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Ein thailändisches Mädchen reißt am Straßenrand einen Freier auf. Weil sie schön ist, glaubt er, nicht loslassen zu können. Er reist ihr nach, holt sie zurück und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Sie sieht die Gelegenheit, sich auf eigene Füße zu stellen. Ihre Wünsche sind nicht maßlos, gehen aber doch ins Geld. Unbedingt will sie sich eine Existenz verschaffen. Sie macht Karriere im Barbetrieb, ohne sich dafür herzugeben, mit den Kunden zu gehen. Nur zur Drohung lässt sie ihren einzigen Freier wissen, welche Möglichkeiten sich ihr bieten. Ihr Sex Appeal sei gefragt. Er lässt sich dazu hinreißen, sie immer wieder freizukaufen. So bringt sie es zu einem eigenen Haus in ihrem Heimatdorf, um am Ende doch in die Falle zu tappen und sich in aller Unschuld ihrer Schönheit zum Opfer zu bringen.
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2019
Stefan Veigel
Von erpresserischer Schönheit
Roman
© 2019 Stefan Veigel
Layout: Dr. Matthias Feldbaum, Augsburg
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40–44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-2267-9
E-Book:
978-3-7497-2269-3
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Februar 2011
Mein Freund Hans-Werner, mit dem ich mich einmal in der Woche zur Lektüre philosophischer Texte treffe, wollte Thailand kennen lernen. Er hatte viel darüber erzählen hören, nicht zuletzt von mir, der ich in diesen Jahren immer häufiger dahin gefahren war, besonders auf die Inseln, nur noch nie nach Phuket.
Hans-Werner hatte im Rahmen einer All-inclusive-Reise ein namhaftes Hotel in Kata Beach gebucht direkt an der Seeseite, aber viel zu teuer, wie ich fand und daraus geschlossen, dass er sichergehen wollte, nicht in der Wildnis zu stranden. Um ihm zu beweisen, dass es sich schon auf der gegenüberliegenden Straßenseite nur zu einem Bruchteil des Hotelpreises gut leben ließe, bin ich ihm an die Küste der Andaman-See nachgereist.
Meine Unterkunft war wirklich auf der anderen Seite der Straße, zwar nicht jeden Tag frei, so dass ich zwischendurch das Quartier wechseln musste, aber so wenige Schritte von seiner Luxusherberge entfernt, dass ich tagsüber mehr bei ihm als bei mir zubrachte. Hans-Werner reservierte die Schattenplätze für die Hotelliegen, und ich brauchte noch nicht einmal das eigene Handtuch mitzubringen. Das Badelaken vom Hotel lag schon bereit. So ließ es sich natürlich aushalten.
Als eine Erkältung im Anzug war, konnte ich ihn davor bewahren, indem ich den Temperaturregler der Klimaanlage hochstellte. Hans-Werner hatte sein Zimmer auf 21 Grad abgekühlt. Mittags fror er unter der Decke und fing schon an zu husten.
So verbrachten wir die Hitzetage im Februar 2011, als in Europa der Winter auf dem Höhepunkt war, die meiste Zeit in der Hotelanlage. Zwei ältere, grauhaarige Herren fürsorglich umeinander herum. Nach Einbruch der Dunkelheit und nach dem gemeinsamen Essen gingen wir vor die Tür. Unter Gesprächen, die unsere Themen umkreisten, erkundeten wir die nähere Umgebung, um rechtzeitig vor 11 Uhr nachts zum Schlafen auseinander zu gehen. Ich begleitete Hans-Werner die letzten Meter zu seinem Hotel, als mich Lara fand. Auf ihrem Motorbike an uns vorbeifahrend, hatte sie einen Seitenblick aufgefangen, abgebremst und über die kurze Entfernung fragend zu uns herübergeschaut. Ich trat näher an sie heran, und nach kurzer Verhandlung brauste ich, die Schöne rittlings auf dem Hintersitz umklammernd, an meinem verdutzten Freund vorbei.
Ihr so im Fahren um die Taille zu fassen, war gleich sehr aufregend. Ich war diese Nacht umquartiert worden, und so hatte ich Zeit, im Gegenwind ihren flachen Bauch zu ertasten. Sie ließ es geschehen.
Von Anfang an wollte sie vollkommen Frau sein. Das abgelegene Loch, in das ich für diese Nacht ausweichen musste, war ihr keine Erwähnung wert. Das geräumige Doppelbett reichte. Sie ließ sich wie von selbst darauf fallen und blickte mich erwartungsvoll an. Den Anflug von Verlegenheit, mit dem ich das viel zu grelle Deckenlicht dimmen wollte, lächelt sie einfach weg. Mit einemmal war ich wieder der kleine Junge, der mit zitternden Händen sein Überraschungsgeschenk auspackt. Wie ich mich an der Verpackung zu schaffen mache, dankbar, dass mir bei der luftigen Bekleidung noch genug zu entdecken bleibt, schlägt mir das Herz bis in die Fingerspitzen. Das Kleid und die Wäsche abzustreifen hilft sie mir. Wie ich alles anfassen muss, auch was so nackt, wie es vor mir liegt, noch aufreizend versteckt ist, wie ich all das wie unter Zwang berühren muss, bleibt sie hingebungsvoll gelassen und – was ich überwältigend finde – völlig unängstlich. Ich vergesse mein Alter, meine Scham, meine Beklemmungen.
Sie tut nicht so, als wäre es das Natürlichste von der Welt. Sie überlässt mich nicht mir selbst und meinen unausgegorenen Wünschen – nun mach mal! Sie geht auf mich ein, und so schnell, wie sie begreift, was ich mag, leitet sie mich auch schon an, es noch lieber zu mögen und mir das Gefühl zu geben, es wie zum ersten Mal und überhaupt erst in diesem Augenblick richtig zu machen. Sie ist dabei auf eine ernsthafte Weise ehrgeizig. Sie will es besonders gut machen und ruht nicht eher, bis sie es mir gezeigt hat. Im selben Moment weiß ich, wie selten mir das begegnet ist. Ich will sie wiederhaben und sie wie selbstverständlich mich auch.
Die folgenden sieben oder acht Begegnungen fanden wieder in meiner vorigen Herberge statt. Ich hatte mich wie allabendlich nach einem ausgefüllten Badetag von Hans-Werner verabschiedet, als Lara mit dem Motorbike vorfuhr, geschäftsmäßig die Außentreppe erklomm und an meine Tür klopfte. Sie sprühte vor Leben, und ich musste gleich die erste Begrüßung – wie sie in einem neuen Dress durch den Raum wirbelte – dazu benutzen, ein paar Fotos zu schießen.
Ich war kein Fotograf und bin es nie gewesen. Aber wie unter Zwang wollte ich den unvergleichlichen Moment festhalten, und sie half nach, indem sie kurz in den Posen verharrte, in denen sich mein Begehren sonnen konnte.
Keine der Posen war ihre Erfindung. Neu war, dass sie sich an mich richteten und mir das Kino wieder in Erinnerung riefen, mit dem ich aufgewachsen bin. Nur dass mit einemmal ich in der Hauptrolle war. Für mich schlug sie die Augen auf und schmachtete die Kamera an. Es war mein Blick, den sie sich so auf den Leib zog, dass er sich in immer neuen Kurvaturen ergoss. Unter meinen Augen wühlte sie sich in das Kissen hinein und ließ den Saum ihres Kleides hoch gleiten, so dass ihre langen und immer länger werdenden Beine mir wie ins Gesicht sprangen.
Sie liebte die Kamera und die Kamera liebte sie. Damit hatte ich ihren Lebensnerv getroffen. Denn sie lebte auf und gefiel sich selbst am meisten, wenn sie sich – auch ohne Kamera und nur von meinen Blicken dirigiert – von ihrer attraktivsten Seite zeigen konnte.
Nach dem Show-down verschwand sie ins Bad, führte sich ein Gleitgehl ein, und ein anderes Spiel begann. Ein Spiel ganz ohne Kamera und, wie ich bald herausfand, am liebsten fast ohne Licht. Instinktiv wusste ich, dass ich daran nicht rütteln sollte. Sie dankte es mir, indem sie, wieder nach dem Bad, ins Licht zurückkehrte und auf meine neugierigen Fragen einging. Wenn sie mit mir fertig war, ging sie gegen Mitternacht in die Bar. Irgendwo in der lärmenden Hauptstraße hatte sie Arbeit gefunden, stand aber – nach ihren Worten – die meiste Zeit unscheinbar im Halbdunkel herum. Sie wurde ebenfalls im benachbarten Karon eingesetzt, verdiente aber auch dort so wenig, dass sie auf Kunden wie mich angewiesen war.
Sie nannte sich Pim, hieß aber Lara, was eine Verballhornung ihres schwierig auszusprechenden thailändischen Namens ist. Pim nannte sie sich nach ihrer besten Freundin, die in der Gegend wohnte, mit einem Schweizer verheiratet und als Unternehmerin erfolgreich war. Lara wäre schon gern Pim gewesen, schloss ich daraus. Es könnte ja sein, dass sie ihrer Freundin hierher gefolgt ist, um ihren eigenen Weg erst noch zu finden. Das Gefühl, bei einer Premiere dabei gewesen zu sein, überkam mich. Ich war kein unbeschriebenes Blatt und sie mit ihren 27 Jahren auch nicht. Aber das Feuer, das sie ausstrahlte, dieser noch halb in Verlegenheit sich windende Eifer war alles andere als routiniert.
Lara kam aus der Umgebung von Khon Kaen, einer Zweimillionenstadt nordöstlich von Bangkok, und dahin, ins ländliche Isan, würde sie auch bald wieder zurückgehen, wenn sie etwas Geld zusammen hätte. Wie ich sie schon entschwinden sah, wollte ich ihre Adresse haben. Sie kramte einen Stift hervor. Das Papier schien ihr ungewöhnlich groß, so dass sie keinen Anfang fand. Sie setzte mehrfach an, drehte unschlüssig das Blatt Papier, bis ich merkte, dass ihr die Umschrift in lateinische Buchstaben schwer fiel. Wenn mir die thailändisch anmutenden Schriftzüge auch gleich sehr gefielen, eine richtige Adresse kam dabei nicht heraus. Ich fing an zu ahnen, dass es ein langer Weg sein würde, wenn sie es ihrer geschäftstüchtigen Freundin gleichtun wollte.
Meine Vorfreude auf Lara wuchs mit jedem Tag, und bald dienten die abendlichen Ausflüge mit Hans-Werner vor allem dazu, die Zeit zu überbrücken, bis sich das knatternde Motorbike und an der Tür ihr Klopfen hören ließen. Sie sah jedes Mal anders aus. Die schwarzbraunen Haare, zu einer Art Mähne geföhnt, fielen ihr mal schräg über die Stirn wie eine Schlafzimmergardine, mal waren sie hinten lose zusammengebunden und gaben die Stirn mit den dunkel nachgezogenen Augenbrauen frei. Als sie dasselbe Kleid ein zweites mal trug, ließ sie es gleich hinter der Tür über Schultern und Hüften herabfallen und stand in himmelblau gemusterter Wäsche vor mir, untenherum ein von einem String zusammengehaltenes Dreieck. Sie hatte den Fummel auf dem Markt erworben und drehte vor meinen Augen eine Pirouette, sich von allen Seiten zeigend.
Als Gegengabe griff sie nach meiner Kamera und machte – was ich so aufreizend, wie sie aussah, nicht gewagt hätte – ein paar Fotos von sich selbst. Sie war empfänglich für die Aufmerksamkeit, die ihre Schönheit bei mir erregte. Ich bewunderte ihre elegante Figur, ihre makellosen Brüste, ihre wie eine fleischige Blume aus dem Leib aufspringende Pussy. Als sie auf dem Bauch liegend mich von unten in sich aufnahm und den Druck auf genau den richtigen Punkt erhöhte, musste ich sie unwillkürlich fragen, wo sie das gelernt habe – „Aus Pornofilmen“.
Am Ende dieser Reihe bestürzend schöner Begegnungen bin ich erschöpft und kann nicht mehr. „No more sex.“ Dafür darf ich sie, mit den Fingern zwischen ihren anschwellenden Schamlippen, zum Höhepunkt bringen, den Mund fest angesaugt an ihre Brustwarze.
Sie will schon bald zurück nachhause und einen Beautysaloon eröffnen. Vielleicht kann ich ihr dabei helfen.
Es ist die Geschichte eines alternden Professors, der einer jungen, überaus hübschen Nutte begegnet, die es so, wie er meint, nur in Thailand gibt. Ein Mädchen, waghalsig genug, sich auf offener Straße anzubieten, aber auch schüchtern genug, um mit dunkel fragenden Augen die Illusion zu wecken, dass noch nicht alles verloren ist.
Das will er sich leisten können, sagt er zu sich selbst und folgt damit einem Lieblingsgedanken, den er mit zunehmendem Alter wie ein Steckenpferd reitet: „Mich gibt es nur noch für Geld. Ich bin anders nicht als käuflich zu haben. Jetzt gleich und hier auf der Stelle will ich dafür bezahlen. Statt Jahre später von Anwaltskosten und nicht endenden Aufwendungen für den Unterhalt verfolgt zu werden. Wenn schon Liebe, dann nur gegen Bezahlung.“
Wie zu sehen ist, hat der Professor seine Erfahrungen gemacht. Was er sich auch in Zukunft will leisten können: Er geht fremd in Fächern, in denen er nicht als Fachmann ausgewiesen ist. Jetzt, da es keine Zukunft und keine Karriere mehr zu machen gab, wilderte er in fremden Gärten herum. Als Quereinsteiger in die Philosophie wollte er sich nicht um die sorgsam eingehegten Gärten scheren und nicht auf den ausgetretenen Schulpfaden bleiben.
Das Paradiesgärtchen, das die Wissenschaft jedem ihrer treu ergebenen Diener zur weiteren Pflege überlässt – diesen Frieden wollte er nicht. Er ging fremd, und weil er wusste, dass es gerade in der engsten Nachbarschaft nicht willkommen war, nahm er die Freiheit ausdrücklich für sich in Anspruch und wappnete sich schon mal im Voraus gegen das Stillschweigen, das ihm drohte. Er konnte es sich leisten oder vielmehr wollte er es sich leisten können. Nur bezahlt muss werden. Auch dafür.
Ungläubig wie er war, hatte er wenigstens seine Götter über die Zeit gerettet. Heute kam es ihm vor, als hätte er sie in seinen wissenschaftlichen Schriften verraten. Wäre sonst so wenig von ihnen geblieben? Sie offenherzig anzubeten und ihnen die Wissenschaft dienstbar zu machen, hatte nichts gebracht. Deshalb wollte er sie zurückverwandeln in das Geheimnis, das sie sich selbst einmal gewesen sind. In diesem Sinne wollte er sie wiederentdecken und ihre Spuren ausschreiben. In der gleißenden Sonne Thailands, in der nichts verborgen bleibt, wollte er das Geheimnis pflegen, um es bei den hohen Temperaturen so geschmeidig zu machen, dass es wie von selbst aus ihm heraus floss.
Er konnte in der Wärme gut arbeiten, Gedanken skizzieren und einer Eingebung durch das Labyrinth der Syntax folgen. Es musste ja nicht gebosselt sein wie zuhause am Schreibtisch. Entwürfe waren gefragt, mit leichter Hand hingeworfen, die sich weit hinaus wagten und sorglos umwarben, was andernorts und von Rücksichten geplagt sonst ungesagt bleiben würde. In der Hitze des heraufziehenden Tages schmolzen die Skrupel dahin und ein wohltuender Leichtsinn führte ihm den Stift. Übertriebene Erwartungen an sich selbst sind das größte Hindernis.
Es machte ihn schon verlegen, auch nur nach seinem Beruf gefragt zu werden. „Professor“ – damit wusste Lara so richtig nichts anzufangen. Das machte sie gleich doppelt anziehend für ihn, auch weil er sich schon im Nachsatz erklären und gewissermaßen dafür entschuldigen wollte. Sie zuckte nur gleichmütig mit den Achseln. Es war ihr egal. Sollte er doch vor sich hin kritzeln und sich mit Büchern abgeben. Schon bald wird ihre beste Freundin sagen: „Den Professor heb dir mal für später auf.“
Aber was werden die Kinder dazu sagen? Vier Mädchen aus zwei Ehen. Lara kam dem Alter nach zwischen ihnen zu stehen. Die Kinder waren jung genug, um sich brüsk dagegen zur Wehr zu setzen: „Mit dem Schweinkram lass uns bitte in Ruhe. Wir wollen es gar nicht wissen.“ Sie werden für sich alles versuchen, um den Vater nicht zu verlieren – das Bild von einem Vater, das vollkommen erhaben darüber ist. Sex gehört den jungen Menschen. Sie erfinden ihn immer wieder neu. Damit daraus das Schlüsselerlebnis wird, das ihnen das Leben erst richtig schenkt, verbieten sie Sex zuerst den Eltern. Am besten sollen sie damit gar nichts zu tun haben.
Es ist, als würden die Jungen sonst vollends ihre Unschuld verlieren – eine Unschuld, die ihnen erst das Ungeheuerliche auskosten hilft, das mit der Sexualität in ihre Welt eintritt und sie überhaupt die Welt erkennen lässt: eine für sie und nur für sie wie geschaffene Welt. Dass die Eltern es auch tun und immer getan haben, macht aus der eh schon heiklen Geschichte eine einzige Peinlichkeit.
Das kann Jugend unmöglich auf sich sitzen lassen. Also wird sie es vernünftigerweise verdrängen. Um solchen Peinlichkeiten gar nicht erst ausgesetzt zu sein, wird sie Zuflucht in ihrer Welt suchen. Es wird ihr helfen, den Vater zwar nicht zu verstehen, ihn aber auch nicht aus ihrem Leben zu verstoßen.
Es sind Welten, in denen wir leben, und Welten, die uns trennen. Wie würde es erst Lara ergehen, wenn sie merkt, wen sie sich da aufgehalst hat? Dass ich älter war, schien nicht dieselbe Rolle zu spielen wie in unserem ödipalen Europa. Und was heißt „aufgehalst“? Lara hatte mich gefunden.
Mai und November 2011
Ja ist nicht Ja und Nein ist nicht Nein. Das musste ich gleich bei unserer nächsten Begegnung im Mai lernen. Per Mail hatte ich Laras Zustimmung eingeholt. Sie wollte nach Phuket kommen. Ich hatte noch mit Hans-Werner am anderen Ende von Kata Beach eine versteckt liegende Hotelanlage ausfindig gemacht, die, über mehrere Bungalows verteilt, genügend Schattenplätze bot, um sich im Laufe des Tages vor der Sonne zurückzuziehen und zu lesen und zu schreiben.
In Erwartung dieser grünen Oase hatte ich mich am Telefon so in Begeisterung geredet, dass ich ihr Zögern gar nicht wahrgenommen und ihr Schweigen auf dem Höhepunkt meiner Drängelei überhört hatte. Nach guter Gewohnheit glaubte ich, mit der Hotelbuchung und all den Umständen, die eine Fernreise macht, vollendete Tatsachen geschaffen zu haben. Allein der Aufwand sollte sie überzeugen, dass es auf einen schlechten Charakter schließen lässt, wenn sie mich den weiten Weg umsonst machen ließe. Wer nicht kam, war Lara.
Sie dachte gar nicht daran. Von einem schlechten Gewissen nicht die Spur. Im Land auch nur telefonisch eine Verbindung herzustellen, war nicht einfach, weil ich damals kein Handy besaß. Ich war auf das Entgegenkommen des Hotelpersonals angewiesen. Mit beschwörenden Worten zappelte ich mich auf mir zur privaten Nutzung überlassenen Telefonleitungen ab. Bis ich mich kurzerhand entschloss, in den Isan zu reisen. Dem stand nun gar nichts im Wege, so dass mir durch den Kopf schoss, ich hätte nur rechtzeitig ihren Flug hierher bezahlen müssen, dann hätte es die Missverständnisse nicht gegeben. Aber davon war mit keinem Wort die Rede gewesen. Strafe muss sein.
Ich bin über Udon Thani geflogen und habe die Reise nach Khon Kaen mit dem Bus fortgesetzt. Vor Ort musste ich jemanden finden, der Laras Telefonnummer auf seinem Handy anwählt und ihr den Platz beschreibt, an dem ich auf sie warten würde. Keine fünf Minuten später fuhr sie mit dem Auto vor, sprang aus dem Honda Jazz und eilte mir mit wehendem Rock entgegen: „Ich hätte nicht geglaubt, dass du herkommst.“
Dann fuhren wir noch einmal 40 km in Richtung Westen, um nach Donmong zu gelangen. In einer Absteige an der Hauptstraße – lauter frisch gestrichene Holzhäuschen im Viereck um ein Wasserbecken – quartierte sie mich ein. „Ich kann dich nicht bei meiner Familie unterbringen. Phuket hat es nie gegeben, auch für meine Schwester nicht. Niemand weiß, dass ich dahin arbeiten gehe.“
Das Bild, das ich mir von Lara gemacht hatte, das Bild eines schüchtern das Abenteuer wagenden Mädchens, war mit einem Schlag verflogen. Absichtsvoll zog sie mich gerade in ihr Doppelspiel hinein. War Lara, die zuhause wie wenige ihres Alters ein eigenes Auto fuhr, ein Profi? Sie war es und sie war es nicht. Die Widersprüche waren unübersehbar, aber sie bewegte sich souverän dazwischen hindurch.
„Ich bleibe über Nacht,“ wehrte sie meine Enttäuschung über das ordentlich ausgestattete, aber denn doch sehr enge Zimmer ab. Nach einer zärtlichen Begrüßung rieb sie ihre flaumweich behaarte Scham an meinem Rücken rauf und runter, mich von hinten umarmend. Wie sie nach der anstrengenden Reise meinen Nacken zu massieren begann, rief sie noch schnell den Vater an, um mir, als ich mich gerade unter ihren Händen entspannen wollte, zu sagen, dass sie leider über Nacht nicht hier bleiben dürfe.
Also schlief ich allein und wartete am nächsten Tag bis in die Mittagsstunden auf sie. Abgemacht war 10 Uhr früh. Aber sie musste nachts ihren magenkranken Neffen ins Hospital fahren und ist viel zu spät ins Bett gekommen. Jetzt war sie frei und nahm mich mit zu einer Schwester, die dabei war, einen Beautysaloon neu einzurichten, der ihnen beiden gehörte und mit dem sie ihr Glück versuchen wollten. Nur – Kunden gab es nicht, und, weil ländlich abgelegen, war außer ein paar neugierigen Schulkindern auch kein Kunde in Sicht. Ein Pleiteunternehmen, für das die Schwestern jeden Monat die Miete aufbringen mussten.
Im Anschluss daran ging es aufs Land zum Vater, der Bauer ist, Reis anbaut und dessen Augen jungenhaft verschmitzt lächeln können, wenn wir auch sonst keine gemeinsame Sprache haben. Ein gefestigter, mir auf Anhieb sympathischer Mann, der in seiner Welt vollkommen zuhause ist, einer freilich sehr überschaubaren Hofstelle. Überall halboffene, fast leere Verschläge und keine Wirtschaftsgeräte, die auf die Bestellung von Land hindeuten. Ein überaltertes Motorrad mit einem Seitenausleger zum Transport sperriger Gegenstände stand herum. Was ich aber gar nicht begriff: Wo hat hier Lara ihren Platz oder auch nur einen Schrank für ihre Kleidung? Wo einen Spiegel?
Sie ist das Farmerkind, das aus ihrem Leben etwas machen will, aber nicht daran denkt, sich von seinem Zuhause zu trennen. Wohin es sie auch verschlägt, sie bleibt bei ihrer Familie und kehrt dahin zurück, wie ich aus jeder ihrer Äußerungen heraushören konnte. Dabei war sie all dem so völlig entwachsen und verkörperte – wie ich mit meinen Augen sehen konnte – eine so andere Welt, dass ich mich unwillkürlich fragte: „Wie passt das zusammen? Wie kann das gut gehen?“ Lara war für diesen Flecken Erde zu langbeinig, zu perfekt gestylt, zu abgehoben mit ihrem Ehrgeiz. Wie das Auto, das sie fuhr und der Nachbarschaft zeigen sollte: „Ich schaffe das und noch mehr.“
„Ich lebe zwar auf dem Land, aber wie eine Stadtprinzessin.“ Unter dieses Motto stellte Lara ihre Lebensgeschichte, die sie für mich so zusammenfasste, dass ihre Ansprüche unüberhörbar herausklangen. Als sie 14 Jahre alt war, brach ihre Mutter tot am Wegrand zusammen und war auch durch sofort herbeieilende Hilfe nicht mehr zu retten. Herzversagen, wohl ein angeborener Herzklappenfehler. Mehr schlecht als recht beendete Lara vorzeitig die Schule und ging wie viele Mädchen vom Lande in die große Stadt Bangkok, um dort in einer Schuhfabrik Arbeit zu finden. Schuhe für Nike hat sie im Akkord angefertigt.
In Bangkok ist sie dann ihrem Prinzen begegnet, einem noch sehr jungen, durch die Familie früh zu Reichtum gelangten Thailänder, der sie auf Händen getragen und jede Woche von Kopf bis Fuß neu eingekleidet hat, um sie in die ersten Restaurants der Stadt auszuführen. Sie hatten sich geliebt und keine Gelegenheit ausgelassen, sich an den wunderbarsten Orten ihre Leidenschaft füreinander zu beweisen, bis auch er tot war. Durch einen Autounfall.
„Ja, es war ein Unfall. Seine Familie hat mit mir getrauert,“ erinnerte sich Lara unwillkürlich, wie um gar nicht erst daran zu rühren, die Familie könnte von sich aus den noch jugendlichen Erben eines großen Vermögens aus dem Verkehr gezogen haben. Das unbedarfte Mädchen vom Lande passte einfach nicht zu ihm. Freilich – das auch nur in Erwägung zu ziehen, durfte ich mir mit keinem Wort anmerken lassen.
Laras Vater, der lange in Ausland auf Baustellen tätig war und bei seiner Rückkehr statt seiner Frau nur noch die Kinder vorfand, hat sich wieder verheiratet. Lara lernte einen englischen Kaufmann kennen, der mit ihr von Dubai bis Sydney durch die Welt reiste und sie anhielt, regelmäßig Englisch zu lernen, was ihr mündlich besser gelang als schriftlich. Sie sei ihm immer dankbar dafür, dass er sie an die Sprachschule zurückgebracht und ihre Fortschritte kontrolliert hätte, bis sie das, weil die Kontrollen auf ihren Tageslauf übergegriffen hätten, lästig gefunden habe. „Heute lebt er mit einer Thailänderin und zwei Kindern in einem großen Haus.“ Lara wollte keine Kinder und auch nicht heiraten.
Als eine auf dem Lande übliche und in der ärmlichen Bevölkerung verbreitete Tradition ist die schönste Tochter in der Familie, weil es sonst weit und breit keine Arbeit gibt, dazu ausersehen, dem Ruf des Geldes in die Touristenorte zu folgen. Die heranwachsenden Männer machen, was sie wollen. Von den Mädchen wird erwartet, dass sie das Geld für die Familie bringen. „Nur mein Vater will nichts davon wissen. Was nichts daran ändert, dass ich mich verantwortlich fühle.“
Als sie mir das erzählte, waren wir mit ihrem Auto unterwegs zu einem Ort, der Pattaya 2 hieß und nicht mit der Touristenhochburg im Golf von Siam zu verwechseln ist. Dieses Pattaya lag mit ein wenig Gastronomie an einem stillen See. Lara stellte das Essen zusammen, das wir uns schmecken ließen. Ein aufziehender Regen scheuchte uns von den Stühlen hoch und unter das schützende Dach ihres Autos. Das Wasser lief in Strömen die Scheiben herunter. Der See verschwamm vor unseren Augen. Der Sturzregen machte ein monotones Geräusch. Lara schmiegte sich an mich, legte ihren Kopf auf meine Schulter und schlief bei ihrer Lieblingsmusik – damals Robbie Williams – ein.
Auf die Zutraulichkeit hielt ich mir viel zugute. Fast war es wie nach der ersten Wiederbegegnung in dem Holzhäuschen neben dem Wasserbecken. Sie hatte mich machen lassen und sich – erschöpft wie ich nach der Reise war – neben mich gelegt. Als ein besonderes Zeichen von Intimität begann sie hingebungsvoll zu masturbieren. Nur am Rande durften meine Finger dabei im Spiel bleiben. Sie wollte ihre Erregung selbst steuern. Im Vertrauen auf mich sah ich sie das Band, das uns lose zusammenhielt, immer fester knüpfen. Lara begann sich an mich zu gewöhnen.
Auf dem Rückweg fuhren wir vor einer schwarz abziehenden Regenwand durch geisterhaft erleuchtete Landschaften, wie ich sie von Schleswig-Holstein kannte. Wir machten einen Umweg über die Millionenstadt Khon Kaen. Ein paar Einkäufe waren noch zu erledigen.
Traumwandlerisch sicher dirigierte sie mich zwischen den Verkaufsständen mit drei Meter Abstand hinter sich her. Ich war die Geldbörse. Die Tausender flogen nur so aus dem Fach für die größeren Scheine. Sie ließ eine Hautcreme an sich testen, die mich – umgerechnet – 720 Euro kosten sollte. Als es dann auf eine Creme zu einem Zehntel dieses Preises hinauslief, atmete ich auf.
Im Vorbeigehen angelte Lara nach einer Bluse, nach einem Rock, schmal wie ein Gürtel, nach einem Sonnenhut und einem Bikini. – „Wir gehen doch nach Phuket!“ Mit einem Griff hatte sie alles an sich genommen und zog mich mit in die Umkleidekabine. Längst hatte sie die Blicke der Verkäuferinnen auf sich gezogen. Mit der Grandezza einer Diva ließ sie unbekümmert die Hüllen fallen. Die schönste Frau der Welt vor Augen konnte ich nur noch sagen: „Sitzt perfekt.“
Als ich sie dann einen Lippenstift von ihrem eigenen Geld bezahlen ließ, hörte ich sie sagen, dass sie den Bikini nur für mich gekauft habe. Sie gehe in Phuket nie an den Strand. Den Bikini sollte ich von ihren Geschenken abziehen. Trotzdem genoss sie den Auftritt im Kaufhaus – die Freiheit, nach allem greifen zu können.
Auf dem Rückweg holte sie noch rasch Essen ins Auto. Für den Abend in unserem Holzhäuschen. Sie käme gleich wieder, dann aber mit dem Motorbike. Darauf sitzend wollte sie mir ihren neuen Rock vorführen. Auch den Bikini würde sie dann für mich anziehen. Wer nicht wiederkam, war Lara. Nicht an diesem Abend, nicht am nächsten Tag. Sie blieb ohne Adresse für mich verschwunden und unauffindbar. Ich war aufgeschmissen. Sie zu suchen war unmöglich. Sie ging nicht ans Telefon. Links und rechts neben meiner Absteige klapperten die Türen. Als die Klimaanlage nicht mehr gegen die Hitze des Tages ankam, sah ich erst meine Fußgelenke, dann beide Knie bedrohlich anschwellen. Panik kam bei mir auf. Bloß schnell zurück auf die Insel.
Dort hatte ich Zeit über meine Prinzessin nachzudenken, die mir nicht aus dem Kopf ging. Mit dem Rätsel, das sie aus sich machte, wuchs ihre Macht über mich. Am Ende unserer gemeinsamen Zeit wollte ich eine tiefe Erschöpfung an ihr wahrgenommen haben. Allein durch mein Auftauchen in diesem entlegenen Winkel der Welt drohte ihr geheimes Doppelleben aufzufliegen. Deshalb musste sie mich loswerden.
Aber dann war ich wieder davon fasziniert, wie sie das zur Ausführung gebracht hatte. Ohne sich das Geringste anmerken zu lassen, hatte sie mich für den Abend in Sicherheit gewogen, nur um mich für meinen haushälterischen Umgang mit dem Geld desto wirksamer abzustrafen. Die Gründe bei mir zu suchen war ich nur zu bereit.
Es dauerte Monate, bis mich wieder eine Mail von Lara erreichte. Der Monsun hatte in ihrem Landstrich verheerend gewütet und alles unter Wasser gesetzt. Wenn sie vor die Tür trat, sah sie nur abgestorbenes Leben. Um mit dem Nötigsten zu beginnen, brauchte sie Geld. Darin sah ich meine Chance sie wiederzusehen und verabredete zur Übergabe ein Treffen in Bangkok im November. Nicht dass sie begeistert darauf eingegangen wäre, aber sie beriet mich bei der Auswahl des Hotels, kannte seine Nähe zum Stadtzentrum und nannte ein paar Ausflugsziele, die wir gemeinsam ansteuern wollten.
Dass sie nicht nach Bangkok kam, konnte mich nicht überraschen. Ich hatte schon vorgebaut und wenigstens die zweite Woche wollte ich nicht ungenutzt verstreichen lassen. Bangkok war von drückenden Wassermassen eingeschlossen. Die Hauptstadt drohte überflutet zu werden. Am besten man ging ans Meer, wo auch das Wasser hingeht, aber nicht allein. Thailand ist zurecht berühmt dafür, dass sich immer etwas arrangieren lässt. Die Trostlosigkeit der einschlägigen Begegnungsorte wurde durch einen Sonnenstrahl aufgehellt, als ich Ana bei einem Schautanzen entdeckte.
Nur mit Blicken verständigten wir uns auf ein Treffen an meinem Tisch. Was uns der Club zum besseren Kennenlernen gewerbemäßig zur Verfügung stellte, genügte uns beiden nicht. Ich wollte sie vom Fleck weg nach Jomtien, einem Badeort neben dem weltbekannten Pattaya, mitnehmen. Sie willigte ein. Nur – es gäbe da noch ein Problem. Mir fiel ein, dass sie ihren Arbeitgeber würde auszahlen müssen. „Das bekomme ich hin,“ lächelte sie und wurde erst recht verlegen. Laut ihrem Pass sei sie ein Mann. Ungläubig starrte ich dieses in ihrer knappen Arbeitskleidung fast ätherische Wesen an, das von allen, die da auf der Bühne herumtrampelten, die grazilsten Bewegungen machte. Das fraulichste Lächeln gehörte ihr. „Wo ist der Mann?“ – „Den gibt es nicht mehr, bis auf einen winzigen Rest, der dich stören könnte. Du sollst dich nicht von mir hintergangen fühlen.“
„Das will ich sehen.“ Wir verabredeten uns zur Nacht in meinem Hotel. Wer überpünktlich kam, war Ana. Unsere Leiber stürzten sich blindlings ineinander, wobei Ana mehr als ich, der ich schon halb vom Schlaf übermannt wurde, die innere Contenance behielt. Die Busreise nach Jomtien gab uns dann reichlich Gelegenheit, den gestrigen Fall nachzubearbeiten. „Was war dran an dem Ladyboy?“ Ich erinnerte mich, bei Einführung meines Gliedes einen Knubbel gespürt, aber nicht eigentlich daran Anstoß genommen zu haben. Ana klärte mich auf, dass dort der Schnitt erfolgt war und eine Narbe hinterlassen hatte, unterhalb derer dann die Vagina neu gebahnt worden sei.
Wie immer wollte ich es so genau dann doch nicht wissen. Nur soviel noch: „Wie ist es dazu gekommen?“ – Ein reicher Amerikaner habe sie erlöst. Er selbst hätte als Heranwachsender vor demselben Problem gestanden, sich aber durch eine erfolgreiche Karriere als Geschäftsmann davon ablenken können. „Was er an sich selbst gutzumachen versäumt hatte, holte er bei mir nach. 120.000 Bath legte er für meine Operation aus. Ich bin ihm mehr als dankbar. Ich wollte immer eine Frau sein und bin es durch ihn geworden.“
Daran war nichts auszusetzen. Ohne den Knubbel zu spüren, wenigstens für diese eine Woche, würde ich mich nicht bei ihr zuhause fühlen. In dem im Voraus gebuchten Hotel in Jomtien bekamen wir das Hochzeitszimmer mit Blick über die ganze Bucht. Die Handtücher waren zu Schwanenhälsen aufgewickelt und steckten herzförmig ihre Schnäbel zusammen.
Wie eine richtige Frau passte Ana auf, dass keine Leidenschaft daraus wurde. Sie passte auf, dass ich die Badehose nicht vergaß. Sie passte auf, dass ich nicht zuviel Sonne bekam. Sie passte auf, dass ich beim Überqueren der Straße nicht unters Auto kam. Ich wiederum wollte so genau nicht wissen, wie alt ich wirklich war. Um den Kantstein zu erklimmen, sollte ich mich bei ihr aufstützen. Ihren Liegestuhl rückte sie automatisch an den meinen heran. Keinen Augenblick durfte ich mir völlig selbst überlassen bleiben.
Ausgestattet mit einem Ausweis, der nach Geschlecht, Vornamen und Kurzhaarschnitt auf einen Mann ausgestellt war, war dieses zwittrige Wesen das anschmiegsamste Geschöpf, das ich je kennen gelernt hatte. Mehr Frau ging nicht. Als sie sich ihrer Vorlieben bewusst geworden war, hatte sie ihren Körper immer mehr in eine vollkommen weibliche Figur verwandelt und einen Charakter angenommen, der nur ein Vorbild gelten ließ: Frausein. Mimikry der Geschlechter.
Mich trieb das nun ausgerechnet zurück in die Arme von Lara. Sie allein war fähig, aus mir diesen windelweichen Kerl zu machen, der sich gefälligst anstrengen sollte, einer Frau auch nur das Wasser reichen zu können. Sie würde mich in Auseinandersetzung mit mir selbst stürzen und mich grausamerweise mit der Frage allein lassen, ob ich denn Manns genug wäre, mich ihren Selbstherrlichkeiten zu unterwerfen.
Ana träumte davon, nach Singapur weiter zu ziehen und dort das Geld zu verdienen, das sie brauchte, um das Dach ihres Elternhauses neu zu decken. Sie konnte ihre Eltern nicht im Regen stehen lassen. Dafür stattete ich sie leidlich aus.
Februar 2012
Was ich damals nicht richtig einschätzen konnte: Laras selbstherrliche Art, mich zappeln zu lassen und Versprechen zu geben, ohne sie zu halten, entsprang nicht eigensinniger Vollkommenheit. Was ich für die Souveränität eingeborener Schönheit halten wollte, die ihre Gunst nach Gutdünken verteilt, war alles andere als selbstbestimmt. Zuhause war sie das aufsässige Kind, das im Haushalt des Vaters lebte, ihm aber mindestens genauso viel Kummer wie Freude bereitete. Phuket – die Touristeninsel im Süden Thailands – war ihm ein rotes Tuch. Seine Tochter drängte in dieses Sündenbabel. Von dort brachte sie einen Fremden ins Haus. Der Vater wird ihr rundheraus verboten haben, die Nacht mit ihm zu verbringen. Wie er ihr auch untersagt haben wird, mir nach Bangkok nachzureisen.
Aber wie Lara es drehte und vor mir erscheinen ließ, war ich selber schuld. Ich hatte ja keine Ahnung, was eine Prinzessin ist und welche Opfer sie erwarten darf und dass sie sich nie vor mir rechtfertigen muss. Dieses Stück brachte sie so überzeugend zur Aufführung, dass ich es weder ihrer Laune zuschreiben, noch als ihre willkürliche Entscheidung ansehen mochte. Vielmehr – das war Lara. Sie war eben so.
Entsprechend gespannt blickte ich dem nächsten Wiedersehen entgegen. Würde sie nach Phuket kommen? Die Verabredungen waren getroffen. Wir wollten für die Zeit meines Aufenthaltes zusammenziehen in einem Hotel, das „Kata Delight Villas“ hieß und mit seinen Bungalows so im Grünen lag, dass man sowohl in die Badebucht hinein- als auch aufs Meer hinausschauen konnte, noch über die vorgelagerte Insel hinaus, die weit genug entfernt war, um zu einer Robinsonade einzuladen. Hier – fast schon am Ende der Bucht würden wir geschützt sein vor dem Trubel des Badeortes. Es war ein einziger steil ansteigender, kurvenreicher Weg, der die Verbindung zwischen der Hotelrezeption und dem quirligen Kata herstellte.
Wieder war es schwierig, Lara ans Telefon zu bekommen. Dunkelheit senkte sich schon über die Anlage. „Heute schaffe ich es nicht mehr dahin,“ vertröstete sie mich, als mitten in meine Enttäuschung ihr Anruf hineinplatzte: „Ich stehe draußen.“ – „Wo denn? Es ist Nacht.“ – „Na, unten auf deiner Straße.“ Ich stürzte den Berg hinunter, fand sie aber nicht und lief alle Winkel im hinteren Teil von „Mama’s Restaurant“ vergeblich ab. Erst dann fuhr sie auf ihrem Motorbike aus dem dunklen Schlagschatten heraus. Die Umarmung war gleich sehr körperlich, auch weil ich mich für die schwungvolle Auffahrt zum Bungalow fest an sie klammern musste.
Wie ich sie mir aufs Bett legen und meinen Kopf in ihren Schoß versenken wollte, richtete sich Lara auf: „Heute möchte ich vor der Arbeit keinen Orgasmus haben.“ Der Job ging vor. So würde es also die nächsten Wochen laufen. Mit der Eckensteherei war Schluss. Sie hatte eine richtige Anstellung in einer Bar.
Das wollte ich mir schon an einem der nächsten Abende ansehen. Aber wo würde ich sie finden? So vieles war zwischen uns noch unausgesprochen geblieben und würde auch besser unausgesprochen bleiben. „Kata-Center“ hatte ich aufgeschnappt. Von der Straßenseite schritt ich die lärmende Front der unter einem überstehenden Regendach zusammengefassten diverse Bars ab. Von Lara nichts zu sehen. Ich brauchte ein Handy, um sie auf ihrer Telefonnummer anzuwählen. Nebenan in der „Kata Expo“ bekam ich Hilfe. Sie würde gleich kommen, hieß es. Ich sollte an der Ecke stehen bleiben. Ins grellste Licht getaucht, aus Lautsprechern von allen Seiten beschallt, bedrängt von der erhitzten Straßenatmosphäre wollte ich mich auf und davon machen, als mich Lara freudig überrascht an die Hand nahm.
