Vertrauensverhältnisse - Rudolf Seiters - E-Book

Vertrauensverhältnisse E-Book

Rudolf Seiters

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Beschreibung

Rudolf Seiters war engster Vertrauter von Helmut Kohl, ist bis heute mit Wolfgang Schäuble freundschaftlich verbunden – und steht mit fast achtzig nun als Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Zentrum der Flüchtlingskrise. Gestalten wollte er immer, Angst vor Macht hatte er nie, auch wenn er um seine Person kein großes Aufheben machte. Egal ob als Kanzleramtsminister, Innenminister, Vizepräsident des Bundestags oder heute als Chef des DRK: Die Stationen seines Lebensweges eröffnen ein Panorama der späten deutschen Nachkriegsgesellschaft voller unbekannter Hintergrundgeschichten, amüsanter Anekdoten und Einblicke in entscheidende Phasen deutscher Geschichte, etwa der Bekämpfung des RAF-Terrors oder der Wiedervereinigung. Doch diese Autobiografie ist mehr als ein Blick zurück. Denn bis heute ist Seiters im Berliner Politikbetrieb bis hin zur Kanzlerin bestens vernetzt. Und wenn er Unternehmenschefs anruft, öffnen sich die Türen. An seiner Biografie wird deutlich: Die Werte und Haltungen, die Seiters seit jeher in das Zentrum seines Handelns stellt, sind für die Bewältigung der drängenden Fragen unserer Zeit von großer Bedeutung: Vertrauenswürdigkeit, Loyalität, Diskretion, Probleme nicht schönreden, sondern anpacken und lösen. Kaum einer verkörpert sie so wie Rudolf Seiters. Bis heute verlässlich und streitbar – Politiker wie ihn bräuchten wir mehr.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Rudolf Seiters

Vertrauens      verhältnisse

Autobiografie

 
Originalausgabe
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
 
Umschlaggestaltung: K. Keienburg-Rees
E-Book-Konvertierung: Daniel Förster, Belgern
 
ISBN (E-Book) 978-3-451-80763-3
ISBN (Buch) 978-3-451-34968-3

Inhalt

Vertrauen und Verantwortung
Ein Wort zuvor
Krieg, Kriegsende, Neubeginn
Aus den Trümmern des Krieges entsteht ein neues Deutschland
Eine glückliche Jugend
Erste Schritte in die Politik
Lehrjahre eines jungen Politikers
Der Sprung in die Bundespolitik
Politische Vorbilder
Wer seine Wurzeln nicht kennt, kommt in der Politik nicht weit
Heimat im doppelten Sinn
Bodenständig bleiben
Familiäre Schutzmaßnahmen
Ein festes Fundament
In die Opposition und wieder zurück
Ringen um die Ostverträge
Helmut Kohl betritt die Bühne
Makler der Macht
Themen der Zeit
Streitbare Persönlichkeiten beleben den Parlamentarismus
Im Zentrum des Geschehens: Berufung ins Bundeskanzleramt
Eine junge Politikerin mit großer Zukunft
Angenehme Seiten des Politikerlebens
Der Weg zur deutschen Einheit
Die friedliche Revolution zieht herauf
Realitätsverlust in der DDR-Führung
»Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen …«
Atemlos
Die Mauer fällt
Das Zehn-Punkte-Programm
Abgesang der DDR
Diplomatisches Fingerspitzengefühl
Die deutsche Einheit – Unvergleichlich und alternativlos
Durchbruch im Kaukasus
Die Zwei-plus-Vier-Gespräche
Zwei Verträge besiegeln die Einheit
Vorzeichen der historischen Chance
Das Grundgesetz: Ein Glücksfall für Deutschland
Im Bundesinnen­ministerium
Die schönen Seiten des Jobs
Bad Kleinen
Abschied nach über dreißig Jahren
»Neunender«
Letzte Jahre als Parlamentarier
Weitergeben
Das Rote Kreuz in Ost und West
An der Spitze des Deutschen Roten Kreuzes
Eine Institution von unschätzbarem Wert
Reisen ins Herz der Finsternis
Flüchtlingsströme
Ein Wort zum Schluss
Personenregister
Literaturverzeichnis
Zeittafel
Bildnachweise
Über den Autor

Vertrauen und Verantwortung

»Vertrauensverhältnisse« – als ich den Titel von Rudolf Seiters Autobiografie zum ersten Mal las, dachte ich: Nur so können die Erinnerungen dieses Mannes heißen. Rudolf Seiters ist die personifizierte Vertrauenswürdigkeit. Ich darf das sagen; ich kenne ihn gut. Und ich kenne die politische Sphäre über die Jahre ganz gut, und kann deswegen auch sagen: Im Feld der Politik gibt es nicht viele wie ihn.

Dabei hat Vertrauen eine ambivalente Seite: Im persönlichen Kontakt zwischen Menschen, ob privat, politisch oder wirtschaftlich, ist Vertrauen unverzichtbar. Wir müssen uns verlassen können aufeinander, sonst erreichen wir miteinander nicht viel. Vertrauen, das auf gemeinsam gelebten Werten und Tugenden gründet, gehört zu den Voraussetzungen, von denen Staat und Gesellschaftsordnung zehren, ohne sie doch selbst rechtlich einfordern und garantieren zu können.

Auch im Verhältnis des einzelnen Bürgers zu gesellschaftlichen Gruppen und politischen Akteuren, zu Institutionen, Unternehmen oder, notabene, Banken ist Vertrauen unverzichtbar – aber hier fängt auch die Ambivalenz an. Denn Vertrauen ohne den Sinn für die eigene Verantwortung wird schnell blind. Man muss es am Ende selbst verantworten, wenn man und wem man vertraut. Vertrauen und Verantwortung müssen zusammen ­gehen.

Rudolf Seiters, das ist ein zweiter hervorstechender Charakterzug dieses Ausnahmepolitikers, hat Verantwortung übernommen und uns mit seinem Beispiel auch daran erinnert, dass »politische Verantwortung übernehmen« nicht heißt, nach verzweifeltem Ausprobieren aller Schlupflöcher und Hintertürchen zu kapitulieren, sondern dass Verantwortung mit Würde und erhobenem Haupt zu tun hat.

Rudolf Seiters war und ist ein überzeugender Mensch und Politiker. Es gibt kaum einen angenehmeren Gesprächspartner in dieser Mischung aus Kompetenz, Zurückhaltung, Sachlichkeit, Verbindlichkeit, Offenheit und ruhiger Freundlichkeit, die ihn auszeichnet. Er hat seine ruhige, bescheidene Art in den Dienst unseres Landes gestellt. Wie sehr er den Menschen hier gedient hat, das zeigen seine nun vorliegenden Erinnerungen – auf ihre Art eine Geschichte der Bundesrepublik bis in die Flüchtlingssituation unserer Tage hinein.

Dabei stand am Anfang seiner Karriere eine Schrecksekunde, in der stürmisch umarmte Nonnen, ein Polizeieinsatz und die Absage einer Abiturfeier eine Rolle spielen. Aber mehr wird nicht verraten.

Ein lesenswertes Buch eines außergewöhnlichen Menschen. Ich bin dankbar, Rudolf Seiters begegnet zu sein.

 

Wolfgang Schäuble, Berlin im September 2016

Ein Wort zuvor

Am 30. September 1989 stand ich auf dem Balkon der Prager Botschaft. In dem nachtdunklen, verschlammten Garten sah ich nicht nur die 5000 Botschaftsflüchtlinge, sondern auch die 35 Großraumzelte des Deutschen Roten Kreuzes und die vielen Helferinnen und Helfer, die rund um die Uhr, Tag und Nacht, im humanitären Einsatz waren. Es war einer der bewegendsten Momente meines politischen Lebens.

Als daher im Jahr 2003 das Rote Kreuz auf mich zukam und mich bat, die Präsidentschaft zu übernehmen, habe ich spontan zugesagt. Es war immer mein Wunsch, nach meiner politischen und parlamentarischen Arbeit dem Ehrenamt etwas zurückzugeben, meine persönlichen Erfahrungen und meine guten Kontakte in alle politischen Lager der Bundesrepublik für die ehrenamtliche Arbeit zu nutzen. Speziell das rote Kreuz auf weißem Grund ist ja weltweit eines der schönsten Symbole für Solidarität und Menschlichkeit.

Zurückblicken konnte ich dabei auf 33 Jahre Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag, von 1969 bis 2002. Vier Kanzler habe ich in dieser Zeit erlebt: Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und dann später Angela Merkel, mit der ich in früheren Jahren zusammen am Kabinettstisch von Bundeskanzler Helmut Kohl saß. Danach erlebte und erlebe ich ihre Amtszeit als Präsident des Deutschen Roten Kreuzes.

Es mag sich daher lohnen, meine Sicht auf die Dinge aufzuschreiben. Dabei ist der Titel dieses Buches mit Bedacht gewählt, denn immer wieder wird man meinen Zeilen anmerken, dass Vertrauen für mich eine zentrale Kategorie ist – in der politischen Arbeit wie auch im Leben allgemein.

Unter Bundeskanzlerin Angela Merkel sind die Herausforderungen für Deutschland nicht geringer geworden – in ­einer Zeit, da es in vielen Teilen der Welt unruhiger geworden ist und gefährlicher durch Kriege und Bürgerkriege, durch Flüchtlingselend, Hunger und Armut. Noch nie gab es eine so schnelle Abfolge von Naturkatastrophen – Tsunami, Haiti, Indonesien, Sudan, Pakistan. Seit nun schon 6 Jahren tobt der Krieg in Syrien, erleben wir die Ausbreitung des Terrors, werden wir Zeugen des Elends in den Flüchtlingslagern und der Flüchtlingsströme nach Europa. Durch diese Entwicklungen werden das Deutsche Rote Kreuz und mit ihm viele andere humanitäre Organisationen in einer Weise gefordert wie seit Jahrzehnten nicht mehr, im Ausland wie im Inland. Ohne dieses großartige bürgerschaftliche Engagement wären staatliche Institutionen oftmals überfordert.

Ich bin dankbar für die vielen Jahre in der Politik und im Ehrenamt, ich habe dabei viel gelernt. Vor allem aber habe ich erfahren, wie wichtig auch im politischen Handeln dieses ist: Ein innerer Kompass, ein Wertefundament, Bürgernähe, das gegebene und gehaltene Wort, Verlässlichkeit. Häufig genug hat sich bewiesen, wie hilfreich es ist, immer wieder pragmatisch die überparteiliche Zusammenarbeit zu suchen, um Probleme zu lösen. Es ist das Miteinander, das Dinge voranbringt.

Krieg, Kriegsende, Neubeginn

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. Ich war damals sieben Jahre alt und lebte mit meinen Eltern Adolf und Josefine Seiters und meinen drei älteren Geschwistern Julius, Adolf und Marianne in einem Haus, das mein Großvater Rudolph Seiters in Bohmte, einer kleinen Gemeinde nördlich von Osnabrück, für sich und unsere Familie errichtet hatte. Mein Großvater war ein bemerkenswerter Mann. 1850 geboren, machte er seine Handwerkslehre und ging auf Wanderschaft, die ihn bis nach Dänemark, Schweden und Lettland führte. In Philadelphia und New York war er beruflich sehr erfolgreich, zurück in Deutschland übte er bis ins hohe Alter Ehren­ämter für Gemeinde und Kirche aus. Mein Vater war im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden, musste beruflich umschulen und wurde später Leiter des Bohmter Postamts. Meine Mutter hatte ihren Vater mit drei Jahren und ihre Mutter mit elf Jahren verloren. Eine harte Jugendzeit, doch sie hatte sich durchgebissen. Als sie meinen Vater heiratete, war sie Verkäuferin in einem angesehenen Textilgeschäft. Beide führten eine gute, harmonische und liebevolle Ehe.

Über Jahrzehnte war mein Vater im katholischen Kirchenvorstand der Gemeinde Bohmte tätig. Mein Großvater, genauso christlich eingestellt, hatte zwar ein Hindenburg-Portrait an der Wand über seinem Schreibtisch hängen, wäre aber nie auf die Idee gekommen, dieses Portrait nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit einem Bild des Führers zu tauschen. Die nationalsozialistische Ideologie stand für ihn und meine Eltern im krassen Widerspruch zu den christlichen Werten, die für unsere Familie so wichtig waren. Meine Eltern lehrten mich, anderen Menschen mit Respekt zu begegnen und niemanden zu diskriminieren oder als minderwertig zu betrachten. Sie schauten dem Treiben der Nationalsozialisten mit äußerster Distanz zu und hofften inständig, dass unsere Familie heil aus diesem Weltenbrand herauskommen würde.

Ich war zu klein, um mich an diese Zeit in allen Einzelheiten zu erinnern, doch ist mir durchaus bewusst, wie sich die Lage zum Kriegsende hin auch für uns im kleinen Bohmte immer weiter verschlechterte. Osnabrück war regelmäßig Ziel von Luftangriffen und auch das Umland blieb von deren Auswirkungen nicht verschont. Bereits Ende 1940 mussten wir unseren Waschkeller zum Luftschutzkeller umfunktionieren, was ich als damals Dreijähriger noch nicht in seiner ganzen Tragweite verstehen konnte. In den darauffolgenden Jahren jedoch traten wir immer häufiger den Weg in diesen Keller an. Die Geräuschkulisse mit dem Pfeifen der Bomben, dem lauten Knallen, auch das Zittern des unter der Bombenlast erbebenden Bodens haben sich mir tief ins Unterbewusstsein eingegraben. Kein Kind, das solche Dinge erlebt, vergisst diese Erlebnisse, daran denke ich auch heute, wenn ich die Kinder aus den Kriegsgebieten unserer Erde sehe, ihre traurigen Augen, ihren hilfesuchenden Blick.

Unmittelbare Zerstörungen mussten wir indes nicht hinnehmen, wohl auch ein Grund, warum für mich diese Stunden neben allem Schrecken auch immer etwas Abenteuerliches hatten. Als jüngstes von uns vier Geschwistern hatte ich da wohl doch einen Vorteil.

Gefährlich war die Zeit dennoch und auch unsere Familie schonte der Krieg nicht. Mein älterer Bruder Julius wurde 1943 eingezogen, schaffte es aber zumindest, als Marinesoldat nicht an die Front zu müssen. Er geriet in britische Kriegsgefangenschaft, kehrte allerdings glücklicherweise schon im Sommer 1945 wieder zurück.

Ich erinnere mich besonders an einen Tag: Feindliche Luftverbände sollten eigentlich Osnabrück angreifen, luden ihre tödliche Last jedoch bereits einige Kilometer vor der Stadt ab, sodass auf den Äckern rund um Bohmte plötzlich ein Hagel aus schweren Bomben niederging. Mit etwas Pech hätte er genauso gut das Dorf treffen und vernichten können. Zum Glück jedoch blieben wir auch an jenem Tag verschont und konnten uns nach dem Angriff wieder in unser unversehrtes Haus begeben. Erst zum Ende des Krieges hatte auch Bohmte Tote zu beklagen, als die Luftangriffe immer häufiger kamen und wir manchmal während des vormittäglichen Schulunterrichts in den Luftschutzkeller mussten. Durch den Beschuss starben in den letzten Kriegsmonaten im Umfeld unserer Gemeinde mehrere Dutzend Menschen. Für mich und meine gleichaltrigen Freunde hatte die Schulzeit gerade erst begonnen, 1944 waren wir eingeschult worden, und so schwankten wir manches Mal noch zwischen dem mittlerweile durch die Erwachsenen deutlich spürbaren Gefühl für den Schrecken des Krieges und der Faszination für die unterschiedlichen Fliegertypen, die über unser kleines Bohmte hinwegjagten.

Aus den Trümmern des Krieges entsteht ein neues Deutschland

Die Debatte darüber, was die breite Masse der Deutschen, die nicht direkt in irgendwelchen Funktionen in der NSDAP oder beim Militär aktiv war, von den Gräueltaten der Nazis mitbekommen habe, wurde und wird immer wieder geführt. »Wir wussten ja nichts« war schon kurz nach dem Krieg ein beliebtes Argument, um sich unschöner Diskussionen zu entledigen, doch so einfach war es eben nicht.

Bohmte war nicht gerade der Nabel der Welt und doch erinnere ich mich daran, dass wir einen jüdischen Mitbürger im Dorf hatten, der eines Tages einfach abgeholt und abtransportiert wurde. Natürlich sagte uns niemand, was genau geschehen würde, man hörte irgendwas von »Arbeitslager«, doch die Tatsache, dass hier ein Mensch, der völlig unbescholten immer schon unter uns gelebt hatte, einfach weggebracht wurde, war für niemanden zu übersehen. Für mich ist das ein sehr prägendes Erlebnis gewesen, und die berechtigte Frage »Warum habt ihr damals nichts dagegen getan?« mag auch ein Grund gewesen sein, warum ich immer so großes Interesse an aktiver politischer Gestaltung hatte.

War der Krieg bei uns in der Provinz all die Jahre im Großen und Ganzen nur in Ausschnitten wirklich präsent gewesen, so rückte die grausame Realität im letzten Kriegsjahr immer näher an uns heran. An die letzten Monate habe ich deutliche Erinnerungen. Zwar war eine kleine Ortschaft wie Bohmte nicht unmittelbar gefährdet wie größere Städte, dennoch gab es die beschriebenen Bombenabwürfe, es gab die Tieffliegerangriffe, den Absturz zweier englischer Jagdmaschinen, immer wieder Fliegeralarm, Verdunkelungsanordnungen und nächtliche Stunden in unserem einigermaßen sicher gebauten Keller, in den dann auch unsere Nachbarn kamen.

Anfang April 1945 tauchte vor unserem Haus plötzlich eine versprengte Soldatentruppe auf, um bei uns rasten zu dürfen. Was uns alle am meisten erschreckte, war die Tatsache, dass diese jungen Soldaten zwar erschöpft und abgekämpft wirkten, trotzdem aber auch zu diesem Zeitpunkt noch vollständig vom Gedanken des Kampfes gegen einen längst übermächtigen Gegner und für Nazideutschland durchdrungen waren. Sobald sie den dringendsten Hunger gestillt und sich ein wenig ausgeruht hatten, planten sie den Bau von Stellungen, aus denen heraus sie die Engländer angreifen wollten, sobald diese sich in Bohmte sehen lassen würden. Für meine Eltern war das nicht nur unbegreiflich, sondern sie erkannten auch die große Gefahr, die für das ganze Dorf dadurch heraufbeschworen wurde: Wenn die Engländer kämen und auf Widerstand träfen, hätten sie keine andere Wahl, als in den Häuserkampf zu gehen. Was das für Bohmte bedeutet hätte, war allen Einwohnern klar.

Ich sehe meine Mutter noch vor mir, wie sie den vom »Endkampf« gezeichneten Jungen klarzumachen versuchte, dass ihr Vorhaben sinnlos und gefährlich sei. Trotzdem zogen diese am nächsten Tag weiter. Immerhin bauten sie ihren Unterstand nicht in unmittelbarer Nähe auf, sondern hielten sich wohl am Rande des Dorfes, um sich dort gegen den Feind zu verteidigen.

In den Bohmter Häusern, so auch bei uns, herrschte da längst hektische Betriebsamkeit. Allen war klar, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis die Engländer auch bei uns einziehen würden. Dinge, die einen in die Nähe des Nationalsozialismus hätten rücken können wie die allseits üblichen »Mein Kampf«-Ausgaben oder ähnliches, wurden vernichtet. Doch was viel wichtiger war und Bohmte letztlich vor der Zerstörung bewahrte, war die Tatsache, dass sich hier niemand mehr an den »Führer, Volk und Vaterland«-Gedanken gebunden fühlte. Das ganze Dorf hisste die weiße Flagge. Bei uns befestigten meine Geschwister und mein Vater dieses wichtige Stück Stoff am höchstgelegenen Fenster, sodass es auch auf jeden Fall zu sehen sein sollte. Das war eigentlich nicht ganz ungefährlich, denn noch bestand der sogenannte »Nero-Befehl« Hitlers, der auf eine Strategie der verbrannten Erde ausgerichtet war. Demzufolge war bei einem Vorrücken des Feindes alles zu vernichten, was ihm in die Hände fallen könnte. Kapitulation war ein Grund für die Todesstrafe.

Doch in Bohmte war niemand mehr, der diesen Wahnsinn ausgeführt hätte. Die englischen Soldaten fuhren mit ihren schweren Panzern langsam durchs Dorf und nahmen sehr wohl wahr, dass ihnen von der Bevölkerung in diesem kleinen Ort, der mittlerweile in ein weißes Flaggenmeer verwandelt worden war, kein Widerstand drohte.

Bohmte blieb also von Kämpfen und Verwüstungen weitgehend verschont und im Juli 1945 kehrte mein Bruder Julius, der zuletzt Fähnrich zur See gewesen war, aus der britischen Kriegsgefangenschaft zurück, sodass unsere Familie den Krieg im Gegensatz zu vielen anderen einigermaßen unbeschadet überstand. Eine »Spätfolge« des Krieges bekamen wir im August 1945 zu spüren, als von heute auf morgen Soldaten der nun Besatzungsmacht gewordenen englischen Armee in unserem Haus einquartiert wurden. Wehren konnten wir uns dagegen nicht, nur die notwendigsten Sachen zusammenpacken und umziehen, nämlich in die Räume einer nahe gelegenen Bäckerei.

Dort sollten wir in den Räumen des ehemaligen Cafés, genauer gesagt in zwei kleinen Zimmern, immerhin für ein ganzes Jahr wohnen, bevor wir im Sommer 1946 wieder das eigene Haus beziehen durften. Natürlich war das zum damaligen Zeitpunkt für uns alle keine einfache Situation. Die Räumlichkeiten in der Bäckerei waren beengt, es herrschte eine latente Ungewissheit, wie es weitergehen würde, und überhaupt mussten sich alle nach dem Ende der dunklen Jahre erst einmal neu sortieren. Doch im Nachhinein betrachtet zeigte sich auch, was Solidarität wert ist. Die Bäckersfamilie nahm uns ohne Wehklagen auf, man rückte einfach enger zusammen und letztlich war dann doch Platz für alle. Ich erinnere mich an den Duft nach frischem Backwerk, der die Räumlichkeiten häufig durchzog. Noch heute muss ich gelegentlich an jene Tage denken, wenn ich eine Bäckerei betrete und dieser typische Geruch in der Luft liegt.

Von Normalität war indes nicht viel zu spüren, als wir schließlich in unser Eigenheim zurückkehrten. Die englischen Soldaten hatten sich dort so verhalten, wie man es von Besatzern im schlimmsten Klischee vermuten sollte. Die Einrichtung war dreckig und kaputt, an den Wänden prangten Sprüche, die andeuteten, für was man alle Deutschen noch lange Zeit pauschal halten sollte, nämlich für »Nazischweine«.

Doch auch nach dem Abzug der Soldaten sollten wir unser Haus durchaus nicht für uns allein haben, sondern teilten es lange Jahre mit verschiedenen Flüchtlingsfamilien aus anderen Teilen Deutschlands, die nicht das Glück gehabt hatten, zumindest ihre Heimat nicht aufgeben zu müssen. Noch bis Ende der Fünfzigerjahre wohnten fremde Menschen mit bei uns im Haus. Fremde Menschen, mit denen wir in der Regel sehr gut klarkamen. In meiner politischen Karriere, aber auch danach in meiner Zeit als DRK-Präsident bin ich immer wieder hautnah mit dem Thema Flucht und Vertreibung konfrontiert gewesen, und gerade die aktuelle Situation mit den großen Flüchtlingsströmen aus Syrien und anderen Teilen der Welt rückt es noch einmal ganz stark in den Fokus. Bei aller gebotenen Differenzierung in der Debatte darüber, sollten wir daher nie vergessen, was Humanität bedeutet und was geflüchtete Menschen aufgegeben haben, um in ein ihnen vollkommen unbekanntes Gebiet zu ziehen, damit sie dort Zuflucht und Hilfe finden.

Viele dieser Ereignisse haben sich mir als Junge intensiv eingeprägt. Später ist mir auch aus diesen Erinnerungen immer stärker klargeworden, wie tief Deutschland wirtschaftlich und moralisch durch die Verbrechen des Nationalsozialismus am Boden lag. Nach dem Krieg begann in Deutschland die Zeit des Wiederaufbaus und der politischen Neuorientierung. Alte und neue Parteien traten an, aus den Trümmern des Krieges etwas Neues entstehen zu lassen. Es gab die traditionsreiche Sozial­demokratie, es gab das nicht minder traditionsreiche katholische Zentrum, die Kommunisten, die Liberalen, es gab den neuen »Bund für Heimatvertriebene und Entrechtete« (BHE). Und es gab CDU und CSU.

Wie auch in anderen Familien, so wurde auch bei uns viel diskutiert, wie man sich politisch orientieren sollte. Politische Diskussionen wurden in meiner Familie immer offen geführt, ich lauschte oft aufmerksam und bekam ein erstes Gefühl dafür, dass es da um bedeutungsvolle und wichtige Dinge ging. Meine Eltern hatten als katholische Christen früher immer das Zen­trum gewählt. Nun aber, in Erinnerung an die gemeinsame Verfolgung von katholischen und evangelischen Christen durch den Nationalsozialismus, faszinierte meine Eltern die Perspektive einer großen christlichen Partei, die Katholiken und Protestanten gleichermaßen vertreten sollte, aber auch für andere Menschen mit einer ähnlichen Wertvorstellung offen war. Meine Überzeugung, dass es sich lohnt, alte Grenzen und Beschränkungen zu überwinden und zu integrieren statt zu trennen, hat sicherlich hier ihre ersten zarten Wurzeln erfahren.

Ich kann mich gut erinnern, dass meine Eltern Kurt Schumacher von den Sozialdemokraten und Theodor Heuss von den Liberalen als beeindruckende Persönlichkeiten empfanden. Von den politischen Vorstellungen jedoch stand ihnen Konrad Adenauer am nächsten. Adenauer, ehemaliger Oberbürgermeister von Köln, war Mitbegründer der »Christlich Demokratischen Union Deutschlands« und außerdem zum Vorsitzenden der neuen hoffnungsvollen Partei gewählt worden.

Eine glückliche Jugend

Die unmittelbare Nachkriegszeit habe ich als unbeschwerte Kinder- und Jugendjahre in Erinnerung. Dazu mag die Tatsache beigetragen haben, dass wir in Bohmte abseits der schlimmsten Zerstörungen in den deutschen Großstädten lebten und unsere Familie außerdem mit ihrem großen Garten eine echte Ruhe­oase besaß. In unserem Garten standen viele Obstbäume mit Äpfeln, Birnen, Pflaumen und Kirschen und etwa 120 Johannisbeer- und Stachelbeersträuchern. Die mussten abgeerntet werden, nicht immer zu meiner Freude. Ein Teil der Früchte wurde im Keller eingelagert oder vermostet, ein anderer Teil ging zum Schuster, der uns dafür kostenlos die Schuhe neu besohlte, oder zum Schneider oder wurde von Lieferwagen abgeholt, um in die Osnabrücker Cafés gebracht zu werden.

Aus heutiger Sicht mag diese Zeit als entbehrungsreich und schwierig erscheinen, und sicher war sie das vor allem für die Erwachsenen auch, die sich nach den zwölf dunklen Jahren erst einmal neu orientieren mussten. Mir jedoch mangelte es an nichts Wesentlichem. Alle näheren Familienangehörigen hatten den Krieg unversehrt überlebt, meine Mutter war nach wie vor das Zentrum unserer Familie, behütete und umsorgte uns alle unermüdlich, und mein Vater arbeitete weiterhin als Postbeamter, sodass für regelmäßiges Einkommen gesorgt war. Dazu kam die Stellung, die das christliche Gemeindeleben in Bohmte einnahm. Etwa ein Drittel des Dorfes war katholisch, die anderen zwei Drittel evangelisch, und beide Konfessionen nahmen ihren Auftrag ernst. Die Kirchen waren stets voll, und auch für mich war die Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen immer eine Selbstverständlichkeit, die ich selten als Belastung empfand. Bei uns Katholiken waren das beispielsweise die Fronleichnamsprozession, man sang im Kirchenchor, besuchte die Gottesdienste und nahm den kirchlichen Feiertagskalender in einer Weise ernst, die heute nur noch wenige Menschen verstehen. Zugegeben, auch meine Motivation zum sonntäglichen Kirchgang war Schwankungen unterworfen, wie eine beliebte Familien­anekdote aus dieser Zeit belegt. Eines Tages begab ich mich an der Hand meiner Mutter zum Gottesdienst und wurde von einer freundlichen Dame aus dem Dorf mit den Worten: »Na, willst Du auch in die Kirche gehen?« angesprochen. Meine Reaktion darauf war indes nicht ganz erwartungsgemäß, ich murmelte jedenfalls nur: »Ich will nicht, ich muss!« Später waren wir Jungen ein wenig unglücklich darüber, dass die sogenannte »Christenlehre«, deren Besuch für alle katholischen Schüler verpflichtend war, am Sonntagnachmittag parallel zu den Fußballspielen des TV 01 Bohmte lag. So konnten wir in der Regel immer nur die zweite Halbzeit sehen, es sei denn, wir fanden eine Gelegenheit, uns früher aus der Veranstaltung zu schleichen.

Die katholischen und die evangelischen Einwohner des Dorfes pflegten keine großen Rivalitäten. Die Bevölkerung war insgesamt im christlichen Glauben verbunden, die Menschen zogen daraus Kraft, um die Anforderungen des Nachkriegsalltags zu bewältigen. Unterschiede wurden höchstens auf Gebieten gemacht, auf denen man das niemals erwarten würde. So gingen die Katholiken zur »katholischen« Gärtnerei, während die evangelischen Einwohner tatsächlich ihre »evangelische« Gärtnerei hatten, auch wenn kaum zu vermuten ist, dass die Blumen einer Konfession angehörten.

Doch nicht nur in der Gemeinde, auch in unserer Familie spürte ich immer großen Zusammenhalt. Die unmittelbare Nachkriegszeit war oft aufregend und bedurfte dieser innerfamiliären Geschlossenheit, beispielsweise wenn es darum ging, das kaum verfügbare Heizmaterial zu besorgen. Geheizt wurde mit Kohle. Davon war prinzipiell in Deutschland zwar genug vorhanden, doch war sie für die Bevölkerung nicht ausreichend verfügbar, da die Besatzungsmächte es als legitim ansahen, die deutsche Kohle in größeren Mengen ins eigene Land zu transportieren.

In dieser Situation hörten wir einen Ausspruch von Kardinal Frings aus Köln, der die Praxis der Besatzer kritisierte und zwischen den Zeilen durchblicken ließ, dass es keinesfalls Sünde sein könne, wenn die deutsche Bevölkerung sich die Kohlen auf »spezielle Art und Weise« besorge. In der Folgezeit frönten auch meine Geschwister dem bald sprichwörtlichen »Fringsen«, warteten nämlich auf die langen Kohlezüge, die häufig nachts unterwegs waren, und holten im Schutz der Dunkelheit an den Haltestellen vom Zug runter, was nur möglich war. So war Kohle zum Heizen vorhanden und das schlechte Gewissen hielt sich in Grenzen. Mich nahmen sie bei diesen Aktionen nicht mit, ich galt als zu jung, doch zitterte ich jedes Mal daheim mit und drückte die Daumen, dass niemand erwischt würde und alle gesund und erfolgreich wieder daheim ankämen.

Ich wurde älter und die Entscheidung, auf welches Gymnasium ich gehen sollte, stand an. Für meine Eltern war das eine leichte Sache, denn einen besseren Ruf als das katholische Gymnasium Carolinum in Osnabrück hatte keine Schule zu bieten. Dieser Wechsel war gewissermaßen alternativlos.

Das Carolinum war und ist eine humanistische Schule. Gegründet im Jahr 804 von Karl dem Großen, ist es zusammen mit dem Paulinum in Münster eine der ältesten Schulen in Deutschland. Zu meiner Schulzeit litten wir darunter, dass das Paulinum anhand von Dokumenten behaupten konnte, die Münsteraner Schule sei die ältere. Später habe ich immer augenzwinkernd gesagt, offensichtlich habe der Bischof von Münster die Dokumente besser gefälscht als der Bischof von Osnabrück. Die heutige Schülergeneration sieht die Sache lockerer. Seit vielen Jahren gibt es jährlich ein Fußballspiel zwischen Paulinern und Carolingern mit der verbrieften Absprache: Die Sieger dürfen für ein Jahr behaupten, sie kämen von der ältesten Schule Deutschlands.

Während des Dritten Reiches war man an meiner Schule so standhaft wie nur irgend möglich geblieben, man konnte den Verantwortlichen am Carolinum nicht den Vorwurf machen, sich dem Regime kritiklos unterworfen zu haben. Ab 1949 setzte ich dort meine Schullaufbahn fort und musste jeden Morgen mit vielen anderen Schülern in den Zug steigen, der uns von Bohmte nach Osnabrück bringen sollte. Wie es der Ausrichtung der Schule und auch meinen persönlichen Interessen entsprach, zeigte ich in den geisteswissenschaftlichen Fächern gute Leistungen, vor allem die alten Sprachen hatten es mir angetan. Besonders begeisterten mich aber der Deutsch- und der Geschichtsunterricht, wobei ich letzterem die höchste Aufmerksamkeit widmete. Mir war sehr wohl bewusst, dass wir in einer Zeit lebten, in der wir vor allem aus der gerade erst vergangenen Geschichte eine Menge zu lernen hatten.

In der Schule zeigte sich auch, dass mich historische und politische Zusammenhänge interessierten. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Arbeit, die ich im Fach Deutsch vor meinem Abitur über meinen damaligen Lieblingsschriftsteller Reinhold Schneider, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, geschrieben habe. Schneider hat sich in vielen Werken und historischen Romanen wie etwa »Philipp II.« oder »Las Casas vor Karl V.« mit der Auseinandersetzung zwischen Macht und Gewissen, weltlicher Macht und göttlicher Gnade beschäftigt. Das Thema Macht, ihre Grenzen, ihre Versuchung und ihr Missbrauch ist durch die Jahrtausende, da die Menschen existieren, immer ein höchst aktuelles Thema gewesen, in Staat und Politik genauso wie in der Kirche.

Ich war gerne auf dem Carolinum, allerdings hatte ich auch kleine Tiefpunkte in meiner Schulkarriere zu verzeichnen. Später habe ich erzählt, mir habe es dort so gut gefallen, dass ich die Obersekunda, also die Klasse 11, zweimal gemacht habe. Die Wahrheit sah natürlich ein klein wenig anders aus. In Mathematik war ich tatsächlich schlecht, doch die Fünf in Latein, die mein Klassenlehrer mir verpasste, war ungerecht. Das hat mich damals sehr gewurmt und auch gedemütigt. Schuld war eine Aufmüpfigkeit im Schullandheim, die er mir gewaltig nachtrug. Angeblich sollte ich ihn mit einem Wasserstrahl beschossen haben. Eine echte Kleinigkeit, ein klassischer Streich, für meinen Lehrer allerdings Grund genug, mich von nun an auf dem Kieker zu haben. Das Ergebnis war, dass ich von heute auf morgen keine Dreien und Vieren mehr schrieb, sondern nur noch Fünfen. Der Lehrer ertränkte geradezu mein Tintenblau in einem roten Meer angeblicher Konstruktionsfehler.

Doch im Leben trifft man sich ja bekanntlich immer mindestens zweimal. 1990 war ich als Festredner auf einer Großveranstaltung der Osnabrücker CDU eingeladen. Da der dortige Parteivorsitzende verhindert war, musste stellvertretend der Vorsitzende der CDU-Ratsfraktion die feierliche Begrüßung übernehmen. Und so kam es, dass mein ehemaliger Klassenlehrer den dank ihm einmal sitzengebliebenen Rudi Seiters, mittlerweile Kanzleramtsminister, lobend erwähnen musste.

Beim Abitur 1959 war ich der Jahrgangssprecher und hatte eine aus meiner Sicht richtig schöne Rede für die Abschlussfeier vorbereitet. Leider durfte diese Rede nie gehalten werden. In der Freude über die soeben bestandene mündliche Abiturprüfung waren meine Mitschüler und ich mit dem Bierkutschenwagen zum Mädchengymnasium St. Angela gefahren, wo wir die Schülerinnen, die wir ja aus der Tanzstunde kannten, stürmisch umarmten. Auch die eine oder andere Nonne entkam uns nicht. Leider wurde diese harmlose Aktion von der Schulleitung gründlich missverstanden. Plötzlich ertönten Polizeisirenen und wir suchten schnell das Weite.

Das »Caro«-Lehrerkollegium trat zusammen und beschloss, wegen dieser der Schule nicht angemessenen »unsittlichen« Verhaltensweise gleich die ganze Abiturfeier ausfallen zu lassen. Die Zeugnisse durften wir uns später direkt im Direktorenzimmer abholen, unserer Freude über das bestandene Abi tat das allerdings keinen Abbruch.

Viele Jahre später, ebenfalls in meiner Zeit als Kanzleramtsminister, war ich dann beim großen Jubiläum der Angelaschule eingeladen, ebenfalls als Festredner. Unter großer Erheiterung aller Anwesenden erblickten bei dieser einmaligen Gelegenheit dann doch noch einige Zitate aus meinem damaligen Reden­entwurf das Licht der Öffentlichkeit. Manch einer der anwesenden ehemaligen Schüler dürfte ein kleines Déjà-vu gehabt haben, vor allem mein ehemaliger Klassenkamerad Hermann, der zwischenzeitlich zum Direktor des Carolinums aufgestiegen war.

Nach dem Abitur kam die Einberufung zur Bundeswehr. Ich wurde mit der Note 2 tauglich gemustert und erhielt meinen Einsatzbefehl, soweit ich mich erinnere, für eine Heeresdivision in Hannover. Wir waren der erste Jahrgang, der einberufen wurde, denn die sogenannten »weißen Jahrgänge« (1. Januar 1929 bis 30. Juni 1937) waren für den Dienst in der neuen Bundes­wehr bereits zu alt und wurden daher vom Militärdienst befreit. Mein Geburtsdatum im Oktober lag aber wenige Wochen nach dem Stichtag. Eine Uniform musste ich trotzdem nie anziehen. Wie man mir mitteilte, gab es bereits mehr Abiturienten als Plätze zur Verfügung standen. Ich konnte direkt mit dem Studium beginnen und schrieb mich an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster ein.

Erste Schritte in die Politik

Mein Studentenleben unterschied sich oberflächlich betrachtet nicht von den Erfahrungen, die unzählige andere junge Menschen auch machten und heute noch machen: Ich lernte viel, ich feierte nicht weniger, und ich war diszipliniert genug, um meine Examina planmäßig zu absolvieren. Die Ehrenrunde in der Schule hatte mir in dieser Hinsicht die Augen geöffnet, solch einen peinlichen Ausrutscher wollte ich mir nicht noch einmal erlauben.

Da die finanziellen Mittel knapp waren, hatte ich mir eine günstige Bleibe gesucht, im wahrsten Sinne des Wortes eine »Studentenbude«. Ich bewohnte ein kleines Zimmer in der Goldstraße in Münster, in dem es nicht einmal fließendes Wasser gab. Heizen musste ich etwas umständlich mit einem Ofen und ich erinnere mich an manchen Abend, an dem ich, abends aus dem Seminar oder einer Veranstaltung kommend, mit dem Mantel ins Bett ging, weil ich einfach keine Lust hatte, noch Feuer zu machen. Selbst beim Frühstück sparte ich, oft nahm ich es dankend an, dass meine Vermieterin mir einfach ein Spiegelei mit machte.

Die Nachkriegsjahre mögen hier prägend gewesen sein: Ich brauchte in materieller Hinsicht tatsächlich nicht viel, viel wichtiger waren mir zum einen der Zusammenhalt und die gemeinsamen Erlebnisse mit meinen Kommilitonen und zum anderen die vielen, vielen Diskussionen über Politik und Gesellschaft, die immer wieder Auswirkungen auf mein eigenes politisches Engagement hatten.

Münster war für mich ein günstiger Studienort, da der Abstand zur Heimat in Bohmte nicht allzu groß war. Das war wichtig, denn bereits als Schüler hatte ich dort den Ortsverband der Jungen Union gegründet – noch bevor ich überhaupt Mitglied der CDU geworden war. Als Vorsitzender war ich dort auch nach Beginn meines Studiums noch politisch aktiv und schaute regelmäßig daheim vorbei.

In umgekehrter Richtung machte sich meine Mutter irgendwann einmal nach Münster auf, um zu sehen, wo ihr Sohn sich sein Studentenleben eingerichtet hatte. Die Stadtführung, die sie von mir bekam, sollte allerdings nicht ihren Erwartungen entsprechen. Statt Lamberti-Kirche, Prinzipalmarkt und Dom zeigte ich ihr von Gilde-Stuben bis zum Gasthaus Töddenhoek die Stätten des echten studentischen Lebens. Das war nur zu berechtigt, denn schließlich lernte ich dort mindestens genauso viel wie im Hörsaal der Universität.

Nach einer mehrjährigen Mitgliedschaft in der studentischen Verbindung Unitas-Wiking schloss ich mich der Unitas-Winfridia an, einer katholischen wissenschaftlichen Verbindung, in der ich mich gut aufgehoben fühlte. Das Verbindungsleben gehörte in jener Zeit viel stärker zum studentischen Leben dazu als es heute der Fall ist. Die älteren Verbindungsmitglieder halfen den jüngeren, im Studium Fuß zu fassen, für jedes Problem wusste jemand eine Lösung, man war im positiven Sinne nie allein. Natürlich wurde ich als frisch gebackener CDUler auch Mitglied im Ring Christlich Demokratischer Studenten, RCDS, und engagierte mich auch hier politisch.

Die Verbindung spielte für mich eine wichtige Rolle, ich versuchte, so viel wie möglich zum Verbindungsleben beizutragen und nahm die Angebote wie den turnusmäßigen Gottesdienst zum Semesterbeginn oder die wissenschaftlichen Sitzungen, die über das Semester verteilt stattfanden, gerne an.

Ausgesprochen ungern erinnere ich mich jedoch an ein ganz bestimmtes Erlebnis. Im fünften Semester war ich Senior der Verbindung geworden und nutzte immer noch gerne die Veranstaltungen unserer Verbindung. Die waren häufig geselliger Natur, wie die vielen fröhlichen Zusammenkünfte, die in unserem Bootshaus an der Werse stattfanden. Darüber hinaus fanden sich aber auch immer wieder einige sehr interessante Vorträge im Semesterprogramm. Während meines fünften Semesters war darin unter anderem ein Vortrag des Münsteraner Bundestagsabgeordneten Peter Nellen vorgesehen. Dieser war wegen erheblicher Differenzen mit seiner Partei in der Frage der Kriegsdienstverweigerung und Atomrüstung im November 1960 von der CDU zur SPD übergetreten. Innerhalb der SPD-Fraktion war er nun für die Beziehungen zur katholischen Kirche zuständig. Als der Vortragstermin näher rückte, gab es einen sogenannten Cumulativconvent mit den Wiking-Studenten und den Alten Herren, also den bereits im Berufsleben stehenden Unitariern. Gegen meinen heftigen Widerstand wurde mit den Stimmen der Älteren, durch die Bank Anhänger und Wähler der CDU, die Ausladung von Peter Nellen beschlossen. Ich allerdings hatte eine völlig andere Auffassung von Toleranz, Pluralität und studentischer Diskussionskultur. Deswegen erklärte ich, dass ich diese Entscheidung sehr bedauere und dieses Bedauern auch Peter Nellen persönlich übermitteln würde. Das wollte man mir per Abstimmung untersagen, worauf ich erklärte, dass ich dann sofort mein Senioriat niederlegen würde. Das wirkte, also machte ich mich auf den Weg zu Peter Nellen, dem man die tiefe Betroffenheit anmerkte. Er hatte ganz offensichtlich eine persönliche Gewissensentscheidung getroffen und nun versagte man ihm als Katholiken den Zugang zu einer katholischen studentischen Organisation. Das hat auch mich zu diesem Zeitpunkt tief bewegt. Mein lebenslanger Einsatz dafür, über Partei- und Fraktionsgrenzen pragmatisch zu handeln, wurde auch durch dieses Erlebnis mit geprägt.

Meine Studienjahre waren in vielerlei Hinsicht prägend für mein späteres Politikverständnis. Während meiner Jahre in Müns­ter bin ich auch Joseph Höffner begegnet, damals Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität, später Bischof, Kardinal und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Ich hörte seine Vorlesungen und traf ihn auch bei Diskussionen in katholischen Studentenverbindungen. Schon damals beeindruckte er mich und gab mir Maximen fürs Leben mit. Als ich bereits mitten im politischen Leben stand, hielt er im September 1986 bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda einen Vortrag mit dem Titel »Der Staat – Diener der Ordnung«. Diesen Vortrag habe ich immer im Gedächtnis behalten und auch später oftmals nachgelesen. Höffner hat da­rin Mahnungen an den Staat, aber auch an die Politiker gerichtet und ich habe diese Mahnungen mit besonderer Aufmerksamkeit registriert.

In früheren Jahrhunderten, so sagte Höffner, liebte man es, für die verschiedenen Stände Leitbilder aufzustellen, sodass sich die Leser darin wie in einem Spiegel prüfend betrachten konnten. Es gab den Fürstenspiegel, den Handwerkerspiegel, den Bauernspiegel, den Kaufmannsspiegel und einige andere. In späteren Zeiten meinten manche, es sei kaum möglich, das Ethos des Politikers, also die Gesamtheit seiner moralischen, das politische Handeln bestimmenden Überzeugungen zu umschreiben, die Politik an sich verderbe nämlich bereits den Charakter. Dem widersprach der Kardinal und stellte seinerseits einen Politikerspiegel auf, der insgesamt sieben Züge aufweisen sollte.