Wake up, Paula! - Marlene Mercury - E-Book

Wake up, Paula! E-Book

Marlene Mercury

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Beschreibung

Nach dem Tod ihrer Mutter findet Paula vier von ihrer Mutter verfasste Geschichten, die als Vermächtnis an sie, ihre Tochter, gerichtet sind. Sie möchte Paula auf diese Weise noch etwas Wichtiges, bisher noch nicht Gesagtes, mitteilen. Paula reagiert zunächst reserviert und zögerlich.

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EPUB
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Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Wer sich geändert hat,hat die Welt geändert,denn er ist ein Teil von ihr.

(Gerald Dunkl)

Marlene Mercury

Wake up,Paula!

– die andere Mutter

Impressum:

© 2019 Marlene Mercury

Umschlagbild: www.pixabay.com (user: 240173) Lektorat u. Satz:

Angelika Fleckenstein; spotsrock.de

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-7482-5289-4 (Paperback)

 

978-3-7482-5290-0 (Hardcover)

 

978-3-7482-5291-7 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die

Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Inhaltsverzeichnis

Paula

Ada und Jan, das Wiedersehen

Meine Freundin Ursula

Eine Liebesgeschichte

Im Irrgarten des Menschlichen

Epilog

Paula

Paula fuhr mit ihrem PKW langsam die Wohnstraße entlang, bog noch einmal ab und hielt schließlich vor einem Einfamilienhaus an. Sie stieg nicht sofort aus, sondern betrachtete es noch eine Weile. Es war im Stil der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts gebaut mit einem steilen Dach, unter dem sich die Schlafräume und das Bad befanden und einem Erdgeschoss, wo sich die Küche, das Wohnzimmer, die Garderobe und ein Gästezimmer befanden. Alle Räume waren relativ klein. In Paulas Erinnerung strahlten sie eine Mischung von Enge und Gemütlichkeit aus. Es war ihr Elternhaus, aber insbesondere in den letzten Jahren, bevor sie auszog, überwog das Gefühl der Enge. Es gab auch noch einen Keller für den Wäschebereich und die Abstellräume, wie man eben damals so baute. Paula lächelte wehmütig beim Anblick des inzwischen in die Jahre gekommenen Hauses und stieg aus.

Der relativ große Garten mit Obstbäumen und Büschen wirkte ungepflegt. Das Unkraut hatte die Herrschaft übernommen, und der Rasen war schon lange nicht mehr gemäht worden. Auch das Haus machte einen etwas heruntergekommenen Eindruck. In den letzten 10 Jahren, seit Paulas Mutter Witwe war, wurden nur noch die nötigsten Instandsetzungsarbeiten vorgenommen. Paula sah, dass die Farbe an einigen Fensterrahmen abblätterte und die hölzerne Haustüre ausgebleicht war. Eigenartigerweise fiel das Paula erst jetzt so richtig auf. Bei den Besuchen hatte sie keinen Blick dafür gehabt, und ihre Mutter hatte auch nichts zu ihr gesagt.

Paula schloss die Augen. Hier hatte sie ihre Kindheit und Jugend erlebt mit all den Freuden und Problemen der damaligen Zeit: Schulzeit, erste Liebe, Freundschaften, dann der Wegzug und die Heirat. Die Gestaltung des eigenen Lebens beschäftigte sie viele Jahre lang so intensiv, dass sie die Eltern nur noch selten besuchte, weil die häusliche Atmosphäre ziemlich angespannt war und die Besuche für Paula eher eine Pflichtübung darstellten und wenig Freude machten. Ihre Eltern stritten sich oft um Kleinigkeiten. Aber doch nie so schlimm, dass sie eine Trennung erwogen, denn sie liebten sich im Grunde. Paula war jedoch ein harmoniebedürftiger Mensch und konnte diese Debatten nur schlecht aushalten, zumal ihre Mutter erwartete, dass sie ihre Partei ergriff. Paula liebte jedoch ihren Vater sehr und konnte deutlich erkennen, dass er sich manchmal unterlegen fühlte. So stand sie oft dazwischen, was sie in sehr unangenehmer Erinnerung hatte.

Paula seufzte, weil ihr jetzt einiges einfiel, woran sie ansonsten eher selten dachte. Ihre etwas überstürzte Heirat war auch als Flucht aus dieser Situation zu sehen, zumindest aus heutiger Sicht. Die Ehe war nicht gut gegangen und blieb auch kinderlos. Paula, jetzt Mitte 50, lebte schon längere Zeit alleine. Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie ihre Mutter wieder öfters besucht. Sie standen sich zwar nicht wirklich nahe, aber sie war der einzige Mensch, mit dem sie über ihre Vergangenheit reden konnte. Sie war ein lebendiger Teil dieser Vergangenheit, hörte zu und brachte regelmäßig eine andere Perspektive in Paulas Erzählungen. Hier konnte sie Tochter sein, und das tat ihr gut.

Aber jetzt war ihre Mutter gestorben. Sie klagte über Herzbeschwerden, kam ins Krankenhaus und starb dort sehr schnell. Das Haus musste geräumt werden, und das war ihre – Paulas - Aufgabe und Verpflichtung. Weil sie die alleinige Erbin war, musste sie sich jetzt um den Nachlass kümmern. Darüber, was sie mit dem Haus einmal anfangen würde, machte sich noch keine Gedanken. Es war noch zu früh. Aber sie würde auf keinen Fall dort wohnen wollen, das wusste sie schon jetzt. Sie würde sich in diesem Haus nicht wohlfühlen.

Sie ging die wenigen Stufen zur Haustüre hoch und schloss die Tür auf. Ihr schlug der typische Geruch dieses Hauses entgegen, ein Duftgemisch aus Küchendunst, Raumspray und alten Kissen und Bezügen. Zunächst öffnete sie sämtliche Türen und Fenster, um frische Luft herein zu lassen. Es würde zwar nicht viel nutzen, aber es war Paula ein dringendes Bedürfnis.

Die halbvolle Kaffeetasse stand noch genauso da, wie sie ihre Mutter verlassen hatte. Und dann kehrte sie nicht mehr zurück … Paula stiegen Tränen in die Augen, als sie das sah. Die Beerdigung war erst vor zwei Wochen gewesen, und der Schmerz über den Verlust war immer noch sehr stark und gegenwärtig.

Es war die Mutter. Mit ihr war auch ein Teil ihrer Vergangenheit gestorben, existierte nur noch in ihrem Gedächtnis. Jeder macht diese Erfahrung, dachte Paula, und doch ist dieses Erleben etwas Einzigartiges. Eine zweite Paula und die Mutter gab es nicht.

Sie stellte sich ans Fenster des Wohnzimmers und blickte in den verwilderten Garten hinaus. Hier hatte sie mit ihren Freundinnen gespielt, hier wurden sommerliche Grillabende mit Freunden und Nachbarn veranstaltet. Die vielen Sommer vereinten sich vor ihrem geistigen Auge zu einem einzigen, bekamen in Paulas Erinnerung einen goldenen Glanz. Ihr Leben war damals behütet, sie fühlte sich getragen von der Liebe ihrer Eltern. Paula spürte, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen. Alles vorbei.

Mit einem Mal wurde ihr deutlich, dass auch ihr Leben endlich war und dass die Leichtigkeit dieser unbeschwerten Zeit niemals wiederkehren würde. Alles hat seine Zeit, dachte sie, und jetzt ist die Zeit der Trauer, des Abschiednehmens und der Beschäftigung mit der Vergangenheit.

Paula begann, die Zimmer zu durchstreifen. Das Mobiliar war alt und abgewohnt. Der Inhalt der Schubladen und Schränke, das Geschirr, die Nippesfiguren - es interessierte sie nicht wirklich. Auch die Schränke mit der Kleidung waren ihr gleichgültig. Im Schlafzimmer gab es eine Schatulle mit Schmuck. Sie kannte jedes Stück, es war nicht ihr Geschmack. Bei den Bildern handelte es sich ausschließlich um billige Drucke. Ihre Mutter hatte nicht wirklich Zugang zu ästhetischen Gesichtspunkten und wollte für schöne Dinge auch kein Geld ausgeben. Alles musste praktisch sein und ihre Wohnung sollte in erster Linie eine gewisse Behaglichkeit ausstrahlen.

Paula war da ganz anders. Sie liebte bei allen Dingen einen einfachen, aber klassisch zeitlosen Stil. Sie machte sich viele Gedanken zu ihrer Wohnungseinrichtung und überlegte lange, bevor sie sich etwas Neues anschaffte. Sie seufzte in Anbetracht der Fülle an Dingen, mit denen sie nichts anfangen konnte. Es widerstrebte ihr sogar, sie anzufassen, als ob der Geruch des Todes daran hängen würde. Sie würde wohl eine Entrümpelungsfirma kommen lassen.

Sie begab sich ins Dachgeschoss. Hier befand sich ein kleiner Raum, in dem ihre Mutter Fotoalben, Dokumente und Bücher aufbewahrte. Es war eine Art Büro mit einem kleinen Schreibtisch darin. Darüber hing ein staubiges Regal mit diversen Aktenordnern. Sie las die Beschriftung auf den Rücken: „Haus“ stand da, „Rechnungen“ oder „Steuer“, lauter Papiere, für die sich jetzt keiner mehr interessierte. Die wichtigsten Dokumente hatte ihr die Mutter schon vor Jahren übergeben. Ihr Blick fiel wieder auf den Schreibtisch, weil sie dort als einzigen Gegenstand einen Ringblock liegen sah. Ein Kugelschreiber lag quer darüber. In großen Druckbuchstaben stand auf dem Block geschrieben:

LEBENSERINNERUNGEN IN GESCHICHTEN – FÜR PAULA

Paula stutzte zunächst, dann begriff sie: Ihre Mutter hatte ihr etwas Schriftliches hinterlassen. Ihr fiel auch auf, dass kein Staub auf dem Block lag. Vermutlich hatte ihre Mutter ihn erst kurz vor ihrem Tod dorthin gelegt. Paula war neugierig und fühlte gleichzeitig eine innere Abwehr dagegen, sich dem Inhalt des Blocks zu nähern. Was, wenn sie darin Statements über sich las, auf die sie nun nicht mehr reagieren konnte? Was, wenn sie von Dingen erfuhr, die sie gar nicht wissen wollte, weil sie diese womöglich belasten würden? Ihr fiel auf, dass ihr nur Negatives durch den Kopf schoss. Wieso traute sie ihrer Mutter nichts Positives, Versöhnliches zu?

Mit einem Schlag war die melancholische Abschiedsstimmung verflogen. Sie stand ihrer Mutter jetzt wieder abwartend bis misstrauisch gegenüber, ihre übliche Haltung. Wieso konnte sie sich nicht vorstellen, dass ihre Mutter im Grunde ihres Herzens ihre Tochter durchaus wohlwollend sah? Sie waren sehr unterschiedlich, natürlich nicht in allen Bereichen; aber in ihrem Umgang miteinander konzentrierten sie sich stets auf die Unterschiede. Selbst das wäre ja in Ordnung gewesen, wenn sie diese Unterschiede nicht für kleinkarierte Rechthabereien genutzt hätten. Jetzt mit der Distanz der Lebenden zu der Toten konnte sie sich das plötzlich eingestehen.

Paula wurde unsicher. Sie spürte, dass in ihr etwas in Bewegung geriet, dass mit dem Tod der Mutter auch Gedanken ins Bewusstsein kamen, die sie früher nicht zulassen konnte. Dieses verletzte Kind, das sie in der Gegenwart ihrer Mutter war, das sie auch als Ballast durch das Leben trug, verhinderte jeden vernünftigen Umgang mit der Andersartigkeit der Mutter. So wirklich erwachsen wird man eigentlich erst, wenn man damit abgeschlossen hat, fuhr es ihr durch den Kopf. Wenn man nicht nur seine Eltern im Kontext der Kindheit verorten konnte, sondern auch sich selbst. Es handelte sich um die Vergangenheit, und die war abgeschlossen. Das war einfacher, wenn die Eltern nicht mehr lebten, stellte sie dann pragmatisch fest.

Sie beschloss, wieder nach Hause zurückzufahren, wollte jedoch den Block mitnehmen. Ich muss das alles mit meiner Freundin Anni besprechen, dachte sie. Am besten, sie liest als Erste diese Aufzeichnungen. Anni konnte ihr dann sagen, ob der Text ihrer Mutter für sie zuträglich war oder nicht.

Anni, die sie schon seit Jahrzehnten kannte, war ihre sogenannte beste Freundin, mit der sie ihre Gedanken, Träume und Ansichten austauschte. Sie gingen in die gleiche Schulklasse, waren zu dieser Zeit jedoch nicht wirklich miteinander befreundet. Erst viele Jahre später, als sie sich anlässlich eines Klassentreffens wiedersahen, kamen sie sich näher. Sie lebten beide alleine und hatten somit Zeit und auch Lust miteinander über dieses und jenes zu plaudern oder auch Ausflüge zu unternehmen. Anni war vom Leben ziemlich hart angefasst worden. Ihr einziger Sohn starb in jungen Jahren bei einem Verkehrsunfall und ihr deutlich älterer Ehemann musste noch jahrelang gepflegt werden, bevor auch er vor einigen Jahren starb. Die Eltern lebten schon lange nicht mehr. Sie musste schon mit vielen Verlusten fertig werden, hatte sich jedoch ihre grundsätzlich optimistische Lebenseinstellung bewahrt, trotz mancher melancholischen Phasen, die sich immer wieder einstellten. Vor allem an den Jahrestagen, insbesondere zum Zeitpunkt des Todestages ihres Sohnes, ging es ihr meist nicht gut.

Anni war klein und ein eher drahtiger Typ. Sie war eine sportliche Erscheinung mit einem aparten Kurzhaarschnitt und achtete sehr auf ein gepflegtes Äußeres, ohne sich allerdings um Modetrends zu kümmern. Sie hatte einen flotten, energischen Gang und nahm sehr gerne teil an den Veranstaltungen der Stadt, wenn es sich um kulturelle Ereignisse handelte.

Paula beneidete Anni ein wenig wegen ihres guten Aussehens und dieser dynamischen Lebenseinstellung, die ihr irgendwie fehlte. Sie musste sich jedoch eingestehen, dass sie selbst keine Lust hatte, so viel Zeit auf ihr Äußeres zu verwenden. Sie war auch eher bequem, zog sich gerne mit einem guten Buch zurück und gab sich ihren Träumen hin. Auch musste sie stets auf der Hut sein, nicht zuzunehmen, da sie gerne naschte.

Meist lieferte Anni die Ideen, was man so machen könnte und Paula schloss sich – oft aus Bequemlichkeit - gerne an. Sie hätte zwar manchmal lieber etwas nach eigenen Vorstellungen gemacht – zum Beispiel einen Kochkurs -, das interessierte jedoch Anni weniger. Paula sorgte sich dann immer um Annis Laune, so als wäre sie dafür verantwortlich, und verzichtete lieber auf so eine Unternehmung. Manchmal hätte sie sich schon gerne durchgesetzt und so eine Sache durchziehen wollen, aber dann war ihr das wieder zu anstrengend. Dank Anni hatte sie eine gewisse Freude am Radfahren entwickelt, und so gaben die beiden ein gutes Gespann ab, Freundschaft mit inbegriffen.

Anni war die erste, die sie über den Tod ihrer Mutter informiert hatte, und sie fand auch sofort die passenden Worte. Sie hatte Paula geraten, mit dem Besuch des Hauses noch eine Weile zu warten.

„Lass dir Zeit damit“, hatte sie zu Paula gesagt. „Lass die Erinnerungen kommen, die guten und die weniger guten. Schließe freundlich mit der Vergangenheit ab, soweit sie mit deiner Mutter verbunden ist. Versuch dir deine Mutter nochmals vorzustellen. Sie war auch einmal jung gewesen, hatte sich verliebt, hatte Freude mit ihrem Kind. Sie musste wie alle Menschen mit Kummer und Verlusten fertig werden. Auch bei ihr sind sicher einige Jungmädchenträume geplatzt. Man sollte in der Rückschau nicht allzu streng mit den Seinen umgehen. In jedem Leben gibt es Licht und Schatten. Du hattest wenigstens das Glück, sie so lange gehabt zu haben. Meine Mutter starb leider, als ich sechzehn Jahre alt war und ich sie noch dringend gebraucht hätte.“

Paula hatte Anni nachdenklich angesehen. „So habe ich das noch gar nicht gesehen. Du weißt ja, dass wir uns nicht wirklich nahestanden, meine Mutter und ich. Ich fand sie mir gegenüber oft zu kritisch, zu wenig wohlwollend“, antwortete sie dann.

Anni lächelte. „Man muss eben beide Seiten sehen. Möglicherweise war sie nicht die Mutter, die du dir gewünscht hast. Aber vielleicht hat sich deine Mutter für ihre Tochter auch Eigenschaften gewünscht, die du dann nicht oder nicht ganz hattest. Wir wollen immer das Optimum, aber tatsächlich besteht das Leben aus lauter Kompromissen.“

„Da hast du recht“, pflichtete Paula bei, „vielleicht muss ich diese Dinge einfach mal von einer anderen Seite betrachten.“

Und so stand Paula jetzt nachdenklich vor dem Schreibtisch mit dem Ringblock. Ihre Mutter hatte seit jeher gerne Texte verfasst oder das eine oder andere Gedicht geschrieben. Paula hatte sie früher auch mal gelesen. Aber anstatt ihrer Mutter eine ehrliche Rückmeldung zu geben und ihr dadurch zu zeigen, dass sie sie ernst nahm, hatte sie nur flapsige Bemerkungen dazu gemacht. In der Folge hatte die Mutter ihr dann die Texte nicht mehr gezeigt. Warum wollte sie die Texte eigentlich nicht lesen und darüber reden? Ihre Mutter hätte sich sicher gefreut. Vielleicht war das der Punkt. Es war die Rache dafür, dass sie sich von der Mutter nicht so akzeptiert fühlte, wie sie das gerne gehabt hätte. Vielleicht wollte sie sich auch einfach nicht mit den Gedanken ihrer Mutter auseinandersetzen, wollte ihre eigene Position nicht überdenken. Sie spürte jedenfalls eine starke innere Abwehr gegen diese Texte, wohl wissend, dass ihre Mutter ziemlich enttäuscht war deswegen.

Wo steht es eigentlich geschrieben, dass Eltern perfekt zu sein haben und die Kinder jedes Recht der Welt haben, sie zu kritisieren?, dachte Paula plötzlich. War sie denn perfekt? Sie schob diesen unangenehmen Gedanken beiseite. Für heute hatte sie genug.

Sie packte den Ringblock ein, um ihn Anni zu bringen und fuhr wieder zurück in ihre Wohnung. Sie wollte Anni sofort anrufen, aber irgendwie bekam sie die Gedanken an ihre Mutter nicht aus ihrem Kopf. Wie war sie gewesen als junges Mädchen, als junge Ehefrau und Mutter? Welche Vorstellungen und Träume hatte sie gehabt? Natürlich gab es Fotos aus dieser Zeit, aber die gaben nicht wirklich Auskunft darüber.

Paula kochte sich eine Tasse Tee und blickte sinnend durch das Fenster ihres Wohnzimmers. Es war bereits Spätsommer und die Tage waren schon ziemlich kurz. Es dämmerte und Nebel machte sich breit, durch den die Sonne kaum noch durchkam. Paula fragte sich, wie denn ihr Leben jetzt weitergehen sollte. Sich um ihre Mutter zu kümmern war bis zu ihrem Tod ein fester Bestandteil ihres Alltags gewesen, der jetzt wegfiel. Natürlich war ihr das manchmal zu viel gewesen, aber, das musste Paula zugeben, es gab ihrem Leben Sinn. Ihre Streitgespräche, ihre unterschiedliche Auffassung zur Politik, ihre jeweilige Interpretation der Familiengeschichte, das alles fand nun nicht mehr statt. Jetzt erst spürte sie, wie wichtig ihr diese Gespräche waren. Paula konnte sich auch nicht mehr über dieses und jenes Ungemach ihres Lebens beklagen – es interessierte niemanden mehr, außer vielleicht Anni. Aber die Mutter war eben etwas anderes. Bei ihr konnte sie sogar in ihrem reifen Alter noch ab und zu Kind sein. Sie spürte, wie sich ihre Augen wieder mit Tränen füllten. In das Gefühl der Trauer mischten sich jetzt auch Selbstmitleid und das Gefühl, ihrer Mutter etwas schuldig geblieben zu sein. Hatte sie es wirklich wertgeschätzt, dass sie so lange mit ihrer Mutter zusammen sein konnte? Hatte sie ihr jemals gedankt, einfach mal so? Geburtstag, Muttertag, Weihnachten, das waren die offiziellen Termine für dieses Dankeschön. Man ging Essen, überreichte Blumen und Geschenke – aber kam das wirklich von Herzen? Paula musste sich eingestehen, dass ihr verletztes Ego eine echte Zuwendung verhindert hatte. Sie konnte einfach nicht über ihren Schatten springen.

Paula kam sich plötzlich kleinkariert, egoistisch und herzlos vor. Sie hatte manchmal das Gefühl gehabt, dass ihre Mutter auf etwas wartete … Warum fielen ihr nur immer Probleme und Schwierigkeiten ein! Es gab doch auch schöne Dinge, zählten die denn nicht? Sie rief sich zur Ordnung, um nicht in dieser larmoyanten Stimmung zu versinken.

Ihre Mutter hatte sie immer dann unterstützt, wenn sie eine Idee hatte oder Interesse für etwas zeigte. Zum Beispiel wollte sie auf Anraten der Musiklehrerin der Grundschule das Geigenspiel erlernen. Obwohl niemand in der Familie ein Instrument spielte, wurde umgehend eine Geige angeschafft und Paula bekam teuren Einzelunterricht. Für solche Dinge war immer Geld da. Auch für die Reitstunden, die sich Paula einige Zeit später wünschte. Sie musste zur Reitschule gefahren werden und Mutter wartete geduldig, bis sie fertig war, um sie wieder nach Hause zu bringen. Mutter war ein bisschen enttäuscht, dass Paula nicht die nötige Ausdauer aufbrachte und ihre Interessen meist nur von kurzer Dauer waren. Niemals hätte sie ihr jedoch einen Wunsch versagt. Paula fielen noch weitere positive Dinge ein, was sie aber wiederum traurig machte, weil sie die Wertschätzung dieser Dinge ihrer Meinung nach in der Vergangenheit viel zu sehr vernachlässigt hatte. Jetzt war es für alles zu spät.

Sie kam sich mit einem Mal feige vor, weil sie sich nicht traute, die Lebenserinnerungen ihrer Mutter zunächst selbst zu lesen. Glaubte sie denn wirklich, dass ihre Mutter sie nachträglich noch verletzen wollte? Paula fühlte sich unsicher und beschloss Anni anzurufen. Sie erzählte ihr alles, was sie sich so dachte, ihre Gefühle und ihre Ängste und beendete ihre Rede mit „was meinst du dazu, Anni?“

Anni schwieg zunächst, ganz gegen ihre Gewohnheit. Es war zwar immer so, dass sich Paula mit ihren Sorgen und Problemen an Anni wandte, aber normalerweise wusste sie schnell einen Rat oder machte einen Lösungsvorschlag.

„Ich weiß nicht so recht, was ich bezüglich deiner Gefühle für deine Mutter sagen soll“, begann sie zögernd, „ich muss da wohl weiter ausholen. Meine Großmutter – also die Mutter meiner Mutter – musste aus Ostpreußen fliehen. Meine Mutter war damals 5 Jahre alt. Großmutter war hochschwanger und alleine mit anderen aus dem Dorf unterwegs. Sie starb bei der Geburt und ihr kleiner Sohn ebenfalls, irgendwo auf dem Weg nach Westen. Meine Mutter wurde zunächst bei Verwandten untergebracht, bis ihr Vater aus dem Krieg zurückkehrte. Sie hat mir immer erzählt, wie sehr sie ihre Mutter vermisst hatte. Vor allem fehlte ihr dieses Gefühl der Geborgenheit und Wärme, das Verständnis für die Sorgen und Nöte eines kleinen Mädchens – ihres Mädchens. Sie hat dann relativ jung einen deutlich älteren Mann – meinen Vater – geheiratet. Wie ich dir schon mal erzählt habe, ist sie gestorben, als ich ein junges Mädchen war. Gerade zu der Zeit der Pubertät mit dem Gefühlschaos, mit dem man ganz schön zu schaffen hat, fehlte sie mir schrecklich. Ich habe so gehofft, dass sie trotz ihrer schweren Erkrankung noch einige Zeit bei uns bleiben würde, aber leider vergeblich. Für mich war das eine sehr traurige Zeit, während meine Freundinnen unbeschwert ihre Jugend genießen konnten. Weißt du, was du mir da eben erzählt hast, ist für mich eine Art Jammern auf hohem Niveau. Ich habe dich immer beneidet dafür, dass du deine Mutter so lange haben durftest.“

Paula war jetzt nahezu sprachlos. Sie hörte es Annis Stimme an, dass sie das alles nicht so daher sagte, sondern dass ihre Worte aus ihrem tiefsten Inneren kamen. Anni, die immer so beherrscht war, die ihre Emotionen nach eigenen Worten immer gut kontrollieren konnte, diese Anni trug tief drinnen einen großen, niemals aufhörenden Schmerz versteckt. Sie musste das Gefühl des verlassen Werdens zu einem Zeitpunkt und in einem Alter erleben, wo man auf so etwas einfach noch nicht vorbereitet ist.

Paula schluckte, bevor sie antwortete. „Entschuldige bitte, wenn ich dich verletzt haben sollte“, sagte sie vorsichtig, „ich wusste das nicht so genau. Aber du hast schon recht, wenn etwas selbstverständlich ist, vergisst man leicht, wie wertvoll es ist.“ Sie hatte jetzt wieder so ein Gefühl der Scham, diesmal Anni gegenüber. „Natürlich werde ich die Aufzeichnungen meiner Mutter zuerst selbst lesen“, fuhr sie dann fort „sie sind ja auch an mich adressiert. Es ist unsinnig zu glauben, dass sie mir am Ende ihres Lebens noch eins reinwürgen wollte. Sie war im Prinzip mit sich im Reinen. Ich komme mir gerade ein bisschen blöd vor.“

Jetzt musste Anni lachen: „Nein, nein, du hast mich nur vorhin an einem Punkt getroffen, der immer noch schmerzt. Ich war selbst überrascht von meiner spontanen Reaktion. Zuerst dachte ich, du seist vielleicht beleidigt wegen meiner etwas scharfen Ansage.“

„Nein“, meinte Paula „rück mir nur ruhig den Kopf zurecht. Du darfst das, du sollst das sogar tun. Wer sonst interessiert sich überhaupt noch für mich?“