Vom Alk zum Hulk - Silla - E-Book

Vom Alk zum Hulk E-Book

Silla

4,8

Beschreibung

Die Fähigkeit zum Kampf wird im Kampf geboren und das Leben hat Silla zu einem Kämpfer gemacht. Aufgewachsen in Berlin-Tempelhof entdeckte er früh seine Leidenschaft für Rap. Im Berliner Untergrund wurde er von King Orgasmus One unter Vertrag genommen, schlug ein Angebot von Bushidos Label ersguterjunge aus und bewegte sich von da an im Dunstkreis von Aggro Berlin. Der Hype war da, doch der Druck war zu groß. Silla begann immer exzessiver zu trinken, bis er 2009 schließlich mit fast fünf Promille in ein Krankenhaus eingeliefert und wiederbelebt werden musste. Ein Wendepunkt. Er entschloss sich, seine Alkoholsucht zu bekämpfen, schloss sich dem frisch gegründeten Label Maskulin an, machte einen Entzug und entdeckte den Sport als seine "Ersatzdroge". Silla verwandelte sich in eine Fitnessikone und stürmte die Charts. In seiner Autobiografie erzählt er von seinem Weg, beleuchtet, was hinter den Kulissen der Deutschrapszene passiert, berichtet von seinem Kampf gegen den Alkohol, von der Erlösung durch den Sport. Eine fesselnde Geschichte von Erfolg, Misserfolg, Absturz und Wiedergeburt.

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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
[email protected]
1. Auflage 2016
© 2016 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Dennis Sand/Antje Steinhäuser
Umschlaggestaltung: Laura Osswald
Umschlagabbildung: © heks one
Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern
ISBN Print: 978-3-86883-833-6
ISBN E-Book (PDF): 978-3-95971-138-8
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95971-139-5
Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter:
www.rivaverlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter
www.muenchner-verlagsgruppe.de

Als ich mich selbst zu lieben begann,

habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war,

von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen

und von allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst.

Inhalt

PROLOG
KAPITEL 1: ES WAR EINMAL IN SÜDBERLIN
KAPITEL 2: ILUVMONEY
KAPITEL 3: SÜDBERLIN MASKULIN
KAPITEL 4: WIEDERBELEBT
KAPITEL 5: VOM ALK ZUM HULK
EPILOG
DANK

PROLOG

Ein kleines Dorf im hessischen Nirgendwo.September 2015

Man kann einen Kampf nur gewinnen, wenn man lernt, sich selbst zu besiegen. Und diese Fähigkeit entwickelt der Mensch in seinen dunkelsten Stunden. In Momenten, in denen er seinen eigenen Dämonen ausgeliefert ist. Ängsten, denen er nicht mehr entkommt. Sorgen, die ihn ersticken. Meine Dämonen kamen regelmäßig. Ich wusste, dass ich sie irgendwie besiegen musste, damit sie mich nicht eines Tages besiegten.

Und jetzt frage ich mich, ob sie das womöglich längst getan haben.

»Folgen Sie mir, Herr Schulze«, sagt der Pfleger und drückt mir meine Louis-Vuitton-­Tasche in die Hand. Er hat sie eine gefühlte Ewigkeit gefilzt, jedes einzelne T-Shirt abgeklopft und ausgeschüttelt. Nichts Persönliches, reine Routine sei das, meint er. Wie trostlos doch alles ist. Wir laufen durch lange Korridore und es riecht nach Linoleum. Die Fenster sind keine richtigen Fenster. Die Fenster sind bloß undurchsichtige Milchglasscheiben. Echtes Krankenhaus-Feeling. Jeder Gang hier sieht aus wie der nächste. Und überall sind Türen. Einige von ihnen stehen einen Spalt weit offen, andere sind geschlossen.

»Sind das alles Patienten?«, frage ich den Pfleger, der vor mir herläuft. Mit seinen langen Haaren und der Brille sieht er aus wie ein zu spät geborener Hippie.

»Gäste. Wir nennen sie Gäste.«

»Ach so«, sage ich und versuche, in eines der Zimmer zu gucken. Es gelingt mir nicht.

Dann ein kurzer, lauter Schrei.

»Was ist das?«

»Keine Sorge, wir haben alles im Griff«, sagt der Hippie-Pfleger und schlurft ganz entspannt weiter. Plötzlich herrscht Aufregung auf den Gängen.

Drei Krankenschwestern kommen uns entgegen. Sie sind sehr hektisch. »Zur Seite, zur Seite, zur Seite.« Sie stoßen eine Tür auf und ich höre wieder diesen Schrei. Als würde jemandem etwas ganz Schreckliches widerfahren.

»Ist nichts Schlimmes. Machen Sie sich mal keine Gedanken«, sagt mein Pfleger und schließt eine Zimmertür auf. »Und hier wären wir. Das ist Ihr neues Reich, Herr Schulze. Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause.« Ich schaue mich um. Mein Zimmer ist ein fünf Quadratmeter kleines Loch. Es gibt hier fast gar nichts. Einen Wandschrank aus Holz und ein Bett. Nicht mal einen Schreibtisch haben sie mir reingestellt.

Was für ein Absturz.

»Ganz wichtig noch, Herr Schulze: Rauchen ist grundsätzlich erlaubt. Aber für Sie als Neuling erst nach drei Tagen. Entgiftung. Sie wissen. Haben Sie noch Zigaretten in der Jackentasche?«

»Nein«, lüge ich.

»Gut. Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie einfach.« Der Kerl grinst mich an und verschwindet dann wieder auf den ewig gleichen Fluren.

Wo bin ich hier nur gelandet.

Ich spüre, wie sich ein neuer Schweißausbruch anbahnt. Ganz ruhig, Silla. Du kennst das doch. Es wird nichts passieren. Ich setze mich auf mein neues Bett in meinem neuen Reich und schließe die Augen. Es hört nicht auf. Meine rechte Hand fängt an zu zittern. Ich atme ganz ruhig. Ein und aus. Ein und aus. Das wird schon. Ganz cool bleiben. Komm schon, Silla. Du hast schon ganz andere Scheiße überlebt. Nach ein paar Minuten ist wieder alles in Ordnung, die Panikattacke vorbei. Ich räume meine Tasche aus und ziehe mir den komischen Trainingsanzug an, den ich in meinem Schrank finde.

Dann ziehe ich eine Packung Zigaretten aus meiner Jackentasche und erkunde mein neues Zuhause. Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Ich weiß nicht, ob es früh oder spät am Tag ist oder ob wir schon Nacht haben. Es fühlt sich an, als hätte man mich aus meinem normalen Leben rausgerissen und in eine andere Welt versetzt, in der Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen. Alles wirkt so surreal.

Als ich über den Flur schlendere, öffnet sich eine Tür. Ein junges Mädchen kommt raus. Sie trägt denselben komischen Trainingsanzug wie ich, ist vielleicht 18 oder 19 und guckt verschüchtert auf den Boden.

»Haste ’ne Kippe für mich?«, fragt sie, ohne mich anzuschauen.

Als sie ihre zitternde Hand ausstreckt, sehe ich, dass ihr Oberarm von Nadelstichen bedeckt ist. Ihr ganzes Gesicht ist komplett eingefallen, sie hat tiefe, schwarze Augenringe und die Zähne, die noch übrig sind, sind gelb.

»Danke«, sagt sie, als ich ihr die Zigarette gebe. Ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich ihre Erscheinung erschreckt.

Nach ein paar Minuten entdecke ich den Aufenthaltsraum. Ein Fernseher läuft und vor diesem Fernseher sitzt ein Mann im Bademantel auf einer Couch. Er zappt durch das Programm. Der Kerl ist vielleicht 50 Jahre alt, hat einen Schnäuzer, wirres graues Haar und einen dicken Bierbauch.

»Na, bisse neu?«, fragt er mich mit rheinischem Akzent.

»Gerade gekommen.«

»Ah, keine Sorge, Jung. De erste Tach is de schwerste. Is bei allen so. Isch bin übrijens der Juppes und isch bin polytox.«

»Was heißt das?«

»Süchtisch nach allem.« Dann fängt der Mann an zu lachen und sein Lachen endet in einem fürchterlichen Hustenkrampf.

Das Ganze kommt mir vor wie ein Albtraum. Die Menschen hier sind wie Zombies. Und dann sackt mein Kreislauf zusammen. Ich muss mich an der Wand abstützen, um nicht hinzufallen.

»Immer sachte mit de jungen Pferde, wa?«, lacht Jupp.

Ich will hier weg. So schnell es geht. Ich stolpere schwitzend und komplett fertig zurück in mein Zimmer.

Und dann liege ich in meinem kleinen trostlosen Bett und starre die graue Decke an. Wie viel Zeit ist vergangen? Eine halbe Stunde? Ein halber Tag? Mir wird schlagartig bewusst, dass ich innerhalb von nur einer Woche alles verloren habe. Alles, was ich mir so mühsam aufgebaut habe, ist wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Nichts ist mehr geblieben. Außer mir. Und meinen Dämonen.

Ich versuche, die Augen zu schließen, will nur einschlafen, alles hinter mir lassen. Doch meine Gedanken lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Sie kreisen um Karo. Immer wieder um Karo. Sie sollte doch meine Rettung sein. Wieso hat sie alles kaputt gemacht? Wieso hat sie unsere Zukunft zerstört? Ich sehe ihr Gesicht. Es verschwimmt vor meinen Augen. Nach und nach löst es sich einfach auf. Und dann bin ich wieder zu Hause. In meiner Wohnung. In meinem Bett. In Karos ­Armen.

»Alles wird gut, mein Schatz«, flüstert sie mir ins Ohr. »Wir werden das schaffen.«

Ich sehe mich um. Alles ist, wie es immer war. Unsere Wohnung. Unser Zuhause.

»Was hast du getan?«, frage ich sie. »Warum hast du alles zerstört?«

»Pschhhht«, sagt sie und streicht mir über den Kopf. »Es war alles nur ein böser Traum.«

Ich atme tief ein, atme ihren Duft ein. Ich versuche, mich zu beruhigen. Ist das echt? Ich schaue Karo an. Sie hat die Augen geschlossen und lächelt. Ich streiche ihr über den Bauch. Nur ein böser Traum, hallen ihre Worte nach, und ich spüre, wie meine Hand zittert. Ich versuche, es zu unterdrücken. Doch es wird immer schlimmer. Das Zittern wird stärker. Ich muss … ich muss etwas trinken, sagt eine Stimme in meinem Kopf, die nicht meine ist. Du musst etwas trinken, höre ich sie jetzt stark verzerrt.

»Warte kurz, mein Engel«, sage ich zu Karo und stehe auf.

Sie sitzt unbeweglich auf dem Bett. Ihr Lächeln hat sich in ihr Gesicht eingebrannt, ihre Augen sind noch immer geschlossen. Es sieht auf einmal fürchterlich erstarrt aus. Ich löse meinen Blick von ihr und gehe durch meine Wohnung. Sie ist in einen grünen Nebel gehüllt. Wo kommt der her? Ich gehe zum Kühlschrank und ziehe eine Flasche Whisky raus. Ich nehme einen tiefen Schluck. Als ich mich wieder umdrehe, sehe ich, dass MoTrip und JokA hinter mir stehen.

»Alter! Ich kriege hier gleich einen Herzinfarkt. Was macht ihr hier?«, frage ich die beiden voll geschockt. Sie starren mich nur an.

»Ey!«, versuche ich es noch mal. Sie schweigen. Und dann werden sie von dem grünen Nebel umhüllt und verschwinden nach und nach in ihm. Der Rauch nimmt jetzt den ganzen Raum ein. Alles verschwindet, ich kann nicht mal mehr meine eigenen Hände sehen. Als er sich wieder legt, bin ich im alten Haus meiner Eltern. In Marienfelde. Ich stehe in der Küche. Und vor dem Kühlschrank hockt ein kleiner Junge. Er ist vielleicht sieben oder acht Jahre alt.

»Was ist hier los?«, schreie ich.

Er starrt mich an.

»Wer bist du?«

Er antwortet nicht. Ich höre ein Lachen. Erst ganz leise, dann immer lauter. Ich weiß nicht, wo es herkommt. Es scheint überall zu sein. Es hört sich an, als würden Hunderte von Stimmen gemeinsam lachen.

»Was ist hier los? Was passiert hier?«, frage ich den Jungen und werde immer aggressiver und irgendwie habe ich mich nicht mehr im Griff. Ich habe keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Ich packe den Jungen und schlage ihn gegen den Kühlschrank. Es passiert einfach, ich kann nicht aufhören. Dann schlage ich mit meinen Fäusten auf ihn ein. Er wehrt sich nicht. Er starrt mich nur an. Alles läuft automatisch ab. Ich prügele weiter auf ihn ein. Ich fange an zu schreien. Was passiert hier nur?

Meine Hände greifen den Jungen und würgen ihn. Und dann verschwindet auch er im grünen Nebel. Ich schaue auf die Uhr. Sie hat keine Zeiger. Was für ein Albtraum. Und dann geht das Lachen wieder los. Es wird immer lauter. Ich laufe los. Ich reiße die Tür auf und laufe aus dem Haus meiner Eltern. Ich laufe durch Alt-Marienfelde. Ich laufe durch Tempelhof.

Es passiert automatisch. Ich sprinte durch die Stadt. Alles ist menschenleer. Aber hinter den Hochhäusern sehe ich ein grelles Licht. Es wird heller, immer heller. Und plötzlich brennen die Häuser. Die Flammen fressen den Beton auf, sie werden immer heißer, und hinter den Häusern sehe ich zwei überdimensionale Monster. Deformierte Wesen, die sich bekriegen. Sie reißen sich gegenseitig die Gliedmaßen ab. Zerfleischen sich. Und dann entdecken sie mich.

»Herr Schulze …«

Sie kommen auf mich zu. Ich versuche wegzulaufen. Ich laufe, so schnell ich kann. Und dann hebe ich ab.

»Herr Schulze …«

Ich fliege. Wie krass. Ich fliege über die Stadt. Aber es fühlt sich an, als wäre einer meiner Flügel gebrochen. Und dann packt mich eines dieser Monster. Es packt mich und zerreißt mich und der Schmerz ist furchtbar.

»Herr Schulze! Wachen Sie auf!«

Ich reiße die Augen auf und bin auf einen Schlag hellwach. Ich liege wieder in meinem kleinen, grauen Betonzimmer. Neben mir sitzt eine Krankenschwester. Sie trägt einen weißen Kittel und legt ihre Hand auf meine Stirn.

»Herr Schulze! Sind Sie wieder unter uns?«

Mein Atem überschlägt sich. Mein ganzes Shirt, mein ganzes Bett ist nass geschwitzt.

»Was passiert mit mir?«, frage ich die Frau, die neben mir sitzt. Mein Herz pumpt wie verrückt. Drehe ich jetzt durch? Muss ich jetzt sterben?

»Bleiben Sie ruhig, das sind die Entzugserscheinungen.«

»Es war so real.«

»Sie müssen diese Nacht noch durchhalten. Es wird besser werden.«

Die Frau hält meine Hand. Ich lasse meinen Kopf zurück auf das Kissen fallen. Die Krankenschwester hält mir eine Zigarettenschachtel hin.

»Ist das hier erlaubt?«, frage ich sie.

»Nein«, lächelt sie. »Aber es hilft.«

Ich ziehe eine Kippe aus der Packung und lasse mir Feuer geben. Ich inhaliere den Rauch und betrachte meine Retterin. Die Frau müsste Anfang 50 sein, sie hat schon erste graue Haare und trägt einen weißen Kittel.

»Ich bin Schwester Barbara«, sagt sie und reicht mir die Hand.

»Muss ich sterben?«, frage ich erneut.

»Ich hoffe nicht. Sie müssen nur die Nacht überstehen. Die Nächte sind das Schlimmste. Wissen Sie, Herr Schulze, wenn die Engel schlafen, dann ist der Teufel wach.«

Ich versuche, zur Ruhe zu kommen.

»Sie erleben Psychopathen wie mich wahrscheinlich jeden Tag, oder?«

»Das ist mein Job«, sagt Schwester Barbara und lächelt freundlich. »Versuchen Sie jetzt zu schlafen, Herr Schulze.«

Ich schließe meine Augen und versuche, an nichts mehr zu denken. Meinen Kopf einfach freizumachen. Ich spüre, wie mir ganz unwillkürlich Tränen über das Gesicht laufen. Ich kann sie nicht zurückhalten. Das ist der Tiefpunkt, sage ich mir. Noch tiefer kann ein Mensch nicht mehr sinken. Und dann falle ich in einen tiefen, festen Schlaf. Als ich wieder aufwache, steht der Hippie-Pfleger neben mir.

»Guten Morgen, Herr Schulze. Wie geht es Ihnen heute?«

Ich fühle mich wie ein Stück Scheiße. »Besser«, lüge ich. Der Typ stellt ein Tablett mit Frühstück neben mich. Ein Schwarzbrot. Eine Scheibe Käse. Ein Glas Orangensaft. Das sieht so widerlich aus, denke ich mir, und schiebe den Fraß weg. Ich starre wieder an die Decke. Ich schäme mich so elendig. Ich will hier unbedingt raus. Ich kann das nicht mehr. Ich will das nicht mehr.

Ich stehe auf und gehe zu dem kleinen Holzschrank, der in der Ecke steht. Ich reiße mir diesen ekelhaften Trainingsanzug vom Körper und ziehe meine Klamotten wieder an. Während ich mir meine Jordans zubinde, bekomme ich einen Schweißausbruch. Schon wieder. Mein Puls rast. Scheiß drauf. Ich muss raus, sage ich mir. Während ich meine Tasche packe, kommt Schwester Barbara zu mir.

»Was machen Sie denn da?«

»Schwester, ich muss hier raus. Das ist nicht meins. Ich … kriege das allein hin. Aber auf meine Weise.«

»Auf Ihre Weise?«

»Ich kriege das hin. Ich bin auch bislang ganz gut zurechtgekommen.«

»Ja, das sieht man ja«, sagt sie eiskalt.

Ich halte inne. Ich habe keine Kraft, ihr zu widersprechen.

»Herr Schulze, tun Sie mir einen Gefallen. Nur einen. Sprechen Sie mit unserem Psychologen. Herr Brandt. Er hat bestimmt Zeit für Sie. Nur eine Viertelstunde. Und wenn Sie dann noch gehen wollen, werden wir Sie nicht aufhalten.«

Ich überlege ein paar Sekunden.

»Also gut«, sage ich. »Ich habe ja nichts mehr zu verlieren.« Schwester Barbara führt mich in das Zimmer des Psychologen.

Ein großer, heller Raum. Überall stehen Topfpflanzen und hinter dem Schreibtisch hängt ein abstraktes Bild. Ich glaube, es soll einen Adler darstellen, der im Flug fällt. Dr. Brandt sitzt an seinem Tisch und ist in eine Akte vertieft.

»Sie stehen auf Adler?«, frage ich ihn und er sieht auf.

»Ach, Herr Schulze. Hallo, hallo. Ich habe Sie erwartet. Entschuldigen Sie bitte, ich war … ich war gerade etwas vertieft. Setzen Sie sich. Was für Adler meinen Sie denn?«

Ich zeige auf das Bild. »Na, den da.«

»Nun, Herr Schulze, das ist ein Rohrschach-Test. Wenn man so will ein Tintenklecks. Und jeder Mensch sieht darin das, was er sehen will. Also nehme ich an, dass Sie … einen … einen Adler darin sehen?«

Ich beiße mir auf die Lippe und muss an meinen Traum denken. An meine gebrochenen Flügel. Es ist, als wäre das alles real gewesen. Ich schweige.

»Sie wollen uns also schon wieder verlassen? Sie sind doch gestern erst gekommen …«

»Das hier ist nicht so meins«, sage ich.

»Ich verstehe. Sie … machen das lieber … auf Ihre Art, ja?«

»Ja«, antwortete ich knapp und schaute auf meine Jordans. Ich fixierte sie wie einen Felsvorsprung, an den ich mich klammern könnte, um nicht den Abhang hinunterzustürzen.

Dr. Brandt bleibt ruhig. Als würde ihn nichts aus der Ruhe bringen können. Wenn er spricht, dann spricht er bedacht.

»Herr Schulze, warum schauen Sie mich eigentlich nicht an?«, fragt er mich ganz plötzlich, wie aus dem Nichts. »Kann es sein, dass Sie meinem Blick nicht standhalten können?«

»Wie bitte?«, frage ich. »Das ist doch Unsinn.« Ich schaue ihm in die Augen, aber …er hat recht. Ich kann seinen Blick wirklich nicht lange aushalten. Es ist, als ob er mich, als ob er mein ganzes Elend einfach durchschauen könnte.

»Sie haben wohl ein Problem mit Konflikten, ja?«

Das gibt es doch nicht. Es ist, als hätte dieser Mann mich innerhalb von zwei Minuten geknackt. Er hat ja recht. Ich kann nicht mit Konflikten umgehen. Das ist genau mein Problem. Es war mir nie bewusst. Aber … aber es stimmt.

Ich bin immer nur davongelaufen.

»Herr Schulze, ich sage Ihnen das jetzt knallhart. Sie haben ein Suchtproblem. Sie haben wahrscheinlich jede Menge Probleme. Sonst wären Sie nicht hier. Wenn Sie das nicht in den Griff kriegen, werden Sie das Jahr wahrscheinlich nicht überleben.«

Mein Hals schnürt sich zu.

»Sie sind nicht ohne Grund hier und Sie dürfen nicht den Weg des geringsten Widerstands gehen.«

Ich nicke.

»Herr Schulze, Sie haben jetzt hier die Chance, den Grundstein für Ihr weiteres Leben zu setzen. Sie können hier lernen, Ihre Probleme in der Zukunft anders zu lösen, als Sie es bisher getan haben. Ich appelliere an Ihre Vernunft, dass Sie bitte diese ­Chance wahrnehmen. Es ist die letzte, die Sie haben.«

Er hat mich. Ich werde bleiben. Ich nehme meine Tasche und mache mich auf den Weg zurück in mein Zimmer.

»Herr Schulze«, ruft mir der Psychologe hinterher. »Warten Sie.« Er öffnet die Schublade von seinem massiven Holzschrank und zieht einen dicken Block Papier und einen Füllfederhalter raus. »Ich habe eine Art Hausaufgabe für Sie. Sie sind doch Rapper. Schreiben Sie mir Ihre Geschichte auf. Ihr Leben. Ich denke, das wird mir helfen können, Ihnen zu helfen.«

»Ich soll mein ganzes Leben aufschreiben?«

»Ich will wissen, wer Sie sind. Was Sie bewegt. Schreiben Sie einfach. Seien Sie ehrlich. Schreiben Sie so, wie es für Sie passt. Von vorne bis hinten. Oder in Stichpunkten. Aber fangen Sie an, Ihre Gedanken zu ordnen. Glauben Sie mir, das wird Ihnen helfen.«

Ich nehme den Block mit in mein Zimmer und schmeiße ihn auf mein Bett. Langsam räume ich meine Tasche wieder aus. Fluchtversuch gescheitert, ärgere ich mich. Wieder mal. Ich nehme mir eine Kippe, zünde sie an und setze mich auf mein Bett. Ich starre auf das leere Papier. Dann nehme ich den Füllfederhalter und fange an zu schreiben.

KAPITEL 1ES WAR EINMAL IN SÜDBERLIN

Nur ein Mensch, der vom Leben gezeichnet ist, ist ein Mensch, der das Leben zeichnen kann. Ich wurde gezeichnet. Immer und immer wieder. Bis ich dem Leben den Stift aus der Hand riss und mit dem Stift mein Leben zeichnete. Oder es zumindest versuchte.

Alles begann in Südberlin.

Alles begann im Paradies.

Ich bin aufgewachsen in einem wunderschönen Haus im wunderschönen Alt-Marienfelde. Ein kleiner Stadtteil am südlichsten Ende der Stadt. Hier gibt es keinen ­Beton. Keine Hochhäuser. Keine Anonymität. In Alt-Marienfelde stehen Einfamilien­häuser, es gibt grüne Parkanlagen und im Zentrum eine alte Dorfkirche. Jeder hier kennt seine Nachbarn. Alt-Marienfelde ist ein Idyll.

Und meine Eltern haben alles getan, damit sie mir und meinem großen Bruder ein Leben in diesem Paradies ermöglichen konnten. Sie wollten, dass wir eine bessere Zukunft haben. Darum nahm mein Vater einen Kredit auf und baute uns ein Haus am Rand der Großstadt.

Mein Vater war Observator beim Verfassungsschutz. Dort lernte er auch meine Mutter kennen. Papa war ein Arbeitstier. Ein Pflichtmensch. Er wusste, dass er ackern und Überstunden machen musste, um die Raten aufzubringen, die er sich aufgehalst hatte. Er arbeitete viel, aber beschwerte sich nie. Auch wenn er oft Probleme von der Arbeit mit nach Hause brauchte – er machte das einfach mit sich selbst aus. Er fraß sie in sich hinein. Wenn er nach Hause kam, setzte er sich meistens auf die Couch und ließ sich von Mama ein Bier bringen. Dann schaute er Nachrichten, Loriot oder Fußball.

Mein Vater hat das Herz am richtigen Fleck. Es fällt ihm nur manchmal schwer, das auch zu zeigen. Er spricht nur dann, wenn es etwas zu sagen gibt, und damit mussten wir alle lernen umzugehen.

Während Papa Überstunden machte, kümmerte sich Mama um den Rest. Um den Haushalt. Um uns Kinder. Um Papas Sonderwünsche. Und das, obwohl sie auch berufstätig war. Schon als kleiner Junge bewunderte ich, wie sie alles koordinierte. Ich sah, wie Mama nach Hause kam, aufräumte, mit mir spielte, die Hausaufgaben von meinem Bruder kontrollierte und nebenbei noch kochte.

»Mama«, fragte ich sie einmal, als wir alle beim Essen saßen. »Ist dir das mit der Arbeit und dem Haus nicht alles zu viel?« Ich war noch ein kleiner Junge, aber ich spürte schon damals, wie viel Kraft sie das alles kosten musste. Mein Vater blätterte in seiner Zeitung, mein Bruder stocherte in den Erbsen rum und Mama guckte mich ganz sanft und gütig an und lächelte.

»Nein, mein Schatz«, sagte sie. »Mama schafft das schon. Nur manchmal, da würde ich mir eine Putzfrau wünschen, die ein kleines bisschen hilft.«

Papa legte die Zeitung weg und starrte sie an. »Eine Putzfrau? Eine Putzfrau? Aber das ist doch Unsinn! Wir haben doch eine Putzfrau. Und zwar die beste Putzfrau, die man sich nur wünschen kann. Und kostenlos ist sie auch.« Dann gab er Mama einen Kuss auf die Stirn und ging ins Wohnzimmer. Sie lächelte gequält.

»Und die Putzfrau, die könnte mir mal mein Feierabendbier bringen«, rief er rüber.

Mama war das gewohnt. »So ist Papa halt«, sagte sie immer. »Er meint das nicht böse.« Und er meinte es auch nie böse.

Trotzdem verletzte es sie. Vielleicht wäre das alles nur halb so wild gewesen, wenn er neben diesen Sprüchen auch mal was Nettes gesagt hätte. Zu ihr. Oder zu uns. Nur ab und zu. Ein Kompliment. Ein Lob. Oder wenn er uns einmal in den Arm genommen hätte. Aber das tat Papa nicht. Er konnte das nicht. Und Mama konnte sich nicht gegen ihn wehren. Sie hatte nicht die Härte, einmal durchzugreifen und ihm zu sagen, dass sie unglücklich ist. Dass sie diese Sprüche nicht mag. Einfach funktionieren. Einfach weitermachen. Das schien ihr Motto zu sein.

Aber das alles hat mich als Kind noch nicht so sehr gestört. Denn auch wenn mein Vater kaum Zeit für uns hatte, ich hatte ja meinen großen Bruder. Olli war mein Held. Olli war alles für mich. Er kam mich jeden Tag mit dem Fahrrad vom Kindergarten abholen. Ich setzte mich dann auf den Gepäckträger und wir fuhren gemeinsam durch die Parks nach Hause. Ollis große Leidenschaft war Eishockey. Er hatte bestimmt zehn Trikots von seinen Lieblingsspielern zu Hause rumliegen und er verpasste kein Spiel seiner Mannschaft. Er liebte den BSC Preußen. Er war bei jedem Match dabei. Und als ich dann in die Grundschule kam, nahm Olli mich einfach mit. Zu jedem Heimspiel sind wir zusammen in die Eissporthalle in der Jaffée­straße gefahren und haben unser Team angefeuert. Irgendwann war ich selbst im übelsten Fanmodus. Und wenn gerade keine Bundesliga war, dann spielten wir eben selbst. Neben unserem Haus war eine Seitenstraße, in der Olli uns zwei Tore aufbaute. Manchmal ließ er mich sogar gewinnen.

Eishockey wurde zu unserer ganz großen Leidenschaft. Mein Bruder war ein Statistikfreak. Er hatte zu jedem Spieler Tabellen angelegt. Torschüsse. Pässe. Strafminuten. Stärken. Schwächen. Er baute sich ein komplettes Archiv auf. Ich glaube, es gab keinen Menschen auf der Welt, der so viel Ahnung von Eishockey hatte wie Olli. Wenn es draußen regnete und wir nicht selbst spielen konnten, zockten wir am PC »Bundesliga Manager«. Da konnte man sich selbst eine Mannschaft zusammenstellen und sie an die Spitze führen. Wir haben nächtelang nichts anderes gemacht. Mein Vater hatte mir zu Weihnachten mal ein altes Tonbandgerät geschenkt, an das wir ein Mikrofon anschlossen. Ich fing irgendwann an, alles, was auf dem Computerbildschirm passierte, auf Kassette festzuhalten. So habe ich meine Kommentatoren­skills ein wenig ausgebaut. Und sammelte in kurzer Zeit ein riesiges Bänder-­Archiv an.

Ollis zweite Leidenschaft neben dem Eishockey war Hip-Hop. Die erste Welle war Mitte der 1980er gerade nach Deutschland geschwappt und mein Bruder ­gehörte zu den Pionieren, die diesen neuen Sound für sich entdeckten. Er hatte jede Menge Schallplatten aus Amerika, um die seine Freunde ihn offenbar beneideten. Zumindest hingen sie dauernd bei ihm rum und lobten ihn für den »geilen Sound«, den er am Start hatte. So sagten sie das. 2 Live Crew. Run DMC. Eric B. & Rakim. Das Zeug lief die ganze Zeit. Mein Bruder lebte das. Er trug auch den klassischen Style dieser Jahre. Jeanswesten mit Patches, weite Klamotten und Strickjacken. Ich konnte damit noch nicht allzu viel anfangen. Aber US-Rap wurde zum Soundtrack meiner Kindheit.

Und dann veränderte sich etwas. Zunächst konnte ich das nicht so wirklich verstehen. Die Stimmung im Haus wurde anders. Papa war von heute auf morgen richtig gut gelaunt. Zumindest für seine Verhältnisse. Er kam abends oft mit einem Lächeln zur Tür rein und fing an, Mama im Haushalt zu helfen. Das hatte er früher nie gemacht. Die beiden machten Scherze, alberten miteinander rum. Und auch Olli war verändert. Er hing noch mehr mit seiner Freundin rum, was für mich bedeutete, dass er kaum noch Zeit für Eishockey und »Bundesliga Manager« hatte. Die beiden hatten ständig irgendwelche furchtbar wichtigen Dinge zu besprechen, die ich nicht mitkriegen sollte. Ich verstand die Welt nicht mehr.

Bis mein Vater eines Abends in mein Zimmer kam.

»Sohn«, sagte er. »Wir müssen den Familienrat einberufen.«

»Was ist ein Familienrat?«, fragte ich.

Papa schüttelte den Kopf und sagte, ich soll einfach ins Wohnzimmer kommen. Da saßen dann alle am Esstisch und blickten mich an. Papa, Mama, Olli und seine Freundin.

»Hör mal, Matthias«, fing Papa an. »Es gibt wichtige Neuigkeiten.« Er ließ eine lange Pause und ich merkte, dass es ihm schwerfiel weiterzusprechen.

»Du bekommst eine kleine Schwester«, platzte es dann aus Mama heraus.

»Was denn für eine kleine Schwester?«, fragte ich und hatte plötzlich 1000 Gedanken im Kopf.

Mama und Papa schauten sich wortlos an.

»Wo soll die denn wohnen?«, fragte ich weiter.

»Bei mir im Zimmer«, sagte Olli. »Und ich werde ausziehen, damit Platz für das neue Baby ist.«

Mir schnürte es die Kehle zu. Ob da jetzt ein neues Baby kam, war mir total egal. Aber dass Olli ausziehen sollte – eine Katastrophe.

»Nein, das will ich nicht!«, schrie ich und kämpfte mit den Tränen.

Olli versuchte, mich zu beruhigen. »Hör mal, Matte, das muss jetzt sein. Ich bin 18. Ich bin erwachsen. Irgendwann wäre ich sowieso gegangen. Ich habe mit meiner Freundin schon etwas gefunden. Es ist nicht weit von hier. Ich bin ja nicht aus der Welt. Nur aus dem Haus.«

Ich wollte das alles nicht hören. Wer sollte denn dann mit mir »Bundesliga Manager« spielen? Und mir die Eishockeystatistiken erklären. Ich wollte nicht, dass mein großer Bruder ging.

»Kannst du nicht bleiben?«, weinte ich. »Wir können das Baby dann auch zu mir ins Zimmer tun«, bot ich halbwegs selbstlos an.

»Nein, Matte, das geht wirklich nicht. Aber ich verspreche dir, dass sich gar nichts groß verändern wird. Ich werde trotzdem immer für dich da sein. Und wir gehen auch weiterhin zusammen zum Eishockey, okay?«

Ich war traurig. Aber ich wusste, dass mein großer Bruder mir nichts versprechen würde, was er nicht auch hielt. Ich vertraute ihm.

»Es werden sich jetzt einige Dinge ändern«, sagte Mama. »Aber das ist nicht schlimm. Es sind schöne Veränderungen.«

»Jetzt bist du der große Bruder, Matte. Das ist viel Verantwortung«, sagte Olli. »Du musst ein großer Junge sein und du musst lernen, diese Verantwortung zu übernehmen.«

Ich dachte darüber nach. Ich brauchte ein paar Tage, um mich an den Gedanken zu gewöhnen. Aber er hatte recht. Jetzt wäre ich der große Bruder. Ich könnte auf das Baby aufpassen, so wie Olli auf mich immer aufgepasst hatte. Ich stellte mir vor, wie ich das Baby später mal mit dem Fahrrad vom Kindergarten abholen würde. Und wie ich dem Baby erklären würde, wie der Computer funktioniert. Solche Dinge. Und irgendwann ließ ich mich von der Aufbruchstimmung im Haus einfach anstecken.

Ich merkte, dass auf einmal so eine positive Energie da war. Dass Papa so lieb zu Mama war und Mama immer ein Lächeln im Gesicht hatte. Ich beschloss, dass ich mich jetzt auch auf das Kind freuen wollte. Dann kam der Tag, an dem Olli auszog. Ich ließ mir dir Freude nicht verderben. Papa strich sein Zimmer und richtete es neu ein. Er baute ein kleines Kinderbett.

Und dann kam Martina auf die Welt.

Ich habe Mama noch nie so glücklich gesehen. Es waren vielleicht die glücklichsten Tage ihres Lebens. Jeden Abend bin ich in das Zimmer von Martina gegangen und habe mir angeschaut, wie sie da liegt und schläft. Ich war zwar selbst noch ein Kind, aber verdammt, sie war so klein. Manchmal setzte ich mich zu ihr und erzählte ihr etwas. Irgendeinen Quatsch, den ich sonst Olli erzählt hätte. Aber der war ja nicht mehr da und Martina war eine dankbare Zuhörerin. Sie schickte mich nie weg.

Und dann passierte es.

Nach zehn Tagen starb das Baby. Plötzlicher Kindstod. Der Arzt sagte, Martina hätte ein Loch im Herzen gehabt.

Und dann kamen die Schatten. Papa wurde immer stiller und stiller. Er ließ niemanden mehr an sich ran und fraß die ganze Trauer in sich rein. Er kapselte sich ab. Und Mama weinte ständig. Einmal saß sie die ganze Nacht nur im Garten und schaute in den Himmel. Einfach so. Ich kam zu ihr raus und setzte mich auf ihren Schoß. Sie wirkte so, als wäre sie in einer ganz eigenen Welt. Wir saßen dann da zusammen, ohne miteinander zu sprechen, und schauten gemeinsam in den Himmel.

»Guck mal Mama, der Stern da oben, der leuchtet ganz besonders hell. Vielleicht ist das ja Martina«, sagte ich, um sie ein wenig zu trösten und weil Olli mir erklärt hatte, dass Martina jetzt im Himmel wäre.

Mama fing an zu weinen und nahm mich in den Arm.

Die Aufbruchstimmung der letzten Monate wich einer Traurigkeit, die wie ein Schatten auf dem Haus lag. Und niemand war da, der sie hätte vertreiben können. Olli war weg. Papa zog sich noch mehr zurück. Und Mama lebte in ihrer eigenen Welt. Ich blieb mit den Schatten ganz allein zurück. Ich hatte das Gefühl, dass ich in unserem Haus gefangen war. In unserem schönen, idyllischen Paradies.

Als ich in die Pubertät kam, wurde alles noch schlimmer. Plötzlich war ich außerdem noch gefangen in meinem Körper. Ich bekam schlechte Haut, war etwas pummelig und trug auch noch eine dicke Hornbrille. Das machte mir mein Leben nicht einfacher. Ich war sowieso schon ein schüchterner und zurückhaltender Junge. Jetzt fühlte ich mich so unwohl, dass ich mich total zurückzog. In der Schule saß ich immer in der letzten Reihe und versuchte, nicht weiter aufzufallen. Ich wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Bis der Neue kam.

In der fünften Klasse kam Max auf unsere Schule. Max war ziemlich lässig drauf und das genaue Gegenteil von mir. Er war überhaupt nicht schüchtern und hat vom ersten Tag an sein ganz eigenes Ding durchgezogen. Er machte einfach das, worauf er Lust hatte, und das war nicht unbedingt das, was die Lehrer allzu sehr begeisterte. Doch je mehr er es sich bei ihnen verscherzte, desto mehr Sympathiepunkte bekam er bei den anderen Schülern.

»Heute kriegen wir unsere Mathearbeit wieder«, sagte mein Kumpel Benjamin.

»Ja, spitzenmäßig«, antwortete ich. »Die werde ich wohl ziemlich verschissen haben.«

Max stellte sich zu uns. »Du weißt nicht, was es heißt, eine Mathearbeit verschissen zu haben, solange du nicht meine Ergebnisse gesehen hast«, sagte er. »Ich habe dieses Bruchrechnen wirklich überhaupt nicht gepeilt. Was soll denn ein Bruch überhaupt sein?«, fragte er und zog sein Cap auf halb neun. »Das ist so lebensfremd. Ich habe noch nie meine Kaugummis mit Brüchen bezahlt.«

Dann kam Herr Arenz rein und wir setzten uns auf unsere Plätze.

»Kappe ausziehen!«, raunzte er Max an. Er konnte ihn nicht sonderlich gut leiden.

»Nur wenn Sie Ihre fürchterliche Krawatte ablegen. Dann haben wir einen ­Deal«, konterte Max.

Arenz lief knallrot an.

»Du hast eine ganz schön große Klappe, Junge. Schade, dass du sie dir nicht leisten kannst.«

Er knallte einen Stapel Hefte auf das Lehrerpult. »Du solltest dir mal ein paar mehr Gedanken um deine schulischen Leistungen machen«, sagte er scharf, zog ein Heft aus dem Stapel heraus und schmiss es Max auf den Tisch. »Allein bei dieser Arbeit bist du mal wieder so was von durchgefallen, Freundchen.«

Max lehnte sich in seinem Stuhl zurück, setzte sein charmantestes Lächeln auf und sagte dann: »Schon okay. Dabei sein ist alles.«

Die ganze Klasse fing an zu lachen. Die Mädels liebten ihn für solche Sprüche.

Ich beobachtete die Situation und merkte, dass sie irgendetwas in mir auslöste. Max machte genau das Gegenteil von dem, was ich machte. Ich wollte in Ruhe gelassen werden. Er wollte auffallen. Und irgendwie kam es mir so vor, als würde er mit seiner Schiene ziemlich gut fahren. Alle liebten ihn. Ich stellte mir vor, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn die anderen auch so über meine Witze lachen würden. Irgendein Schalter legte sich in meinem Kopf um. Vielleicht sollte ich das einfach mal probieren. Einfach mal ein bisschen mehr wie Max sein. Ein paar freche Sprüche gegen die Lehrer und alle würden mich cool finden. Es wirkte so einfach.

Also versuchte ich es. Von diesem Tag an suchte ich auf Teufel komm raus Aufmerksamkeit. Ich kam jetzt ständig zu spät und konterte jede Bemerkung meiner Lehrer mit einem flapsigen Spruch. Und es schien zu funktionieren. Die anderen Kids feierten mich dafür. Und Max und ich freundeten uns an. Wir hatten auch die gleichen Interessen. Wir waren beide sportbegeistert. Er war ein riesiger Basketballfan. Nach der Schule gingen wir gemeinsam zum Jugendtreff und tauschten uns über die neuesten NBA-Transfergerüchte aus. Dann spielten wir mit den anderen Jungs Tischtennis. Der Einsatz waren NBA-Sammelkarten. Und Max und ich wurden zum Tag-Team.

»Du bist wirklich korrekt, Matthias«, sagte er mir einmal. »Wenn du Bock hast, komm doch morgen nach der Schule mal zu mir nach Hause.«

»Ja, klar. Sehr gerne«, freute ich mich.

Ich fühlte mich wie der coolste Junge der Welt.

Von diesem Tag an waren Max und ich richtig dicke miteinander. Seine Eltern waren ziemlich reich und sie hatten ein Haus mit drei Stockwerken. Max hatte eine ganze Etage nur für sich allein. Das war für einen Elfjährigen schon ganz ordentlich. Wir setzten uns vor seinen PC und zockten »Bundesliga Manager« und hörten Bravo Hits. Und während die CD lief, merkte ich, dass ich eigentlich nur die Hip-Hop-Tracks ­feierte. Besonders ein Lied hatte es mir angetan. Snoop Doggy Doggs »What’s My ­Name?«.

Mit zwölf Jahren kam ich auf die Oberschule. Max wechselte auf das Gymnasium, ich auf die Realschule. Unser Kontakt verlief sich mit den Jahren. Aber die Max-Methode behielt ich bei. Mit der Max-Methode hatte ich es bis dahin immer geschafft, bei den coolen Kids mitzuspielen. Doch jetzt wurden die Karten neu gemischt. Ich musste mich in einer neuen Klasse und auf einer neuen Schule zurechtfinden, und das fiel mir verdammt schwer. Das größte Problem waren meine Klamotten. Was in der Grundschule noch cool war, sorgte bei den anderen Kindern jetzt nur noch für spöttische Blicke. Das galt besonders für meinen Ranzen. Ich war der einzige Junge, der mit einem 4You-Ranzen ankam. Alle anderen hatten Eastpacks. Ich war verzweifelt.

»Mama, ich brauche deine Hilfe.«

»Was hast du denn, mein Sohn?«

»Ich werde in der neuen Schule nicht akzeptiert!«

»Wie bitte? Warum denn nicht? Was ist passiert?«

Ich zeigte auf meinen Schulranzen. »So was trägt man heute nicht mehr.«

»Aber den hast du dir doch selbst ausgesucht, mein Schatz.«

»Ja, Mama! Vor fünf Jahren! Zeiten ändern sich!«

Meine Mutter seufzte, zog sich ihre Jacke an und setzte sich mit mir ins Auto. Wir fuhren ins Forum Steglitz, wo ich einen neuen Eastpack bekam. Außerdem eine Southpole-Jacke für 400 Mark, einen Dickies-Pullover und eine Adidas-Knopfhose. Damit war ich gut ausgerüstet für mein neues Umfeld. Mit den Klamotten transformierte ich mich sofort in einen coolen Jungen. Egal, wie es in mir aussah, nach außen musste alles fresh wirken. Status aus Unsicherheit geboren. Die Kosten dafür trug meine Mutter. Sie musste Papa am Abend erklären, warum sie so viel Geld für mich ausgegeben hatte.

»Der Sohn hatte doch einen funktionierenden Ranzen! Wieso bekommt er einen neuen? Und wieso eine Jacke für 400 Mark? Habt ihr den Verstand verloren? Du weißt genau, wie unsere finanzielle Situation gerade ist …«, schrie er durch das Haus.

Ich verzog mich in mein Zimmer und drehte »Nas is like« von Nas auf. Die erste Schallplatte, die ich mir selbst gekauft hatte.

Auch wenn Mama mir leidtat, ich freute mich über meine neuen Sachen. Und sie zeigten ihre Wirkung. Am nächsten Tag wurde ich in der Schule schon ganz anders wahrgenommen. Die anderen Kids schauten mich nicht mehr blöd an. Sie ignorierten mich jetzt nur noch. Darauf konnte ich aufbauen. Ich wusste, dass ich coole Freunde brauchte, um selbst cool zu sein. Und da war ein Junge in meiner Klasse, der schien der perfekte Partner in Crime zu sein. Er hieß auch Matthias. Matthias war von allen der frechste und vorlauteste. Ich hielt es für eine gute Idee, mich an ihn zu halten. Matthias schien zunächst nicht allzu viel Interesse an mir zu haben. Aber nach und nach ließ er mich irgendwann einfach mitlaufen. Ich hatte nicht das Selbstbewusstsein, mich über meine eigenen Stärken zu definieren. Ich wusste nicht mal, ob ich überhaupt Stärken hatte. Ich dachte, ich könne nur cool sein, wenn ich mit den coolen Jungs abhänge.

In der großen Pause nahm mich mein neuer Kumpel mit in die Raucherecke. Und ich zog das erste Mal an einer Zigarette.

Ich beobachtete, wie die anderen Jungs das hinbekamen, dann steckte ich mir selbst eine Kippe in den Mund und versuchte, den Rauch runterzuschlucken. Ich dachte, das müsste man so machen. Die anderen lachten mich aus.

»Alter, du rauchst wie so ein Spasti«, sagte Matthias. »Du musst den Qualm inhalieren, nicht fressen.«

Er machte es mir vor. Ich versuchte es noch einmal und fing an zu husten.

»Ist normal«, sagte er und klopfte mir auf die Schulter. »Da gewöhnst du dich dran.« Und von diesem Tag an verbrachte ich jede Pause in der Raucherecke. Und meine freie Zeit so oft es ging mit meinem neuen besten Freund.

Nach ein paar Wochen sagte Matthias: »Ich glaube, du bist jetzt so weit.«

»Was meinst du?«

»Heute nach der Schule treffen wir uns mit ein paar Jungs. Da du nicht mehr wie ein Spasti rauchst, kannst du nun auch den nächsten Schritt machen.«

Ich hatte keine Ahnung, was er meinte. Was für einen nächsten Schritt denn? Wahrscheinlich wollte er, dass ich eine Zigarre rauche oder so. Meinetwegen, ich hatte nichts dagegen. Der Schultag ging quälend langsam vorüber. Als es endlich 13 Uhr war, schleppte mich Matthias auf einen Spielplatz, wo schon ein paar andere Jungs warteten. Einige waren aus der Parallelklasse, andere kamen aus der Mau-Mau-Siedlung in Lankwitz. Die waren schon um einiges härter drauf. Das war eine richtige Jugendgang und sie machten den Eindruck, als würden sie vor nichts zurückschrecken. Mir wurde dann doch relativ schnell klar, dass es hier wahrscheinlich nicht darum ging, bloß eine Zigarre zu rauchen.

»Yo, ich habe hier einen Kollegen dabei, der heißt auch Matthias«, wurde ich vorgestellt. »Der Junge ist korrekt. Seid mal nett zu dem.«

Die anderen Jungs waren zum Teil schon wesentlich älter als ich. Einer hatte eine Lederjacke an und einen Ghettoblaster dabei und er ließ amerikanische Rapmusik laufen. Cash rules everything around me. C.R.E.A.M. Get the money.

»Ey, Matthias, hast du Eier?«, fragte mich der Typ.

Ich schaute ihn ein bisschen ratlos an. Er saß auf einer Bank und winkte mich rüber.

»Leg mal deine Hand da hin«, sagte er mir.

Ich machte, was er sagte.

»Spreiz mal deine Finger ganz weit.«

»Was soll das denn werden?«

»Wollen nur mal testen, ob du Eier hast oder nicht.«

Der Typ zog ein Butterfly aus seiner Jeans, klappte es auf und fing an, mit der Klinge zwischen meine Finger zu stechen. Erst ganz langsam, dann immer schneller. Zwei Kollegen von ihm hielten meine Hand fest, damit ich sie nicht wegziehen konnte.

Ich rechnete fest damit, dass ich meiner Mutter heute Abend erklären musste, warum ich mit nur noch neun Fingern nach Hause kam. Aber ich versuchte, so gut es ging, mir nichts anmerken zu lassen. Nach einer quälend langen Minute war er fertig. Die anderen Jungs ließen meinen Arm los.

»Test bestanden«, sagte er gleichgültig und ich wischte mir den Schweiß von der Stirn.

Matthias legte seine Hand auf meine Schulter und hielt mir etwas vor die Nase.

»Was ist das?«

»Das ist Gras, du Bauer, frag doch nicht so blöd.«