Warren Buffett – Der Jahrhundertkapitalist - Gisela Baur - E-Book

Warren Buffett – Der Jahrhundertkapitalist E-Book

Gisela Baur

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Beschreibung

Multimilliardär, bodenständiger Nachbar, witziger Sprachkünstler, genialer Investor, großzügiger Philanthrop – Warren Buffett hat viele Facetten und sein Aufstieg ist einzigartig. Fast ein Jahrhundert lang investierte er in Unternehmen und baute so eines der größten Vermögen der Welt auf. Dabei hielt er stets Abstand vom Trubel an der Wall Street und den politischen Wirren in Washington. Doch sein Erfolg gründet nicht nur auf Charakterstärke und einer genialen Investmentstrategie. Sein Leben war über die Zeit auch immer eng mit den politischen und wirtschaftlichen Stärken und Missständen der USA verwoben. Gisela Baur kennt Warren Buffett seit mehr als 20 Jahren persönlich. Sie erzählt, wie er ein Jahrhundert Wirtschafts- und Börsengeschichte geschrieben hat – und kommt dem Geheimnis hinter seiner Erfolgsgeschichte auf die Spur.

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Seitenzahl: 501

Veröffentlichungsjahr: 2018

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GISELA BAUR

WARREN BUFFETT –DER JAHRHUNDERTKAPITALIST

VOM ZEITUNGSJUNGEN ZUM MILLIARDÄR – SEIN WEG ZUM ERFOLG

GISELA BAUR

WARREN BUFFETT

DER JAHRHUNDERTKAPITALIST

VOM ZEITUNGSJUNGENZUM MILLIARDÄR –SEIN WEG ZUM ERFOLG

FBV

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2024

© 2018 by FinanzBuch Verlag

ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Lektorat: Werner Wahls

Korrektorat: Hella Neukötter

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer

Umschlagabbildung: Mark Seliger

Satz: Daniel Förster, Belgern; Andreas Linnemann, München

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-95972-055-7

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-090-8

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-091-5

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.finanzbuchverlag.de

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INHALT

Vorwort

Kapitel 1Wurzeln

Von Wildwest zu Midwestbis 1929

Kapitel 2Stürmische Zeiten

Eine schrecklich-schöne Kindheit1929–1943

Kapitel 3Achterbahn

Jugendliche Rebellion1943–1950

Kapitel 4Startklar

Zwei Engel für Warren1950–1953

Kapitel 5Die frühen Jahre

Fanclubs und Zigarrenstummel1953–1957

Kapitel 6Neue Partner

Die ersten paar Millionen1957–1968

Kapitel 7Sammelwut

Ein Imperium wächst1968–1971

Kapitel 8Neue Dimensionen

Geld und Einfluss1971–1989

Kapitel 9Meilenstein

Der Held aus Omaha1989–1991

Kapitel 10Tech, Tech, Tech

Vom Held zum Loser1991–2000

Kapitel 11Krisenzeiten

Terror, Betrug und Kollaps2000–2008

Kapitel 12Umverteilung

Milliarden nehmen und gebenab 2008

Kapitel 13Pandemische Zeiten:

Die Welt wird ausgebremstab 2020

Danksagung

Anmerkungen

VORWORT

Von den zahllosen Begegnungen mit Warren Buffett gibt es eine, die mir ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist. Warren Buffett ist zu dem Zeitpunkt fast 80 Jahre alt, er besitzt ein Milliardenvermögen und ist schon lange das »Orakel von Omaha«. Seine Statements bewegen die Weltbörse. Er war Berater von US-Präsident Barack Obama. Ein Mittagessen mit ihm, das er einmal im Jahr für einen wohltätigen Zweck bei eBay versteigert, kostet Millionen.

Er ist früh aufgestanden. Um sechs Uhr am Morgen hat er eine Handvoll schneller Interviews gegeben. Ab sieben ist er – verfolgt von einem riesigen Pulk von Journalisten und Aktionären – einmal durch die Ausstellungshalle des Quest Centers gelaufen, wo die Firmen seiner Holding Berkshire Hathaway den ganzen Tag ihre Produkte an den Aktionär bringen werden. Dann hat er ein Zeitungswettwerfen gegen Bill Gates und einige Besucher absolviert. Anschließend hat er gemeinsam mit seinem Freund und Vize Charlie Munger in der Veranstaltungshalle vor Zehntausenden Zuschauern eine große Show abgezogen – stundenlang. Von halb zehn am Morgen bis kurz vor vier Uhr nachmittags sitzen die beiden auf der Bühne und beantworten Fragen ihrer Anteilseigner, unterbrochen nur durch eine kurze Mittagspause. Warren hat wie immer den größeren Redeanteil, doch alle beide sind so witzig und geistreich, dass das Publikum regelmäßig vor Lachen wiehert und begeistert applaudiert.

Wir treffen Warren Buffett kurz nach Ende der Hauptversammlung in einem fensterlosen Raum im Managementbereich des Quest Centers. Jeder andere wäre nach dem langen Tag todmüde – nicht aber Warren Buffett. Er ist hellwach und fröhlich und wirkt weit jünger als 80 Jahre. Wir haben uns zu einem Interview verabredet, das mein Kollege Ralph Gladitz und ich für den Film Das Milliardenversprechen führen wollen. Wir sind vorbereitet: Bis auf die Scheinwerfer der Kameras ist es dunkel, der Raum ist ruhig und wir beginnen, über sein Leben zu sprechen.

Es geht um moralische Werte, um Omaha und wie es zusammenpasst, dass seine größte Leidenschaft im Leben das Geldsammeln ist und er nun doch so gut wie alles verschenken will. Nach einer Weile kommen wir auf seinen Vater zu sprechen. Warren Buffett erklärt, wie wichtig dessen Unterstützung für sein Leben war, und spricht über die bedingungslose Liebe, die sein Vater ihm gegeben hätte.

»Bedingungslose Liebe ist …«, Warren Buffett zögert und sucht nach den richtigen Worten. Nach einer winzigen Pause entscheidet er sich für »huge in that world« – riesig, gewaltig, überdimensional in dieser Welt. Eine für Warren ungewöhnlich holprige Formulierung, die mich vielleicht deshalb so nachhaltig beeindruckt hat.

Zum ersten Mal bin ich Warren Buffett in den Neunzigerjahren begegnet und dachte, seine größte Lebensleistung sei es, geniale Investmententscheidungen zu treffen – besser als je ein Investor vor ihm. Später, als ich mehr und mehr erkannte, wie seine Firma Berkshire Hathaway funktioniert, glaubte ich, seine Art der Unternehmensführung sei das Wichtigste, was wir von ihm lernen können. Die Holding wird von einem System von Freiheit und Vertrauen getragen, wie ich es nirgendwo anders je gesehen habe. »Capitalism at its best«,[1] wie es sein Freund Bill Gates mir gegenüber einmal formulierte.

Dann nahm Warren Buffett nach der Jahrtausendwende den Kampf für mehr Steuergerechtigkeit in der US-Gesellschaft auf und begann, so gut wie sein ganzes Vermögen »an die Gesellschaft zurückzugeben«, sprich an wohltätige Organisationen zu verschenken. Und mehr noch: Mit seinen Freunden Bill und Melinda Gates überzeugte er viele andere reiche Menschen, es ihm gleichzutun. Nun war ich überzeugt, das sei der bedeutendste Aspekt in seinem Leben.

Bis ich irgendwann verstanden habe, dass alles, was Warren Buffett erreicht hat, auf einer einzigen unglaublichen Leistung beruht. Die Fähigkeit, Entscheidungen zwar innerhalb eines Moralgerüsts, aber wirklich vorurteilsfrei und vor allem ohne Egoismus zu treffen. Außer seinem Investmentpartner und Freund Charlie Munger kenne ich niemanden, der das im selben Maße tut. »Sowohl Warren als auch ich glauben, dass Rationalität eine moralische Pflicht ist«, erklärte mir Charlie Munger einmal. »Es ist nicht einfach etwas, das man lernt, um vorwärtszukommen, es ist eine moralische Pflicht.« Ich habe eine Weile gebraucht, um die Bedeutung dieser Sätze zu erfassen.

Als ich gefragt wurde, ob ich dieses Buch schreiben will, habe ich zunächst abgelehnt. Denn viele gute Autoren haben sich in vielen guten Büchern bereits mit Warren Buffett beschäftigt, und ich dachte, ich könne nichts Neues beitragen. Was mich umgestimmt hat, war die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Vorher dachte ich, ich verstehe die Mentalität der US-Amerikaner, danach war ich verwirrt. Wie kann ein Land zwei so ungleiche Menschen wie Donald Trump und Warren Buffett erfolgreich und zu Helden machen? Woher kommen die verschiedenen Sichtweisen von Trump und Buffett, die sich ja in den zwei Hälften der gespaltenen US-Gesellschaft widerspiegeln? Und war der Jahrhundertkapitalist Warren Buffett nur im Jahrhundert des Kapitalismus in den USA möglich? Er selber hat zumindest für die letzte meiner Frage schon einmal eine klare Antwort.

»Ich hatte Glück. Ich bin in den USA geboren.Ich habe einige glückliche Gene. Ich wurde zur richtigen Zeit geboren. Wenn ich vor einigen Tausend Jahren auf die Welt gekommen wäre, wäre ich als Mittagessen für irgendein Tier geendet.Ich bin nämlich nicht gut im Rennen oder auf Bäume Klettern.«[2]

WARREN BUFFETT

KAPITEL 1

WURZELN

VON WILDWEST ZU MIDWEST

BIS 1929

Die USA haben gerade den Bürgerkrieg hinter sich,als Sidney Homan Buffett von der Ostküste nach Omaha zieht.Ein aufstrebender Ort,der im Eisenbahnboom schnell zur Stadt wird.Die Familie Buffett steigt in den Lebensmittelhandel ein.

Sidney Homan Buffett geht nach Omaha

Im Frühjahr 1867 steht Sidney Homan Buffett an einem Bahnsteig auf Long Island. Neben ihm wartet der dampfende Zug. Seine Eltern David und Fannie sind da, sein Großvater Zebulon und wohl auch eine hübsche junge Frau, Evelyn Ketcham, die er später heiraten wird. Sie verabschieden Sidney vermutlich mit vielen Umarmungen und ein paar Tränen. Als der Ruf des Schaffners ertönt, »Alles einsteigen«, klettert Sidney in den Wagon und macht sich auf den Weg in sein neues Leben. Er ist 19 Jahre alt und es zieht ihn nach Westen.1

Sidney stammt aus einer Familie, die schon ungewöhnlich lange in den USA lebt. Der erste Buffett war ein Hugenotte aus Frankreich und hieß John. Er kam bereits im 17. Jahrhundert an die Ostküste, als das Land noch in Kolonien aufgeteilt war. Zumindest ist belegt, dass er 1696 auf Long Island nahe New York geheiratet hat.2 Damit waren Warren Buffetts Vorfahren unter den ersten knapp 250.000 Einwanderern der Kolonien in Amerika.3

Die Familie Buffett lebte dort über viele Generationen als Farmer.4 Sie erlebte mit, wie sich die französische und britische Kolonialmacht in die Haare bekamen, wie sich anschließend die Kolonien gegen die britische Krone erhoben und sich die USA am 4. Juli 1776 für unabhängig erklärten. Wie George Washington die Armee der neuen Nation gegen die Briten führte und ganz im Westen ihrer Insel nur um Haaresbreite der kompletten Vernichtung in der Schlacht von Long Island entging. Und wie Washington zum ersten Präsidenten gewählt wurde und die USA den Unabhängigkeitskrieg schließlich gewannen. Da hatte sich die Bevölkerung schon auf rund 2,5 Millionen Menschen verzehnfacht.

Noch einmal 100 Jahre später – zu der Zeit als Sidney nach Omaha aufbricht – gibt es schon mehr als 38 Millionen US-Amerikaner. Die Einwanderung aus Europa hatte kurz vorher einen Höhepunkt erreicht. In nur 20 Jahren vor dem Beginn des Bürgerkrieges 1861 kamen fast 3,5 Millionen Menschen in die USA – vor allem Briten, Iren und Deutsche.5 Fast jeder zehnte US-Bürger war damit ein Zuwanderer – auf der Suche nach einer besseren Zukunft und persönlichem Glück, wie es in der US-Verfassung versprochen ist.

Genau das schien Ende des 19. Jahrhunderts im Westen des Kontinents erreichbar: 1862 hatte Präsident Abraham Lincoln den »Homestead Act« unterschrieben, ein Gesetz, das Siedlern Land zusprach, wenn sie sich westlich des Mississippi auf unbesiedeltem Grund der USA niederließen. Und zumindest juristisch unbesiedeltes Land im Besitz der jungen Nation – davon gab es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reichlich. Teils hatten die USA Gebiete wie zum Beispiel Texas durch Kriege erobert. Teils wurden gigantische Landmassen von anderen Regierungen gekauft. Viele heutige Bundesstaaten der USA und Kanadas – praktisch die ganze Mitte der USA – wurden mit dem Louisiana-Kauf 1803 von Frankreich erworben. Für 15 Millionen US-Dollar,6 was einem Wert von rund 265 Millionen Dollar heute entspricht7 – ein Schnäppchen. Dass die Rechte der Ureinwohner dabei komplett ignoriert wurden, kümmerte damals niemanden.

Teil des Louisiana-Deals war auch das Gebiet des heutigen Nebraska. Nach dem »Homestead Act« hatte ein regelrechter Run auf die Region eingesetzt. Innerhalb von nur zehn Jahren hatte sich hier die Bewohnerzahl verdreifacht – eine Region voller Möglichkeiten für einen jungen Mann wie Sidney Homan Buffett. Den kümmert der »Homestead Act« allerdings wenig, denn er hat nicht vor, sein Leben als Farmer zu verbringen.

Statt weiter für einen Hungerlohn auf dem Hof seines offensichtlich geizigen Großvaters Zebulon auf Long Island zu arbeiten,8 will er sein Glück lieber bei seinem anderen Großvater versuchen, George Homan. Auch der hat ursprünglich auf Long Island gelebt und eine Zeit lang in New York eine Pferdekutschenlinie zwischen Broadway und Bleckerstreet betrieben. George Homan war damit der »erste Busfahrer New Yorks«,9 bevor er nach Omaha ging. Dort besitzt er nun einen großen Mietstall mit 70 Pferden, übernimmt Transportaufträge mit riesigen Kutschen und betreibt regelmäßige Pendeldienste zu kleineren Orten in Nebraska.10 Bei George Homan in Omaha will Sidney vorläufig wohnen und arbeiten.

Neustart an einem wilden Ort

Mit der Eisenbahn kommt Sidney 1867 nur bis Council Bluffs in Iowa, dort muss er die Fähre über den Missouri nehmen.11 Denn hier endet das Schienennetz und eine Brücke gibt es noch nicht. Als er endlich in Omaha eintrifft, findet er nicht mehr als eine Siedlung vor. Gut 2000 Menschen wohnten bei der Ankunft des ersten Buffetts in Omaha,12 fast alle in Holzhäusern, teilweise mit erhöhten, überdachten Veranden, die als Bürgersteig dienten. Wie der Ort damals ausgesehen hat, kann man heute noch im »Old Market District« erahnen. Noch immer erwartet man hier unwillkürlich die Ankunft einer Horde Abenteurer, die im Salon ihren Whiskey trinken wollen und auf Ärger aus sind, wenn man die wenigen Blocks entlangschlendert.

Obwohl Omaha im Mittleren Westen der USA liegt, dem Midwest, kann man hier vielen Klischees nachspüren, die den kitschigen Mythos der Cowboy- und Indianerzeit ausmachen. Wohl nicht zufällig wurde Buffalo Bill, der mit seiner Wildwestshow das Bild der Pioniere nachhaltig prägte, im Nachbarstaat Iowa geboren und führte seine zirkusähnliche Show »Buffalo Bill’s Wild West« 1883 erstmals in Omaha auf.13

1867 war der kleine Ort am Missouri eine wichtige Station für alle, die weiter nach Westen wollten. Über den Fluss kamen Dampfschiffe aus St. Louis, die den Ort mit dem Osten verbanden und Waren und Menschen brachten. Abenteurer, Bürgerkriegsveteranen, Pelzjäger, Goldsucher, Halunken und Geschäftsleute kamen und gingen und in dem Ort war vor allem eines zu Hause: das Laster. Einschlägige Etablissements versorgten die Durchreisenden mit dem, was sie suchten: Glücksspiel, Alkohol und Frauen.14 Laut dem »Collins Omaha Directory« von 1868 gab es in Omaha damals 13 Bäcker, fünf Dampfschiffsagenten und 90 Köche, aber auch 47 Landentwickler, 100 Spekulanten und 60 Kneipenwirte.15

Bei der Ankunft von Sidney Homan Buffett zwei Jahre nach Ende des Bürgerkrieges stand der Ort allerdings vor einem bedeutenden Umbruch. Nicht nur weil Nebraska im selben Jahr offiziell als 37. Staat in die USA aufgenommen wurde. Vor allem war Omaha auf dem Weg, auf Dauer zum wichtigsten Drehkreuz im amerikanischen Eisenbahnnetz zu werden. Fünf Jahre zuvor hatte die Regierung in Washington mit dem »Pacific Railroad Act« ein Jahrhundertprojekt gestartet: eine Eisenbahnverbindung von Sacramento oder San Francisco an der Westküste zu einem noch nicht genau bestimmten Punkt am Missouri.

Im November 1863 legte Präsident Abraham Lincoln diesen Punkt persönlich fest: Er wählte Omaha,16 vermutlich, weil er es gut kannte. Knapp zehn Jahre vorher hatte Lincoln, damals noch ein Anwalt der Eisenbahn aus Illinois, Omaha besucht und die Gegend ausführlich erkundet, weil er ein Grundstück in Iowa als Sicherheit für einen Kredit bewerten wollte.

Der Jubel in Omaha nach Lincolns Entscheidung war riesig. Historische Quellen berichten von einem großen Empfang im Herndon House, ein Steingebäude an der Farnam Street,17 an der heute Warren Buffetts Büro und Haus unweit voneinander entfernt liegen. Denn allen war klar: Omaha würde aufblühen, mit der Eisenbahn würden immer Menschen in den Ort kommen, der bald zur Stadt werden würde.

Während die Honoratioren von Omaha die glänzende Zukunft ihrer Stadt feiern, arbeitet Sidney Homan Buffett noch in dem Mietstall seines Großvaters. Mit der Kutsche fährt er eine regelmäßige Tour zwischen Omaha und Nebraska City, dann entschließt er sich 1869 zu einem großen Schritt: Er macht sich selbstständig, zunächst mit einem Obststand.18 Am 20. August 1869 eröffnet er dann in Omaha einen richtigen Lebensmittelladen. Dort verkaufte er Obst und Gemüse, ein Dutzend Eier oder ein Wildkaninchen für 10 Cent und Präriehühner für einen viertel Dollar das Stück – bis elf Uhr abends.19

Regelmäßig bekommt Sidney Post von seinem Großvater Zebulon von der Ostküste, der sich offensichtlich große Sorgen um den Jungunternehmer macht. »Wenn du es nicht schaffst,« so schreibt er, »lass es rechtzeitig sein, um deine Schulden zu bezahlen und dein Ansehen zu sichern, denn das ist besser als Geld.« Dass nichts so wertvoll ist wie der eigene gute Ruf – das ist ein Motto, dem jeder echte Buffett, allen voran Warren, bis heute folgt: Genau wie einem weiteren Ratschlag von Zebulon an seinen Enkel: Möglichst keine Geschäfte mit Menschen machen, mit denen man nicht auskommt.20

Aufschwung und Laissez-faire

Sidney Homan Buffett gründete seinen Laden in einer Zeit, in der nicht nur Omaha, sondern die gesamten USA kräftig wuchsen. Nach Ende des Bürgerkrieges zwischen den Nord- und den Südstaaten legten die USA die Grundlagen dafür, die Wirtschaftsmacht Nummer eins der Welt zu werden. Die ständige Einwanderung billiger, tatendurstiger Arbeitskräfte, die Erschließung neuer Territorien, aber vor allem auch der technische Fortschritt setzten eine enorme Dynamik frei.

Und Washington unterstützte die Entwicklung nach Kräften: Zwischen 1869 und 1900 wuchs das Eisenbahnnetz der USA von 5000 auf 322.000 Kilometer und war damit größer als das in Europa. Eine Expansion, die zwar von privaten Eisenbahngesellschaften gestemmt, aber im Hintergrund massiv von der Regierung mit staatlichen Darlehen und kostenlosem Land gefördert wurde.21 Ansonsten hielt sich die Politik aus dem Leben seiner Bürger weitgehend raus, erhob nur niedrige Steuern und überließ es den Amerikanern selber, für eine umfassende Versorgung mit Schulen, Gesundheitswesen und Ähnlichem zu sorgen. Die verfassungsmäßige Gleichheit wurde als Gleichheit der Chancen ausgelegt, nicht als Gleichheit bei Besitz oder sozialem Status. Chancen hatten allerdings nur weiße Bürger, denn die Regierung in Washington blieb auch in Sachen Bürgerrechte weitgehend untätig und drückte alle Augen zu, als die Südstaaten auch nach dem Bürgerkrieg die Rechte der Schwarzen und selbst deren Teilnahme an Wahlen einschränkten.22

Diese »Laissez-faire-Politik« war die herrschende Leitlinie der Politik bis 1933 und lebt bis heute in der Ideologie der Republikanischen Partei fort. Vor allem in der Wirtschaft soll sich der Staat zurückhalten, Sozialausgaben meiden und lediglich für Recht und Ordnung sorgen.23

Die Gesellschaft war tief religiös, leistungsorientiert und äußerst optimistisch, was die Zukunft anging.24 Diese Zeit prägte gleich mehrere Mythen der US-amerikanischen Gesellschaft, die bis heute fortbestehen: Dass wachsender Wohlstand für alle oder zumindest für viele auch ohne staatliche Interventionen oder Programme machbar ist und dass technischer Fortschritt alles immer besser macht. Vor allem aber entstand in dieser Zeit der »American Dream« – die Idee, dass jeder aus jeder Schicht einen unbegrenzten gesellschaftlichen und vor allem finanziellen Aufstieg schaffen kann. Keine Frage: Die jungen USA waren tatsächlich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und die Bürger lernten, dass ein abwesender Staat unglaubliche Dynamik zu entfesseln vermag.

Räuberbarone und frühe Wall Street

Den »American Dream« vorgelebt hatte zum Beispiel Andrew Carnegie, ein armer schottischer Einwanderer, der Ende des 19. Jahrhunderts ein Imperium aus Stahlwerken und Eisenminen aufbaute und es 1901 für fast 500 Millionen Dollar verkaufte. Oder John D. Rockefeller, der mit seiner Standard Oil Company große Teile der aufstrebenden Ölindustrie kontrollierte. Diese »Räuberbarone« häuften unglaublichen Reichtum mit teils fragwürdigen Methoden an und beeinflussten Märkte und Politik immer wieder zu ihren Gunsten. Ausgerechnet John D. Rockefellers Nachfolger David Rockefeller sollte allerdings rund 100 Jahre später mit seinem Erbe eine wichtige Rolle bei Warren Buffetts Bemühungen spielen, reiche Amerikaner dazu zu bringen, ihr Vermögen an die Gesellschaft zurückzugeben.

Die Unternehmer profitierten von dem Hunger der Wirtschaft nach Energie, Stahl und vielem anderen. Die Wirtschaft boomte. Der technische Fortschritt um die Jahrhundertwende trieb sie voran. Nach und nach wurden Telefon, Wechselstromgenerator und Transformator, Glühbirne, Kino und schließlich das Auto erfunden. In Chicago entstanden die ersten Hochhäuser.25

Das notwendige Kapital für den Aufschwung kam vor allem über die Börse in New York ins Land. Der Wertpapierhandel an der Ostküste war dabei so alt wie die Nation. Denn die USA waren von Beginn an auf ausländisches Geld angewiesen, um ihre Kriege, aber auch ihre Expansion zu finanzieren. Der Staat verfügte über wenig eigene Einnahmen und gab daher erstmals 1790 zur Finanzierung der Schulden aus dem Unabhängigkeitskrieg Staatsanleihen aus.

Auch die Handels-, Schifffahrts- und später Eisenbahnunternehmen brauchten Kapital, viel Kapital. Um Geld aus Europa anzulocken, mussten die Staatsschulden und Unternehmensanteile als Anleihen oder Aktien verbrieft und damit handelbar gemacht werden.

Lange Zeit wurden Wertpapiere an den verschiedensten Orten angeboten. In Kneipen oder auch auf der Straße, was erst 1836 verboten wurde. Doch schon Ende des 18. Jahrhunderts, 1792, hatten Wertpapierhändler in der Wall Street ein Abkommen unterzeichnet, in dem sie Provisionen, Zahlungsbedingungen und Handelszeiten für Anleihen und Aktien festlegten, und damit den Grundstein für die heute wichtigste Börse der Welt gelegt.26 Die New Yorker Börse startete bescheiden: Gerade einmal fünf Titel wurden damals gehandelt, drei Staatsanleihen und zwei Aktien von Banken. Doch die Auswahl wurde schnell größer. Und bereits zu Sidney Homan Buffetts Lebzeiten bekam die Börse in New York eine ganz neue Dynamik, nachdem technische Innovationen wie der Börsenticker und Telefone eingeführt wurden.27

Ohne das Kapital von den Wertpapiermärkten wäre der Aufstieg der USA zur Weltmacht nicht möglich gewesen, und auch in der Familie Buffett sollten die Börsen zukünftig eine große Rolle spielen. Schon Howard Buffett, der Enkel von Sidney und Vater von Warren, wird lange Zeit sein Geld mit dem Handel von Aktien und Anleihen verdienen.

Der gemächliche Aufstieg der Buffetts

Auch in Omaha kommen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die neuen Zeiten an. In den 1870er-Jahren bekam die Stadt ein Opernhaus, Mitte der 1880er-Jahre überschreitet die Einwohnerzahl die 100.000er-Marke und zur Jahrhundertwende gab es die ersten Hochhäuser.28

Stahl machte es möglich, den Fährdienst über den Missouri durch eine Brücke zu ersetzen. 1872 – Sidney Homan Buffett betreibt weiter sein bescheidenes Lebensmittelgeschäft und ist seit zwei Jahren mit seiner Jugendliebe Evelyn Ketcham aus Long Island verheiratet29 – wurde die erste einspurige Brücke eröffnet, die allerdings bald überlastet war. Schon fünf Jahre später musste sie ersetzt werden, aber auch die neue Brücke erwies sich bald als zu klein, um den gigantischen Zugverkehr von Ost nach West zu tragen, und musste wenig später ebenfalls erneuert werden.

Der Aufstieg der Familie Buffett wirkt dagegen gemächlich. Der Lebensmittelladen schafft ein Auskommen, doch eine große Rolle in der Gemeinde spielt die Familie offensichtlich nicht. Im Archiv der Zeitung der Stadt – dem Omaha World-Herald, der ab 1886 erscheint – taucht der Name Buffett in den folgenden Jahrzehnten vor allem in Anzeigen auf: Zweizeiler, in denen für Obst und Gemüse bei Buffett’s geworben wird, oder Stellenanzeigen: Mrs Sidney Buffett sucht Hilfe im Haushalt oder für die Wäsche, Mr Buffett braucht kräftige Männer, die seine Lieferwagen fahren, oder er verkauft eine Jersey-Kuh.30

Die Familie wächst: Sechs Kinder haben die Buffetts, von denen allerdings einige jung starben. 1877 kommt Ernest Buffett, der Großvater von Warren Buffett zur Welt, der nach acht Jahren die Schule verlässt und 1894 in das Geschäft seines Vaters einsteigt.31

Auch um die Jahrhundertwende bleibt das Leben der Buffetts in Omaha bescheiden, aber solide. Sidneys Söhne Ernest und Frank arbeiten beide im Geschäft mit. 1898 heiratet Ernest Henrietta Duvall, eine attraktive Frau, die auch seinen Bruder Frank verzaubert hat. Nachdem Henrietta Ernest gewählt hat, sprach Frank angeblich 25 Jahre lang bis zu ihrem Tod kein Wort mehr mit Ernest.32

Ernest Buffett wird ein großer stattlicher Mann und ist sehr aufs Geschäft bedacht. 1902 nimmt ihn sein Vater als Partner bei Buffett & Sons auf – für 2121,75 Dollar, das entspräche heute etwa 65.000 Dollar,33 erhält er ein Viertel des Geschäfts. Mit Henrietta bekommt er fünf Kinder. Howard Homan, Warren Buffetts Vater, ist ihr dritter Sohn und wird 1903 geboren. Sidney Buffetts Geschäft Buffett & Sons läuft, der Laden zieht 1908 um, weil die alten Räumlichkeiten zu klein geworden sind.34

Crashs, Rezessionen und Gewalt

Im Vergleich zur US-Wirtschaft ist der Aufstieg der Buffetts zwar gemächlich, aber immerhin stabil. Denn im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde der Aufwärtsdrang der Börse und der Wirtschaft in den USA immer wieder von Zusammenbrüchen, Skandalen und Crashs unterbrochen.35 Weil es wenig Regulierungen gab, war die Machtkonzentration sowohl am Aktienmarkt als auch in wichtigen Schlüsselindustrien immens. Spekulationen, Manipulationen oder Fehlentscheidungen führten immer wieder zum Zusammenbruch einzelner Märkte und heftigen Konjunktureinbrüchen.

So brachte zum Beispiel die Spekulation eines einzelnen Industriemagnaten den jungen Finanzplatz New York ins Wanken. Jason »Jay« Gould, der sein Vermögen mit Eisenbahnen gemacht hatte, hatte den Goldmarkt unter seine Kontrolle gebracht, indem er und einige Partner einen Großteil der Bestände aufkauften und über Beziehungen dafür sorgte, dass die Zentralbank nicht eingriff. Als der Preis dann um 160 Prozent gestiegen war, hatte Gould einen Gewinn von damals sagenhaften 10 Millionen Dollar gemacht, das entspricht knapp 200 Millionen heute.36 Die Börse brach allerdings am 24. September 1869, dem sogenannten »Black Friday«, zusammen, und das sorgte für einige wirtschaftliche Turbulenzen. Nur vier Jahre später gab es den nächsten Crash: Dieses Mal verursacht durch den Konkurs von Jay Cook, einem einflussreichen Bankier, der sich mit Eisenbahnpapieren verschätzt hatte.37

Neben dem Auf und Ab der Konjunktur belasteten gewaltsame Auseinandersetzungen das Wachstum der USA: zwischen Arbeitern und Industriemagnaten, Schwarz und Weiß, teilweise auch zwischen Religionsgemeinschaften. Auch in Omaha kam es immer wieder zu Kämpfen und Straßenschlachten.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Stadt rund 125.000 Einwohner.38 Das verdankte sie einer neuen Branche, die von der guten Zuganbindung profitierte: dem Schlachthausgeschäft. Denn weil Kühlmöglichkeiten fehlten, trieben die Farmer von nah und fern ihre Rinderherden in die Stadt, wo sie geschlachtet, in Zügen in den Osten gebracht wurden. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 80 Prozent der Jobs damals von dieser Branche abhingen. Um den Arbeitskräftebedarf zu decken, wurden viele Schwarze aus dem Süden angeworben, die sich vor allem in North Omaha niederließen.

1919 kommt es nur ein paar Blocks entfernt vom Geschäft der Buffetts zu einem Ereignis, das die ganzen USA erschüttern sollte. Willie Brown, ein schwarzer Arbeiter in einer Fleischfabrik, wird beschuldigt, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben. Ein Mob von bis zu 10.000 Bürgern stürmt am 28. September das Douglas County Courthouse, lynchen Willie Brown, schießen mehr als 100 Mal auf ihn und verbrennen anschließend seine Leiche. Bürgermeister Edward Smith, der die Angreifer abwehren will, wird verprügelt und an einer Ampel aufgehängt, kann aber schwer verletzt von der Polizei gerettet werden. Ein junger Mann beweist den Geschäftssinn von Omaha: Er verkauft Teile des Seils, mit dem Brown gehängt wurde – für 10 Cent das Stück.39 Howard Buffett, der Vater von Warren, ist zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alt und wird zufällig Zeuge, wie die Menge Bürgermeister Smith aufhängt – eine Erfahrung, die ihn zutiefst schockiert und ein Leben lang verfolgen wird. Seinen Kindern wird er immer wieder davon erzählen, wie schnell eine Menge Menschen zu einem gefährlichen Mob werden kann.40

Die Lynchjustiz in Omaha führt zu Aufständen von Schwarzen in 20 weiteren US-Städten, bekannt als »Red Summer«.41

Ernest Buffett

1915 macht sich Ernest Buffett, der Großvater von Warren, selbstständig: Er kauft sein eigenes Lebensmittelgeschäft,42 die Dundee Grocery, das heute im Durham Museum in Omaha nachgebaut und zu besichtigen ist.43 Ernest entwirft ein funktionierendes Geschäftsmodell, den Vorläufer des Onlinehandels: Bestellungen können telefonisch aufgegeben werden und werden ausgeliefert und er verkauft auf Kredit.44 Außerdem wird er ein immer wichtigeres Mitglied der Gemeinde. In den Zwanzigerjahren wird er Präsident der Vereinigung der Lebensmittelhändler in Omaha und in ganz Nebraska. Zudem gründet er die »Buy Rite«-Vereinigung, eine Einkaufsgemeinschaft für kleinere Lebensmittelhändler.45 Er beginnt, durch das Land zur reisen und wettert auf Kongressen gegen Demokraten und Menschen, die ihre Rechnungen nicht bezahlten.

Seinen Laden führt er mit den Buffett’schen Grundsätzen von Sparsamkeit und Bescheidenheit – und immenser Strenge und Ernsthaftigkeit. »Die Arbeitszeit war lang, das Gehalt niedrig, die Ansichten in Eisen gegossen und es gab keine Dummheiten«, erinnert sich Charlie Munger, Buffetts späterer Investmentpartner, der dort als Jugendlicher gejobbt hatte.46 »Der Name meines Großvaters war Ernest und vielleicht war nie ein Mann treffender benannt. Niemand arbeitete für Ernest, nicht einmal als Lagerarbeiter, ohne von dieser Erfahrung geprägt zu sein«, schreibt Warren Buffett 2011.47

Henrietta, Ernests Frau, verkörpert zu Hause die Buffett’schen Grundsätze von Ordnung und Sparsamkeit fast noch strenger als er. Noch ist die Familie nicht in die Oberliga der Stadtbevölkerung aufgestiegen. Sie sind zwar angesehene Ladenbesitzer, aber keine Honoratioren der Gemeinde, zu denen die Besitzer der Schlachthöfe, Banken und Warenhäuser gehören.

Doch immerhin schaffen es Ernest und Henrietta, alle fünf Kinder auf die University of Nebraska zu schicken.48 Keine Selbstverständlichkeit zu einer Zeit, als nur gut 16 Prozent der US-Bevölkerung einen Highschool-Abschluss oder mehr erreichten.49 Warren Buffetts Vater Howard spürt dort allerdings das soziale Gefälle: »Ich arbeitete als Zeitungsjunge und war der Sohn eines Lebensmittelhändlers. Die Schülerverbindungen an der Highschool interessierten sich nicht für mich. Ich war einer von denen, die man dort als Außenseiter betrachtete«, erinnert er sich später.50

Die 1000-Dollar-Frage

Howards Vater Ernest Buffett scheint allerdings kein Problem mit seiner Stellung zu haben, er glaubt an sich und seine Lebensgrundsätze. »Selbstzweifel waren nicht seine Sache«, sagt Warren Buffett. »Er sprach immer mit Ausrufezeichen und erwartete, dass man seine Meinung als die allein gültige akzeptierte.«51

Und Ernest hat in vielen Dingen ganz spezielle unverrückbare Grundsätze. Einen davon erklärt er in einem Brief an seinen Sohn Frank und seine Schwiegertochter, den er den beiden 1939 zum zehnten Hochzeitstag schickte – gemeinsam mit einem Umschlag mit 1000 Dollar.

Nach dem Willen von Ernest gehörten sie in ein Bankschließfach, als finanzielle Reserve für Notfälle. »Du magst denken, dass das investiert gehört und dir ein Einkommen bringen sollte – vergiss es«, schreibt Ernest. »Für eine Reihe von Jahren war es mir ein Anliegen, eine Reserve zu halten, sollte ein Ereignis auftreten, bei dem ich schnell Geld brauche, ohne das Kapital zu zerstören, das ich in meinem Geschäft habe. Es gab eine paar Gelegenheiten, bei denen ich es sehr bequem fand, auf diese Ersparnis zurückzugreifen.«52

Drei Dinge hat Warren Buffett offensichtlich von seinem Großvater übernommen: feste Grundsätze; die Kunst, treffend und klar zu formulieren; und die Einsicht, dass nur eine Cash-Reserve das sichere Überleben einer Firma garantiert. Zumindest wendet er das Prinzip des Geldcouverts im Banksafe bis heute auch in seiner Holding an. »Bei Berkshire haben wir das 1000-Dollar-Konzept ein bisschen weiterentwickelt und versprochen, immer mindestens 10 Milliarden Dollar Cash zu halten«, erklärt Warren Buffett 2011.53 Zehn Jahre später – 2021 – spricht er schon von mindestens 20 Milliarden Dollar.

Eine Vorgehensweise, die sich immer wieder einmal ausgezahlt hat. Unmittelbar nach der Finanzkrise 2008 konnte Berkshire dadurch innerhalb von 25 Tagen 15,6 Milliarden Dollar in hoch lukrative Anlagen investieren, während andere um ihr Überleben kämpften.54

Geld nicht in gute Firmen zu investieren, weil es als Reserve dient, fiel dem begeisterten Investor dabei wohl nicht immer leicht. So in den Jahren nach der Finanzkrise, als die Zinsen in den USA auf ein Minimum gefallen waren: »Cash ist im Moment ein schreckliches Investment und wird es auf absehbare Zeit bleiben«, erklärte mir Warren Buffett 2011 kurz bevor die Fed die Leitzinsen auf 0 Prozent senkte. »Wir halten es nur deshalb, weil wir buchstäblich zu jeder Zeit für alle widrigen Ereignisse gewappnet sein wollen. Und derzeit streben wir nicht an, mehr Cash zu halten, als nötig ist, um wirklich sicher zu sein, dass wir alles bewältigen werden, was kommen kann.«55 Dennoch: Warren Buffett hält sich an das Credo seines Großvaters, dass nur ausreichende Reserven das sichere Überleben eines Geschäfts garantieren. Ein Geschäftsgrundsatz der Buffetts eben.

Progressivismus und die Gründung der Fed

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg befinden sich die USA wieder einmal in einer Konjunkturflaute. Die neu entstandene Mittelklasse der USA war es nun aber allmählich leid, dass Industriemagnaten, einflussreiche Banker und Politiker miteinander kungelten und immer wieder für Turbulenzen sorgten. Gleichzeitig aber standen sie radikalen Bewegungen, wie sie unter den Farmern und Arbeitern im Westen und Mittleren Westen entstanden waren, äußerst skeptisch gegenüber.56 Eine neue Idee wurde populär: die des Progressivismus.

Im Gegensatz zu den radikaleren Ideen zum Beispiel der Sozialisten ging es vor allem darum, das System der maximalen Freiheit und die Grundsätze der Laissez-faire-Politik zu erhalten. Dennoch wollte man mit den Problemen besser fertigwerden, die aufgrund der jahrzehntelangen Passivität der Regierung entstanden waren. Anhänger der Idee des Progressivismus gab es sowohl bei den Demokraten als auch bei den Republikanern, und letztendlich lief es darauf hinaus, neue Regeln und Institutionen für die Wirtschaft zu schaffen.57

Gesetze zur Regulierung der Eisenbahnwirtschaft und anderer großer Firmen hatte es zwar schon vor der Wende zum 20. Jahrhundert gegeben, umgesetzt wurden sie allerdings nur sehr mangelhaft.58 Nach der Jahrhundertwende wurde es allerdings ernst: Unter dem republikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt Jr. (1901 bis 1909) und dem demokratischen Präsidenten Woodrow Wilson (1913 bis 1921) entstand eine Regulierungsbehörde nach der anderen, von denen viele heute noch existieren.59

Unter den neuen Institutionen war auch eine, die für die Stabilität der Finanzmärkte und damit letztendlich später für den Aufstieg Warren Buffetts unerlässlich wurde: das Federal Reserve System. Die Diskussionen über die Notwendigkeit einer Zentralbank wurden jahrelang heftigst geführt. Lange Zeit dominiert der mächtige »Money Trust« in New York den Finanzmarkt. Einige bedeutende Banker um den legendären John Pierpont Morgan übernahmen die Funktionen einer Nationalbank. Sie bestimmten, wie viele Kredite die Wirtschaft bekam und ob sie Anleihen und Aktien kauften oder verkauften. Damit steuerten sie indirekt die Versorgung der Wirtschaft mit Geld – nicht immer mit guten Ergebnissen. J.P. Morgan war ohnehin ein rotes Tuch für viele solide Geschäftsleute, auch weil er nicht nur in der Finanzwelt das große Rad drehte: Er war bekannt für seinen verschwenderischen Lebensstil, sammelte Kunst, lebte in riesigen Häusern und gab legendäre Partys.60

Den Ausschlag für die Einrichtung einer Zentralbank gab eine Finanzkrise im Jahr 1907: Nach dem Zusammenbruch des Finanztrusts Knickerbocker kam es am 22. November zu einer Panik an der Börse, die das gesamte Finanzsystem zu erfassen drohte. J.P. Morgan konnte gemeinsam mit anderen Bankern das Schlimmste abwenden, indem sie frisches Geld investierten und so Vertrauen schufen. Die Erkenntnis, dass die Rettung der US-Wirtschaft in Krisenfällen aber vielleicht doch nicht von wenigen privaten Bankiers abhängen sollte und besser in institutionelle Hände gehört, war jedoch nicht mehr aus der Welt zu schaffen.61

Im Dezember 1913 unterschrieb US-Präsident Wilson ein Gesetz, das einen Ausgleich der Interessen darstellte: Statt wie in den meisten europäischen Staaten eine neue Behörde zu schaffen, wurde das Fed-System eingeführt. In den neu geschaffenen zwölf Bezirken war fortan jeweils eine Federal Reserve Bank zuständig, die von der privaten Finanzwirtschaft dominiert wurde. Darüber setzte man allerdings das bestimmende Federal Reserve Board ein, das bis heute die Zins- und Kreditpolitik der USA betreibt. Und das wurde politisch besetzt.62 Eine Zeit lang blieb allerdings offen, wer letztendlich das Sagen hatte: die Privatbanken oder das Fed Board.

Der Erste Weltkrieg

Am 1. August 1914, knapp zwei Wochen vor Howard Buffetts elftem Geburtstag, brach der Erste Weltkrieg aus. »Kaiser Wilhelm erklärt Russland den Krieg und ordnet die Mobilmachung an«, titelte der Sunday World-Herald in Omaha am 2. August 1914 und beruhigte seine Leser noch auf der ersten Seite mit einer weiteren Headline: »Die USA werden sich nicht in den europäischen Streit einmischen«, stand da, und im Artikel konnten besorgte Bürger nachlesen, welche Maßnahmen die Regierung ergriffen hatte, damit die Probleme Europas nicht auf die Wirtschaft oder Finanzmärkte der USA durchschlagen.

Das war allerdings leichter gesagt als getan und schnell veränderte sich auch das Leben in Omaha. Die wirtschaftlichen Verbindungen zu Europa waren immer enger geworden und die USA waren nicht nur von den Geldströmen aus Europa abhängig. Auch die Handelsbeziehungen waren zu Beginn des Weltkrieges eng. 1876 hatten die USA erstmals einen Exportüberschuss erwirtschaftet und zwischen 1900 und 1913 hatten sich die Ausfuhren auf rund 2,5 Milliarden Dollar fast verdoppelt.63

Für die Landwirtschaft, aber auch für einige Bereiche der aufstrebenden Industrie war der Export damit zu einem wichtigen Standbein geworden. Gut ein Drittel aller Ausfuhren gingen nach Kontinentaleuropa und Großbritannien. Größter Abnehmer für amerikanische Waren war das Vereinigte Königreich – gefolgt ausgerechnet vom Kriegsgegner Deutschland.64

Neutral konnte die USA nicht lange bleiben. Im Prinzip waren es die Briten, die zumindest in Sachen Handel schnell Klarheit schafften. Ihre Handelsblockade für Deutschland und die Mittelmächte war hoch effizient, sodass die US-Ausfuhren dorthin zusammenbrachen, während sich die nach Großbritannien, Italien und Frankreich in den ersten beiden Kriegsjahren vervierfachten.65

Am 2. April 1917 gab Woodrow Wilson die militärische Neutralität auf und holte sich im Kongress die Erlaubnis zum Kriegseintritt, den er dann vier Tage später, am 6. April, verkündete. Der neue Boom im Außenhandel mit den Verbündeten und die Bemühungen der Regierung, die Kriegsproduktion anzukurbeln, sorgte anschließend für eine lebhafte Nachfrage, einen soliden Aufschwung und schnell steigende Preise. Und für mehr Eingriffe der Regierung in die Wirtschaft, als den Anhängern der Laissez-faire-Politik lieb sein konnte.

So begann der Staat erstmals, kräftig Steuern einzuziehen. Um die Jahrhundertwende konnten die US-Amerikaner ihr Einkommen noch weitgehend behalten. Lediglich gut 3 Prozent zog der Staat ab – der Löwenanteil davon ging an die Bundesstaaten. Die Zentralregierung kam mit gerade einmal 0,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zurecht. 1913 wurde dann erstmals eine persönliche Einkommenssteuer eingeführt, die im Krieg schnell erhöht wurde.66

Denn in den Kriegsjahren brauchte Washington mehr Geld denn je und der bisherige regelmäßige Kapitalzufluss aus Europa fiel aus. Im Gegenteil: Nun mussten die USA plötzlich ihren Handelspartnern in Europa mit Krediten aushelfen: Frankreich und Großbritannien erhielten 1915 mit dem »anglo-französischen Darlehen« alleine 500 Millionen Dollar, finanziert durch eine Anleihe, die bisher größte ihrer Art.67 Zudem stiegen spätestens ab dem Eintritt der USA in den Krieg auch die eigenen Ausgaben.

Die Steuereinnahmen reichten bei Weitem nicht aus, den Geldbedarf zu decken. Daher gab die Regierung ab 1917 Kriegsanleihen heraus. Die »Liberty Loans« wurden ein echter Verkaufsschlager: 1917 gingen Schätzungen von rund 350.000 Käufern am Anleihenmarkt aus, 1919 hatten über 11 Millionen Menschen die Kriegsanleihen gezeichnet.68 Patriotismus und die gute Einkommenssituation hatten viele Bürger dazu gebracht, »Liberty Loans« zu kaufen. Amerikas Kleinanleger machten ihre ersten – guten – Erfahrungen mit Wertpapieren – die Geburtsstunde der Aktien- und Anleihen-Kultur in den USA.

Harte Zeiten für Familie Stahl

Mit dem Krieg kam in den USA eine ganz neue Strömung auf, die sich schnell verbreitete: eine antideutsche Stimmung. Gerade in Nebraska, wo sich viele deutsche Auswanderer angesiedelt hatten, kannte man so etwas vorher nicht. Doch der U-Boot-Krieg der Deutschen, dem auch amerikanische Zivilisten auf hoher See zum Opfer fielen, empörte die Öffentlichkeit. Am 7. Mai 1915 hatte ein deutsches U-Boot den Passagierdampfer RMS Lusitania angegriffen und ihn versenkt. Dabei starben rund 2000 Menschen, darunter mehr als 120 Amerikaner. Spätestens jetzt war die öffentliche Meinung eindeutig gegen Deutschland und Deutsche.69

Nach dem Eintritt der USA in den Krieg nahm die antideutsche Stimmung zu und immer groteskere Züge an. Im Kongress rechtfertigte Präsident Wilson die Kriegsteilnahme mit dem Kampf für »das Recht aller Menschen auf Selbstbestimmung hinsichtlich ihrer Lebensweise«.70 Doch gleichzeitig lief eine umfangreiche Propagandamaschine gegen den vermeintlichen Feind an – auch im Inneren. Vielerorts wurde es verboten, deutsche Musik zu hören, deutsche Bücher zu verleihen oder auch nur Deutsch zu sprechen. Statt »Sauerkraut« sagten viele nun »liberty cabbage« (Freiheitskohl), statt »Hamburger« »liberty sausage« (Freiheitswurst).71

Auch in Nebraska verloren die Einwohner allmählich das Gespür für den demokratischen Umgang mit Minderheiten. Politiker, spontane Bürgerzusammenschlüsse und das neu gegründete »Nebraska Council of Defense« verfolgten Deutsche und andere verdächtige Mitbürger mit Drohbriefen, inquisitorischen Befragungen, Inhaftierungen und Gewalt.72

Die wachsenden Spannungen zwischen Antideutschen und Deutschen bekommt auch die Familie Stahl in West Point, Nebraska, zu spüren, ein überwiegend von deutschen Aussiedlern bewohnter Ort mit 2000 Einwohnern. Vater John Ammon Stahl besitzt dort eine Zeitung, den Cuming County Demokrat, mit dem er seine Familie mit vier Kindern gerade so über Wasser hält. Wie der Titel der Zeitung verrät, ist Stahl ein Anhänger der Demokraten und will eine Politik, die eher die wachsende Mittelschicht als die Eliten fördert.73

Auch die Stahls leben schon seit mehreren Generationen in den USA und haben lange als Farmer gearbeitet. Die Vorfahren von John Ammon immigrierten im späten 19. Jahrhundert aus der Schweiz.74 Obwohl die Stahls selber deutschstämmig sind, sprechen sie Englisch und sind damit in West Point ziemliche Außenseiter. Als John Stahl in seiner Zeitung auch noch Position gegen Kriegsdeutschland bezieht, kündigt die Hälfte seiner Abonnenten.

Dabei hat es die Familie Stahl ohnehin schwer. Mutter Stella leidet wie einige andere Familienmitglieder unter psychischen Problemen. Behandelt wird so etwas damals in der Regel nicht. Stellas Mutter ist wegen ähnlicher Symptome in der staatlichen Nervenheilanstalt von Nebraska gelandet.75 Stella lebt daheim, zieht sich aber immer öfter in ein abgedunkeltes Zimmer zurück – unterbrochen nur durch gelegentliche aggressive Ausbrüche gegen ihren Mann und ihre Töchter. John Stahl, der Vater, hat deshalb seinen Job als Schulinspektor aufgegeben und die Zeitung gekauft, damit er daheimbleiben und sich um Stella und die Kinder kümmern kann.

Leila Stahl, Warren Buffetts Mutter, hat keine leichte Kindheit: Die drei Mädchen müssen den Haushalt führen, zudem gilt es, die Mutter zu versorgen. Gemeinsam mit ihrem Bruder helfen sie jeden Donnerstag beim Druck der Zeitung. Die schwere Arbeit an den Maschinen verursacht bei Leila hämmernde Kopfschmerzen. Ab der fünften Klasse hilft sie beim Setzen der Zeitung und schreibt Artikel. Wenn ein Zug in West Point stoppt, befragt sie die Reisenden nach Neuigkeiten für ihre Nachrichtenkolumne.76

Leila Stahl gilt als extrem intelligent, besonders in Mathematik glänzt sie. Doch ihre Ausbildung kommt angesichts der schwierigen Situation zu Hause immer wieder ins Stocken. Erst verschiebt sie ihren Collegebesuch um zwei Jahre, um daheim zu helfen, dann unterbricht sie ihr Studium aus demselben Grund für ein weiteres Jahr. 1923 bricht sie aber endlich zum Studium an der Universität von Nebraska auf.77

Die Roaring Twenties

Nach Ende des Ersten Weltkrieges blühte die Wirtschaft in Europa, aber auch in den USA schnell wieder auf. Nach den Amtsjahren von Woodrow Wilson schlug das Pendel wieder mehr in Richtung Laissez-faire, mehr Freiheit vor allem für die Wirtschaft. Gesellschaftlich wurden die Freiheiten allerdings eher beschränkt – für alle, die kommunistischer Umtriebe verdächtigt wurden,78 aber auch für Liebhaber von Wein, Bier oder Schnaps. 1920 wurde der Verkauf und Konsum von alkoholischen Getränken in den gesamten USA verboten. Statt ein Gesetz zu verabschieden, schrieb die Regierung die Prohibition sogar als Zusatz in die Verfassung. Erst 1933 beendeten die Amerikaner das Experiment mit dem Alkoholverbot, das vor allem Schmuggler und die Mafia befördert hatte.79

Die Amerikaner fanden allerdings ein neues Rauschmittel: Konsum und Kommerz wurden zum wichtigen Lebensinhalt. Während europäische Intellektuelle und die Oberschicht meist eher abschätzig über Geschäftemacher dachten, machten sich die Amerikaner die Idee des »Moneymakings« enthusiastisch zu eigen.80 »Das wichtigste Geschäft des amerikanischen Volkes ist das Geschäft«, sagte der damalige US-Präsident Calvin Coolidge in einer Rede 1925. Und mehr noch: Bereits rund zehn Jahre zuvor hatte er die Wirtschaft mit Religion gleichgesetzt: »Der Mann, der eine Fabrik baut, baut eine Kirche«, schrieb er 1916, »und der Mann der dort arbeitet, verrichtet einen Gottesdienst.« 81

Coolidge, ein Republikaner, glaubte an die Grundsätze des Laissezfaire: Eine möglichst kleine Regierung, die kaum Steuern erhebt und so wenig Regulierung wie möglich zulässt – das ist genau die Art von Politik, der Ernest und inzwischen auch Teenager Howard Buffett applaudieren.82

Coolidge schien richtig zu liegen. Während seiner Amtszeit von 1923 bis 1929, blühte die Wirtschaft weltweit auf: Berlin erlebte die »Goldenen Zwanzigerjahre«, die USA die »Roaring Twenties«. Autos, Strom, Radio und Telefon waren jetzt auch für die Massen erschwinglich. Es ging aufwärts, der Optimismus war groß. Charles Lindbergh flog zum ersten Mal nonstop über den Atlantik, in Schottland erfand Alexander Fleming das Penizillin.

In den Jahren zwischen 1920 und 1929 kam der Wohlstand großflächig in die USA: Die Reallöhne stiegen, die Waren wurden billiger. Immer mehr Menschen konnten sich immer mehr leisten. Alleine zwischen 1927 und 1929 legte die Industrieproduktion um ein Viertel zu.

Die Bürger entdeckten den Spaß am Konsum, tranken das neue Modegetränk Coca-Cola, kauften Konfektionskleidung, Kühlschränke und das Auto Ford Model T: Die Fließbandproduktion machte das neuartige Fahrzeug für fast jedermann erschwinglich.83 Alleine 1929 wurden in Detroit 5 Millionen Autos gebaut und problemlos an Mann und Frau gebracht.84 Der Aufschwung und vor allem der Optimismus schienen grenzenlos.85 Herbert Hoover, US-Präsident ab 1929, verkündet im Wahlkampf, dass der Sieg über die Armut nahe sei.

Howard und Leila

Warren Buffetts Vater, Howard, wächst unterdessen zu einem jungen Mann heran. 1921, er ist gerade 18 Jahre alt, stirbt seine Mutter Henrietta nach längerer Krankheit und Howard bedauert in einem Brief an seinen Onkel, dass wir die »wahre Großartigkeit unserer noblen Mutter nicht vollkommen zu schätzen wussten, als sie noch gelebt hat«. Als Beweis für ihre außergewöhnlichen Erziehungsleistungen zählt er auf, dass er und alle Geschwister regelmäßig die Kirche besuchen, keiner der Söhne raucht oder trinkt.86

In den Zwanzigerjahren geht er an die University of Nebraska, um Journalismus zu studieren. Dort engagiert er sich für die Sportabteilung der Uni und ist in einer Studentenverbindung aktiv, wo er führende Rollen übernimmt.87 Als Redakteur der Universitätszeitung Daily Nebraskan berichtet er auch für Zeitungen aus anderen Städten über Baseballturniere88 und steigt 1923 zum geschäftsführenden Redakteur auf.89

Leila Stahl ist eine kleine, aber gut aussehende brünette junge Frau mit grünen Augen90, als sie sich in der Redaktion bei Howard vorstellt. Sie ist neu an der Universität und sucht einen Job. Howard engagiert sie nicht nur vom Fleck weg, sondern verliebt sich offensichtlich auch in sie. »Ich weiß nicht, ob sie viel an der Zeitung gearbeitet hat«, erinnert sich Howard Buffett später, »aber mich hat sie zweifellos bearbeitet. Ich habe das nie bedauert, das war der beste Deal meines Lebens.«91

Die beiden werden ein Paar. Die Buffetts sind mittlerweile in Omaha so bekannt, dass selbst der World-Herald von der Beziehung Notiz nimmt: Am 19. Dezember 1925 meldet er in der Rubrik »Persönliches« den Besuch von Mr und Mrs J.A. Stahl und ihrer Töchter Leila und Edith im Haus von Ernest Buffett. »Die Fräulein Stahl werden hier das Wochenende verbringen.«92

Wenig später, einen Tag nach Weihnachten, heiraten Howard und Leila in West Point. Leila gibt ihr Studium auf, was Ihren Algebralehrer offensichtlich fassungslos macht. Angeblich war er über den Verlust seiner talentierten Schülerin so wütend, dass er sein Lehrbuch auf den Boden warf. Warren Buffett spricht über seine Mutter wenig, doch ein paar entscheidende Zutaten zu seinem unglaublichen Erfolg verdankt er wohl ihr. Den Ehrgeiz und den Wunsch zu gewinnen zum Beispiel, aber vor allem: das mathematische Talent.

Leila Stahl wird nach ihrer Heirat mit Howard rasch die politischen Ansichten ihres Ehemanns übernehmen. Genau wie sein Vater Ernest entwickelt Howard Buffett immer mehr felsenfeste Überzeugungen, ein unverrückbares Selbstbewusstsein – und eine tiefe Abneigung gegen alle, die seine Meinung nicht teilen. Seine ganz eindeutig republikanische Einstellung wird im Laufe der Jahre immer radikaler werden. 1963 – 40 Jahre nach seiner Zeit als Chefredakteur beim Daily Nebraskan – wird er als Kongressabgeordneter eine Untersuchung gegen seine ehemalige Redaktion fordern, weil sie ihm zu stark »den liberalen Standpunkt unterstreicht«.93

Howard Buffett wird Wertpapierhändler

Das frisch verheiratete Paar Howard und Leila Buffett ziehen in einen kleinen Bungalow an der Barker Avenue. Howard hat sich – auf Drängen seines Vaters Ernest – schweren Herzens gegen einen schlecht bezahlten Job als Journalist entschieden und geht in die Werbeabteilung einer Versicherung94 – für 25 Dollar im Monat. Leila versucht, den Haushalt zu schmeißen und arbeitet in Gelegenheitsjobs als Sekretärin oder in Druckereien, womit sie öfter mehr verdient als ihr Mann.

Am 28. Mai 1927 stirbt Sidney Homan Buffett mit 78 Jahren in Omaha. Auf seiner Beerdigung werden noch einmal einige der Briefe verlesen, die sein Großvater Zebulon an ihn geschrieben hat. »Wenn du ins Geschäftsleben einsteigst, sei mit kleinen Gewinnen zufrieden. Sei nicht zu ungeduldig, reich zu werden. Wenn du einen Angestellten hast und er mag ehrlich sein, musst du ihn beobachten. Du hast auch einen Bettgenossen. Du darfst ihn dich nicht irreführen lassen.«95 Ratschläge, die eine Art DNA der Buffett-Familie waren, die sein Nachfahre Warren Buffett später allerdings nicht mehr befolgen würde.

Etwa zur selben Zeit wird Leila mehrmals krank, erst hat sie eine Augenoperation zu überstehen, dann bekommt sie hohes Fieber. Und sie wird schwanger. Im Februar 1928 bekommen Howard und Leila ihr erstes Kind – eine Tochter, die sie Doris nennen. Die Geburt verläuft dramatisch. Leila übersteht eine Infektion nur knapp, doch ihre Kopfschmerzen kehren mit Macht zurück.96

Der Boom der Zwanzigerjahre kam auch in Omaha an, das inzwischen mehr als 200.000 Einwohner zählte.97 1928 erreichte die Wertschöpfung in der Stadt erstmals 1 Milliarde Dollar – rund 400 Millionen davon aus der Industrie.98 »Ist es ein Wunder, dass die Anführer der Gemeinde – ohne Ausnahme – Gutes für die Stadt im Jahr 1929 vorhersagen?«, fragte ein begeisterter Kolumnist im Omaha World-Herald zum Jahreswechsel 1928/1929. »Diese neue Zuversicht und der erwachte Unternehmensgeist der Bürger werden die Geschäfte und die Industrie sogar noch weiter beschleunigen.«99

Seit hier um die Jahrhundertwende die ersten Autos aufgetaucht waren, hatte sich die Stadt auf das neue Zeitalter eingestellt. Straßen wurden gebaut, Tankstellen errichtet und in der Farnam Street entstand eine »Automobil Row«, in der sich Händler und Werkstätten ansiedelten.

Doch mehr noch als für Autos konnten sich die US-Bürger für Aktien begeistern. Die Euphorie trieb immer mehr Kleinanleger an die Börse und Aktienkäufe auf Kredit schienen ein bombensicheres Geschäft für jedermann. Denn die Kursgewinne lagen wesentlich höher als die Kreditzinsen. Zwischen 1920 und 1929 stieg der durchschnittliche Tagesumsatz an der New Yorker Börse von circa 750 Millionen Dollar 1920 auf gut 3,8 Milliarden 1929,100 der Aktienindex S&P 500 klettert um mehr als 300 Prozent.

Der Erbauer des Empire State Buildings und ehemalige Industriemanager John Jakob Raskob gab im August 1929 dem Ladies’ Home Journal ein viel beachtetes Interview, das sich viele zu Herzen nahmen. Im Prinzip forderte er alle auf, Schulden zu machen, um damit an der Börse mitspekulieren zu können. »Jeder sollte reich sein« war sein Credo. »Der alte Blick auf Schulden ist ähnlich unlogisch wie der alte Blick auf Investitionen. Wir wissen jetzt, dass es eine Methode sein kann, sich zu verschulden, um Geld zu verdienen.«101

Auch Howard Buffett, der innerhalb der Versicherung inzwischen in die Investmentabteilung gewechselt hatte,102 ist von der Zukunft der Börse überzeugt. 1927 gibt er seinen Job bei der Versicherung auf, um als Wertpapierhändler bei der Union State Bank anzufangen. Später nimmt er einen Kredit über 9000 Dollar auf, um es gemeinsam mit 1000 Dollar Ersparnissen an der Börse zu investieren.103 Sein Vater Ernest sieht das kritisch. Jeder, der seine ersparten Dollars an die Börse trägt, sei ein »verdammter Idiot« schreibt er in einem Brief.104 Was Ernest Buffett gar von Spekulieren auf Kredit gehalten hat, kann sich jeder denken.

Wenig später ist der Traum des ewigen Wachstums in den USA erst einmal vorbei: Die Wirtschaft schwächt sich im Jahr 1929 bereits allmählich ab, lediglich am Aktienmarkt ist die Euphorie ungebrochen: »Es sieht so aus, als hätten die Aktienkurse ein permanent hohes Plateau erreicht«, schreibt Irving Fisher, Chef der Wirtschaftsfakultät an der Yale University im Herbst 1929.105 Wie falsch er damit liegt, zeigt sich kurz darauf: Ende Oktober beginnen die Kurse an der New Yorker Börse zu kollabieren und leiten die schlimmste wirtschaftliche Katastrophe der US-Geschichte ein: die Weltwirtschaftskrise oder die »Great Depression«.

KAPITEL 2

STÜRMISCHE ZEITEN

EINE SCHRECKLICH-SCHÖNE KINDHEIT

1929–1943

Die Great Depression trifft auch die Familie Buffett.1930 wird Warren geboren und leidet unter den Aggressionen seinerMutter. Früh beginnt er damit, Geld anzuhäufen.Zum Entsetzen der konservativen Familie Buffettverändert Präsident Roosevelt die USA nachhaltig.

Der Schwarze Donnerstag

Der Handelstag an der New Yorker Börse am Donnerstag, den 24. Oktober 1929 begann ungewöhnlich ruhig, vielleicht auch, weil die Kurse am Vortag ordentlich ins Minus gerutscht waren. Die Umsätze waren hoch gewesen und viele Händler hatten die Deals bis tief in die Nacht nacharbeiten müssen. Ein entspannter Morgen kam für einige vermutlich gerade recht. Doch gegen elf Uhr drehte die Stimmung komplett: Ohne Vorwarnung oder erkennbaren Grund fielen die Kurse kräftig und plötzlich wollte jeder seine Aktien so schnell wie möglich loswerden. Die Händler boten »enorme Mengen an Wertpapieren zu einen Drittel des ehemaligen Preises an«, erinnerte sich der spätere britische Premierminister Winston Churchill an den Tag. Als britischer Schatzkanzler war er an der New Yorker Börse zu Gast und beobachtete die Händler, »eingefroren wie in der Zeitlupenaufnahme eines aufgeschreckten Ameisenhaufens.«1

»Aktienkollaps« titelte die New York Times am Tag darauf und spekulierte, dass die Anleger an der New Yorker Börse in der Panik zwischen 8 und 9 Milliarden Dollar verloren haben.2 Doch kurz vor Handelsschluss fingen sich die Stimmung und die Kurse wieder. Denn noch funktionierte die New-Yorker-Bankerszene: Am Nachmittag stützten angesehene Investmenthäuser den Markt mit massiven Käufen und die Verluste wurden kurz vor Handelsschluss fast wieder aufgefangen. Die New York Times hoffte am nächsten Morgen, dass diese koordinierte Unterstützung für einen Stimmungswandel sorgen würde und die »Mob-Psychologie, die für das Debakel des Marktes weitgehend verantwortlich ist, gebrochen wird«.3

Eine Hoffnung, die nicht lange hielt. Denn die Panik kehrte schnell zurück und niemand war mehr willens oder in der Lage, Aktien zu kaufen. Kredite über 7 Milliarden Dollar hatten die Amerikaner für Wertpapierkäufe aufgenommen, die jetzt auszufallen drohten.4 Die Banken konnten ihre Stützungsaktionen nicht lange durchhalten, die Zentralbank Fed war nicht wirklich handlungsfähig, weil sie ebenfalls noch stark von privaten Banken abhängig war. Und die meisten Anleger konnten keine Aktien mehr kaufen – sie standen schlicht vor dem Ruin.

Bis zum »Schwarzen Dienstag« am 29. Oktober verloren die Aktien an der Börse in New York sagenhafte 30 Milliarden Dollar an Wert.5 Viele Anleger waren fassungslos. Draußen vor der Tür patrouillierten berittene Polizisten, um die Menschenmenge im Zaum zu halten, die sich vor der Börse versammelt hatte. Doch die Stimmung war nicht aggressiv: »Die Wall Street war eine Straße der verschwundenen Hoffnungen, der merkwürdig stillen Besorgnis und geprägt von einer Art lähmender Hypnose gestern«, beschrieb die New York Times die Lage.6

In nur zwei Wochen hatten die Aktien 40 Prozent an Wert verloren, bis 1932 waren es 75 Prozent.7 Erst in den Fünfzigerjahren sollte der S&P 500 wieder das Niveau vom Beginn des Crashs erreichen. Viele Kleinanleger blieben überschuldet zurück, einige große Vermögen wurden vernichtet, aber vor allem eines war unwiderruflich verloren: die euphorische Zuversicht der »Roaring Twenties«.

Die Buffetts schlagen sich durch

Selbst nach dem Schwarzen Dienstag klammerten sich viele Experten erst einmal weiter vor allem an eines: das Prinzip Hoffnung. »Gesunde und konservative Industrien werden nicht so stark beeinträchtigt, wie es bei ähnlichen Anlässen früher war«, schrieb die New York Times. »Wenn die Anpassung beendet ist, wird das Land auf ein neues Wohlstandsniveau vorrücken«, kommentierte der Kansas City Star. Der St. Louis Post-Dispach appellierte an den amerikanischen Unternehmergeist. »Es gibt immer eine große Zahl an Chancen.«8

Auch die Finanzgemeinde in Omaha versuchte, die Ereignisse an der fernen New Yorker Börse als kleinen Unfall abzutun. Der Omaha World-Herald betonte am 30. Oktober vor allem die erfolgreichen Stützungsaktionen der Banken für einige ausgewählte Aktien. Die Geldhäuser schraubten die Anforderungen für Wertpapierkredite herunter, weil »die gegenwärtigen Kurse ausreichend attraktiv sind, um diese Maßnahme zu rechtfertigen«.9

Doch in den kommenden Jahren wollte keiner mehr Aktien kaufen, die Kurse bröckelten weiter ab.

Das bekommt auch Howard Buffett zu spüren. Der hat nicht nur selber Spekulationsverluste zu tragen. Sein Job als Broker bringt auch fast nichts mehr ein. In den ersten vier Monaten nach dem Crash verkauft er kein einziges Wertpapier, danach nur selten. Das Geld wird knapp im Hause Buffett. Leila dreht jeden Cent dreimal um – sie geht auch lange Strecken zu Fuß, um das Geld für die Straßenbahn zu sparen, sie schwänzt Gemeindetreffen, wenn sie Kaffee mitbringen soll, und sie isst wenig.10

Zudem kündigt sich weiterer Nachwuchs an: Am 30. August 1930 bekommen Howard und Leila einen Sohn, Warren Edward Buffett – ein paar Wochen zu früh, aber gesund. Es ist ein heißer Tag in einem Dürresommer, in dem die Wirtschaft so schnell eingebrochen ist, dass die Menschen hoffen, Präsident Hoover würde wie im Krieg Konservendosen an die Bevölkerung verteilen lassen.11

Denn nicht nur bei den Buffetts, auch in vielen andere Haushalten wurden Geld und Nahrungsmittel knapp. Anders als erhofft hatte der Börsencrash eben nicht nur die Anleger oder die Finanzbranche getroffen, sondern begann mehr und mehr Bereiche der Wirtschaft zu erfassen. Die Einkommen sanken, die Nachfrage ging zurück und immer mehr Menschen wurden arbeitslos. Die Great Depression begann Fahrt aufzunehmen.

Howard Buffett fragt seinen Vater Ernest, ob er wieder im Lebensmittelgeschäft arbeiten könne. Ernest lehnt ab, doch zumindest erlaubt er Howard, für seine Familie Essen aus dem Laden zu holen – allerdings nicht umsonst, sondern auf Kredit.12 Dabei läuft Buffett’s zu dem Zeitpunkt noch vergleichsweise gut. »Die Depression hat das Lebensmittelgeschäft bis Januar 1931 nicht getroffen und dann auch nicht sehr schwer«, schreibt Ernest Ende 1931 an einen Freund.13 Doch immerhin hungert die Familie nicht und kommt mehr schlecht als recht über die Runden.

Ein paar Wochen vor Warrens erstem Geburtstag bricht die Welt der kleinen Familie dann aber doch zusammen. Howard Buffett ist inzwischen zum Leiter der Anleihen-Abteilung der Union Securities aufgestiegen.14 Als Howard Mitte August 1931 zur Arbeit fährt, ist seine Bank geschlossen. Kurz darauf kommt es auch in Omaha wie in den ganzen USA zu mehreren Bankenruns, bei denen Sparer versuchen, ihre Konten leerzuräumen. In brütender Hitze warten die Menschen den ganzen Tag vor den lokalen Bankfilialen, um ihre Ersparnisse abzuheben.

Aber immer noch glauben viele, die Situation wäre noch beherrschbar. Die Menge sei durch zahlreiche Schaulustige vergrößert worden, schrieb die Zeitung am nächsten Tag, und ohnehin »gab es zahlreiche Fälle, in denen Personen, die ihr Geld früher am Tag abgehoben haben, zurückgegangen sind und entweder neue Konten eröffnet oder ihr altes Konto reaktiviert haben«.15 Doch letztendlich sind weder die Union State Bank noch viele andere Geldhäuser zu retten.

Die Familie Howard Buffett steht nun ohne Familieneinkommen da – und ohne die letzten Ersparnisse, die Howard auf einem Konto der Bank angelegt hatte. Sie ahnen nicht, dass die schlimmsten Jahre für die US-Wirtschaft noch vor ihnen liegen.

Die Politik versagt

Zu dem Zeitpunkt, als Howard Buffett seinen Job verliert, gibt es in den USA bereits rund 7 Millionen Arbeitslose, 3 Millionen mehr als im Jahr zuvor – aber nur die Hälfte derer, die zwei Jahre später ohne Arbeit dastehen werden.16 Und damit auch ohne jede staatliche Unterstützung auskommen müssen. Denn noch herrscht uneingeschränkt der Geist des Laissez-faire. Präsident Hoover lässt den Dingen ihren Lauf. Er glaubt fest an die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft und dass die Krise nicht mehr sei als ein notwendiges Gesundschrumpfen.17

Tatsächlich hatte nach dem Börsencrash vieles dafürgesprochen, dass sich die Turbulenzen nur sehr bedingt auf die Wirtschaft übertrugen. Der Crash hatte vor allem Kleinanleger getroffen und viele von ihnen ruiniert, doch nur drei von 100 Amerikanern hatten am Aktienmarkt investiert. Die meisten Reichen, insbesondere die Investmentbanker, konnten ihr Vermögen retten. Jack Morgan zum Beispiel, der Erbe von J.P. Morgan, sorgte mit seinem Lebensstil weiter für Aufsehen und 1930 für Schlagzeilen, als er die damals größte Jacht der USA zu Wasser ließ.18

Dem Gewerbe der Investmentbanker sollte es auch über die gesamte Great Depression gut gehen: 2,4 Milliarden Dollar verdienten die Mitglieder der New Yorker Börse zwischen 1928 und 1933, während das Land darbte. Ein Großteil davon waren Zinsen, die Leerverkäufer[1] zahlen mussten, aber die Aktienhändler verdienten auch gut am damals üblichen »Front-Runnig«,[2] mit dem sie ihre Kunden schädigten.19 Die mächtigen Herren des Geldes in New York hatten also überhaupt keinen Anlass, etwas zu verändern oder gar den Einfluss der Regierung auf die neue Zentralbank Fed zu erhöhen.

Die Untätigkeit der Regierung Hoover gemeinsam mit der Schwäche der Zentralbank Fed waren aber ein fatales Gemisch. Denn der mehr oder weniger offene Machtkampf zwischen dem privaten Federal Reserve von New York, das von den wichtigen Investmentbankern dominiert wurde, und dem politisch besetzen Fed Board machte die Geldpolitik zahnlos. Mit der Folge, dass vor dem Crash kein wirklich effektives Mittel gefunden wurde, die Wertpapierkredite einzuschränken, nach dem Crash aber viel zu wenig Kredit gegeben wurde, um die Wirtschaft zu stützen.20 Zudem gab es so gut wie keine Aufsicht der Privatbanken.

Mit fatalen Folgen: Ende 1930 brach in New York die Bank of United States zusammen, eigentlich eine lokale New Yorker Bank, die vor allem Einlagen von Einwanderern verwaltete. Die Eigentümer hatten allerdings jahrelang und ohne jede Aufsicht die Kundengelder für Aktienspekulationen auf eigene Rechnung missbraucht. Der Crash ruinierte die Bank und damit auch die rund 300 Millionen Dollar Spareinlagen der rund 400.000 Kunden.21

Sparer in den gesamten USA begannen, die Solidität ihrer Bank zu hinterfragen, zumal weitere Bankzusammenbrüche und Betrugsfälle folgten. Die Menschen holten ihre Ersparnisse von ihren Konten und die massiven Geldabzüge gaben den Banken reihenweise den Todesstoß. Denn ohnehin litten sie unter der Geldpolitik: Die Fed hatte beschlossen, die Zinsen massiv anzuheben. Die Idee dahinter war, dass man so Kapital ins Land locken konnte, doch weltweit brach die Krise aus und kaum jemand hatte die Mittel und das Interesse, in den USA zu investieren. Stattdessen waren nun Kredite für die heimische Wirtschaft unerschwinglich, die hohen Zinsen trieben weitere verschuldete Betriebe und Privatleute in die Pleite.22