Vollgas ohne Ziel - Tom Hartmann - E-Book

Vollgas ohne Ziel E-Book

Tom Hartmann

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Beschreibung

Heiraten, Kinder kriegen, Reihenhaus, sicherer Job bei Siemens. Alles Lüge! So wollte Tim Vario nicht leben. Gibt es Alternativen? In den 70er und 80er-Jahren beginnt die Suche, die Sucht nach einem anderen Leben. Zwei Jahre völlig abgestürzt im Alkohol, wilde Drogenexzesse. Sex mit vielen Frauen, einem Mann. Motorräder und Rock´ n´ Roll: Sänger und Songwriter in sieben Bands, unzählige Auftritte, zweimal nah am Durchbruch. Aus Versehen. Nur fast. Es treten Weggefährten in sein Leben - und verschwinden: Selbstmord, Delirium tremens, ein Drogentod und zwei tödliche Motorradunfälle. Das Leben ist nicht immer Party. Tim Varios authentischer und ungeschönter Blick auf die Vergangenheit enthält engagierte Beschreibungen epochaler Bands aus drei Jahrzehnten, von Progressive Rock bis Blues Rock, Punk und New Wave - gekrönt von seinem fachlichen Wissen aus dieser Branche. Mittendrin im Zusammenprall der unterschiedlichen Welten von West und Ost erlebt Tim die Wende in Leipzig - und damit sein letztes Abenteuer in diesem Buch.

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Seitenzahl: 270

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Prolog

Duisburg, grau geboren (1956 – 1962)

Aliens in Altenberg (1962 – 1967)

Realschule oder der Beginn der Revolte (1968 – 1969)

Tim begründet, warum er nirgendwo dazugehören will

Löcher in der Lunge und Harry Nilsson (1969 – 1971)

Moped, Fummeln, Haschisch, Prog-Rock (1971 – 1973)

Whity erklärt uns das Loch in der Mauer

Die erste Band, Suff, Sex, Rolling Stones (1973 – 1976)

James zeigt uns, wie ein Mann gelb im Gesicht wird

Kellerkinder, LSD, Valium und die jungen Toten (1977 – 1983)

Sprutz fragt, was denn da noch kommen soll

Dodge Magnum, Druckerei, Speed und Rockstar (1983 – 1990)

Klaus beweist uns, dass Heroin tödlich ist

3 Jahre Leipzig: Party geht die Wende hoch (1991 – 1994)

Ende Gelände (1995 – 1996)

»Rock ’n’ roll is about attitude and rebellion. It’s supposed tobe fun and spontaneous.«

Slash (Guitarist Guns ’n’ Roses)

Quelle: https://www.quotetab.com

»Rock ’n’ roll is an attitude, it’s not a musical form of a strict sort. It’s a way of doing things, of approaching things. Writing can be rock ’n’ roll, or a movie can be rock ’n’ roll. It’s a way of living your life.«

Lester Bangs (American Music Critic and Jounalist)

Quelle: https://www.goodreads.com

»Rock ’n’ Roll ist eine Lebenseinstellung. Das ist Freiheit, Sex und Drogen, Gerechtigkeit, die soziale Rebellion der Armen gegen die Reichen, gegen Kriege, gegen das Establishment.«

Tim Vario (Songwriter und Sänger)

Prolog

Die Welt der 50er- und 60er-Jahre erstickte in Spießigkeit und Kleinbürgertum. Deutschland hatte den Krieg überstanden und endlich gab es wieder für jeden gut zu essen. Der Hawaii-Toast wurde erfunden, der Mett-Igel und die Käsespießchen. Der deutsche Wein war süß, Bier floss in Strömen und noch einen Klaren hinterher. Wir sind wieder wer. Nach Konrad Adenauer, der aus dem Kaiserreich und der preußischen Tradition kam, genau genommen aus einem anderen Jahrhundert, und Ludwig Erhard, dem Vater des Wirtschaftswunders, war Kurt Georg Kiesinger von der CDU von 1966 bis 1969 dritter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Kiesinger war Rechtsanwalt und privater juristischer Rechtslehrer. Im Dritten Reich war er NSDAP-Mitglied. Die Leistungsträger des alten totalitären Regimes waren plötzlich die des neuen, der Demokratie. Weite Teile der Politik, Polizei, Gerichte, vom Staatsanwalt bis zum Richter, waren damals an ihrem Vorgehen und den gefällten Urteilen als übrig gebliebene Nazis zu erkennen.

Gleiches galt für Lehrer und Dozenten an Universitäten: »Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren« stand auf dem Transparent, das am 9. November 1967 in der Universität Hamburg bei der Rektoratsübergabe in der Öffentlichkeit enthüllt wurde. Das dabei entstandene Pressefoto hat sich weit verbreitet, es wurde und wird bis in die Gegenwart als eine der Kernparolen der Deutschen Studentenbewegung der 60er-Jahre zitiert.

Die Studenten protestierten damit gegen die ausgebliebene Aufarbeitung der Verbrechen des »Dritten Reiches«. Der Talar, ein weitärmeliges, veraltetes Obergewand, das von Professoren, Absolventen, Geistlichen und Juristen getragen wurde, wurde für sie ein Sinnbild elitärer Strukturen und überholter, fragwürdiger Traditionen in der Universitätspolitik sowie den Inhalten der Lehre. Gefordert wurden eine Demokratisierung der Universitäten und die Mitbestimmung der Studentenschaft.

Die Studentenbewegung, die Proteste gegen den sinnlosen Vietnamkrieg der USA, die Radikalisierung bis hin zur RAF und deren barbarische Taten, später die Proteste gegen Atomkraft und die Friedensbewegung – die Welten der Bewahrer und Reformer, der Rechten, Konservativen und der Linken und Linksliberalen standen sich zu dieser Zeit absolut unversöhnlich verfeindet gegenüber. Im Gegensatz zu heute war die Welt damals also recht übersichtlich aufgeteilt.

Das Aufbegehren der Jugend führte zu Gewalt und Willkür der Alten gegen die Jungen, die Langhaarigen, die Gammler und Hippies, ob von Privatleuten, Hausmeistern, von der Polizei oder durch die bayerische Staatsregierung unter Franz Josef Strauß: Repressalien waren allgegenwärtig und mit Händen zu greifen.

Mit 18 war vielen Jugendlichen klar, dass er oder sie niemals so sein will wie die eigenen Eltern. Mit 18 war man der Meinung, auf keinen Fall über 30 Jahre alt zu werden und viele, viele, auch in Tim Varios Umfeld, haben das geschafft. »Only the good die young« – das war die Message der Legenden des Rock ’n’ Roll. Jim Morrison, Janis Joplin, Jimmy Hendrix, Brian Johns und viele mehr sind jung gestorben.

Für Jugendliche der 60er- und 70er-Jahre war die Musik, die sie hörten, ein Symbol der Auflehnung gegen die bestehenden Fesseln der Gesellschaft, ein Aufbruch zu einem anderen, alternativem Leben. Für viele war Rock ’n’ Roll fast eine Art Glauben: Die Götter hießen Elvis, Beatles, Rolling Stones, The Who, The Doors, Led Zeppelin und viele, viele andere.

Heute wissen wir alle, dass sie nicht wirklich funktioniert haben, die alternativen Lebensformen der rebellischen Jugend.

Als die Rolling Stones in den Aufzügen der Kaufhäuser gespielt wurden, war alles vorbei. Der Kapitalismus hat uns alle gefressen. Auch Tim Vario.

Allerdings erst, als er 40 Jahre alt war.

1 Duisburg, grau geboren (1956 – 1962)

Ich wurde auf die Welt geworfen ohne Rückfragen, konnte ja nicht sprechen, Widerstand zwecklos. Duisburg war immer grau. Die Vereinigten Stahlwerke, Thyssen, Krupp, Mannesmann, die Familie Haniel und ganz viel schmutzige Kohle, der größte Binnenhafen Europas. Rote, graue, schwarze Klinkersteinfassaden, die Farben gut versteckt. Im Winter der beißende Geruch der Kohleheizungen. Wenn Schnee, dann über Nacht braun vom Ruß. Nebel in Straßenschluchten. Der Sternbuschweg war die Piste für Lloyd Rennpappen, DKW, Ford, Opel und hier und da ein Mercedes. Mobilität war oft blau rauchendes Zweitaktknattern, Kabinenroller und Isettas, viele Motorräder. Es hat gestunken, es war laut. Fußgänger bildeten das Ende der Nahrungskette. Wer bremst, verliert.

Wir hatten eine kleine Wohnung in der Haroldstraße, vielleicht eine Viertelstunde Weg zur Oma. Drei Zimmer ohne Balkon. Wenn Badetag war, zog Mami in der Küche eine große, graue Blechschüssel unter der Spüle hervor. Dann wurde in einem Topf mehrmals Wasser heiß gemacht und ich musste in die Schüssel. Haarwaschmittel war damals Kernseife, also für harte Männer. War ich nicht. Damals nicht und das wurde ich auch nie. Als Kind habe ich wohl meine Lungen ausgebildet. Ich habe sehr viel und sehr laut geschrien. Nicht nur beim Baden. Eigentlich immer.

Die Arbeitsfläche der Möbel in der Küche war mit Resopal beschichtet. Irgendwo gebraucht besorgt und die Küchenfront von meinem Vater, dem Werner, gelb und weiß angemalt. Wir hatten kein Geld. Werner entdeckte damals den Alkohol als ständigen Begleiter. Ich war wohl drei Jahre alt, als ich einmal in der Nacht wach wurde vom Lärm in der Küche. Mami hat immer noch sein Essen warm gemacht, wenn er spät am Abend besoffen nach Hause kam. Ich weiß es noch wie heute. Ich stand bei der halb offenen Kinderzimmertür und schaute in die Küche. Werner saß da mit ins Gesicht hängendem Haar und lallte. Es gab Frikadellen, Rotkohl und Kartoffeln. Sie hat ihm wohl Vorwürfe gemacht, denn er wurde laut und wischte mit einer ungelenken Bewegung das ganze Essen vom Tisch. Der Teller zerbrach. Alles lag auf dem Fußboden. Mami hat mich wieder ins Bett gebracht und beruhigt.

Der Sternbuschweg hatte an der Ecke Holteistraße eine Attraktion. Eine Trinkhalle, ein ovaler Kiosk mit einem Dach rundherum, gerade so, dass es im Regen etwas Schutz bot. Drinnen saß Erhard Polonka, der übergewichtige Besitzer mit roten Backen, einem gelben Pullunder und einer Lesebrille, die er an Bändern auf dem Bauch trug. Hier standen sie, die matten, schmutzigen Männer aus dem Bergbau, Schlosser, Automechaniker und ab und zu einer mit Krawatte. Ab achtzehn Uhr wurde Bier getrunken und geraucht bis etwa zwanzig Uhr, dann war Schluss. Also flott reinschütten. Manchmal wurde es laut.

Auch tagsüber waren Leute da, Kinder vor und nach der Schule, die sich für einen Groschen was Süßes gönnten, Rentner, die eine Zeitung kauften. Der Kiosk erschien mir bereits in jüngsten Jahren als eine Art Schaltstelle, ein Zentrum des Lebens. Hier war was los. Hier wollte ich später auch immer sein, schon mit zehn, als wir nur noch in den Sommerferien bei Oma in Duisburg waren. Merkwürdig – mit vier Jahren bin ich umgezogen worden, nach Bayern, in die tiefste Provinz aufs Land. Urlaub habe ich dann im grauen, lärmenden Duisburg gemacht. Viel Schönes gab es nicht in dieser Stadt. In den Ferien. Aber ich war immer gerne bei Oma.

Obwohl Oma sehr gemein sein konnte. Aber nur unserer Mutter gegenüber, wir hatten es gut. Ja, die Oma und die Mutter. Mami hat sehr früh geheiratet, war gerade einundzwanzig. Sie wollte weg von ihrer herrischen Mutter, die sie herumkommandierte und ständig zurechtwies. Nichts war gut genug und als sie dann noch mit meinem Vater ankam, stand das Urteil gleich fest. Werners Vater war ein Maler, Oma nannte ihn immer verächtlich »den Anstreicher«. Werner war Bühnenmaler. Eine Familie der Arbeiterklasse war unterste Schublade für Oma. Da kannst du ja gleich mit einem Pollacken ankommen. Oma war mal eine hochwohlgeborene Unternehmergattin mit Personal im Haushalt, also eine stolze Dame von Stand. Man sprach Französisch bei Tisch. Als Kind hatten Wörter wie Trottoir, Chaiselongue oder Parapluie etwas Magisches, eine Art Geheimsprache, die außer uns niemand verstehen konnte.

Es gab da wohl auch eine familiäre Verbindung nach Belgien, eine sehr begüterte Familie, die im Diamantenhandel tätig war und ein Juweliergeschäft betrieb. Welcher Natur diese Verbindung war, habe ich nie verstanden. Aber Oma musste im Krieg ordentlich Federn lassen, ihr Mann war mit seiner Druckerei pleitegegangen, wurde in den letzten Kriegstagen noch im eigenen Haus im Keller von einer Fliegerbombe erwischt.

Den Dünkel hat sie sich gerettet. Also war Werner natürlich eine sehr, sehr schlechte Wahl. Das hat sie ihn von Anfang an spüren lassen, ihre Tochter auch. Nur wir Kinder, wir waren in Ordnung, zumindest weitestgehend. Ja, da war noch ein Bruder, Frederik, zwei Jahre jünger als ich. Werner hat am Theater Duisburg gearbeitet und er fuhr einen Lloyd. Mami war beim Konsum beschäftigt, wurde dann im Westen Coop genannt. Im Osten der Republik blieb der Name für den Supermarkt bestehen.

Mami hatte einen Bruder, mein Onkel Bernd. Er war Professor für Kunst an der Akademie Köln und er malte auch. Bei ihm zu Hause in Köln roch es immer nach Ölfarben und nach Roth-Händle ohne Filter. Er und seine Frau Karin, eine exaltierte, stolze Vertreterin des Bildungsbürgertums und Lehrerin für Kunst und Basteln an der Hauptschule, die zwei hatten ein kleines Häuschen in Griechenland. Unglaublich. Natürlich war Karin auch ein Ziel des Spotts für Oma. Kunstgewerbelehrerin. Mit einer besonderen Verachtung auf dem Wort Gewerbe.

Onkel Bernd hatte sich in die Epoche der Romanik verliebt. Er mochte Putten in allen Formen, obwohl die ja eigentlich mehr in den Barock gehören. Er suchte gerne am Rhein nach Fundstücken. Eine Puppe am Strand des Flusses, der ein Bein fehlte, die Farbe ausgewaschen vom Wasser, ein paar Muschelstücke, ein rostiges kleines Drahtgitter, Sand und bunte Kieselsteine. Daraus entstand ein Diorama, eine Art kleiner Kasten mit Glasscheibe davor, eine Art 3-D-Stillleben. Ich habe es geliebt, oft stand ich vor den aufgehängten Exemplaren in Onkel Bernds Wohnung. In meiner Vorstellung begannen die Gegenstände immer zu leben, sich im Arrangement neu zu sortieren. In späteren Jahren habe ich zu Onkel Bernd eine bewundernde Beziehung aufgebaut, wurde das Gefühl aber nie los, dass von ihm da emotional nicht so viel zu erwarten wäre.

Die Familie von Werner ist schnell erklärt. Sein Vater Heinz, Maler von Beruf, seine Mutter Hausfrau. Sie hatte ich als Kind auf Anweisung von Werner und Mami ein paarmal besucht. Sie hatte Parkinson und lag damals schon nur noch im Bett. Sie ist früh gestorben. Opa Heinz war von begnadeter Ignoranz seiner gesamten sozialen Umgebung gegenüber. Er brauchte seine Zigarre und was Ordentliches zum Essen und fertig. Reden war nicht seins. Er war der große Schweiger, der meistens nur etwas Grunzen als nötig erachtete, um Zustimmung zu zeigen. Ablehnung pflegte er mit zwei, drei Worten zu begründen.

Bei Oma in der Holteistraße gab es eine Bäckerei. Die Vermeulens, natürlich Französisch mit »ö« ausgesprochen. Sie kamen aus Holland, an der Grenze zu Belgien. Vermeulen bedeutet so viel wie »die von der Mühle« und das passte ja ganz gut für einen Bäcker. Am Sonntag bin ich da immer hingelaufen, so zehn Minuten, ganz allein durch die ruhige Welt am Sonntagmorgen. Obwohl es hell war, war es mir unheimlich. Man sah nur wenige Leute auf der Straße. Man musste sich in der Schlange vor der Bäckerei anstellen und es dauerte schon ein wenig, bis man drankam. Der Bäcker selbst war ein lärmender, dicker und großer Mann mit noch größeren Händen. Er hatte etwas Furchteinflößendes an sich. Irgendwann ging das Gerücht herum, er habe sich an seinem Lehrmädchen vergriffen.

Ich war immer froh, wenn ich mit der Tüte voller warmer Brötchen wieder die Wohnung von Oma erreicht hatte. Im dritten Stock, sehr geräumig, so etwa neunzig Quadratmeter, vier Zimmer. Man betrat die Wohnung und befand sich zunächst in einem etwa dreißig Quadratmeter großen Vorraum, von dem aus es links in die Küche führte, die nächste Tür ins Schlafzimmer. Rechts als Erstes zu Bernds Zimmer, dann das Esszimmer. Obwohl es eine Mietwohnung war, hatte sie etwas Herrschaftliches. Ein Esszimmer mit einer riesigen Biedermeierkommode, einem Esstisch mit sechs Stühlen, einer Anrichte aus dunkler Kirsche und Nussbaum mit geschnitzten Säulen, Glastüren mit Gravur, damals waren das sehr teure Möbel. Das Schlafzimmer von Oma, alles aus der Jahrhundertwende, das Jugendzimmer von Onkel Bernd, vollgestopft mit Büchern und einem Bett, das meines war, wenn ich da war. In der Küche ein schwerer Gasherd aus Gusseisen und noch einmal ein Esstisch mit sechs Stühlen. Von dort aus ging es auf den Balkon nach hinten raus. Da war unten ein kleiner Garten, ein Stück Wiese mit einer Stange zum Teppichklopfen. Das musste ich ab und an mal machen für Oma. Mit einem Teppichklopfer aus Bambusrohr habe ich Zwerg mehr oder weniger erfolglos auf ihren Perserteppichen herumgehauen. Nach dem kleinen Grünstreifen kam der Hof einer Baufirma. Da konnte man den Männern bei der Arbeit zusehen, wenn sie einen Lastwagen beladen haben. Spannend.

Richtung Tiergarten befand sich eine Art Stadtwald, durchschnitten von einer viel befahrenen, zweigleisigen Bahnstrecke. Es war toll, auf der Brücke zu stehen, wenn die schwer arbeitenden Dampflokomotiven mit endlosen Schlangen an Güterwaggons, beladen mit Kohle oder Eisenerz, unter der Brücke durchfuhren. Für einen Moment wurde alles von ihrem Rauch verschlungen. In der Nähe meines Lieblingsplatzes war ein steiler Berg, ein breiter Fuß- und Radweg, der im Winter auch zum Schlittenfahren benutzt wurde.

Oma hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass dort im Sommer ein Seifenkistenrennen stattfinden würde. Ab diesem Moment fing ich an, Mami zu nerven, dass ich mitfahren will. Mit vier Jahren und ein paar Monaten nicht unbedingt vollständig Herr meiner körperlichen Koordination, aber ich wollte dabei sein, in der Klasse vier bis sechs Jahre. Werner wurde bearbeitet, bis er sich bereit erklärte, aus einem alten Kinderwagen, so ein Teil mit Federung und geflochtenem Aufbau, eine Seifenkiste zu basteln. Das Ding war konstruktiv eher rudimentär ausgebildet. Werner hatte die Vorderachse mit einer Art Hilfsrahmen in der Mitte lenkbar aufgehängt und aus Holz einen Boden gebastelt, hinten eine Sitzbank drauf. Gelenkt wurde mit zwei Schnüren. Die hatte man als Fahrer in der Hand.

Als wir dort waren und ich die Seifenkisten von den anderen Vätern gesehen habe, wollte ich am liebsten nicht mehr mitfahren. Die sahen aus wie Rennwagen, manche hatten sogar Flügel dran, die Blamage war vollständig. Schlimmer wurde es erst, als ich dran war und meine Kiste auf der Startposition stand. Meine Güte ging es da steil runter. Ich habe vor Angst gezittert. Kreidebleich.

Irgendwie haben mich alle so lange angefeuert, gebettelt und gebeten, schließlich haben noch Dutzende Kinder gewartet, bis ich endlich losgefahren bin. Mit weit aufgerissenen Augen und viel Geschrei habe ich die ersten zwei Kurven geschafft und dann ging’s mit Vollgas ab in die Brennnesseln.

Willi Schalupke hatte den Hilfsrahmen geschweißt. Der war nun im Eimer. Von diesem Tag an hat mich Seifenkistenrennen nie mehr interessiert. Wegen der Brennnesseln.

Willi Schalupke war ein Grobian. Er war Werners Freund aus irgendeiner Kneipe. Ab und an war er bei uns in der Haroldstraße zu Besuch. Mami hat gute Miene zum bösen Spiel gemacht, dann hat er das meiste vom Essen abbekommen und wir mussten uns mit den Resten begnügen. Das war auch später so. Werner hat alle eingeladen, aber seine eigene Familie hatte eigentlich nichts.

2 Aliens in Altenberg (1962 – 1967)

Im Jahr 1964 hat Werner einen besser bezahlten Job bekommen bei der Firma Barthel in Fürth. Wir sind dann umgezogen. Als Aliens in Altenberg. Er sollte die dritte Dimension in die Schaufenster der Bundesrepublik bringen. Das Heißverformen von weißen 0,7 bis 2 mm starken PVC-Folien von Rolle, Tiefziehen von Körpern für Kulissen wie im Theater. Alles, was ins Schaufenster sollte, musste zunächst in Ton modelliert werden. Davon eine Negativform und dann eine positive aus Metall, die beheizt wurde, Negativform von oben drauf, auch beheizt, um die Folie weich und formbar zu machen. Danach wurde das Ganze als fertige Figur, bestehend aus zwei Teilen oder als Halbrelief, per Hand in Airbrush- und Maltechniken koloriert. Ich kann mich noch an das Thema Ägypten erinnern, die Sphinx, Tempelsäulen und die Totenmaske von Tutanchamun.

Bald hatten wir einen VW, dann einen VW 412 als Limousine mit Flachmotor, immerhin 53 PS. Werner hat gesoffen wie eine Güllepumpe auf dem Bauernhof.

Wir waren Aliens. Kamen aus einer fremden Stadt. Damals wusste man in Altenberg nicht, wo Duisburg ist. Wir hätten auch sagen können, wir kommen aus Rom. Wir haben die Einheimischen nicht verstanden und die haben uns nicht verstanden. Altenberg hatte vielleicht 600 Einwohner. Ein Bauerndorf voll mit Bauernhöfen.

Ein Edeka, ein Metzger, ein Bäcker, ein Friseur und drei Kneipen. Die einzigen Mietwohnungen wurden gerade vom Bauern Meier gebaut. Bauern sind in den 60er-Jahren auf dem Dorf alle reich geworden, haben Grund verkauft oder selbst Wohnungen gebaut. Da sind wir nun eingezogen. Ringsherum alles grün. Wälder und Wiesen, kaum Verkehr. Der nächste größere Ort war die »Stadt« Zirndorf mit neuntausendachthundert Einwohnern. Fußläufig in einer halben Stunde zu erreichen.

Mami hat sich beim Metzger im Ort geweigert, bestimmte Wurstsorten zu bestellen. Presssack, das kam ihr nicht über die Lippen, überhaupt bestellte sie immer ein Viertelpfund. Wer bestellt denn so was, wer weiß überhaupt, wie viel Gramm das sind? Das war damals schon so. Entsprechend fragend die Augen im Edeka und beim Metzger, egal wo. Mami machte unbeirrt weiter. Sollen die Landflegel doch was lernen, dann wissen die auch, was ein Viertelpfund ist.

Mami und Papi haben sich nach Kräften bemüht, dass wir auffallen, ganz furchtbar auffallen. Mami hat uns Jungs zuallererst mal weiße Jacken gestrickt, mit Hirschgeweihknöpfen, dazu kurze Lederhosen. Im Umkreis von mindestens zweihundert Kilometern ist kein einziger Junge so herumgelaufen. Lederhosen gab es in Oberbayern, Niederbayern, aber selbst da gab es keine schneeweißen Strickjacken mit Hirschgeweihknöpfen. Preußen in Franken. Für jeden Bayern, auch die aus Franken, war alles außerhalb Bayerns Preußen.

Beide Elternteile wussten zwar, dass sie Preußen waren, den Unterschied zwischen Franken und Bayern haben sie bis zu ihrem Tode nicht gekannt. Ignoranz ist auch nicht wirklich wichtig, solange sie nicht wehtut. Die weißen Jacken und die kurzen Lederhosen haben wehgetan. Mein Bruder und ich, wir waren die ersten Mobbingopfer, noch bevor das Wort erfunden war. Der vermeintlichen Landestracht, die von niemandem außer den Fremden mit der komischen Sprache getragen wurde, haben wir uns dann mittels einer perfiden Aktion in gerade mal zwei Stunden entledigt. Zumindest die weißen Jacken waren ruiniert. In einer roten Lehmgrube, eine Baustelle nach wochenlangem Regen. Mehr muss ich hier nicht sagen.

Es begann mit der Einschulung 1962. Von Anfang an Außenseiter, weil der deutschen Sprache über den regional üblichen Wortschatz hinaus mächtig und in der Lage, ganze grammatikalisch richtige Sätze zu bilden. Nicht nur komisch anzuschauen, auch noch kleine Klugscheißer. Nein, eingebildet waren wir nun gar nicht, eher schüchtern, vielleicht eingeschüchtert. In der Grundschule Altenberg war ich ein stiller, fleißiger und aufmerksamer Schüler. Lediglich in der Beteiligung am Unterricht hat es etwas gemangelt. Weil ich da ja sprechen musste. Turnen hat mir nie gefallen. Den Barren kam ich kaum rauf, an den Ringen bin ich verhungert. Vielleicht, weil ich klapperdürr war und nicht wirklich von stabiler gesundheitlicher Konstitution. Im Weitwurf war ich eine Niete, beim Kugelstoßen im Rahmen der jährlichen Schulsportfeste habe ich schon mal meinen Fuß getroffen. Laufen ging bis fünfzig Meter ganz gut, danach war Schluss mit lustig. Hoch- und Weitsprung letztes Drittel der Klasse. Also, Sport war schon mal nichts. Aber das mit dem Sport ging ja auch erst los, nachdem wir 1964 im Alter von acht Jahren nach Kreutles mussten. Ein Dorf weiter, ein großes Schulzentrum mit Sportplatz, Laufbahnen und Fußballplatz. Ab der dritten Klasse mussten wir dann die drei Kilometer hin und zurück. Natürlich allein. Gebracht hat uns keiner.

Damals war die Kindheit noch ein einziges Abenteuer. Die Schule, Hausaufgaben, das mussten wir allein hinbekommen und dann raus. Wir waren immer draußen bei fast jedem Wetter. Im Wäldchen in der Nähe oder auf Baustellen. Überall wurde gebaut. Es war ein Abenteuer, einen Neubau zu erobern. Die Bauarbeiter waren weg und wir haben den Keller erkundet, sind gebückt durch Räume geschlichen über Behelfstreppen aus Holz.

Einmal war ich zu neugierig. Ich habe unweit von unserem Haus entdeckt, dass ein Kanaldeckel auf der Straße entfernt worden war. Er lag daneben. Man ging damals davon aus, dass Autofahrer dies bemerken und außenherum fahren würden. Abgesperrt war da nichts, aber es kam ja auch kein Auto. Damals in den Sechzigern auf dem Land.

Ich war vielleicht in der zweiten Klasse und musste da natürlich hin, wollte hinunter in den Kanal. Es war ein senkrecht abfallendes Rohr, vielleicht vier Meter tief, einhundertzwanzig Zentimeter breit, die Treppen bestanden aus gebogenem Rundstahl, der aus dem Beton kam. Die erste Stufe klappte, die Zweite war zu weit weg, ich war zu klein.

Auf einmal hing ich da ohne Boden unter den Füssen, nur mit den kleinen Händen oben am Rand des Einstiegs festgeklammert und hab geschrien. Ich habe geplärrt, gekreischt und gebrüllt um mein Leben. Nach endlosen Minuten kam ein Bauarbeiter und hat mich rausgezogen. Ich denke heute, meine Höhenangst basiert auf diesem Erlebnis.

Woffi, Reiner, Willi und der Bubi, das war die Clique damals, immer auf der Hut vor den Messer-Brüdern, zwei gefürchteten Schlägern aus der Bruckwiesenstraße. Der Vater der Brüder betrieb eine Bauschlosserei, ein Bär von einem Kerl, einsilbig, einfältig. Sie waren untersetzt, fast mopsig und hatten Knollennasen und große, kräftige Hände. Die Haare von Mutter selbst geschnitten, grob und schlampig gekleidet. Immer schmutzig. Die zwei konnten mühelos einen ganzen Schlägertrupp ersetzen. Mit denen wollte keiner spielen. Aus Rache haben die mit unserer Angst gespielt. Kinder sind so.

Woffi kam einmal auf die Idee, dass wir uns Rücken an Rücken im Abstand von einem Meter hinstellen sollen und mit Wurfpfeilen jeweils zwischen den eigenen Beinen und denen des anderen hindurchwerfen sollten. Mir war komisch bei der Idee und als Woffi dann einen Pfeil in der Kniekehle stecken hatte, wusste ich auch, warum. So was passiert dann eben. Gleitschuhfahren, den Rodelberg hinunter. Viel zu steil für die glatten Dinger. Dreimal runtergeeiert, beim vierten Versuch gestürzt und den linken Arm zweimal gebrochen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie der gerichtet wurde. Mit Äther, eine Maske aufs Gesicht, zwei Schwestern haben mich festgehalten, es gab kein Entrinnen. Als ich wach wurde, ging’s mir zum Kotzen. Ich musste kotzen, den ganzen Tag lang und es war schlimmer als alle Schmerzen.

Natürlich gab es auch die ersten Erkundungen der Sexualität. Im Freibad ins Wasser pinkeln, untertauchen und sich gegenseitig den Pimmel zeigen. War lustig, war verboten, so richtig was anfangen konnten wir damit aber noch nicht.

Wir Kinder waren immer und überall strotzend vor Dreck. Ständig irgendwo heruntergefallen und aufgeschürft. Mami hat uns PVC-beschichtete Hosen gekauft, die nannten wir Gummihosen. Was anderes hatten wir eigentlich nie an.

Mein Lieblingsgericht waren Arme Ritter, Kartoffelbrei mit Speck oder Himmel und Erde, das war Kartoffelbrei halb und halb mit Apfelmus und Blutwurst aus Duisburg. Die hat sich Mami von Oma als Carepaket von zu Hause schicken lassen. Die wurde in Scheiben geschnitten, in Mehl gewendet und in der Pfanne gebraten.

Zum Frühstück und Abendbrot gab es manchmal über einige Wochen hinweg nur Brot mit Zucker, Brot mit Zwiebeln und Maggi oder Brot mit fettem Speck und Senf. Wenn wir uns Marmelade gewünscht haben, hat Mami geweint. Später habe ich verstanden, dass das immer dann passierte, wenn Werner mehr gesoffen hatte als Geld auf dem Konto war.

Mami hatte da einige Tricks drauf, um das Schlimmste zu verhindern. Wenn Werner am Samstag mit dem Auto den Großeinkauf in Zirndorf erledigen musste, hat Mami uns Kinder mitgeschickt. Wir saßen im Auto vor dem Supermarkt und haben gewartet. Manchmal fast zwei Stunden. Er muss es immer wieder geschafft haben, alles einzukaufen und sich an uns vorbei in die Kneipe zu schleichen.

3 Realschule oder der Beginn der Revolte (1968 – 1969)

– Tim begründet, warum er nirgendwo dazugehören will

Um den Übertritt in die Realschule zu schaffen, musste ich Nachhilfe in Mathematik nehmen. Ich war gut im Zeichnen, in Musik, im Basteln und in Deutsch. Rechnen konnte ich nicht und wollte ich nicht. Also ab in den Nachhilfeunterricht. Der Lehrer Witzeck war ein merkwürdiger Mann. Damals wusste ich nicht, warum, heute weiß ich es. Er war Nazi durch und durch, hat uns deutsche Volkslieder singen lassen, die von vor oder aus dem Krieg. Eine Zeile habe ich noch im Kopf. Es ging ums Wandern. Die Zeile endete mit »Wackelkoper und der Ranzen«. »Koper« kommt wohl aus dem Friesischen und bedeutet so viel wie »Geschirr«. Niemand in der Klasse hat verstanden, was das denn soll und warum wir so etwas singen mussten. Witzeck war streng, verteilte Kopfnüsse und Ohrfeigen, wenn keine Ruhe in der Klasse herrschte, hat er auch mal mit Kreide geworfen.

Ausgerechnet der sollte mir Nachhilfeunterricht geben. Ich war dreimal dort. Es war so grausam, dass ich angestrengt gelernt habe und den Übertritt in die Realschule Fürth geschafft habe.

Das war schon was. Fürth. Ein alter, grauer Kasten, ein Sandsteinbau, das Ottoschulhaus wurde im Schuljahr 1969/70 das »neue« Domizil der Realschule an der Hirschenstraße. Das Gebäude stammte aus dem Jahre 1879. Im Schuljahr 1970/71 besuchten über neunhundert Schüler die Realschule. Mit den damaligen Bus- und Straßenbahnverbindungen war man mindestens fünfundvierzig Minuten unterwegs, wenn man den Anschluss verpasste, eine Stunde und fünfzehn Minuten.

Es war in Altenberg etwa ein Kilometer zu Fuß bis zur Haltestelle und dann acht Kilometer mit dem Bus und der Straßenbahn. Das war sehr weit damals für einen Zehnjährigen. Ein Abenteuer für ein Landei wie mich. Besonders dann, wenn man auf dem Heimweg den Bus verpasst hatte und sich in Gebersdorf, am Rande des Hainbergs, dem Truppenübungsplatzes der US-Army, herumtrieb.

Da standen ganz viele Wohnwagen von Schaustellern und Zigeunern herum. Es roch nach fremden Welten, fahrendem Volk, Freiheit und Abenteuer. Das Abenteuer kam später auch einmal auf mich zu. In Form der Hallergeierbande. Mit fünfzehn, während der Lehre, hatte ich den Bus verpasst und war in der falschen Gegend unterwegs: eine dunkle, schmale Straße an der Regnitz, der Neumühlweg. Auf der anderen Seite des Flusses lag der Hainberg, ein Truppenübungsplatz. Auf einmal standen sie vor mir: Fünf finstere Gestalten, sicher auch Zigeuner dabei, Roma sagt man heute. Auf jeden Fall waren es die Hallergeier Brüder, also die Hallergeier-Bande.

Die haben mich zu zweit von hinten festgehalten und gefilzt. Ihre einzige Beute war mein zwölf Zentimeter großes, kitschiges, silbernes Jesuskreuz, das ich als Anhänger an einer Kette um den Hals trug. Ich hatte lange lockige Haare und sah aus, wie man sich Jesus vorstellte. Jesus, dann aber ohne sein Kreuz.

Die Realschule, das war eine aufregende, neue Welt. Ich weiß nicht warum, aber ich habe mich am ersten Tag neben Amti gesetzt. Amti, weil er mit Nachnamen Amtmann hieß. Ganz hinten rechts, letzte Reihe. Ein verhuschter Typ, immer etwas eingezogene Schultern, Brille, Pickel und lange Haare. Er war sich vom ersten Moment an sicher, dass uns die Zeit im Unterricht irgendwie gestohlen wurde. Natürlich dauerte es nicht sehr lange, vielleicht drei Monate, bis er mich restlos überzeugt hatte. Er hatte recht.

Wir haben uns Zettel hin und her geschrieben, haarsträubend blöde Geschichten entwickelt, Daumenkinos gebastelt. Wir zwei waren schnell eine Art Parallelveranstaltung in der letzten Reihe. Die Alternative zum Ernst des Lebens, mit dem Mami drohte, den Werner offensichtlich nur besoffen ertragen konnte.

Amti hatte bald den Spitznamen Sprutz, wegen seiner feuchten Aussprache. Mich nannten sie Knochenpilz, weil ich so dünn war. Sprutz und Knochenpilz, die Mutanten aus einer anderen Galaxis, träumen sich in eine andere Welt.

In der Pause, vor und manchmal auch während des Unterrichts fand man uns beide im nahen Zeitschriftenladen. Wir blätterten fasziniert in der neuesten Weltraumliteratur wie »Perry Rhodan«, »Atlan« oder anderen. Zu dieser Zeit war von den USA und der Sowjetunion das Ziel angepeilt worden, mit einer bemannten Raumkapsel auf dem Mond zu landen. Es war eine Art Wettbewerb, wer es als Erster schafft. 1961 war also die richtige Zeit für den Moewig Verlag, die Heftreihe »Perry Rhodan, der Erbe des Universums« zu starten. Sie bestand von Anfang an nicht aus Einzelromanen. Es war und ist eine Serie mit einer durchgängigen, ständig komplexer werdenden Handlung. Wie der Verlag meinte, die wohl »umfangreichste und am längsten laufende Fortsetzungsgeschichte der Welt«. Sprutz und ich, wir wollten nichts verpassen und waren jede Woche im Laden. Wir waren technologisch ganz vorne mit dabei. Hyperraum, Plasmaantrieb, sich Wegbeamen und die Phaser, die Laserpistolen, alles voll im Griff. Man konnte ausführlich über Zusammenhänge und die Vergangenheit von Figuren in den Romanen diskutieren, Risszeichnungen von Raumschiffen ergaben ein klareres Bild von den technischen Gegebenheiten.

Alles, was mit Science-Fiction zu tun hatte, haben wir förmlich aufgesaugt. Wir lasen auch diverse russische Science-Fiction-Autoren wie Iwan Antonowitsch Jefremow, selbstverständlich Jules Verne, Ernst Lang, selbst der damals populär werdende Erich von Däniken mit seinen reichlich durchgeknallten Fernsehsendungen hat uns interessiert. Bis er dann 1970 in den Knast musste.

Das war unsere Welt. Unsere eigene Welt.

Die real stattfindende Raumfahrt haben wir damals selbstverständlich auch verfolgt. Am 21. Juli 1969 um 3:56 Uhr MEZ kam dann »Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit«. Neil Armstrong betrat den Mond, Buzz Aldrin folgte ihm. Apollo elf, sensationell war das. Wir waren Experten. Allerdings ungefragt und auch sonst weitgehend nutzlos.

Sprutz kam mit der Schule so nebenbei klar, ich eher nicht. Das erste Jahr ging gerade noch so durch mit zweimal mangelhaft, aber ein paar Zweiern zum Ausgleichen. Im zweiten Jahr in der achten Klasse stieß Brunner dazu. Er war schon im Stimmbruch. Er war Sitzenbleiber und musste eine Runde drehen. Merkwürdig war das für uns. So würden wir auch werden? Männer? Unvorstellbar.

Im Musikunterricht hatten wir eine Lehrerin, ein richtiges Blockflötengesicht. Sie hatte lange immer etwas fettige Haare, eine Hornbrille. Unter den Achseln ein ordentliches Biotop, ein Gebüsch von schwarzen Haaren, während der Kopf eher so dunkelbraun war. Im Sommer konnten wir es nicht verstehen, wenn jemand sagte, er könne sie nicht riechen. Dafür war der Schweißgeruch zu deutlich. Sie war schüchtern und konnte sich oft nicht recht durchsetzen in der Klasse. Dieses Schicksal teilte sie sich mit der Biologielehrerin, dem Religionslehrer und dem Erdkundelehrer. Es wurde zunehmend ein Sport daraus gemacht, Lehrerinnen und Lehrer zur Verzweiflung zu treiben.

Der Englischlehrer wollte sich wohl bei Brunner beliebt machen und hatte ihn gebeten, seinen Plattenspieler inklusive Boxen und eine Schallplatte seiner Wahl mitzubringen. Es war »Jumping Jack Flash« von den Rolling Stones. Wir sollten den Text übersetzen und analysieren. Er legte die Scheibe auf, drehte voll die Boxen auf. Mich traf dieser Sound wie ein Blitz. Ich war auf einmal wach und vollständig anwesend. Das hat mich so erschreckt – es dauerte Jahre, bis ich mich noch einmal von Musik berühren ließ. Es war nicht nur der Sound, es war auch der Text in seiner abgrundtiefen Bedeutung. Kryptische Zeilen von einer düsteren und brutalen Kindheit voller Armut und Missbrauch. Den Stones wurde vorgeworfen, ihre Musik stünde unter satanischem Einfluss. Das habe ich sofort geglaubt. »Jack« ist im englischen Slang ein Wort für Heroin. Vollständig irre, es machte mir Angst. Die Angst wurde später mein Freund.

Die Clique um Brunner war nicht meine Welt. Sprutz und ich machten trotzdem immer mit, soweit uns die Großen ließen. Besser mitmachen als Prügel kriegen. Raufereien auf dem Schulhof waren an der Tagesordnung, da war es gut, wenn Brunner nicht weit war. Ich weiß nicht, ob irgendjemand eine Strichliste führte, wie viele Jungs der Brunner damals verprügelt hat. Es verging keine Woche ohne neues Opfer.