Viel zu schnell erwachsen - Hans Partschefeld - E-Book

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Hans Partschefeld

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Beschreibung

Wenige Monate vor Ende des Zweiten Weltkrieges wird der Autor zum Flaksoldaten ausgebildet und kommt als 17-Jähriger in den Kämpfen um Köln zum Einsatz. In diesem erschütternden Zeitzeugenbericht gibt er einen tiefen Einblick in das Drama der minderjährigen Soldaten, berichtet über die verzweifelte Verteidigung der Stadt, das Ausmaß der durch die Bombardements entstandenen Schäden und das damit verbundene Leid der Zivilbevölkerung. Besonders tragisch erlebt er den Rückzug über den Rhein, über die Hohenzollernbrücke, die nur einen Tag später gesprengt wird. Dieses Zeitdokument über die Grausamkeiten und die Schrecken des Krieges basiert auf den persönlichen Erlebnissen des Autors. Sorgfältig recherchierte Fakten ergänzen den außergewöhnlichen Bericht.

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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Erzählt nach dem Bericht des Autors. Die Geschehnisse militärischer und ziviler Natur entsprechen den Tatsachen. Wo Persönlichkeitsrechte der seinerzeit beteiligten Personen verletzt werden könnten, sind die betreffenden Eigennamen geändert bzw. verfremdet worden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit derzeit lebenden Personen sind daher rein zufällig und unbeabsichtigt.

LESEPROBE zu

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2013

© 2015 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Titelfoto: © Bundesarchiv Bild 101I-710-0396-18 / Fotograf: Maier, K. F.

Lektorat: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger & Karl Schaumann GmbH, Heimstetten

Worum geht es im Buch?

Hans Partschefeld

Viel zu schnell erwachsen

Mit siebzehn an der Front

Nur wenige Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird der Autor zum Flaksoldaten ausgebildet und kommt als 17-Jähriger in den Kämpfen um Köln zum Einsatz. In diesem erschütternden Zeitzeugenbericht gibt er einen tiefen Einblick in das Drama der minderjährigen Soldaten, berichtet über die verzweifelte Verteidigung der Stadt, das Ausmaß der durch die Bombardements entstandenen Schäden und das damit verbundene Leid der Zivilbevölkerung. Besonders tragisch erlebt er den Rückzug über den Rhein, über die Hohenzollernbrücke, die nur einen Tag später gesprengt wird.

Dieses Zeitdokument über die Grausamkeiten und die Schrecken des Krieges basiert auf den persönlichen Erlebnissen des Autors. Sorgfältig recherchierte Fakten ergänzen den außergewöhnlichen Bericht.

Inhalt

Vorwort

Einberufung in Leipzig

Ausbildung in Kassel

Verteidigung der Stadt Köln und der Bayer-Werke, Leverkusen

Standort Worringer Bruch im Benrather Staatsforst

Köln-Weidenpech/ Pferderennbahn

Über die Hohenzollernbrücke am 5. März 1945

Im Ruhrkessel

In Bergisch-Gladbach und Bensberg

In Wuppertal

In Lüdenscheid

In Voiswinkel

Gefangenschaft und Heimkehr

Fazit und Reflexionen

Anhang

I. Leitgedanken zum Zeitzeugenbericht

II. Die Bayer-Werke, Leverkusen, im Zweiten Weltkrieg

III. Episoden aus dem Kampf um den Ruhrkessel Ende März 1945

Literatur

Dank

Meiner Frau Helga

»Es ist immer interessant, den Bericht eines Augenzeugen zu lesen; mögen dicke fundierte Abhandlungen noch so solide und zuverlässig sein, fehlt ihnen doch die Faszination des Erlebten …«

Dusko Doder, »Machtkampf im Kreml«,

Verlag Bonn Aktuell GmbH, Mai 1988

Vorwort

Ein Buch, das den Kriegsdienst eines Siebzehnjährigen zum Ende des Zweiten Weltkrieges zum Thema hat, bedarf meines Erachtens heutzutage eines Vorwortes. Zu Lebzeiten Konrad Adenauers wäre das noch nicht notwendig gewesen. Für mich war er, der große Alte aus Rhöndorf, zum Zeitpunkt meiner Flucht aus der DDR Anfang Mai 1957 eine Lichtgestalt, ein Leuchtturm der Freiheit für einen von Hitler für dessen Ziele missbrauchten und später von den Kommunisten des SED-Regimes bitter enttäuschten jungen Menschen.

Eines der dramatischen Ereignisse, die meine kurze Zeit des Kriegsdienstes kennzeichnen, geschah am 13. April 1945. Damals versuchten wir, zwanzig aus Leipzig stammende Jungkanoniere einer 8,8-cm-Flakbatterie, befehlsgemäß den von den Amerikanern um den Ruhrkessel gezogenen Ring bei Bergisch-Gladbach zu durchbrechen. Schwer bewaffnet waren wir im Morgengrauen von der nur wenige Kilometer von dieser Stadt entfernten kleinen Ortschaft Voiswinkel aufgebrochen. Der Leutnant, wenige Tage zuvor noch Oberfähnrich, ein harter, aber zugleich tapferer Mann, führte uns an. Kurz vor dem Auftauchen der ersten Häuser sprangen wir von unserem LKW, entfalteten die mitgeführte Reichskriegsflagge, stimmten das Deutschlandlied an und stürmten nach Bergisch-Gladbach hinein. Dort allerdings hingen bereits die weißen Fahnen aus den Fenstern.

Wir 20 17-Jährige, von denen ich eben sprach und ausführlich noch erzählen werde, wollten keine Helden sein. Aber mit Recht hätte man uns als Patrioten bezeichnen dürfen. Was ist ein Patriot? In der Literatur habe ich eine Definition gefunden, die ich jederzeit akzeptieren kann. Hiernach ist ein Patriot ein Mensch, der sein Vaterland, seine Heimat, sein Volk liebt und diese Haltung verbindet mit der Achtung vor den Angehörigen anderer Völker. Auch von dieser Achtung anderen gegenüber werde ich aus meiner Kriegszeit berichten können.

Einberufung in Leipzig

Am 1. Januar 1945 begann ein schicksalhaftes Jahr für Deutschland, für die Welt, aber auch für mich ganz persönlich. Im April 1945 starben drei Politiker kurz hintereinander: Franklin D. Roosevelt, den seit 4. März 1933 regierenden 32. US-Präsidenten, ereilte der Tod am 12. April. Der italienische Diktator Benito Mussolini, der »Duce«, wurde am 28. April von italienischen Partisanen erschossen und am nächsten Tage aufgehängt. Hitler starb von eigener Hand am 30. April. Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland. Damit war der Zweite Weltkrieg zunächst in Europa zu Ende.

Noch an Roosevelts Todestag hatte Hitler in seinem Bunker unter der Reichskanzlei Hoffnung geschöpft, die Allianz seiner Gegner könnte zerbrechen, und sein Propagandaminister Joseph Goebbels bestärkte ihn in diesem Glauben. Beide dachten an »das Wunder des Hauses Brandenburg«. Aber die Wunder, die Friedrich den Großen 1759 und 1762 retteten, traten im April 1945 nicht ein. Wie war es im Siebenjährigen Krieg (1756–63) zu diesem »Wunder« gekommen?

1759 verlor der Preußenkönig Friedrich II., den man schon zu Lebzeiten den »Großen« nannte, die Schlacht bei Kunersdorf. Es war dies der schwerste Schlag, der den König je getroffen hat. Seinem Minister, dem Grafen Finkenstein, schrieb er damals: »… mein Rock ist von Kugeln durchlöchert, zwei meiner Pferde wurden erschossen. Mein Unglück ist es, dass ich noch lebe. Unsere Niederlage ist sehr beträchtlich: Von einer Armee von 48 000 Mann sind mir knapp 3000 verblieben. In dem Augenblick, wo ich dies berichte, flieht alles und ich bin nicht mehr Herr meiner Truppen … Ich habe keine Ressourcen mehr und glaube, offen gestanden, dass alles verloren ist. Ich will nach dem Untergang meines Vaterlandes auf keinen Fall weiterleben …«1 Jedoch brachte dieser Sieg für die verbündeten Russen und Österreicher nicht den erhofften Gewinn der später »Siebenjähriger Krieg« genannten Auseinandersetzung. In Anbetracht der beträchtlichen Verluste der Russen, sie verloren in dieser Schlacht 24 000 Mann, konnte man fast von einem Pyrrhussieg sprechen. Daher weigerte sich der russische General Saltykow, seine erschöpften Streitkräfte gemeinsam mit der unter dem Befehl des Generals Laudon stehenden österreichischen Armee auf die von preußischen Truppen entblößte Hauptstadt Berlin marschieren zu lassen.

Friedrich II. nutzte die Unschlüssigkeit seiner Gegner. Er ließ die letzten Reserven an Menschen und Material heranführen und befreite sich aus der Umklammerung. Dann ergriff der König, dank seiner unbestrittenen strategischen Fähigkeiten, wieder die Initiative in einem Kriege, in dem er, nach Einwohnern gemessen, gegen eine 20fache Übermacht kämpfte!

Gerettet wurde Friedrich der Große schließlich durch den Thronwechsel in Russland. Seine ärgste Feindin, die Zarin Elisabeth, starb am 5. Januar 1762. Der Nachfolger, Peter III., ein Neffe der verstorbenen Zarin, war ein glühender Bewunderer des Preußenkönigs. Er schloss kurz nach seiner Thronbesteigung einen Separatfrieden mit Friedrich II. und gab die eroberten Gebiete an Preußen zurück. Peter III. schickte sogar dem Preußenkönig ein 20 000 Mann starkes russisches Korps zu Hilfe.

Das Ausscheiden der Russen aus der Allianz führte schließlich zur Auflösung der Kriegskoalition jener Mächte (Russland, Österreich, Frankreich, Schweden, Sachsen und die deutsche Reichsarmee), die, wie die österreichische Kaiserin Maria Theresia, in dem Preußenkönig die »Inkarnation des Bösen« sahen.

Der Siebenjährige Krieg endete 1763 mit dem Status quo. Friedrich der Große blieb im Besitz Schlesiens, das er 1740/42 im Ersten Schlesischen Krieg erobert hatte.2

Eine derartige Wende des Kriegsverlaufes wie 1762 erhoffte sich im April 1945 Hitler noch kurz vor seinem Untergang vom Tode des US-Präsidenten Roosevelt. Aber konnte er wirklich annehmen, dass der neue US-Präsident Truman im April 1945 die Fronten wechseln würde, um mit Hitler ein Bündnis gegen die von Kommunisten regierte Sowjetunion zu schließen? Friedrich der Große betrieb zwar eine aggressive Kriegspolitik, bewegte sich in seinem Denken und Handeln aber im Rahmen der Wert- und Moralmaßstäbe seiner Zeit. Hitler hingegen hatte sich durch Rassenwahn und Völkermord außerhalb der gültigen menschlichen Sittengesetze gestellt.

Am 1. Januar 1945 hatten wir, meine Pflegemutter, von mir immer »Tante Lissy« genannt, ihr fünfjähriger Sohn Peter und ich, der Pflegesohn, meinen Pflegevater, von mir immer »Onkel Kurt« genannt, zum Leipziger Hauptbahnhof gebracht. Onkel Kurt, Jahrgang 1906, war seit 1943 Soldat. Sein Weihnachtsurlaub 1944 lief nun ab. Er musste an diesem Neujahrstag die Rückreise zu seiner in Kopenhagen stationierten Wehrmachtseinheit antreten.

Für die Verabschiedung bot der von den Luftangriffen schwer in Mitleidenschaft gezogene Hauptbahnhof eine triste Kulisse. Eine Bombe hatte den Querbahnsteig getroffen, der eingestürzt war. Nur über Planken gelangte man noch zu den Bahnsteigen der insgesamt 26 Gleise dieses Kopfbahnhofes. 1915, im Jahre seiner Vollendung, hatte er als der größte Bahnhof der Welt und zugleich der schönste in Europa gegolten. Wir Leipziger waren immer stolz auf »unseren« Bahnhof gewesen und hatten das auch gezeigt, wenn wir dort Gäste begrüßen und abholen konnten. Daher tat es uns geradezu körperlich weh, wenn wir das geschundene Gebäude betreten mussten.

Noch am zweiten Weihnachtsfeiertag 1944, es war ein Dienstag, hatte sich die vielköpfige Familie Hillmer bei den Großeltern versammelt. Vor allem die Eltern und die Geschwister wollten dem Sohn bzw. Bruder Lebewohl sagen, ihm noch einmal die Hand drücken. Zu diesem Zeitpunkt wusste ja keiner, ob und wann sie ihn wiedersehen würden. Tatsächlich kam er erst 1948 aus englischer Gefangenschaft zurück.

Es war kein fröhliches Weihnachten in dem zu Ende gehenden Jahr 1944. Wohl hatten die Kerzen an einem wunderschönen Tannenbaum gebrannt, und die Großmutter hatte auch noch für jeden ein Geschenk in Weihnachtspapier eingepackt. Für die Großen war es etwas kleiner ausgefallen als für uns Enkelkinder. Aber jeden der Erwachsenen hatte die unausgesprochene Frage beschäftigt: Was wird aus Deutschland, wenn wir den Krieg verlieren?

Jeder kannte die aktuelle Kriegslage. Sie ließ kaum mehr Hoffnung auf einen deutschen Sieg aufkommen. Weder die so genannten Vergeltungswaffen, V 1 und V 2, noch die zum Ende des Jahres 1944 im Westen gestartete Ardennen-Offensive hatten die Wende gebracht. Einige seiner Geschwister, allen voran seine Schwester Hilda, hatten daher an diesem zweiten Weihnachtsfeiertag ihrem Bruder Kurt geraten, zu desertieren und bis Kriegsende unterzutauchen.

Onkel Kurt hatte bis zu seiner Einberufung zum Wehrdienst im Frühjahr 1943 als Werkmeister in der weltbekannten Leipziger Wollkämmerei gearbeitet. Er war kein Nazi, wohl aber ein von klaren Prinzipien und Wertvorstellungen geprägter Mensch. Aus seiner Einstellung machte er Dritten gegenüber kein Hehl. Er erklärte, er habe einen Eid geschworen. Seine Kameraden, die ihren Dienst in Dänemark leisteten, würden fest mit seiner Rückkehr rechnen. Er müsse seine Pflicht tun und könne sie daher nicht im Stich lassen. Selbst sein jüngerer Bruder Herbert, der als Soldat im September 1939 bei den Kämpfen um Warschau sein rechtes Bein verloren hatte, meinte, Kurt solle so handeln, wie es ihm sein Gewissen befehle.

Tante Lissy, die ihren Kurt genau kannte, hatte, trotz aller Sorgen um den geliebten Mann, gar nicht erst versucht, den Einflüsterungen seiner Geschwister mit ihrer Stimme Gewicht zu verleihen. Auch seine Eltern, also meine Großeltern, achteten den Standpunkt ihres Sohnes Kurt.

Auf dem Bahnsteig konnte Tante Lissy nur mühsam die Tränen zurückhalten. Auch mir fiel kein passendes Abschiedswort ein. Onkel Kurt, der früher so frohe und zu Scherzen aufgelegte Mann, schaute uns mit traurigen Augen an.

Ich dachte zurück an die Jahre 1938 bis zu seiner Einberufung im Jahre 1943, wo er mit mir in seiner Freizeit oft Tischfußball gespielt hatte, als wäre er selbst noch ein Junge. Verlieren wollte damals auch er nicht. Es ging immer hoch her. Es wurde zweimal zehn Minuten gespielt, genau nach der Uhr. Manchmal fiel erst im letzten Moment das Siegtor. So musste ich mich jetzt arg zusammennehmen, um nicht einfach loszuflennen. Abschied nehmen am Bahnhof, das ist schon in Friedenszeiten oft eine traurige Sache, aber unter solchen Gegebenheiten berührt die Trennung Herz und Seele.

Noch war der Urlauberzug am Gleis 17 nicht eingefahren. Zwar sollte er planmäßig bereits fünf Minuten später den Bahnhof in Richtung Hamburg verlassen. Aber wer wusste schon, wo der Zug, der aus München kam, hängen geblieben war. In diesen Zeiten war Pünktlichkeit relativ.

Über Halle, Magdeburg, Stendal, Salzwedel, Uelzen nach Hamburg würde die Strecke führen; dann weiter über Neumünster, Flensburg, auf dänischer Seite nach Fredericia gehen und schließlich nach nahezu eintausend Kilometern in Kopenhagen enden. Eine fast 24 Stunden dauernde Fahrt würde viel Zeit lassen für einen Rückblick auf alle früheren Stationen des Lebens, aber auch zum Grübeln über den anzunehmenden Kriegsausgang und dessen Konsequenzen.

Plötzlich machte sich Unruhe unter den zahlreichen Wartenden bemerkbar. Der Zug kam und hatte doch nur eine Viertelstunde Verspätung. Hastig griff mein Pflegevater nach seinem Tornister und dem Karabiner. Er warf seine große Reisetasche durch ein offen stehendes Abteilfenster. Es dauerte eine Weile, bis alle Soldaten einen Platz gefunden und das Gepäck verstaut hatten.

Nun begann das eigentliche Abschiednehmen. Schon rief der den Zug begleitende Beamte: »Bitte beeilen, der Zug fährt in wenigen Minuten ab!«

Tante Lissy ließ nun ihren Tränen freien Lauf. Auch ich umarmte den geliebten Pflegevater immer wieder, und Sohn Peter klammerte sich an dem Vater fest. »Bitte, alle nicht mitfahrenden Personen mögen den Zug verlassen!«

Die Aufforderung war klar und deutlich aus dem noch intakten Lautsprecher zu vernehmen. Jetzt standen alle, die von ihren Soldaten Abschied nehmen mussten, an den noch immer offen stehenden Abteilfenstern, manche an den geöffneten Zugtüren.

»Türen schließen«, hieß es jetzt. Der Bahnhofsbeamte hob die Kelle und gab das Zeichen für die Abfahrt des Zuges. Langsam setzte sich dieser in Bewegung. Fast schien es, als wäre er lieber im Bahnhof geblieben.

Wir drei, Tante Lissy, Peter und ich, schauten wie viele andere dem Zug nach, der jetzt die zerstörte Bahnhofshalle verließ. Noch lange glaubten wir, das Tuch zu sehen, das der Mann, der hier Ehemann, Vater und Pflegevater zugleich war, aus dem fahrenden Zug flattern ließ.

Erst jetzt bemerkten wir die klirrende Kälte. Am Morgen dieses Tages hatten wir am Thermometer 15 Minusgrade abgelesen. Wir verließen wortlos den Bahnhof. Auf dem Vorplatz bestiegen wir einen Wagen der Straßenbahnlinie 2 und fuhren bis zur Endhaltestelle im Stadtteil Sellerhausen. Selbst Peter verhielt sich ganz ruhig. Es war ein besonderes Glück in jenen Tagen, dass unsere Wohnung in der Macherner Straße 4 bisher unzerstört geblieben war. Gegen 22 Uhr ging ich an diesem traurigen Neujahrstag zu meinen Großeltern. Denn Onkel Kurt, mein Pflegevater und Vormund, war, als er 1943 von seiner Einberufung zum Wehrdienst erfahren hatte, mit seinem Vater, also meinem Großvater, übereingekommen, dass ich bis auf Weiteres bei den Großeltern leben sollte.

Am 1. April 1944, damals war ich 16 Jahre alt, hatte ich in Leipzig meine Ausbildung zum Exportkaufmann in der Druckfarbenfabrik Berger & Wirth begonnen. Dieses im Stadtteil Schönefeld in der Waldbaurstraße 2 gelegene, mit 120 Beschäftigten relativ kleine, jedoch weltbekannte Unternehmen exportierte in Friedenszeiten seine Produkte in aller Herren Länder. Der Kriegsverlauf schränkte den Aktionsradius aber immer weiter ein.

Berger & Wirth bestand seit 1823 und würde demgemäß 1948 sein 125-jähriges Firmenjubiläum feiern. In der Messestadt genoss dieses Unternehmen hohes Ansehen. Leipzig war damals Verlagshauptstadt Deutschlands und Sitz weltbekannter Verlage und Druckereien.

Firmen wie Breitkopf & Härtel, die im 19. Jahrhundert den Notendruck mit beweglichen Lettern entwickelt hatten, F. A. Brockhaus mit seinem »Conversationslexikon«; Philipp Reclam mit der weltgrößten Buchreihe, Baedecker mit seinen weltberühmten Reisehandbüchern, und Giesecke & Devrient, Spezialisten für den Druck von Banknoten und Wertpapieren, haben zusammen mit vielen anderen zum hohen Ansehen der Messestadt Leipzig wesentlich beigetragen.

Das gute Betriebsklima bei der Druckfarbenfabrik Berger & Wirth wurde weithin gelobt. Wesentlich hierzu beigetragen hat der Firmeninhaber, Herr Dr. Worlitzer. Er bewies ein hohes Maß an sozialem Engagement. Jeder Betriebsangehörige, auch der Geringste unter den Arbeitern, konnte in schwierigen Situationen, seien sie betrieblicher oder familiärer Natur, den Chef um eine Unterredung bitten. Man musste sich nur bei der Chefsekretärin, Frau Wölfel, anmelden und dort kurz sein Anliegen schildern. Dann bekam man alsbald einen Termin für ein Gespräch unter vier Augen.

Meinem Leben hat diese Möglichkeit, den Firmeninhaber persönlich sprechen zu können, im Herbst 1946 eine entscheidende Wendung gegeben. Dort ist mir der Weg zum Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Leipzig geebnet worden. Gemäß einer Vereinbarung zwischen Dr. Worlitzer und der Betriebsgewerkschaftsleitung wurde mir von 1946 bis 1950 ein Stipendium gewährt. Nach zwei Semestern versagte mir die Universität aus politischen Gründen die Befreiung von den Studiengebühren. Daraufhin hat die Firma Berger & Wirth bis zum Diplom auch diese Kosten übernommen.

Dr. Worlitzer war zu Beginn des Jahres 1945 wohl 60 Jahre alt und sah aus, wie man sich einen Universitätsprofessor vorstellt. Er hat geholfen, wo er konnte, mit Rat und Tat. Als ich im Frühjahr 1944 meine Lehre begann, spürte ich sofort die Hochachtung, die dem Firmeninhaber von Arbeitern und Angestellten entgegengebracht wurde.

Die Verbundenheit Dr. Worlitzers mit seiner Belegschaft verhinderte auch, dass er, obwohl nominelles Mitglied der NSDAP, nicht sofort nach Kriegsende von den Kommunisten enteignet wurde. Ende 1945 sprachen sich fast alle Arbeiter und Angestellten in einer Abstimmung offen gegen eine Verstaatlichung der Firma Berger & Wirth aus! Sich in der sowjetischen Besatzungszone für einen Kapitalisten einzusetzen, dazu gehörte in jener Zeit großer Mut.

Ab 1952 bin ich dann in leitender Position tätig gewesen, zunächst in Großbetrieben der ehemaligen DDR und nach der Flucht 1957 in Großunternehmen der Bundesrepublik Deutschland. Dadurch bekam ich auch Einblick in die Unternehmensphilosophien der Top-Manager auf beiden Seiten. Mit Fug und Recht kann ich daher den Inhaber der damaligen Firma Berger & Wirth in Leipzig als eine Unternehmerpersönlichkeit mit stark ausgeprägtem sozialen Engagement bezeichnen. Von ähnlicher Statur waren auch, das darf ich als ehemaliger Quelle-Mann sagen, die Gründer des Versandhauses Quelle in Fürth, Gustav und Grete Schickedanz. Nicht ohne Grund nannte jeder Betriebsangehörige die Chefin nur die »gnädige Frau«. Diese Anrede sollte die Achtung vor der Leistung und dem sozialen Gewissen dieser Frau zum Ausdruck bringen.

Zur Jahreswende 1944/45 gab es bei Berger & Wirth fünf kaufmännische »Lehrlinge«, wie die Auszubildenden damals genannt wurden, und zwar zwei junge Damen und drei Burschen, alle zwischen 16 und 17 Jahre alt.

Der Personalchef hieß Martin Bolkenroth, von uns Lehrlingen nur »Mabo« genannt, war 63 Jahre alt, eine Respektsperson im Hause Berger & Wirth, einfach ein feiner Mann. Im Ersten Weltkrieg hatte er als Oberst in einem sächsischen Garderegiment gedient. Manchmal fiel er in seiner Ausdruckweise uns Lehrlingen gegenüber in jenen aus den damaligen Zeiten gewohnten Befehlston zurück. Seine Haltung war stets kerzengerade und ließ noch immer den ehemaligen Offizier erkennen.

In seinem Büro stand der Schreibtisch am Fenster zum Hof. Kam man in das Zimmer des Personalchefs, so drehte Martin Bolkenroth dem Eintretenden immer den Rücken zu. Uns Lehrlingen oblag im ersten Lehrjahr der abendliche Postdienst. Zugleich mussten wir einmal am Tage den Posteingang sowie die internen Hausmitteilungen den jeweiligen Empfängern zustellen. Brachte man nun die Post zu Herrn Bolkenroth, so befahl dieser militärisch knapp: »Hinlegen.« Er meinte damit natürlich, dass man die Post in den Posteingangskorb legen solle. Jeder im Hause wusste das, nur ein neuer Lehrling hatte davon keine Ahnung.

Am Montag, den 2. Oktober 1944, begann der 16-jährige Rolf Mittag seine kaufmännische Lehre im Hause Berger & Wirth. Den haben wir natürlich sofort am ersten Tag mit den Besonderheiten des Postaustragens vertraut gemacht. Mit ernster Miene erzählten wir Rolf: »Wenn du die Post zum Personalchef bringen musst, dann ruft er, wenn du das Zimmer betrittst, stets im Befehlston ›Hinlegen‹. Das meint er ganz militärisch, denn der Personalchef ist ja im Ersten Weltkrieg Oberst gewesen. Daher musst du dich sofort auf den Boden werfen und warten, bis er dir mit einem neuen Kommando das Aufstehen erlaubt!«

Unsere beiden Mädchen waren Zeuginnen dieses Scherzes, ließen sich jedoch nichts anmerken. Und so kam es, wie es kommen musste. Als der Rolf dann zum ersten Mal mit dem Postzustellen betraut war, musste er bei seinem Rundgang mit seinen Päckchen auch zum Personalchef. Er klopfte an, trat in das große Zimmer ein, nachdem er das »Herein« vernommen hatte, und sagte: »Ich bringe die Post, Herr Bolkenroth!«

Sogleich hörte er das von uns vorausgesagte Kommando: »Hinlegen!«

Rolf sah überhaupt keinen Grund, an der Richtigkeit unseres Hinweises zu zweifeln. Er war ja, genauso wie wir selbst, durch eine paramilitärische Erziehung in »Jungvolk« und »Hitlerjugend«, an das Prinzip von Befehl und Gehorsam gewöhnt.

So schleuderte er die Postmappe mit den Unterlagen im großen Bogen in das Zimmer, er selbst warf sich zu Boden und streckte die Arme und Beine weit von sich. Dabei stieß er noch den Posteingangskorb vom Tisch. So flatterten auch diese Papiere im Raume umher. Es muss das reinste Chaos gewesen sein!

Martin Bolkenroth, so erzählte uns der Rolf später, sei, wie von der Tarantel gestochen, aus seinem Bürosessel hochgefahren, hätte sich umgedreht und gefragt: »Aber Herr Mittag, was ist denn passiert?« Er, der Rolf, sei zunächst auch ganz verdattert gewesen, habe sich aber dann aufgerappelt und versucht, die verstreut im Zimmer herumliegenden Schriftstücke wieder einzusammeln. Geistesgegenwärtig habe er dann gesagt: »Entschuldigen Sie, Herr Bolkenroth, ich bin gestolpert!« Ganz unwirsch sei der Personalchef gewesen: »Lassen Sie mal die Papiere liegen! Ich rufe meine Sekretärin. Frau Melfinger wird das schon in Ordnung bringen.«

Weitere Worte fielen angeblich nicht. Aber Rolf Mittag sprach eine ganze Woche lang kein Wort mehr mit uns. Dann musste er selber über den Scherz lachen und zeigte uns seine lädierten Knie. Übrigens hat der Personalchef nie etwas von diesem Jungenstreich erfahren.

Ansonsten waren wir bestrebt, unseren Lehrherren keinen Grund für eine Rüge zu geben. Wir waren ja noch so jung, und so stand uns – trotz Krieg – der Sinn nach anderen Dingen. Ich liebäugelte mit Ingeborg Thomas, die am gleichen Tag wie ich ihre Lehre begonnen hatte. Wir trafen uns häufig im Archiv und küssten uns dort oft und lange hinter den voll gestopften Aktenregalen. Rolf Mittag begann einen Flirt mit Agnes Winkler, unserem zweiten weiblichen Lehrling.

Aber der Krieg holte mich ein, und zwar ohne Vorwarnung. Am Donnerstag, den 11. Januar 1945, kam ich gegen 18 Uhr nach Hause. Es war so eigenartig ruhig in der großen, in der Plausiger Straße 2 im Stadtteil Sellerhausen befindlichen Wohnung meiner Großeltern. Den Großvater sah ich nicht. Meine Großmutter, die sich in der Küche aufhielt und dort das Abendbrot vorbereitete, musste geweint haben, man merkte es ihr an. Im Wohnzimmer saßen meine beiden Tanten Erna und Hertha und sagten keinen Mucks. Irgendwie war an diesem Abend alles anders als sonst.

Schließlich drückte mir die Großmutter wortlos eine Postkarte in die Hand. Es war der Gestellungsbefehl! Kurz und bündig hieß es dort: »Sie haben sich am Samstag, den 13. Januar 1945, 16 Uhr, am Leipziger Güterbahnhof einzufinden. Ein Schild wird Sie auf den genauen Treffpunkt hinweisen. Dort werden Sie auch über den Ort Ihres Kriegseinsatzes informiert. Ausreichende Winterbekleidung, Waschzeug, diese Karte und der Wehrpass sind mitzubringen. Erscheinen in HJ-Uniform ist Pflicht! Für Ihre Verpflegung und Unterkunft sorgt ab dem genannten Zeitpunkt die deutsche Wehrmacht.«

Jetzt verstand ich das Verhalten der Großmutter und der beiden Tanten. Nun kam auch der Großvater ins Haus. Man musste ihn erst aufklären über den Grund der gedrückten Stimmung. Er schaute mich lange an, nahm mich in den Arm und drückte mich an seine Brust. Dies zeigte mir, dass er zutiefst bewegt war. Denn auch wenn er mich besonders gern mochte – ein Freund großer Gefühlsausbrüche war er nicht.

Kriegsbedingt arbeitete mein Großvater, Friedrich Hillmer, Jahrgang 1873, noch immer als Werkmeister in einer renommierten Leipziger Maschinenfabrik. Im Personalrat der Firma nahm er die Interessen der Angestellten wahr. Heute würde man ihn als Betriebsrat bezeichnen. Er genoss hohes Ansehen bei der Belegschaft, weil er Zivilcourage besaß und bei Gesprächen mit der Geschäftsleitung entschieden auftrat.

Mein Großvater galt als äußerst fleißig, korrekt und zuverlässig. Bei dem schweren Bombenangriff vom 4. Dezember 1943 hatte er sich in seiner Eigenschaft als Luftschutzwart zudem als sehr tapfer erwiesen. Eine Stabbrandbombe hatte das Dach des Mietshauses Plausiger Straße 2 durchschlagen. Bei einem seiner Kontrollgänge hatte er die Brandbombe entdeckt, mit den auf dem Dachboden gelagerten Sand- und Wasservorräten gelöscht und dann durch eine Dachluke auf die Straße geworfen.

Aber in der Familie herrschte nur er. Großvater war ein wirklicher Patriarch. Sein Wort entschied! Aber er nahm auch seine Pflichten dem ganzen großen »Clan« gegenüber bitter ernst. Keinen ließ er im Stich. Er hätte sein letztes Hemd gegeben, wenn es nötig gewesen wäre. Dieses Bild habe ich noch heute von meinem Großvater vor Augen. Zwölf Kinder hatte er gezeugt, vier davon waren schon im Kindesalter gestorben. Des Kindersegens wegen war der Großmutter das Mutterkreuz verliehen worden.

Manchmal spielten wir, drei Enkelkinder, in dem riesigen Flur der Wohnung Fußball, was natürlich nicht ohne Lärm abging. Dann kam der Großvater aus der Küche heraus und schaute uns über seine randlose Brille hinweg an. In einem solchen Augenblick wussten wir, dass wir über die Stränge geschlagen hatten. Großvater brauchte kein Wort zu sagen, sein Blick genügte. Wir verzogen uns in einem solchen Falle sehr schnell in den Hof. Ich habe niemals erlebt, dass »der Friedrich« mit einem Enkelkind geschimpft hätte, und ein Kind zu schlagen wäre für ihn sowieso undenkbar gewesen!

Der Großvater schaute die Großmutter an und meinte: »Vielleicht schicken sie den Hans gleich wieder nach Hause, wenn sie seine kaputten Füße sehen.«

Großmutter erwiderte nichts. Wahrscheinlich glaubte sie nicht an eine solche Möglichkeit. Sie dachte bestimmt, wenn der Hitler jetzt schon die alten Männer zum Volkssturm holt, wird er bestimmt auch unseren 17-jährigen Hans nicht wieder hergeben.

Am nächsten Tage habe ich in der Firma dem Personalchef meinen Einberufungsbescheid vorgelegt und mich dann in allen Abteilungen verabschiedet, zuletzt und am längsten bei den anderen Lehrlingen. Arbeiten brauchte ich an diesem Freitag nicht mehr.

Dann fuhr ich zuerst zu Tante Lissy. Sie erschrak, als ich ihr sagte, worum es ging. »Mein Gott!«, rief sie aus, »Vor nicht mal 14 Tagen haben wir deinen Onkel zur Bahn gebracht! Auf jeden Fall begleite ich dich bis zum Güterbahnhof!«

Sie war wirklich eine herzensgute Frau, eine bessere Pflegemutter hätte ich nicht bekommen können. Ich entgegnete: »Ich schaff das schon, liebe Tante, es ist besser für uns beide, wenn wir uns hier verabschieden!«

Sie hat mich umarmt, es schien so, als wollte sie mich nicht mehr loslassen.

Zu Ostern 1938, wenige Wochen nach dem Tod meiner Eltern, hatten meine Pflegeeltern, Onkel Kurt und Tante Lissy, mich, den damals Zehnjährigen, in ihre Familie aufgenommen. Im Sommer desselben Jahres willigte der Onkel in zwei Operationen ein, mit denen die Fachärzte mein angeborenes Fußleiden beheben wollten. Professor Schede, Chefarzt und leitender Chirurg in der Leipziger Orthopädischen Universitätsklinik, rechnete mit einer mehrmonatigen Behandlungsdauer.

Für Montag, den 15. August 1938, war der erste Eingriff vorgesehen. Am Samstag davor sagte die Tante, dass sie für mich noch eine Überraschung hätte.

»Mein lieber Junge«, lächelte sie, »ich habe für uns beide zwei Karten für die morgige Abendvorstellung im Kristallpalast besorgt. Charlie Rivel gibt dort in diesem Monat ein Gastspiel!«

Ich war sprachlos! Charlie Rivel, ein spanischer Artist, galt zu jener Zeit als einer der berühmtesten europäischen Clowns. Im deutschen Sprachraum hatte ihm sein Ausruf »Akrobat schööön!« zu großer Popularität verholfen. Und ich sollte ihn sehen! Ich war fassungslos, umarmte und küsste die Tante. Diese Überraschung ließ mich die bevorstehende Operation ganz vergessen! Meinen Eltern, die in bescheidenen Verhältnissen gelebt hatten, wäre es niemals möglich gewesen, Geld für Karten zu einer solchen Aufführung auszugeben.

Aber mein Staunen wurde noch größer, als wir am Sonntagabend im Varieté unsere Plätze einnahmen. Denn die Tante hatte die schönste und bestimmt auch die teuerste Loge dieses Theaters reserviert. Als Charlie Rivel dann auf die Bühne kam, hätte ich ihm die Hand reichen können! Für mich war es ein unbeschreibliches Erlebnis, wir beide, meine Tante und ich, ganz allein in dieser vornehmen Loge, und direkt vor mir der berühmte Charlie Rivel! Ich habe das niemals vergessen und der Tante später in schwierigen Zeiten immer beigestanden. Sie ist eine großartige Frau gewesen!

Großmutter hat auch am Samstagvormittag noch viel geweint. Am Mittag kam der Großvater von der Arbeit. Damals galt noch die 48-Stunden-Woche, und da begann das freie Wochenende erst am Samstagmittag, meist ab 13 Uhr.

Als der Großvater die Wohnung betrat, sah er mich zuerst. Er schaute mich nur an und sprach kein Wort. Er war auch sonst ein wortkarger Mann. Der nun unmittelbar bevorstehende Abschied von seinem Enkelsohn ging ihm doch sichtlich nahe. Er ging bald wieder wortlos aus dem Haus und hat wohl einen Spaziergang in den nahe gelegenen Stünzer Park unternommen. An diesem Tag war ihm die Lust aufs Mittagessen vergangen. Auch ich wollte nichts essen, aber die Großmutter bestand darauf. Sie hatte extra für mich meine Lieblingsspeise gekocht: Hühnersuppe mit selbst gemachten Nudeln. Sogar noch ein Ei, welche Kostbarkeit, hatte sie hineingerührt!

Meine Reisetasche hatte die Großmutter bereits am Vormittag gepackt. Daneben lag ein Verzeichnis der Dinge, die sie dem Enkelsohn vorsorglich mitgab auf diesem »Weg ins Ungewisse«: ein zweites Paar lange wollene Unterhosen, drei Paar Wollsocken, von ihr handgestrickt, der Junge sollte ja keine kalten Füße bekommen, Unter- und Oberhemden zum Wechseln, den Schlafanzug, einen dicken Winterpullover und andere für einen künftigen Soldaten wichtige Utensilien. Obenauf befand sich ein dickes Paket mit Leberwurst bestrichener Brote und zwei Tafeln der in diesem sechsten Kriegsjahr rar gewordenen Schokolade. Bestimmt hatte sie hierbei auf ihre »geheimen« Vorräte zurückgegegriffen. Mein Waschzeug brachte ich in meiner Aktentasche unter. Welche Gnade, welches Glück wird einem jungen Menschen zuteil, dem das Schicksal eine solche Großmutter schenkt!

Inzwischen war der Großvater ins Haus zurückgekommen. Jetzt musste ich aufbrechen. Ich umarmte beide lange und drückte der Großmutter viele Küsse auf die Wangen. Sie weinte still vor sich hin. Jetzt packte ich meine sieben Sachen, gab ihnen beiden nochmals die Hand und verließ die Wohnung. Beide Tanten befanden sich außer Haus und hatten sich damit der Abschiedszeremonie entzogen.

Ich ging, wie vorgeschrieben in HJ-Uniform, zur Straßenbahnhaltestelle. Großmutter und Großvater schauten mir noch aus einem Fenster der im zweiten Stock gelegenen Wohnung nach und winkten. Mit der Straßenbahn fuhr ich zum Güterbahnhof. Unterwegs stiegen bestimmt noch ein Dutzend weiterer »Hitlerjungen« zu. Wir stellten schnell fest, dass wir das gleiche Ziel hatten.

Auf dem Gelände des Güterbahnhofes standen bereits Hunderte von Hitlerjungen. Der Treffpunkt war gefunden. Eines Hinweisschildes bedurfte es nicht. Inmitten der Jungen stand ein Hauptmann der Luftwaffe auf einem Tisch mit einem Megaphon in der Hand. Der linke Ärmel steckte in der linken Tasche seines Waffenrockes. Vier Unteroffiziere, gleichfalls in Uniformen der Luftwaffe, standen um den Tisch herum und hatten eine Menge Papiere in den Händen. Dann begann der Hauptmann zu sprechen:

»Mal herhören! Wir haben euch zu den Waffen gerufen. Das Vaterland, das wisst ihr alle, befindet sich in großer Gefahr! Von allen Seiten rücken unsere Feinde auf die Grenzen des Reiches zu. Die Westalliierten verwüsten aus der Luft unsere Städte und sogar kleine Ortschaften! Im Osten vergreift sich der Russe an unseren Frauen und Kindern! Unsere tapferen Soldaten brauchen an allen Fronten Verstärkung. Ihr eintausend Hitlerjungen sollt daher als Flaksoldaten ausgebildet werden!«

Einer der vier Unteroffiziere reichte ihm ein Blatt Papier. Der Hauptmann unterbrach seine Ansprache und las die Meldung.

»Mir liegt jetzt der heutige Wehrmachtsbericht vor. Demzufolge haben die Sowjets an der Weichselfront mit der lange erwarteten Winteroffensive begonnen. Es sind erbitterte Kämpfe entbrannt.«

Keiner sprach ein Wort! Ich glaube, die meisten der Jungen werden das Gleiche gedacht haben wie ich: Jetzt wird es ernst! Auch der Hauptmann hatte nicht weitergesprochen. Wahrscheinlich wollte er erst seine Worte zur Begründung unserer Einberufung und die Nachricht vom Ansturm der Roten Armee auf uns einwirken lassen. Dann hob der Hauptmann wieder sein Megaphon:

»Um euch ausbilden zu können, brauchen wir eine voll funktionsfähige Flakkaserne. Die nächstgelegene befindet sich in der Nähe von Kassel. Dort werdet ihr mit den für die Bedienung der Geschütze, Kaliber 8,8 cm, notwendigen Grundkenntnissen vertraut gemacht. Die so genannte ›Acht-Acht‹ ist zurzeit unsere stärkste Waffe gegen die feindlichen Bomber und Panzer! Für eure Ausbildung können wir nur 14 Tage vorsehen. Mehr Zeit haben wir nicht. 24 Güterwagen, die euch nach Kassel bringen werden, stehen hinter euch auf dem letzten Gleis. Noch fehlt die Lokomotive. In jedem Waggon findet ihr zwei Kanonenöfen mit dem entsprechenden Brennmaterial vor. Genug Strohballen haben Kriegsgefangene bereits herbeigeschafft. Decken sind in ausreichender Zahl vorhanden. Schließlich sollt ihr bei dieser Kälte nicht frieren!«

Der Hauptmann gönnte sich eine Atempause und besprach sich mit seinen Unteroffizieren, ehe er fortfuhr: »Der Zeitpunkt unserer Abfahrt ist also noch ungewiss. Bis Kassel sind 255 Kilometer zurückzulegen. Bei einer Reisegeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Srunde wird unsere Lok mindestens acht Stunden brauchen, um euch ans Ziel zu bringen. Der Weg nach Kassel führt über Halle, Sangershausen, Nordhausen, Heiligenstadt, Eichenberg und Hannoversch Münden. Auf dieser Strecke haben natürlich Munitionszüge an die Westfront, Kohle-Transporte aus dem Ruhrgebiet und auf dem Schienennetz vorgenommene Truppenbewegungen immer Vorfahrt. Auch durch Luftangriffe beschädigte Gleisanlagen können zu Verspätungen führen. Trotzdem hoffen wir, morgen früh noch bei Dunkelheit in Kassel einzutreffen.

Im Bereich des Bahnhofes Nordhausen kann es Tag und Nacht zu Bombenangriffen kommen. Falls die zuständigen Stellen dort Fliegeralarm ausgelöst haben, wird der Zug durch entsprechende Signale gestoppt. Dann müsst ihr sofort das Bahngelände verlassen. Auf keinen Fall Schutz suchen in den Unterführungen und keine großen Gruppen bilden. Splitterschutzgräben findet ihr etwa 250 Meter vom Bahnhof entfernt. Meinen Befehlen und den Anordnungen meiner Unteroffiziere ist daher strikt Folge zu leisten! Habt ihr das alle verstanden?«

»Jawohl, Herr Hauptmann!« Die Antwort kam wie aus einem Munde.

Der Hauptmann unterbrach seine Rede. Einer der Unteroffiziere flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Hauptmann schüttelte den Kopf. Er war wohl offensichtlich anderer Meinung als sein Untergebener. Dann nahm er wieder das Megaphon zur Hand: »Ich heiße Heinrich von Gossen, war Jagdflieger, musste nach einem Luftkampf mit drei Mosquitos notlanden, dabei habe ich den linken Arm verloren. 26 Abschüsse sind mir gelungen. Wegen der Verwundung darf ich nicht mehr fliegen. Meine vier Unteroffiziere sind alle fronterfahrene Männer, bilden mit mir zusammen euer Begleitkommando. Sie heißen Ludwig Müller, Heinrich Kupfer, Ullrich Kramer und Heinz Petzold. Diese Männer sind gleichzeitig auch eure Ausbilder in der Flakkaserne.«

In der Reihenfolge der Namensnennung kletterten die vier Unteroffiziere auf den Tisch und stellten sich vor.

»Wir haben die 24 Güterwagen durchnummeriert. Zuständig für die Waggons 1–6 ist Unteroffizier Kupfer, für 7–12 Unteroffizier Müller, für 13–18 Unteroffizier Petzold und für 19–24 Unteroffizier Kramer. Jeweils 250 von euch 1000 Jungen werden jedem dieser Unteroffiziere unterstellt. Es ist festgelegt worden, dass diese Zuordnung auch in der Flakkaserne bestehen bleibt. Ich selbst werde im Waggon Nummer 24 Quartier beziehen, ebenso Unteroffizier Kramer. Der Unteroffizier Kramer übernimmt als mein Stellvertreter die Führung des Transportes, falls mir während der Fahrt etwas zustoßen sollte.«

Der Hauptmann stellte sein Megaphon zur Seite und blätterte in seinen Notizen.

»Das Wichtigste hätte ich fast vergessen: Verpflegung wird ab 18 Uhr ausgeteilt! Eure Butterbrote von Muttern könnt ihr zunächst mal eingepackt lassen. Hungern müsst ihr nicht bei uns!«

Unter den 1000 17-Jährigen brach Gelächter los. Der Hauptmann hob wieder sein Megaphon. Wir konnten ihn gut verstehen.

»Zunächst erfolgt in Kassel die Feststellung eurer Tauglichkeit. Die Untersuchung nehmen Stabsärzte vor. Dann werdet ihr eingekleidet, damit ihr wie richtige Soldaten ausseht. Anschließend beginnen der theoretische Unterricht und die praktischen Übungen an den Geschützen mit dem Kaliber 8,8 cm! Am Tage nach dem Ende eurer Ausbildung werdet ihr zu ›Jungkanonieren‹ ernannt und anschließend gleich vereidigt! Herr Oberst Becker, Kommandant der Flakkaserne in Kassel, wird dann die hier jetzt gebildeten vier Abteilungen den vorgesehenen Einsatzgebieten zuordnen. Jeweils 250 Jungen kommen nach Breslau, Prag, Köln/Leverkusen und Duisburg! In Kassel bekommt ihr auch noch den Karabiner 98k. Die Ausbildung im Scharfschießen mit dieser Waffe muss eure zukünftige Batterie übernehmen. Dafür haben wir in der Flakkaserne keine Zeit!«

Nach der langen Rede musste der Hauptmann wohl erst einmal verschnaufen. Er beriet sich mit seinen Unteroffizieren. Die Frage war jetzt, wo würde ich hinkommen? Hoffentlich nicht nach Breslau, dachte ich. Inzwischen hatte der Hauptmann das Megaphon wieder in der Hand.

»So, Jungens, jetzt beginnen wir mit dem Verlesen der Namen. Ihr werdet alphabetisch aufgerufen. Das übernimmt der Unteroffizier Kupfer. Bei ihm gebt ihr auch euren Gestellungsbefehl ab. Zunächst behaltet ihr die Wehrpässe, in Kassel bekommt ihr an deren Stelle euer Soldbuch. Verpflegung teilt der Unteroffizier Kramer aus. Dem Unteroffzier Müller habe ich die Gruppenbildung und Aufteilung auf die einzelnen Waggons übertragen. Unteroffizier Petzold ist für das Heranschaffen und das Austeilen der warmen Mahlzeit zuständig, die ihr noch vor Abfahrt des Zuges bekommt. Dabei braucht er eure Hilfe.«

Ein Junge rief: »Herr Hauptmann, können diejenigen, die sich als Arbeitskollegen oder von der Schule her kennen, zusammenbleiben?«

»Dagegen ist nichts einzuwenden. Eine solche Gruppenbildung fördert den Zusammenhalt und festigt die Kameradschaft! Nach dem Aufruf eines jeden Einzelnen beginnen wir mit der Aufteilung auf die 24 Waggons. Nach Adam Riese müssen wir also jeden Güterwagen mit mindestens 40 Mann belegen. Sonst noch Fragen?«

Aus 1000 Kehlen kam die Antwort: »Nein, Herr Hauptmann!«

Das Verlesen der Namen begann. Zunächst grüßte mich ein Junge, der mit mir zwei Jahre lang bis Ostern 1944 die Handelsschule besucht hatte. Sein Name fiel mir nicht gleich ein. Er merkte es und half mir sogleich aus der Verlegenheit. »Ich bin der Hubertus Fleischer!« Na klar, dachte ich, der Hubertus mit den abstehenden Ohren. Es gab viel zu erzählen.

Plötzlich traute ich meinen Ohren nicht, denn da wurde ein Name verlesen, der mir bekannt war wie kein anderer: Fritz Hildebrandt! Das konnte nicht wahr sein, der Fritz war hier! Ich drängte mich durch die Menge und rief laut: »Fritz!«

Die anderen Jungen lachten, aber ich ließ mich nicht beirren.

Und dann sah ich den Fritz. Wir hatten uns seit der Entlassung aus der Volksschule, das war Ostern 1942, aus den Augen verloren. Und nun trafen wir uns hier wieder. Er packte mich mit seinen kräftigen Armen, drückte mich fest an sich, dass mir fast die Luft wegblieb. »Mensch«, sagte er, »du auch hier? Das kann doch nicht wahr sein!«

Ich war überglücklich! Der Fritz war hier, dann konnte nichts mehr schief gehen. Wir umarmten uns noch immer. Großer Worte bedurfte die Freude über das Wiedersehen nicht. So verging die Zeit, wir vergaßen die Umstehenden und den Krieg. Doch Unteroffizier Petzold rief uns in die Gegenwart zurück.

»Na, ihr beiden, ihr bildet wohl einen eigenen Verein!«

Wir nahmen Haltung an, schlugen die Hacken zusammen und sagten wie aus einem Munde:

»Nein, Herr Unteroffizier, wir sind nur sehr gute Freunde, saßen vier Jahre lang auf einer Schulbank!«

»Wenn ihr beiden eure Gestellungsbefehle abgegeben habt, dann helft ihr mir beim Essenausgeben. Ich nehme doch an, dass ihr beiden zusammenbleiben wollt?«

»Jawohl, Herr Unteroffizier!«

Mit dem Verlesen der Namen war der Unteroffizier Kupfer erst bei dem Buchstaben L angekommen. Bis zum Buchstaben P wie Partschefeld blieb also noch Zeit. Und jeder von uns beiden hatte dem anderen so viel zu berichten. Welch glücklicher Umstand, den Freund hier zu treffen!

Seit der 5. Klasse der Volksschule kannten wir uns, Fritz, der Klassenletzte, und Hans, der Klassenerste. Vier Jahre lang hatten wir gemeinsam auf einer Schulbank gesessen. Offensichtlich verlangte die sächsische Schulordnung es so. Dank meiner tatkräftigen Hilfe, die das Vorsagen und Abschreiben einschloss, konnte der Fritz jedes Jahr versetzt werden. Dafür hielt der damals schon fast 1,70 Meter große Fritz mir, dem kleinen Hans, den Rücken frei, wenn ich meinen Pflichten als so genannter »Klassenführer« nachkommen musste.

Wir beide fühlten uns wie Winnetou und Old Shatterhand, Fritz war Old Shatterhand und ich Winnetou! Mir gab diese Freundschaft im Hinblick auf mein Fußleiden einen festen Halt beim Umgang mit Nichtbehinderten, und Fritz sorgte stets dafür, dass ich nicht ausgegrenzt wurde. Denn mit Fritz wollte sich keiner anlegen, nicht einmal die zwei oder drei Jahre älteren Schüler. Wo Fritz hinlangte, da wuchs kein Gras mehr! Im Grunde genommen aber war der Fritz ein gemütlicher Zeitgenosse. Nur reizen durfte man ihn nicht.

Unvergessen blieb für mich ein Fußballspiel im Schuljahr 1940/41. Damals spielten wir als Schüler der 7. Klasse zum Abschluss des Schulsportfestes gegen die Jungen der 8. Klasse. Wir Jüngeren wollten gewinnen, und ich stand im Tor!

Wie kam es dazu – trotz meines angeborenen Fußleidens? Leichtathletik konnte ich nicht betreiben. Schon ein Gehweg über 15 Minuten strengte mich an, ließ allmählich die Füße anschwellen, löste Schmerzen aus, die mich zu einer Verschnaufpause oder gar zum Aufhören nötigten. Die zwei Operationen, die mein Pflegevater 1938 veranlasst hatte, konnten daran wenig ändern. Aber eigentümlicherweise traten die genannten Symptome im Stehen erst nach längerer Zeit auf.

Offensichtlich gleicht die Natur angeborene Missbildungen durch Vorzüge an anderer Stelle wieder aus. So verfügte ich von klein auf über ein ausgezeichnetes Reaktionsvermögen. Gleichaltrige staunten über meine Reflexe beim Ballfangen. Es verwunderte daher nicht, dass mich im Turnunterricht schon beim Völkerball jede Partei in ihren Reihen haben wollte, und später beim Fußball wurde ich ein gefragter Torhüter. Denn als Torhüter muss man wenig laufen und nur eine begrenzte Zeit stehen.

Gespielt wurden nur 2 x 30 Minuten mit einer Pause von zehn Minuten. Jetzt ging es dem Ende des Spieles zu. Und es stand noch 1:1! Der Rechtsaußen der 14-Jährigen, Adrian Derst, hatte die Älteren bereits in der fünften Minute der ersten Halbzeit mit einem für mich völlig unhaltbaren Volley in Führung gebracht. Eine Minute vor dem Pausenpfiff war unserem Mittelstürmer, Heinrich Pasler, noch der Ausgleich per Kopfball gelungen.

Adrian verglich sich gern mit Richard Hofmann, dem zu damaliger Zeit berühmten Stürmer des Dresdner SC. Richard Hofmann hatte am 10. Mai 1930 in Berlin im Grunewald-Stadion beim legendären 3:3 im Länderspiel gegen England alle drei Tore für Deutschland geschossen! Von diesem Spiel an fürchteten alle Nationaltorhüter der Welt die Schusskraft dieses Stürmers. In der Sportpresse erhielt er den Titel »König Richard«!

Adrian Derst wollte es heute den Jüngeren zeigen. Deshalb hatte er zum Sportfest die Eltern und seine jüngere Schwester Helena eingeladen, die in der Schule als läuferisches Nachwuchstalent galt.

Unser Sportlehrer, Herr Clement, der das Spiel leitete, schaute bereits auf die Uhr. Nur noch wenige Minuten fehlten bis zum Schlusspfiff. Und plötzlich kam der Adrian in Ballbesitz, spurtete an der Außenlinie entlang, umspielte unseren linken Verteidiger, den Bruno Häßler, und rannte mit dem Ball auf mein Tor zu!

Ich sah das Unheil auf mich zukommen. In höchster Not schrie ich »Fritz«! Der Fritz, mein bester Freund, war unser Mittelläufer, so hieß das früher. Er hatte wohl gedacht, unser Bruno könnte den brandgefährlichen Adrian Derst bremsen. Auf meinen Ruf hin erkannte er sofort die Gefahr. Fritz war ein ausgezeichneter Hundertmeterläufer. Im Höllentempo stürmte er los und riss Adrian Derst – meines Erachtens hart an der Strafraumgrenze – mit seinem ganzen Körpergewicht zu Boden! Adrian überschlug sich einige Male, rappelte sich wieder auf und rief laut: »Elfmeter!«

War es nun vor oder im Strafraum? Herr Clement pfiff und eilte zum Linienrichter. Der sagte, es sei im Strafraum geschehen. So deutete unser Sportlehrer auf den Elfmeterpunkt. Es war zum Haareraufen! Jetzt hatten wir ein 1:1 erreicht, und nun dieses Missgeschick. Adrian grinste. Er wollte den Elfer selbst schießen! Ich dachte, da habe ich keine Chance. Der haut mir das Ding rein. Fritz stand mit den anderen Feldspielern an der Strafraumlinie, hatte sich aber abgewendet. Er konnte nicht zusehen.

Der Adrian Derst lief an. Jeder wusste, was der für einen »Bums« besaß. Alle dachten, den Ball hält auch der Hans nicht. Adrian schoss, ich lag am Boden, der Ball prallte an die Querlatte, sprang dem Adrian wieder direkt auf den Spann, und der schoss sofort den Ball unhaltbar in die Maschen! Selbst, wenn ich gestanden hätte, dieser Schuss wäre nicht zu halten gewesen.

Adrian Derst und seine Mannschaftskameraden schrien: »Tor! Tor! Tor!« Der Adrian war ganz aus dem Häuschen. Sie hatten doch noch 2:1 gewonnen, so schien es wenigstens. Aber unser Sportlehrer, der ja als Schiedsrichter fungierte, entschied, für uns völlig unerwartet, nicht auf Tor! Alle liefen in meinen Strafraum und wollten eine Erklärung. Herr Clement sagte ganz ruhig: »Wenn der Elfmeterschütze den Ball an einen Pfosten oder an die Querlatte schießt, der Ball zurückspringt und der Elfmeterschütze unmittelbar danach den Ball selbst ins Tor schießt, ohne dass ein anderer Spieler den Ball berührt hat, gilt der Treffer nicht.« So war seine Regelauslegung. Er pfiff auch sofort das Spiel ab. Es blieb beim 1:1! Wir waren überglücklich! Wie ein Schneekönig freute sich der Fritz! So ein Ereignis vergisst man nicht.

Auf dem Leipziger Güterbahnhof war nun die ganze Prozedur der Gruppenbildung und Zuordnung zu den einzelnen Waggons, ebenso das Abholen der kalten Verpflegung, abgeschlossen. Vier Gulaschkanonen lieferten das warme Essen. Es gab eine heiße, kräftige Kartoffelsuppe und für jeden zwei Bockwürste. Organisieren kann unser Hauptmann, meinten wir anerkennend. Die Stimmung unter den 1000 Jungen war gut.

Fritz hatte dafür gesorgt, dass wir beide zusammen in den Güterwagen mit der Nummer 24 kamen. Hier wollte ja auch der Hauptmann »Quartier nehmen«. Fritz hielt es für besser, wenn wir in der Nähe des »Chefs« blieben. Und für solche Situationen hatte er einen sechsten Sinn.

Endlich, eine Viertelstunde vor 20 Uhr, setzte sich der Zug in Bewegung. Nach etwa einer Stunde Fahrzeit erhob sich der Hauptmann: »Jungens, hört mal alle her, auf dieser Strecke droht uns vor allen Dingen Gefahr in Nordhausen. Dort muss man immer mit Bombenangriffen rechnen. Das hat seinen Grund. Was ich euch jetzt sage, müsst ihr für euch behalten. In Nordhausen werden in unterirdischen Fabriken unsere V-Waffen hergestellt!«

Während der Hauptmann sprach, war es mucksmäuschenstill geworden. Nur die Güterwagen ratterten eintönig weiter. Jetzt aber setzte starkes Gemurmel ein. Auch wir, der Fritz und ich, schauten uns an. Offensichtlich hatte das keiner von uns Jungen gewusst, woher auch? Bestimmt unterlag so etwas der allergrößten Geheimhaltung.

Der V-Waffen-Komplex in Nordhausen ist von Fremdarbeitern und KZ-Häftlingen errichtet worden. Der Bau war bombensicher und umfasste eine riesige unterirdische Anlage. Sie bestand aus 69 Stollen, fünf Fabriken und zwei Fließbändern, eine für die V 1, die andere für die V 2.

Bei der V 1 handelte es um ein unbemanntes Flugzeug, das von einem Staustrahltriebwerk angetrieben wurde und eine Geschwindigkeit von maximal 640 km/h bei einer Flughöhe von 1000 Meter erreichte. Sie trug einen Sprengkopf von 830 Kilogramm. Diese Waffe wurde erstmals am 13. Juni 1944, also acht Tage nach dem Beginn der Invasion, gegen England eingesetzt.

Dagegen war die V 2 die erste ballistische Rakete der Welt. Sie trug einen 1000-kg-Sprengkopf, erreichte eine Höhe von 110 Kilometer, die Geschwindigkeit betrug 5800 km/h, die Reichweite 340 Kilometer, das Geschoss wog 12 Tonnen.

Entwickelt hat sie der Ingenieur Wernher von Braun. Der erste Angriff mit der V 2 erfolgte am 8. September 1944. Abgefeuert wurden auf London 1359, auf Antwerpen 1610, auf Lüttich 25, auf Maastricht und Paris je 19 Raketen. Die V 2 wurde von mobilen Abschussrampen gestartet, und sobald die Rakete die Rampe verlassen hatte, gab es keine Abwehrmöglichkeit mehr. Keine einzige V 2 ist vom Gegner abgeschossen worden.

Der Einsatz der V 2 kam für die Alliierten nicht überraschend. Bereits am 18. Juli 1944 soll Churchill von den Eigenschaften der V 2 erfahren haben. Er teilte daraufhin seinem Kriegskabinett mit, dass er für den Einsatz der »Vergeltungswaffe« Vergeltung üben werde. Er, Churchill, sei bereit, den Feind mit groß angelegten Gasangriffen abzuschrecken. Von besonnenen Ratgebern sei Churchill davon abgehalten worden, einen solchen Einsatzbefehl zu erteilen. Insbesondere habe sich der Luftmarschall Tedder gegen diese Pläne ausgesprochen.

Am 8. September 1944 verkündete das britische Verteidigungsministerium, dass die »Flügelbombenschlacht« beendet wäre. Gemeint war damit der Beschuss durch die V 1. Die Bevölkerung Londons atmete auf. Am selben Tage schlugen die ersten V 2 in der britischen Hauptstadt ein.

Wernher von Braun hat nach dem Krieg in den USA maßgeblich zur Konzeption des amerikanischen Raumfahrtprogramms beigetragen. Für die Amerikaner war er so nützlich, dass sie keinen Kriegsverbrecher-Prozess gegen ihn und jene Ingenieure und Techniker, die ihm in die USA folgten, angestrengt haben, obwohl seine Beteuerungen, man habe in Peenemünde, dem Sitz des deutschen Raketenprogramms, nichts von den unmenschlichen Bedingungen gewusst, unter denen diese Waffen gefertigt wurden, nicht sehr glaubwürdig erschienen.

Wir Jungen dagegen wussten damals nur, was alle wussten, das heißt wir kannten den Wortlaut der Wehrmachtsberichte. Und da hieß es immer wieder lakonisch: »Der Großraum von London liegt dauernd unter unserem Vergeltungsfeuer!«

Jeder von uns hatte sich ein Lager aus Strohballen und Wolldecken gebaut. Manche waren eingeschlafen, andere flüsterten noch miteinander. Einer wandte sich an den Hauptmann: »Herr Hauptmann, ich war schon vor den schweren Bombenangriffen auf Kassel einige Male mit meinen Eltern in dieser Stadt. Dort lebt ein Onkel von mir. Wir sind damals über Erfurt nach Kassel gefahren. Müssen wir denn unbedingt über Nordhausen?«

»Über Nordhausen müssen wir auf jeden Fall! Es gibt noch die besonders von D-Zügen und Eilzügen benützte Strecke Leipzig–Köln, die tatsächlich über Erfurt nach Kassel führt, also Nordhausen nicht berührt. Aber auf der uns vorgeschriebenen Strecke können wir Nordhausen nicht ausweichen.«

Auch der Hauptmann und Unteroffizier Kramer, sein Stellvertreter, hatten es sich bequem gemacht. Diese beiden Soldaten wussten bestimmt, was uns 17-Jährigen noch bevorstand: »Jungens, legt euch aufs Ohr, versucht zu schlafen, denn der morgige Tag wird nicht leicht für euch!«

Einige Jungen konnten jedoch nicht schlafen. Sie kümmerten sich um die Kanonenöfen. Obwohl ständig Brennmaterial nachgelegt wurde, wurde es nur denjenigen ein wenig warm, die in der Nähe dieser Öfen einen Platz gefunden hatten. Das aufgeschüttete Stroh minderte zwar die eindringende Kälte, aber wir waren doch froh, dass eine ausreichende Anzahl von Decken zur Verfügung stand. Manch einer hatte sich in drei Decken eingehüllt. Dem robusten Fritz konnte die Kälte offensichtlich nichts anhaben. Er schlief fest. Daran ließ sein Schnarchen keinen Zweifel. Ich selbst wälzte mich unruhig hin und her, ohne richtig Schlaf zu finden.

Manchmal hielt der Zug auf offener Strecke. Danach hatte die Lokomotive große Mühe, den Zug wieder in Bewegung zu setzen. Man merkte es an dem anfänglichen Durchdrehen der Räder. Die schwere Schiebetür stand einen Spalt breit offen, aber zu sehen war draußen nichts. Ortschaften und Bahnhöfe lagen wegen der Gefahr von Luftangriffen in völliger Dunkelheit. Nur bei kriegswichtigen Be- und Entladungen, bei denen Eile geboten war, durfte nachts auf den Bahnhöfen eine Notbeleuchtung eingeschaltet werden.

Schließlich hielt der Zug. Das Bremsen rüttelte fast alle wach, auch den Fritz. Ich hatte zuletzt nur vor mich hingedöst. Der Hauptmann war längst hellwach und mit Unteroffizier Kramer aus dem Wagen gesprungen. Inzwischen hatte der durch das Gehen auf dem Schotter entstandene Lärm auch die letzten Schläfer aufgeweckt.

Unser Zug stand auf dem Bahnhof von Nordhausen.

»Achtung, Fliegeralarm! Weitersagen von Waggon zu Waggon! Alle raus aus den Waggons und weg vom Bahnhofsgelände! Auf keinen Fall große Gruppen bilden! Erst auf mein Kommando wieder zu den Güterwagen zurückkehren!«

Der Befehl des Hauptmanns war klar und unmissverständlich. Sofort schwärmten wir aus. Nur weg von den Waggons, nicht auf den Gleisanlagen bleiben, hieß jetzt die Devise! Am immer stärker werdenden Geräusch von Flugzeugmotoren wurde deutlich, dass sich ein Bomberverband näherte. Aber es geschah nichts. Kein Bombenabwurf erfolgte, kein Flakgeschütz begann zu feuern. Es blieb gespenstisch still. Zudem war es stockdunkel. Man konnte die Hand nicht vor den Augen sehen. Einige Jungen leuchteten plötzlich mit ihren Taschenlampen, aber da schrie der Hauptmann sofort:

»Licht aus! Ihr seid wohl närrisch!«

Fritz hatte ich in der Finsternis verloren. Andere unbekannte Jungen tauchten auf. Fast wäre ich in einen der Splittergräben gestürzt, auf die uns der Hauptmann bereits in Leipzig hingewiesen hatte.

»Jeder bleibt noch dort, wo er sich jetzt befindet!«

Es war unverkennbar die Stimme unseres Hauptmanns. Ich fühlte auf einmal die Kälte, die nun auch durch die dicken Unterhosen kroch. Der Waggon hatte bisher den eisigen Wind von uns fern gehalten, der jetzt hier über uns hinwegfegte. Das war keine gemütliche Gegend.

Der Lärm der Flugzeugmotoren wurde schwächer. Offensichtlich war Nordhausen diesmal nicht das Ziel der Bomber. Einer Erlösung gleich kam der Ruf des Hauptmanns: »Entwarnung! Alle zurück zu den Waggons. «

Niemand hatte eine Sirene gehört. Wahrscheinlich hatte der Wind den Signalton in eine andere Richtung getragen. Der Hauptmann kam zurück in unseren Waggon. Auch Fritz hatte sich wieder eingefunden. »Ich glaube, bisher haben wir bestimmt schon 130 Kilometer zurückgelegt, wir liegen gut in der Zeit«, ließ sich der Hauptmann vernehmen.

Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Ich schaute noch einmal auf meine Uhr, es war jetzt 23.45 Uhr. Jeder von uns kroch wieder unter die Schlafdecken. Die Öfen waren inzwischen erloschen, aber keiner hatte mehr Lust, das Feuer nochmals zu entfachen. Es wurde jetzt sehr schnell still, nur noch das eintönige Rattern der Räder auf den Gleisen war zu hören.

Ich wachte plötzlich auf und sah, dass der Hauptmann die in der Nähe unseres Schlafplatzes befindliche Schiebetür noch weiter öffnete. »Wir nähern uns Kassel«, stellte er fest. Woran er das bei stockdunkler Nacht merkte, war mir schleierhaft. Aber es stimmte. Ich spürte, wie die Lok das Tempo drosselte. Dann hielt der Zug. Meine Armbanduhr zeigte eine Viertelstunde nach vier Uhr an.

Wir, 1000 17-jährige Leipziger Jungen, hatten Kassel erreicht, zwar übernächtigt, aber unversehrt, manche durchgefroren, andere mit Schmerzen in der Muskulatur. Schlafen in einem Güterwagen, das war gewiss ungewohnt für jeden von uns. Doch konnte man in diesen Zeiten seinem Schöpfer danken, dass der Transport ohne besondere Vorkommnisse verlaufen war.

Noch Anfang April 1945 wurde Nordhausen, heute eine Stadt von fast 50 000 Einwohnern, das Ziel amerikanischer Bomber. Dem Angriff sind damals, Jörg Friedrich (Der Brand, a.a.O.) zufolge, 6000 Menschen zum Opfer gefallen, darunter 1200 KZ-Häftlinge! Für diese Attacke bestand keine militärische Notwendigkeit mehr. Die letzte V 2 war am 27. März, die letzte V 1 am 30. März 1945 abgeschossen worden.

1 Zit. nach Christopher Duffy, Friedrich der Große – Die Biographie, 2001 Patmos Verlag

2 Theodor Schieder, Friedrich der Große, Ullstein Verlag, Berlin

Ausbildung in Kassel

In der Nähe des zerstörten Bahnhofes standen zwei Wehrmachts-LKW. Auf diese Fahrzeuge konnten wir unser Gepäck laden. Jeder der vier Unteroffiziere sammelte »seine« 250 Jungen um sich, der Hauptmann setzte sich an die Spitze der aus vier Abteilungen bestehenden Kolonne und gab das Kommando: »In Fünferreihe ohne Tritt marsch!«

So marschierten wir lange vor dem Morgengrauen zunächst durch die von den Bombenangriffen im Oktober 1943 völlig zerstörte Altstadt. Dank der Dunkelheit blieb uns an diesem sehr frühen Morgen das ganze Ausmaß der Schäden zu dieser Uhrzeit verborgen. Das konnten wir 14 Tage später nachholen, als wir nach der Ausbildung bei Tageslicht die Weiterfahrt nach Köln antraten.

Der letzte Kurfürst von Hessen-Kassel, Friedrich Wilhelm I., der von 1847 bis 1866 regierte und in Kassel residierte, hatte sich noch vehement gegen die Ansiedelung von Industriebetrieben in seinem Land gesperrt. In der Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich um die Vormachtstellung im Deutschen Bund stand er auf Seiten der Österreicher. Preußen gewann den Krieg 1866 in der berühmten Schlacht bei Königgrätz, und Friedrich Wilhelm I. verlor Amt und Würden.

Unter preußischer Regie begann der rasante Aufstieg von Kassel zur Industriestadt. Hervorzuheben ist hierbei die Entwicklung des Lokomotiv-, Waggon-, Flugzeug-, Kraftfahrzeug- und Maschinenbaus, die bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts andauerte. Daher stieg die Einwohnerzahl von etwa 40 000 im Jahre 1866 auf 216 000 im Jahre 1939.

Im Zweiten Weltkrieg litt Kassel wie nur wenige andere deutsche Städte unter den Luftangriffen. In den Abendstunden des 22. Oktober 1943 wurden die tausendjährige Altstadt mit ihren malerischen Winkeln und idyllischen Gässchen und die vornehmbarocke Oberneustadt durch Bomben völlig ausgelöscht.

Nach 49 Luftangriffen seit 1941 war Kassel beim Einzug der Amerikaner am 4. April 1945 nur noch ein Trümmerfeld. Hatte man 1939 noch 63 568 Wohnungen gezählt, so lebten 1945 in rund 9000 Wohnungen nur noch etwa 70 000 Menschen.3

Nach Verlassen der Außenbezirke ging es über zahlreiche Feld- und Waldwege nach Rengershausen. In dieser Gemeinde, die etwa zehn Kilometer südwestlich von der Stadt Kassel liegt, befand sich die Flakkaserne, die in der Region nur die »Fliegerschule« genannt wurde. Dort bezogen wir gegen sieben Uhr Quartier. Unser Gepäck war schon vor uns eingetroffen. Noch heute kann ich mir nicht erklären, wie ich diese Wegstrecke mit meinen kranken Füßen ohne die Hilfe eines anderen bewältigt habe.

Der Hauptmann teilte uns mit, dass wir noch drei Stunden schlafen könnten, das Wecken sei mit Rücksicht auf die überstandenen Strapazen für elf Uhr befohlen. Wir fielen wie tot in die Betten.

Punkt elf Uhr weckte uns die Trillerpfeife des UvD: »Aufstehen! Um zwölf Uhr antreten zum Mittagessen! Um 13 Uhr in der bisherigen Gliederung zu vier Abteilungen auf dem Kasernenhof aufstellen. Dort wird der Kommandant, Oberst Becker, zu euch sprechen!«

Die Stimme des UvD konnte niemand überhören. Der eigentliche Dienstbetrieb hatte begonnen.

Das Essen in der Kantine war schmackhaft und reichlich. Es gab Reis mit Rindfleisch. Schnell ging die Mittagspause vorüber. Dann standen wir pünktlich um 13 Uhr in Reih und Glied auf dem Kasernenhof. Nun kam der Herr Oberst. Bei ihm befanden sich mehrere Offiziere und Unteroffiziere, darunter auch unser Hauptmann von Gossen und die uns bekannten vier Unteroffiziere. Alle salutierten, dann sprach der Oberst. Er verzichtete auf allgemeine Floskeln und kam gleich zur Sache:

»Ihr Jungen sollt altgediente Flaksoldaten ersetzen, die ihren Dienst in der Heimat leisten, aber dringend an der Front gebraucht werden! Wir sind der Meinung, dass 14 Tage Ausbildung ausreichen, um euch die Grundkenntnisse für die Bedienung eines Flakgeschützes beizubringen. Das Spezialwissen wird euch dann in der jeweiligen Flakbatterie vermittelt. Mein Stellvertreter, Major Bölcke, der hier neben mir steht, leitet euere Ausbildung. Er wird euch im Anschluss an meine Ansprache über deren Ablauf informieren! Nach Abschluss der Ausbildung werdet ihr zu ›Jungkanonieren‹ der deutschen Luftwaffe ernannt und anschließend vereidigt. Diese Zeremonie nehme ich selbst vor! Eure künftigen Einsatzorte sind euch bekannt. Wer wohin kommt, entscheide ich in Abstimmung mit Major Bölcke am Tage der Vereidigung. Nun ans Werk! Wir haben keine Zeit zu verlieren!«

Er verabschiedete sich mit dem Hitlergruß. »Heil Hitler, Herr Oberst!«, erwiderten wir den Gruß. Der Oberst gab dem Major die Hand und verließ den Kasernenhof.

Der Major, der beim Gehen einen Stock zu Hilfe nehmen musste, wandte sich sofort an uns:

»Das Kommando über die bereits bestehenden vier Abteilungen übernehmen die Leutnante Wölfel, Staunitz, Berger und Achenbach! Ihnen zur Seite stehen die euch schon durch den Transport bekannten Unteroffiziere Kramer, Petzold, Müller und Kupfer! Andere hier in der Kaserne stationierte Unteroffiziere unterstützen euere vier Ausbilder. Heute beginnen wir um 14 Uhr mit der Tauglichkeitsprüfung, die noch heute abgeschlossen werden muss. Verantwortlich hierfür sind die hier anwesenden beiden Stabsärzte Rosendahl und Breitling. Den Anfang macht Leutnant Wölfel mit der Abteilung Kramer, dann folgen die Abteilungen Petzold, Kupfer und Müller.«

Major Bölcke trug das »Deutsche Kreuz in Gold«, das vergeben wurde für mehrfaches tapferes Verhalten vor dem Feind. Es galt als Vorstufe für die Verleihung des »Ritterkreuzes«. Er war höchstens 40 Jahre alt, ungefähr 1,80 Meter groß, ein schneidiger Offizier und ein energischer Mann. Seine Kommandos kamen knapp, aber klar und eindeutig. Dem konnte man nichts vormachen!

»Ich möchte noch klarstellen, dass ich 1943 an der Ostfront an der Schlacht am Kursker Bogen teilgenommen habe. Das von mir damals als Hauptmann geführte Flakregiment – unser Oberst fiel am ersten Tage der Schlacht – hat innerhalb von drei Tagen 78 T 34 abgeschossen. 1944 bin ich durch einen Becken-Steckschuss schwer verwundet worden. Ich bin sicher, dass ich viel von meinen Erfahrungen an euch weitergeben kann. Zugleich bin ich mir der Verantwortung bewusst, euch auf das Geschehen vorbereiten zu müssen, das an euren Einsatzorten auf euch zukommt. Ein Zuckerschlecken wird es nicht! Diesmal geht es tatsächlich um Bestehenbleiben oder Untergang. Das Verlangen unserer Gegner, wir sollten bedingungslos kapitulieren, lässt uns keine andere Wahl! Betrachtet mich als euren Freund, weniger als euren Vorgesetzten! Fragt eure Ausbilder, wenn ihr etwas nicht versteht! Ein Fehler später bei der Bedienung des Geschützes, eine Unachtsamkeit im Kampf, kann den Tod bedeuten! Ich selbst stehe euch jeden Tag nach dem Abendbrot für Fragen jeder Art jeweils eine Stunde lang zur Verfügung. Wer davon Gebrauch machen möchte, meldet sich in der Kommandantur beim Stabsgefreiten Streitberger.

Noch kurz zum Programm für die nächsten beiden Tage. Morgen werdet ihr eingekleidet, ausgerüstet und bewaffnet. Bereits am Dienstag beginnen der theoretische und der praktische Unterricht. Für die praktischen Übungen stehen sechs Geschütze, Kaliber 8,8 cm, mit der Typenbezeichnung Flak 18 zur Verfügung. In der nächsten Woche wird scharfe Munition verwendet!

Auch das Fach ›Waffensysteme‹ haben wir in den Lehrplan aufgenommen. Werdet ihr in Erdkämpfe verwickelt, müsst ihr beispielsweise die Armierung feindlicher Panzer kennen, aber auch alle Kampfflugzeuge, die zur Zeit den Luftraum beherrschen. Lernt, lernt, lernt. Es ist zu eurem eigenen Nutzen! Nun genug der Worte, lasst uns beginnen!«

Der Major verließ den Platz. Wir alle waren beeindruckt! Ein Klasse-Offizier, so waren nahezu einstimmig unsere Kommentare.