Versteckte Erinnerungen - Patrik Aber - E-Book

Versteckte Erinnerungen E-Book

Patrik Aber

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Beschreibung

Jakob Frölich erfährt von seinem Arzt, dass er nur noch einige Wochen zu leben hat. Der Krebs habe ihn ganz aufgefressen. Jakob beschließt, seine Erinnerungen und die Reisen, die ihn quer durch die Welt geführt haben, festzuhalten und die Manuskripte an geheimen Orten zu verstecken.

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Seitenzahl: 277

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers

Kindheit nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Tod des Vaters 1971

Das Geschenk der Liebe 1960

Durch Frankreich ohne einen Sous 1963

Baja California 1984

Wunderbares Marokko 1994

Die Fischerfrauen von Nazaré 1977

New York 1980

Im Weißen Meer 1992

England 1964

Die Kataphilen von Paris 1983

Auschwitz 1996

Begegnung

Französisch Guayana 1986

Kaliningrad 1991

Buenos Aires 1987

Saint-Pierre et Miquelon 1996

Neukaledonien 1994

Baltikum 1991

Exitus 1999

Indianersommer 1998

Nachbemerkung des Herausgebers

Vorwort des Herausgebers

Dieses schmale Buch gibt es eigentlich gar nicht. Der Autor dieser kurzen Erinnerungsmomente hat jedenfalls keines geschrieben. Wir schulden deshalb dem Leser dieser Veröffentlichung eine Erklärung.

Jakob Frölich ist vor einem halben Jahr von seiner Frau in seiner Gartenlaube tot aufgefunden worden. Sie hatte sich Sorgen gemacht, weil er nicht, wie jeden Abend, mit dem selbst angebauten Gemüse nach Hause gekommen war. Gegen einundzwanzig Uhr war sie mit dem Rad zur Gartenlaube gefahren und machte die schreckliche Entdeckung. Jakob Frölich lag in seinem alten Bürostuhl. Vor ihm ein nicht ausgeschalteter Laptop. Auch der Drucker war noch an. Wie Frau Frölich am nächsten Tag vom Hausarzt erfuhr, war ihr Mann unheilbar an Krebs erkrankt. Er hatte dies aber seiner Frau verschwiegen. Todesursache war letztlich aber Herzversagen.

Die Gartenlaube war zugleich Hobbyraum. Auf der kleinen Werkbank lagen einige seltsame schmale Metallkästchen im Postkartenformat und ein Lötkolben. Auf der Festplatte des Laptops wurde praktisch nichts gefunden, Jakob Frölich hatte kurz vor seinem nahenden Tod alles gelöscht.

Einer seiner Freunde konnte nicht glauben, dass Jakob Frölich wochenlang in seiner Gartenlaube verbrachte haben sollte, ohne etwas aufgeschrieben zu haben. Er fand in der Tat auf der Festplatte Texte versteckt, denen zu entnehmen war, was Jakob Frölich in den letzten drei Monaten seines Lebens gemacht hat.

Er hatte ein gutes Dutzend Reiseberichte und Erinnerungen aus seinem Leben aufgeschrieben und dann jeweils einige davon in ein Metallkästchen verschweißt. Was mit diesen Kästchen geschehen ist, wissen wir nicht. In nur einem Fall beschreibt er, wie er es in einem Betonfundament versenkt hat in der Überzeugung, dass man es erst in Hunderten von Jahren, wenn überhaupt, entdecken würde.

Als ich von der ungewöhnlichen Geschichte erfuhr, bemühte ich mich um die Zustimmung von Elke Frölich zur Veröffentlichung der Texte, die sich auf der Festplatte entschlüsseln ließen. Sie wehrte sich lange. Jakob war doch kein Schriftsteller, er konnte doch gar nicht schreiben, das ist doch alles privates Zeug, und wen soll das denn interessieren, meinte sie.

Es sei in Wahrheit wohl für eine Veröffentlichung bestimmt, versuchte ich sie zu überzeugen, wenn auch in einer viel späteren Zeit. Jakob Frölich wollte, dass man seine Erinnerungen in vielleicht tausend Jahren ausgräbt und sieht, wie die Menschen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts gelebt, gefühlt und geliebt haben, wie die Welt aussah und was aus ihr geworden ist. In ferner Zukunft, wenn die menschliche Zivilisation in der jetzigen Form vielleicht gar nicht mehr existiert, wenn die Erde durch Kriege und Umweltbelastungen stark verändert sein würde.

Und es sind nicht nur die großen Reisen, es sind auch die Erinnerungen an kleine Erlebnisse Jakob Frölichs, die in tausend Jahren viel aussagen können über uns. Allerdings darf ich nicht verschweigen, dass ich ein ungutes Gefühl bei dieser Veröffentlichung habe, denn mit ihr wird ja nun leider Jakob Frölichs Geheimnis verraten. Möge er uns verzeihen.

Noch eine letzte Anmerkung zum Verständnis des Buches. Ich fand es richtig, die einzelnen Erinnerungsstücke und Reiseberichte in der Reihenfolge zu belassen, in der wir sie auf dem Computer gefunden haben. Er wechselt manchmal zwischen Gegenwart und Vergangenheit in seinen Beschreibungen, auch das habe ich natürlich nicht verändert. Ich finde es sogar reizvoll, so zu erzählen. Ich fühlte mich auch nicht befugt, die einzelnen Angaben zu den bereisten Ländern auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Jakob Frölich hinterließ zudem auf der Festplatte kurze Gedanken zwischen den einzelnen Erinnerungstexten, so als spräche er mit sich selbst. Er hatte niemanden, dem er sich anvertrauen wollte oder konnte. Diese Passagen sind wohl nicht in den versteckten bzw. verschwundenen Metallkästchen enthalten. Sie sind in diesem schmalen Buch kursiv gesetzt.

Jakob Frölich heiße ich. Mein Arzt gibt mir jetzt noch einen Monat. Krebs. Ich lebe in Köln, einer wunderbaren Stadt am Rhein, mit meiner Frau Elke zusammen. Wir haben das Jahr 2010. Ich bin gerade mal sechsundsechzig geworden und hätte gerne noch einige Rentnerjahre genossen. Ich verbringe viel Zeit in meinem Schrebergarten. Abends bringe ich meiner Frau Elke immer die Tagesernte mit heim, Tomaten, Karotten, Salat, Gewürze. Leute, die keinen Schrebergarten haben, müssen heutzutage in riesigen Supermärkten piekfeines und gespritztes, das heißt chemisch behandeltes Gemüse einkaufen.

Dass ich demnächst sterben muss, das kann ich wohl nicht verhindern. Schwer fällt mir die Vorstellung, dass mit meinem Tod all das, was in meinem Kopf schwirrt, die Gedanken und die Erinnerungen weggewischt werden sollen. Meine Erlebnisse und Reiseerinnerungen sind aber doch nicht weniger wert als politische Ereignisse oder die Heldentaten großer Persönlichkeiten, denn die haben doch meistens Gewalt und Krieg zum Inhalt. Ich habe mein Leben lang niemandem etwas zuleide getan.

Deshalb habe ich beschlossen, einige Erinnerungen aufzuschreiben und an besonderen Orten zu verstecken, da wo man sie erst nach vielen, vielleicht tausend Jahren finden wird. Denn ein Tagebuch zu führen, das von meinen Nachfahren nur aus Pietät eine Zeitlang aufbewahrt wird, bis sie irgendwie aus Versehen im Müll landen, das bringt nichts. Ich habe nun also einige Geschichten aus meinem Leben aufgeschrieben und in Metallkästchen verschlossen, die dauerhaft jeder Witterung standhalten. Ich werde sie an ausgefallenen Orten verstecken, nicht nur in Köln, auch im Umkreis von ein paar hundert Kilometern, wo aber, das ist mein Geheimnis. Sie können dort solange liegen, bis sie bei Ausgrabungen oder nach einer Umweltkatastrophe aus der Tiefe hochgeschleudert werden. Jahrtausende später vielleicht. Und wer die Kästchen öffnet, der soll nachvollziehen können, wie die Erde, wie das Leben ausgesehen hat zu meiner Zeit im Jahr 2010 und früher. Ich bin ein einfacher Mensch, somit sind es auch einfache Geschichten und Reiseberichte. Ich bin ja kein Schriftsteller. Es sind kurze und ganz unvollständige Einblicke, doch ich hoffe, sie vermitteln, wie wunderschön die Erde ist. Das klingt hochtrabend. Aber es ist die Wahrheit trotz Armut und Dauerkriegen vielerorts. Ich habe von meinem Vorhaben niemandem etwas erzählt, nicht einmal meiner Frau.

Diese kurze Erklärung habe ich in alle Kästchen mit eingeschweißt.

Ja dann tschüss bis in tausend Jahren.

Kindheit nach dem Zweiten Weltkrieg

Im Haus in der Kölner Eintrachtstraße, in dem wir wohnten, bis mein Vater nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, lebten auch zwei Jungs in meinem Alter, Jürgen und Max. Wir waren zwei oder drei Jahre lang unzertrennlich. Jürgen sehe ich nur in kurzen Hosen vor mir, ob es kalt war oder nicht, manchmal mit dickem Strickpullover, aber immer mit Shorts. Er war kräftig gebaut, viel stärker als Max und ich und auch einen halben Kopf größer. Max mit seinen dünnen Beinchen fror leicht und trug Strickstrümpfe, die irgendwie mit Strapsen gehalten wurden. Wir pirschten durch die zerstörte Stadt, durchwühlten Ruinen und fanden irgendwelchen verkohlten Ramsch, manchmal sogar Spielzeug, einen Kreisel etwa, dessen ursprüngliche Farbe kaum noch auszumachen war, der sich aber noch bestens drehte. Wir räumten auf der Straße Geröll beiseite und ließen das Teil stundenlang seine Runden drehen, keiner von uns hatte so ein Spielzeug zuhause. Wir waren zu klein, um uns darüber Gedanken zu machen, dass sich hinter dem verwunschenen Spielzeug ein Schicksal verbarg, wahrscheinlich ein tragisches, wir fanden die zerstörte Stadt aufregend und geheimnisvoll, überall die in die Höhe ragenden Kirchenruinen, die heruntergestürzten Skulpturen, denen die Hände, manchmal sogar die Häupter fehlten. Auch unsere Straße war von Bomben getroffen worden, Häuser in der Nachbarschaft zerstört, Schutt versperrte die Straße, lange Zeit war nur ein schmaler Streifen in der Mitte für die Fußgänger geräumt worden. Wir hatten ein Riesenglück, unser Haus war unbeschädigt geblieben. An vielen Orten wurden die Straßen schon freigeschaufelt, wichtige Verbindungswege für den Autoverkehr, der ganz langsam wieder anlief. Man sagte uns, wir dürften da nicht in den Ruinen herumspielen, die Mauern könnten einstürzen. Aber wir lachten nur und sagten, ja ja, wir würden schon aufpassen. Einmal fanden wir ein Kinderfahrrad, völlig verrostet und etwas verbogen, aber die Reifen waren noch prall, und wir fuhren einer nach dem anderen kleinen Runden durch das Geröll auf den Straßen. Wir teilten alles, also gehörte auch das Rad uns dreien zugleich. Wir spielten Versteck und verloren uns manchmal gegenseitig dabei im Gerümpel der zerstörten Häuser, wir hatten dann einen wilden tierähnlichen Schrei, den nur wir kannten, um uns wiederzufinden, und von dem wir glaubten, er komme von den Indianern. Wir standen auf der Mauer einer Ruine und pinkelten um die Wette. Wer am weitesten kam, durfte bestimmen, was wir als nächsten tun würden. Nur ungern gingen wir abends wieder nachhause, wir kamen immer zu spät und wurden ausgeschimpft. Die schlimmste Strafe, die die Mütter uns auferlegen konnten, war ein Hausarrest am nächsten Nachmittag, dann flehten wir solange, bis ihnen der Geduldsfaden riss und sie uns fast aus dem Haus warfen und wir damit prahlen konnten, wie wir es geschafft hatten, wieder mal vom Hausarrest befreit worden zu sein. Nur wer in einer zum Teil in Trümmern liegenden Stadt aufgewachsen ist, kann vage nachvollziehen, was heute die Kinder in den vom Krieg betroffenen Gebieten durchleben müssen im Nahen Orient oder in manchen Ländern Afrikas. Wir konnten überall spielen, wenn uns die Erwachsenen nicht in den Gefahrenzonen daran hinderten. Unsere Mütter machten beim Aufräumen der Trümmer mit, sie durften uns nicht erwischen, wir hatten striktes Verbot, uns da herumzutreiben, aber das machte das Spielen für uns ja gerade so abenteuerlich. Im Grunde waren wir keine unerzogenen Kinder, ich kann mich nicht daran erinnern, zuhause Haue bezogen zu haben, und die beiden Freunde sprachen auch nicht darüber. Unsere Mütter warteten darauf, dass ihre Männer aus der Kriegsgefangenschaft heimkamen und waren besorgt um uns. Sie wollten, dass wir gesund sind, wenn Papa zurück ist. Es war trotz der beschissenen Umstände eine schöne und aufregende Kindheit, auch weil wir drei uns hatten und alles mit einander teilten. So auch die wenigen Bücher, die wir besaßen, wir verschlangen Karl May, saßen manchmal zu dritt bei einem von uns im Kinderzimmer und waren so vertieft in die Lektüre, dass wir mit den Armen herumfuchtelten, wenn es um eine Kampfszene ging. Dann gab es Lacher, und Jürgen meinte, das sei doch alles nur erfunden, er hatte irgendwo mitbekommen, das Karl May nie in Amerika gewesen war und sich all die spannenden Geschichten nur ausgedacht hatte. Aber da hatte er fast Prügel von Max und mir bezogen, wir wollten uns den Glauben daran nicht nehmen lassen, dass es sich um wahre Geschichten handelte. Sonst machte das Lesen für uns ja keinen Sinn. Ich liebte besonders Rittergeschichten, Prinz Eisenherz oder Siegfried. Vor dem Einschlafen sah ich mich in schwerer Rüstung und gezogenem Schwert auf dem Pferd, um gegen das Böse anzukämpfen. Gerne stöberten wir durch das Haus, den Keller und den Dachboden, die beide nicht verschlossen waren. Unterm Dach stapelten sich Kartons und verstaubte Koffer, man konnte alles öffnen, niemand wusste, wem was gehörte, also hatten wir kein schlechtes Gewissen dabei. Wir fanden Kartons mit Büchern, jetzt denke ich, dass es sich um Literatur handelte, die bei den Nazis verboten war, in einem völlig verstaubten Koffer war eine ganze Fotoausrüstung versteckt, ängstlich schlossen wir das Teil gleich wieder, ohne etwas anzufassen. Wir nahmen an, es sei sehr wertvoll, denn niemand von uns besaß einen Fotoapparat, auch in der Familie nicht. Wir entdeckten sogar in einem langen Holzkasten ein Gewehr, Jürgen nahm es heraus und zielte zum Spaß auf uns, wir mussten aber so erschreckt gewirkt haben, dass er es betroffen gleich wieder zurücklegte. Ein Gewehr, wem konnte das im Haus gehören? Wir waren uns schnell einig, dass es der Mann im Parterre sein müsste, den wir nicht leiden konnten, er lebte allein, grüßte nie, blickte grimmig in die Landschaft und schien den ganzen Tag zuhause herum zu sitzen. Auf dem Dachboden machten wir am liebsten auch unsere Hausaufgaben, das vermittelte ihnen etwas Geheimnisvolles und Abenteuerliches, so dass es uns nicht schwerfiel, sie zu erledigen. Hinzu kam, dass wir unterschiedliche Vorlieben und Begabungen zu haben schienen, Max war gut im Rechnen, Jürgen besser in Deutsch und ich kannte mich in Erdkunde aus.

Die Geschichte der Dreierbande endete, als wir elf oder zwölf waren und die Eltern von Jürgen weit wegzogen, nach Essen. Inzwischen waren glücklicherweise alle drei Väter gesund aus verschiedenen Kriegsgefangenenlagern freigekommen und sie waren auf Jobsuche. Max und ich saßen stundenlang auf dem Bürgersteig vor dem Haus und hatten Lust auf nichts. Immer wieder mal fing einer an zu sagen, Mensch, lass uns in den Stadtwald gehen, aber gleich winkte der andere ab, das mache doch keinen Spaß. Oder Fußball spielen, ach was, zu zweit doch total langweilig, dabei liebten wir es, auf der Straße vor unserem Haus herumzuballern, es gab ja kaum Autoverkehr damals, und unsere Straße war längst freigeräumt. Oder wir schlenderten zu einem der begrünten Plätze, um zu spielen, wo es dann zu Streitigkeiten mit anderen Kindern kam, die dort schon Fußball spielten. Aber wir hatten ja nicht mehr Jürgen, den Kraftbolzen, an den sich so schnell niemand herangetraut hätte. Jetzt sah das anders aus, wir zwei schmächtige Jungs konnten uns schlecht mit anderen anlegen. Also saßen wir auf dem Bürgersteig, bis einer von uns sagte, du ich geh jetzt ins Haus, kommst du mit, und der andere zögerte etwas, das hatte es vorher nie gegeben. Wir spielten dann Karten bei Max oder bei mir, bis wir es langweilig fanden. Es war alles einfach nicht mehr wie vorher. Und vielleicht ein halbes Jahr später kam Max ganz stolz zu mir um zu verkünden, dass sein Vater nach Düsseldorf versetzt worden war, ich glaube, er arbeitete in der Stadtverwaltung, die Familie würde in den nächsten Wochen umziehen. Ich saß jetzt allein am Rand des Bürgersteigs und ließ den Kreisel rollen, obwohl ich vom Alter längst über solche Kinderspiele hinausgewachsen war. Ich konnte die Eintrachtstraße nicht mehr leiden. Nichts gefiel mir mehr hier, weder die vergammelten Wohnhäuser noch die Eisenbahnbrücke, auf der ich sonst so gerne die Züge im Schritttempo fahren sah. Selbst die Eltern merkten, dass ich nicht mehr so fröhlich war wie früher. Vermisst du die Jungs, lachte die Mutter und meinte, ach du, das wird schon vergehen.

Der Tod des Vaters 1971

Er war als einfacher Soldat den ganzen Krieg über von 1939 an im Einsatz und dann in einem amerikanischen Gefangenenlager in Bayern. Das ist alles, was wir drei Kinder wissen, wahrscheinlich hat es Mama mal so beiläufig erzählt. Vom Vater kein Wort. Wir wohnten in Köln in der Eintrachtstraße direkt unter der Eisenbahnbrücke im zweiten Stock. Was jetzt kommt, hat mir Sabine erzählt, meine Schwester, sieben Jahre älter und mit einem super Erinnerungsvermögen. Eines frühen Abends lehnten sie und Mama aus dem Fenster, um den wenigen Passanten zuzuschauen. Und da kam plötzlich unter der Unterführung ein spindeldürrer großer Mann mit kurzen Hosen hervor. Er fiel den beiden sofort auf, weil er so ausgemergelt war, und Männer mit kurzen Hosen selten durch die Stadt gingen. Der Mann schaute hoch und suchte etwas. Er hatte nach all den schrecklichen Kriegsjahren die Orientierung verloren. Er wusste nicht mehr, wo er gewohnt hatte, wo er hingehörte. Dann ein schriller Aufschrei von Mama, Sabine erzählte später, sie habe einen Todesschreck bekommen. Hannes, Hannes, Hannes, sie wiederholte immer wieder Papas Namen, sie hatte kein anderes Wort mehr. Ich war keine vier, der Vater für mich ein fremder Mann.

Danach Schweigen. Nie wurde am Tisch über den Krieg gesprochen, nie, kein Wort. Häufig hörten wir Kinder die Eltern leise in ihrem Schlafzimmer reden, lange, sehr lange. Wir trauten uns nicht, an der Tür zu horchen, aber wir spürten, dass es sehr ernste Gespräche waren. Ein- vielleicht zweimal beim Spaziergang Sonntagnachmittags, Papa hielt mich an der Hand, bat ich ihn, mir Geschichten erzählen von früher, Abenteuer, Reisen, was immer, aber er zögerte lange. Dann sagte er und beugte sich dabei zu mir herunter, „das darfst du aber nicht weitererzählen, niemandem, versprochen?“

Ja, hoch und heilig, rief ich aufgeregt.

„Weißt du, draußen im Krieg, da gibt es kein schönes Klo mit Wasserspülung und so. Da machst du in die Natur oder, wenn man einige Tage am selben Ort blieb, wird eine Latrine aufgebaut, ein langes Holzbrett, mit mehreren Löchern, so dass mehrere Männer auf einmal ihr Geschäft nebeneinander erledigen konnten, verstehst du. Dort habe ich einmal gesessen und mich gerade ganz nach unten gedrückt, vor Anstrengung, du weißt schon, und da hat es plötzlich unheimlich geknallt und gekracht, und alles um mich herum war weggesprengt. Mir war nichts passiert, wie durch ein Wunder.“

Und Papa lachte grimmig. Mehr war nicht drin. Ich rief, was war denn passiert oder noch eine Geschichte, Papa, bitte, bitte. Aber nein.

Ein anderes Mal, wir gingen am Rheinufer spazieren, da war mein Bruder dabei, da hatte unser Vater nach langem Schweigen während des gesamten Spaziergangs ganz leise vor sich hingesprochen, mein Bruder, vier Jahre älter und natürlich größer, konnte es trotzdem verstehen. Papa sagte, wenn man nicht wollte, musste man an den Exekutionen nicht teilnehmen, man konnte sich weigern, wehrlose Gefangene zu erschießen, wenn man ein russisches Dorf eingenommen hatte. Es hatte keine negativen Folgen, man wurde als Feigling belächelt, mehr nicht, man musste nicht erschießen und morden, man konnte es ablehnen, ich habe da keinmal mitgemacht.

Mein Bruder Ralf war ganz aufgeregt und rief, „was hast du gesagt, Papa, man konnte kaum was verstehen, irgendwas von Erschießen. Erzähl Papa, bitte.“

Doch unser Vater schüttelte unwillig den Kopf, er habe nichts gesagt, wir müssten geträumt haben. Er hätte nichts zu erzählen.

„Wie warst du denn in der Schule beim Sport, bestimmt der beste der Klasse, Papa, so groß und stark, wie du bist. Hab ich recht?“

Aber auch der Trick nützte nichts. Unser Vater legte seine Hände auf unsere Schultern und blickte abwesend auf den Fluss. Wir mussten uns mit dem Schweigen zufriedengeben, obwohl wir so gerne abenteuerlichen Geschichten aus dem Krieg gelauscht hätten. Wir liebten unseren Vater und versuchten zu verstehen, warum er nichts erzählen wollte. Es gab keine Antwort.

Viele Jahre später, als ich in der Schule von den Schrecken des Krieges erfuhr, fing ich an, Papa zu verstehen. Er muss an dem Widerspruch gescheitert und zerbrochen sein, dass er den grausamsten aller Kriege mitgemacht hat, dass er untilgbare Schuld auf sich geladen hat, ohne ein Nazi gewesen zu sein, Hitler gehasst zu haben, den ganzen Krieg, das aberwitzige Gemetzel. Tiefe Schuld bei einem im Grunde reinen Gewissen. Tausende müssen das durchgemacht haben wie er. Diesen Widerspruch, diese Verstrickung kann man nachträglich niemandem erklären. Und man muss daran zerbrechen.

Hinzu kam die absurde Situation, dass viele ehemalige Naziparteibonzen nach dem Krieg wieder hohe Ämter bekleideten, dass sie Staatsanwälte und Richter sein durften, völlig unbehelligt. Dass viele in ihre alten Positionen als Lehrer und Hochschulprofessoren zurückkehren konnten, völlig unbehelligt. Dass viele ungeniert zu den Mitbegründern der neuen Parteien gehörten. Dass Unzählige ihre Zugehörigkeit zur Waffen - SS oder den Totenkopfverbänden nach dem Krieg in ihren Personalakten schlicht vergessen hatten. Vielleicht waren ja selbst unter Vaters Kollegen am Gymnasium alte Nazis. Es gab ja nach dem Krieg nicht genug junge unbelastete Lehrkräfte, klar.

Und dann muss Vater unheimlich darunter gelitten haben, dass entweder mein Bruder oder ich jedes Mal nach dem Geschichtsunterricht den Eltern zuhause aufgeregt über die Naziverbrechen berichteten und nicht auf den Gedanken kamen, dass es wie Stiche in Vaters Herz waren. Wir überfielen die Eltern mit Fragen, ganz unbefangen, ohne Hintergedanken oder gar Schuldzuweisungen. Wir wollten nur wissen, wie man damals in den Dreißigern in Nazideutschland gelebt hat, mit Hitlergruß und antisemitischen Schmierereien an Geschäften und Hauseingängen. Eine Frage, die ich mir bis heute stelle. Wie konnte man mit diesem dummen Hochmut und Hass zurechtkommen, wenn man ihn nicht teilte? Aber wir bekamen nie eine Antwort von den Eltern. Mutter wiegelte immer ab mit der Bemerkung, um das zu verstehen, seid ihr doch noch viel zu jung, Kinder, was wir jedes Mal als feige Ausrede interpretierten, oder sie sagte, lasst die Vergangenheit ruhen. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber das brachte uns Jungs erst recht auf die Palme. Vater schaute still in sich hinein.

Auch in der Presse wurden der Holocaust und die Konzentrationslager beschrieben und die große untilgbare Schuld der Deutschen. Es musste meinen Vater jedes Mal wie eine persönliche Anklage angegangen sein. Die Vernichtung der Juden, die Millionen und Abermillionen Toten, er war indirekt mitschuldig, da gab es nichts zu beschönigen. So jedenfalls empfand er es. Wie sollte er da einfach so weiterleben?

Unser Vater war immer für uns da, aber er hatte keine Ambitionen, keinen Lebenswillen mehr, Er ging morgens ins Gymnasium, gab seinen Unterricht, deutsch und englisch, zurückhaltend, freundlich, aber immer irgendwie abwesend. Mama wollte ihn pushen, er solle es bei der Uni versuchen, ein Mann mit drei Sprachen, er hatte in all den Kriegsjahren sehr gut russisch gelernt. Aber Papa wehrte ab, er wollte nichts riskieren. Das wenige, was er, was wir hatten, nur nicht aufs Spiel setzen.

Über fünf Jahre im Krieg und dann in der Gefangenschaft, von seinem 28. bis zum 34. Lebensjahr, nur Front und Kämpfe, Tote, Verwundete, schreiende Kinder und Frauen, und alles so grenzenlos sinnentleert. Und dann die täglichen Nazidurchhalteparolen, wie kann dies ein junger Mann durchstehen, jahrelang, tausende Male im Dreck liegen und nicht einschlafen können, jeden Tag den eigenen Tod mit einkalkulierend, aber der Kamerad neben dir verreckt und bittet dich, nach dem Krieg seine Frau und die Kinder aufzusuchen, um ihnen einen letzten Gruß zu übermitteln, und natürlich versprichst du es hoch und heilig und weißt doch, dass du lügst. Denn du wirst es nie tun, weil du jede Hoffnung aufgegeben hast auf ein Menschsein. Und das jahrelang. Das muss man sich vor Augen halten. Mein Vater, wie Hunderttausende, wie Millionen in der Scheiße. Ihre Erlebnisse und Erinnerungen, wenn sie denn überlebt haben, müssten die Geschichtsbücher in den Schulen füllen und nicht die paar Daten von Feldzügen und Schlachten, die Pläne und Befehle von irgendwelchen Heeresführern, die immer schön weit hinter der Front zuschauten, wie ihre Soldaten verheizt wurden.

Aber die Geschichte meines Vaters handelt ja nur vom Zweiten Weltkrieg, fünfundzwanzig Jahre davor hatten die Deutschen den Ersten Weltkrieg angezettelt mit Millionen Toten. Und davor all die Jahrhunderte durch immer wieder Kriege, in denen Menschen geopfert wurden.

Die Geschichte neu schreiben als Erlebnisbericht der Soldaten, der Täter, ob unfreiwillig zum Kriegsdienst gezwungen oder mit mörderischer Lust und hasserfüllt, aber auch aus den Augen der Kriegsopfer, der wenigen, die den Kahlschlag, den Flächenbrand der deutschen Wehrmacht überlebt haben, die zusehen mussten, wie ihre Frauen und Töchter vergewaltigt und verhöhnt wurden, bevor die Männer an die Reihe kamen, an die Wand gestellt und ermordet. Solche Geschichtsbücher könnten vielleicht in der Zukunft Kriege verhindern. Aber es ist naiv, das zu glauben, ich weiß es.

Papa hatte mehrere Verletzungen mitgebracht, abgefrorene Zehen und keine Hornhaut unter den Fersen, er ging immer wie auf glühenden Kohlen, ein junger Mann, der nicht mehr leichtfüßig flanieren konnte, sein Leben lang, der immer im Auto sitzen blieb, wenn Mama uns bei Ferienreisen in Kirchen und auf Burgen schleifte. Nur auf dem Sonntagspaziergang bestand er, und da wir neben ihm gingen, fiel uns sein unsicherer Gang weniger auf. Und dann zeigte er uns manchmal, wenn er aufgeheitert war, den linken Oberarm und die Schulter, wo mehrere tiefliegende lange Narben Granatsplitter verbargen, die im Kriegslazarett nicht herausgeholt werden konnten. Wir durften verängstigt einen Finger in die breiten Narben legen und Papa lachte, die seltenen Momente, in denen er es tat.

Eine Existenz, die der Krieg zerstört hat. Er blieb ängstlich und angepasst. Er wollte für Mama und für uns da sein und sorgen, ich glaube aber, dass er lieber zusammengekauert in einer Ecke gesessen und darauf gewartet hätte, dass der Tod ihn von den nächtlichen Albträumen befreite, Als wir Kinder auf die Dreißig zugingen, war unser Leben mit Liebesaffären aufgefüllt und mit beruflichen Wunschvorstellungen, wir sahen das Leben noch vor uns, wir hatten Pläne, begegneten den Menschen um uns mit Zuneigung, wir liebten die Welt und sie uns hoffentlich auch. Papa aber war mit 34 ein alter verhärmter Mensch, seine Gedanken und Träume voll gedrängt mit Bildern der Zerstörung und des Elends.

Mein Vater war nach der Rückkehr aus dem Krieg eigentlich ein toter Mann. Er hat eben nur weitergelebt, weil sein Herz halt schlug.

Mit 62 wurde er plötzlich krank, er konnte nichts mehr essen, meine Eltern waren in Urlaub, ich meine, in Italien. Sie kamen schnell zurück, die Ärzte schnitten ihn auf und machten sofort wieder zu. Der ganze Magendarmbereich zerfressen. Damals sagten die Ärzte den Patienten nicht, was los war. Als wir Kinder zu ihm ins Krankenhaus eilten, Uniklinik Kerpener Straße, mein Bruder aus Stuttgart, ich aus Hamburg, die Schwester kam aus der Nähe von Göttingen damals, da sahen wir einen Mann, den wir nicht mehr erkannten. Der große imposante Papa war zusammengeschrumpft, nur noch Knochen, und die Augen blickten ängstlich aus tiefen Höhlen. Er sagte nichts, schob nur die Decke beiseite und machte den Blick frei auf eine dreißig Zentimeter lange Wunde, noch rot geschwollen, und dann sagte er leise, „was habe ich nur? Niemand sagt mir was.“ Mama wusste es und schaute zur Decke, hilflos.

Nach drei Wochen wachte er eines Morgens nicht mehr auf.

Sein Tod traf mich wie eine Bombe. Weil jetzt nichts mehr aufzuholen war. Ich hatte all die Jahre immer geglaubt, irgendwann setzten wir uns, wir Kinder, mit ihm zusammen, und wir werden über alles reden können. Über uns, die Familie, über sein Leben und die Schuld. Aber wir hatten die Zeit schleifen lassen, alle drei Kinder, wir hatten in unseren neuen Leben vergessen oder verdrängt, was wir unserem Vater verdankten. Es war ja nie anheimelnd zuhause, und wir sind gerne weggegangen in unser neues Leben. Aber wir haben die Eltern allein gelassen mit dem nicht lösbaren Konflikt. Ich habe nur unwillig zuhause angerufen, um ein bisschen zu plaudern, ungern wirklich, auch weil meine Mutter immer klagte, sie fühle sich so alleingelassen, Vater würde sich immer direkt nach dem Abendessen in sein Zimmer zurückziehen, sie säße dann allein vor dem Fernseher und schaue sich irgendetwas an, was sie überhaupt nicht interessiere. Vater ging übrigens nie ans Telefon. Nach einem solchen Gespräch mit Mutter war ich jedes Mal deprimiert und zu nichts mehr fähig.

Wir haben gemeinsam eine Leere hinterlassen. Eltern, die den Kindern nicht auf ihre brennenden Fragen antworten, und die nicht einmal bereit sind, dies zu begründen, bürden diesen ihren Kindern eine schwere Last auf. So war meine Kindheit immer von Fremdheit bestimmt. Es wurde selten gelacht, es gab kaum mal eine spontane zärtliche Geste der Berührung. Wenn Eltern vor den Kindern ihr eigenes Leben verschließen, wie soll da eine eigene Existenz aufgebaut werden? Ich denke, Kinder haben ein Recht darauf zu erfahren, wo ihre Eltern herkommen und damit auch sie selbst.

Wir haben uns jedenfalls alle gegenseitig im Stich gelassen. Wie wahrscheinlich Millionen andere Kriegsfamilien auch. Und es grenzt wirklich an ein Wunder, dass nicht die gesamte Soldatengeneration, die den Abgrund des Krieges überlebt hat, verrückt oder psychisch krank geworden ist.

Werden sich in tausend Jahren, wenn diese meine Aufzeichnungen zufällig gefunden werden sollten, wieder so ähnliche Geschichten erzählen lassen? Wenn die Menschheit bis dahin überhaupt überlebt hat. Diesmal Kriege zum Teil im Weltall mit lasergesteuerten oder chemischen Waffen, die aber genauso töten werden, immer nur töten.

Das Geschenk der Liebe 1960

Ich hatte es leicht in der Schule, saß als einer der besten Schüler all die Jahre in der letzten Reihe, was mich allerdings zu manchem Unsinn verleitete. Ich las unerlaubt Comics und Karl May Romane. Es gab dann gewöhnlich Haue, das war in den Fünfzigern noch üblich. Oder ich musste mit dem Gesicht zur Wand eine halbe Stunde hinten im Klassenraum stehen. Es hat mir nichts ausgemacht. Etwas sportlich war ich auch, konnte ganz gut Weitsprung und Laufen, über tausend Meter war ich besonders gut so um 1961. Man durfte als guter Schüler auf keinen Fall den Macker raus kehren, das war tödlich. Einfach so tun, als sei einem das alles überhaupt nicht wichtig. Und mir war es in der Tat nicht wichtig. Man hätte meinen können, dass die Lehrer gute Schüler bevorzugt behandelten, aber dem war nicht so, eher das Gegenteil, man konnte die Hand hochreißen als erster, wenn eine Frage gestellt worden war und kam so gut wie nie dran. So hatte ich mir bald angewöhnt, die Schule halt einfach durchzuziehen, ohne groß aufzufallen. Sehr früh träumte ich von den Klassenkameradinnen, die wir in der Pause etwas aus der Ferne bestaunen durften, man war damals noch getrennt, Mädchen und Jungs. Erst in den letzten Jahren kam man zusammen, wahrscheinlich, weil nicht mehr genug Schüler auf dem Weg zum Abi übriggeblieben waren.

Ja und da war Lenchen. Und ich war nicht mehr ich. Mit sechzehn durchfuhr mich wie ein Donnerschlag eine fremde Macht, die mir Schweißperlen auf der Stirn trieb, die meine Konzentrationsfähigkeit ins Wanken brachte, die alle anderen Gedanken und Gefühle verdrängte, die nicht auf Lenchen zuliefen. Ich fand sie bildschön, mit einem entwaffnenden Lachen, mit weißen Zähnen, so blitzblank, dass ich das eigene Maul kaum noch öffnen wollte. Ich fragte mich schnell, auf welchem Planeten ich bisher gelebt hatte, wo wir doch mit Sicherheit seit der Wiege für einander bestimmt waren. Dabei hatte ich Lenchen früher schon in den Pausen gesehen, wir hatten uns zugezwinkert und alberne Gesten ausgetauscht. Aber ich hatte noch nichts bemerkt von der vielleicht damals schon unterbewusst wirkenden Naturgewalt. Es fing damit an, dass wir plötzlich, scheinbar ohne es geplant zu haben, nebeneinander die Schule verließen und ich automatisch mit ihr stadtauswärts ging auf die Marsiliusstraße zu, obwohl mein Heimweg in die entgegengesetzte Richtung wies. Wir sprachen nicht gleich miteinander, taten erst so, als sei es ganz normal, dass wir den gleichen Weg nahmen, und dann fing Lenchen plötzlich an zu lachen, so herzlich und nicht gespielt, dass ich mitlachen musste, und wir uns anschauten und weiter lachten. Lenchen wohnte in der Gemünder Straße. Ich ging einfach mit bis zur Haustür Nr. 17. Wir machten uns über den Mathelehrer lustig, der immer im weißen Kittel unterrichtete, so wie ein Arzt in der Klinik. Wir waren uns darin einig, dass wir Mathe nicht leiden konnten und das Fach halt mitschleifen würden bis zum Abi. Ich sagte tschüss und ging zurück bis zur Zülpicher. Der lange Weg heim bis zur Kyffhäuser Straße war wie eine Achterbahn, ich rannte, hüpfte, schlich um die entgegenkommenden Passanten herum, lief absichtlich kurz vom Bürgersteig auf die Straße, obwohl Autos und Straßenbahn haarscharf vorbei rollten. Ich lachte die Leute an, recht blöd wahrscheinlich, aber es war Glück. Ich wurde von einer inneren Wärme erfüllt, die mich federleicht machte. Ich glaubte, ich könnte mit einem Sprung hochfliegen bis über die Häuserdächer und schweben, einfach nur schweben. Dabei war ja, wie mir dann später zuhause durch den Kopf ging, eigentlich nichts passiert, oder? Wir waren nebeneinander die Straßen entlang gegangen und hatten kein persönliches oder uns betreffendes Wort ausgetauscht, der eitle Herberger, ja was sonst noch? Ich verzog mich in mein Zimmer und ging den Weg mit Lenchen Schritt für Schritt nach, Hatte ich etwas übersehen, überhört? Habe ich vielleicht etwas falsch gemacht? Hätte ich ihr etwas sagen sollen, ein Wort der Bewunderung, ein Kompliment? Du siehst echt dufte aus oder ich finde dich sehr hübsch. Aber da hätte ich mich doch total lächerlich gemacht. Es ist nichts passiert, dachte ich, und das ist das Wunderbare. Was aber ist dann los mit mir? Am liebsten wäre ich in die Gemünder Straße zurückgelaufen, um Lenchen anzuschauen, nur anzuschauen. Vielleicht geht es ihr ganz ähnlich wie mir. Genauso möglich, dass sie mich anstarren und fragen würde, ist alles in Ordnung mir dir? Du siehst so durcheinander aus, hast du was verloren? Habe ich mir bloß eingebildet, dass da etwas geschehen ist auf unsrem Heimweg?

Kann ja durchaus sein, dass ich plötzlich einen Riss in der Schüssel habe. Dinge fühle und sehe, die es nicht gibt. Auf jeden Fall raus aus der Wohnung, das bisschen englisch mach ich später im Bett. Rumlaufen, mich ablenken, Freunde auf der Straße treffen. Wir kickten eine Weile mit einem Tennisball, bis einer der Jungs ihn schräg erwischte und auf ein Reklameschild feuerte. Als das Glas zu Boden schepperte, waren wir alle verschwunden.

Alle Ablenkungsversuche brachten nichts. Ich war an diesem Tag nicht mehr zu gebrauchen. Beim Abendessen war Papa verschlossen, Mama spielte in solchen Situationen gern die Unverstandene und schaute theatralisch zur Decke. Ich fühlte mich wie auf einem fremden Planeten, auf dem es nicht erlaubt war, happy zu sein, von aufregenden Gefühlen durchwühlt. Im Verlauf des Essens bekam ich regelrecht ein schlechtes Gewissen, eben weil es mir so gut ging, weil ich glücklich war. In dieser Familie schien Ausgelassenheit und Glück für immer getilgt, wurde geradezu als ungehörig erachtet. Das alles wurde nie ausgesprochen. Mein Vater war durch den Krieg gebrandmarkt, schuldig für immer, wider Willen an diesem verbrecherischen Krieg mitgemacht zu haben. Er hat nie erzählt, wie er vor dem Krieg war, ein fröhlicher Mensch, ein Draufgänger, ein Luftikus, so wie ich es war?