ihre Neugier und unbändigen Hunger nach Leben. Wenn sie einmal größer sind, sollen sie durch die Lektüre dieser Erinnerungen begreifen, wer ihre Mutter war, was sie fühlte, wen sie liebte und wovor sie sich fürchtete während eines Lebensabschnitts, den man die besten Jahre im Leben zu nennen pflegt. Dieses Buch ist meine Liebenserklärung an Freiheit, Toleranz und meine Heimatstadt Berlin. Gewidmet habe ich dieses Buch allerdings meiner verstorbenen Mutter, obwohl unser Verhältnis alles andere als harmonisch war. Das änderte sich erst in den letzten Monaten ihres Lebens als ich den Eindruck gewann, sie wolle mit sich und ihrer Familie ins Reine kommen, bevor sie diese Welt verließ. Sie war auf einmal zugänglich und nicht so verbiestert wie ich sie von Kindesbeinen an kannte und fürchtete. In ihren letzten Monaten fiel diese Maske aus Distanziertheit, die nichts anderes war, als ihre Art von Schutz, um die in ihrem Leben erlittenen seelischen Verletzungen zu ertragen.
„Besser wäre nicht auszuhalten“, antwortete ich ihm auf die Frage wie es mir geht. Allerdings schien meine Mimik nicht ganz zu der Aussage zu passen, denn er sah mich durchdringend an. Es war der gleiche Blick, mit denen er seine Schüler im Physik- und Mathematikunterricht ansah während er auf die Beantwortung seiner Fragen wartete. „Besser wäre nicht auszuhalten“, wiederholte ich monoton. Ich starrte durch das Zugfenster auf die vorbei ziehende Landschaft. Dann wandte ich mich ihm wieder zu und wusste, dass ich heute wie damals keine Chance hatte ihm die Wahrheit vorzuenthalten. Dies zu akzeptieren fiel mir heute als Erwachsene sichtlich schwerer als damals als ich noch die pubertierende Göre auf der Penne war.
„Ich möchte eher ein weniger stressiges Leben führen. Die letzten zehn Jahre, meine katastrophale Ehe und die Scheidung haben sehr an mir genagt. Ich sehne mich nach einem möglichst stressfreien Neuanfang: unbelastet, unbeschwert und selbst bestimmt. Vielleicht ist das ja auch nur so ein Gefühl, wenn man auf die Zukunft hofft und glaubt alles haben zu können, was einem die Vergangenheit nicht bieten konnte.“
„Du wirst das schaffen. Da bin ich ganz sicher. Aber hüte dich davor, die Unebenheiten in deinem Leben glattbügeln zu wollen. Sie gehören zu deinem Leben und machen es doch auch irgendwie interessant“, entgegnete er mir.
„Glattbügeln“, wiederholte ich und strich dabei unbewusst über die knitterfreie weiße Decke unseres Tisches. „Ja, wenn das mit dem Glattbügeln so einfach wäre. Wissen sie, ich meine weißt du, ich will es in nächster Zeit nur etwas weniger turbulent. Das täte mir schon ganz gut.“
Es ging mir noch nicht so einfach über die Lippen, einen ehemaligen Lehrer zu duzen und ihn bei seinem Vornamen Kay-Uwe zu nennen.
„Torben, trink Deinen Kakao anständig“, wies ich meinen Jüngsten zurecht, der neben Merlin, seinem älteren Bruder, am Nachbartisch saß, und sich einen Spaß daraus machte, mit dem Strohhalm kräftig in den Kakao zu blasen. Die Tischdecke war schon voll von klebrigen braunen Kakaospritzern.
Der Zufall wollte es, dass wir während der Fahrt im Großraumwagen direkt hinter Herrn Reiter saßen, der in Frankfurt am Main zugestiegen war und wie auch wir nach Berlin reiste. Nach wenigen Minuten sprach er mich an und fragte mich, ob ich nicht eine ehemalige Schülerin von ihm sei. Nachdem ich ihn intensiv betrachtete, erkannte ich in ihm meinen ehemaligen Lehrer. Seine Haare waren vollständig ergraut und im Gesicht hatte er einige Falten dazu gewonnen, die ihn in meinen Augen jedoch nur interessanter erscheinen ließen.
„Serafina, ich habe dich zuerst an deiner Stimme erkannt. Dann habe ich dich angeschaut und war sicher, dass du es bist. Das muss doch gut und gerne fünfzehn Jahre her sein, als ich deine Jahrgangsstufe unterrichtet habe.“
„Ja, fast. Ich habe vor vierzehn Jahren Abitur gemacht, danach mit einem Germanistikstudium begonnen und dann …“, ich wies mit dem Kopf auf Torben und Merlin. Herr Reiter lud mich und die Kinder nach einer Stunde Plauderei im Großraumwagen in das Zugrestaurant ein. Da ich ihn trotz der Fächer, in denen er mich damals unterrichtete, immer noch sehr sympathisch fand, nahm ich seine Einladung an. Es schien ihn ehrlich zu freuen. Wir unterhielten uns im Restaurant über unsere Schulklasse und meine ehemaligen Mitschüler, zu denen ich, bis auf ganz wenige Ausnahmen, keinen Kontakt mehr hatte. „Deine Abiturklasse veranstaltet alle zwei Jahre ein Klassentreffen, zu dem ich als euer früherer Klassenlehrer bisher auch immer eingeladen war. Bis auf eine krankheitsbedingte Ausnahme habe ich daran immer teilgenommen. Du hast allerdings immer gefehlt.“
„Ja. Das ist richtig. Nach meiner Heirat bin ich nach Offenburg gezogen. Die Einladungen gingen wohl an die falsche Adresse“, entschuldigte ich mein Fernbleiben fadenscheinig. Meine Mitschüler hatten ja meine alte Berliner Wohnanschrift, jene Adresse meiner Eltern, an die sie sicherlich die Einladungen verschickt hatten. Doch warum sollte ich Kay-Uwe Reiter damit langweilen, dass meine Mutter wohl keine Veranlassung sah, meine Post weiterzuleiten. Wahrscheinlich schmiss sie alle an mich adressierten Sendungen einfach in den Papiercontainer, da sie sicherlich glaubte, es könne sich nur um Werbung handeln. „Die anderen würden sich riesig freuen, wenn du zum nächsten Klassentreffen kommen könntest“, behauptete Herr Reiter.
„Ja, vielleicht“, entgegnete ich unentschlossen. Dann sprach er noch von seinen drei erwachsenen Kindern, die in Brüssel, Stockholm und Wien lebten und erfolgreiche Karrieren eingeschlagen hatten. „Als die Kinder aus dem Haus waren, hat mich meine Frau verlassen. Ist das nicht verrückt. Sie lernte einen Typen bei einem Windsurfkurs auf Sylt kennen und meinte danach, ihrem Verlangen nachgeben zu müssen. Jetzt lebt sie seit fünf Jahren auf der Insel und hat alles hinter sich gelassen. So einfach, von jetzt auf gleich. Daran hatte ich ganz schön zu knabbern.“ Nun schaute er durch das Zugfenster als versuchte er im schemenhaften Nirgendwo seine ehemalige Frau zu erspähen.
„Wie spät ist es eigentlich?“, fragte ich ihn und riss ihn damit aus seinen Gedanken.
Er blickte auf seine Armbanduhr. „Es ist zehn vor sechs“, antwortete er monoton.
„Was schon so spät?“, fragte ich ungläubig.
Bevor ich mich eilig von Kay-Uwe verabschiedete, bedankte ich mich für seine Einladung ins Zugrestaurant und für das Gespräch. „Vielleicht sehen wir uns beim nächsten Klassentreffen wieder“, rief er mir nach als ich mit den Kindern zu unserem Gepäck im Großraumwagen strebte.
„Merlin, vergiss deinen Rucksack nicht! Torben, pack bitte deine Spielsachen ein!“
Ich freute mich auf die Stadt, in der ich aufgewachsen war. Wie hatte ich sie in den letzten zehn Jahren vermißt. Und wie oft heulte ich nachts, weil mich die süddeutsche Provinzstadt so nervte. Nach der Trennung von Jürgen, dem ich nach unserer Heirat in die morbide Öde seiner Heimat gefolgt war, wollte ich den Neuanfang wagen. Den Kindern würde Berlin bestimmt gefallen. Na gut. Während der Zugfahrt haben sie schon oft gefragt, wie oft und wann sie ihre Freunde aus Offenburg sehen dürfen.
„Wir erreichen in wenigen Minuten den Bahnhof Zoologischer Garten. Wir danken ihnen für die Reise mit der Deutschen Bahn.“ Bis zur Fertigstellung des neuen Berliner Hauptbahnhofs sollten noch einige Jahre vergehen und unser Zug hielt an jenem Überbleibsel aus der Zeit des kalten Krieges, das mir seit Kindertagen vertraut war. Die dröhnend laute Ansage des Zugchefs riß mich aus den Gedanken. Würden sich die Kinder in der Stadt, die sie nur von Besuchen bei Ihren Großeltern und ihrem Onkel kannten, zurechtfinden?
„Mama, wer holt uns ab? Kommen Oma und Opa zum Bahnhof?“
Die Fragen meines Jüngsten trafen mich wie ein Pfeil. Meine Eltern wußten noch gar nicht, dass ich wieder nach Berlin zurückziehe. Wie sollten sie uns dann abholen? Das Drama wäre ohnehin vorprogrammiert gewesen. Meine Mutter Gesine würde nur nörgeln, sich über die Kinder beklagen und mir vorwerfen, dass es ohnehin kein Mann lange mit mir aushält.
„Torben, erinnerst du dich noch an Tjark?“ Der holt uns ab und dann fahren wir gleich in die neue Wohnung.“ Ich kannte Tjark seit etwa vierzehn Jahren. Wir lernten uns während des Studiums im ersten Semester kennen und haben uns seitdem nie aus den Augen verloren. Er hat eine beispiellose Karriere gemacht. Natürlich würde er das selbst niemals zugeben. Tjark verbrachte schon mehrere Urlaube mit mir und den Kindern. Immer dann, wenn Jürgen nicht mit der eigenen Familie verreisen konnte oder wollte. Letzteres traf in vergangenen Jahren immer häufiger zu. Jürgen hatte nichts gegen meine gemeinsamen Reisen mit Tjark, denn er sah ihn nie als Nebenbuhler. Wie denn auch? Tjark stand sexuell nicht auf Frauen.
Auf einmal – eigentlich wie aus heiterem Himmel - hatte Jürgen auch nichts mehr dagegen einzuwenden, dass ich zusammen mit den Kindern in meine Heimatstadt Berlin ziehe. Es war plötzlich so einfach, sein Einverständnis zu bekommen, nachdem er dieses wahnsinnig attraktive Jobangebot erhalten hatte. Ja, er mochte Australien. Während unserer Ehe reiste er zweimal alleine dorthin. Ausgerechnet immer dann, wenn ich hochschwanger und reiseuntauglich war. Ich vermutete, dass eine Australierin sein Interesse an dem fernen Kontinent geweckt hatte. Beweisen konnte ich es ihm nicht. Er faselte immer etwas von der unvergleichlich schönen Landschaft, dieser Weite und den riesigen Entfernungen. Vor allem meinte Jürgen, die Australier seien viel entspannter. Ausgerechnet er musste das sagen! Entwickelte sich Jürgen doch während unserer Ehe zu einem nie gekannten Spießer und Langweiler. Manchmal ertappte ich mich dabei zu denken, dass ich der Grund für seine Langweile sei. Aber ich war immer die Aktiviere von uns beiden und ließ über Jahre nichts unversucht, um Jürgen zu motivieren, aus jedem Tag einen besonderen Tag zu machen. Irgendwann hätte ich auch Steine zum Tanzen gebracht, aber Jürgen aus dem von selbst auferlegten Ritualen geprägten Alltagsgefängnis zu befreien, schien ein aussichtsloses Unterfangen. Ich kam zu dem Schluss, dass er meiner überdrüssig war.
Genau deshalb kam ihm dieses lukrative Arbeitsangebot aus Sydney wie gerufen. Er wollte weg und ich konnte ihn nicht halten. Unser Ende der Fahnenstange namens Ehe war erreicht. Der nahtlose Übergang zum formalen Akt der Scheidung war nicht mehr aufzuhalten.
Bereits in der letzten Phase unserer Ehe waren die Kinder und ich Jürgen nicht mehr wichtig. Wir hatten uns über die Jahre auseinander gelebt. Selbst das Argument, die Kinder brauchen in diesem Alter noch einen Vater, den sie regelmäßig sehen können, quittierte er mit einem süffisanten Lächeln und der Bemerkung, die Kinder könnten ihn ja in Australien besuchen. Wie witzig! Sollte ich die Kinder jedes Wochenende ins Flugzeug setzen? Das Wochenende wäre vorbei, bevor sie überhaupt in Sydney landeten. Und hätte er die immensen Reisekosten für die Kinder übernommen? Davon sprach er natürlich kein Wort. Jürgen machte es sich so einfach. Zumindest versprach er uns, zwei Mal im Jahr nach Deutschland zu kommen, um seine Kinder zu sehen. In Sydney verbrachte er dann allerdings nur wenige Monate, denn er erhielt alsbald ein Angebot aus Launceston, einer Stadt im nördlichen Teil der Insel Tasmanien, die dem australischen Festland südöstlich vorgeschoben ist. Dort plante ein internationaler Konzern am Ufer des Flusses Tamar die Errichtung einer Papiermühle. Jürgen war Verfahrensingenieur mit dem Schwerpunkt chemische Prozesse und schien sich auf die neue Aufgabe, die er als Chance zur Profilierung begriff, zu freuen. In der Fabrik sollte aus Holz mittels Chemikalien Papierbrei hergestellt werden. Nach aller Euphorie, die Jürgen für seine neue Tätigkeit an den Tag legte, unterschätzten die Beteiligten wohl die starke Fraktion der Umweltschützer, die in der Papiermühle den Versuch sahen, eines der wenigen verbliebenen Paradiese auf Erden zu eliminieren. Winzer, freie Gruppen und überzeugte Aktivisten setzten alles daran, den Bau der Papiermühle zu verhindern. Jürgen nahm diesen Konflikt zuerst nicht wahr. Allerdings änderte sich dies als er bei einer Wanderung durch den Franklin-Gordon Wild Rivers National Park eine einheimische Biologin aus Hobart, der im Südosten der Insel gelegenen größten Stadt Tasmaniens, kennenlernte. Sie hieß Mary McGregor und muss Jürgen wohl die Leviten gelesen haben, denn kurz danach quittierte er seine Arbeit im Planungsstab zur Vorbereitung des Baus der Papiermühle. In seinen E-Mails an mich und die Kinder nahm Jürgen plötzlich die Position der Umweltschützer ein.
„Sera, ist es nicht Wahnsinn, dass ich beinahe ein Projekt mitgeplant hätte, dass dazu führt, täglich 64.000 Tonnen mit gefährlichen Chemikalien kontaminiertes Wasser in den Fluss zu leiten. Dadurch ginge die Einzigartigkeit der Biodiversität des Landstriches, jene unvergleichliche Flora und Fauna, in großen Teilen unwiederbringlich verloren. Mary hat mir die Augen geöffnet und ich bin ihr sehr dankbar dafür. Übrigens, wir, das heißt Mary ihre beiden Kinder Michelle und Michael und ich, leben nun zusammen in Hobart am Hang des Mount Wellington mit einem fantastischen Blick über die Stadt hinweg hinüber zum Hafen und dem Meer.“
Was sollte ich dazu sagen? Uns verlässt er und dort lässt er sich mit einer Frau und zwei Kindern ein. Seine elektronischen Nachrichten waren auch plötzlich in einem mir bislang unbekannten gestelzten Deutsch verfasst. Das war bestimmt dem Einfluss dieser neuen Frau zu verdanken. Den beiden Jungs schrieb er ein- bis zweimal pro Woche eine E-Mail, in denen er häufig über seine Erfahrungen in der Wildnis und seine Aktivitäten zum Schutz der bedrohten Pflanzen- und Tierwelt Tasmaniens berichtete. Oft hängten an der E-Mail Bilder von Tieren, die er mit seinem Fotohandy aufgenommen hatte. Einmal gelang ihm sogar ein Schnappschuss von dem tasmanischen Teufel. Diese Gattung war durch eine merkwürdige ansteckende Krankheit in der Population sehr dezimiert worden. Deshalb beteiligte sich Jürgen zusammen mit seiner neuen Lebensgefährtin Mary an dem Programm „Rettet den Tasmanischen Teufel“. Eine E-Mail machte besonderen Eindruck auf die Kinder:
„Lieber Merlin, lieber Torben, ich will euch berichten, was euer Vater hier am anderen Ende der Welt so treibt. Es gibt hier ein einzigartiges Tier, den tasmanischen Teufel, der seit etwa 1996 von einer schlimmen Krankheit geplagt wird, die zum Tod der Tiere führt. Die Tiere leiden dabei unter einer Art Krebs im Gesicht, der sich im Lauf der kurzen und heftigen Krankheit auch auf den gesamten Körper ausbreitet. Nach wenigen Wochen sind die Tiere dann tot. Vor kurzem hat man herausgefunden, dass der Gesichtskrebs des tasmanischen Teufels ein Nervenscheidentumor ist, der sich aus einer Zelle entwickelt hat, die man Schwann’sche Zelle nennt. Das Abwehrsystem der Tiere erkennt die Krebszellen aber nicht als Feind des Organismus, weil der Gesamtbestand der Tiere zu wenig durchmischt ist – man nennt das auch Inzucht. Ich arbeitete mit meiner Freundin Mary daran, dass die Krankheit sich nicht weiter ausbreitet, sonst wird das Gleichgewicht der Tiere hier durcheinander gebracht. Der tasmanische Teufel ist nämlich ein Aasfresser. Durch den Rückgang der Zahl der Teufel hier auf Tasmanien hat sich bereits ein anderes Tier stark ausgebreitet: der Rotfuchs. Dieser bedroht aber andere heimische Tierarten, so dass die Regierung seine Ausrottung beschlossen hat. Um den tasmanischen Teufel zu retten, werden wir fünfzehn gesunde Tiere auf Maria Island ansiedeln. Das ist eine kleine Insel östlich vor Tasmanien. So wollen wir versuchen, dass die gesunden Tiere sich vermehren und die Art erhalten bleibt. Das ist sehr wichtig, denn es ist hier schon früher einmal eine einzigartige Tierart ausgestorben, nämlich der tasmanische Tiger. Das letzte Exemplar dieser Art starb im Jahr 1936 im Zoo, denn in der Natur gab es ihn schon nicht mehr. Deshalb bitte ich euch: Seid brav und achtet auf die Natur. Sie wird es euch danken. Euer euch liebender Vater.“
Nachdem Jürgen nach Australien gedüst war und offenbar sein neues Glück als Umweltschützer und in einer neuen Beziehung gefunden hatte, konnte mich nichts mehr im badischen Offenburg halten. Es erforderte lediglich einige Monate, um die Kinder auf diese Veränderung vorzubereiten. Ich wollte sie nicht mitten im Schuljahr aus ihrer vertrauten Umgebung reißen. Aber meine Ungeduld machte mir immer stärker zu schaffen. Die Zeit verging mir nicht schnell genug. Nur raus aus diesem Provinznetz, das ich immer als engen Käfig empfunden hatte. Ich ertappte mich oft dabei, dass ich ausschließlich meine Bedürfnisse in den Vordergrund stellte, ohne die Interessen meiner Kinder angemessen zu berücksichtigen, die doch ihr bisheriges Leben in dem von mir zu keiner Zeit mit besonderer Liebe bedachten Ort verbracht hatten.
Seit dem letzten Jahreswechsel, jener katastrophalen Sylvesternacht, begann ich die Tage bis zu unserem Umzug nach Berlin zu zählen. Ich hatte einige Freunde in meine bescheidene Offenburger Wohnung eingeladen. Wir waren etwa fünfzehn Erwachsene und sechs Kinder. Allerdings gönnte mir mein Nachbar aus der oberen Etage, dieser bornierte Spießer, diese Feier nicht. Abends um halb neun stand bereits die Polizei an meiner Wohnungstür.
„Der über ihnen wohnender Nachbar hat sich über den Lärm beschwert. Er sagt, dass der Krach aus ihrer Wohnung ihn daran hindert, mit seiner Familie in Ruhe und Frieden zu Abend zu essen“, erklärte mir einer der beiden Polizisten mit starkem badischen Akzent.
„Wir sind doch gar nicht laut. Außerdem ist doch Sylvesterabend. Darf man an diesem Tag nicht einmal feiern?“, fragte ich ihn ungläubig.
„Machen sie die Musik bitte leiser!“, bat mich der Polizist. Das neue Jahr hatte noch nicht begonnen, da standen die Polizisten erneut vor meiner Wohnungstür. Angeblich hätte eine meiner weiblichen Gäste meinen Nachbarn gebissen. Ich verstand überhaupt nichts mehr. Als ich tanzte, stand wohl mein verständnisloser Nachbar vor der Tür. Ich bekam davon nichts mit. Mein Nachbar, Herr Henle, beschwerte sich persönlich über den Lärm. Man bat ihn hinein, doch er lehnte ab. Stattdessen wollte er die Anwesenden mit seinem Camcorder filmen. Dies wiederum wollten die Gäste nicht und untersagten es ihm. Herr Henle zeigte sich davon unbeeindruckt und filmte zu Beweiszwecken die Anwesenden. Meine Freundin Patricia lief dann doch die Galle über und nahm ihm den Camcorder ab. Herr Henle wurde daraufhin handgreiflich, zerrte Patricia in den Hausflur und versuchte ihr den Camcorder zu entwinden. Patricia ließ sich dies nicht gefallen und biss Herrn Henle in die Hand. Nun erstatte mein Nachbar Anzeige wegen Körperverletzung. Herr Henle konnte Patricia nur äußerlich beschreiben.
„Der weibliche Täter ist nach Angaben ihres Nachbarn etwa Anfang dreißig Jahre alt mit dunkelblonden, mittellangen Haaren. Auf wen trifft diese Beschreibung zu?“, fragte mich der Polizist. „Zum Beispiel auf mich“, antwortete ich ihm. „Das hat ihr Nachbar bereits ausgeschlossen“, erhielt ich zur Antwort. „Es sind sicherlich noch sechs andere Frauen heute Abend hier, auf die diese Beschreibung zutrifft“, gab ich zu bedenken. „Dürfen wir herein kommen, um uns diese Frauen einmal anzusehen“, fragte der zweite Polizist. „Bis zur Schwelle und keinen Schritt weiter“, wies ich die Vertreter der Staatsmacht genervt in ihre Grenzen. „Das ist ihr gutes Recht. Dann müssen die sechs Frauen eben zu uns kommen. Sie sollen ihre Ausweise bitte nicht vergessen, da wir die Personalien aufnehmen müssen“, ordnete der etwas ältere der beiden Polizisten an. Unmittelbar nachdem er von Patricia die Personalien aufgenommen hatte, knallten draußen die Feuerwerkskörper, um das neue Jahr zu begrüßen. „Prost Neujahr, ihr Lieben“, wünschte Patricia den beiden Polizisten und erhob ihr Sektglas, das sie in einem Zug leerte. Zu Beginn des neuen Jahres erhielten die sechs Frauen, deren Personalien die Polizisten aufgenommen hatten, eine Vorladung ins Präsidium und wurden Herrn Henle gegenüber gestellt, der Patricia als Beißerin identifizierte. Sie gab dann alles zu und wurde vor Gericht zu einer Geldstrafe von 600 Euro verurteilt. Das war ein wirklich übler Start in ein neues Jahr. Ich tröstete mich mit meinem im darauf folgenden Sommer bevorstehenden Umzug nach Berlin. „Dort wird alles besser werden“, hoffte ich im Stillen. Herr Henle und seine ebenso borniert wie einfältige Frau grüßten mich seit dem Vorfall in der Sylvesternacht nicht mehr. Ihren beiden Kindern hatten sie verboten, mit meinen Kindern zu spielen oder zu reden. Herr Henle wusste, dass Jürgen mich verlassen hatte. Mein feiger Nachbar Henle riskierte es also nicht, von meinem Ehemann ungespitzt in den Boden gerammt zu werden, wenn er sich über Nichtigkeiten wie die vielleicht geringfügig zu laute Musik in der Sylvesternacht beschwerte. Wäre Jürgen noch bei mir geblieben, hätte Henle diese Nummer nie abgezogen. Nein! Ich war ein gefundenes Opfer. Das glaubte Nachbar Henle. Ich hatte die Nase voll von den Henles dieser Welt und glaubte fest, diese ganze beknackte Spießigkeit der Provinz in meiner Heimatstadt Berlin hinter mir lassen zu können.
Die Kinder verkrafteten die neuen Umstände recht gut. Nicht nur die Tatsache des bevorstehenden Umzugs, sondern auch den erst wenige Monate zurückliegenden Weggang ihres Vaters. Merlin, mein Ältester, sagte mir einmal, dass es für ihn viel schlimmer wäre, wenn ich nach Sydney ginge. „Aber Papa, das ist schon in Ordnung. Er kann uns ja besuchen und wir besuchen ihn.“ Bei Torben, meinem Jüngsten, war das nicht so einfach. Obgleich er sehr auf seinen Vater fixiert war, sprach er nicht viel über die Scheidung. Ich spürte, dass ihn das irgendwie belastete. Man konnte jedoch nicht zu Torben durchdringen. Er kam sich wohl irgendwie doppelt verlassen vor. Zum einen durch die Scheidung, die jedoch ausdrücklich das gemeinsame Sorgerecht vorsah, wobei die Kinder die Wochenenden bei Jürgen verbringen sollten. Zum anderen – etwa ein Jahr nachdem die Scheidung rechtskräftig war - durch den Umzug Jürgens nach Australien. Jürgen wusste um die Einmaligkeit seiner Chance. Er hat auch nie darüber gesprochen, die Kinder mit nach Sydney zu nehmen. Darüber war ich sehr froh, denn ich denke, insbesondere Merlin wäre dieser Ortswechsel nicht gut bekommen.
Langsam kam der ICE zum Stehen. „Kinder, bleibt in meiner Nähe, damit ihr auf dem überfüllten Bahnsteig nicht verloren geht.“
„Mama, wo ist Tjark?“, wollte mein Ältester wissen.
„Hier sind so viele Menschen, Merlin, ich kann ihn noch nicht sehen. Der Bahnsteig ist so lang.“ – Mein Blick schweifte nach rechts und links. Leider bin ich nur mittelgroß, so dass ich nicht über die zahllosen Köpfe hinweg sehen konnte, um Tjark leichter ausfindig zu machen. Nach einigen Sekunden sah ich ihn auf dem Bahnsteig. „Oh, nein, Tjark! Was tut er mir da wieder an?“, dachte ich mir. Er hielt ein überdimensioniertes Plakat in die Höhe, auf dem geschrieben stand: „Sera, heirate mich!“ Die Leute schauten schon. „Ist das nicht total süß?“, fragte eine Passantin ihren Begleiter. In der Frage schwang der Unterton des Vorwurfs mit – gemäß dem Motto: „Warum bist du nicht so originell?“
„Typisch Tjark!“ Schon während des Studiums war das ein geflügeltes Wort. Er hatte das Plakat zwischenzeitlich gewendet. Auf der Rückseite stand: „Natürlich nur wegen der Steuer!“ Manche Bahnhofspassanten mussten herzhaft lachen, andere schüttelten den Kopf und wandten sich ab. Auch die junge Frau, die ihren Begleiter mit dem subtilen Vorwurf im Gewand einer rhetorischen Frage konfrontierte, sah nun deutlich enttäuscht aus. Dafür grinste ihr Begleiter triumphierend.
„Willkommen in Berlin, Sera! Jungs, wie geht es euch?“ Er küsste mich freundschaftlich auf die Wangen. Merlin und Torben umarmten ihn und es schien, dass sie sich wirklich freuten, meinen langjährigen Freund wieder zu sehen. Tjark nennt mich schon immer bei meinem verkürzten Vornamen Sera und nicht bei der Langform Serafina. Ich weiß nicht, welches Zeug meine Eltern eingeworfen hatten, als sie sich entschlossen, mir diesen unmöglichen Vornamen zu geben. Es muss ein teuflisches Gebräu gewesen sein. Wie oft wurde ich als Kind wegen meines Vornamens gehänselt. In der 5. Schulklasse schrieb mir der elfjährige Tom einen Liebesbrief. Dieser endete mit den Zeilen: „Serafina, hör‘ mein Flehen. Laß mich endlich mit Dir gehen!“
Seit mich Tjark Sera nannte, hatten viele andere Freunde und Bekannte diese Abkürzung übernommen. Mein Vater tat es ohnehin schon lange. Meine Mutter nie. Tjark mochte den hebräischen Ursprung meines Namens: Seraphin, der Engel an Gottes Thron. Ich war mir nie sicher, ob meine Mutter sich der Bedeutung des Namens bewußt war, oder ob sie diesen nicht rein zufällig beim Friseur in einer der Frauenillustrierten unter der Rubrik ‚besondere Mädchennamen‘ entdeckte und daraus folgerte, dass aus mir als zukünftige Namensträgerin möglicherweise auch etwas Besonderes werden könnte. Die Erwartung meiner Mutter habe ich wohl glatt verfehlt.
„Wie war eure Zugfahrt und wie habt ihr euch die Zeit vertrieben?“, erkundigte sich Tjark bei den Jungs.
„Wir haben gespielt und Kakao getrunken. Ein alter Lehrer von Mama hat uns eingeladen. Dann hat er mit Mama über das Bügeln gesprochen. So ein Quatsch hat meine Klassenlehrerin noch nie erzählt“, kommentierte Torben in seiner frei von jedem Zweifel stehenden Art. Tjark sah mich fragend an. „Ach, mein früherer Klassenlehrer saß auch im Zug und hat mich wieder erkannt. Wir haben uns dann unterhalten, was in den vergangenen Jahren so alles in unseren Leben passiert ist. Das war alles. Und das mit dem Bügeln. Ja, das ist nicht so einfach zu erklären. Vielleicht ein anderes Mal“, versuchte ich ihm darzulegen.
„Ist schon in Ordnung, Sera. Bügeln ist ohnehin nicht so mein Ding“, entgegnete Tjark.
„Sera, gib mir die Koffer! Lass uns ein Taxi nehmen“, schlug Tjark vor.
„Oh schade, wir haben uns so auf die Fahrt mit der U-Bahn gefreut. So was gibt es bei uns in Offenburg nicht. Bitte, Mama!“, bat mein Jüngster inständig.
Ich warf Tjark einen kurzen Blick zu, den er sofort verstand.
„Wenn ihr wirklich wollt: einverstanden. Die Wohnung ist ohnehin nicht weit vom U-Bahnhof entfernt und sie wird euch bestimmt gefallen“, versprach Tjark.
Wir lösten die Fahrkarten, entwerteten sie und stiegen die Treppe zur U-Bahnlinie 9 hinunter. Der U-Bahnverkehr an diesem warmen Augustabend war unregelmäßig. Eine Gruppe junger Leute vertrieb sich die Wartezeit, indem sie sich im Kreis auf den Boden des Bahnsteigs setzten. Sie unterhielten sich und aßen und tranken dabei. Eine Familie - allem Anschein nach Berliner Urgestein – kam wohl aus dem nahegelegenen Tiergarten. Sie klappten ihre Campingstühle auf und nahmen darin Platz- links der Vater, rechts die Mutter, dazwischen die drei Kinder. Der mit Bermudashorts und offenem Hawaiihemd bekleidete Familienvater nahm ein Bier aus der mitgebrachten Kühltasche und öffnete es. Nachdem er einen langen Schluck des Gerstensafts genommen hatte, folgte ein wohlig langgezogenes „Ah“, das durch einen ohrenbetäubenden Rülpser abrupt beendet wurde. Ich sah Merlin, Torben und Tjark an. Wir konnten unser Gelächter nur mit Mühe unterdrücken. Ich war also wieder in Berlin. Nach wenigen Minuten kam die U-Bahn. Wir fuhren in Richtung Norden und stiegen am Nauener Platz aus. Tiefster Wedding. Ich ahnte Schlimmes. Tjark hatte sich auf das Abenteuer eingelassen, ein nicht renoviertes Mietshaus unweit des Humboldthains zu kaufen. Das Kapital dafür stammte aus dem Verkauf des Unternehmens, das er aufgebaut und sechs Jahre lange geführt hatte.
„Ich mag die Gegend hier. Sie ist zwar hart, aber dafür nicht so hoffnungslos künstlich wie die in Mode geratenen Bezirke Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain. Außerdem habe ich das Haus günstig bekommen. Für den Preis hätte ich im Prenzlauer Berg nicht einmal eine Dachgeschosswohnung kaufen können. Und die Leute hier im Haus sind auch in Ordnung. Etwas verschroben, aber in Ordnung. Lass dich überraschen, Sera“, empfahl mir Tjark. „Na, dann passe ich als geschiedene Frau mit zwei minderjährigen Kindern wohl gut in die Hausgemeinschaft“, spottete ich. „Mit dieser Kombination bist du die Harmloseste im ganzen Haus“, antwortete Tjark. „Hey, du machst mich wirklich neugierig“, entgegnete ich ihm.
Als Kind ermahnte mich meine Mutter, den Wedding zu meiden und keine Freundschaften mit Mitschülern aus diesem Bezirk einzugehen. „Mama, ich habe Hunger“, quengelte Thorben. „Sag mal, hast du nicht erst vorhin im Zug gegessen“, fragte ich verständnislos. „Da drüben ist eine Bäckerei!“, stellte Merlin fest. „Ich habe nämlich auch wieder Hunger. „Tja, Sera, die Sache wäre wohl entschieden.“ Wir gingen in die Bäckerei, die selbst am späten Abend noch geöffnet war. Die beiden Kinder suchten sich jeweils ein Schokocroissant aus. Es gab zwei Bedienungen in dem Geschäft. Beide waren offenbar türkischstämmig und maximal zwanzig Jahre jung. Ich wollte soeben das Geld auf den Tresen legen als wie aus heiterem Himmel drei Kopftuch tragende junge Frauen aus einem Auto, das vor der Eingangstür hielt, in die Bäckerei stürzten und die Verkäuferin, die uns bediente, auf übelste Weise beschimpften. „Wo ist dein Kopftuch, du Schlampe. Wir machen dich fertig, elende Hure. Hast du nicht versprochen im Laden immer das Kopftuch zu tragen. Wie sagen es Vater und unseren Brüdern, dann wird diese Dirnenbenehmen schon ausgetrieben.“
Ich glaubte, meinen Ohren nicht trauen zu können. Die Beschimpfte trug eine dunkelblaue Jeans, die ihre sehr schlanke Figur betonte, sowie eine schwarze Strickjacke über ihrer weißen Bluse. Ihre langen dunklen Haare rahmten ein edel geformtes Gesicht ein, das einen stolzen und selbstbewussten Eindruck machte. Ihre braunen Augen fixierten die drei schimpfenden Furien. „Hey, lasst sie gefälligst in Ruhe. Das ist Dileks Entscheidung, wenn Sie hier kein Kopftuch tragen möchte“, konterte die zweite Verkäuferin im Laden, die selbst ein Kopftuch trug und dezent geschminkt war. „Halt du dein dummes Maul, das geht dich hier nichts an. Das ist eine Angelegenheit unserer Familie. Damit hast du nichts zu tun. Außerdem trägst du ja das vorgeschriebene Kopftuch. Andernfalls hätten wir es deinem Mann gesagt. Du weißt ja selbst, was das für dich bedeutet“, schrie die größte der drei Furien. Ihr Blick war dabei hasserfüllt. „Du hast die Wahl. Hier ist ein Kopftuch. Binde es sofort um oder wir melden dein Benehmen zu Hause.“ Die Furie legte das Kopftuch auf den Tresen. Die Angesprochene rührte es nicht an. „Ich habe mich entschieden, kein Kopftuch zu tragen. Damit müsst ihr klarkommen, denn ich habe keine Probleme damit“, sagte die Beschimpfe ruhig. „Mädels, man sollte nicht meinen, dass ihr alle hier geboren und aufgewachsen seid“, sagte Tjark an die drei Furien gerichtet. „Wer den Islam nicht toleriert und die Gesetze des Korans akzeptiert, sollte besser gar nichts sagen. Oder seid ihr etwa bereit, die christlichen Kreuze aus den Schulklassen zu entfernen, auch wenn darin muslimische Kinder sitzen? Kümmere dich also lieber um deine Angelegenheiten, du Heuchler“, sagte die etwas kleinere der drei Frauen. Ich legte das Geld für die Schokocroissants in die Hand der Beschimpften und berührte sie dabei bewusst in der Weise, dass ich ihre innere Handfläche mit prägnanter Innigkeit kurz festhielt. Sie sah mich mit einem durchbohrenden Blick an und sie lächelte erstmals und nickte mir flüchtig zu. „Stimmt so“, sagte ich und verzichtete auf das Wechselgeld. „Danke, das war wichtig“, antwortete sie mir. Wir verließen den Laden. Erst nach einigen Schritten, hatte ich mich aus der Situation gelöst und konnte sprechen. „Ich glaube es einfach nicht, dass es das heute noch gibt. Hast du dieses Mädchen gesehen. Sie könnte fast meine Tochter sein und muss so kämpfen, um etwas Selbstverständliches durchzusetzen. Hoffentlich ist der Preis dafür nicht zu hoch.“
Tjark lief neben mir. „Das ist die Kehrseite des Bezirks. Leider habe ich den Eindruck, dass es in den vergangenen Jahren extremer geworden ist. Ich hoffe, ich irre mich. Tut mir leid, dass du so etwas gleich nach deiner Ankunft erleben musst“, entschuldigte er sich, obwohl er doch für die Situation gar nichts konnte. „Weißt du, der Migrationsanteil in Weddinger Grundschulen beträgt zum Teil 80 Prozent und mehr. Der überwiegende Anteil der Migrantenkinder stammt aus muslimischen Familien. Das hat dazu geführt, dass beim Zuckerfest, mit dem das Ende des Ramadan gefeiert wird, auch die 20prozentige Minderheit der nicht-muslimischen Kinder schulfrei bekommt, da die Klassen ohnehin verwaist sind. Das wird Merlin und Torben freuen. Sie haben mehr schulfreie Tage hier in Berlin: nicht nur die christlichen Feiertage wie Ostern, Weihnachten und Pfingsten, sondern auch das muslimische Zuckerfest“, flüsterte Tjark mir zu. „Als ich wegzog, war das noch nicht so“, entgegnete ich ihm etwas ungläubig. „Ja, meine liebe Sera, da kannst du sehen, wie lange du schon weg bist“, konterte Tjark süffisant lächelnd.
Die Kinder schwiegen zu dem Vorfall in der Bäckerei, da sie beide zu sehr mit dem Verzehr der Backware beschäftigt waren. Dass dieses Ereignis sie nicht unberührt ließ, stellte ich etwas später fest.
„Der Wedding ist die Schmuddelecke Berlins. Wer dort wohnt, ist am Ende der Gesellschaft angekommen.“ Ich erinnerte mich an die kraftvollen Worte meiner Mutter, die sie mir als Jugendliche mit auf den Weg gab. Ich hatte damals eine Freundin aus meiner Parallelklasse, die im Wedding wohnte. Meine Mutter ließ nicht zu, dass ich sie mit nach Hause brachte. Auch durfte ich sie nicht besuchen, doch ich hielt mich nicht an dieses Verbot, denn meine Neugier war stärker.
Nach der Begebenheit in der Bäckerei ertappte ich mich dabei, meiner Mutter fast Recht zu geben. Wenn ich mir aber Tjark so ansah, musste ich mich fragen, welches Ende der Gesellschaft meine Mutter wohl gemeint hatte. Tjark konnte es sich leisten, nur noch zum Vergnügen zu arbeiten. Des Geldes wegen hatte er es schon lange nicht mehr nötig.
Im Wedding treffen die Gegensätze unserer multikulturellen Gesellschaft ungebremst aufeinander. Toleranz kann dabei als Airbag vor schlimmen Crashs schützen. Allerdings ist dieser besondere Airbag nicht jedem in die Wiege gelegt worden. Das war der erste Eindruck von meiner Heimatstadt, die mir am Tag meiner Wiederankunft, fremd vorkam.
Nach wenigen Minuten Fußweg erreichten wir in der Abenddämmerung das Haus. In einem zur Straßenseite gelegenen Fenster im Parterre lag ein etwas zur Fülle neigender Mann mit verschränkten Armen auf einem Kissen, das er auf das Fensterbrett gelegt hatte. „Guten Abend, Erwin. Alles im Blick?“, fragte Tjark ihn im Duktus einer freundschaftlichen Vertrautheit, die dennoch eine respektvolle Distanz wahrte, um nicht als Anbiederei oder Verbrüderung wahrgenommen zu werden. „N’abend, wünsch ick. Dette sind wohl die Neuen, die jetzt innen Dritten einziehen. Willkommen junge Frau. Wenn ’se Mal Probleme haben sollten, sagen se mir Bescheid. Ick bin Erwin und so wat wie ’n Hausmeester für die Bude hier. Ick meene, für dett Schmuckstück von Haus. Und die beiden Gören sollen gleich wissen, dass meen Treppenhaus keen Spielplatz iss. Habt ihr dett verstanden?“, fragte Erwin meine Kinder mit Respekt einflößender Strenge, hinter der nur Erwachsene ein großes Maß an Schlitzohrigkeit vermuten konnten.
„Schüchtere die Jungs nicht gleich ein, Erwin! Die sind doch erst vor einer halben Stunde hier angekommen. Wir wollen doch, dass sie sich hier im Hause wohl fühlen“, beschwichtigte Tjark.
„Dett sollen se ja och, aber deswegen wird die Hausordnung nicht gleich außer Kraft jesetzt, oder?“, bohrte Erwin nach.
„Ich habe keine Angst vor ihnen“, gab Torben rotzig zur Antwort.
„Ich och nicht vor dir, du Zwerg“, konterte Erwin. Er sah mit der über dem Holzfällerhemd getragenen Lederweste und dem Schnauzbart aus wie ein gutmütiger Seehund, zu dem seine vernarbte Stimme, jenes Merkmal der vom Leben gezeichneten, zumindest auf den ersten Blick nicht so recht passen wollte.
„Somit hätten wir auch das geklärt“, beschwichtigte Tjark halb amüsiert und öffnete uns die Haustür.
„Wenn die alle hier im Haus so sind wie dieser Erwin, dann muss ich meiner Mutter wohl doch recht geben, dass der Wedding ein ganz besonderer Bezirk ist“, sagte ich an Tjark gerichtet.
„Hey, Erwin ist in Ordnung. Das ist ein alter Seebär, der auch noch hervorragend Boxen kann. Er trainiert hier im Wedding ehrenamtlich eine Jugendmannschaft. Vor dem brauchst du keine Angst zu haben. Du weißt doch: Hunde, die bellen, beißen nicht.“
„Ich hoffe, du hast recht“, entgegnete ich ihm als wir das dritte Stockwerk des Hauses erreichten und vor einer Wohnungstür innehielten.
Die Renovierungsarbeiten unseres neuen Berliner Domizils waren wenige Tage vor unserer Ankunft abgeschlossen worden. Tjark selbst hatte sich das geräumige Dachgeschoß ausgebaut. In der dritten Etage des vierstöckigen Gebäudes stand noch eine Dreieinhalb-Zimmerwohnung leer. Diese hatte mir Tjark spontan angeboten, nachdem ich ihn in meine Pläne offenbart hatte, zurück nach Berlin ziehen zu wollen. Merlin und Torben sollten ihre eigenen Zimmer bekommen. Die Wohnung verfügte über zwei Balkone. Der kleinere von beiden ging von meinem Zimmer ab. Auf dem Größeren gelangte man von der Küche. Die Wände waren frisch geweißt, der Dielenboden abgeschliffen und versiegelt. Die Wohnung war nicht luxuriös aber ordentlich. Wichtig war mir der günstige Preis. Die Miete für eine Wohnung in den angesagten Szenebezirken der Stadt hätte ich mir mit meinem eigenen Einkommen und dem unregelmäßig eintreffenden Unterhaltsgeld von Jürgen niemals leisten können.
Die Kinder und ich waren von der langen Zugfahrt sehr müde. Merlin und Torben wollten die erste Nacht in der neuen Umgebung in meiner Nähe verbringen, so dass sie sich an mich schmiegten. Der vorausschauende Tjark hatte uns eine große Matratze aus seiner Wohnung nach unten gebracht und verabschiedete sich an diesem späten Abend mit guten Wünschen zur Nacht. „Ich habe einmal gelesen, dass das, was man in der ersten Nacht in einer neuen Wohnung träumt, oft in Erfüllung geht. Ihr solltet euch eure Träume für heute Nacht ganz bewußt aussuchen.“ „Lieber Tjark, wenn das so einfach ginge“, antwortete ich ihm schon sehr schläfrig. „Gute Nacht, schlaft gut. Ich zeige euch Morgen ein wenig die Umgebung, wenn ihr wollt“, verabschiedete sich Tjark und verließ die Wohnung.
Ich küsste die Kinder. „Gute Nacht Mama“, sagten sie schläfrig. Mir gingen die letzten Monate durch den Kopf, sodass ich noch nicht einschlafen konnte. Torben war zwar auch sehr müde, doch irgendetwas beschäftigte ihn so sehr, dass es ihn am Einschlafen hinderte. „Mama, warum waren die drei Frauen so böse zu der Verkäuferin in der Bäckerei?“, wollte er von mir mit gedämpfter Stimme wissen, denn sein älterer Bruder schlief bereits. „Es gibt immer wieder Menschen, die anderen genau vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben“, versuchte ich ihm das Problem kindgerecht zu erklären. „Du meinst, wie dir Oma auch immer Vorschriften macht.“ Seine Antwort traf mich bis ins Mark. Meine Mutter als weiblicher Imam, die Vorschriften erlässt, die mein Leben in geregelte Bahnen lenken sollten. Ein kurzes Nachdenken über den Vergleich sagte mir, dass Torben vielleicht doch nicht so ganz daneben lag, aber das durfte ich ihm nicht sagen. Sein Verhältnis zu meiner Mutter sollte nicht beschädigt werden.
Nein Torben, das stimmt so nicht ganz. Oma, also meine Mama, hat mir als Kind vorgeschrieben, was ich anziehen soll. Das versucht sie heute auch noch manchmal, aber ich ziehe an, was ich für schön, gut und richtig halte. Oma muss es ja nicht gefallen. Sie kann es nicht ändern, wenn ich einen anderen Geschmack habe als sie. Wichtig ist dann, dass man die Meinung des anderen gelten lässt. Das nennt man Toleranz“, sagte ich ruhig und war sogar ein wenig stolz auf meine pädagogischen Ausführungen.
„Oma ist also nicht Toleranz, weil sie dir immer noch strenge Vorschriften machen will, und die drei Frauen sind Toleranz, weil sie die nette Verkäuferin nachher in Ruhe gelassen haben?“, bohrte er nach. „Mein Schatz, in dem Fall heißt es tolerant. Eine Person handelt tolerant oder auch nicht. Selbst wenn mir deine Oma noch Vorschriften macht, hat es für mich keine Konsequenzen, wenn ich mich nicht daran halte. Das ist bei der jungen Verkäuferin vielleicht anders. Manchmal werden Frauen dann von ihren Vätern, Brüdern oder Ehemännern gehauen, wenn sie sich nicht an die Vorschriften halten. Die Männer sagen dann, sie mussten das Tun, weil die Frauen gegen die Regeln, die ihr heiliges Buch festlegt, verstoßen hätten. Diese Meinung haben aber nicht alle, die das heilige Buch, das man Koran nennt, als ihre einzig gültige Gesetzessammlung ansehen“, erklärte ich ihm.
„Dieser Koran ist so etwas wie die Bibel“, stellte Torben fest. „Ja, das könnte man so sagen. Das, was für die Christen die Bibel ist, heißt bei den Muslimen Koran.“ Er schwieg eine Weile. „Mama, kann es sein, dass Oma, die Bibel, der Koran und tolerant nicht zusammen passen?“, fragte er schon sehr schläfrig.
„Das kommt darauf an, ob man die Liebe zu den Vorschriften der Bibel und des Korans über die Liebe zu den Menschen stellt. Die Vorschriften der Bibel und des Koran sind für und nicht gegen die Menschen gemacht.“, antwortete ich ihm bereits spürbar ermattet und schwerfällig. Merlin schwieg die ganze Zeit. Er schien bereits tief zu schlafen und unserer Unterhaltung nicht gewahr zu werden. „Und was ist mit Oma?“, hakte Torben nach. „Ach ja, Oma. Ich bin jetzt so müde. Lass uns schlafen und ein anderes Mal darüber sprechen“, schlug ich vor. Torben schlief in meinem Arm ein und nun konnte auch ich die Augen schließen.
Am nächsten Morgen weckten mich die ersten Sonnenstrahlen, die sich durch die Scheiben der alten Doppelkastenfenster einen Weg ins Zimmer bahnten. Ich lag noch wenige Minuten auf der Matratze und dachte darüber nach, was ich an diesem Tag alles zu erledigen hatte, als ich durch Musik aus meinen Gedanken gerissen wurde. Sie war nicht laut und schien aus einer der anderen Mietwohnungen zu kommen. Ich hörte eine schöne klare Frauenstimme, die offensichtlich zu einer Klavierbegleitung sang. Es klang wie eine englische Popballade.
Torben und Merlin wachten kurz hintereinander auf. War es die Sonne oder der Gesang, der sie geweckt hatte? Merlin sah mich lächelnd an. „Morgen, Mama!“ Torben, mein kleiner Morgenmuffel, blinzelte noch sehr gegen die Morgensonne an. „Guten Morgen, Torben. Hast Du gut geschlafen?“ Meine etwas provokante Frage, langsam und überdeutlich gesprochen, war bereits ein eingespieltes Ritual. Und ich kannte auch die Antwort, die mir mein Jüngster natürlich nicht schuldig blieb.
„Ja, aber viel zu kurz.“ Merlin und ich mussten lachen, denn Torbens trotziger Tonfall war unverwechselbar. Ich küßte beide Kinder, stand auf und ging ins Badezimmer. Wie gut konnte ich Torben verstehen. Als Kind war auch ich ein Morgenmuffel. Wahrscheinlich hat Torben diese Eigenschaft von mir geerbt. Jürgen war da völlig anders. Er sprang auch an den Wochenenden um sechs Uhr aus den Federn, joggte, kam zurück und duschte, um danach das Frühstück zu bereiten. Allerdings konnte man mit Jürgen nicht einmal einen einzigen Sonntag nur im Bett verbringen. Dazu fehlte ihm die Gemütlichkeit.
Mir war klar, dass ich wie gewöhnlich erst einmal einen Kaffee brauchte, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Nachdem ich aus dem Badezimmer kam, durchstöberte ich die Schränke in der Küche nach Kaffee. Natürlich war alles leer. Wer hätte auch einkaufen sollen? Ich zog mich an. „Jungs, ich schaue einmal oben bei Tjark vorbei. Vielleicht hat er ja einen Kaffee und etwas Essbares. Macht euch fertig. Vergeßt nicht, euch die Zähne zu putzen! Ich bin gleich wieder zurück.“
Ich lehnte die Wohnungstür nur an und stieg die Treppe zur Dachgeschosswohnung hinauf. Auch nach dem dritten Klingeln öffnete er nicht. „Wollte er heute nicht den Kindern und mir die nähere Umgebung zeigen? Womöglich schläft er noch“, dachte ich mir.
Als ich im Treppenhaus vor Tjarks Wohnungstür stand, konnte ich die Musik noch deutlicher hören. Ich folgte der Melodie, die sich wie ein Ohrwurm gleich im Gedächtnis festsetzte. Im zweiten Stock blieb ich stehen. Ja, hier musste es herkommen. Die Wohnung lag genau unter unserer. „Ob ich wohl stören darf, um ein bisschen Kaffee auszuborgen?“, fragte ich mich. Der Refrain der Ballade erklang, als ich zögernd die Klingel betätigte. Augenblicklich verstummte die Musik. Auf dem Türschild befand sich ein buntes Emailleschild, auf dem der Name Nell Johnson stand. Über dem Namenszug befand sich eine für mich undefinierbare Anordnung von erhöhten kleinen Punkten, die sich deutlich von der glatten Emailleoberfläche abhoben. Hinter der Tür vernahm ich sich nähernde Schritte. Die Tür öffnete sich und eine junge Frau, etwa in den Endzwanzigern, stand vor mir. Sie war auffallend hübsch. Nein, das ist schamlos untertrieben. Sie war schön. „Hallo, wer ist es? War ich wieder zu laut?“ Ihr Blick ging an mir vorbei während sie sprach.
„Hallo, ich heiße Serafina und wohne seit gestern mit meinen beiden Kindern über dir. Ich wollte mich nicht beschweren. Im Gegenteil. Du singst sehr einfühlsam. Mit viel Herz. Eigentlich wollte ich nur Fragen, ob du mir etwas Kaffee borgen kannst. Tjark ist leider nicht da oder er schläft noch. Sonst hätte ich ihn gefragt.“ Ihr Gesicht hellte sich auf, so, als sei sie erleichtert, dass ich mich nicht über ihren Gesang beschwere. „Komm doch einfach rein. Ich bin mit dem Üben ohnehin fertig: Einen Kaffee haben wir uns nun wohl beide verdient. Übrigens hat Tjark mir davon erzählt, dass eine langjährige Freundin ins Haus einziehen wird. Schön, dich kennen zu lernen, Serafina. Ich heiße Nell. Nun, komm schon rein, mein Klavier beißt nicht!“
„Die Kinder sind aber noch oben und ich habe ihnen versprochen gleich zurück zu sein.“ „Na, bring sie doch mit. So lerne ich die neuen Hausbewohner gleich komplett kennen.“ „In Ordnung.“ Ich lief die Treppe hinauf in unsere Wohnung. Die Kinder waren bereits angezogen. „Habe ihr euch die Zähne geputzt?“ „Ja, Mama“, schallte es mir entgegen.
Nells Wohnung war sehr stilvoll eingerichtet. Ein schwarzer Steinway-Flügel bildete den Mittelpunkt des geräumigen Wohnzimmers. Wie saßen in der Küche. Für die Kinder fand Nell sogar noch etwas Kakao. Ich hatte den Eindruck, dass Merlin die außergewöhnliche Schönheit Nells sofort wahrnahm. Mein Zehnjähriger schien von der Frau begeistert zu sein. Aufmerksam hörte er ihr zu. „Ich wohne seit drei Jahren in Deutschland. Ich wollte hier studieren. Ursprünglich komme ich aus New York City. Dort bin ich in Manhattan aufgewachsen. Aber mir gefällt Berlin. Deshalb bin ich bis heute geblieben und verdiene meinen Lebensunterhalt mit Gesangsstunden, gelegentlichen Auftritten und ab zu als Backgroundsängerin bei Studioaufnahmen. Ich komme ganz gut durch. Außerdem ist es für eine Blinde leichter, sich in Berlin zu orientieren als in New York“, sagte sie in nahezu akzentfreiem Deutsch.
Merlin horchte auf und an seinem Gesichtsausdruck konnte ich erkennen, dass er nachdachte. „Warst du schon immer blind?“, fragte er mit der zurückhaltenden Vorsicht seiner weichen Kinderstimme. Nell lächelte. „Ich konnte ganz normal sehen bis ich ungefähr acht Jahre alt war. Dann bekam ich ein übles Augenleiden, das Ärzte traktive Netzhautablösung nennen. Weil man die Krankheit bei mir zu spät erkannte und nicht mehr behandeln konnte, wurde ich blind. Vier Wochen nach meinem neunten Geburtstag konnte ich gar nichts mehr sehen. Das hat mich aber nicht daran gehindert, meinen Lieblingsberuf zu ergreifen. Schon als Fünfjährige wollte ich Sängerin werden. Das hat glücklicherweise geklappt. Eigentlich kann ich zufrieden sein. Schlimmer wäre es doch, wenn ich meine Stimme verloren hätte, oder?“
Ich als Frau wußte, was dieses Wort „eigentlich“ bedeutet. Auch Nell schien noch auf der Suche nach dem Mann fürs Leben. „Na ja. Vielleicht gibt es diesen Mann für das Leben ohnehin nicht, sondern immer nur für eine bestimmte Zeit. So etwas wie ein Lebensabschnittsbegleiter, der, wenn er gut ist, auch durchaus Lebensabschnitts-begatter und Beglücker in einer Person sein kann“, dachte ich mir.
„So, wir müssen nun los. Danke für alles, Nell. Komm doch demnächst einmal zu uns nach oben! Natürlich erst, nachdem ich eingekauft habe und die Möbel angekommen sind.“ Wir lachten wegen der einschränkenden Bedingungen.
„Ach ja, die Möbel. Die sollten ja heute gegen 14 Uhr von der Spedition gebracht werden“, fiel mir ein. Also blieben noch vier Stunden, um das Notwendigste zu besorgen. Wir machten uns auf den Weg zum Gesundbrunnen. Das dortige Einkaufszentrum am Fuße des Humboldthains bot die Möglichkeit, alle Besorgungen erledigen zu können, ohne dafür längere Fußmärsche in Kauf nehmen zu müssen. Zuvor stiegen wir noch den Humboldthain hinauf. Von den beiden nach dem Zweiten Weltkrieg stehen gebliebenen Hochbunkerplateaus hatte man einen hervorragenden Ausblick über die Stadt. Torben entdeckte das Freibad im Humboldthain. Nur durch das Versprechen, in den nächsten Tagen mit ihm und Merlin dorthin schwimmen zu gehen, konnte ich ihn davon überzeugen, mich beim Einkaufen zu begleiten. In einem großen Discounter besorgten wir das Nötigste an Lebensmitteln für die nächsten Tage. Beim Bezahlen entdeckte ich an der Nebenkasse einen unserer Hausbewohner, den kratzbürstigen Erwin. Er sah uns.
„Na Zwerg, gefällt dir dein neues Zuhause?“, fragte er an Torben gerichtet. Torben nickte. „Dann haste wohl immer noch keine Angst vor mir, wat?“, hakte Erwin nach. „Nee, hab ich nicht“, rief Torben. Erwin zwinkerte mir zu. An Erwins Kasse ging es nicht richtig weiter. „Die Milch kostet pro Packung 99 Cent. Das ist der normale Preis. Das Sonderangebot galt nur bis Ende letzter Woche. Wollen sie trotzdem alles kaufen?“, fragte die Kassiererin. Die angesprochene Kundin, eine Kopftuch tragende schwangere Frau im langem dunklen Mantel und einem etwa zweijährigen Kind im Einkaufswagen, nickte zustimmend. Die Kassiererin zog alle Waren der Kundin über den Scanner. Das macht dann 51,49 Euro. Die Frau besaß nur 50 Euro, die sie der Kassiererin entgegen hielt. „Hier Geld. Nix mehr“, stammelte sie in gebrochenem Deutsch. „Habe ich ihnen nicht gesagt, dass die Milch wieder den normalen Preis kostet. Jetzt muss ich Waren stornieren. Welche wollen sie zurückgeben?“ Die junge Türkin legte der Kassiererin wortlos eine Packung Eier auf den Tresen und packte die restlichen Waren in zwei Plastiktüten.“
„Willkommen im Wedding! Nur wer hier wohnt, kann wirklich mitreden“, rief mir Erwin zu.
„Ihr habt Hausverbot, lasst euch hier nicht mehr blicken, sonst rufe ich die Polizei!“, hörten wir hinter uns eine schneidende Stimme ausrufen. Wir drehten uns um. Drei Jugendliche etwa im Alter zwischen dreizehn
