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In diesen Buch beschreibe ich in Form eines Blogs die zwei Jahre Erfahrungen, von der Diagnose Brustkrebs über die Therapien, bis zur Brustrekonstruktion, die mich nachhaltig sehr geprägt haben. Auch die Erfahrungen die meine Familie und mein soziales Umfeld, bei meiner Erkrankung gemacht haben, werden in diesem Buch beschrieben. An meinen privaten Gedanken und Empfindungen Lasse ich Sie teilhaben.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Was zuerst der Verarbeitung dienen sollte, hat sich verselbständigt und zu einer Erzählung über ein Teil meines Lebens wurde. Ich habe geschrieben und geschrieben, ohne darüber nachzudenken, wer es lesen wird, ich wollte nur meine Gefühle loswerden, meine Verzweiflung, meine Freude, und alles, was mich so viele Monate beschäftigt hat. Nun, drei Jahre nach meiner Erkrankung, mit den besten Prognosen für die Zukunft, habe ich beschlossen, meinem Blog, die Form eines Buches zu verleihen und auf den Weg zu schicken, um anderen meine Geschichte zu erzählen.
Bestimm gibt es viele ähnliche Geschichten und viele, die nie erzählt werden, ich denke aber, dass jede davon einzigartig ist und auf jeden Fall wert, die zu erfahren.
Mein Buch widme ich meinem Mann Jens, der wie eine Mauer bei mir stand und mir die Sicherheit vermittelt hat, dass alles gut wird, wo es bei mir alles zusammen zu brechen schien. Außerdem widme ich das Buch meinen Kindern, die alleine dadurch, dass es sie gibt, mir Kraft verliehen haben und das nicht das erste Mal in meinem Leben.
Ich möchte mich auch bei allen bedanken, die mich begleitet haben, die mir in der schweren Zeit, Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt haben, was mich die schwere Zeit durchstehen ließ.
Ich hatte keine Ahnung und doch eine Vorahnung.
Einige Male ist es mir durch den Kopf geschossen: Taste dich ab.
Habe ich auch gemacht, aber nichts gespürt. Die Ärztin war bestimmt gründlich beim letzten Ultraschall und ich dachte: Das passiert doch nicht mir.
Und dann war es aus dem Kopf.
Ich wurde fünfzig am 15.03.22. Trotz Corona ein wunderbarer Tag. Ein Tag vorher hatte mir Frauke, eine gute Freundin, einen Kuchen in Form einer Fünfzig gebacken, damit ich an meinem Geburtstag etwas Schönes habe. Mir haben mehrere Leute geschrieben und mich angerufen. Auf der Arbeit haben mir die Kolleginnen Kuchen gebacken und gesungen. Ich war pappsatt und glücklich. Ich fühlte mich geborgen und geliebt.
Pünktlich zum fünfzigsten Geburtstag flatterte eine Einladung zur Mammografie ins Haus. Pflichtbewusst meldete ich mich an und ging hin. Stolz auf mich, dass ich Vorsorgetermine wahrnehme.
Am 20.03. kamen die Kinder zur Geburtstagfeier. Da man während Corona nichts machen darf, gabs nur ein Mittagessen im engsten Kreis der Familie. Wunderschön gemütlich.
Jens, mein Mann, holte am Morgen die Post rein. Ein Umschlag vom MEDICUM, wo ich die Mammografie machen ließ, lag auf dem Tisch. Darin stand: Wir haben eine Auffälligkeit bei ihnen gefunden, kommen Sie bitte am 23.03. um neun Uhr zur Besprechung. Für einen Moment wurde ich hellhörig. Oh Mist, Philip, mein, älterer Sohn, stand hinter mir. „Es ist bestimmt alles o.k., Mama.“ Wieso sollte es das nicht sein? Vor drei Jahren hatte ich auch ein Fibroadenom in derselben Brust. Es wurde rausgenommen und gut.
Ich versuchte erfolgreich, den Gedanken bis Dienstag zu verdrängen. Dienstag war mein freier Tag. Ich hatte Lust, mich schick anzuziehen, habe mich geschminkt und bin hin.
Als ich aus dem Fahrstuhl stieg, stand eine Schlange wartender Frauen vor der Praxis zur Mammografie auf der linken Seite. Vor der Praxis, in der die Brustdiagnostik gemacht wird, keine. Trotzdem fragte ich: “Zu welcher Praxis stehen Sie an?“ „Mammografie, Sie müssen sich anstellen.“ Ich ging ohne zu antworten rechts in die Brustdiagnostik rein. Hinter mir schnaubte eine der Wartenden, weil ich ihrer Meinung nach in die falsche Praxis ging. Ich spürte noch die Blicke der Anderen auf dem Rücken.
In meinem Magen war ein kleiner Klotz.
Relativ schnell wurde ich reingerufen und von da an waren alle unglaublich freundlich zu mir. Die Frau, die mich in das Arztzimmer holte, sprach mit mir und behandelte mich, als wäre ich überall wund und sie könnte mich nicht anfassen.
Der Klotz wuchs.
Die Ärztin kam herein, jung, dynamisch und irgendwie mitfühlend. Fragte nach meinem Fibroadenom von vor drei Jahren. Und dann sagte sie: „Wir haben etwas gefunden, das nicht gut aussieht.“
Ich durfte mir das Bild auf ihrem Monitor ansehen. Zwei Krallen in Richtung Hals. Nicht begrenzt. Unklar. Es sah bösartig aus.
Ich bekam auf einmal keine Luft mehr. Ich riss die Maske runter. Ein Eimer heißes Wasser schien auf mich herunter zu prasseln. Ich befand mich im Tunnel, in einer anderen Welt, weit weg. Ich kriegte mit, wie die Ärztin die Tür aufriss und um Hilfe rief: „der Patientin geht es nicht gut!“
Ich bekam ein Glas Wasser und durfte mich hinlegen. Ich hatte mich wieder im Griff.
Es folgte eine Biopsie. Ich lag da und mir liefen die Tränen, aber der erste Schock war vorbei.
Danach aufstehen und anziehen in Begleitung von einer Mitarbeiterin der Praxis. Sehr nett, still und mitfühlend.
Ich musste zum Parkplatz, Auto fahren, meinem Mann Jens alles sagen. Ich fühlte mich nicht in der Lage es zu tun. Ich saß im Auto und mir fiel ein, dass ich nur einige Minuten hatte, um rauszufahren nach dem Bezahlen. Ich riss mich zusammen.
Als ich bei Jens ankam, war er wie immer positiv, begrüßte mich nichtsahnend mit einem Kuss. „Und“, fragte er, „was hat der Arzt gesagt?“ Eine Frage, die er immer stellt, auch nach einem Zahnarztbesuch. Nur diesmal wusste ich nicht, wie ich die Antwort formulieren soll. Wir sind erst seit drei Jahren verheiratet. Seit zwölf Jahren zusammen mit ein paar Holprigkeiten am Anfang. Wir bedeuten uns immer noch die Welt.
„Schatz, ich habe Brustkrebs.“ „Na ja, das ist etwas Gutartiges und muss bestimmt wieder raus“, sagte er. Er verstand es nicht. Inzwischen saß er mir gegenüber, lächelte mich an und mir schossen Tränen in die Augen. „Nein, es ist bösartig und ich muss operiert werden.“
Sein Gesicht veränderte sich. Er verstand es und sagte nichts, schluckte nur und guckte mich lange an. Schock, wie bei mir. Dann sagte er das, was ich erwartet hatte: „Schatz, wir stehen das zusammen durch.“
Ich weiß, dass ich ihm das schuldig bin. Das Durchstehen. Das Gesundwerden.
Ich bin dann nach Hause gefahren. An die ersten Stunden zu Hause kann ich mich nicht erinnern. Ein tranceähnlicher Zustand, mechanische Steuerung. Ich musste mich krank melden bis die ersten Ergebnisse kommen. Zwei Tage mussten wir warten auf die Ergebnisse der Biopsie.
Wir haben die Tage irgendwie überlebt.
Dann kam der Freitag, der 26.03. Ich wusste es jetzt drei Tage. Die Biopsie hatte alles bestätigt. Mein Zustand stabilisierte sich. Ich musste es den Kindern sagen.
Für die Kinder möchte ich stark sein. Die sollen ihr Leben leben und genießen und sie sollen mich nicht stützen. Ich war immer eine starke Mutter. Zu mir kamen sie mit Problemen oder Freuden. Ich war eine starke Säule.
Ich habe zwei Söhne: Philip, vierundzwanzig Jahre alt und Sebastian, einundzwanzig. Jens hat auch zwei Kinder mit in die Ehe gebracht, Marcel, sechsundzwanzig und Miriam, die einundzwanzig ist. Zu allen Kindern habe wir ein sehr herzliches Verhältnis.
Philip hat vor einigen Jahren miterlebt, dass die Mutter seiner Freundin an Krebs erkrankte und obwohl sie wieder als gesund gilt, hat er auch gesehen, wie sich die Krankheit auf die Familie ausgewirkt hat. Um ihn hatte ich große Angst. Bastis Reaktion konnte ich im Voraus nicht einschätzen. Bei meinen Stiefkindern war ich auch nicht sicher. Es war alles sehr schwer.
Ich wollte, dass die Kinder zum Frühstück zu uns kommen und ich ihnen persönlich die Nachricht überbringe. Leider hatten sie, wie das so bei jungen Menschen ist, etwas anderes vor und es ließ sich nicht ändern.
Ich habe Philip angerufen und ihm per Videochat gesagt, was los ist. Schon als er mich sah, fragte er, ob es etwas mit der Nachricht von MEDIKUM zu tun hat, die ich an meinem Geburtstag gekriegt habe. Er hat wirklich sehr sensible Antennen.
Er hatte Tränen in den Augen und Angst, große Angst. Ganz ruhig habe ich auf ihn eingeredet, ihn beruhigt. Er ist anschließend zu Luca, seiner Freundin, gefahren. Das war gut. Mehrmals habe ich hinterher mit ihm telefoniert, auch Tage später, um ihm Halt zu geben.
Bastis Augen wurden während dem Videochat immer größer und er war wie erstarrt. Ich weiß, dass er sich anschließend frei genommen hat und ans Meer gefahren ist. Das war gut so. Auch mit ihm habe ich in den Tagen danach viel gesprochen.
Einige Freunde und Freundinnen habe ich angerufen und letztendlich, als die Engsten es wussten, fühlte ich mich geborgen und voller Hoffnung.
Das Adrenalin ging zurück. Ich wurde ruhiger und es kamen verschiedene Gedanken. Was ist zu tun? Was macht die Krankheit mit mir? Was passiert mit meiner Familie? Mit Jens? Mit den Jungs?
Wellen der Angst rollten zwischendurch über mich her. Angst äußert sich unterschiedlich. Ich spürte, dass mir die Luft wegblieb und schwindelig wurde. Nach einigen Sekunden war es vorbei. Und das mehrmals am Tag.
Da war ich gerade mit Hitzewallungen durch und jetzt das. Ansonsten war ich ruhig. Ich versuchte, Positives zu finden.
Und tatsächlich... Ich bin dankbar für einen Partner, der zu mir steht und mich absolut so annimmt, wie ich im Moment bin. Durcheinander und unsicher.
Ich bin dankbar, dass meine Kinder erwachsen sind, eigenes Leben führen und ohne Mutter auskommen würden. Die brauchen mich nicht mehr. Bestimmt ist es schön, Mama zu besuchen, aber ich bin nicht mehr existenziell notwendig für sie.
Ich bin dankbar für die ärztliche Versorgung, die ich in Deutschland umsonst bekomme. Für das Personal, das sich um mich kümmert, wenn ich im Krankenhaus bin.
Ich bin dankbar, für meine Freunde und Freundinnen, die mich aufbauen und seit einigen Tagen viel mit mir reden. Jeden Tag kriege ich Nachrichten in Sprache und Schrift.
Es ist so viel, aber doch nicht alles. Keiner sagt mir, wie die Krankheit ausgeht und keiner von ihnen geht meinen Weg.
Ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Schon immer habe ich mein Leben so geführt: Das was mir gegeben wird, damit arbeite ich.
Das Motto: Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade daraus, habe schon vor Jahren – nach meiner Scheidung – verinnerlicht.
Mir ist klar, dass nur ich den Weg gehen kann und es gibt genau zwei Möglichkeiten. Die erste ist, dass ich mitmache, durchkomme und das Leben geht weiter. Die zweite ist: Mitmachen und irgendwann, früher als gedacht, ist Schluss.
Mitmachen muss ich so oder so, also besser positiv.
Meine Positivität äußert sich aber nicht in einer Euphorie, super Laune und durch das Nutzen von allen Möglichkeiten, die nie wieder kommen. Die Positivität ist eher das Fehlen von negativen Gefühlen. Nicht hadern, keine Wut, sondern Ruhe. Das Hinnehmen von der mir gegebener Situation. Akzeptieren. Dadurch werden Ressourcen geschont. Ich weiß nicht, was noch kommt, wozu ich sie brauchen werde.
Ich freue mich über das Schreiben, das Beschreiben von Gefühlen und das Verarbeiten. Ich kann mich auf mich konzentrieren. Ich habe mich dagegen entschieden, im Internett zu recherchieren. Ich möchte mich nicht durch unnötige Informationen belasten.
Es hat sich rausgestellt, dass meine linke Brust sehr verkalkt ist. Verkalkung ist eine Krebsvorstufe, hat man mir gesagt. Zwei Stellen sind bösartig. Man kann aber nicht mehr brusterhaltend operieren, weil die Fläche der Verkalkung zu groß ist. Man muss großflächig Gewebe rausnehmen. Komischerweise war das für mich keine schlimme Nachricht. Der Krebs muss weg und fertig.
Es gibt zwei Optionen. Die Erste ist Amputation mit oder ohne Lymphknotenentnahme, je nach Befall. Die Zweite ist die befallene Brust aushöhlen, eine Prothese reinschieben und zumachen. Die Brustwarze kommt weg und eventuelle Lymphknoten.
Nach der folgenden Chemotherapie würde man im ersten Fall die Brust aufbauen, indem man Fett und Haut und dem Bauch nutzt und eine neue Brust formt. In beiden Fällen folgt Brustwarzenaufbau, indem man die gesunde Brustwarze halbiert und eine Hälfte an die neue Brust annäht und den Brustwarzenhof eintätowiert.
Na ja und da kommt die wirklich schlimme Nachricht: Chemotherapie. Über Wochen. Die Haare fallen ca. ein Monat nach der ersten Chemo aus. Die Krankheit wird sichtbar, für jeden. Ich werde schwächer und schwächer. Nebenwirkungen. Ach Mann…
Heute ist Ostersamstag. Mich macht es fertig, wenn sich alles so in die Länge zieht. Drei Untersuchungen alle zwei Tage. Auswertung und Besprechung am 15.04. Und wenn der Krebs in der Zeit streut?
Den Kindern habe ich gesagt, die sollen die Situation bis zum Ende denken. In beide Richtungen. Wenn alles gut geht und wenn nicht. Sie waren damit einverstanden. Ich habe schon alles zu Ende gedacht. Wenn es gut geht, bin ich beruhigt. Wenn es nicht gut geht, ist das Schlimmste, der Weg bis zum Ende.
Das Sterben ist wie schlafen. Ich wurde schon oft in eine Narkose versetzt. Mittlerweile finde ich das Gefühl des Abgleitens in den Schlaf sehr schön. Vielleicht wurde ich auf diese Weise auf den Tod vorbereitet? Ich habe keine Angst. Was mir Angst macht, ist, was wird aus Jens? Er hat vor fünfundzwanzig Jahren seine erste Tochter verloren. Plötzlicher Kindstod. Soll er wieder diesen Schmerz des Verlustes spüren?
Ob meine Kinder, wenn sie mal Hilfe brauchen, die auch von irgendwo anders herkriegen? Vielleicht werden die mich vermissen? Vielleicht brauchen die meinen Rat und ich nicht da bin?
Am Nachmittag:
Ich bin gereizt ohne Grund. Alle sind lieb zu mir und ich habe schlechte Laune. Ich muss mich sehr zurückhalten, um nicht vor Ostern noch einen Streit anzuzetteln. Dieses Warten auf die Ergebnisse, auf die Untersuchungen regt mich auf. Ich hoffe, ich packe es.
Die Leute sind alle sehr mitfühlend und geduldig mit mir, sehr lieb. Auch Nachrichten, die ich kriege, sind im Ton anders als sonst. Ich fühle mich verpflichtet, genauso lieb zu sein. Muss mich mehr als sonst zurückhalten. Sehr merkwürdig das Gefühl.
Ein Freund hat gesagt: „Na dann hast du jetzt ganz viel Zeit für deine Hobbys, für Gespräche und für dich.“ Eine andere Freundin sagte: „Wenn du krankgeschrieben bist, dann hast du endlich Zeit.“ Ich glaube, es ist nicht die Art von Zeit, die man sich wünscht. Hobbys sind toll, wenn sie als Ausgleich zum normalen Leben dienen.
Ich lese gerne, male Bilder, fahre Fahrrad, gehe in die Sauna, treffe Leute. Es ist Corona. Sauna und Menschen treffen fallen aus. Ich glaube, ich habe ein neues Hobby: Krebs beobachten, Krebs beschreiben, lernen mit Krebs zu leben.
Na ja, auf jeden Fall habe ich ihn akzeptiert. Er ist da, ich kann es nicht ändern. Er gehört zur Familie, wie ein alkoholkranker Onkel, der sich auf jeder Feier zum Affen macht. Er ist wie eine drogenabhängige Cousine, die zu jeder Feier kommt und nicht ansprechbar in der Ecke liegt. Man muss immer hingucken, obwohl es einem unangenehm ist. Mich werden die Leute auch angucken und denken: die Arme.
Genau dieses Bedauern, was ich in der Vergangenheit auch oft gespürt habe, gegenüber anderen krebskranken Frauen, spornt mich an, nicht aufzugeben. Die Leute werden mich nicht auf dem Boden sehen, nicht besiegt erleben. Ich könnte es nicht ertragen, Opfer zu werden. Ich bin kein Opfer. Ich bin eine Siegerin.
Leicht zu sagen, wenn der Feind in einem sitzt und unberechenbar ist. Ich weiß nicht, wie stark er bewaffnet ist und was er im Schilde führt.
Ostern überstanden. Kinder waren da. Es war sehr schön und auch sehr anstrengend. Alles zusammen, Corona, Krebs, Besuch, Emotionen. Wir waren fertig. Das Wetter ist, wie es im April normal ist. Es regnet, stürmt, schneit, hagelt und zwischendurch kommt die Sonne. Es geht schon seit einer Woche so.
Man kann kaum raus, aber mir fehlt auch die Lust. Sport müsste man treiben. Ich kann mich nicht aufraffen, irgendwas zu tun. Normallerweise würde ich überlegen, was ich machen soll, um nicht zuzunehmen. Aber jetzt… Ist das noch wichtig?
Ich schwanke zwischen Hoffnung und Aufgeben. Manchmal stelle ich mir den Sommer vor: Ich auf der Terrasse. Weiter mag ich nicht denken. Man weiß ja nicht was dann passiert. Gestern waren wir bei der Bank, weil Jens Vollmacht für mein Konto haben muss. Wir müssen eine Patientenverfügung machen. Alles Sachen, die im Moment an Wichtigkeit gewinnen.
Der Satz: Das passiert doch nicht mir, ist so komisch. Natürlich passiert es mir, Ich bin jetzt krank. Ich kann auch sterben. Die Anderen haben auch gedacht: Ich doch nicht.
Auf jeden Fall möchte ich verbrannt werden, in einer Urne aus Pappe in einem Friedwald bestattet werden und in der Urne sollen viele Samen sein, aus denen später Bäume wachsen.
Aber bis dahin…
Gestern im Krankenhaus wurden meine Termine verwechselt, falsche Überweisungen ausgestellt. Ich wurde hin und her geschickt. Das ist mein Sport, die langen Flure hin- und herlaufen. Fünftausend Schritte, alleine im Krankenhaus.
Aber auch ich war durcheinander, bin ins falsche Krankenhaus gefahren, meine Versichertenkarte vergessen. Ich habe, Gott sei Dank, genug Zeit eingeplant. Als ich zu Hause war, war ich fertig. Ich glaube, was einen so unglaublich müde macht, ist die Energie, die dafür verwendet wird, einigermaßen normal zu funktionieren, nicht mitten im Gang zusammenzubrechen, freundlich zu sein, seine Mitmenschen nett zu behandeln und so zu tun, als ob nichts wäre.
Dabei weiß ich, dass die Leute alle krank sind oder Kranke begleiten und alle gestörte Energie aussenden. Ich würde gerne mal die Aura eines Krankenhauses sehen. Ich bin nicht besonders esoterisch angehaucht, aber das würde mich interessieren.
Ich habe heute bis elf Uhr geschlafen und um zwölf nochmal zwei Stunden. Ob das schon Fatigue ist oder das Wetter oder die allgemeine Lage? Ich kann gleich wieder ins Bett. Irgendein Gefühl treibt mich Richtung Schlafzimmer. Liegen und lesen. Keinen sehen. Meine Depressionen können sich jetzt austoben.
Jens hat Geburtstag. Hat ein Gutschein für ein Motorbootführerschein von uns allen bekommen. Ein Geschenk, das Zukunft verspricht. Für uns beide. Ich hoffe es sehr.
Ich denke schon seit einigen Tagen daran, dass ich mein ganzes Leben anderen etwas beweisen will und das auch tue. Ich war nie körperlich die Stärkste oder Kräftigste. Ich habe mich bemüht, mitzuhalten. Andererseits hat man mir nachgesagt, ich wäre eine absolute Powerfrau. Das kommt wahrscheinlich daher, dass ich meinen Plan befolge und Sachen zu Ende bringe.
Meine Freundin Ilona hat mich früher, als ich sie in Bayern besucht habe, auf Wanderungen mitgenommen. Ich habe in ihrem Tempo mitgemacht, obwohl das von mir unglaublich viel Kraft verlangt hat. Andere sollten nicht denken, ich kann es nicht.
Meine Nachbarin war für meinen Exmann ein Vorbild an Geschäftigkeit. Ich habe mir immer mehr Pflichten aufgeladen, um mitzuhalten. Irgendwann hatte ich alles im Griff, zwei kleine Kinder, ein Haus von zweihundert Quadratmeter Fläche, einen Garten, habe gearbeitet und gut ausgesehen. Über Erholung habe ich nicht nachgedacht. Hauptsache keiner merkt, dass ich es kaum schaffe.
Bei der Arbeit mehrere Sportkurse hintereinander, in der Praxis viele Stunden ohne Pause. Ich dachte, ich bin ein Roboter. Eine Vorgesetzte hat mich mal gelobt, nach einem Zwölf-Stunden-Tag: „Du bist so leistungsfähig und beklagst dich nicht.“ Da durfte ich wieder Überstunden machen.
Immer wieder habe ich noch ein sarkastisches Lächeln von manchen vernommen: „Was, du machst keine zehntausend Schritte am Tag?“ oder „Was, du fährst ein E-Fahrrad?“ Manchmal auch: „Was, so früh gehst du ins Bett?“ Und ich konnte nicht anders. Ich wollte aber mithalten.
Als Erstes hat sich mein Körper vor drei Jahren gemeldet. Die Handgelenke taten weh, was bei meinem Beruf als Physiotherapeutin eine ziemliche Katastrophe darstellte. Nach mehreren Untersuchungen stand fest: Lunatummalazie. Das ist eine Erkrankung, bei der das Mondbein abstirbt und im schlimmsten Fall droht eine Versteifung der Handgelenke. Solange ich meine Hände nicht belaste, habe ich keine Schmerzen. Wie soll ich das schaffen in meinem Beruf?
Na ja, ich habe die Arbeit gewechselt. Da wo ich jetzt bin muss ich zu achzig Prozent Anweisungen geben. Schöner Mist, ich habe gerne am Patienten*innen gearbeitet. Damals habe ich gedacht: Mist… Aber immerhin ist es kein Krebs.
Blöderweise habe ich mein Tempo nicht gedrosselt. Ich musste ja mithalten. Was wenn die anderen merken, dass ich am Zusammenbrechen bin. Ich vermisse meinen Job als Physiotherapeutin in der Praxis, die Anerkennung, die kleinen Erfolge, den engen Menschenkontakt. Da war ich gut, richtig gut, da war mein Herz.
Nun zwei Jahre später: Diagnose Krebs. Und schon wieder habe ich das Gefühl, irgendwas zu verdrängen. Ich muss ja mitziehen, mitmachen, beweisen, dass ich stark bin. Ich werde mich doch nicht ständig erholen. Und dann kommt die Erkenntnis: Jetzt darf ich das. Bei Krebs darf man sich erholen. Das trifft auf Verständnis. Ich muss jetzt keinem was beweisen. Ich weiß, dass ich meinen Körper überstrapaziert habe.
Ich musste erst Krebs kriegen, um mir die Erholung einzugestehen. Und vor allem: Andere tun es auch. Womöglich denken manche: Na ja, jetzt muss sie aufhören perfekt zu sein, ihren Plan zu befolgen. Ich denke: Was passiert, wenn ich gesund werde? Werde ich wieder rennen, mich beweisen? Vielleicht lerne ich es, nicht mitziehen zu müssen.
Zwei schlimme Krankheiten, die mein Leben auf den Kopf stellen. Eine davon kann böse enden. Ich habe am Donnerstag den Besprechungstermin. Ich habe Panik in mir.
Gestern war ein ganz blöder Tag. Ich hatte um zwölf Uhr ein MRT der Brust. Bin hin, habe im Parkverbot geparkt. Auf dem Weg dahin hatte ich Schweißausbrüche und eine komische Angst. Die fehlenden Parkmöglichkeiten haben die Symptome noch verstärkt. Ich kam an, durchgeschwitzt aber pünktlich. Das Krankenhaus ist eine riesige Stadt. Die Gänge, die Entfernungen. Schlimm. Dann ca. dreißig Minuten MRT in Bauchlage mit nach unten hängenden Brüsten, ohne Bewegung in einer blöden Position. Ziemlich entwürdigend. Vorher die Warterei und Zugang legen. Das ist für mich immer eine Horrorvorstellung. Nicht weil ich gepikst werde, sondern weil ich sehr oft gepikst werde. Ich habe Venen, die man schlecht finden kann.
Der Pfleger hat es fünf Mal versucht. Ellenbeuge rechts und links, beide Handoberflächen, Handgelenk rechts seitlich. Ich musste zwischendurch auf die Toilette, habe was getrunken und die Unterarme unter warmes Wasser gehalten. Dann kam der Arzt. Wieder Ellenbeuge rechts, Handgelenk links und endlich gefunden, Unterarminnenseite links. Uff.
Zwischendurch haben wir gescherzt, uns unterhalten. Immer das Gleiche. Ich hoffe, dass ich bei der Chemo, falls ich sie intravenös kriege, einen Port eingesetzt bekomme. Auf dieses Theater jedes Mal habe ich keine Lust.
Noch zwei Tage bis zu der Besprechung. Dann weiß ich, was mit mir passiert. Meine Frauenärztin sagte, dass ich nach meinem Bauch gehen soll. Also entscheide ich mich für Ablatio.
Heute war ich bei der Frauenärztin, bei meiner Neurologin und bei der Handchirurgin. Vor einigen Tagen bei der Endokrinologin. Alles Ärztinnen, die etwa in meinem Alter sind, sehr empathische, tolle Frauen. Ich fühle mich sehr umsorgt und in guten Händen.
Manchmal vergesse ich den Krebs und alles läuft weiter wie bisher und dann die Erkenntnis. Es ist wahr. Ich muss es dann laut sagen, sonst kommt es nicht an. „Ich habe Brustkrebs“.
Heute hat mich jemand angeschrieben und ich habe das Mitleid gespürt. Ich hasse Mitleid. Die Frau hat mich bedauert. Ich musste nie im Leben bedauert werden und auch jetzt nicht. Ich bin heute so von der Hoffnung erfüllt, dass mich Mitleid wütend macht.
Ich merke, dass meine Strategie, mit dem Krebs umzugehen, das Organisieren ist. Ich mache Termine, nehme sie wahr, horte ein wenig, was ich brauchen könnte. Sortiere, putze, schmeiße Sachen weg. Ich bereite mich auf das Unbekannte vor. Ich habe eine Liste gemacht, was ich brauchen werde, wenn die Chemo anfängt. Mundspülung, Schmerztabletten, Antibrechmittel und, und, und. Ich habe Papiere sortiert, mich mit Putzmittel eingedeckt. Als kommt ein Krieg, hätte man das Gefühl.
Ich glaube sogar, es ist tatsächlich Krieg.
Ähnlich war es vor den Geburten der Kinder, dann nach der Scheidung und in jeder, für mich neuen oder bedrohlichen Situation. Und dann habe ich funktioniert, bis das Schwierigste überstanden war.
Tine sagte gestern: „Warum eigentlich du Katarina? Hast du noch nicht genug?“
Diese Frage habe ich mir nicht einmal gestellt. Es war immer klar, ich muss noch was lernen, ich muss noch was bewältigen. Ich war nicht wütend, traurig, enttäuscht. Ich habe es von Anfang an akzeptiert als noch ein Hindernis im Leben, was zu bewältigen wäre.
Manchmal habe ich das Gefühl, als ob die Krankheit in einer Parallelwelt passiert und ich beobachte das Geschehen. Ähnlich wie ein Videospiel, wo die Protagonistin eine Welt durchqueren muss, um Punkte zu sammeln.
Am Ende gibt es eine Belohnung: Ich werde gesund. Die Welt ist schwer und sie wird schwer verwundet, verliert Kraft, verliert Haare. Aber sie ist stark. Sie hat schon einige Welten geschafft und ist schon so weit.
Haha, ich weiß: Ich bin Lara Croft.
Und schon wieder warte ich.
Ich war am 15.04. am Donnerstag zur Besprechung. Ich habe keine Metastasen. Juhu! Nur einen Schatten an der Leber, der als Blutschwamm erklärt wurde.
Irgendwie kann sich das Glücksgefühl nicht einstellen. Ich war so Hoffnungsvoll und voller Erwartung auf die Genesung, dass die Kraft mich verlassen hat, dieses Gefühl aufrechtzuerhalten. Depressive Stimmung breitet sich aus. Warum?
Ich glaube, ich weiß warum.
Ich bin einer Community beigetreten, wo man mit ebenso Erkrankten schreiben kann. Der Krebs ist gegenwärtig und überall treffe ich auf mitleidende Menschen oder welche, die Mitleid erregen und brauchen.
Viele denken, dass ich zu Hause viel weine und am Boden zerstört bin. Die bieten ihre Hilfe an in Form von Zuhören. Dabei will ich nicht drüber reden, ich habe kein Bedürfnis, mich zu beklagen.
Als ich mich vor elf Jahren scheiden ließ, haben auch viele erwartet, dass ich hilflos bin, um Hilfe bettele. Ich war aktiv, habe gearbeitet, mein Leben organisiert und im Stillen geweint. Eine Freundin hat mich angeschrien, dass ich mich untypisch verhalte, dass ich alles im Griff habe, meine Kinder in der Spur bleiben und dass ich zu allem Überfluss noch gut aussehe. Ich habe es damals nicht verstanden.
Heute weiß ich, ich gehöre zu den wenigen Menschen, die das Leben im Griff haben und auf Krisen mit Organisation und Kontrolle reagieren. Ich packe die Probleme an und suche nach Lösungen. Für Klagen bleibt wenig Zeit. Was die Leute jedenfalls nicht wissen, ist, dass ich auch meine Krisen habe, aber damit nicht rausgehe. Ich bin durchaus öfter depressiv, aber keiner will die Probleme wirklich hören und sich schon gar nicht damit beschäftigen.
Die meisten bieten Hilfe an und sind froh, wenn ich: „Nein, danke“, sage, weil keiner wirklich Zeit hat.
Mit dem Krebs ist es genauso. Die meisten erwarten von mir den völligen Zusammenbruch. Die wollen mich auf dem Boden liegen sehen, weil es im Vergleich dazu, ihnen selber nicht so schlimm geht.
Zurück zu der Community… Jeder geht mit Krisen unterschiedlich um. Mit den meisten Vorgehensweisen komme ich nicht klar. Die Schicksale haben mich in den letzten zwei Tagen so runtergerissen, dass ich mich nicht mal über meine guten Nachrichten freuen könnte. Ich glaube, ich muss mich da ausklinken.
Der Schatten auf der Leber macht mich wahnsinnig.
Heute geht es mir besser. Wieder Hoffnung am Horizont. Morgen treffe ich eine Bekannte, der ich bei einer Sache helfen muss und möchte. So werde ich abgelenkt. Dienstag habe ich einen Ultraschall der Leber. Ich warte wieder und warte und warte.
Meine Tage sind nicht langweilig. Ich habe Struktur. Jeden Tag versuche ich Folgendes zu tun:
Sonst lese ich viel, putze, telefoniere, treffe Freundinnen. Die Tage werden sich ändern, sobald die Chemo anfängt, denke ich. Bis dahin verfolge ich meinen Plan. Durch Corona sind wir eingeschränkt, man kann nirgendwo hingehen, nicht shoppen. Es würde mich ablenken.
Eine Bekannte sagte mir, ich soll keine Süßigkeiten essen, weil sich der Krebs von Zucker ernährt. Das ist Unglaublich schwer.
Ich habe im Leben so viel geschafft, aber noch nie, meine Ernährung im Griff zu haben, um abzunehmen. Drei bis vier Wochen Weight-Watchers schaffe ich aber dann kommt eine Fressphase.
Heute bin ich unkonzentriert.
Ich habe einige Tage nicht geschrieben. Ich habe einfach mein Leben genossen. Am Dienstag hatte ich den Ultraschall der Leber. Der kleine Fleck, der gesehen wurde ist nur eine Gefäßverdichtung. Gott sei Dank. Der Krebs hat nicht gestreut und die Aussichten für die Zukunft sind sehr gut.
Ich habe mit einer jungen Ärztin im Krankenhaus gesprochen und gesagt, wie behütet ich mich fühle durch die Familie, Freunde, Freundinnen und ärztliche Versorgung. Daraufhin sagte sie: „Wenn Sie wüssten, wie undankbar die Menschen sind, wie unzufrieden. Ihre Einstellung erleben wir eher selten.“
Ich war erstaunt. Wir haben alle so ein Glück in einem System zu leben, das uns erlaubt, zu hoffen und uns behandeln zu lassen. Die überhöhten Erwartungen von vielen Leuten gehen mir auf die Nerven. Wir leben im Luxus. Es gibt einige Länder auf der Welt, die auch einen hohen medizinischen Standard aufweisen, aber nicht unbedingt das System, wo aufgrund der Krankenversicherung alle die gleiche Behandlung bekommen. Die Unzufriedenheit hier ist schlimm.
Gestern habe ich Susann besucht. Wir kennen und schon fünfzehn Jahre, in letzten Jahren haben wir uns – durch unsere beiden Scheidungen und Veränderungen des Lebens – etwas aus den Augen verloren. Es war wie nach Hause kommen. So vertraut und schön. Susann nahm die Nachricht von meinem Krebs sehr mitfühlend, aber zugleich sachlich auf. Sie guckte mich an und sagte nur: „Du schaffst das.“ Sie sagte es mit einer Überzeugung, dass ich das Gefühl hatte, mir würden Flügel wachsen. Nach Hause fuhr ich aufgebaut, mit neuer Hoffnung. Auch wenn es nicht so sein sollte, dass ich es schaffe, haben ihre Worte etwas Aufbauendes und Kraftvolles, weil sie von jemanden kommen, der mir sehr nahesteht und Zuhause bedeutet.
Susann und ich sprachen während meines Besuchs viel über Hoffnung, Chancen, Veränderungen, Pläne und Lebensprojekte. Das was sehr nah am Leben und hat mich meine Krankheit für einen Moment vergessen lassen.
Das große Thema beim Krebs ist WhatsApp und Telefon. Ich kriege im Moment ungefähr zwanzig Nachrichten am Tag. Es ist faszinierend, wie viele Leute mich kontaktieren. Die Betroffenheit ist groß. Ich bin gespannt, ob das irgendwann abflacht? So eine Krankheit ist im gewissen Sinne eine Sensation. Wenn es noch jemanden trifft, der etwas jünger ist, ist es natürlich noch interessanter. Bei Bekannten, Freunden und Freundinnen kommen noch gewisse Emotionen hinzu.
Manchmal schreiben mir Leute: „Du kannst mir jederzeit schreiben oder wir können telefonieren!“, wenn ich aber tatsächlich andeute, auf das Angebot angehen zu wollen, machen sie einen dezenten Rückzieher und auf einmal ist es schwierig für sie, Zeit zu finden. Ich grinse darüber.
Ich habe genug Gesprächspartner und -partnerinnen, aber es ist eine interessante Verhaltensweise. Anteil nehmen, aber in das Geschehen nicht mithineingezogen zu werden ist für viele ein Schutzmechanismus. Verständlich, aber so erkennt man den eigenen Wert auf dem Freundschaftsmarkt.
Meine Arbeitskolleginnen schreiben mir, dass sie mich vermissen. Ich freue mich darüber, weil ich das Gefühl vermittelt bekomme, bei der Arbeit beliebt zu sein. Ich mag die meisten auch und hoffe, dass wir in einem Jahr wieder zusammenarbeiten.
Am Wochenende ist immer etwas los. Heute ist Basti, mein jüngerer Sohn, zu Besuch. Es ist lustig und es ist ein schöner Tag und in mir wütet Unruhe.
Ich denke an die OP und gleichzeitig mache ich Zukunftspläne. Es gibt viel, das mir durch den Kopf geht. Trotz der ausgesprochen guten Prognose, denke ich darüber nach, dass ich an einer Krankheit erkrankt bin, die tödlich verlaufen könnte und die noch vor 50, 40, 30 Jahren in vielen Fällen ein Todesurteil war. Wie fühlten sich Frauen in der Zeit, die die Diagnose bekommen haben und sich vom Leben verabschieden mussten? Natürlich gibt es auch jetzt noch genug Krebskranke, die gehen müssen, aber die Medizin bietet inzwischen Behandlungen verschiedener Art. Die Diagnose ist vom Todesurteil viel weiter entfernt als früher.
Gerade Brustkrebs wird oft geheilt. Trotz allem hat das Wort „KREBS“ nicht an Schrecken verloren, was ich auch an den Reaktionen auf meine Erkrankung merke.
Basti hatte heute Besuch von Alex, einem Freund von ihm. Ich bin überwältigt, wie die jungen Menschen, schon im Alter von einundzwanzig Jahren, ihre Anteilnahme ausdrücken können, ohne einen runterzuziehen. Ich habe schon immer Wert daraufgelegt, mit Freunden und Freundinnen meiner Kinder im Gespräch zu bleiben und sie kennenzulernen.
Abgesehen davon, dass es wichtig für die Kinder war, habe auch ich den Kontakt genossen. Es sind junge, kluge Menschen, die voller Pläne sind, lustig und freundlich. Ich verstehe nicht, dass so viele Leute über sie meckern.
Ich denke, wie man in den Wald ruft, so kommt es zurück.
Meine Stimmung ist leicht gekippt. Gestern ging es mir nicht gut und ich habe den ganzen Tag verschlafen. Was für ein Luxus, dass ich das darf.
Vorgestern hab ich eine lange Fahrradtour gemacht, entlang der Weser. Die Sonne schien aber es war kalt. Ich glaube, ich habe mich erkältet. Wahrscheinlich deswegen habe ich so geschlafen. Schon immer, wenn ich etwas ausgebrütet habe, habe ich mich ins Bett gelegt und geschlafen. Nicht umsonst sagt man: „Schlaf ist die Beste Medizin.“
Oder ist das schon Fatigue?
Gestern gab es eine Überraschung. Morgens um 10 lieferte ein Bote ein Paket ab. Ich legte es weg, in dem Glauben, dass Jens etwas bestellt hatte. Darauf stand: „Vorsicht Glas“.
Am späten Nachmittag nahm ich das Paket noch mal in die Hand und stellte mit Erstaunen fest, dass es an mich adressiert war. Ein Paket von Tine.
Ich habe es aufgemacht und die Überraschung war groß. Darin waren Süßigkeiten, ein Piccolo, ein kleines Tierchen, was MUTiger heißt und von mir den Namen Fredi bekam, ein Schlüsselanhänger mit Aufschrift GlücksHORMON, Geduldsfäden, und ein Brief, der mich weinen ließ. Lauter liebe Sachen. Ich war so überwältigt. Die Überraschung ist Tine gelungen. Ich freute mich, weinte, freute mich, weinte und war wieder voller Hoffnung.
1 Glücksbringer
In letzter Zeit habe ich von so vielen Menschen so unglaublich viele Liebes-, Freundschaftsbeweise und Bestätigung gekriegt, dass ich fast schon ein schlechtes Gewissen habe, weil ich denke, dass ich das nicht verdiene. Das Paket am Nachmittag war das i-Tüpfelchen und ich ließ den Tränen freien Lauf.
Es ist nicht so, dass ich sonst keine Bestätigung kriege, aber es ist im Moment so geballt. Die Kraft dessen kann wahrscheinlich Krebs heilen. Na hoffentlich…
Nachmittag:
Ich habe das Bedürfnis, zu schreiben, also hat sich meine Idee über einen Blog gelohnt. Das Feedback, das ich bisher bekam, als ich den Blog veröffentlicht habe, war sehr positiv. Ich freue mich darüber. Vielen Dank dafür, dass ich auf diese Weise ermutigt wurde, weiter zu schreiben.
Ich glaube, ich habe Lieselotte bisher noch nicht vorgestellt. Mein Krebsmaskottchen, das ich von Frauke, einer sehr guten Freundin, gekriegt habe und was mich gesund zaubern soll. Das ist sie. Tadaa!
2 Lieselotte
Noch zwei Tage bis zur OP. Ich gehe nachts verschiedene Möglichkeiten durch, was dabei passieren kann. Habe abends Schwierigkeiten, Luft zu bekommen, wahrscheinlich eine psychosomatische Geschichte.
Gestern guckte ich bis halb zwei Fernsehen. Einschlafen: Fehlanzeige. Ich wurde in meinem Leben schon einige Male operiert, aber jetzt bin ich älter und die OP ist eine andere. Ich habe Angst, dass ich falsch gelagert werde und einen Nervenschaden davontrage, dass ich einen Schlaganfall unter der Narkose kriege oder etwas ähnlich Blödes.
Der Brustverlust ist nicht relevant für mich. Ein Freund hat gesagt: „Wenn du dann im Sommer auf dem Rücken schwimmst, mit einer Brust nach oben, siehst du aus wie ein Hai.“ Ich finde die Vorstellung sehr witzig und habe auch schallend darüber gelacht. Man muss die Situation mit Humor nehmen. Es hilft, zu überleben.
Wir lachen zu Hause sehr viel. Gesunder Humor hilft uns, alles zu verarbeiten. Und letztendlich: Auch wenn es nicht positiv ausgehen sollte, wovon wir alle nicht ausgehen, habe ich und haben wir als Familie eine schöne Zeit gehabt.
Auch negative Sachen passieren. Ich bin Physiotherapeutin und in meinem Berufsalltag habe ich unzählige Lebensgeschichten gehört und Schicksale gesehen, bei denen ich dachte: So etwas passiert nur in Büchern und Filmen. Nein, das passiert normalen Menschen und auch mir kann Böses widerfahren. Die Realität und das Leben nehmen selten Rücksicht darauf, wer man ist. Und nichts verläuft nach Plan.
Es ist eine Gabe, in jeder Kurve des Lebens, das Gleichgewicht zu halten.
Jetzt habe ich genug kluge Sachen geschrieben. Ich staune schon über mich… lach
Morgen muss ich um Viertel vor acht zum Corona Test, dann ins St. Jürgen Krankenhaus zur Brustmarkierung vor der OP, anschließend um halb zehn ins St. Joseph Stift in die Nuklearmedizin zur Wächterknotenmarkierung. Das alles soll etwa sechs Stunden dauern. Abends rufe ich dann an, und sage Bescheid, wann ich am Dienstag dran bin zur OP und wahrscheinlich falle ich im Anschluss tot um.
Der Wächterknoten ist der Lymphknoten, der von dem Krebs am wenigsten entfernt ist. So nah dran wie möglich. Meine Lymphknoten sollen bei der OP nicht entfernt werden. Sie sind ja nicht befallen. Aber… und das macht mich unsicher, falls der entnommene Wächterknoten evtl. doch einige Tumorzellen aufweisen sollte, komme ich noch mal auf den OP-Tisch und dann müssten die Lymphknoten raus.
Ich erfahre es aber erst am 17.05. Entsetzlich. Immer diese Warterei. Aber so lange brauchen sie, um die Untersuchungen durchzuführen und ich bin ja nicht die einzige Krebskranke in Bremen.
Es ist wirklich eine Parallelwelt. Man könnte im Krankenhausalltag eine soziale Studie durchführen, aus Sicht der Patienten und Patientinnen. Ich war sonst immer auf der anderen Seite. Sehr interessant.
Ich komme nochmal auf die Reaktionen auf meinen Blog zurück. Außer unzähligen positiven, aufbauenden Reaktionen, habe ich auch drei andere gekriegt.
Eine, in der ich auf orthographische Fehler aufmerksam gemacht wurde. Also: Wenn ich mich vertippe oder einen Fehler übersehe, bitte ich um Nachsicht. Ich bin manchmal sehr hektisch und auch nicht perfekt. Ich strebe auch nicht nach Perfektionismus.
Sonst hat man mir gesagt, dass ich den Krebs bekommen habe, weil ich sehr unentspannt bin, ich soll mich entspannen und endlich das Leben genießen. O.k. ich genieße mein Leben sehr und jetzt noch bewusster. Ich denke eine Krankheit sagt einem, dass sich was ändern muss und auch wird. Das akzeptiere ich und versuche, danach zu handeln.
Auch die Schuldzuweisung, dass ich selber schuld bin, weil ich mal böse zu jemandem war, stimmt nicht. Ich bin nicht schuld, krank geworden zu sein. Krankheiten entwickeln sich einfach. In meiner Arbeit habe ich festgestellt, dass auch Menschen die alles richtig machen, gesund essen, bis ins hohe Alter viel Sport treiben, krank werden. Es ist einfach so und nicht immer gibt es einen Schuldigen.
Morgen ist die OP.
Heute war ich seit sieben Uhr unterwegs. Zuerst zum Corona Test. Ich dachte, ich bin die Erste, weil die um acht Uhr erst aufmachen, aber um zwanzig vor acht standen da schon vier Leute. Nur Rentner. Einer hat in einer Tour gemeckert, dass er draußen warten muss, dass das Personal unfähig und die Organisation unmöglich ist. OMG. Und natürlich ohne Maske vor dem Eingang, obwohl sonst alle Masken aufhatten. Mir fehlten die Worte. Und das um kurz vor acht.
Direkt von da aus zum anderen Gebäude zur Brustmarkierung. Es musste schnell gehen, weil ich schon um halb zehn in einem anderen Krankenhaus die Wächterknotenmarkierung hatte.
Überall im Lauftempo. Na ja… So war ein bisschen Sport dabei, aber leider im Regen. Als ich im St. Joseph Stift ankam, eine Stunde zu spät (Parkplatzsuche inklusive), war ich völlig durchnässt, mit kalten, nassen Schuhen. Es dauerte alles – Gott sei Dank – nicht so lange. Nach zwei Stunden war ich fertig, im wahrsten Sinne des Wortes, und um dreizehn Uhr wieder zu Hause.
Nass und kalt. Wir haben Mai. Die Leute auf der Straße tragen Winterkleidung. Was habe ich mir eigentlich gedacht mit meinen weißen Turnschuhen?
Zu Hause aß ich schnell etwas, passend zum Tag nichts Gesundes und fiel anschließend mit meiner Wärmflasche ins Bett. Zwei Stunden tiefer Schlaf. Stress, Emotionen, Kälte, Regen, Angst – eine hochexplosive Mischung.
Ich habe gepackt, die Vollmachten sind fertig und die Patientenverfügung auch.
Gestern war die OP. Alles gut überstanden. Drei Lymphknoten wurden entnommen und natürlich die Brust.
Die OP fand um neun Uhr statt und dauerte angeblich eineinhalb Stunden. Bei der Vorbereitung war ich sehr aufgeregt. Die Pfleger waren freundlich und haben mit mir gesprochen. Die Gespräche drehten sich viel um OPs während Corona und schlechte Bezahlung. Hauptsache Ablenkung. Der Narkosearzt gehörte nicht zu den sanftesten Ärzten und hat mir die Zugangsnadel in den Handrücken gerammt. Es hat sehr wehgetan und es gibt bestimmt einen blauen Fleck. Dafür nimmt die Stationsärztin viel Rücksicht beim Stechen.
Dann bekam ich schon die Sauerstoffmaske auf das Gesicht gedrückt und weg war ich. Anschließend schlief ich bis vierzehn Uhr und am Nachmittag noch einmal zwei Stunden. Dann kam die Operateurin und sagte, dass ich nicht mehr schlafen soll, weil ich dann nachts nicht schlafe. Ich bin folgsam. Ich quälte mich bis halb zehn, wach zu bleiben und als ich dann einschlief, kam die Nachtschwester um Blutdruck zu messen.
Die Nacht war gut, in den Wachphasen hörte ich, dass im Nebengebäude jemand nach Allah schrie. Immer und immer wieder. Keine von meinen Zimmernachbarinnen machte Schlafgeräusche. Es war absolut still, nur dieser arme Mensch nebenan. Hatte er Schmerzen, war verwirrt oder alleine? Es war traurig, aber so ist wahrscheinlich der Krankenhausalltag.
Alle hier sind sehr nett und freundlich, obwohl es relativ hektisch zugeht.
