Wandlungen - Lydia Ulsperger - E-Book

Wandlungen E-Book

Lydia Ulsperger

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Beschreibung

Die vorliegende Autobiografie gliedert sich in drei Teile. Dies ist der erste Teil, der sich dem Aufwachsen als missbrauchtes Kind widmet, den Überlebensstrategien bis ins junge Erwachsenenalter um dann über erste therapeutische Hilfen das Lösen der Vergangenheit zu suchen und zu finden. Der erste Teil endet mit dem Kontakt zu sich selbst in der missbrauchten Kindheit und deren ersten Teilbefreiung.

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Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2022

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© 2022 Lydia Ulsperger

ISBN Softcover: 978-3-347-50607-7

ISBN Hardcover: 978-3-347-51046-3

ISBN E-Book: 978-3-347-50612-1

ISBN Großdruck: 978-3-347-51047-0

Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

Wandlungen

Trauma - ein autobiografischer Heilungsbericht

Teil eins

Die Rückkehr der Hüterin

von Lydia Ulsperger

Lydia Ulsperger, geb. 1960, wohnhaft in Köln

Erzählung über den Lebensweg aus einer missbrauchten Kindheit zu einem selbstbestimmten Leben.

Alle Charaktere entsprechen dem Lebenslauf der Autorin.

Die ihrem Traumen geschuldeten Anteile werden geschildert, wie sie sich ihr geöffnet haben.

Erinnern, das ist vielleicht die qualvollste Art des Vergessens und vielleicht die freundlichste Art der Linderung der Qual.

(Erich Fried)

Schreibgründe

Ich bin mein eigener tiefengrund des schreibens

bin die lagerhalle, wände glänzend

weiß ich sie zu füllen

unten stehend hebt sich mein blick

hinauf zur empore und weit

in die welt hinaus gehen meine schritte

kehre stets zurück in mich,

hier sendet die seele dies

es tönen an

mein gehirn formt es in worte

Ich bin mein eigener stift

unauslöschlich an die wände schreibend

tragen diese was ich war

Ich bin die worte, die aus mir fließen

bin all dies und in mir eins

am ende steht ein punkt

leer ich liege atem

befreit dort auf dem boden und

lächle

(Lydia)

Inhalt der Buchreihe

Teil eins: die Heimkehr der Hüterin Die Vorgeschichte meiner Traumata von Geburt bis zur ersten Teilbefreiung des missbrauchten Mädchens.

Teil zwei: der Marsch der schwarzen Königin Mein Leben danach, bis sich meine Geschichte erneut und mit ihr endlich die Wut meldete.

Teil drei: die Wanderung der weißen Königin Die letzte Therapie geschildert anhand einer Heldenreise nach Campbell.

Anhänge in Teil drei: wahre Geschichten Schilderungen realer Erlebnisse, wie ich sie als Errungenschaften meiner Heldinnenreise erlebt habe.

I'm taking my right in destiny, willing to play my part, Living with painful memories, loving with all my heart,

„Made in Heaven“– Mercury

Vorwort

Hallo. Es freut mich, dass wir uns hier begegnen. Es ist mir wertvoll. Um zu entscheiden, ob es sich lohnen kann, dieses Buch weiterzulesen mag die Diagnose (K)PTBS genügen, gestellt hauptsächlich aufgrund massiver Missbrauchserfahrungen in Kindheit und Jugend. Ein weiteres für mich heute als wichtig gefühltes Standbein meiner Störungsbilder ist schwere Krankheit, die Schmerzen und Krankenhausaufenthalte von Geburt an und am Ende eine lebensrettende Operation mit sich brachte. Zu guter Letzt habe ich in den vergangenen Jahren Zugang zu dem Generationstrauma der Kriegskinder gefunden, das auch meine Eltern mit sich tragen mussten. Ergänzt durch die Erziehung der damaligen Zeit gehörte, besonders als Mädchen, freies Denken, Handeln und Fühlen nicht zu meinem natürlichen Erleben. Ich erkenne die Auswirkungen auf mich als Kriegsenkelin, sehe für mich jedoch vorrangig den sexuellen Missbrauch und die Hilfslosigkeit im Krankheitsschmerz als Gründe, erst in ein glückliches Leben finden zu müssen.

Seit meiner Kindheit hat sich die therapeutische Landschaft und auch das Bewusstsein über psychische Störungsbilder sehr viel weiterentwickelt. Umfassende Erkenntnisse finden in guten Büchern ihre Verbreitung. Um mich in meinem Schreiben nicht verunsichern zu lassen, lese ich sie … kaum. Stattdessen schreibe ich in dem Glauben, dass mein Buch neben all den vielen Fachbüchern ebenso lesenswert ist. Meine Worte finde ich ganz von meinem Fühlen und Denken bestimmt. Mein Wunsch ist es, den Leserinnen und Lesern Mut und Hoffnung zu vermitteln, dass es sich immer lohnt, den suchenden Weg aus den eigenen erlebten Traumen heraus weiter zu beschreiten, egal wie lange es braucht. Am Ende des Buches habe ich hoffentlich anhand meiner eigenen Biografie glaubhaft erzählt, wie es gelingen konnte, dass ich heute eine Frau bin, die sich spürt, gut für sich einstehen kann und die Kraft und Verzweiflung in sich trägt, ihre Traumen aufzulösen, was immer diese Schritte ihr auch abverlangen. Auf diesem Weg habe ich Grenzerfahrungen gemacht, die mich begleiten und die ich nach und nach in mein Leben integriere. Habe Bruchstücke meiner Lebensgeschichte aufgesammelt, um sie zu einem Ganzen zusammenzufügen. In der nun alles zueinandergefunden hat. Jedes Teil von mir hat seinen Platz in meinem Ich gefunden. Es wäre für viele sicher leichter, wenn ich nicht darüber reden, gar öffentlich darüber schreiben würde. Dadurch erfahren die Lesenden Dinge über mich, und so auch über meine Familie, die eigentlich unserer Privatsphäre angehören. Schmerzhafte Dinge. Genau darum muss es sein, damit sich etwas ändert. Damit Täter nicht weiterhin in Ausnutzung ihrer Macht und in Sicherheit des schamvollen Wegschauens und Schweigens der Opfer und der Menschen um sie herum Leben zerstören können. Zitate und erklärende Texte sind in Originalform belassen. Jedoch habe ich mich für genderkorrekte Sprache entschieden, auch wenn es das Lesen sperriger macht. Es ist nicht immer leicht, Wandel mitzutragen und mitzugehen. Doch ich weiß, wie wichtig es mir ist, in meiner Geschichte anerkannt und gehört zu werden. Wie also sollte ich nicht die Wichtigkeit für die Menschen akzeptieren, die aus anderen Gründen um Anerkennung kämpfen?

Als Mensch und ehemaliges Opfer habe ich auch diese Buchreihe geschrieben; mit größtmöglicher Achtsamkeit für meine Menschen, für die Leser und Leserinnen und auch für mich. Diese Achtsamkeit erbitte auch ich, dass wir uns auf diesem Weg als individuelle Menschen vertrauensvoll begegnen, um einen Teil unseres Erlebens voller Respekt miteinander zu teilen. Die Befreiungsbilder werden vielleicht nicht aus dem genauen Tatgeschehen heraus verständlich, ihre heilende Wirkung offenbaren sie dennoch. Dass wir lernen können, mit neuen Erinnerungen durch unser Leben zu gehen. In dem Bewusstsein, dass Vergangenheit umgeschrieben werden kann. Sie wird nicht ungeschehen gemacht. Was geschehen ist, ist geschehen. Doch wir können das Ende umschreiben. Das, wie und worüber ich berichte, ist ein seelischer Prozess in Zyklen, den ich in meinen Alltag integrieren muss. Meine Rollen fülle ich mit all meinen Möglichkeiten aus. So auch meine Rolle als Autorin, die ihre Zeit gebraucht hat, zu wachsen. Jede Geschichte beginnt mit ihrem eigenen Anfang.

Willkommen also, ihr Heldinnen und Helden zu der meinen. Möge sie ein Begleiter auf den eigenen Wegen sein.

Erster Teil

Die Heimkehr der Hüterin

Wo sind die jungen Seelen

Einst von liebenden Armen getragen

konnten den Schmerz nicht heilen

Hoffend auf Heilung davongegeben

in kalte fremde Hände

Verstummt ihr Schmerzensschrei

Hinter weißen Gittern

schliefen sie ein

in klinisch kühlen Betten

Wo bist Du reines Menschenkind

Du hast sie umgebettet

Nebeneinander Hand in Hand

sitzen sie auf ihren Gräbern

sind dort ihre eigenen Engel

Aus ihren Tränen geboren

behütest Du ihren Schlaf

müde flüsterst Du nun:

„Vergiss mich nicht. Auch ich muss ruhn.“

Hier bin nun ich

Ihr wart mir das Geschenk des Lebens

In mir bin ich uns Heimat

den Lebenden und Toten

Nun endlich lerne ich euch lieben

(Lydia)

Prolog_die Tekstbox

Das Mädchen sitzt in einer Ecke, die Hände vor dem Gesicht. Es hat sich klein, ganz klein, so klein wie möglich gemacht. „Hoffentlich ist es dunkel“, denkt sie, bitte, bitte, bitte. Es ist absolut notwendig, dass sie sich nicht bewegt, die Augen geschlossen bleiben, sie flach atmet, dann wird ihr nichts passieren, dann wird sie niemand in ihrer Hässlichkeit erkennen. Vierzig Jahre sitzt das Mädchen schon dort. Viele Jahre mehr, als sie alt ist. Es kommt ihr nicht so lange vor. Sie kennt nichts Anderes. Sie hat kein Zeitgefühl. Wenn der dunkle Schatten um sie herum wabert und drohend auf sie zu walzt, träumt sie vom Fliegen, erhebt sich stark über offenes Land. Dort ist sie frei.

Daten, ich konnte sie mir noch nie merken, nicht einmal mein eigenes Geburtsdatum. Noch heute kann ich sie mir nur schwer merken. Stattdessen habe ich mir einer Analphabetin gleich einige einfache Verhaltensweisen angeeignet, mit denen ich mich meist gut durchmogeln kann, ohne mit meinem Unvermögen aufzufallen. Oft lache ich heute auch über mich selbst und spreche die Wahrheit aus: „Ich wundere mich selbst, wie ich es durchs Leben schaffe, wenn ich bedenke, dass ich mir nichts, aber auch gar nichts merken kann.“ Es stimmt tatsächlich, seien es Namen oder Gesichter, Zahlen oder Daten. Früher konnte ich nicht darüber lachen, hielt mich selbst für dumm, dass mir so vieles nie dauerhaft im Gedächtnis blieb, selbst wenn ich es immer wieder neu auswendig lernte. Heute weiß ich um die Löcher in der Zeit. Darauf komme ich später zurück. Manche Außenstehende reagieren befremdlich, gar herablassend darauf, fühlen sich nicht wertgeschätzt. Viele Arztbesuche waren peinlich. Konnte ich doch nie solche Fragen beantworten:

„Wann tat ihr Sohn den ersten Schritt?“

„Wann sprach er das erste Wort?“

„Wann waren Sie das letzte Mal beim Arzt?“

„Seit wann haben Sie die Schmerzen?“ oder eben sogar

„Wann wurden Sie geboren?“

Es war mir nie wichtig. Ich hatte meine Kinder so im Auge, wie es mir möglich war, liebe sie und ihr Wohlergehen liegt mir mehr am Herzen als alles andere. Das ist es, was für mich zählt. Nicht das Datum, wann etwas war. So ist es gut für mich. Und wenn ich mich doch einmal überwinde und einen Arzt aufsuche, dann kann ich ihm heute mein Geburtsdatum nennen und seine Frage: „Seit wann haben Sie diese Beschwerden?“ mit: „So lange, dass sie mir als Schmerz bewusstgeworden sind“ beantworten.

Das Leben ist für mich ein Verlauf. Etwas war schön, aufregend, traurig… Ich binde meine Erinnerungen an die Situationen und die Bilder in meinem Kopf, nicht an das Datum. Und so werde ich mein Leben weiterhin auf einer weitestgehend kalenderfreien und seelisch alterslosen Ebene leben. Natürlich weiß ich, dass ich altere. Das zeigt mir mein Körper, meine Psyche und der Spiegel nur zu deutlich. Aber manchmal fühle ich mich halt viel jünger, manchmal viel älter. Ich werde auch weiterhin nicht wissen, ob eine bestimmte Situation nun ein, fünf oder zehn Jahre her ist. Es ist mir nicht wichtig. Die Situation selbst ist es, die mich prägt. Sie macht meine Erinnerung aus. Dankbar für jede davon hüte ich sie. Es mögen nicht viele sein und ich weiß nicht genau, wohin sie in meinem Leben gehören. Aber es werden stetig mehr; sie sind wahr. Sie gehören mir. Das macht sie wertvoll. Heute ist es mir wichtig, bei mir und in mir authentisch zu sein. Im Hier und Jetzt. Jeden Tag neu.

Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit – sie ergeben ein Ganzes und doch auch etwas Werdendes. Keines der drei kann ohne einander sein. Und so wird sich meine Geschichte auch zwischen den Zeiten bewegen. Denn all dies bin ich, war ich und werde ich sein. Mein Lebenslauf also. Ohne ihn bin ich nicht. 1960 geboren war ich als zweites Kind für ein junges Paar, das die Armut der Nachkriegszeit erleben musste, kein Wunschkind. Die folgenden Jahre kenne ich nur aus Erzählungen, hauptsächlich denen meiner Mutter. Mein Leben begann mit Schmerz. Ich schrie Tag um Tag und Nacht um Nacht. Irgendetwas war mit meinem Kopf nicht in Ordnung. Immer wieder kam ich ins Krankenhaus; damals mussten die Eltern ihre Babys und Kinder dort noch alleine lassen. Im Krankenhaus wurde es besser, doch die Ärzt: innen konnten nichts finden. Sie fingen an, meine Eltern kritisch zu betrachten. Warum erkrankte das Kind zu Hause immer wieder neu? Denn kaum entlassen drehte sich das Rad erneut. Ich wurde krank … weinte Tag und Nacht vor Schmerzen … kam ins Krankenhaus … gesundete und wurde entlassen … wurde krank … weinte … Heute, da ich selbst Mutter bin, weiß ich, wie schlimm das alles für meine Eltern gewesen sein muss. Am schlimmsten wohl der letzte Schritt. Der Chefarzt der Klinik sah nur noch die Möglichkeit, auf gut Glück meinen Kopf zu öffnen. 50 % Chance darauf, die OP zu überleben plus 50 % Chance, tatsächlich die Ursache zu finden und zu beseitigen ergaben 100 % letzte Hoffnung für ihr Baby. Der Chefarzt war bereit, diese OP zu riskieren, meine Eltern stimmten zu; ich war noch kein Jahr. Meine Mutter erzählte mir oft, wie schlimm und gleichzeitig doch auch wunderschön es war, als der Arzt ihnen nach der Operation ihre kleine Tochter in die Arme legte. Der Kopf durch die Verbände riesig groß, ein kleines Alien. Aber es lebte. Meine Eltern blieben dem Arzt, der in dieser damaligen Zeit den Mut aufgebracht hatte, ihr Kind zu operieren, dankbar. Er hatte ihm das Leben gerettet. Mein erstes Trauma aus Schmerz, Hilflosigkeit und weggegeben werden hatte sich erinnerungslos in meinen Zellen verewigt. Was für mich real spürbar blieb, waren zwei Löcher hinter meinen Ohren, in die ich oft meine Finger legte, um sie zu fühlen. Sowie viele, viele Ängste, die mich ab nun begleiteten.

Ich hatte also überlebt. Ab nun sollte es aufwärtsgehen, alles verheilte. Ich fing an, zu gesunden, kleine Entwicklungsschritte nachzuholen. Um mich bald mit zwei Jahren, wie ich viele Jahre später herausfinden konnte, in die Reihe der sexuell missbrauchten Kinder einzureihen. So hatte ich schon einiges an für ein Kind ungewöhnlichen Lebenserfahrungen, als ich in den Kindergarten kam. Und machte sie weiterhin. Der Missbrauch wurde alltäglicher Bestandteil meines Lebens. Auch mein Kopfproblem begleitete mich weiterhin. Wenn mein Bruder und ich uns gemeinsam auf den Weg in den Kindergarten machten, ging er irgendwann rechts über die Straße in den Kindergarten. Ich blieb auf dem linken Bürgersteig, ging an einem großen Garten mit Schwimmbecken vorbei. Im Winter durch eine Plane abgedeckt, im Sommer gefüllt mit einladend blau leuchtendem Wasser. Der Garten gehört dem Zahnarzt. Zu ihm musste ich jeden Morgen, die Operation erforderte schmerzhafte Nachbehandlungen. Jeden Tag, bis alle bleibenden Zähne ihren Platz gefunden haben. Ich erinnere mich auch daran nicht. Nur an den Weg erinnere ich mich, vorbei an diesem Swimmingpool, in den ich so gerne hineingesprungen wäre. Und daran, dass mein Herz auf dem Weg zur Haustür zu pochen begann, bevor ich dann im Flur von diesem charakteristischen Geruch empfangen wurde. Ich mochte ihn nicht. Zwischen dem Moment, wenn ich mich im Wartezimmer auf den Stuhl gesetzt habe, meine Hände unter die Beine gepresst und dem, wenn ich durch die breite Tür in meinen Kindergarten ging, ist jede Erinnerung verloren gegangen. Dort aber wurde ich erneut von einem einmaligen Geruch in die Arme genommen. Diesem Duft nach Sauberkeit, Spielzeug, Essen, altem Holz. Er riecht nach Sicherheit.

Mit fünf Jahren kam ich das erste Mal in eine Schule. Ich hatte wohl eine eigene Sprache entwickelt, die nur mein Bruder wirklich verstehen und übersetzen konnte. Diese eigene Sprache erfüllte sicherlich ganz gut das auferlegte Schweigegebot. Denn wenn ich nicht richtig sprechen konnte, konnte es auch nicht passieren, dass die Wahrheit unachtsam aus meinem Mund purzelte. In dieser Sprachschule sollte ich nun also richtig sprechen lernen, damit ich dann bereit wäre für die tatsächliche Einschulung. Ich habe es gelernt. Ein paar kleine Macken sind geblieben. Meine Zunge führt manchmal immer noch ein Eigenleben, dann verknotet sie sich und ich stolpere über die Worte, die mir in diesem Moment verloren gehen. Aber ich lernte sprechen, entdeckte das Wort für mich. Die Sprache war mir ein Geschenk, die Schule eine Lebensretterin. Mit fünfeinhalb Jahren wurde ich in einen der damaligen Kurzschuljahrgänge eingeschult. Ja, ich denke, ich kann sagen, dass ich früh schmerzerfahren und pflichtbewusst wurde. Bedeutet das, dass ich keine Kindheit hatte? Nein, das ist so nicht wahr. Ich hatte eine Kindheit. Sicherlich keine in herkömmlichen Sinn, und so war ich auch kein normales Kind. Aber ich war genau das trotzdem, ein Kind. In all meinem Sein. Und ich wurde ein Teenager. Als Jugendliche lernte ich dann meine Patentante kennen, die kurz nach meiner Geburt von zu Hause weggelaufen war. Es war schön, meine Patentante kennenzulernen. Sie war eine herbe Frau, ich mochte sie. Ihr Partner war mir weniger sympathisch. Mein Gefühl wusste, warum. Sehr schnell spürte ich, dass er mehr wollte. Über Rangeleien kam er mir nah, viel zu nah. Ich ekelte mich vor ihm und wich ihm ab da aus. Immer wieder suchte er meine Nähe, wenn meine Tante es nicht mitbekommen konnte. Es war anstrengend, fortwährend wachsam zu sein und ihm auszuweichen, bevor er mich so isolieren konnte, dass ich nicht mehr fliehen konnte. Stets eine Ausrede parat zu haben, lieber der Tante in der Küche zu helfen, als der Aufforderung: „Geh nur zu Onkel H., ich schaffe das hier alleine“, Folge zu leisten. In mir ahnungsvolle, sofort verdrängte Erinnerungen an das, was immer noch geschah und die ebenso schnell verdrängte Frage: „Was ist an mir so fies, dass alte, eklige Männer immer sowas