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Victor Loebe hat eine Chronik seines Lebens verfasst
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Seitenzahl: 735
Veröffentlichungsjahr: 2021
Victor Loebe
Chronik
Private Aufzeichnungen
des Putbussers 1864 - 1916
Prof. Dr. Victor Loebe: Chronik
Herausgeber: Johannes Hübner, Salzgitter-Thiede
Prof. Dr. Wolfgang Nerreter, Lemgo
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Titelbild: Pädagogium Putbus
Foto Titelbild: Felix König
Covergestaltung: Wolfgang Nerreter, Lemgo
Lektorat: Sabine Hübner, Salzgitter-Thiede
Redaktion: Johannes Hübner, Salzgitter-Thiede
Herstellung: Wolfgang Nerreter, Lemgo
Satz: Wolfgang Nerreter, Lemgo
Druck und Bindung: tredition
Verlag: tredition GmbH, Halenreie 40 - 44, 22359 Hamburg
www.tredition.de
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E-Book-ISBN
Vorwort der Herausgeber
So ist das häufig: Am Ende einer Ära interessiert sich niemand mehr für das Vergangene, denn es wird als langweilig empfunden. Erst nach einer Art Dornröschenschlaf erwacht das Interesse und es stellt sich die Frage: Wie war das denn damals?
So auch bei Victor Loebe. Jetzt erst wird seine Festschrift zum Jubiläum des Pädagogiums vom Verlag Rügen-Druck herausgegeben, und dann entdecken wir, die Herausgeber, seine Chronik und bringen sie in eine heute lesbare Form.
Ja, wie war das damals? Erst baut der Fürst in Rügen-Süd ein Schloss und dann gründet er 1810 nahebei die Stadt Putbus im klassizistischen Stil. Nach heutigen Begriffen eigentlich ein Mini-Städtchen: Im Jahr 1890 werden genau 2000 Einwohner gezählt. Zentrum dieser Stadt ist der Circus, eine kreisrunde Anlage, und an der steht eine Internatsschule, die den Namen Pädagogium erhält.
Dieses Pädagogium ist eine Eliteschule, an der nicht nur Bürgerliche, sondern auch viele Adlige ihr Abitur ablegen; ein Beispiel: Leopold zur Lippe, der letzte regierende Fürst in Detmold, hat hier 1891 seine Schulbildung mit dem Abitur abgeschlossen.
Es gelingt dem Fürsten von Rügen, die Gunst des preußischen Königs zu gewinnen, die Internatsschule trägt stolz den Namen „Königliches Pädagogium“ und die Lehrer bekommen ihr Gehalt vom preußischen Staat.
Diese Lehrer unterliegen einer strengen Hierarchie: Den Unterbau bilden 4 Adjunkten, der Begriff bedeutet so etwas Ähnliches wie Hilfskraft. Ein neu eingestellter Lehrer fängt als 4. Adjunkt an und rückt dann, wenn die 3. Adjunktenstelle frei wird, in diese auf. Hat er die 1. Adjunktenstelle erreicht, kann er in eine frei werdende Stelle als Oberlehrer aufrücken. Jedem Oberlehrer und dem 1. Adjunkt steht eine Wohnung zur Verfügung, sie können heiraten und eine Familie gründen. Jeder andere Adjunkt ist ledig und bewohnt eine Kammer.
Victor Loebe war von 1864 bis 1916 am Pädagogium tätig, er hat die gesamte Hierarchie durchlaufen, wurde 1883 zum Professor ernannt und erhielt 1915, sozusagen als Sahnehäubchen, den Titel Geheimer Studienrat; dies ist schon eine besondere Auszeichnung, denn insgesamt wurde nur 24 Personen diese Ehrung zuteil.
Victor Loebe hat Zeit seines Lebens genau Tagebuch geführt. Und wenn jemand 555 Seiten Chronik schreibt, sollte man meinen, es sei jede Frage beantwortet und jedes Rätsel gelöst. Aber das Gegenteil ist der Fall.
Die Probleme beginnen bei der Schreibweise des Namens. Die Vorfahren hießen alle Löbe mit ö. Wir sind absolut sicher, dass Victor Löbe in der Taufurkunde mit ö geschrieben wurde und haben deshalb darauf verzichtet, diese einzusehen. In seiner Dissertation nennt er sich IULIUS VICTOR LOEBE. Klar, in Latein gibt es den Umlaut ö nicht, also hat er mit OE umschrieben.
Damit fangen aber die Probleme erst an, denn in Latein wird die Buchstabenfolge oe nicht wie ein ö, sondern o - e gesprochen; in der ersten Lateinklasse lernt jeder Schüler, dass der Dichter poeta heißt und nicht pöta gesprochen wird. In Deutsch ist die Aussprache des oe als ö zwar üblich, aber es gibt Ausnahmen (z. B. Soest, Coesfeld, Itzehoe, Bad Oldesloe).
Die Änderung der Schreibweise des Nachnamens war damals wohl problemlos möglich, sie müsste heute vom Standesamt genehmigt werden.
Während nun der Nachname nach der Dissertation immer Loebe geschrieben wird, gibt es beim Vornamen totales Durcheinander: Mal heißt er Victor, dann wieder Viktor. In der preußischen Lehrerkartei steht Viktor, auf dem Grabstein Victor.
Auch andere Namen werden nach Belieben geändert, der jüngste Sohn heißt mal Walter, dann wieder Walther. Und so geht das bei Freunden und Bekannten weiter.
Ein weiteres Rätsel: Victor Loebe war Mitglied des Gemeinde-Kirchenrates Putbus und der Synode Garz. Aber zu welcher Kirche gehörte der Gemeinde-Kirchenrat? In Wikipedia steht:
Bis 1840 gehörte Putbus zur Kirchengemeinde Vilmnitz. Erst 1840 wurde Putbus eine selbständige Kirchgemeinde, die aber über keine eigene Kirche verfügte. Öffentliche Gottesdienste fanden in der Kapelle des Schlosses Putbus statt, die allerdings bei einem Brand zusammen mit weiten Teilen des Schlosses am 23. Dezember 1865 vernichtet wurde. Fürst Wilhelm Malte II. zu Putbus plante daraufhin den Umbau des Residenztheaters zu einer Kirche. Dies scheiterte jedoch am Widerstand der Einwohnerschaft, da das Theater in den Sommermonaten zahlreiche Gäste nach Putbus lockte. Stattdessen baute man 1891/92 den im Schlosspark befindlichen Kursaal zur Kirche um.
Die vorliegende Chronik hat Victor Loebe handschriftlich verfasst. Das Original der Handschrift ist verloren, der Sohn Martin musste es 1945 vor seiner Flucht in Stolp zurücklassen. Zum Glück hatte der Sohn Walter das Original fotografiert, und diese Fotos hat dann dessen Großneffe Johannes Hübner erhalten.
Da die Handschrift manchmal schwer lesbar ist, sind wir nicht absolut sicher, alles korrekt in Druckschrift umgesetzt zu haben. Wir, die Herausgeber, sind Enkel des Sohnes Martin und damit Urenkel von Victor Loebe.
Salzgitter-Thiede, März 2021: Johannes Hübner
Lemgo, März 2021: Prof. Dr. Wolfgang Nerreter
Personen
Der Vater von Victor Loebe war:
August Julius Löbe (* 8. Januar 1805 in Altenburg; † 27. März 1900 ebenda) besuchte zunächst das Friedrichgymnasium in Altenburg und studierte dann an der Universität Jena evangelische Theologie, Philosophie und Germanistik. 1825 wurde er im Corps Thuringia Jena aktiv. 1831 promovierte er in Jena zum Dr. phil. Ab 1831 erarbeitete er mit dem Linguisten Hans Conon von der Gabelentz ein dreibändiges Werk über Ulfilas, Bischof der Goten. Außerdem arbeitete er an Pierers Universallexikon; unter seiner Leitung entstand 1865 die vollständig neu bearbeitete 4. Auflage dieses Werkes. Weiterhin verfasste er eine Vielzahl wissenschaftlicher Abhandlungen.
1881 wurde er von der Universität Jena zum Dr. theol. h.c. ernannt. Er war Mitglied der Akademie der Wissenschaft St. Petersburg und wurde 1889 zum Geheimen Kirchenrat ernannt.
Julius Löbe heiratete am 16.9.1834 Auguste Ramshorn ( * 19. 7. 1807, † 26. 11. 1864). Das Ehepaar bekam zehn Kinder:
Elise („Lieschen“, * 4. 1. 1834, † 21. 6. 1917)
Ernst Conon ( * 5. 7. 1835, † 5. 5. 1920), Superintendent in Roda
Maximilian („Max“, * 23. 9. 1836, † 26. 7. 1888)
Curt Otto ( * 17. 5. 1839, † 15. 8. 1873)
Victor Julius ( * 26. 7. 1840, † 16. 11. 1916), Professor in Putbus
Henriette („Jettchen“, * 11. 3. 1842, † 17. 10. 1918)
Johanne Marie ( * 21. 6. 1843, † 17. 8. 1843)
Reinhold ( * 3.7.1845, † unbekannt)
Rudolf ( * 3. 7. 1845, † 8. 12. 1919)
Helene Karoline ( * 9. 9. 1846, † 2. 11. 1916)
Der Schwiegervater von Victor Loebe war:
Gustav Richard Wagner (* 10. November 1809 in Altenburg; † 5. Mai 1881 in Jena) war Jurist und Mitglied des Reichstages.
Er besuchte das Gymnasium in Altenburg und studierte ab 1827 Rechtswissenschaften zuerst in Jena und dann in Erlangen, wo er 1831 auch promovierte. Von 1832 bis 1842 arbeitete er als Advokat, von 1842 bis 1862 als Landesjustizrat. Von 1862 bis 1876 war er Vizepräsident des Appellationsgerichts Altenburg, 1876 bis 1879 dessen Präsident, 1879 bis 1881 Senatspräsident des Oberlandesgerichts Jena.
1851 bis 1854 und 1870 bis 1879 war er Abgeordneter im Landtag von Sachsen-Altenburg. Dort war er 1851 bis 1853 Vizepräsident und 1854 und 1870 bis 1879 Landtagspräsident. Von 1867 bis 1870 war er Mitglied des Reichstages des Norddeutschen Bundes und von 1871 bis 1878 Mitglied des deutschen Reichstages für den Wahlkreis Sachsen-Altenburg.
Wagner heiratete am 28. Januar 1834 in Altenburg Maria Augusta Waitz ( * 28. Januar 1818 in Altenburg; † 30. Juli 1890 ebenda).
Der in der Chronik mehrfach erwähnte Kanzleirat Wagner ist mit dem Schwiegervater nicht verwandt.
Der von Victor Loebe als Fürst bezeichnete Herr war Wilhelm Carl Gustav Malte, Reichsgraf von Wylich und Lottum ( * 16. April 1833 in Neapel; † 18. April 1907 in Pegli) aus dem klevischen Adelsgeschlecht der Wylich und Lottum. Nach dem Aussterben der Familie seiner Mutter, des Fürstenhauses zu Putbus auf Rügen, in der männlichen Linie wurde er dessen Erbe und 1861 in den preußischen Fürstenstand erhoben als Wilhelm Malte II. Fürst und Herr zu Putbus. Er heiratete am 1. Juli 1857 seine Cousine Wanda Maria Freiin von Veltheim-Bartensleben ( * 12. Juli 1837 auf Schloss Bartensleben; † 18. Dezember 1867 in Berlin). Fürstin Wanda starb am 18. Dezember 1867 in Berlin, sechzehn Tage nach der Geburt ihrer fünften Tochter Wanda Auguste. Aus der Ehe gingen fünf Töchter hervor:
Marie Luise Clotilde Agnes ( * 31. Mai 1858, † 16. März 1930)
Asta Eugenie ( * 16. Januar 1860, † 4. November 1934)
Viktoria Wanda ( * 1. Februar 1861, † 7. Dezember 1933)
Margarethe Rosa Alma ( * 22. September 1864, † 2. Juli 1948)
Wanda Auguste ( * 2. Dezember 1867, † 10. März 1930)
Erbin des Fürstentums wurde zunächst die älteste Tochter Marie, danach deren nächstjüngere Schwester Asta.
Lehrer am Pädagogium (Auswahl)
Franz Biese (* 11. Mai 1803 in Friedland, Mecklenburg; † 19. April 1895 in Putbus) war ein deutscher klassischer Philologe, Pädagoge und langjähriger Oberlehrer am Pädagogium Putbus. Er war ein anerkannter Aristoteles-Forscher seiner Zeit. König Friedrich Wilhelm III. ernannte ihn zum Professor. Die Universität Greifswald verlieh ihm die Ehrendoktorwürde.
Friedrich Katter (* 11. Dezember 1842 in Groß-Bünzow; † 22. April 1913 in Lugano) war ein deutscher Lehrer und Entomologe. Er studierte Mathematik, Naturwissenschaften und neuere Sprachen und wurde zum Dr. phil. promoviert. 1873 wurde er Adjunkt am Pädagogium, 1886 Oberlehrer und 1893 Professor. 1907 trat er in den Ruhestand, wobei ihm der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen wurde.
Wilhelm Haupt (* 6. Juli 1846 in Stralsund; † 26. Januar 1932 in Breslau) kam 1873 als Schlossprediger nach Putbus und wurde zugleich Religionslehrer am Pädagogium. 1881 wurde er als Pastor an die St. Marienkirche in Stargard berufen.
Inhaltsverzeichnis
1 Schulzeit
2 Studium in Jena
3 Studium in Halle
4 Am Pädagogischen Seminar in Stettin
5 Start in Rügen
6 Verlobung und Hochzeit
7 Rückkehr nach Rügen
8 Ankunft der Töchter
9 Mariechen verlässt uns
10 Der erste Sohn
11 Auch Gretchen verlässt uns
12 Der zweite Sohn
13 Ein erstes Jubiläum
14 Silberhochzeit
15 Käthes Hochzeit
16 Das neue Jahrhundert beginnt
17 Annies Verlobung und Hochzeit
18 Martin besteht das Abitur
19 Walter besteht das Abitur
20 Rosa verlässt uns
21 Pensionierung
22 Reaktiviert
1 Schulzeit
Im Jahre 1840 in Altenburg geboren, war ich erst von meinen älteren Brüdern in den ersten Elementen, dann als wir 1847 nach Rasephas1) gezogen waren, dort zusammen mit Kurt und Jettchen von Vater unterrichtet worden. Seit 1854 war ich Schüler des Friedrichs-Gymnasiums in Altenburg und wohnte zuerst mit Ernst in der Pauritzer Gasse bei einem Tischler, dessen Frau später mit uns verwandt wurde, indem sie meinen Vetter, den Tischler Richard Löbe aus Treben heiratete, dann bei einer ehemaligen Schneiderin aus Kauerndorf, die sich nach Altenburg verheiratet hatte, in der Nähe des Pohlschen Hofes, später bei einem Nadler in der Sporengasse.
Als Ernst das Gymnasium verlassen hatte, zog ich zu unserer Großmutter am Kirchberg, wo ich in einer Dachstube erst allein, dann mit Reinhold und Rudolf zusammen wohnte. Zu Tisch war ich später mit meinen Brüdern montags bei Kanzleirat Wagners, dienstags bei Dr. Wolfes, donnerstags bei Rat Meinerts und freitags bei Dr. Wunders. Mittwochs, sonnabends und sonntags waren wir immer in Rasephas.
Ich war nicht hinreichend vorbereitet auf das Gymnasium gekommen, so dass die Obertertia, die dort aber Sekunda hieß, mir viel Not machte. Erst in der zweiten Klasse, die Prima hieß, ging es besser und in der ersten, der Selecta, gehörte ich bald zu den Auserwählten und konnte mich rühmen, ein besonders Bevorzugter des Schulrats Voss zu sein. Auch bei den anderen Lehrern stand ich gut und bin während meiner ganzen Schulzeit nur ein einzigesmal, ich weiß nicht mehr weswegen, von Dr. Kluge durch Einschreiben in das Strafbuch bestraft worden.
Vom 18. bis 21. Februar 1861 fand das schriftliche Abiturientenexamen statt. Am 28. Februar und am 1. März darauf das mündliche vor dem Herzoglichen Konsistorium. Man erfuhr damals nicht sogleich, ob man die Prüfung bestanden hatte, es wurde wohl bloß denen eine Mitteilung darüber gemacht, die es nicht bestanden hatten. Am 21. März war dann die letzte öffentliche Schulprüfung, bei der auch der Herzog zugegen war, der sich immer mit besonderem Interesse die dann ausgestellten Zeichnungen ansah. Immer wählte er sich einige aus und bestellte dann die Verfertiger derselben, sie ihm persönlich aufs Schloss zu bringen. So wurde ich für den 23. bestellt und musste da in Frack und mit geliehenem Zylinderhut meine Zeichnung, ein arabisches Pferd in Tusche und Kreide, ihm bringen, wobei er natürlich sehr gnädig war und mir die Mappe zeigte, in die auch mein Bild versenkt wurde.
Am 22. März war die Entlassung von uns 24 Abiturienten in der Aula vor einer großen Zuhörermenge. Der Ephorus1) Generalsuperintendent Dr. Braune und der Direktor Schulrat Dr. Voss hielten Reden. Ich erhielt zwei Bücherprämien, nämlich Bernhardy Griechische Literaturgeschichte (3 Bände) und Passus Griechisches Lexikon, und nachdem ich mein Abgangszeugnis nach Hause gebracht hatte, machten wir Abiturienten eine Ausfahrt in einem Omnibus nach der sächsischen Stadt Waldenburg, wo wir zu unserem Kommers auch die Spitzen der Behörden einluden. Frühmorgens am nächsten Tag kehrten wir, es hatte die ganze Nacht geregnet, nach Altenburg zurück. Ich machte meinen Besuch beim Herzog, der mich zum 27. wieder zu sich bestellte, um mir ein Empfehlungsschreiben an Professor Göttling in Jena mitzugeben, und verlebte vermutlich sehr untätige Ferien zu Hause.
Das weiß ich noch, dass wir unseren alten treuen Hofhund Rino, der am 24. gestorben war, begruben.
1) Der Ort Rasephas wurde 1922 von Altenburg eingemeindet.
1) Titel für den Leiter einer höheren pädagogischen Einrichtung
2 Studium in Jena
Nun besorgten die guten Eltern meine Ausstattung zur Universität, wenn das auch damals nicht in so reichlicher und üppiger Weise geschah, wie es heutzutage der Herr Studiosus verlangt.
Am 17. April reiste ich mit meinem Vetter Max Ramshorn aus Leipzig ab. Die Sachen, ein Lederkoffer, den ich neu bekam, waren an einen Spediteur in Jena abgeschickt. Wir wanderten nach Gera, fuhren von da mit der Bahn nach Crossen und gingen von da über Eisenberg nach Jena. Mein Schulfreund Richard Löbe und Victor Lomma bezogen ebenfalls die Universität Jena, waren aber bis dahin mit der Post gefahren. Ich zog ein in die Meierei in der Leutengasse. In demselben Hause wohnte auch Lomma und über mir Max Meissner, mein Vetter Ramshorn mir gegenüber. Wir beide hatten die Absicht, bei den Teutonen aktiv zu werden, da meine älteren Brüder dieser Burschenschaft angehört hatten. Wir besuchten deshalb auch in den ersten Tagen ihre Kneipe, und Vetter Max hatte sich schon alle Insignien von einem älteren Burschen gekauft. Da mir aber der ganze Ton in dieser Verbindung nicht gefiel und endlich nicht die vielen heftigen Streitigkeiten unter diesen Bundesbrüdern, so entschloss ich mich, da mein Vater mir eine andere Verbindung nicht erlaubt hätte, farblos zu bleiben, und mein Vetter sprang auch nicht ein. Zudem hätte auch mein Monatsgeld, das 10 Taler betrug, nicht gereicht.
Zwar bekam ich Wohnung, Kolleg und die notwendigen Bücher außerdem bezahlt, hatte auch herzoglichen Freitisch, aber das Leben eines Studenten erforderte damals schon nicht allzu wenig. Die Anschaffung mancher für einen Studenten-Haushalt nötig erscheinenden Dinge hatte bald eine bedenkliche Lücke in die Kasse gerissen.
Zwar gingen wir mit unseren Lederfüchsen nicht so weit wie Richard Löbe, der von zu Hause unter anderem auch eine Kaffeemühle, eine Laterne und einen Leimtopf mitgebracht hatte, aber einen Stock und ein Kännchen für Lichtenheimer Bier meinten wir doch haben zu müssen. Auch musste ich nun anfangen zu rauchen, mir also eine Pfeife und Tabak kaufen, kurz das Geld war immer eine schwache Seite unseres Studenten-Daseins, und ich weiß nicht, woher wir den Mut bekamen, noch gegen Ende des ersten Monats am 28. April nach Weimar zu gehen, um im Theater Richard III von Shakespeare zu sehen, denn einiges Geld kostete die Tour, wenn sie auch zu Fuß gemacht wurde. Doch wurde dort bare Bezahlung verlangt, während man in Jena erstaunlich viel auf Pump bekam.
Vermutlich war aber der Mangel an größerem Geld der Grund, dass ich mich von meinem Vetter, der sich die Füße durchgelaufen hatte, nicht bereden ließ, die Nacht in Weimar zu bleiben, sondern des Nachts zurückging, und zwar in solcher Schnelligkeit, dass ich den 4 Stunden langen Weg trotz stockfinsterer Nacht in 2 1/2 Stunden zurücklegte. Allerdings war ich den nächsten Tag etwas lahm.
Am 21. Mai, es war am Tag vor Pfingsten, machten wir mit einigen Bekannten einen Ausflug ins Saaletal über Dornburg, Camburg nach Saaleck, wo wir die Nacht blieben, und als wir schon nach dem opulenten Abendessen mit Naumburger Rotwein eine Zeitlang in unseren mächtig aufgetürmten Betten geruht hatten und unten Tanzmusik gehört hatten, standen wir wieder auf und nahmen am Tanz im Wirtshaus teil, manche in ihren Hausschuhen.
Am folgenden Tag, nachdem wir noch dem Herrn Pastor von Saaleck unsere Visitenkarte geschickt hatten und von demselben zum Frühstück eingeladen waren, das wir aber, weil wir schon weiterwandern wollten, abgelehnt hatten, ging es weiter nach Rudelsburg, wo damals noch der alte Samiel als Wirt lebte, und über Schulpforte nach Naumburg, wo wir uns den schönen interessanten Dom ansahen. Hier verließen uns unsere anderen Reisegefährten. Vetter Max und ich fuhren mit der Eisenbahn nach Weißenfels und wanderten von hier in heißester Sonnenglut den etwa zwei Meilen1) weiten Weg nach dem Flecken Hohenmölsen, wo ein entfernter Onkel, der Pastor Notrott, wohnte, der zwei erwachsene Söhne und zwei sehr nette Töchter hatte.
Wir wurden freundlich aufgenommen, konnten aber weder den Herrn Pastor sehen, da derselbe plötzlich sehr heftig erkrankt war, noch die Frau Pastorin, die den Onkel pflegen musste, genießen, und auch der älteste Sohn, ein Kandidat der Theologie, entzog sich am ersten Tage unserer Gesellschaft, da er nun eilig eine Predigt machen musste, um am zweiten Feiertag seinen Vater zu vertreten. Wir amüsierten uns deshalb mit dem jüngeren Vetter Alfred und den beiden Cousinen in dem allerdings sehr öden Orte. Mit ihnen gingen wir in die Umgegend, wo einige weite Aussichten sein sollten, selbst bis zu den Turmspitzen von Leipzig. In die Kirche durften wir am zweiten Festtag auch nicht gehen, da der Vetter sich nicht für sattelfest genug hielt, vor zwei Studenten zu bestehen.
Das Befinden des Onkels besserte sich nun langsam, und wir haben ihn nur beim Abschied einen Augenblick gesehen. Nachdem wir einige Tage hier zugebracht hatten, reisten wir wieder ab.
Ein Stück begleiteten uns die liebenswürdigen Cousinen und Vetter Alfred, um uns den geradesten Weg nach Jena zu zeigen. Wieder wanderten wir in völlig schattenloser Gegend auf öden Feldwegen in heißer Sonnenglut. Wir gingen über Teuchern und kamen nach Osterfeld, das gerade durch eine verheerende Überschwemmung heimgesucht war.
Der Bach war zwar wieder in seine Ufer zurückgetreten, aber wir sahen, wie seine Fluten Häuser eingestürzt oder unterwaschen hatten, sahen das mit Schlamm überzogene dürftige Hausgerät der Einwohner auf der Straße liegen, sahen, wie diese ihre Habe zusammensuchten, sahen auch auf dem Friedhof die Reihe der ausgeworfenen Gräber, die die Leichen der Ertrunkenen aufnehmen sollten. Je näher wir dem Saaletal kamen, desto schöner wurde die Gegend, aber wir auch dann umso müder, und gänzlich erschöpft kamen wir spätabends nach 12-stündigem Marsch in Jena an, wo wir die Nachricht vorfanden, dass die Großmutter Ramshorn am 21. Mai gestorben war.
Am 9. Juni machten wir mit dem Onkel Karl Ramshorn aus Leipzig, der seinen Sohn und seinen Freund Gille zu besuchen kam, eine Tour zu Wagen nach der Rudelsburg. Der Onkel war mit seinem Sohn Max nicht zufrieden, derselbe war ihm zusehends bloß dem Vergnügen ergeben, und er bat mich, doch möglichst auf ihn einzuwirken, dass er fleißiger würde. Das wollte ich zwar gern tun, aber es gelang mir nur vorübergehend.
Max war zu leichtsinnig und arbeitete nicht, kam kaum ins Kolleg und brauchte viel Geld. Ich kam immer weniger mit ihm zusammen, da er einer Gesellschaft beitrat, die sich Tapieren nannte und ich meist andere zu Freunden hatte.
Am 13. Juli nach einem Spaziergang nach Zwätzen, von dem ich vor Mattigkeit kaum heimkehren konnte, bekam ich die Masern, wurde von Moritz Seidel, dessen Dissertation de tumoribus cerebri ich gerade ins Lateinische übersetzte, behandelt und setzte diese Arbeit nach meiner Genesung vom 20. Juli an fort.
Am 7. August war Seidels Doktor-Promotion. Ein Mediziner und ich opponierten und nahmen natürlich dann auch an dem Doktorschmaus auf dem Gildehaus teil, wo es hoch herging, für mich sogar zu hoch, und ich schlief meinen Rausch in einem Nebenzimmer auf einem Sofa aus und erwachte erst, als die Festgenossen schon aufgebrochen und nach dem Felsenkeller gegangen waren. Dahin folgte ich ihnen, und es folgte dort eine Fortsetzung des Festes in Bier.
Am 11. und 12. August machte ich mit Lomma eine Tour über Lichtenhain, Ammerbach nach Reinstädt zum Pastor, bei dem wir übernachteten, und gingen den nächsten Tag nach Kahla zur Leuchtenburg, die damals noch Zuchthaus war, und nach Seitenroda zum Pastor und von da nach Jena zurück.
Am 19. August kamen meine Eltern nach Jena. Die Mutter lernte dort Ernsts Verlobte, Emma Kalbitz, kennen. Wen der Vater aufgesucht hatte, weiß ich nicht mehr, auch nicht, wo die Eltern wohnten.
Den nächsten Tag machten wir von Jena aus über Apolda eine Reise nach Eisenach und zur Wartburg, dann zurück über Fröttstädt und Waltershausen nach Friedrichsroda. Hier trennten wir uns, indem wir noch einen Abstecher nach dem Inselsberg machten, wo ich übernachtete und am nächsten Tag den Eltern nach Ohrdruf folgte, die dort einen alten Freund, Herrn Amtmann Kügelstein besuchten.
Von Ohrdruf aus machten wir eine gemeinsame Fahrt nach Oberhof und über den Rennsteig nach dem Kickelhahn, einem Aussichtspunkt im Thüringer Wald, leider bei regnerischem Wetter.
Am 24. August fuhren wir über Gotha und Leipzig nach Altenburg und in Rasephas verlebte ich meine Ferien. Mein erstes Semester war zu Ende. Ich hatte bei K. Fischer Logik gehört und bei M. Schmidt Enzyklopädie der Philologie, bei Göttling Griechische Altertümer usw. Am 20. September machte ich eine Fußtour nach Reichsstädt, wo Ernst bei einem Herrn von Beus Hauslehrer war, und kehrte denselben Tag zurück. Am 23. Oktober reiste ich wieder nach Jena.
Das zweite Semester verlief unter fleißigem Arbeiten. Ich hörte bei Schmidt Aeschylos, bei Göttling Große Archäologie, bei Nipperdig Römische Literaturgeschichte, gehörte auch dem Philologischen Seminar an und nahm nur einmal am 21. November an einem Ball in Bürgel teil, zu dem ich eingeladen war. Dort traf ich, als ich nachts von da wieder zurückreisen wollte, Emma, die Ernst hier erwartete, und mit denen ich nun zusammen in der Post nach Jena zurückfuhr.
Bei Kalbitzens war ich öfters zum Mittag eingeladen, besonders sonntags zum Kalbsbraten, den der alte Herr Kalbitz immer mit seinem Taschenmesser tranchierte. Auch sonst ging ich manchmal zu ihnen oder mit ihnen in ihren Weinberg, lernte auch durch sie die Kaufmannsfamilie Weimar kennen, wohin ich auch hie und da eingeladen wurde.
Vom 12. bis 14. Dezember waren der Vetter Ramshorn und Lomma im Karzer. Sie hatten in dem kleinen benachbarten Ort Löbstedt nächtlichen Lärm verursacht. Und eine alte kranke Frau, an deren Fensterladen sie heftig geschlagen hatten, war angeblich aus Schrecken darüber gestorben. Da war nun Mode, dass man solchen Inhaftierten nächtlicherweise an Bindfäden Bier zukommen ließ, und sie verlebten so im Karzer, geschmückt mit dem braun-weiß-schwarzen Bande, ganz fröhliche Tage.
Am 21. Dezember reiste ich in die Weihnachtsferien zu Haus, wo ich das Fest vermutlich in sehr einfacher Weise verlebte.
Auch der zweite Teil dieses Wintersemesters 1862 verging ohne wesentliche Unterbrechung. Sogar ein Ball, zu dem ich von der Familie Weimar eingeladen war, entging mir dadurch, dass die Einladung irrtümlich an Richard Löbe abgegeben war, und der statt meiner dahin gegangen war. Erst auf dem Ball selbst hatte sich die Verwechslung herausgestellt. Besonders tadelte man, dass er sich hinterher bei mir nicht einmal entschuldigt hatte. Eigentlich hatte er aber auch gar keinen Grund dazu.
Ende März 1862 reiste ich in die Osterferien. Eigentlich wollte ich nun nach Halle übersiedeln, weil ich doch in Preußen hoffte, eine Anstellung zu bekommen und Moritz Schmidt mich dem Geheimen Rat Wiese in Berlin empfohlen hatte. Doch wünschte der Vater, dass ich noch das Sommersemester in Jena studierte. In den Osterferien machte ich am 7. April mit den Geschwistern einen Ausflug nach dem Lindenvorwerk Sahlis, wo eine Schweizerei war, die berühmten Käse fabrizierte.
Am 3. Mai reiste ich über Leipzig nach Jena und begann mein drittes Semester. Ich hörte Neue Geschichte der Philosophie, bei K. Fischer Griechische Dialekte und Pindar und Aristophanes bei Schmidt, Lebende Sprache bei Schleicher, blieb natürlich auch im Philosophischen Seminar tätig und nahm teil an der Philologischen Gesellschaft bei M. Schmidt, in der Sophokles König Ödipus gelesen und bearbeitet wurde.
Am 15. Mai starb Professor Rückert.
Am 19. Mai wurde der 100-jährige Geburtstag des PhiIosophen Fichte in der Kollegienkirche durch Gesang, den Franz Liszt aus Weimar auf der Orgel begleitete, und eine Rede K. Fischers gefeiert. An demselben Tage war in Altenburg die Hochzeit Elisabeth Wagners mit Otto Müller, meines nachmaligen lieben Schwagers und lieben Schwägerin, die ich aber damals kaum kannte.
Am 23. Mai war Silberne Hochzeit bei Kanzleirat Wagners in Altenburg. Der Vater schenkte im Namen seiner Söhne, die wir dort lange zu Tisch gehabt hatten, sechs silberne Löffel.
Ich musste ein Gedicht dazu machen, welches ich hierher setzen will, da das gedruckte Blatt fast zerfallen ist:
„Es steht auf hoher Warte im schönen Pleißenland
ein Haus, das allermannich von nah und fern bekannt.
Drin lebt in Ehr und Segen ein treues Ehepaar,
das innig sich geliebet wohl 25 Jahr.
Und an dem nahen Felde auf grünem Rasensaum
fünf Brüder saßen treulich am schattigen Tannenbaum.
Sie pflückten blaue Blumen und banden sie zum Strauß
und schauten wohl hinüber zum lieben Jubelhaus.
Und von dem Haus herüber zu ihren Ohren drang
manch festlich froher Jubel und heller Gläserklang.
Ein Kränzlein lasst uns winden mit einem Sträußlein drin
für des Festes König und seine Königin.
Da sprach der andre scherzend: „Ihr Brüder, hört mich an,
wisst ihr, dass man aus Blumen auch Löffel machen kann?
Die bringen wir zusammen dem Jubelpaare dar.
Sie sahen an ihrem Tische uns gastlich manches Jahr.“
Drauf nahm er drei der Blumen vom dunkelblauen Strauß,
teilt jede in zwei Hälften und höhlt sie innen aus.
Ein anderer flocht ein Körbchen von grünem Tannenzweig,
drein legten sie wohl Blumen, die Löfflein auch zugleich.
Der Dritte weint‘ und sagte: Sie sind so schlicht und klein,
wenn ich ein König wäre, die müssten silbern sein.
Wie Sternenglanz so helle, wie Sternenglanz so klar,
so brächte ich sie gerne dem Jubelpaare dar.
Blickt traurig dann zur Erde und nimmt das Körbchen auf
und aus dem feuchten Auge fällt eine Träne drauf.
Dann gehn die Fünf zusammen zum reichgeschmückten Haus
und bringen da das Körbchen, darüber Kranz und Strauß.
Gott mach‘ Euch reich an Freude, erhalt‘ Euch stets gesund.
Er sprach‘s mit seinen Brüdern aus tiefstem Herzensgrund
und reichte dar das Körbchen aus Tannenzweigen fein:
„O könnte, was darinnen von hellem Silber sein!“
Und sieh, die kleinen Löffel von Blumenkelchen grün,
sie dehnten sich und wuchsen nach allen Seiten hin.
Was vorher grün gewesen, strahlt nun in Silberglanz,
vom Feld die Blumen werden zum wundersamen Kranz.
Und wie sie aus dem Körbchen genommen Kranz und Strauß,
da schimmerten die Löffel in Silberglanz heraus.
Sie stehen all und schauen erstaunt das Wunder an.
Es hatte solches Wunder die Dankbarkeit getan.“
Dieses Gedicht brachte mir einen sehr liebenswürdigen Brief des Herrn Kanzleirats ein. Sein Sohn Max und Richard Wagner, denen beiden ich in den Osterferien Stunden gegeben hatte, weil sie aufs Gymnasium kommen sollten, hatten dies Ziel erreicht und am 13. April waren sie konfirmiert worden.
Zu Pfingsten machte ich mit Lomma eine Tour nach Roda1) und Hammelshain, wo wir uns das herrliche Jagdschloss ansahen, auch Fröhliche Wiederkunft besuchten wir und gingen dann hinab zum Saaletal, Lomma nach Orlamünde, ich wollte bis Rudolstadt marschieren und dann nach Jena zurück. Da wurde ich einsam dahinwandernd aus einem Reisewagen angerufen, darin saß Anna Weimar und ihr Bräutigam Herr Syburg, Gretchen Weimar und Emma Kalbitz. Sie luden mich ein, mitzufahren. Ich stieg ein und zu vieren fuhren wir zunächst nach Rudolstadt, dann über Volkstedt nach Blankenburg. Hier wurde der Greifenstein besucht, und weil ein gewaItiges Gewitter aufzog, hier in Blankenburg übernachtet. Das war am 7. Juli.
Am folgenden Tage fuhren wir durch das Schwarzatal, bestiegen den Trippstein und sahen uns das Schloß Schwarzburg an. Nachmittags ging es weiter über Paulinzella, wo wir die Ruine besuchten, nach Stadtilm. Dies war das Ziel der Reise. Dorthin waren Weimars zu einer bekannten Familie eingeladen, die ein Souper und einen Ball gab, an dem ich auch trotz meines Reiseanzugs teilnahm. Am nächsten Tage blieben wir dort und besahen uns die Stadt mit ihrer unbedeutenden Umgegend und fuhren den nächsten Tag wieder über Rudolstadt, wo wir noch Schloss und Schlossgarten aufsuchten, nach Jena zurück.
Am 5. Juli wollte Ernst zur Feier seines Geburtstags über Apolda nach Jena kommen. Ich ging mit Emma ihm über den Landgrafenberg beinahe bis nach Lehesten entgegen. Dann wanderten wir nach Jena zurück und feierten den Tag in der Kalbitzschen FamiIie.
In Orlamünde waren irgend ein paar Gäste abgebrannt, und weil wir unter unseren Bekannten ein paar tüchtige KIavierspieler hatten, auch einige gute Sänger, so hatten wir, darunter M. Meissner, Lomma, Löbe, Engler, Bibler, Buck und ein paar Siebenbürger, angeboten, dort ein Wohltätigkeitskonzert zu veranstalten.
Wir nannten uns die Gesellschaft Momentania. Unter uns waren auch solche, die weder singen noch spielen konnten, zum Beispiel ich. Wir fuhren in einem großen Omnibus am 13. Juli nach Orlamünde, trafen dort den Bürgermeister Herrn Beyerlein, der soeben in Hemdsärmeln die letzten Girlanden im Saal und an der Tür annagelte, und es dauerte auch nicht lange, da kamen die Herren und Damen von Orlamünde und Umgegend in großen Scharen an. Das Konzert fand statt, darauf aßen und tranken wir, bewirtet von den Einheimischen, und beschlossen das Fest mit einem großen Ball, der bis frühmorgens dauerte. Als wir, wie der Tag schon angebrochen war, uns zur Abreise aufmachten, brachten wir dem Bürgermeister noch ein Ständchen, und dieser musste aus dem Bett aufstehen, um uns zu danken.
M. Meissner verewigte seinen Kopf auf einem großen BiIde, das wir dann mit der ganzen Sängerschar Momentania fotografieren ließen.
Leider sollte unseren immer heiteren Max Meissner wenige Tage darauf ein sehr trauriges Los treffen. Am 22. Juli starb sein Vater und fast gleichzeitig seine Schwester in Altenburg, wohin er natürlich reiste. Mir hatte er noch kurz vorher geholfen, ein großes Bänkelsängerbild zu zeichnen, da der Polterabend von Helene Weimar bevorstand, zu dem ich eingeladen war. Am 26. Juli, an meinem Geburtstag also, fand dieser statt im Weimarschen Hause. Theater wurde gespielt, ich hatte ein Bänkelsängerlied gefertigt und trug das mit Emma und Gretchen Weimar vor.
Zwei Tage darauf war dann die Hochzeit. Zur Trauung in der Stadtkirche borgte ich mir Herrn Kalbitzens neuesten Hut. Das Hochzeitsmahl war im Deutschen Hause.
Am 31. Juli kamen meine Brüder Reinhold und Rudolf und wohnten bei mir bis zum 6. August. Sie wurden mit der Stadt und der Umgebung bekanntgemacht. Doch weiß ich nicht mehr, welche Berge und Kneipen wir zusammen besucht haben, vermutlich werde ich ihnen den Fuchsturm, Kanzelburg und Ziegenhain gezeigt haben. Diese Wanderungen waren zugleich auch meine Abschiedsbesuche von den verschiedenen Orten des schönen Jena, denn das Semester ging zu Ende, und ich rüstete mich, die liebe Musenstadt zu verlassen.
1) Hohenmölsen ist 15 km von Weißenfels entfernt
1) Im Jahr 1925 wurde Roda in Stadtroda umbenannt
3 Studium in Halle
Am 15. August reiste ich von Jena ab zu Fuß über Altenburg, um meine Studien in Halle fortzusetzen. Am 4. September war des Hofadvokaten Grosse Hochzeit mit Jettchens Freundin und Leidensgefährtin in der Pension der Tante Schultheiß Frau Germann.
In den nächsten Tagen fand in Altenburg auf dem Anger eine Ausstellung von Blumen und anderen gärtnerischen Erzeugnissen statt, die für uns insofern verhängnisvoll wurde, als Lieschen dort eine Lorgnette verlor, die entweder sehr wertvoll oder wenigstens ihr sehr lieb war. Wir haben lange nach ihr gesucht, und ich weiß nicht, ob wir sie wiedergefunden haben oder ob der ehrliche Finder sie ihr wiedergebracht hat.
Der Professor Garcke in Altenburg, mein lieber griechischer Lehrer, besorgte für mich in Halle eine Wohnung bei dem Bäcker Pfautsch, bei dem er selbst während seines Studiums in Halle gewohnt hatte. So schickte ich meine Sachen gleich an diese Adresse und reiste am 17. Oktober nach Leipzig, wo ich meine Cousine Berta besuchte und weiter nach Halle, wo ich nun mein viertes Semester begann.
Ich richtete mich ein, machte meine Besuche bei Professor Bernhardy, an den mir der Schulrat Foss ein Empfehlungsschreiben mitgegeben hatte, und bei Bergel, an den ich Empfehlungen von Schmidt zu bestellen hatte, und wurde am 20. Oktober durch den Dekan Professor Volkmann, der eine sehr nette Rede an uns alle akademischen Mitbürger hielt, immatrikuliert.
In Halle studierte auch der Hohenmölsener Vetter Notrott, den ich in den ersten Tagen aufsuchte, machte auch die Bekanntschaft des Bernhard Suphan, der später, nachdem er Herders Werke herausgegeben hatte, Direktor des Goethe-Hauses in Weimar geworden ist, des jungen Schirlitz, nachmaliger Direktor in Neustettin und Stargard, und Walter, der später nach Westfalen gegangen ist.
Am 4. November wurde mit großem studentischem Pomp ein Kommilitone namens Brathuhn begraben. Ich glaube, er war im Duell gefallen.
Am 8. November ging ich mit nach der Heide, einem Wald jenseits Giebichenstein, wo in der Nähe der Schänke Zum Waldkater eine große Mensur stattfand, bei der auch der Vetter Notrott mehrere blutige bekam. Dann beteiligte ich mich auch an seiner Pflege und wachte bei ihm, da die Wunde mit Eis gekühlt werden musste.
Am 15. November machte ich allein eine Tour nach dem Petersberg. Mit der Eisenbahn fuhr ich bis nach Stumsdorf und ging dann nach dieser aus dem 12. Jahrhundert stammenden, kürzlich 1857 erneuerten, hochgelegenen Klosterkirche, in der die Gräber und Grabdenkmäler ehemaliger Wettiner Fürsten sind. Den Rückweg machte ich direkt nach Halle auf einem 10 km weiten Weg.
Am 21. November machte ich die Bekanntschaft eines anderen Vetters, des Leutnant a.D. Ramshorn, der in HaIle eine Militär-Vorbereitungsschule hatte. Er war, so glaube ich, wegen Spiels verabschiedet worden, war verheiratet mit einer noch ziemlich jungen Frau Luise und hatte zwei Jungen, die, beiläufig gesagt, ziemlich ungezogen oder unerzogen waren.
Ich wurde nun öfter zu ihnen zum Mittag- oder zum Abendessen eingeladen, was mir bei meinen Geldverhältnissen ganz angenehm war, denn seitdem ich in Halle war und nun keinen Freitisch mehr hatte, bekam ich von Vater statt 10 Taler jetzt monatlich 15, kam aber auch nur notdürftig mit meinem Geld aus und habe manchmal, um die 50 Pfennige für das Mittagessen zu sparen, mich zu Haus mit Butter und Brot, zu dem eventuell noch ein Stückchen Wurst kam, gesättigt.
In diesem Semester hatte ich übrigens nur zwei Kollegien belegt: Römische Altertümer bei Bernhardy und Metrik bei Bergel. Ich wollte privatim recht fleißig arbeiten, habe auch mit Walter und einem gewissen Goldmann griechische Literaturgeschichte und Griechische Altertümer getrieben und vielerlei gelesen. Am 19. Dezember 1862 reiste ich in die Weihnachtsferien nach Haus.
Am 5. Januar 1863 reiste ich nach Halle zurück. In diesem Monat nahm Ernst eine Hauslehrerstelle im Badischen in Waghäusel an. Für Max, der eine Arbeit über Braunkohle vorhatte, musste ich aus der Umgegend von Halle fossile Kohle und Presskohle und allerhand andere Sorten zusammenholen. Ich wanderte deshalb am 16. Februar nach Nietleben, am 20. nach Ammendorf und besah mir bei dieser Gelegenheit die Braunkohlenwerke mit den Maschinen zur Förderung und Verarbeitung der Kohle an, was immerhin auch einiges Interessantes bot.
Zu Ramshorns wurde ich jetzt öfters eingeladen und zu Spaziergängen abgeholt, als mir lieb war. Meine Cousine Luise nahm mich in Konzerte mit oder holte mich zu Spaziergängen ab, so dass ich zu meinen Arbeiten manche Zeit verlor und zu dem Mittel greifen musste, dass ich mich einschloss und wenn sie kamen, angeblich nicht zu Hause war.
Am 4. März reiste ich als Mitglied einer Kommission unserer Philologischen Gesellschaft mit nach Leipzig, um für unseren verehrten Professor Bergk ein Geschenk zu kaufen. Wir wählten zwei Statuetten Sappho und Medea und besuchten auch unter Führung meines Vetters Max Ramshorn, der sich jetzt in Leipzig studierenderhalber aufhielt, einige Kneipen und kehrten am nächsten Tage nach Halle zurück. Das Geschenk überbrachten wir dann am folgenden Tage, nachdem es die anderen Mitglieder der Gesellschaft auf meiner Stube sich angesehen und gebilligt hatten, und wurden am 8. März zu Bergk zum Diner eingeIaden.
Am 13. März reiste ich in die Osterferien nach Haus, am 18. April kehrte ich nach Halle zurück und begann mein 5. Semester. Ich hörte bei Bernhardy Platos Staat, bei Bergk lateinische Grammatik, bei Schaller Über das Wesen des Schönen und der Kunst, bei Herzberg Spätgriechische Geschichte.
Mit Luise Ramshorn und ihrer Schwester Lina reiste ich am 3. Mai zur Leipziger Messe. Ich weiß eigentlich nicht recht, was ich dort wollte, werde wahrscheinlich von diesen beiden so lange bearbeitet worden sein, bis ich versprach, mitzukommen. Erinnerlich ist mir aber noch, dass ich dort ein billiges Kleid, weiß und grün, das heißt den Stoff kaufte, er kostete 2 Groschen oder Taler, und dies schickte ich dann an meine Schwester Lieschen, die sicherlich sehr verwundert gewesen ist, von einem armen Studenten so versorgt zu werden. Ob der Stoff sehr geschmackvoll war, kann ich auch nicht mehr beurteilen.
Aber diese Reise und die folgenden Tage, wo die beiden Schwestern mich immer wieder einluden und zu Spaziergängen nach Giebichenstein, Trotha und die Rabeninsel abholten, erregten in Luise eine solche Eifersucht, ich wusste gar nicht warum, dass mir der häufige Verkehr mit diesen beiden Cousinen immer lästiger wurde.
Die Pfingstferien verlebte ich diesmal zu Hause in Rasephas. Am 23. Mai reiste ich ab, nahm dann am 28. Mai an einer Ausfahrt der Altertumsforschenden Gesellschaft nach Gera teil. Die Gesellschaft in dem großen Omnibus war sehr heiter, ebenso das Mahl in dem Frombarschen Hotel in Gera, wo ich des Guten wohl etwas zu viel getan hatte, was ich dann bei dem Besuch des Schlosses Osterstein merkte, denn dort hätte ich beinahe in dem Waffensaal eine ganze Waffenpyramide umgeworfen.
Am 31. Mai kam Ernsts Verlobte Emma zum erstenmal nach Rasephas. Mein Vater war ja erst immer gegen diese Verbindung gewesen, nahm aber Emma jetzt ganz freundlich auf. In den ersten Tagen des Juni war die Hochzeit des Pastor Findeisen und Fräulein Luise Braun. Ich hatte zu dem Polterabend ein Gedicht machen müssen. Wenn ich mich recht erinnere, sollten die Jahreszeiten aufgeführt werden von jungen Mädchen, und jede Jahreszeit musste ja natürlich etwas Poetisches sagen.
Am 3. Juni kehrte ich zu meinen Studien nach Halle zurück und besuchte am 28. Juni noch einmal, diesmal mit einem Freund, den Petersberg wieder von der Station Stumsdorf aus. Aber auch den Rückweg machten wir jetzt teilweise per Eisenbahn. Am 1. Juli zog in die Ramshornsche Wohnung der alte Vater des Vetters, der, ich weiß nicht, wie lange, auf der Leuchtenburg gesessen hatte. Ich weiß auch nicht, was er begangen hatte, waren es Betrügereien gewesen oder was sonst. Man bekam den alten Mann fast gar nicht zu sehen. Er blieb immer in seinem Stübchen und las in alten schweinsledernen Büchern.
Zu meinem Geburtstag bekam ich von Reinhold einen künstlich aus Zigarrenholz geschnitzten Tabakskasten. Am 4. August opponierte ich einem gewissen Schmidt, der eine Dissertation über die Leichenverbrennung bei den Griechen geschrieben hatte, und nahm dann natürlich auch an dem Doktorschmaus teil. Das Sommersemester ging zu Ende.
Am 7. August reiste ich ab, blieb auch noch einen Tag in Leipzig, wo gerade ein großes Turnerfest gefeiert wurde. Man hatte eine sehr stattliche Festhalle erbaut und auf dem Platz davor produzierten sich die Turner Deutschlands.
Am 10. August machte ich mit den Geschwistern wieder einen Ausflug nach Saalig, in den nächsten Tagen war der Herr Krügelstein aus Ohrdruf zu Besuch bei uns und am 30. war das Erntefest in Rasephas, bei dem, es war wohl das erstemal, die Kirche mit Kränzen, Girlanden und mit der Inschrift „Lobe den Herrn“ ausgeschmückt, auch der Taufstein, die Kanzel und der Altar mit Ähren und Früchten verziert war. Das hatten wir namentlich unter Maxens Leitung hergestellt. Die Bauern waren natürlich ganz entzückt, und die kleine Kirche zum Erdrücken voll. Am Nachmittag kam auch zu uns viel Besuch, namentlich die Freundschaft von uns Brüdern und Schwestern.
Am 13. September machte ich mit Jettchen eine Reise nach Jena. Jettchen wollte ein paar Wochen zu Kalbitzens zu Besuch gehen. Wir wanderten über Meuselwitz nach Zeitz, fuhren von da mit der Eisenbahn nach Crossen und gingen dann weiter über Eisenberg nach Jena. Ich erinnere mich nicht mehr, wo ich dort gewohnt habe, ich glaube fast, bei meinem alten Hauswirt, denn es waren ja Ferien und die Studentenzimmer standen ja leer. Lange bin ich nicht dort geblieben, sondern kehrte dann über die Wöllmisse und Roda, dann über Gera nach Hause zurück.
Am 27. September war Erntefest in Windischleuba, ein Fest, das immer sehr zahlreiche Leute dahinzog , teils wegen der vorzüglichen Ausschmückung der Kirche, teils wegen der populären Predigtweise des Herrn Pastor Wagner. Wir waren natürlich Gäste des Pfarrhauses, gingen aber, wie das so Sitte war, auch einmal mit in die Schänke und sahen dort den tanzenden Bauern zu.
Am 28. September machte ich mit Lina Winter eine Tour zu Fuß nach Gößnitz. Dort wohnte der Diakonus Hallmann, der Marie Wimmer, Linas beste Freundin und die frühere Angebetete Max Ramhorsts geheiratet hatte.
Ich glaube, wir hatten an der einmaligen Fußtour genug und sind wohl, nachdem wir uns das Heim des jungen Ehepaares und die Umgegend von Gößnitz angesehen hatten, des Abends mit der Eisenbahn zurückgefahren. Am 16. Oktober nahm ich teil an der Fischerei der Haselbacher Seen und an dem damit verbundenen großen Essen. Am 18. Oktober reiste ich wieder ab, um nach Halle zurückzukehren.
In Leipzig wurde das 50-jährige Jubiläum der Völkerschlacht gefeiert. Die Stadt war in der opulentesten Weise geschmückt. Ich nahm mit meinem Vetter Ramshorn und anderen Studenten unserer Bekanntschaft an dem Festzug nach dem Napoleonstein teiI, wo damals zu einem Denkmal der Grundstein gelegt wurde. Am Abend war die Stadt brillant illuminiert. Ich blieb auch den 19. Oktober noch in Leipzig und reiste dann nach Halle zurück, wo nun mein 6. und letztes Semester begann.
Am 26. Oktober wurde ich Bibliothekar der Seminar-Bibliothek und hörte in diesem Semester bei Professor Dümmler Neuere Geschichte, bei Scheller Geschichte der Philosophie, bei Bergk Catull und Tibull, bei Bernhardy Euripides. Natürlich nahm ich weiter am Seminar teil und arbeitete an meiner Arbeit über Orest. Am 30. Oktober promovierte der Herr Natusius, dem ich opponierte. Das Festmahl war ziemlich einfach. Nur der Professor Gosche nahm außer uns Opponenten daran teil.
Am 2. November war Kirmesfest in Rasephas, das diesmal großartig gefeiert werden sollte. Wir führten den Tannhäuser oder die Keilerei auf der Wartburg auf, in höchst ergötzlicher Weise, ohne Bühne, einfach in der großen Stube. Ich war der Tannhäuser und wurde schließlich tot auf einem PIättbrett hereingetragen. Darauf folgte natürlich ein großes Essen. Es waren zahlreiche Freunde unserer Eltern dazu eingeladen, und auch unsere Freunde, die ja zum Teil mit Theater spielten. Damals war auch, ich glaube, es war eines der ersten Male, meine nachmalige liebe Frau Rosa Wagner unter den Gästen. Max hatte nämlich in ihrer Schwester Helene die gefunden, die ihn fürs Leben glücklich machen sollte, und deshalb wohl war die Familie des Appellationsgerichtsrats Richard Wagner eingeladen, die außer den Töchtern sonst eigentlich wenig oder nicht bei uns verkehrte.
Bald darauf, als ich nach Halle zurückgekehrt war, bekam ich auch Maxens und Helenes Verlobungsanzeige. Am 10. November war die Verlobung veröffentlicht worden, und unter der Anzeige der Brautleute bekam ich auch einen schriftlichen Gruß von Hedwig und von Rosa.
Nun arbeitete ich fleißig an meiner Arbeit, denn ich wollte sie, und Professor Bergk hatte mir gesagt, dass sie sich dazu eignete, zu meiner Doktor-Dissertation machen. Das Schwierigste schien mir nur die Beschaffung des Geldes zur Promotion zu sein, denn selbst hatte ich sehr wenig, und den Vater wollte ich seinerzeit überraschen.
Der Vetter Ramshorn bot mir an, mir Geld zu borgen, und ich ging auf seinen Vorschlag ein. Gleich nach Ostern, wenn ich mein letztes Semester absolviert hätte, wollte ich die Arbeit einreichen. Sie musste also nun im nächsten Vierteljahr bald beendet und abgeschrieben werden. Am 18. Dezember reiste ich nach Rasephas in die Weihnachtsferien.
Am 1. Januar 1864 waren wir bei Wagners, den Eltern von Maxens Braut, und die neue zu künftige Verwandtschaft wurde auch zu einer guten Freundschaft zwischen mir und Hedwig und Rosa. Hedwig machte durch ihr lebhaftes Wesen, dass man ihr mehr Interesse zuwendete als der zurückhaltenderen, aber sehr lieblichen Rosa. Wer hätte damals gedacht, dass sie meine liebe Frau werden würde.
Am 8. Januar nahm ich von den beiden netten Mädchen Abschied, am 9. reiste ich nach Halle zurück.
Am 27. Januar begann Preußens Krieg mit Dänemark. In Halle merkte man natürlich nichts Wesentliches davon, aber man las eifriger und mit größerem Interesse die Zeitung. Am 2. Februar hatte das erste Gefecht in SchIeswig stattgefunden, am 6. war der Übergang Prinz Friedrich-Karls über die Schlei bei Missunde.
Ein Herr Graver war von Professor Bergk an mich gewiesen, ihn bei seiner Promotion zu unterstützen, nämlich die Opposition zu übernehmen, er hatte über Das Seewesen der Alten geschrieben. Nach der Promotion war ein eigentlicher Doktorschmaus nicht.
Bei Professor Bergk war die Philologische Gesellschaft am 6. März zum Diner eingeladen. Wir hatten unserem verehrten Lehrer wieder ein Geschenk gemacht, nämlich den Kupferstich des Kaulbachschen Bildes Homer und die Griechen.
Nun begannen die Abschiedsbesuche bei den Professoren. Meine Dissertation hatte ich nebst dem nötigen Geld bei dem Dekan eingereicht. Als ich Professor Bernhardy bei meinem Abschiedsbesuch fragte, was ich nun machen sollte, um nach Ostern beschäftigt zu werden, hatte er eben von dem Direktor Heidemann in Stettin einen Brief erhalten, in dem derselbe ihn ersuchte, ihm junge Leute für das Pädagogische Seminar, welches mit dem Marienstifts-Gymnasium dort verbunden ist, zuzuweisen. Da ich demnächst zu promovieren gedächte, hätte ich alle Aussicht, dort angenommen zu werden.
Nach brieflicher Rücksprache mit meinem Vater, der meine Absicht, nach Stettin zu gehen, billigte, schrieb ich an Direktor Heidemann und bekam dann, als ich in den Osterferien in Rasephas war, die Zusage zu der Stettiner Stelle.
4 Am Pädagogischen Seminar in Stettin
Meine Sachen hatte ich in Halle gepackt und dort so stehen gelassen, um sie eventuell dann sofort nach Stettin zu schicken. Am 26. März war Ostern und zum 3. April war ich nach Halle zum Teutonen bestellt. So reiste ich dann, ohne zu Haus zu sagen, dass ich noch diese Prüfung vorhätte, tags vorher nach Halle, machte bei Professor Bernhardy und Erdmann meine Prüfung und reiste die nächste Nacht früh um 3 Uhr nach Berlin.
Dort kaufte ich mir eine Karte der Stadt und wanderte nach derselben umher, um mir möglichst viel anzusehen. Ich besuchte auch eine Familie Schenk in der Commandantenstraße (die Frau war Emma Kalbitzens Schwester).
Ich ging mit dem Herrn Schenk in eine berühmte Bierkneipe und fuhr am Nachmittag nach Stettin. Dort ging ich zunächst in ein Hotel, machte von da aus dem Direktor Heidemann meinen Besuch, der mich dann am nächsten Tag in das Seminar am Königsplatz einführte.
Mein Zimmer, zu dem man auf einer höchst primitiven Treppe hinaufkam, lag im zweiten Stock. Es gab weder Gardinen noch Rollos. Die Einrichtung bestand in einem großen Ausziehtisch, einem Pult, einigen Stühlen und einer Bettstelle. Kein Sofa oder sonstige Bequemlichkeit gab es hier. Was man außer dem Gelieferten haben wollte, musste man sich kaufen. Aber auch dann sah die Stube sehr öde aus.
Man hatte dort wöchentlich 8 Stunden zu geben und bekam monatlich 12 Taler und etwas Heizgeld, also eine fette Stelle war es nicht.
Und es war gut, dass der Vater mir noch einigen Zuschuss versprach und dass ich für das Pierersche Universal-Lexikon in den Ferien einige Artikel geschrieben hatte, die mir jetzt einiges Geld brachten. 80 Pfennige kostete uns - denn außer mir war noch ein Herr Grunow und ein Herr Genssen dort - das Mittagessen.
Um zum Abend etwas zu haben, gingen wir in Viktualienhandlungen und kauften uns Eier, oder zum Bollwerk und kauften uns Spickheringe oder Flundern. Was wir sonst brauchten, verschaffte uns eine alte Aufwärterin.
Nun ging das Stundengeben an. Ich gab in Unter- und Obersexta Geographie und in einer Quinta Französisch. Die Klassen waren sehr groß, und mit der Disziplin hatte ich anfangs einige Schwierigkeiten, denn wenn auch die meisten dieser Kinder außerordentlich artig und den Lehrern zugetan waren, so gab es doch natürlich auch einige unartige Knaben darunter. Viele waren wie gesagt sehr nett und brachten uns Blumen und gingen mit uns spazieren.
Und als erst mit dem Frühling die Ausflüge nach Gützkow und Frauendorf begannen, wo Tauben abgeschmissen und hölzerne Vögel auf hohen Stangen mit kurzen eisenbeschlagenen Knitteln beschossen oder eigentlich beworfen wurden, da war die Freundschaft groß, und wir jüngeren Lehrer spielten mit ihnen ganz wie mit unseresgleichen.
Am 18. April waren die Düppeler Schanzen erobert worden. Stettin wurde reich beflaggt, und es herrschte ein unbeschreiblicher Jubel unter der Bevölkerung.
In Stettin hatte ich übrigens auch das preußische Schiff gesehen, dem im Gefecht bei Rügen am 17. März ein Radkasten zerschossen war. Ich glaube, es hieß Niobe. Die Mannschaften zeigten uns die Schäden, auch die Stelle, wo ein Matrose von einer Kanonenkugel völlig zerrissen worden war.
Am 2. Mai, dem Himmelfahrtstag, sah man sich wieder völlig in den Winter versetzt. Eine mehrere Zoll hohe Schneedecke lag auf dem Frühlingsgrün. Allerdings dauerte es nicht lange, dann hatte die Sonne den Frühling zurückgebracht.
Am Donnerstag vor Pfingsten reiste ich nach Halle. Dort war inzwischen meine Dissertation gedruckt worden. Walter hatte die Korrektur besorgt. Am Sonnabend, dem 13. Mai, sollte die öffentliche Promotion stattfinden. Ich hatte ein Exemplar an meine Eltern geschickt und sie gebeten, nach Halle zu kommen, doch kamen sie nicht, sondern schickten Max, der einen Doktorschmaus besorgen sollte. Ich wohnte in Halle bei Walter und schlief auf seinem Sofa.
Am Sonnabend, dem 13. Mai 1864 also, fuhr ich mit meinen zwei Opponenten, Suphan und Walter, zur Universität, wo Professor Erdmann die Promotion leitete, Bernhardy war als Dekan da. Es wurde über einige meiner Thesen diskutiert. Dann hielt Professor Erdmann eine längere lateinische Anrede, sprach namentlich über meinen Namen, dass ich andere Schwierigkeiten und nun auch diesen wissenschaftlichen Kampf siegreich bestanden hätte, dass mein Name Julius an das edle Geschlecht der Julier erinnere und mein Familienname an den König der Tiere usw.
Dann ließ er mich auf das obere Katheder steigen, steckte mir den Doktorring an den Finger, gab mir den Doktorkuss und setzte mir sein Barett als Doktorhut auf. Dann übergab er mir, nachdem ich den Doktorschwur geleistet hatte, mein Diplom.
Die Feierlichkeit, die in dieser Form damals Erdmann zum ersten Male wieder abhielt, war zu Ende, und wir fuhren mit Max zur Stadt Hamburg, wo wir und einige meiner besten Freunde den Doktorschmaus feierten.
Auch Ramshorn hatte ich dazu eingeladen. Nach diesem Diner fuhr ich mit Max gegen Abend nach Rasephas, wo ich natürlich von Eltern und Geschwistern als neuer Doktor freudig begrüßt wurde.
Die Pfingstferien verlebte ich nun in Rasephas. Am 17. Mai reiste ich wieder ab. In Berlin besuchte ich noch den Bruder meines Kollegen Grunow, der dort ein kaufmännisches Geschäft hatte, kam aber dann an den Stettiner Bahnhof, als der Zug soeben abgegangen war.
Durch die Güte des Bahnhofinspektors wurde mir erlaubt, in dem bald darauf abgehenden Güterzug mitzufahren. Es wurde mir in einem Güterwagen ein Platz angewiesen, und in der nächsten Station musste ich mir ein Billet lösen. Es war mir diese Art, nach Stettin zu kommen, immer noch erwünscht, denn ich musste am nächsten Morgen früh meinen Unterricht wieder aufnehmen. Freilich ging der Zug sehr langsam und erst früh zwischen 2 und 3 Uhr kam ich in Stettin an und konnte wenigstens meine Stunden geben.
Nun war ich zwar Doktor, aber meine Geldverhältnisse waren noch immer sehr misslich. Meinem Freund Walter musste ich für seine Bemühungen beim Druck meiner Dissertation mein Büchergeschenk machen, Schömanns Griechische Altertümer, musste den Frack, den ich mir hatte machen lassen, bezahlen, und dazu drängte nun der edle Vetter Ramshorn mich, ich solle ihm möglichst bald das geliehene Geld zurückzahlen.
Nun hatte zwar mein Vater die Druckkosten übernommen, aber was sonst die Promotion gekostet hatte, hatte ich nicht gewagt, ihm zu sagen. Ich lieh mir daher von unserem Professor Calow die Ramshorn geschuldete Summe, schickte sie ihm nebst Zinsen und war froh, als ich Gelegenheit bekam, durch Privatstunden an einen jüdischen Knaben namens Hirsch, mir etwas verdienen zu können. Diese Familie Hirsch nahm mich auch immer mit auf ihre Sommerfrische in Messentien in der Nähe des Haffs, wohin man ein Stück mit Dampfschiff und dann weiter mit Segelboot fuhr.
Nun begannen Anfang Juli die Sommerferien. Für zurückgebliebene Knaben wurde da von uns jüngeren Lehrern eine Ferienschule eingerichtet, wo man jeden Tag eine oder zwei Stunden mit den Knaben repetierte oder ihre Arbeiten beaufsichtigte. Das trug einem, da wir uns das Geld dann teilten, einen ganz netten Groschen ein. Einmal war ich auch zum Mittagessen bei dem Schulrat Wehrmann eingeladen, ein andermal bei dem Intendanturrat Foss, einem Bruder des Altenburger Direktors.
5 Start in Rügen
Nicht lange darauf musste ich zum Schulrat Wehrmann kommen, der mich fragte, ob ich wohl zum 1. August eine Adjunkten- und Lehrerstelle am Königlichen Pädagogium in Putbus auf Rügen annehmen wollte. Dort sei nämlich ein Lehrer geisteskrank geworden, und da ich promoviert hätte, könnte ich ja wohl bis Ostern des nächsten Jahres meine Staatsprüfung machen. Ich sagte, dass ich meinen Vater um seine Einwilligung fragen würde, und da dieselbe bald eintraf, so sagte ich zu.
Die Angelegenheiten in Stettin wurden geordnet. Auch das geliehene Geld hatte ich dem Professor Calow zurückerstattet, auch meinen Frack bezahlen können. So reiste ich dann am 31. Juli aus Stettin ab, neugierig, wie das Meer und wie eine solche Insel wohl aussehen möchte.
Es war ein Sonntag, an dem ich nach Greifswald fuhr. Leider erfuhr ich dort, dass sonntags das Schiff nicht nach Rügen führe und musste mich also bequemen, trotzdem mein Geldbeutel sehr erleichtert war, die Nacht in Greifswald zu bleiben. Ich benutzte den Nachmittag, dem Strom der Spaziergänger zu folgen und kam nach Eldena, wo ich mir die Klosterruine ansah und dann auf kleinem Dampfschiff nach Greifswald zurückfuhr.
Am nächsten Tage vormittags ging das Schiff, und nun fuhr ich meinem neuen Bestimmungsort zu, zum erstenmal auf der See, die aber ganz friedlich war.
In Lauterbach musste ich, um meinen schweren Koffer zu transportieren, mir einen Einspänner mieten, der auch mehr kostete, als ich gehofft hatte, und so kam ich mit einem Rest von 75 Pfennigen in Putbus an, begrüßt von meinen neuen Kollegen Busch und Streit, bei denen ein Stettiner Kollege Drenkshahn war, der früher auch hier Lehrer gewesen war. Sie brachten mir die erfreuliche Nachricht, dass ich gleich morgen mein vierteljährliches Gehalt an der Kasse holen könnte, da dasselbe praenumerando bezahlt würde.
Da ich außer freier Station ein Jahresgehalt von 250 Talern bekam, konnte ich mir also 62 1/2 abholen. Ich machte dem Direktor Gottschick meinen Besuch, der teilte mir meinen Unterricht mit, nämlich Griechisch in Quarta und Deutsch und Latein in Quinta. Die übrigen Kollegen lernte ich in den ersten Tagen kennen, indem ich ihnen meinen Besuch machte und in dem Felsenkeller biertrinkend mit ihnen verkehrte.
Am 4. August 1864 begann der Unterricht. Ich wurde der Schülerschaft vorgestellt und in meiner Klasse eingeführt. In den nächsten Tagen musste ich doch nun auch etwas von der Umgegend kennenlernen. So war ich am 13. August zum erstenmal auf dem Jagdschloss.
Am 25. August war Reunion im Kursaal, an der außer den Badegästen auch der Fürst und die Fürstin teilnahmen. Später setzten wir uns mit einigen befreundeten Herren Rendant Olfe, Dr. Stockmann und deren Frauen zu sehr teurem Wein und Champagner nieder und hatten eine große Zeche, haben aber dieselbe niemals bezahlt, denn der Pächter des Kursaales war am anderen Tage verschwunden, und es war nicht ausfindig zu machen, wohin er gegangen sei. Wir wussten auch gar nicht, wieviel wir ihm schuldeten.
Am 2. September fand das Herbstfest statt. Im Zug mit Musik wurde zum Badehaus marschiert, dort gespielt und geschossen und gerudert, und dann kamen die Eltern der Schüler mit größeren Esskörben, luden uns zu sich zum Abendessen und zum Wein ein. Dann machte ein Tanz das Ende des sehr netten ländlich einfachen Festes.
Am 29. September gaben wir Kollegen zu Ehren des zum Provinzial-Schulrat ernannten Direktor Gottschick ein Festmahl in dem Schumacherschen Hotel de Vort, bei dem ihm eine Polyglottenbibel überreicht wurde. Es war ein fröhlicher Abend, an dem auch der alte Professor Gerth noch sehr heiter war, obwohl er schon kränklich war. Auch der Adjunkt Dr. Bode verließ uns und ging nach Greifswald.
Nach den Herbstferien wurde der neue Direktor Dr. Kotholz durch den Schulrat Wehrmann eingeführt und da von Professor Biese begrüßt. Das war am 11. Oktober, und schon am 30. desselben Monats hatte die Schule den Todesfall des Professor Gerth zu beklagen, der fast 60 Jahre alt, ein Landsmann von mir, seit 1836 der Anstalt angehört hatte. Mit großer Feierlichkeit wurde er bestattet.
Am 2. November wurde das ehemals Wienkrupsche Haus, das die Anstalt gekauft hatte, zum Neben-Alumnat eingerichtet und von Dr. Segert und 12 Alumnen bezogen.
Nun folgte das Traurigste, was ich in diesen Aufzeichnungen zu berichten habe, der Tod meiner guten Mutter. Sie war im Sommer in Bad Ronneburg gewesen, hatte auch einen Leipziger Professor konsultiert. Da wurde mir Anfang November mitgeteilt, dass sie krank sei, ohne dass die Krankheit ängstlich zu sein schien, und am 27. abends bekam ich ganz unerwartet die traurige Nachricht, dass sie am 26. gestorben sei.
Wie unglücklich ich und die Geschwister waren, die treue Mutter verloren zu haben, kann ich gar nicht sagen. Man hatte wohl nicht erwartet, dass ich nach Hause kommen würde, und mir deshalb nicht telegrafiert.
Aber ich musste die Gute noch einmal sehen. Ich bekam Urlaub, nahm mir einen Wagen nach der Glewitzer Fähre, fuhr dort gegen Mitternacht über die See, dann auf einem Mietwagen von Stahlbrode nach Miltzow und von dort mit dem Morgenzug nach Berlin und nachmittags nach Altenburg.
Von Berlin hatte ich telegrafiert und wurde vom Bahnhof abgeholt. Die Mutter lag in der unteren Stube im Sarge. Morgen früh sollte die Beerdigung stattfinden. Oh wie traurig war es, sie so wiederzusehen, für die nach so viel Mühe und Sorge nun, nachdem die Kinder herangewachsen waren, die Zeit der Ruhe und der Freude gekommen wäre.
Der Vater hielt am offenen Sarge eine Ansprache und nahm Abschied von der guten Mutter. Dann wurde der Sarg zugemacht, und am nächsten Morgen war unter sehr großer Beteiligung aus Altenburg und aus der Gemeinde die Bestattung, bei der der Konsistorialrat Wagner die Rede hielt. Auf dem Kirchhof war eine große Gruft gemauert. Dahinein wurde die gute Mutter im schweren, eichenen Sarge gebettet. Unsere Trauer war groß. Wir hatten unendlich viel an ihr verloren.
Am 4. Dezember kehrte ich nach Putbus zurück. Am 18. Dezember war die Friedensfeier nach Beendigung des dänischen Krieges. Das Weihnachtsfest verlebte ich in Putbus und war am Heiligen Abend in die Familie des Dr. Hohenbaum eingeladen.
Am 1. Januar 1865 machte ich mit Dr. Streit und Busch eine Tour nach dem Jagdschlosse, ich glaube bloß um die ersten Gäste des Jahres dort zu sein. Anfang Januar kam auch als Hilfslehrer, der wegen Professor Gerths Tod sich nötig machte, der Herr Luckow, den wir im Verein mit unserem Probekandidaten Dr. H. Müller sonderbarerweise durch ein Fest, das wir auf Luckows Stube arrangiert hatten, begrüßten. Derselbe wunderte sich, als er ankam, natürlich nicht wenig, auf seiner Stube schon eine fröhliche Gesellschaft vorzufinden.
Ich persönlich hatte nun tüchtig zu arbeiten, um mich auf das Examen vorzubereiten, zu dem ich für den 11. Februar nach Halle geladen war. Zur Probelektion hatte ich außer einer Horazschen Ode die Aufgabe, die Primaner bekannt zu machen mit Schillers „Erziehung des Menschengeschlechts.“
In den ersten Tagen des Februar reiste ich über Berlin nach Halle, wo ich mich in dem Gasthof „Zur Tulpe“ einquartierte.
