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Ein Leben in der Großstadt mit all ihren kulturellen Angeboten, dies ist der Traum von Elsa, die in einem schwäbischen Dorf in bäuerlichen Verhältnissen aufwächst. Doch zwei Weltkriege bestimmen ihr Schicksal. Mit Mut und Stärke kämpft sie sich und ihre Familie durch schwere Zeiten.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2020
Bianca Schlosser
Warten auf Lohengrin
Ein Leben zwischen 1914 und 1950
Schwer ist es, die rechte Mitte zu treffen:
Das Herz zu härten für das Leben,
es weich zu halten für das Lieben.
Jeremias Gotthelf
Für Oma
Das Dorf
1914
Von der Kirche gegenüber klingt Glockengeläut. Um diese Tageszeit, am späten Vormittag, kann es nur einem Brautpaar oder einem Trauerzug gelten.
Im August wird auf dem Dorf nicht geheiratet, da werden alle für die Feldarbeit gebraucht. Eine Hochzeit wird’s deshalb nicht sein.
Oben vom Wohnzimmerfenster fällt mein Blick direkt auf das Kirchentor und die Straße davor. Unten im Erdgeschoss ist mein Vater in seiner Wagnerei damit beschäftigt, einen Reifen zu beschlagen. Der helle Ton seines Hammers begleitet den vollen, tiefen Klang der Glocken beinahe im selben Takt.
Es ist die alte Bertl, die beerdigt wird, fällt mir wieder ein. Die Leichenansagerin hat's gestern verkündet.
Nun hat sie ihre Ruhe.
„Die ist nicht mehr ganz recht im Kopf“ oder „Die spinnt“ haben die Leute über sie geredet. Die Kinder haben sie deswegen gehänselt und über sie gelacht, weil sie dann ganz böse wurde.
Es ist ein kleiner Trauerzug. Auf einem Wagen wird der Sarg von ein paar Männern mit schwarzen Fräcken und Zylinder-Hüten gezogen. Mutter geht auch hinter dem Sarg her, sie hat ein paar Bauernnelken aus unserem Gärtle in der Hand. So ist das eben in einem schwäbischen Dorf, wie Ötlingen. Da nimmt man Anteil, sei es an einer Hochzeit oder an einer Leich.
Es ist so heiß. Mein Rücken schmerzt.
Wegen einer angeborenen Rückenverkrümmung muss ich immer ein Korsett tragen, das meine Wirbelsäule stützt. Bei diesem Wetter ist das besonders lästig. Wie man mir erzählte, hat unser Kaiser Wilhelm dasselbe Leiden, was mich allerdings nicht trösten kann. Ist ja gut gemeint von den Leuten, mich mit dem Kaiser zu vergleichen, aber der hat bestimmt viele Ärzte, wofür meine Eltern kein Geld haben.
Ich sei sehr hübsch und würde trotzdem einen guten Mann bekommen, höre ich immer wieder. Außerdem habe ich gerade die Nähschule abgeschlossen und einen Haushalt könnte ich ihm ebenfalls führen. Das heiratsfähige Alter habe ich schon beinahe erreicht, schließlich bin ich am 3. Mai sechzehn geworden.
Nähschule Ötlingen Elsa 2. von rechts
So ein Ritter wie er in meinem Liederbuch abgebildet ist könnte mir gefallen. Er heißt Lohengrin und kommt auf einem weißen Schwan übers Meer gefahren, um seine Elsa zu beschützen. Er stellt ihr jedoch die Bedingung:
„Nie sollst du mich befragen,
noch Wissens Sorge trage
woher ich kam der Fahrt,
noch wie mein Nam' und Art!“
Wenn mich so ein edler Ritter beschützen wollte, wäre mir egal woher er kommt, ich würde ihn nicht vertreiben.
Das Lied kann ich auswendig, weil die Königstochter darin auch Elsa heißt, wie ich. Während ich es vor mich hinsumme, reißt mich Erna, ein Mädchen aus der Nachbarschaft aus meinen Träumen.
„Grüß Gott Els, was stierst du denn für Löcher in die Luft?
Kommst du mit an den Bach zum Baden?“.
„Au ja, das ist ein guter Einfall bei der Hitze, ich komme gleich!“, rufe ich zu ihr hinunter, wo sie am Gartenzaun steht und nach oben blickt.
Zusammen schlendern wir über die ausgetrocknete und staubige Dorfstraße, vorbei am Rathaus und Schulhaus, an Bauernhöfen und dem Wirtshaus „Zur Krone“ über die Brücke zu den Wiesen, die auf der anderen Seite des Baches liegen. Dort gehen wir noch ein kurzes Stück flussaufwärts. Etwas weiter unten steht die Korsettfabrik von Herrn Süß, wo ich mein Korsett angepasst bekomme und noch etwas weiter abwärts die Handschuhfabrik. Dort darf man nicht baden, weil manchmal giftiges Abwasser von der Gerberei einfließt.
An der Stelle des Baches, die wir uns ausgesucht haben, bilden auf dem Grund versetzte Gesteinsplatten mehrere Stufen. Wir bleiben auf dem obersten Absatz, im „Damenbad“. Es heißt so, weil Männer sich nur eine Stufe tiefer, etwas abseits und getrennt von den Frauen aufhalten dürfen.
Lachend und vor Vergnügen quietschend setzen wir uns mit den blauen Leinen-Kitteln, die wir im Sommer immer tragen in das recht kühle und klare Wasser und lassen uns von dem kleinen Wasserfall umspülen, der sich an der Gesteinsplatte hinter uns bildet.
Wir sind ganz alleine, auch sind an diesem Nachmittag keine jungen Männer da. Die einen arbeiten auf dem Feld und manche sind schon dem Aufruf des Kaisers gefolgt und zur Armee gegangen.
Letzte Woche wurde zur Mobilmachung aufgerufen.
Es ist Krieg, aber er ist weit weg.
In Ötlingen geht alles seinen gewohnten Gang. Die Tage sind mit Arbeit angefüllt und ich habe keine Zeit, mir Gedanken zu machen, was in der Welt geschieht.
Früh am Morgen stehe ich an der Zentrifuge, die ich auch bedienen kann und mache Butter aus der Milch unserer fünf Kühe, die im Stall neben der Wagnerei stehen. Es sind gute Milchkühe, die viel Milch geben.
Die Linda ist von allen die Beste. Ich denke immer wieder gerne daran, wie sie im letzten Jahr prämiert wurde und später, im Oktober beim Erntedankfest, als sie reich mit bunten Bändern und Blumen geschmückt den Umzug anführen durfte. Da war ich mächtig stolz.
Zu den Hühnern muss ich täglich, um Futter auszustreuen und die Eier einzusammeln. Auf der anderen Straßenseite, etwas abseits der Kirche steht unser Hühnerstall auf einem kleinen umzäunten Grundstück, wo die Hühner ihren Auslauf haben. Dorthin trage ich eine Schüssel aus Emaille mit Getreide-Körnern.
Bald ist schon Mittag. Ich sollte jetzt in den Keller gehen und kühlen Most aus dem Fass in die Kanne füllen, der in den Korb zum Brot kommt. Es ist höchst Zeit, dass ich mich auf den Weg mache und den Korb aufs Feld bringe, damit sich die Eltern und ihre Helfer in der kurzen Pause etwas stärken können.
Ich bin ja schon froh, wenn ich das Vesper bringen darf und nicht zur Heuernte eingesetzt werde. Lieber mache ich feinere Arbeiten, wie nähen oder Blumen pflanzen, oder natürlich singen im Kirchenchor. Musik ist überhaupt das Schönste, was es auf der Welt gibt!
Kirchenchor Ötlingen 1914, vorn, 2. von links Elsa
Wenn ich daran denke, dass ich meinen Eltern, als ihr einziges Kind keine große Hilfe sein kann überkommen mich schon manchmal Gewissensbisse. Weil ich außer meinem krummen Rücken auch noch einen Herzfehler habe, werde ich schnell kurzatmig. Nur will das keiner wirklich zur Kenntnis nehmen. So gut es geht, muss ich bei der Feldarbeit halt auch oft mitarbeiten. Wenigstens hilft uns Lies, die Schnitterin jeden Sommer bei der Heuernte.
Am Abend zieht der Ochse vom Riedlinger Bauer den hoch beladenen Wagen zu unserem Heubarn hinterm Kuhstall. Ganz oben sitzen die Mutter und die Lies zwischen den Heugabeln, deren Stiele in die Luft ragen. Vater geht neben dem Ochsen und treibt ihn mit einem Ast an.
Mit den Gabeln laden sie anschließend das Heu ab und schichten es locker auf, damit es als Winter-Futter für die Kühe trocken bleibt.
Mutter begleitet mich heute zu den Hühnern. Eines von ihnen soll geschlachtet werden.
Für mich ist das immer ein besonderes Ereignis, denn jedes Mal, wenn Mutter ein Huhn schlachtet gehen wir anschließend zusammen in die nahegelegene Kleinstadt Kirchheim, um es zu verkaufen. Genauso wie Eier und Butter, und nur einen kleinen Teil behalten wir zu unserem eigenen Verbrauch.
Sie packt eine der Hennen, die sie sich vorher ausgesucht hat an den Füßen, schleudert sie kurz im Kreis, damit sie für einen Moment vergisst zu flattern und hackt ihr blitzschnell auf dem Holzklotz mit einem Beil den Kopf ab. Ein paar Schritte schafft sie noch, bis sie ihr Leben endgültig ausgehaucht hat.
Weil wir nur in die „besseren“ Häuser gehen, um unsere Sachen zu verkaufen, zieht Mutter ihr gutes Kleid an, das mit dem Spitzeneinsatz, der den Hals eng umschließt. Darin wirkt sie richtig nobel.
Die Stadt ist gut zu Fuß erreichbar und sie ist auch nicht groß, doch gibt es dort viele interessante Dinge zu sehen. Darauf freue ich mich besonders. Aber vorher liefern wir Huhn, Butter und Eier in der Küche der Villa vom Gieserei-Fabrikanten ab. Das Geld, das Mutter dafür bekommt, steckt sie sofort in einen ledernen Beutel und den tief in die Tasche ihres Kleides.
Bevor wir uns wieder auf den Heimweg machen, darf ich noch einen Blick in das Schaufenster des Kolonialwaren-Ladens werfen. Was es da alles gibt! Kakao und Gewürze aus den deutschen Kolonien und sogar Schokolade von „Sarotti“. So viele fremde Dinge, dass ich aus dem Staunen nicht mehr herauskomme.
„Für solch einen Firlefanz verschwenden wir kein Geld!“ nimmt mir Mutter sofort jegliche Hoffnung. „Uns reicht das, was auf unserem Boden wächst, außerdem ist jetzt wichtiger, dass deine Aussteuer fertig wird. Komm, wir gehen lieber zur Weißnäherin und kaufen Spitze zum Ausputzen der Bezüge für deine Kopfkissen“ Ist mir auch recht. Im Geschäft der Weißnäherin finden wir zwischen Stoffen, Bändern und Spitzen auch das Passende. Andererseits würde ich auch gerne ins Kaufhaus „Bernstein“ gehen zum Einkaufen, wo es Hüte und schon fertig genähte Kleider gibt. Es heißt ja, jeder darf hinein und sich einfach nur umsehen, ohne etwas zu kaufen, aber auch dafür meint Mutter, seien wir nicht fein genug. Also bleibt mir auch dort nur der Blick in die großen Fenster zu den Auslagen.
Zum Schluss machen wir noch einen Besuch bei Onkel und Tante Betz in der Karlstraße. In ihrem Laden verkaufen sie allerlei, wie Lederstücke oder Riemen, die wir zum Reparieren unserer Schuhe brauchen.
„Jetzt geht’s aber heim!“ treibt mich Mutter an.
„Ein Automobil!“ ganz aufgeregt zupfe ich an ihrem Ärmel und zeige mit meinem Finger auf dieses Ereignis.
Bei uns in Ötlingen gibt es nur Pferdefuhrwerke, aber ein Automobil – das ist der Fortschritt, das ist modern!
Immerhin haben wir einen kleinen Bahnhof, wo die Eisenbahn hält. Wie magisch zieht er mich an, da er nur wenige Schritte von unserem Haus entfernt liegt und ich ihn von dort auch sehen kann. Mit dem Häuschen, in dem die Hebel für die Signale untergebracht sind und der großen Kurbel, mit welcher der Schrankenwärter jedes Mal die Schranken herunterlässt, sobald ein Zug kommt. Fünf Mal am Tag höre ich es läuten.
In dem größeren Haus daneben, wohnt das Schrankenwärter-Ehepaar. Wie jeden Sommer schmücken sie alle Fenster reich mit Blumen.
Schon wieder stehe ich am Bahnhof und wandere mit den Augen entlang der Schienen. Er liegt ja nur an einer Nebenstrecke, die in Kirchheim endet.
Früher, in der Schule hat der Lehrer uns erzählt, der ganze Stolz der Stadtbevölkerung sei diese private Bahnlinie der ansässigen Industrie, der Baumwollweberei und des Wollmarktes, der größte Württembergs. Nicht nur Schafwolle und Baumwollstoffe auch Gussteile aus der Eisengießerei, die Instrumente der Harmonium-Fabrik und natürlich alles, was geerntet und nicht auf dem Markt verkauft wird, wie Weizen, Kartoffeln, Äpfel und Kirschen. All diese Produkte treten dort ihre Reise an.
Oft stehe ich hier und sehe sehnsuchtsvoll den Zügen nach.
Wohin sie wohl fahren? Dorthin wo die weite Welt liegt? Wo es große Häuser gibt, mit feinen Damen in schönen Kleidern, die sich Opern und Konzerte anhören, wann immer sie wollen? Wo auf breiten Chausseen Automobile fahren. Seit ich in einem Journal Bilder von unserer Hauptstadt Berlin gesehen habe, will mir der Gedanke, dies irgendwann zu erleben nicht mehr aus dem Kopf. Werde ich jemals über den Rand unseres Dorfes hinaussehen, wo es außer alten Bauernhäusern, dem Kirchenchor und einer kleinen Blaskapelle nichts gibt? Da müsste schon irgendwo ein Ritter meine Sehnsucht spüren und mich holen.
Von Weitem höre ich einen fürchterlichen Lärm. Ein Zug kommt. Gewaltige Dampfwolken stößt die Lokomotive aus ihrem Kamin und immer wieder ertönt ein lautes Pfeifsignal, damit man ihr Herannahen nicht überhört. Wobei dies eigentlich überflüssig ist, da die Stahlräder auf den Schienen so laut rumpeln und quietschen, dass man sich die Ohren zuhalten muss.
Da steht er nun vor mir, dieser Koloss aus Stahl und Eisen mit seinen schweren Rädern, die mit mächtigen Treibstangen verbunden sind. Weit oben im Führerhaus thront der Herrscher über dieses Ungetüm und sieht stolz zu mir herab. Sein Gesicht ist schwarz vom Staub der Kohlen, mit denen er den Kessel befeuert.
Dahinter sind Waggons angehängt. Ein offener und ein geschlossener Güterwagen und zwei Personenwagen.
Noch nie war ich in solch einem Wagen. Ich will jetzt wissen, wie es darin aussieht.
Die Stufen liegen sehr hoch, deshalb muss ich mich mit der rechten Hand an einem der seitlich angebrachten Griffe hochziehen. Mit der linken halte ich meine Kittelschürze, um nicht drauf zu treten. Von der Plattform vor dem Abteil sehe ich durch die Türe zwei Reihen von Holzbänken, die sich immer zwei und zwei gegenüber stehen. Vielleicht, um sich während der Fahrt unterhalten zu können.
Nur ein paar Frauen mit leeren Körben sitzen auf den vorderen Bänken und unterhalten sich lautstark. Es ist Mittag und heute war Markttag, vielleicht haben sie Kirschen verkauft.
Ich setze mich auf einen der hinteren Plätze. Sie bemerken mich nicht als der Zug plötzlich mit einem Ruck anfährt. Wir kommen viel schneller voran als ein Pferdefuhrwerk und durch das Fenster sieht man die Felder und manchmal ein paar Rauchschwaden vorbeiziehen. Die schwere Maschine rattert und zischt und pfeift. Ein bisschen unheimlich wird mir dabei schon.
„Was habe ich da nur gemacht?“, schießt es mir plötzlich durch den Kopf. „An der nächsten Station steige ich aus.“
Ich habe auch keine andere Wahl, denn jetzt will der Kontrolleur meine Fahrkarte sehen. Daran habe ich überhaupt nicht gedacht, ich habe doch gar kein Geld dabei! Er macht ein sehr strenges Gesicht und wirkt auf mich in seiner Uniform und seinem martialischen Schnurrbart sehr einschüchternd. „Komm hier ja nicht wieder herein, ohne dir vorher ein Billett zu kaufen!“, droht er mir und komplimentiert mich am nächsten Bahnhof in Wendlingen aus dem Zug.
Und nun? Wie komme ich wieder nach Hause? Zuhause werde ich wohl schon vermisst.
Jetzt steh ich da, gucke dumm aus der Wäsche und weiß nicht mehr weiter. Ich frage einfach mal den Bahnhofswärter, ob er mir aus meiner Not hilft.
„Frag' doch den Bauern da drüben, der will aus dem Wald eine Fuhre Holz holen!“
Tatsächlich nimmt er mich ein Stück mit. Den Rest muss ich zu Fuß gehen.
Viel hatte ich von der Welt nicht gesehen und von meinen Eltern muss ich mir schwere Ermahnungen anhören, aber es war ein großes Abenteuer und meine Neugierde auf alles Neue wurde dadurch in keinster Weise gebremst.
„Ich geh' ins Gärtle“, meldet sich Mutter ein paar Tage später bei mir ab und macht sich ausgestattet mit Korb und Hacke, bekleidet mit ihrer grauen Arbeits-Schürze auf den Weg. Um ins Gärtle zu gelangen, muss man auf der Straße über die Bahngleise. Kurz dahinter befindet sich unser kleines umzäuntes Grundstück, wo wir für unseren Bedarf Gemüse und Blumen anpflanzen.
Stunden später kommt sie aus der entgegengesetzten Richtung wieder zurück. „Wo warst du denn so lange?“, fragt Vater etwas verwundert.
Zuerst versucht sie seiner Frage auszuweichen, aber dann erzählt sie doch stockend: „Als ich nachmittags ins Gärtle wollte, waren die Bahnschranken heruntergelassen und der Zug stand am Bahnhof. Mir hat das zu lange gedauert, bis die Schranken wieder hochgehen, da habe ich mir gedacht, ich nehme die Abkürzung durch den Zug. Bis ich drin war ist er auch schon losgefahren und ich habe es nicht mehr geschafft, die Türe auf der anderen Seite zu öffnen. So musste ich bis zur nächsten Station mitfahren und von dort meinen Fußmarsch nach Haus antreten.“
Vater verfällt in schallendes Gelächter und ich verziehe mich sofort, denn über die Mutter zu lachen, das gehört sich nicht. Ich mache mir nur Gedanken, ob Eltern wirklich um so vieles gescheiter sind, oder war es nur eine Ausrede und sie war genau so neugierig aufs Zugfahren wie ich.
Fritz
Man hört ja in letzter Zeit von so vielen neuen Erfindungen. Auch mein Vater sei ein Erfinder, sagen die Nachbarn. Für die Bandsäge, die er in der Wagnerei braucht, hat er einen Transmitter konstruiert. An Waschtagen kann man damit sogar den Rührarm im Waschbottich anschließen.
Er hat viel zu tun, es ist auch die einzige Wagnerei in weitem Umkreis und solch ein technisches Hilfsmittel ist eine große Erleichterung.
Heute ist Waschtag.
Der hölzerne Waschbottich steht im Hof. Zusammen mit Mutter fülle ich ihn mit kochendem Wasser und gebe die Wäsche hinein. Vater hat vor kurzem zu seiner Unterstützung einen Gehilfen eingestellt. Er heißt Fritz und will bei ihm das Handwerk eines Wagners lernen.
Eigentlich sieht er für diesen harten Beruf nicht kräftig genug aus, aber: „Ich werde später einmal Automobile bauen, Fräulein Elsa!“, erzählt er mir immer wieder und weiß, dass ich jedes Mal lachen muss wenn er „Fräulein“ zu mir sagt. Er ist der Einzige, der mich bei meinem richtigen Namen nennt. Sonst sagen alle „Els“ zu mir.
Aufgeweckte blaue Augen hat er und ein verschmitztes Lächeln. Dazu diese wunderbar weichen, blonden Haare! Wie Lohengrin auf der Abbildung in meinem Liederbuch.
Insgeheim stelle ich mir manchmal vor, er wäre der Ritter, der mich ganz alleine in seine fremde Welt entführt. Solche Gedanken darf ich nicht haben, meine Eltern würden sie mir austreiben, wenn sie davon wüssten. Glücklicherweise kann man Gedanken nicht lesen. Aber jedes Mal, wenn mir Fritz begegnet, merke ich, wie mir die Röte ins Gesicht steigt und ich befürchte, dass mir jeder ansieht, dass er mein armes, schwaches Herz schneller schlagen lässt.
Ganz aufgeregt bin ich schon wieder, weil Fritz uns helfen soll, den Transmitter anzuschließen.
„Wenn Fritz fertig ist, tust du noch die Kernseife ins Kochwasser,
Els!“ verabschiedet sich Mutter.
„Wir machen das schon, wir zwei!“ meint Fritz und zwinkert mir mit dem linken Auge zu. Ich merke, wie mir wieder ganz heiß wird im Kopf und daran ist weder das kochende Wasser, noch die Sonne schuld, die vom Himmel brennt.
„So, jetzt schwenkt der Rührarm im Bottich deine Wäsche hin und her und du kannst ihm bei der Arbeit zusehen!“
Nicht dass er etwa denkt, ich sei faul oder unnütz, weise ich ihn darauf hin, welche Erleichterung dieses moderne Hilfsmittel darstellt und bedanke mich für seine Hilfe, wie man es mir beigebracht hat.
„Ich wüsst schon, wie du dich bei mir bedanken kannst.“ Dabei sieht er mich aus diesen wunderbaren blauen Augen an und strahlt übers ganze Gesicht.
„Wie denn?“ antworte ich ungläubig.
„Gehst du am Samstag mit mir in den Goldenen Adler zum Tanzen?“
Natürlich will ich das! Ich war noch nie tanzen!
„Ich muss erst meine Eltern um Erlaubnis bitten,“ gebe ich schüchtern zur Antwort. Er soll nicht merken, dass ich ganz außer mir bin vor Freude.
„Deine Eltern sind einverstanden, weil Erna und mein Freund Richard mit von der Partie sind, und was ist mit dir? Willst du mir etwa einen Korb geben?“
„Zu viert wird das sicher lustig, aber ich kann nicht tanzen.“
„Du hast doch Musik in den Adern und lernst das schnell. Ich bring dir die Schritte bei.“
Das rosenfarbene Kleid aus feinem Musseline, das ich mir genäht habe, das ziehe ich an. An den Stehkragen schließt eine kleine, duftige Pelerine an, die knapp über die Schultern fällt. Ach herrje, ich muss jetzt Umhang sagen! Wir sollen keine ausländischen Wörter mehr benutzen, seit wir mit Frankreich im Krieg sind, dabei klingt doch 'Pelerine' viel schöner, als 'Umhang'.
Bisher habe ich dieses Kleid nur getragen, wenn ich bei einer Hochzeit im Kirchenchor gesungen habe. Endlich kann ich mich damit auch einmal außerhalb des Dorfes zeigen. Die Mädchenzöpfe werden gelöst und Mutter steckt meine schweren dunkelbraunen Locken zu einem Kranz hoch. So sehe ich wirklich wie ein „Fräulein“ aus.
Fritz, Erna und Richard erwarten mich vor dem Haus. Die beiden Männer wirken wie feine Herren, in ihren Anzügen und steifen Hemdkragen.
Singend und lachend ziehen wir vier zu Fuß in die Stadt, vorbei an den frisch gemähten Wiesen und den Feldern auf denen die Spitzen der Ähren silbrig in der Abendsonne glänzen. Es weht ein angenehmer lauer Wind. Der Boden, der die Wärme des Tages gespeichert hat, gibt sie langsam wieder an die Atmosphäre zurück und ein dumpfer Geruch von trockenem Stroh steigt auf.
Das Leben ist so schön!
Der Goldene Adler ist eines der vielen Wirtshäuser, die es in der Stadt gibt, doch ist es das einzige mit einem riesigen Saal für große Veranstaltungen. Bisher durfte ich nur den vergoldeten Adler über dem Eingang bestaunen, drinnen war ich noch nie.
An den Seiten des großen Raumes ist der Boden etwas erhöht und mit einem Geländer begrenzt, wie ein Balkon. Darauf stehen Tische mit Stühlen drumherum. Gleichfalls gibt es Tische und Stühle am Rande der großen Fläche in deren Mitte getanzt wird.
Vorne, über die ganze Breite des Raumes erstreckt sich die Bühne, auf der eine Tanzkapelle schon angefangen hat zu spielen. Einige Paare tanzen bereits und es herrscht eine ausgelassene Stimmung.
Ein paar Männer tragen schon Uniform und scheinen richtig stolz darauf zu sein. Wie eine ansteckende Krankheit greift dieses Kriegsfieber allmählich um sich.
Sobald wir einen freien Tisch gefunden haben, winken die Männer eine Bedienung heran und bestellen Getränke. Für sich selbst natürlich Bier und für uns Mädchen Apfelschorle.
Wie schön alles geschmückt ist! So viele Sonnenblumen und Fahnen mit dem Wappen des deutschen Kaiserreichs überall!
Erna ist genau so überwältigt wie ich.
Meinen Eltern bin ich über alle Maßen dankbar, dass ich trotz ihrer Fürsorge für diesen Tanzabend die Erlaubnis erhalten habe.
Neidvoll sehe ich zu, wie sich die Paare nach der schwungvollen Musik bewegen. Meine Beine beginnen wie von selbst im Takt der Musik zu wippen.
Als die Kapelle die ersten Töne eines Wiener Walzers anstimmt, postiert sich Fritz plötzlich vor mir auf und mit einer galanten Verbeugung stellt er mir die Frage: „Fräulein Elsa, darf ich sie um diesen Tanz bitten?“
Vor Aufregung völlig verstummt, stehe ich von meinem Stuhl auf und lasse mich auf die Tanzfläche führen. Dort hält er mich im Arm und wiegt sich mit mir im Takt der Musik. Einen Schritt zurück und dann eine Drehung und noch eine Drehung und noch eine…
Ich fühle mich so unendlich leicht und verzaubert.
Nie mehr will ich aufhören zu tanzen. Das ist das vollkommene Glück!
Es ist spät, und die Musiker beginnen schon, ihre Instrumente einzupacken.
In meinem Kopf spielt immer noch eine wundervolle Melodie und mein Herz scheint zu tanzen. Ein völlig unbekanntes Gefühl durchdringt mich, als würde ich einerseits schweben und gleichzeitig wird mir ganz eng in der Brust. Wie in einer Wolke eingebettet, dringen die Geräusche gedämpft an mein Ohr.
„Jetzt ist Schluss, gehen wir!“ holt mich Erna aus meinem Taumel. Zusammen machen wir uns auf den Heimweg.
Erna und Richard gehen etwas schneller. Fritz scheint es nicht besonders eilig zu haben, weshalb wir immer weiter zurückbleiben. Er nimmt mich bei der Hand, damit ich mich nicht fürchte. Wovor sollte ich mich denn fürchten, solange er bei mir ist? Es ist eine laue Nacht und wir sind allein auf der Straße. Nur der Sternenhimmel ist über uns.
„Ich muss dir was sagen“, unterbricht er plötzlich die Stille. „Ich habe meinen Marschbefehl erhalten und muss an die Front.
Übermorgen fährt der Zug.“
Als hätte ein Blitz den Nachthimmel durchschnitten um mir bis tief ins Mark zu fahren, trifft mich dieser eine Satz. Mein Korsett will mir die Luft abschnüren. Schwindel erfasst mich und alles um mich herum versinkt in tiefe Dunkelheit.
Seine Arme fangen mich auf und er trägt mich vorsichtig seitlich auf eine Wiese und legt mich dort ins frische Heu.
„Verlass mich nicht!“
„Ich komme zurück, versprochen!“ flüstert er mir ins Ohr, aber dann voller Begeisterung: „Es ist meine Pflicht, unser Vaterland verteidigen. Alles wird anders sein, danach. Dies ist der Aufbruch in eine neue Zeit. Sobald wir die Franzosen siegreich in die Flucht geschlagen haben, ist der Krieg vorbei und bis Weihnachten bin ich wieder bei dir.“
„Ich will aber nicht auf dich warten! Halte mich fest und lass mich nicht mehr los!“
Sitte und Anstand sind mir in diesem Moment völlig gleichgültig.
Auch will ich nicht an meine Eltern denken, ich will einfach nur ihm gehören. Er soll mich nicht verlassen, wo unsere Liebe doch gerade erst begonnen hat.
Den Krieg fühle ich jetzt ganz nah.
Allmählich geht die Sonne auf.
„Da vorne am Waldrand geht mein Onkel, der Feldschütz. Hoffentlich hat er uns bei seinem nächtlichen Rundgang über die Felder nicht entdeckt, sonst müsste er mich sofort wegen unsittlichen Verhaltens in der Öffentlichkeit beim Schultheiß anzeigen.“
Womöglich hätte ich das voller Stolz hingenommen. Wir sind jetzt ein Paar, wo doch Fritz versprochen hat, zurückzukehren.
„Schnell, bringen wir unsere Kleider wieder in Ordnung! Ich muss nach Hause. Hoffentlich haben meine Eltern nicht bemerkt, dass ich nicht in meinem Bett liege.“
In der Morgendämmerung begleitet er mich bis vors Haus.
„Ich bin am Montag am Bahnhof!“ flüstere ich ihm noch ins Ohr und nach einer kurzen Umarmung öffne ich ganz leise die Haustüre und schleiche mich in meine Kammer. Dabei gebe ich Obacht, dass keine Holzdiele anfängt zu knarren, die mich verrät.
Am Montag Morgen um sechs Uhr begleite ich Fritz, wie versprochen an unseren kleinen Bahnhof. Der schmale Bahnsteig kann die vielen Menschen kaum fassen. Alles wimmelt von grauen Uniformen und Frauen, die den Soldaten begeistert zujubeln und deren Gewehre mit Blumen schmücken.
Auch ich habe wie alle anderen Frauen Margeriten und Kornblumen gepflückt. Ich möchte damit nicht sein Gewehr schmücken, Fritz soll nur für kurze Zeit noch ein kleines Andenken an mich mitnehmen.
