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Leichte Lesekost, Erzählungen und Anekdoten mit teils ernstem, teils amüsantem Charakter. Autobiographische Elemente lassen den Leser hin und wieder nachdenklich werden. Mit einem Augenzwinkern werden gute alte Freunde und seltsame Begebenheiten beschrieben. Die Frage nach dem Sinn des Lebens und etwas Poesie runden das Buch harmonisch ab. Auch geeignet für ältere Menschen und als Geschenkbuch.
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Seitenzahl: 68
Veröffentlichungsjahr: 2021
www.tredition.de
Sarah Santos
Vom Schicksal verweht
Erzählungen und Anekdoten
© 2021 Sarah Santos
Cover
Sarah Santos
Lektorat
Roberta Erlberg
Fotos
Pixabay
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
978-3-347-13575-8 (Paperback)
978-3-347-13576-5 (Hardcover)
978-3-347-13577-2 (e-Book)
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Sarah Santos
Vom Schicksal verweht
Erzählungen und Anekdoten
Inhaltsverzeichnis
Vom Schicksal verweht (Erinnerung)
Eltern sterben nie
Szenen einer lebenslangen Ehe
Same procedure as every morning
Same procedure as every week
Das Tor zur Welt
Meine guten Freunde
Simone, die Mondäne und Intellektuelle
Julia, die Witzige und Disziplinierte
Eva, die Kreative und Selbstbewusste
Enrico, der Korrekte und Aufrichtige
Tanja, die Empfindsame und Kluge
Paula, die Musikalische und Zuverlässige
Vincent, der Noble und Zurückhaltende
Sybille, die Energische und Powervolle
Kathrin, die Friedliche und Freundliche
Johanna und Johann, die Sensiblen und Einfühlsamen
Helen, die Heitere und Reiselustige
Pascal, der Eloquente und Souveräne
Claudia und Philipp, die Herzlichen und Praktischen
Hannibal, der Humorvolle und Warmherzige
Susanna, die Interessierte und Fröhliche
Tamara, die Weltoffene und Intelligente
Anke, die Mitfühlende und Liebevolle
Anekdoten
Die Mutter
Nächtliche Kapriolen
Gestohlen
Der Nebelgeist
Starfighter
Ihre Daten
Sei nicht traurig, dass es vorbei, sei glücklich, dass es gewesen…
Einmal Pferde, immer Pferde
Musik ist die Poesie der Luft
Freiheit pur
Bemerkenswert
Corona
Glück
Vom Sinn des Lebens
Nichts einfacher als das…
Noch etwas Poesie zum Nachdenken
Dieses Buch widme ichGottfried zum 50. Jahrestagund allen, die unerschütterlichan das Gute im Menschen glauben
Vom Schicksal verweht
Oktober, Berlin
Ich ziehe die Decke über den Kopf. Sie ist dünn und weiß. Verloren in dem großen Saal versuche ich Schutz in dem schmalen Metallbett zu finden. Eine Flasche Mineralwasser auf dem alten Nachtkästchen gibt mir das Gefühl, außer meinem Körper noch etwas zu besitzen. Eine Fremde unter Fremden plötzlich, das bin ich hier. Einen halben Meter links neben mir im Metallbett starrt eine ältere Frau an die hohe Zimmerdecke. Es ist still in dem großen Saal. Mittagsschlaf. Zwei Meter neben mir erweckt die weiße Holztür das Gefühl, im Durchgang zu liegen. Ab jetzt im Durchgang zu leben, ohne Privatzone, nur im Metallbett mit Nachtkästchen.
Alte hohe Fenster, jedes einzelne vergittert, lassen Herbstlicht in den großen Saal. Zwanzig Frauen liegen und leben in zwanzig schmalen Metallbetten, aneinandergereiht wie in einem Kriegslazarett. Jede von ihnen mit einem Schicksal, das ich nach und nach kennenlernen sollte. In der Mitte des großen Saales steht ein schwerer brauner Holztisch, an den sich selten jemand setzt. Armselig, kalt, einsam, verschreckt und verloren – so fühle ich mich unter meiner dünnen weißen Decke, ahnungslos, was in den nächsten Monaten auf mich zukommen sollte…
3 Monate vorher, London, England
In nassen gelben Gummistiefeln marschiere ich über den edlen Teppich im Hilton. Schließlich bin ich 14 Jahre und muss demonstrieren (rebellieren?), wie wenig ich noble britische Konventionen respektiere. Ein tiefes zufriedenes Gefühl von Selbstständigkeit, Draufgängertum und endloser Freiheit pur durchdringt jede Zelle meines Körpers. Wie fantastisch ist die Welt hier in Großbritannien! Zum ersten Mal alleine auf Reisen! Zum ersten Mal weit weg von zuhause! Zum ersten Mal erwachsen und selbstständig und frei! Mein Gott, wie schön und leicht ist das Leben mit einem Mal! Mit roten Doppeldeckern stundenlang durch London fahren, Hop-on Hopoff machen und die Stadt auf eigene Faust erkunden. Man kann ja schon so viel Englisch unter Beweis stellen, welch ein Erfolg!
Sechs Wochen alleine in Großbritannien. Vormittags zum Sprachunterricht gehen, nachmittags am Strand baden oder mit anderen Jugendlichen Ausflüge nach Stonehenge, Salisbury, Brighton machen. Was für ein Leben!! Sorglos, erwachsen und endlich selbständig!
Zurück in der Schule, Berlin Deutsch
„Zieh keine Schau ab,“ zischt meine Nachbarin, „schreib den Aufsatz endlich!“ Gequält denke ich: ‚ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht.‘ Seit 20 Minuten starre ich auf das weiße Blatt vor mir. Nichts. Ich verbiege mich innerlich nach dem Einleitungssatz. Nichts. Es kommt nichts. Kein einziges Wort bringe ich zu Papier. Die Minuten werden immer länger, immer qualvoller. Die Zeit läuft. 30 Minuten sind schon vorbei.
Was soll ich tun? Ich kann nichts schreiben, nichts erläutern, nichts begründen… alles, was mir sonst mit Leichtigkeit aus dem Füller floss, spielend von der Hand ging – es ist plötzlich weg. Meine Hände verkrampfen sich, mein Atem kommt verzweifelt und gepresst, ein panisches, zugleich tonnenschweres Gefühl legt sich auf meinen Körper, ich halte meinen Kopf schuldbewusst und schamvoll gesenkt auf das weiße leere Blatt vor mir… endlos kriechen die Minuten, schwer und schwerer wird es in meinem Kopf und meiner Seele. Als ich meine Arbeit abgebe, steht nur mein Name darauf.
Mathematik
Von fünf Aufgaben löse ich eine einzige, gebe nach langen, qualvollen Minuten das Blatt fast leer ab und erhalte auch hier die Note 6.
Latein
Die Schulaufgabe in meinem Lieblingsfach, das ich durchwegs mit sehr guten Noten bewältigte, wird zum nächsten Horrortrip: keine Vokabeln parat, keine Erinnerung an Grammatik, eine fehlerhafte Übersetzung und die Note 5.
Verschlechterung
Meine Lehrer und Mitschüler wundern sich über mich. Ich selbst bin verzweifelt, weiß nicht, was mit mir los ist. Meine Eltern sind besorgt und ratlos, melden mich in der Schule krank und lassen mich eine Weile zuhause. Ich kann plötzlich auch nicht mehr sprechen. Keine Worte mehr vorhanden. Nur quälende Traurigkeit und Niedergeschlagenheit. Leere in meinem Kopf, meinen Gefühlen, meiner Seele, ein Zustand, den ich noch nie erlebt habe, der mir völlig fremd und unverständlich ist. Gesprächen kann ich inhaltlich nicht mehr folgen, einfache Handlungsabläufe nicht mehr bewältigen. Stumpf und energielos sitze ich, starre leer vor mich hin. Schuld- und Schamgefühle ohne Ende, ich bin ein schlechter Mensch, denke ich. Zu anderen Menschen meide ich den Kontakt, weil ich nicht mehr mit ihnen sprechen kann.
Das Nicht-mehr-sprechen-Können empfinde ich als das Allerschlimmste, fühle mich wie eine Ausgestoßene unter den Menschen.
In die Stadt gehen, nein, zu viel Angst und Unsicherheit. Weinen, sitzen, schlafen, weinen, essen, trinken, weinen, schlafen, weinen, verzweifelt sein – so vergehen die Tage. Dann bringt meine Mutter mich zu einem Psychologen: „Die Probleme liegen tiefer als wir denken,“ wägt er nach dem Rohrschachtest ab, in dem ich mehrere Figuren als Tod und Skelette deute.
In die Schule gehe ich vorerst nicht. Zuhause ist alles dunkel, düster, schwer und voller Verzweiflung. Im Klassenbuch steht „Kreislaufstörungen“. Niemand soll wissen, wie es um mich steht. Keiner findet eine Erklärung. Meine Mutter lockt mich auf den Tennisplatz, wo ich ihr mutlos Bälle zuspiele. Danach geht es mir nicht besser. Alles ist nur eine Qual, jeder Tag ist dunkel. Am liebsten möchte ich tot sein. Kontakte nach außen brechen ab, meine Mutter ist meine engste Vertraute. Als sie eines Tages zu mir sagt, „im Moment bist du krank,“ empfinde ich das seltsamerweise wie eine Erleichterung, da ich mich nicht mehr schuldig für meinen Zustand fühlen muss. Ständige Selbstvorwürfe „ich kann nichts, ich bin schlecht, ich bin an allem schuld, ich bin dumm, ich bin faul, etc.“ zermürben mein junges Selbstwertgefühl. Die zwanghafte Grübelei wird von Tag zu Tag schlimmer. Meine Freunde und Mitmenschen, die Welt und das Leben – alles ist weit weit weg von mir. Ich drehe mich nur noch um meine eigene tägliche Verzweiflung, quäle mich durch die Stunden und weiß nicht, was mit mir los ist… das Wort „Depression“ kenne ich mit 14 Jahren nicht.
Zuhause im kalten Saal, Oktober bis März, Berlin
Dr. Rodenreich ist ein junger Psychiater mit freundlichen blauen Augen. Er geht nett und verständnisvoll mit mir um, stellt verschiedene Fragen, auf die ich nicht oder nur kaum antworte. Aufgefallen sei ihm, dass ich meine Bettdecke bis hoch über den Kopf gezogen habe beim Mittagsschlaf. Bald entlässt er mich wieder in den großen Saal der Kälte. Ich sei erst einmal ‚zur Beobachtung‘ hier auf der Station. Immer noch sagt mir niemand, was mit mir los ist. Ich weiß nur, dass ich jetzt in einem Bau der Psychiatrie bin, wo
