Von Ende bis Anfang - Catarina Köppchen - E-Book

Von Ende bis Anfang E-Book

Catarina Köppchen

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Beschreibung

Nach Regen und Traufe gelangte die Autorin während ihrer Ausbildungszeit wieder auf trockeneren Boden.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2021

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ANFANG

Heute ist der 28.Februar 2009. Heute vor 28 Jahren lag ich bewusstlos im Schwabinger Krankenhaus. Ein eigenartiger Gedanke. Die Zeit ist glücklicherweise an sich gut weiter gegangen. Der Satz „Die Zeit heilt alle Wunden“ hat teilweise etwas Wahres an sich.

Teilweise deshalb, weil sich die inneren, seelischen Wunden oft durch Erinnerungen wieder öffnen und einen nicht ruhen lassen. Im Nachhinein sieht man oft das Gute in schlechten Erfahrungen, weil es sich damit leichter weiterleben lässt. So gesehen sollte ich meine

traurigen Erinnerungen abhaken, kann ich aber nicht. Sie sind ein Teil von mir. Sie machen mich aus. Denn auch mit ihnen und durch sie bin ich so geworden wie ich jetzt bin. Also haben auch schlechte Erinnerungen ihr Gutes. Man arbeitet mit ihnen, man wächst mit und an ihnen. Wie eine Haut, die man abstreift, um zu wachsen. Die Haut scheint verloren zu gehen, tatsächlich ist sie aber immer noch da. Man kann eben nicht raus aus seiner Haut!

Oft sind Erinnerungen ja auch etwas Schönes, eben dadurch, dass man sich an etwas erinnern kann. Was mich vermeintlich „früher“ schon bewegt, erfreut oder berührt hat, das tut es dann wieder, sobald ich mich daran erinnere. Das trägt mich zurück in eine andere Zeit, in eine andere Welt. Manchmal meint man dann in eine bessere Welt, eine so genannte „gute alte Zeit“. Ich glaube, dass es den Ausspruch „gute alte Zeit“ auch deshalb gibt, weil man sich an die Zeit, in der man sich jung und stark fühlte, besonders klammert und sie deshalb als besonders, also als gut, darstellt. Es ist aber nur eine andere Zeit. Heute, da verfügt man über einen ganz anderen Erfahrungsschatz, damit scheint das, was „damals“ war, ganz einfach zu bewältigen. Scheint so. Doch der Schein trügt. Es gibt eben gerade diese Konstellation nicht: Erfahrungsreichtum und Jugend. Also kann es auch keine gute alte Zeit (gut und alt ist wahr, aber in Verbindung mit der Zeit…?) geben, sondern einfach bloß eine gute andere Zeit.

Die Zeit nämlich geht weiter, ob wir wollen oder nicht. Erbarmungslos. Und da braucht man eben ab und zu seine ganz persönliche eigene Flucht in eine scheinbar bessere Zeit, in die alte.

Jetzt möchte ich aber da anknüpfen, wo mein letzter Bericht geendet hat.

Ich war also nach der missglückten Zeit im „Hotel auf dem Zauberberg“ wieder daheim. Dort wollte und musste ich mich um eine andere Lehrstelle kümmern. Und so bewarb ich mich bei verschiedenen Hotels. Doch da es ja mitten im Jahr war, es war bereits März, sah es nicht gut aus. In Häusern wie dem Hilton bot man mir eine Lehrstelle für 1990 an. Eine letzte Chance hatte ich noch bei den H. Gaststättenbetrieben.

Dort hatte ich dann im April ein Vorstellungsgespräch. Und zwar in der Hauptverwaltung, im „Haus der Kunst“. Dass es dort außer dem Museum auch noch Büroräume gab, fand ich recht ungewöhnlich. Ich musste über den großen Parkplatz unterhalb der Ausstellungsräume, wo ich auch die grüne Eingangstüre fand. Eine Sekretärin begrüßte mich freundlich und bat mich, im rechts gelegenen Raum Platz zu nehmen. Der Prokurist komme gleich. So schaute ich mich erstmal in dem eher kleinen Zimmer um. Dort stand ein großer Schreibtisch am Fenster, mit Schreibtischstuhl versteht sich. Ebenfalls befanden sich zwei Stühle in der anderen Ecke des Raumes. Ein bequem aussehender Stuhl, sowie ein einfacher Holzstuhl. Zwar verlockte mich der mit Stoff bezogene, dennoch entschied ich mich intuitiv für den harten Holzstuhl. Als dann nach einiger Zeit Herr v.S. eintrat, bemerkte ich sein kurzes Nicken, als ich mich von meinem Platz erhob. Im Nachhinein bin ich fest davon überzeugt, dass die Stuhlwahl schon die erste Prüfung war.

Denn wer sich als kleines Licht schon auf den besseren Platz setzt, der scheint etwas übermütig und von sich selbst zu überzeugt. Herr v.S. fragte mich im Laufe des Bewerbungsgespräches auch, warum ich meine Eltern nicht mitgebracht hätte. Andere Bewerber wären mit ihren Eltern gekommen. Darauf antwortete ich nur: „Ich möchte doch die Lehrstelle haben, nicht meine Eltern.“ Als ich gegen Ende des Gesprächs die Zusage für meine Lehrstelle zum Hotelkaufmann erhielt, war ich überglücklich! Ich sollte am 2.Mai 1988 meinen ersten Arbeitstag haben. Herr v.S. teilte mir mit, dass ich in der Abteilung „Service“ anfangen werde. Im österreichisch-ungarischen Restaurant „Piroschka“, das sich ebenfalls im unteren Teil des „Haus der Kunst“ befand. Das tat ich dann auch.

An meinem ersten Arbeitstag trat ich sehr schüchtern meinen Dienst an. Ich sollte am Anfang in der Spülküche Gläser polieren. Die noch schmutzigen Gläser vom Vorabend wurden in der Spülmaschine ruck zuck gespült und mussten danach von uns Lehrlingen abgetrocknet, also poliert und so auf Hochglanz gebracht werden. Nach ein paar Wochen bzw. Monaten war das schon Routine und ich muss grad dran denken, wie der Roland zu mir sagte, er habe sich an meinem ersten Arbeitstag echt gewundert wie schüchtern und kleinlaut ich da gewesen sei. Das war natürlich kein Wunder nach den Erlebnissen vom Hotel auf dem Zauberberg.

Er nannte mich schon bald Cati, was er „Tsatti“ aussprach, weil mein Vorname ja mit „C“ geschrieben wird. In unseren Briefen nach der Lehrzeit einigten wir uns darauf, dass unter dem C wie im Französischen ein Häkchen stehen muss; das „C mit Cedille“ also. Seinem Beispiel folgend nannte ich ihn ab und zu Roli.

An meinem ersten Tag im Service sollte ich dann nach dem Gläserpolieren Servietten falten. Auf die Frage, ob ich das schon mal gemacht hätte und welche Arten des Faltens ich schon kenne, bekam ich es schon wieder mit der Angst zu tun. Schließlich hatte ich bisher keine einzige brauchbare Serviettenfalttechnik kennen gelernt. Herr K., der Restaurantleiter und auch Herr Sch., sein Vertreter, waren aber sehr freundlich und geduldig mit mir und zeigten mir, was ich zu tun hatte.

So lernte ich neben dem Serviettenfalten auch all die anderen wichtigen Handgriffe, wie zum Beispiel das richtige Tragen gefüllter Kaffeetassen: Dabei darf man nämlich nicht die Tassen samt Inhalt im Blick halten, sondern muss einfach geradeaus schauen, dann läuft nichts über. Oder eben andere Kellner-Tricks. Da fallen mir einige kleine lustige Begebenheiten ein, über die ich nachher schreiben möchte. Vorher muss ich noch über meine erste „Gegenüber-stellung“ mit den Köchen berichten. Gegenüberstellung deshalb, weil mir die Kollegen aus der Küche tatsächlich gegenüber standen und mir von den Kellnern als die natürlichen Feinde des Service vorgestellt wurden. Das wunderte mich sehr, denn meiner Meinung nach mussten doch Köche und Kellner Hand in Hand arbeiten. Das ist natürlich auch so, aber es herrschte eben eine Art Rivalität zwischen den beiden Lagern. Das sollte ich während meiner Zeit in der „Piroschka“ auch noch hautnah erleben.

Los ging es aber erstmal mit dem „neues Lehrmädchen-Verschaukeln“. Der eine Koch, er hieß Gregor V., war ein grobschlächtiger Typ. Der meinte, neue Lehrlinge müssten erstmal getauft werden. Da er an meinen ersten Arbeitstagen aber nicht da war, sagte ich, dass ich das bereits hinter mir hätte, was aber gar nicht stimmte. „Taufe“ hieß, dass man in eines der großen, mit Wasser gefüllten Waschbecken gehoben wurde. Er erzählte mir auch, dass jeder Metzgerlehrling als erstes ein Glas warmes Rinderblut trinken müsse. Als Bewährungsprobe sozusagen. Da schüttelt`s mich heute noch. Der französische Koch, den ich noch vor mir seh, er hieß glaube ich Philippe und kam aus Colmar, hatte mich auch schon im Visier. Er hielt mir z.B. tote Fische in jeder möglichen fiesen Art vors Gesicht. Umso erstaunter und erfreuter war ich über einen anderen, der wie ich der Ansicht war, dass alle an einem Strang ziehen müssten, den Stefan R.. Er war Kochlehrling im 2. Lehrjahr. Mit ihm freundete ich mich im Laufe der Zeit auch an, was wiederum den Roland ärgerte. Mit dem arbeitete ich ja im Service zusammen. Als ich ihn eines Tages am Getränkebuffet, also der Getränkeausgabe für den Service ablöste, brauchte ich ab und zu Hilfe, um Getränkekisten oder Bierfässer aus der Kühlung zu holen. Ich erinnere mich noch lebhaft an das Gerangel der beiden, wer von ihnen mir denn helfen dürfte. So nahm ich sie halt alle beide mit und amüsierte mich über ihr gockelhaftes Gehabe, als sie mir die Fässer auf den Wagen trugen oder darum stritten, wer von ihnen denn jetzt den Wagen schieben würde. Das war eine lustige Zeit an die wir uns später alle drei lachend erinnerten. Insgesamt war ich acht Monate in der „Piroschka“, die ihren Namen von dem gleichnamigen Film mit Liselotte Pulver hatte. Dort hatte ich meine besonders schöne Zeit der Lehre, im Nachhinein gesehen. Denn nicht immer war es angenehm. Erstmal wegen der Arbeitszeiten. Wir mussten um 16 oder 16 Uhr 30 beginnen, und durften erst gehen, wenn der letzte Gast weg und das Nötigste aufgeräumt war. Das konnte gegen Mitternacht sein oder auch erst gegen 2 oder 3 Uhr in der Früh. Das war auch häufig der Fall, denn oft kamen erst gegen eins oder halb zwei noch irgendwelche späten Gäste daher. Die kamen dann in Massen. Also zu zehnt oder noch mehr. Trinkfreudig wie sie waren, blieben sie auch gern länger. Ein regelmäßiger Gast war der so genannte „Mörder-Joschi“. Der Herr K. erklärte mir den Namen damit, dass er schon mal jemanden getötet haben soll. Oh wei!! Gemein will ich zwar nicht sein, aber da gab es auch nächtliches Gschwerl und DAS ging mir auf die Nerven! Wie auch die ständig gespielte Musik, die dem österreichisch ungarischen Charakter der „Piroschka“ entsprechend von ungarischen Musikern gemacht wurde. Sie hatten ihren Platz auf einem Podest, wo sie mit Zither, einem Zymbal und natürlich mit der Geige fiedelten. Wenn die Livemusiker mal frei hatten, tönte die Katzenmusik dann vom Band durchs Lokal. Schrecklich!!! Ich weiß noch wie angenehm die Stille war, als anlässlich des Todes von Franz Josef Strauß eine Woche keinerlei Musik gespielt werden durfte.

An den Abend erinnere ich mich auch noch gut, als der Zeitungsbote Baba mit der ersten Ausgabe der neuen AZ (AbendZeitung) kam, auf der in großen Lettern die Schlagzeile „STRAUß TOT“ prangte. Das war ein regelrechter Schock – für alle. So, als wäre der König von Bayern gestorben. Ich hab damals richtig gezittert vor innerer Kälte oder Ergriffenheit. Es gab die Möglichkeit, sich im Prinz Carl Palais in ein Kondolenzbuch einzutragen. Ich hatte mich nach langem Überlegen auch dazu entschlossen und mich in die endlos lang scheinende Schlange eingereiht. Allerdings wurde mir bei der Warterei plötzlich ganz komisch. Ich entschied mich dann doch dagegen und war froh, als ich aus der Masse Menschen wieder heraus war.

Jetzt fällt mir auch grade der Name eines der ungarischen Musikanten ein: Jenö B.. Das war vielleicht ein eingebildeter Fatzke! Der meinte auch, er sei unwiderstehlich. Bah!

Ich weiß noch wie er mich mehrfach, von hinten angeschlichen, einfach in seine Arme genommen hat. Igitt igitt! Oder ein anderer fieser Typ von diesen nächtlichen Trinkgelagen: Ab und zu war ich dann auch an der Garderobe eingeteilt bzw. am Eingangsbereich, um z.B. Gästen bei der Suche nach der Toilette behilflich zu sein. Die Damentoilette war nämlich etwas versteckt auf der linken Seite oder um zu spät kommenden Gäste mitzuteilen, dass wir gleich schließen würden oder ähnliches. Es musste eben ein Ansprechpartner vorne sein. Und da kam eben eines Abends einer dieser unangenehmen Gäste auf mich zu und drückte mir einen abartigen Kuss auf den Mund! Ich war dermaßen entsetzt, dass mir gar nichts einfiel. Wie geschockt stand ich da!

Überhaupt gab es Leute, nein natürlich Gäste, die sich sehr merkwürdig benahmen. Ich denke da grade an den ach so tollen Atze - kommt Atze eigentlich von ätzend? Ein bekannter Filmemacher, den ich natürlich zuvor nicht kannte.

Der war auch so ein na ja! Er saß immer am selben Tisch, kam aber immer mit anderen jungen Frauen, die sich im Laufe des Abends mehr und mehr an ihn – einen sehr von sich eingenommenen älteren, vermeintlich schönen Mann – ranmachten. Und er sich dementsprechend an sie. Irgendwann hatte auch ich es verstanden. Sie wollten wohl alle in einen seiner Filme kommen. Wenn es im Filmgeschäft so läuft, darf man keine Schauspieler beneiden.

Dieser Widerling kam auch eines Abends zu mir an die Garderobe, um seinen Mantel abzuholen. Die Garderobenaufsicht kostete jeden Gast achtzig Pfennig, glaube ich. Als Herr B. jedenfalls seinen Mantel gegen seine Garderobenmarke haben wollte, teilte ich ihm mit, dass ich noch die Gebühr von achtzig Pfennig von ihm bekomme. Darauf meinte er, er gebe mir lieber einen oder mehrere Küsse und kam gefährlich nah auf mich zu. Da reagierte ich dann aber richtig und rannte schnellstmöglich ins Lokal zu Herrn K..

Nach meinem kurzen Bericht, kam er ganz in Ruhe mit mir nach vorne, wo er Herrn B. einigermaßen sauer klarmachte, dass er mich in Ruhe zu lassen habe und er ihn ansonsten aus dem Restaurant werfen müsse. Das tat mir sehr gut. Herr K. war sowieso immer sehr nett und hilfsbereit.

Wie schon vorhin angekündigt, schreibe ich über einige Begebenheiten während meiner „Piro“-Zeit. Bin ja schon mitten drin!

An der Garderobe hatte ich einige lustige Erlebnisse. Wie da, als eine Dame, die ewig nicht von der Toilette zu kommen schien, mich beinahe flehentlich um Hilfe bat. Sie bekam ihre Hose, sie war grau-weiß gemustert, nicht mehr auf und nicht mehr zu. Der Reißverschluss hatte sich verhakt. Gemeinsam haben wir ihr Missgeschick nach einiger Zeit aber in den Griff bekommen und behoben. Das war recht lustig.

Oder einmal, als ein Ehepaar mit ihren Mänteln an die Garderobe kam: Ich lief in den Garderobenraum, um beide Mäntel aufzuhängen. Als ich den Pelzmantel schnell an einen Haken hängte, knackste es verdächtig. Zu meinem großen Schreck sah ich, dass der Pelz am Aufhänger leicht eingerissen war. Oh wei! Das Blut schoss mir vor Angst in den Kopf. Was passiert, wenn die Gäste nachher beim Abholen ihrer Garderobe meinen groben Fehler entdecken? Werde ich womöglich den Mantel bezahlen müssen oder etwa die Lehrstelle gekündigt bekommen? Voller Angst stand ich in der Schrecksekunde wie gelähmt vor dem wertvollen Pelz. Ich wusste, dass ich sofort handeln musste. In der Eile nahm ich den Mantel, ging mit ihm zum Garderobentresen und zeigte ihn dem Ehepaar. In meiner Not pokerte ich. Ja, eigentlich log ich. Als ich den Herrschaften nämlich den Pelzmantel vor die Augen hielt, zeigte ich ihnen den entstandenen Riss und sagte, dass ich ihn gerade entdeckt hätte und ihnen zeige bevor ich den Pelz aufhänge, damit sie nachher nicht sagen, ich hätte den Riss hinein- gemacht. Mir wurde eiskalt dabei. Ich wunderte mich selbst über mich und meine Dreistigkeit, sah aber im Moment keinen anderen Ausweg. Wie erleichtert war ich, als der Mann sei- ne Frau beschimpfte und sagte, dass das nur daher komme, dass sie ihren Pelz immer nur an dem Haken aufhänge und nicht über einen Bügel. So wie er es ihr schon immer wieder gesagt habe. Sichtlich kleinlaut gab seine Frau ihm Recht, meinte aber zu mir mit einem Kopfnicken, es sei alles in Ordnung. Vielleicht war ihr das Aufbrausen ihres Ehemannes peinlich. Ich auf jeden Fall hatte riesiges Glück, dass meine Schwindelei nicht aufgeflogen ist! Stolz war ich aber nicht über diese Lüge. Seit diesem Erlebnis kamen dann alle Mäntel auf einen Bügel! Auch wenn das etwas länger dauerte.

Am Eingang gab es auch so eine Art ,Häuschen‘. Sollte wohl das Bahnhofshäuschen aus dem Piroschkafilm darstellen. Eigentlich war es nur ein kleiner Verschlag, der sich durch eine unabschließbare Holztür betreten ließ. Dort durfte der diensthabende Azubi dann auch mal sitzen, wenn grad nicht viel los war. Natürlich immer auf dem Sprung, um zur Stelle zu sein, wenn ein Gast kam. Es kam aber auch manchmal höherer „Besuch“. Nämlich der Chef, Herr H. senior oder sein Prokurist, Herr v.S.. Der Herr H. kam jeden Abend vorbei. Die „Piroschka“ war sein Steckenpferd. Er sammelte dafür auch lauter Schnickschnack, der vielleicht mal zur Dekoration verwendet werden könnte – aber nicht gebraucht wurde. Das Restaurant war eh schon voll genug mit solchen mehr oder weniger kitschigen Dingen. Eine große Ansammlung von Scheußlichkeiten bekam ich zu Gesicht, als Frau H., die für die Wäsche und das Magazin im H.d.K. verantwortlich war, mich einmal in die Kellerräume mitnahm, in denen alles aufbewahrt wurde.

Wenn Herr v.S. abends in die „Piroschka“ kam, fragte er einen gerne nach Weinen und deren Anbaugebieten ab. Deshalb riet man mir, immer eine Weinkarte mit ins Häuschen zu nehmen, damit es so aussah, als würde ich eifrig daraus lernen. Unter der besagten Karte hatte ich dann aber andere Blätter liegen: Ich schrieb nämlich Briefe, wenn ich Zeit hatte. Oder ich kritzelte so vor mich hin. Muster oder Woodstocks. Die gelangen mir mit der Zeit immer besser, so dass ich eine Seite voll verschiedenster Woodstocks bemalt hatte. Bei einem seiner Kontroll-besuche entdeckte Herr Sch. meine „Kunstwerke“. Er war total begeistert davon und zeigte sie gleich Herrn K. und Herrn D.. An einem der nächsten Tage kam er dann zu mir und fragte mich, ob ich solche Woodstock-Figuren auch bei ihm zu Hause malen könne. Das tat ich dann auch an einem Wochenende. Ich fuhr mit der S-Bahn nach Petershausen, wo er mit seiner schwangeren Frau wohnte. Ich sollte die Woodstocks in das zukünftige Kinderzimmer an die Wand malen! Bevor ich jedoch an der strahlend weißen Wand loslegen sollte, wollte Herr Sch., dass ich zur Probe erstmal einen Woodstock im Keller anbringe. Direkt hinter der Kellertüre. Richtig groß sollte ich mein erstes Exemplar malen. Das war schon eine Herausforderung. So astrein fand ich das „Gemälde“ ja nicht, aber er und seine Frau waren so zufrieden, dass sie mich direkt im Kinderzimmer weitermalen ließen. Dort sollten die kleinen gefiederten Freunde dann aber klein sein. Auch das war nicht ohne. Mit einem kleineren Pinsel klappte es dann auch recht gut. Eine Wand voller Woodstocks! Ich war schon sehr stolz auf mich und freute mich als mir Herr Sch. auch ein paar Mark dafür geben wollte. Ich glaube, zwanzig DM und die Fahrtkosten erstattete er mir auch! Das war schon sensationell! Und Spaß gemacht hatte es auch! Auch heute noch habe ich eine besondere Vorliebe für den kleinen gelben Matz.

Der Senior kam also jeden Abend vorbei. Wenn nicht, um etwas zu trinken, so doch um sich zu zeigen, wenn er außer Haus ging. Das tat er öfters in der Woche, um zum Sport zu gehen. Er war ein ganz besonders netter Chef. Als ich 1998 von seinem Tod erfuhr, hat mich das sehr mitgenommen.

Er war verheiratet, ich glaube, sie war bereits seine zweite Frau. Die Frau D.. Sie war eher selten im H.d.K. Sie hielt sich öfter auf der Messe auf. Persönlich kennengelernt hab ich sie nicht so richtig. Sie war eher zurückhaltend und auch eine eher feine Dame, die nicht mit jedem vom Personal redete, hatte ich den Eindruck. Wenn ich an sie denke, sehe ich eine recht groß gewachsene, unheimlich dünne Frau vor mir. Als ich sie einmal auf der Messe erlebt habe, sagte sie, sie habe sich heute früh eine Banane reingedrückt. Klang für mich so, als sei essen für sie eher eine Qual als ein Vergnügen. Wie gesagt, sie war auch knochendünn.