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Als sich der Zweite Weltkrieg seinem Ende nähert, ist Martin ein 16jähriger junger Mann. Ungewollt wird er zum Militärdienst eingezogen und findet sich im Chaos des Kriegsendes wieder. Mitten in den Kämpfen um Berlin gerät Martin in Kriegsgefangenschaft, erlebt Tod, Leid und Entbehrungen. Nun, knapp 60 Jahre später, beschließt Martin, sich auf die Spuren seiner Vergangenheit zu begeben und mit dem Fahrrad seinen damaligen Weg durch Brandenburg nachzufahren. Und mitten in Friedenszeiten nehmen die grauenvollen Erlebnisse von damals wieder Gestalt an ... Ein biografischer Roman, der nicht nur die Schrecken des Krieges beschreibt, sondern auch den Frieden wertzuschätzen lehrt.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2021
Vorwort
Der Plan
In der Region Fläming
Zwischen den Fronten
Von Fläming nach Potsdam
Durch das Havelland zum Ruppiner Land
Gefangenenmarsch
Im Barnim
Gefangenenmarsch durch die Bernauer Heide
Märkisches Oderland
Gefangenenmarsch zum Oderbruch
Das Oderbruch
Gefangenenmarsch
Ausklang
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der der Zweite Weltkrieg nur noch in der Schule und sehr selten in der Erinnerung einiger Verwandten eine Rolle spielte. Mein Großvater ist wahrscheinlich irgendwo in Russland gefangengenommen worden, aber da ich auch meine Großmutter mütterlicherseits schon mit neun Jahren verloren habe, habe ich bewusst kaum etwas von den Erzählungen mitbekommen.
Mein Vater, der aus der späteren DDR floh und den Russen entkommen wollte, als er eigentlich noch in die Schule gehört hätte, erzählte ebenso wenig. Und wenn, dann waren es keine Erlebnisse, die mit dem Kampf und dem Kriegsgeschehen in direktem Zusammenhang gestanden hätten. Und so wuchs ich auf mit dem, was man in der Schule lernt, Berichterstattung im Fernsehen, die von Zeit zu Zeit lief, dem »Tagebuch der Anne Frank« und anderer Literatur und Filmen wie »Schindlers Liste«. Auch Krieg oder auch nur kriegsähnliche Zustände habe ich nie direkt erfahren. Meine einzigen bedrohlichen Erlebnisse bestanden höchstens in meiner Anwesenheit in Ägypten, als der »Arabische Frühling« Einzug hielt oder nach dem Fußballspiel während der Weltmeisterschaft in Lens, als ein Polizist getötet wurde und ich mich vor einer aufgewühlten Menge in Sicherheit bringen musste. Gewalt ist mir nicht fremd, aber die Dimensionen eines Krieges dürften meine Kenntnisse nie erreichen.
Die meisten von uns sind in Friedenszeiten aufgewachsen und werden so erzogen, dass sie doch eigentlich unterbewusst oder auch offen jedem einen Vorwurf machen, der damals für das Dritte Reich gekämpft hat. Wir können diese Menschen nicht verstehen, können nicht nachvollziehen, warum sich niemand gewehrt hat, und kommen eigentlich auch nie mit dem »Ottonormalverbraucher« von damals in Berührung. Ebenso wenig wie mit der Notwendigkeit, einen anderen Menschen töten zu müssen oder der dauernden Angst, einfach so durch eine Bombe oder ein Maschinengewehr von einer uns fremden Person umgebracht zu werden, weil wir einfach Bürger eines bestimmten Landes sind.
Als ich Wilhelm Lissner um einige Ecken herum kennenlernte, war ich sehr skeptisch. Ein Mann, der mit sechzehn noch in den Krieg gezogen ist, war mir noch nie begegnet. Und ich dachte bei mir, dass er ja eigentlich schon gewusst haben musste, was da alles so in Deutschland lief. Warum hatte er gekämpft, warum hatte ein so intelligenter Mann nicht erkannt, was für uns heute so offensichtlich ist? Und vor allen Dingen: Was war in all den Soldaten vorgegangen?
Nun, als ich sein Buch las, wurde ich nicht enttäuscht, denn ich bekam mehr Antworten, als ich vielleicht wollte. Es fühlt sich für uns komisch an, wenn wir plötzlich Mitgefühl mit denjenigen entwickeln, die wir eigentlich verurteilen sollten. Und es stellt für einen langen Moment die Welt auf den Kopf, wenn man plötzlich mit denen fühlt, die man für emotionslose Unmenschen hielt. Wenn man feststellt, dass Täter vielleicht Opfer waren. Oder wenn man in eine Gefühlswelt Einblick erhält, von der man bisher keine Ahnung hatte.
Während des Korrektorats dieses Buches (von Lektorat möchte ich bewusst nicht reden, denn ich habe versucht, möglichst nichts zu verändern) hat sich meine Sicht auf die Menschen im Dritten Reich verändert. Nicht meine Meinung zu den Greueltaten, die verübt wurden, aber doch die Sicht auf die, die da als »normale« Soldaten gekämpft haben. Und vor allen Dingen hat mir das Lesen dieses Buchs eins gegeben: einen wertvollen Einblick in das Leben im Krieg und eine völlig neue Bedeutung dessen, was Krieg mit Menschen macht.
Ich halte es für sehr wichtig, diese Erinnerungen in dieser Form in einem Buch zu dokumentieren, solange wir noch Menschen unter uns haben, die darüber aus erster Hand berichten können. Wir leben schon sehr lange in Europa in Frieden und erst Bücher wie dieses, was Sie nun in der Hand halten, können uns wirklich wertschätzen lassen, was uns vergönnt ist.
Zum Abschluss: Ich möchte Herrn Lissner für seine Offenheit danken, für seinen Mut, sich zu erinnern, und für seinen Willen, alles Erlebte noch einmal zu erleben, um es vor dem Vergessen zu bewahren.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen! Petra Liermann
..___..___ Route der Radtour September 2002
________ Route des Kriegsgefangenenmarsches Ende April/ Anfang Mai 1945
Seit vielen Jahren schon hatte er es sich vorgenommen und immer wieder vor sich hergeschoben. Er hatte manches Mal darüber gesprochen, er hatte Zustimmung – nicht selten begeisterte Zustimmung – ebenso wie diskrete Zurückhaltung oder gar Einsprüche erfahren.
»In deinem Alter willst du noch so etwas unternehmen? Übernimmst du dich damit nicht?«, musste er sich etwa sagen lassen. Doch solchen bedenklichen Einwänden hörte er nicht gerne zu. Gewiss, er war alt, aber sicher nicht uralt. Für seine Jahre war er eigentlich noch sehr fit, er fühlte sich rundum wohl und fähig, noch weit mehr zu unternehmen. Sein Herz war in Ordnung – überhaupt, sein Gesundheitszustand war kein bisschen eingeschränkt. Verständlich, dass er den Gesprächen mit anderen Freundinnen und Freunden viel eher zugetan war, wenn sie etwa sagten: »So eine Reise finde ich ja ganz toll! Das ist für dich noch mal eine richtige Herausforderung. Da würde ich glatt mitmachen.«
Herausforderung? Ein Stichwort, das nicht nach »sich in sein Alter fügen« klang oder gar den Geruch jener abgegriffenen Formel enthielt, die so viele Alte für sich in Anspruch nahmen: »Ich habe mein Leben lang genug getan, jetzt habe ich mir die Ruhe verdient …« Nein, so ein starkes Wort baute Illusionen auf, ließ ihn sein Vorhaben noch stärker vorantreiben, verpflichtete geradezu, es dieses Mal wirklich durchzuführen.
Bei der physische Seite seines Vorhabens handelte es sich nach seiner eigenen Sicht sogar um eine relativ einfache Sache. Dies umso mehr, als dass er seine ganze Lebenseinstellung, seinen Lebensrhythmus eher sportlichlocker ansah. Er war ganz sicher nicht der Typ des verbissenen reinen Naturburschens. Im Gegenteil: In ausreichendem Maße beteiligte er sich auch am kulturellen gesellschaftlichen und sozialen Leben. Dann kleidete er sich so, wie es seriöse ältere Herren zu tun pflegten: Anzug, Oberhemd und Krawatte, dann und wann Mantel und Hut … Gut angezogen fühlte er sich ebenfalls wohl, aber wenn er es genau abwog, fühlte er sich schon wohler im flotten Outfit.
Er hielt sich mit altersgerechten Sportarten einigermaßen fit, war wohl auch etwas durchtrainiert und gab – zumindest wie er es sich selbst einredete – eine ziemlich gute Figur ab. Manche Freunde sahen ihn sogar als schlank an.
Na ja, dachte er dann, das ist wohl stark übertrieben. Immerhin freute er sich, beiläufig so etwas zu hören.
Alles in allem, mit dem, was er unter Lebensqualität verstand, war er sehr zufrieden. Er mochte seine fröhlichen blauen Augen, wusste, etwaige Makel an seinem Äußeren gut zu kaschieren, und lebte einigermaßen gesund. Dennoch musste er sich eingestehen, dass er keinen Freibrief für noch lang andauernde Gesundheit besaß. Es würde ihm gewiss nicht mehr unbegrenzt Zeit bleiben, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Er würde, so Gott wollte, noch genügend Zeit haben, die Welt zu erkunden. Solche Reisen könnte er selbst noch mit 80 oder 85 Jahren machen, dafür bedurfte es im Gegensatz zu dem jetzt geplanten Trip keiner besonderen Fitness. Doch diese Reise würde ihn nicht nur körperlich fordern. Es waren psychische und geistige Hintergründe, die er seinen Plänen und Empfindungen ebenso stark zugrunde legte: Es war die Erinnerung an eine schwere und beklemmende Zeit, die er in frühester Jugend hatte erfahren müssen. Es waren die verwehten Spuren eigener Vergangenheit in den letzten zwei, drei Wochen des schrecklichen Krieges Ende April/ Anfang Mai 1945, die er jetzt greifbar deutlich machen wollte. Erlebnisse, die damals in den letzten Kriegswochen die jugendliche Zeit geprägt, das jugendliche Herz erschüttert hatten, ließen sich lebenslang nicht einfach auf die Seite schieben, ja, in den jungen Jahren hatten sie ihn schon belastet. Und diese Erinnerung war es ihm wert, sein nicht gerade alltägliches Unterfangen jetzt umzusetzen.
Er wusste, wenn er mit dem Fahrrad jene Straßen und Pfade, darunter Wege, die er in tiefer Erniedrigung gegangen war, erneut nachzeichnen würde, könnte er die Last, die ihm vor mehr als einem halben Jahrhundert aufgebürdet worden war, vielleicht abstreifen. Er wollte das Land, damals gezeichnet von verbrannter Erde, von Elend und Not, getränkt vom Blut ungezählter Opfer eines sinnlosen Krieges, er wollte dieses Land und seine Bewohner, die heute in Frieden und Freiheit leben konnten, wiedersehen.
Und er konnte dennoch auch Angenehmes damit verbinden. Denn er würde den Spuren des Dichters Theodor Fontane folgen, der dieses Land, die Mark Brandenburg, viele Jahrzehnte vor dem Zweiten Weltkrieg bereist hatte. Und er hoffte, dass er nach seiner Reise in vierzehn Tage würde sagen können: »Es hat sich gelohnt!«
Rangsdorf, zwischen Zossen und Baruth, Märkisches Land
Rangsdorf – gute zwanzig Kilometer südlich von Berlin Zentrum gelegen – war eine Kleinstadt in Fläming, einer Region der Mark Brandenburg. Das war der Ausgangspunkt für Martins Radtour, die von den Spuren der Vergangenheit geprägt sein sollte. Ob auch Fontane durch diese Gegend gewandert war, wusste er nicht. Für Martin war das auch im Augenblick nicht so wichtig. Fontanes Wege würde er noch oft genug kreuzen.
Die Kleinstadt war im Verlauf der letzten 50 Jahre ständig gewachsen. Westlich, mehr aber noch östlich der Eisenbahnlinie, die ziemlich genau in Nord-Süd-Richtung verlief, entstanden durch Wohnsiedlungen, die heute das Ortsbild prägten. Und gleich hier fand Martin bereits etliche Straßen, die ihm einen Vorgeschmack auf die Eigenheiten des Brandenburger Landes gaben; hier durfte er schon erstmals ahnen, was ihm in der Märkischen Heide, im Märkischen Land noch begegnen sollte. Viele Straßen stellten sich bereits als Wege dar. Wege im Märkischen Sand. Waren sie auf einer Seite mit schönen Häusern im ländlichen Stil bebaut, so war die andere Seite dagegen oft mit knorrigen Kiefern bewachsen. Das zeichnete bereits jenes Bild, das sich ihm in Zukunft noch so oft vorstellen sollte.
Schon hier, gleich zu Beginn seiner mehrere hundert Kilometer langen Fahrt so einem Idyll zu begegnen, das erfüllte Martin mit großer Freude. Aus alten Beschreibungen und von alten Fotos her wusste er bereits, dass Kiefernreihen am Wege sich oft zu ganzen Kiefernwäldern erweitern sollten und dass wenig befahrene Straßen sich als prächtige Alleen darstellen würden.
Martin fuhr aus dem schönen Auftakt seiner Tour auf die Bundesstraße hinaus, die in Nord-Süd-Richtung, von Berlin kommend, östlich an Rangsdorf vorbei über Zossen, Wunsdorf, Baruth, letztlich in die Lausitz führte.
Schicksalhaft für Martin waren freilich die paar Kilometer zwischen Zossen und Baruth. An diesem Streckenabschnitt, der auf östlicher Seite von einer kleinen, vielleicht zwanzig, dreißig Meter über Straßenniveau sich hinziehenden Anhöhe begrenzt wurde, begann die Geschichte, die in seiner frühen Jugend so bedeutsam gewesen war. Die verwerflichen Höhepunkte stellte, die im Verlauf weniger Wochen gar seinem jungen Leben ein gewaltsames Ende hätten setzen können. Die Geschichte einer Zeit, die verlorene Kinderjahre zu einem schrecklichen Ende geführt hatte.
Erster Kriegseinsatz, Zossener Heide/ Baruther Urstromland, um den 20. April 1945
Wir hatten auf dem Hügel an der Straße nach Baruth unsere Position bezogen. Wir, das waren die Männer des Reichsarbeitsdienstes – kurz RAD genannt – die in einem Lager in der Nähe von Wunsdorf für die Verteidigung Deutschlands, mehr noch, für »die Erringung des Endsieges« in wenigen Tagen ausgebildet worden waren. Dreihundert oder vierhundert Jungen von fünfzehn oder sechzehn, höchstens aber siebzehn Jahren waren es, die, gerade den Kinderschuhen entwachsen, nun Männer sein sollten. Männer, die den Krieg noch zugunsten Deutschlands entscheiden sollten, Männer, die den »Endsieg über die Feinde des Großdeutschen Reiches« erringen sollten.
Der Reichsarbeitsdienst war eine Organisation in der nationalsozialistischen Hierarchie, deren Angehörige zwischen den Lebensabschnitten der Hitlerjugend und der Wehrmacht standen. 1935 gegründet, war es die Hauptaufgabe dieses Verbandes, die 18- bis 25-jährigen Männer und Frauen zur Handarbeit anzuleiten. Sie hatten Erdarbeiten wie etwa die Bodenkultivierung zu verrichten und sie sollten damit letztlich zur »nationalsozialistischen Arbeitsauffassung und Volksverbundenheit« erzogen werden.
Die braune Uniform mit der Hakenkreuzarmbinde – sie sangen in einem Marschlied: »… braun wie die Erde ist unser Arbeitskleid« – und der Spaten waren Merkmale der »Arbeitsmänner«. Und es gab eine Führungs- und Befehlsrangordnung, die in etwa mit der der Wehrmacht vergleichbar war. Nach 1940 waren die Aufgaben mehr und mehr den Erfordernissen untergeordnet worden.
Bald gehörte auch eine militärische Grundausbildung zum RAD-Programm, 1945 schließlich war der Reichsarbeitsdienst praktisch eine Wehrmachtsabteilung.
In unserem Lager hatten wir das sehr deutlich erfahren. Wir hatten nichts mehr mit Erdarbeiten zu tun, wir brauchten weder Spaten noch Spitzhacke noch andere Arbeitsgeräte. Unsere Ausbildung war ausschließlich nur noch rein militärisch: Jeden Tag ging es auf den Schießstand, daneben Waffenpflege, Waffenkunde, Geländeübungen im Feld, theoretischer Unterricht in »Kriegsführung« … Mit dem frühen »echten Arbeitsdienst« waren wir nicht mehr vergleichbar.
Am frühen Morgen waren wir, kampfeinsatzfähig ausgerüstet und mit Marschverpflegung versorgt aus dem Lager herausmarschiert. Wir bezogen diese Anhöhe über der Straße. Wir hatten Schützengräben ausgehoben, hatten unsere Stellung gefechtsmäßig ausgebaut und konnten nun auf dem Einsatz warten, der weniger Angriff als mehr Abwehr sein würde. Unser Verband der Arbeitsmänner war verstärkt worden durch Jugendliche, die tatsächlich noch Kinder waren, dreizehn oder vierzehn Jahre mochten sie zählen. Vielleicht waren sogar noch Jüngere dabei. Diese Jungen der »Hitlerjugend« und des »Jungvolks«, diese Pimpfe waren aus den heimischen Kreisen ringsum durch die NSDAP-Führer hierher befohlen worden. Und ebenso gab es hier in der Stellung alte Männer, jenseits von fünfundfünfzig oder sechzig Jahren. Das waren die Kämpfer des »Volkssturmes«, einer Organisation, die erst in den letzten Kriegsmonaten als die Fronten im Westen wie im Osten sich energisch dem deutschen Territorium näherten, ins Leben gerufen worden waren. Durfte man unsere Ausbildung beim Arbeitsdienst schon als schwach ansehen, durften wir unsere Bewaffnung eher als bescheiden einstufen, dann konnte man Ausbildung und Ausrüstung des Volkssturmes direkt vergessen. Aber der NS-Führung des Deutschen Reiches, dem menschenverachtenden System, das sein eigenes Ende vor Augen hatte, zählten in diesen letzten Wochen Menschenleben nichts mehr. Neben den regulären Truppen der Wehrmacht wurden Kinder und Alte in den aussichtslosen Kampf geschickt, wurde nicht mehr danach gefragt, wie viel Tausende weiterer Opfer dieses sinnlose Kriegstreiben noch dahinraffen sollte.
Vom Mittag an, zunächst in vereinzelten kleinen Gruppen, zum Nachmittag dann in immer größeren Verbänden trotteten unten auf der Straße Soldaten der deutschen Wehrmacht dahin. Sie kamen vom südlich gelegenen Baruth und marschierten nach Norden, nach Berlin. Früher einmal, mit dem Beginn des Angriffs gegen die Sowjetunion am 21. Juni 1941, waren sie kämpfend und siegend ostwärts gezogen, einem fliehenden Feind hinterherjagend. Und dann war der Winter 42/43 gekommen, der russische Winter, »Väterchen Frost«, mit klirrendem Eis und Schnee, mit Tiefsttemperaturen, wie man sie von Deutschland her nicht kannte. Und dann war im Februar 1943 die Niederlage von Stalingrad gekommen. 150 000 Soldaten waren verblutet, 90 000 waren in die Kriegsgefangenschaft marschiert, wie viele davon würden wohl die Heimat noch einmal wiedersehen? Schließlich hatte dann die Schneeschmelze die endlosen Weiten Weißrusslands in eine Schlammwüste verwandelt. Und damit war die Wende des Krieges gekommen, mit der die Jäger der vergangenen Jahre zu Gejagten geworden waren. Sie hatten Russland aufgeben müssen, hatten sich durch Polen zurückgezogen, Ostpreußen verloren, die Weichsel nach Westen überquert und dann auf deutschen Gebiet immer weiter zurückziehen müssen. Über die Oder, durch das Oderbruch, waren sie von der Roten Armee verfolgt worden … Jetzt zogen die einstigen siegreichen Truppen an uns vorbei, Soldaten einer geschlagenen Armee.
Unser Arbeitsführer – bis zum Tag davor noch oberster Rangträger eines RAD-Lagers, nun Kommandeur einer Kriegseinsatztruppe – rief von der Höhe aus immer wieder den vorbeiziehenden Truppen zu: »Soldaten! Kommt her zu mir! Verteidigt mit uns diesen Zugang nach Berlin! Kommt herauf, hier ist eure Stellung!«
Aber die Soldaten lächelten nur und zogen weiter, immer weiter nordwärts nach Berlin. Und unser Kommandeur schrie wieder: »Ihr wollt doch einen alten Arbeitsführer nicht im Stich lassen? Kameraden! Kommt, wir brauchen euch! Kommt hierher!«
Sie zogen weiter, die Landser, sie kniffen sich untereinander ein Auge zu, sie grinsten. Der Arbeitsführer auf dem Hügel kümmerte sie einen Dreck.
Am Nachmittag verebbten langsam die Ströme der Soldaten, die unten auf der Straße nordwärts dahinzogen. Es war bestimmt nicht anzunehmen, dass sie sich irgendwo würden absetzen können. Wenn der Krieg auch so gut wie verloren war, er war noch nicht vorbei. Bis zu seinem bitteren Ende würden leider Gottes noch zehntausende Soldaten und noch tausende ziviler Bewohner dieses Landes Not, Entbehrung und den gewaltsamen Tod erleiden müssen.
Ich nahm an, dass sich die Soldaten im Süden und Osten Berlins sammeln würden, um eine letzte starke Abwehrfront im Kampf um die deutsche Hauptstadt zu bilden. Damit ließ sich wohl auch das überlegene, müde Lächeln erklären, das die erfahrenen Landser für den Arbeitsführer auf dem Hügel übrig hatten. Sie werden unsere Stellung als verlorenen Posten angesehen haben.
Aus der Ferne grollte leise der Geschützdonner, der erbarmungslose Lärm des Krieges, zu uns herüber. Aber er hatte sich im Laufe des Tages zu einer Geräuschkulisse herabgemindert, die man gar nicht mehr richtig gewahrte. Was man verspürte, hier, auf der kleinen Anhöhe, das war im Augenblick das Unmittelbare, das waren die Bilder und der Geräuschpegel der dahinziehenden Soldaten. Und als diese Sinneseindrücke geringer wurden, als der Klang von Stiefeln auf Straßenpflaster leiser wurde und schließlich ganz ausfiel, da wurde die auftretende Ruhe unheimlich. Es war nicht die freundliche Ruhe aus Kindertagen, nicht die romantische Ruhe der Erwartung, die der Jugendliche in glücklichen Zeiten empfindet. Nein, diese Ruhe wirkte kalt, sie wurde eisig. Sie erfüllte den Raum über dem Hügel mit einem drohenden Gefühl, sie zerrte an den Nerven der unerfahrenen RAD-Männer, sie verbreitete Angst, die sich in den Gesichtern mancher der ganz jungen Leute abzeichnete. Sie ließ die alten Volkssturmmänner unruhig werden. Einige liefen aufgeregt, angespannt hin und her, sie mussten immer wieder von den Unterführern in die Schützengräben verwiesen werden. Unter den Heranwachsenden, den Jugendlichen der Hitlerjugend gab es jedoch auch einige wenige, die es kaum erwarten konnten, endlich dem Gegner entgegenzutreten, endlich zu kämpfen und die »Feuertaufe« zu erhalten, endlich den Feind zu schlagen. Sie hatten zeit ihres jungen Lebens im nationalsozialistischen Unterricht immer und immer wieder vom Heldentum gehört und vom Sterben gesungen. Verführte Kinder, denen eine kriegsverherrlichende Propaganda ständig vorgegaukelt hatte, dass der Heldentod das höchste Ziel eines deutschen Jungen wäre, dass der Tod für Führer, Volk und Vaterland die größte Ehre, die Erfüllung des Lebens sei. Einer meiner Stubengenossen, der Arbeitsmann Walter aus Ludwigsfelde – Ironie des Schicksals: Sein Zuhause war kaum zwanzig Kilometer entfernt – lief mit seinem geschulterten Gewehr oberhalb des Grabens hin und her und sang ständig das Lied: »Kamerad, es ist so weit … Habe Dank für die schönen Stunden!«
Und dann war es wirklich so weit: Über die Ränder unserer Schützengräben sahen wir in den späten Nachmittag hinein, etwa knapp fünfhundert Meter entfernt machte die Straße eine kleine Linkskurve, ihr weiterer Verlauf war von hier aus nicht mehr einsehbar. Und von dort her vernahm man nun, dem Widerhall des fernen Frontlärms gleichsam, aufgesetzt ein neues, näheres Geräusch: klirrende Ketten von Panzerfahrzeugen, Geräusche, wie man sie schon im Kino in der Wochenschau vernommen hatte – und jetzt wurde das Filmgeschehen zur unheimlichen Wirklichkeit. Und gleich darauf bogen sie aus der Straßenkurve heraus in unser Gesichtsfeld: Drei … vier … fünf … sieben sowjetische Panzer mit drohenden Geschützen tauchten da unten auf. Sie schienen direkt auf uns zuzufahren. Würden die Panzerbesatzungen von unserer Stellung gewusst haben: Eine einzige geballte Salve aus ihren Kanonen und von unserem Hügel samt seiner Verteidigungsmannschaft hätte man nichts mehr wiedergefunden.
