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Warten und Hoffen – das ist die bewegende und autobiografische Geschichte eines kleinen Waisenjungen aus der Nachkriegszeit, dem es gelungen ist, sich nach und nach ein eigenes, selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Rückblick: 1933 haben die Nazis auch in Hamburg die Macht übernommen und die Repressalien gegen Andersdenkende werden immer deutlicher spürbar. 1939 beginnt schließlich der Zweite Weltkrieg in dessen Folge Hamburg von einem Bomben-Inferno ungeahnten Ausmaßes heimgesucht wird. Huberts Mutter Anna flieht mit ihren beiden Töchtern aus dem brennenden Hamburg und findet schließlich im Ohemoor bei Garstedt einen Unterschlupf in einer Waldhütte. Im April 1945 erhält sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes. Kurze Zeit später, am 7. Mai 1945, kommt Hubert-Paul dort zur Welt. Hier lebt die Familie bis zum Winter 1948, danach werden sie von der britischen Militärverwaltung bei einem Bauernhof in Garstedt zwangseinquartiert. Um das Überleben der Familie zu sichern, betätigte sich Huberts Mutter aktiv auf dem Hamburger Schwarzmarkt und dem Schmuggel im Freihafen, während sich die Tante Lena um die Kinder kümmert. Wegen einer schweren Erkrankung seiner Mutter kam Hubert-Paul im Sommer 1958 für dreieinhalb Jahre in ein Waisenheim in Pinneberg. Er hat das alles überstanden, erlernte einen Beruf, studierte später Maschinenbau in Hamburg und arbeitete über 35 Jahre als Konstrukteur und Projektleiter für die deutsche Maschinenbau-Industrie. Heute lebt er in einem kleinen Dorf südöstlich von Hamburg. Er hat zwei Töchter. Warten und Hoffen ist sein erster Roman.
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Seitenzahl: 390
Veröffentlichungsjahr: 2023
Über den Autor
Am Tag der Kapitulation Deutschlands kommt Hubert-Paul Martin in einer Waldhütte im Ohemoor bei Garstedt zur Welt. Sein Vater ist einen Monat vorher im Krieg umgekommen, Seine Mutter war im Sommer 1943, mit seinen beiden Schwestern, vor dem Bombenkrieg aus dem brennenden Hamburg hierher geflohen. Im Winter 1948 wird die Familie von der britischen Militärverwaltung auf einen Bauernhof in Garstedt zwangseinquartiert. Es folgen die schweren Jahre der Nachkriegszeit. Um das Überleben der Familie zu sichern, betätigt sich Huberts Mutter Anna auf dem Hamburger Schwarzmarkt, während sich die Tante Lena um die Kinder kümmert. Wegen einer schweren Erkrankung seiner Mutter kommt Hubert-Paul im Sommer 1958 in ein Pinneberger Waisenhaus. Hier erlebt er die drei prägendsten Jahre seines Lebens. Er hat das alles überstanden, erlernte einen Beruf, studierte später Maschinenbau und arbeitete über fünfunddreißig Jahre als Projektleiter für die deutsche Industrie. Heute lebt er in einem kleinen Dorf südöstlich von Hamburg.
Hubert-Paul Martin
Warten und Hoffen
Eine Nachkriegskindheit in Hamburg
Autobiografischer Roman
© 2023 Hubert-Paul Martin
Coverdesign von: © 2023 Angelika Lübon
(www.simbadesign.de)
Lektorat: Angelika Lübon (www.simbalesien.de)
ISBN Softcover: 978-3-347-83962-5
ISBN Hardcover: 978-3-347-83963-2
ISBN E-Book: 978-3-347-83964-9
ISBN Großschrift: 978-3-347-83965-6
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Vorwort von Uwe Karsten Heye
„Krieg wird nicht nur auf Schlachtfeldern erlitten, er greift tief in den Alltag der Menschen ein und lässt sie nicht los, selbst wenn der Frieden längst zurückgekehrt scheint. Krieg betrügt die Menschen um ein selbstbestimmtes Leben. Diese Sicht ist in Geschichtsbüchern selten nachzulesen.
Deshalb versteht sich dieses Buch als ein Stück erzählter Geschichte, das nicht von Kriegshelden und Schlachten erzählt, sondern von der Armseligkeit des Lebens im und nach dem Krieg“
Uwe Karsten Heye
Mit freundlicher Genehmigung aus seinem Buch
„Vom Glück nur ein Schatten“
Cover
Über den Autor
Titelblatt
Urheberrechte
Vorwort von Uwe Karsten Heye
1949, Hunger, Mundraub und Kohlenklau.
Die Todesnachricht im April 1945.
Beginn Zweiter Weltkrieg 1939.
Das „Unternehmen Gomorrha“ Juli 1943.
7. Mai 1945, Gesamtkapitulation Deutschlands.
Der Bauernhof in Garstedt, Frühjahr 1948.
Der Besuch bei den Großeltern 1948.
Die Familie Fricke, Sommer 1948.
Leben ohne Tante Lena, Winter 1949.
Nachkriegsalltag in Garstedt.
Garstedt 1955, die neue Wohnung.
Die Zwangseinweisung ins Waisenhaus.
Pinneberg, Kreisjugendheimstätte.
Pinneberg, der Erzieher „Baddelbek“.
Das Ehepaar Reuter aus Pinneberg.
Die Buttermilchsuppe.
Die Familie Bergenroth.
Die Kinderseelenmörder, der Übergriff.
Die Nachricht von Annas Tod.
Herzensliebe, das Mädchen Toni.
Die Erpressung.
Madame Nicols, Ballettmeisterin.
Schicksalsfügung.
Die Kinderseelenmörder, Michas Schrei.
Ihr seid der Abschaum der Menschheit.
Nachwort des Verfassers.
Danksagung
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Titelblatt
Urheberrechte
Vorwort von Uwe Karsten Heye
Bildnachweis
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1949, Hunger, Mundraub und Kohlenklau.
Da saß der vierjährige Hubert nun seit zwei Stunden heulend auf dem Plumpsklo des Bauernhofes am Schwarzen Weg 1 in Garstedt und wartete darauf, dass seine Tante Lena, genannt „Leni“; ihn endlich abholen würde. Sie hatte es doch versprochen, er sollte hier warten aber nun kam sie einfach nicht. Dabei wollten sie heute doch nach Hamburg fahren und Turnschuhe für ihn kaufen, endlich Turnschuhe! Und überhaupt, Tante Leni konnte ganz schön gemein sein. Fast jeden Nachmittag, wenn seine Mutter Anna endlich aus Hamburg zurückkommen sollte, saß sie am Fenster zum Hof, Kaffeetasse in der Hand, Zigarette im Mundwinkel und dann rief sie immer ganz laut: „Mutti kommt“, und schon rannten er und seine beiden Schwestern, Renate und Valeska, zum Fenster - bis dann dieses gemeine, fiese „n i c h t!“ kam. Das ging so mehrmals, bis Mutti endlich kam. Dann lauerten sie schon an der Zimmertür, um ihre Schritte auf der Holztreppe zu hören. Und wie immer brachte Mutti etwas zum Essen mit, manchmal auch noch Schokolade für die Kinder und natürlich Kaffee und Overstolz-Zigaretten für sich und ihre Schwester Lena. Überhaupt war das Essen für die Kinder so ziemlich das Wichtigste in dieser Zeit. Geld, Essen und Kohlen waren „knapp wie Hühnerzähne“, wie Tante Leni es immer sagte.
Im Sommer und bis zum Herbst konnte man ja noch vieles draußen „organisieren“. Da gab es eigentlich alles, Obst aus den Gärten, Äpfel und Birnen von den Bäumen, zur Not auch Getreide aus dem Silo des Bauern, wenn es einem gelang unbemerkt hinein und mit vollen Taschen wieder hinaus zu kommen. Dann im Herbst das Wichtigste, die Kartoffeln und Steckrüben von den Feldern. Erst richtig schlimm wurde es im Winter, Kohlen waren knapp und teuer aber das Holz aus den Wäldern meistens zu nass! Seine beiden älteren Schwestern wurden mit zwei großen Stofftaschen zur Tischlerei geschickt um Holzreste und Späne zu holen. Die gab es dort umsonst. Hubert freute sich sehr, weil er dort auch diese wunderschönen, kleinen, viereckigen Holzklötze mitnehmen konnte, aus denen er die tollsten Sachen zusammenbaute. Spätestens nach drei oder vier Tagen verschwanden diese Klötze merkwürdiger Weise, nach und nach, ohne dass er jemals herausbekam, wo sie wohl geblieben waren? Dass seine Mutter Anna sie im Küchenherd verheizte merkte er erst Jahre später.
Das schwierigste Unternehmen war aber die Beschaffung von Kohlen und Briketts. Hierzu mussten die drei Kinder sonntags, und nur abends im Dunkeln, zum Kohlenhändler gehen. Dort lagen, auf dem Hof verstreut, Berge von Kohlen, auch große Stapel von Briketts. Wie Hühnerdiebe schlichen sie im Schutze der Dunkelheit zum Kohlenhof gegenüber der Mittelschule, ein dunkler, düsterer Backsteinbau, der irgendwie immer unheimlich aussah. Hier kam der große Augenblick für den kleinen Hubert: Der Kohlenhof war mit riesigen Holztoren verschlossen, die aber unten einen offenen Spalt hatten, da der Boden sehr uneben war. Der kleine Vierjährige passte gerade unter dem Spalt hindurch und musste, von innen her, die Briketts durchschieben, bis die beiden Taschen voll waren. Meistens war matschiges Wetter oder Regen, Hubert sah natürlich völlig verdreckt aus. Und anschließend nichts wie schnell weg. Das war für die beiden acht- und zwölfjährigen Schwestern eine ziemliche Plackerei, die schweren Taschen mit dem wertvollen Inhalt, möglichst ungesehen, bis nach Hause zu schleppen. Seltsamerweise wurden die drei Kohlenklauer nie erwischt. Vielleicht eine milde Fügung des Schicksals nach diesen grauenhaften Kriegsjahren. Kaum eine Stunde später brannte ein helles Feuer im Ofen, das Zimmer war wieder warm, Tante Leni hatte das Essen fertig, alle saßen am großen Küchentisch und es gab endlich etwas zu essen.
Überhaupt das Zimmer: Ein Raum im ersten Stock eines Bauernhauses, etwa vier mal fünf Meter groß mit zwei Fenstern über Eck, eines zum Hof, das andere zum Garten. Aufgeteilt mit Stoffvorhängen in Küchenbereich und Schlafbereich. Zum Schlafen ein paar Matratzen auf dem Boden. Ein großer eiserner Herd zum Kochen und Heizen, ein paar „Jaffa-Möbel“, das waren große Apfelsinenkisten mit Stoffvorhängen, die als Küchenschränke benutzt wurden. Dazu ein kleiner, alter Kleiderschrank. Das war es schon. Ein “Plumpsklo“ gab es draußen auf dem Hof, ebenso eine Wasserpumpe, die im Winter oftmals eingefroren war. Das war seit 1948 das provisorische Notquartier der beiden Frauen mit den drei Kindern.
Für Hubert und seine beiden Schwestern war der Bauernhof ein riesengroßer Abenteuer-Spielplatz! (Bild 1: privat)
Eine Zuweisung für Flüchtlinge und sogenannte „Ausgebombte“ durch die Wohnungs-Zwangsbewirtschaftung nach Kriegsende. Da der Vater einen Monat vor Huberts Geburt gefallen war, mussten die beiden Frauen nun sehen, wie sie allein durchkamen. Ein harter Schnitt. Um wieviel leichter hatten es doch die Frauen und Familien deren Männer aus dem Krieg zurückgekehrt waren!
Für Hubert und seine beiden Schwestern war der Bauernhof ein riesengroßer Abenteuer-Spielplatz.
Die Bauersleute hatten zwei Söhne, Werner und Franz-Gerd, etwa im gleichen Alter wie Hubert und seine jüngere Schwester Renate. Meistens spielten sie einträchtig miteinander aber es gab auch Streit und Raufereien wegen irgendeiner Kleinigkeit. Fast immer stritten sie wegen der Mädchen.
Auf dem Hof gab es alles was ein Kinderherz erfreut: die vielen Tiere, Hunde, Katzen, Gänse, Enten und jede Menge Hühner. Aber wie schrecklich, wenn diese geschlachtet wurden. Die Bauersfrau nahm dazu ein Huhn, legte es auf einen großen Holzklotz und hieb dem Huhn mit dem Beil einfach den Kopf ab. Für Hubert und seine beiden Schwestern eine grauenhafte Mörderei. Die toten Hühner wurden zum Ausbluten in einen Raum im Kuhstall gelegt. Am gruseligsten war es aber, wenn die toten Hühner manchmal noch ein paar Meter durch den Raum flatterten, ohne Kopf. Die großen Tiere wie Schweine, Kühe und natürlich die Pferde, sie lebten alle friedlich zusammen auf diesem Hof. Nur die Schweine und die Gänse waren arm dran, denn auch sie wurden zu Weihnachten geschlachtet.
Am schönsten waren die Pferde. Die mussten bei der Ernte immer die großen Heu- und Getreidewagen ziehen. Alle Kinder und Erwachsenen halfen dabei mit. Dafür gab es vormittags und am Abend diese wunderbaren Butterbrote, mit dicken Mettwurstscheiben und Käse belegt. Für Hubert und seine beiden Schwestern ein wahres Festessen. Die Bauersfrau kam mit einem kleinen Traktor, zwei großen Körben voller Butterbrote, zwei großen Kannen Muckefuck für die Erwachsenen und einer mit frischer Milch oder warmem Kakao für die Kinder zum Feld gefahren und verteilte diese Kostbarkeiten an die Helfer.
Die daumendicken Brote, immer am schnellsten vergriffen, waren so dick, dass die kleineren Kinder ihren Mund kaum soweit auf und die dicken Scheiben hineinbekamen! Richtig aufregend wurde es bei der Rückfahrt, der Leiterwagen voller Heu oder Getreide. Nikolai saß auf dem Kutschbock, Zügel und Peitsche in der Hand auf sein Kommando „Hüh“ trabten die beiden Pferde los. Alle Helfer saßen oben auf den Heuballen, die kleineren Kinder durften abwechselnd auf den Rücken der Zugpferde sitzen. Für Hubert war es das ganz große Abenteuer. Allein oben auf dem riesigen Pferderücken zu sitzen, den warmen Leib des Tieres zu spüren, den Bauch wohlig gesättigt, sich langsam nach Hause schaukeln zu lassen. Was für ein herrliches Gefühl.
Ach ja, wer war eigentlich Nikolai? Nikolai war ein polnischer Zwangsarbeiter der während des Krieges von der NS-Kommandantur auf diesem Bauernhof als Hilfskraft eingeteilt war. Da er von den Bauersleuten immer sehr gut behandelt wurde, zwar wie ein Knecht, aber nicht wie ein Leibeigener, so blieb er nach Kriegsende freiwillig als Hilfskraft dort in Lohn und Brot. Nikolai war ein Genie im Reparieren und Instandsetzen von allen Traktoren, Maschinen und Gerätschaften. Er konnte so ziemlich alle anfallenden Arbeiten verrichten. In seiner Werkstatt gab es ein Sammelsurium von Nägeln, Bolzen, Schrauben und kleineren mechanischen Maschinenteilen, die für Hubert von äußerstem Interesse waren. Als er größer war, so mit sieben oder acht Jahren, saß er oft dort und schaute Nikolai bei seinen Reparaturarbeiten zu. Morgens hatte die Bauersfrau eine Nähmaschine zur Reparatur gebracht und Nikolai versuchte nun schon seit geraumer Zeit den sogenannten „Unteren Schlitten“ wieder gangbar zu machen. Dazu musste er erstmal die Bleche abschrauben, das ganze verknotete Nähgarn herauspulen, um dann diese kleine, komplizierte Mechanik wieder flott zu kriegen. Hierzu half meistens etwas dünnes Öl aus einer Ölkanne aus Metall, mit einem Pumpenhebel an der Seite. Wenn man den Hebel ganz schnell herunter drückte schoss ein langer Strahl Öl heraus, mit dem Hubert manchmal versuchte, die vielen Fliegen an den Wänden zu treffen. Natürlich nur wenn Nikolai mal nicht da war! In dieser Werkstatt lernte er schon sehr früh die technischen Funktionsweisen von mechanischen Geräten und Maschinen kennen und verstehen, ohne zu ahnen, dass dies, viele Jahre später, einmal sein Beruf werden würde. Nikolai erklärte ihm dabei immer genau was die einzelnen kleinen Teile machten und was für eine Bedeutung sie hatten.
In der Remise, bei den Pflügen, Heuwendern und Leiterwagen stand auch eine alte, schwarze Kutsche, für die Kinder eine märchenhafte Requisite, in der sie alle erdenklichen Träume auslebten. Zum Beispiel „Die Kinder-Hochzeit!“ Seine Schwester Renate war die „Braut“ natürlich mit einem Stück Tüllgardine als Schleier, Gänseblümchen ins Haar geflochten und einem Strauß Feldblumen in der Hand. Franz-Gerd, der jüngere der beiden Söhne des Bauern, musste immer den „Bräutigam“ spielen und dazu eine schwarze Hose und ein weißes oder zumindest helles Hemd tragen. Hubert war der Kutscher, mit Peitsche, Lederhose und der Schirmmütze von Nikolai. Manchmal kam dann der Bruder Werner und wollte den Bräutigam spielen, was Renate aber niemals zuließ. Dann gab es wieder mal Streit. Trotzdem war dies eines der wenigen schönen Erlebnisse in diesen frühen, oft bedrückenden Kindheitstagen.
Das große Korndreschen gegen Ende der Sommerferien war ein tolles Ereignis. Schon früh am Morgen wurde eine riesige, hölzerne Dreschmaschine auf den Hof gefahren und Nikolai holte den Lanz-Bulldog, das war ein alter Traktor mit einem Ein-Zylinder Glühkopfmotor, aus der Remise. Einige erwachsene Männer aus dem Dorf waren als Helfer mitgekommen. Jetzt wurde der „Lanz“ zur Dreschmaschine ausgerichtet und mit einem langen, breiten Treibriemen die Riemenscheibe des Traktors mit der Antriebscheibe der Dreschmaschine verbunden. Nikolai musste den Traktor mit dem Handrad wieder anwerfen, sehr oft lief der Treibriemen wieder ab. Er musste ihn erneut auflegen und den Traktor neu ausrichten. Das ging eine ganze Weile so, bis die beiden Maschinen richtig zueinanderstanden und der Treibriemen nicht mehr ablief. Für Hubert ein hochinteressantes Geschehen. Dann begann das Dreschen, d.h. die Helfer warfen die Korngarben von den Leiterwagen in den Schacht der Dreschmaschine. Alles klapperte, wackelte und machte einen Höllenlärm. Das gedroschene Korn fiel über mehrere Rüttelrinnen in einen großen Auffangkasten aus Holz. Der wurde ständig von den Helfern geleert und das Korn in Jutesäcke gefüllt. Hinten aus der Dreschmaschine wurde das leere Stroh ausgeworfen, an der Seite die Spreu in eine Tonne. Die Garben, die nicht richtig ausgedroschen waren, mussten von Hand mit Dreschflegeln auf einer ausgelegten Persenning ausgeklopft werden. Diese Arbeit wurde meistens von den Frauen verrichtet. Die meisten Kornsäcke wurden zu Meyers Mühle transportiert, aber einige blieben für den Eigenbedarf auf dem Hof und wurden später in das Silo gefüllt. Aus diesem Getreidesilo holten sich die Kinder in Notzeiten, und die gab es häufig, das knappe Korn, aus dem ihre Mutter oder Tante Leni das begehrte Brot backen konnten, nachdem es mit einer Kaffeemühle zu Mehl gemahlen wurde.
Ostern 1952 begann für Hubert der Ernst des Lebens, die Einschulung. In den ersten Schuljahren nach Kriegsende gingen die Garstedter Kinder alle in die „Notschule“ am Spritzenteich. Dies war ein langgestrecktes, altes Gebäude an der Niendorfer Straße, welches zur Schule umgebaut worden war. Für die unteren Klassen waren immer drei Jahrgänge in einem Raum untergebracht. Hier ging Hubert bis Ostern 1954 zur Schule und kam danach in die Volksschule am Lütjenmoor, eine schöne, ganz neu gebaute Schule mit einer großen Turnhalle und großem Schulhof. Das bedeutete aber auch einen dreimal so weiten Schulweg, jeden Tag und immer zu Fuß! Gegenüber dem Bauernhof lag der Bauhof der Firma Plambeck, ein riesiges Areal mit Lagerhäusern voller Baumaterial, Freiflächen mit Sand, Schottersteinen und Holzplanken für den Straßen- und Hausbau sowie mit etlichen Baufahrzeugen, Kränen und Lastwagen. Ein weiterer Großspielplatz für alle Kinder aus der Nachbarschaft.
In den Jahren nach dem Kriegsende und der Kapitulation waren dort noch die englischen Soldaten stationiert, die „Tommys“ wie Tante Leni und seine Mutter Anna sie nannten. Oftmals schenkten sie den Kindern, besonders den größeren Mädchen, Kaugummi oder sogar Schokolade. Für Huberts Mutter Anna waren aber die langen Zigarettenstummel, die die „Tommys“ oft nach ein, zwei Zügen wegwarfen, viel wichtiger. Er und seine Schwestern mussten sie immer aufsammeln und zu ihr bringen. Wieselflink sausten sie die Treppe herunter um ja als Erste an die begehrten Zigarettenstummel zu kommen, denn andere Kinder und sogar Erwachsene hatten oft dasselbe Ziel. Hier war also Eile geboten! Anna drehte aus diesen Tabakresten neue Zigaretten, die sie in Hamburg auf dem Schwarzmarkt gegen Butter, Kaffee, Fleisch oder Brot eintauschte. Denn neben diesem Bauernhofparadies gab es auf der anderen Seite die knallharte Nachkriegsrealität. Der Schwarzmarkt in Hamburg war das Ziel der vielen Fahrten, die Anna fast täglich unternahm. Sie hatte hier zwei der wichtigsten Stützpunkte für ihre Schwarzmarktgeschäfte. Zum einen eine weitere Schwester Julia, genannt Tante Julchen, in der Brüderstraße 6 in der Innenstadt und eine, erst auf dem Schwarzmarkt kennengelernte Freundin Anna, genannt Annie; die drei Kinder nannten sie „Tante Annie“. Tante Annie wohnte bei den Landungsbrücken in der Reimarus Straße 9 im zweiten Stock, war mit Ali, einem Türken, verheiratet und hatte zwei ganz süße Töchter, Sylvia, etwas jünger als Hubert, und die kleine Sonja, die noch nicht laufen konnte.
Mit dieser Freundin und der Schwester Julchen organisierte Anna ein paar Jahre lang den Lebensunterhalt für sich, ihre Schwester Lena und ihre drei Kinder. Ein bitterer, harter und kräftezehrender Job für eine so kleine zierliche Frau Mitte dreißig. Ohne diesen Schwarzmarkt, der noch einige Zeit nach der Währungsreform 1948 anhielt und dem später folgenden Schmuggel aus dem Hamburger Freihafen, wäre das Überleben für viele der Kriegsflüchtlinge und Ausgebombten aus Hamburg kaum vorstellbar gewesen. Hauptzentren dieses Schwarzmarktes waren die Talstraße in Hamburg-St. Pauli und die Brüderstraße und die Wexstraße in der Innenstadt. Und natürlich der Freihafen hinter den Landungsbrücken: Ein Tummelplatz für alle Schmuggler, Schieber und die ganze elende Schar der alleingebliebenen Kriegerwitwen, auf deren Schultern jetzt die ganze Last für das nackte Überleben ihrer Angehörigen lag. Die Waren, vornehmlich Kaffee, Tee, Zigaretten und Tabak, aus dem Freihafen in die Stadt geschmuggelt, wurden in den bekannten Treffpunkten getauscht oder verkauft. Hier sicherte sich ein Großteil der Hamburger Bevölkerung nach dem Zusammenbruch ihren kargen Lebensunterhalt.
Es wurde alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest war, und verschoben was nur irgendeinen Wert zu haben schien. Dazu sammelten Hubert, seine Schwestern und viele Nachbarskinder, alles, was noch zu gebrauchen war. Im Herbst Eicheln, als Schweinefutter an die Bauern verkauft für ca. eine Mark per Zentner. Im Sommer alte krumme Nägel, Schrott und Schrauben, das Kilo brachte 30 Pfennig, es wurde an die fahrenden Schrotthändler verkauft, die mit Fahrrad und Karren durch die Straßen zogen und dabei riefen: „Eisen, Lumpen, Späne und Papier, ausgeschlagene Zähne sammeln wir!“ Ganz wertvoll waren z.B. Stromkabel mit Kupferleitungen, unter Lebensgefahr aus Hamburgs Ruinen und Bombentrümmern herausgeholt, die brachten richtig Geld. Manchmal gruben die Kinder auch alte und verrostete Karabiner oder sogar Maschinengewehre und Uniformen aus, die NS-Leute bei Kriegsende schnell vergraben hatten. Das musste allerdings bei der örtlichen Polizeistation gemeldet werden, was häufig nicht so genau genommen wurde. Die Gewehre wurden gemeldet ja, aber aus den Uniformen nähte Tante Leni dann doch lieber Hosen oder Jacken für den Winter, oder Anna tauschte sie bei den Tommys gegen Zigaretten oder noch besser, gegen britische Pfundnoten ein. Neben dem US-Dollar eine der wertvollsten Währungen in der damaligen Zeit. Dafür konnte man alles bekommen. NS-Uniformen und Utensilien waren bei den Besatzern hoch begehrt.
Einmal zu Weihnachten bekam Anna ein großes Care-Paket aus Amerika! Was war das für eine Freude und Aufregung, als der Postbote das Paket brachte. Aber auf dem Karton stand in großen Buchstaben das Wort GIFT. Plötzlich bekamen alle Angst es zu öffnen. Valeska konnte als Einzige schon etwas Englisch aus der Schule und sagte dann, dass Gift das englische Wort für Geschenk sei. Jetzt wurde das Paket aufgemacht und Anna und Lena packten es aus und fingen vor Freude an zu weinen: zwei Pakete Kaffee, Milchpulver, Eipulver, mehrere Tafeln Schokolade, Kaugummi, Dosen mit Cornedbeef, eine Kostbarkeit, mehrere Dosen mit verschiedenen Wurstwaren. Was für ein Freudentag für die ganze Familie. Da Anna Mitglied im „Reichsbund“ war, hatte dieser Verein sie schon lange auf die Liste der „Besonders Bedürftigen Kriegsgeschädigten“ gesetzt und nun kam endlich solch ein Carepaket zu ihnen.
Ebenso hatte der Reichsbund für Hubert eine Ferienreise in das Kinder-Erholungsheim „Haus Heimattreue“ in St. Peter Ording erwirkt. Die Reise sollte am Pinneberger Bahnhof beginnen und so fuhr Hubert im Sommer 1954 mit einem kleinen Zampel, zusammen mit seiner Schwester Renate, im Bus von Garstedt nach Pinneberg. Eine Fahrt von über eineinhalb Stunden. Hier wurden sie von zwei Frauen vom Reichsbund schon erwartet. Renate setzte ihren Bruder zu den beiden in den wartenden Reisebus. Auf dem Bahnhofsvorplatz standen die vielen Mütter der anderen Kinder und winkten mit weißen Tüchern und Bettlaken den Kindern in dem abfahrenden Bus noch lange hinterher.
Für Hubert begann eine spannende und aufregende Zeit in dem wunderschönen St. Peter Ording. Unvergessen blieben ihm die schönen, weiten Strände und Dünenlandschaften, leider auch die tägliche Verabreichung von Lebertran und Höhensonne. Die Höhensonne konnte man ja noch ertragen aber der Lebertran war so eklig, dass er jedes Mal würgen musste. Hier lernte er nun auch seine erste Freundin kennen. Eine Christel S. aus Rellingen, die ebenfalls durch den Reichsbund in dieses Heim gekommen war. Die beiden freundeten sich in den sechs Wochen in Ording richtig an, tauschten sogar ihre Adressen aus und versprachen sich später zu schreiben, was allerdings nie geschah.
Diese schönen Ferien gingen aber viel zu schnell zu Ende und die Kinder wurden mit ganz „Großen Bahnhof“ von dem Heimpersonal verabschiedet. Derselbe Reisebus stand auf dem Parkplatz gegenüber dem Haus Heimattreue bereit und alle Kinder stiegen ein. Wieder großes Bettlakenwinken und der Bus setzte sich langsam in Bewegung, noch ein kurzer Blick zurück und ab ging es Richtung Heimat. Sechs wunderschöne, sorgenfreie Wochen waren zu Ende, aber Hubert freute sich schon sehr auf zu Hause, auf seine Mutter und seine beiden Schwestern.
Renate sollte ihn vom Bahnhof Pinneberg abholen und mit dem Linienbus wieder nach Garstedt bringen. Natürlich stand sie schon wartend mit den Müttern der anderen Kinder am Bahnhof und beide freuten sich unendlich als sie sich wiedersahen. Der Bus nach Garstedt fuhr aber erst in eineinhalb Stunden und so butscherten sie noch ein wenig durch die Stadt Pinneberg. Da sich langsam Hunger und Durst meldeten, kaufte Reni eine Tafel Schokolade und zwei Coca-Cola, leider von dem Fahrgeld für die Busrückfahrt. Und so mussten die beiden gezwungenermaßen den langen Weg nach Garstedt zu Fuß zurücklegen. Aber welche Richtung nehmen? Welche Straße war die richtige? Hubert befiel nun langsam die Angst, sie würden nie mehr nach Hause finden. Seine Schwester hatte aber einen unglaublichen Orientierungssinn, sie fand schon nach kurzer Zeit die Richtung heraus und sie marschierten los. Renate hatte auf dem Busfahrplan die Haltestellen und Ortsnamen abgelesen, also erstmal in Richtung Rellingen und dann weitersehen. Die Linienbusstrecke führte über Quickborn, was ein großer Umweg war, und so gingen sie über Rellingen, an Ellerbek vorbei, über die Felder Richtung Hasloh. Ab dann liefen sie, immer querfeldein, über Kuhweiden und duftende Blumenwiesen, fanden kleine Bäche, die so klares Wasser führten, dass sie daraus tranken, um den quälenden Durst zu löschen. Sie sprangen über Zäune liefen über Stock und Stein, bis sie abends endlich, völlig erschöpft, die ersten Bauerhöfe von Garstedt sehen konnten. Nun gab es kein Halten mehr, jetzt waren sie gleich zu Hause. Sie waren rund zwanzig Kilometer gelaufen und über sechs Stunden unterwegs. Anna und Lena warteten schon seit Stunden in größter Sorge um die beiden. Auf ihre Fragen, warum sie so lange unterwegs waren, murmelte Renate nur etwas von „Geld für den Bus verloren“ und Hubert wagte es natürlich nicht seine geliebte Schwester zu verpetzen.
Ein großes aufregendes Abenteuer war zu Ende und der Alltag auf dem Hof nahm wieder seinen Lauf. Bald kam die Zeit der Kartoffelernte und danach die Steckrüben. Hierzu mussten wieder alle Kinder mit auf das Feld, um auf Knien die begehrten Kartoffeln in Körbe einzusammeln. Nikolai fuhr den Trecker und der Bauer passte auf, dass keiner die Kartoffel in die eigenen Taschen stopfte. Wenn die Felder abgeerntet waren, durften die Kinder und Helfer aber noch zur Nachernte, dem sogenannte „Stoppeln“ aufs Feld um die wenigen restlichen Kartoffeln für den Eigenbedarf aufzusammeln. Das Gleiche galt auch später für die Steckrüben.
Doch nun stand der Winter wieder bevor und die harte Jahreszeit begann. Im Dezember 1954 war die Lage besonders schlimm. Ein sehr kalter Winter kündigte sich an und das Weihnachtsfest kam unaufhaltsam näher. Hubert war wieder mal bei Nikolai in der Werkstatt. Da es langsam dunkel wurde, machte er sich auf um nach oben zu seiner Mutter zu gehen, als er das Schnattern der Gänse aus dem nahen Stall hörte. Und schon kam ihm die Idee, sich eine von diesen Gänsen zu schnappen und sie seiner Mutter als Weihnachtsbraten zu bringen. Hunger macht erfinderisch und die Gelegenheit war günstig. Der Bauer war mittags weggefahren und Nikolai noch in der Werkstatt. Hubert also nichts wie rein in den Stall, die erstbeste Gans geschnappt und ab auf den Hof hinter die Remise, wo er der Gans irgendwie den Hals umdrehen wollte. Aber so eine Gans ist ein ziemlich großes und wehrhaftes Tier für einen neunjährigen Jungen und so flatterte sie ihm ständig wieder aus den Händen, dabei fürchterlich laut schnatternd. Als er die Gans dann endlich unter den Arm geklemmt hatte und mit ihr hinter die Remise verschwinden wollte, fühlte er sich plötzlich von hinten von zwei kräftigen Männerhänden gepackt und hörte schon die laute Stimme des Bauern: „Du verfluchter Bengel, willst du wohl die Gans hierlassen, na warte ich werde dir den Hintern versohlen!“ Der Bauer riss ihm die Gans unter dem Arm heraus und reichte sie seiner hinzukommenden Frau, schleifte den Jungen über den Hof zum Hauklotz. Er bog ihn vornüber auf den Klotz und dann gab es ordentlich Prügel auf den Hintern, dass der Junge nur noch wimmern konnte. Die Bauersfrau legte anschließend die fiepende Gans auf den Hauklotz und hackte ihr kurzerhand den Kopf ab. So ereilte die Gans das gleiche Schicksal wie vorher die Hühner, ab in den Kuhstall zum Ausbluten.
Hubert aber schlich heulend und voller Angst nach oben. Was wird Mutti sagen und was Tante Leni? Anna und Lena hatten das Geschrei schon gehört und kamen ihm entgegen. So blieb ihm nichts anderes übrig als seiner Mutter den versuchten Gänseraub zu beichten. Anna nahm ihren Jungen in den Arm und sagte nur: „Ist schon gut, nur darfst Du so etwas nie wieder machen!“ Nur Tante Leni war gar nicht zufrieden, sie schüttelte den Kopf und sagte dann, wie es so ihre Art war: „Schade, das muss der Junge noch lernen, und was essen wir jetzt Weihnachten?“ Die Tage bis zum Weihnachtsfest vergingen für Hubert träge und er schämte sich unendlich, weil alle auf dem Hof natürlich davon erfuhren. Besonders Werner und Franz-Gerd mieden ihn jetzt deutlich, sahen ihn immer schief an. Vielleicht hatte der Bauer seinen Söhnen sogar verboten mit ihm zu sprechen? Wie schrecklich, hätte er es doch nur gelassen!
Aber auch das ging vorüber und das Weihnachtsfest kam immer näher. Anna und Lena hatten das Zimmer festlich geschmückt und im nahen Wald eine Tanne abgesägt, die stand nun in einem gusseisernen Fuß vor dem Fenster zum Garten. Am Heiligen Abend schmückten Anna und Lena den Baum mit bunten Kugeln, silbernem Lametta und goldenen Girlanden. Ganz oben steckte eine goldene Tannenbaumspitze aus Glas. Hubert und seine beiden Schwestern mussten dann immer so lange draußen auf dem Hof bleiben, bis Lena sie, meistens so gegen vier Uhr, vom Fenster aus heraufrief. Das ganze Zimmer strahlte in hellem Kerzenschein, die Geschenke lagen unter dem geschmückten Tannenbaum und das Radio spielte „Oh du Fröhliche“. Über den großen Tisch war ein weißes Bettlaken gedeckt und darauf ein Kerzenständer mit drei großen weißen Kerzen.
Dann war Bescherung, welch eine Freude die Geschenke auszupacken, ein kleiner Trix-Stabil-Baukasten und ein Spielzeugauto für Hubert, Puppenwagen und eine Puppe für Renate und eine neue Schultasche für Valeska. Und für jeden gab es einen bunten Teller mit Schokolade, Weihnachtsmann, Apfelsinen, Äpfeln, Datteln und Nüssen. Plötzlich hörten sie schwere Schritte auf der Treppe und es wurde an die Tür geklopft. Hubert dachte an die Gans und verkroch sich hinter dem Vorhang zu den Matratzen. Lena öffnete die Tür und da stand Oma Pein im Türrahmen mit einer großen Steingutplatte in beiden Händen. Auf der Platte aber lag die fertig gebratene Gans und auf dem Boden vor der Tür stand ein großer Topf mit gekochtem Apfelrotkohl! Die Oma lächelte alle an und sagte nur: „Wir wünschen euch Frohe Weinachten und einen Guten Appetit!“ Anna, Lena und die drei Kinder waren völlig sprachlos und starrten nur immer die Gans an, von dieser wieder zu Oma Pein und dann fingen alle vor Freude an zu lachen. Die Gans kam noch einmal in den Backofen, die beiden Mädchen schälten Kartoffeln und eine gute Stunde später gab es das beste Weihnachtsfestessen, das dieses karge Zimmer jemals gesehen hatte. Gänsebraten mit Apfelrotkohl und Salzkartoffeln, einfach unglaublich, wo es sonst doch Heiligabend immer Kartoffelsalat mit Würstchen gab. So wurde dieses Weihnachtsfest eines der schönsten in diesen harten Jahren, unvergessen noch nach Jahrzehnten.
Diese paradiesische Zeit auf dem Bauernhof verstrich für Hubert langsam aber unaufhaltsam und es kam der Tag, an dem die Wohnungszwangsbewirtschaftung aufgehoben wurde. Das bedeutete, dass die Familien der Kriegsflüchtlinge und Ausgebombten endlich eine eigene Wohnung zugewiesen bekamen. Tante Leni heiratete erneut, ihr erster Mann war schon gleich zu Beginn des Krieges gefallen. Sie zog wieder nach Hamburg in die Rambachstraße, das war die Parallelstraße von der Reimarus Straße, in der Tante Anni wohnte. Huberts Mutter Anna bekam im Sommer 1955 für sich und ihre drei Kinder eine kleine Wohnung in der Ochsenzoller Straße in Garstedt im Haus der Buchdruckerei Kluge zugewiesen. Eineinhalb Zimmer mit einer Wohnküche, einem richtigen WC und fließend Wasser! Das halbe Zimmer bekam seine älteste Schwester Valeska, die nun mit achtzehn gerade die Mittelschule beendet hatte und eine Lehre als Rechtsanwaltsgehilfin bei Riehn & Liermann in Hamburg begann.
Jetzt als Zehnjähriger merkte Hubert erst langsam, was es bedeutete ohne Vater aufzuwachsen. Jedweden Schikanen der „besseren“ Nachbarn ausgesetzt, von dem Vermieter ständig gegängelt, von den eigenen Klassenkameraden wegen seiner schäbigen Kleidung verspottet, oftmals sogar grundlos verprügelt, von der Lehrerin zum Spott der ganzen Klasse wie ein Tanzbär vorgeführt, begann ein Martyrium, das ihn schon sehr früh an der Gerechtigkeit und an Gott verzweifeln ließ.
Hinzu kam, dass seine beiden Schwestern langsam erwachsen wurden. Valeska hatte schon lange den Wunsch geäußert nach Hamburg zu ziehen. Und Renate war ein Wildwuchs mit einem unbändigen Lebens- und Freiheitswillen. Sie würde es auch nicht mehr lange zu Hause halten. Manchmal blieb sie schon jetzt tagelang weg. Und so kam es, Valeska zog ein paar Monate später nach Hamburg in die Talstraße 59. Sie hatte dort ein möbliertes Zimmer bei einer Familie Bergenroth bekommen. Ein Glücksfall, wie sich später herausstellte, eine typische Hamburger Kriegerwitwe mit zwei erwachsenen Söhnen, so wie es sie nach 1945 zu Hunderten in Hamburg gab. Resolut aber herzensgut, immer hilfsbereit und freundlich.
Somit waren Hubert und Renate mit ihrer Mutter allein in Garstedt geblieben. Und Anna ging es in der letzten Zeit gesundheitlich immer schlechter. Die einzigen schönen Stunden blieben die wenigen Fahrten mit Mutti nach Hamburg zu den Tanten. Am liebsten fuhr er zu Tante Annie am Hafen, mit den beiden süßen Mädchen Sylvia und der kleinen Sonja, die immer auf dem Fußboden herum krabbelte, dem lustigen Onkel Ali, der so ganz anders aussah als alle diese müden, ausgemergelten Gesichter der Kriegsheimkehrer, die sonst überall herumliefen. Mit Huberts Schwester Renate machte er sich oft einen Spaß und fragte sie: „Heißt du Renate … oder heißt du G r a n a t e?“ Dabei lachte er über das ganze Gesicht, rollte mit den Augen und klopfte sich vor Freude auf die Schenkel. Reni war dann erstmal eine Weile eingeschnappt. Bei ihnen war es immer schön und alle fühlten sich dort fast wie zu Hause. Die Wohnung strahlte Wärme aus, auf dem Boden lagen überall türkische Teppiche statt der hässlichen, durchgelatschten Stragula-Böden wie in der Wohnung in Garstedt.
In der Stube stand in einem Schrank, aus dunkel glänzendem Mahagoni, ein großes Radio, mit einem grünen magischen Auge, das hatte es Hubert sofort angetan. Wenn man den Sender verstellte, änderte sich das magische Auge wie eine Pupille. Aus dem Radio erklang meistens schöne Musik, manchmal auch Nachrichten oder die Suchmeldungen vom Roten Kreuz: Suchkind Nr. 57135, blondes Mädchen, ca. sieben Jahre alt aus Hamburg-Altona, sucht seine Mutter. Name des Mädchens: Helga E., Hinweise bitte an die …… „. Solche Suchmeldungen kamen mehrmals täglich und waren sehr traurig anzuhören. Viel schöner waren für ihn die Lieder von Lys Assia, „Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen“ und „Oh, mein Papa“ und das Lied „Roter Mohn“ von Rosita Serrano, der sogenannten „Chilenischen Nachtigall“. Das war Annas Lieblingslied. Sie versprach ihm, dass sie bald auch ein solch großes Radio zu Hause haben würden. Der alte Volksempfänger hatte schon vor geraumer Zeit seinen Geist aufgegeben aber das neue Radio kam noch lange nicht. Also blieb ihm nichts anderes übrig als Warten und Hoffen!
Sylvia hatte es Hubert besonders angetan. Ein so schönes Mädchen hatte er noch nie gesehen, mit glänzend schwarzen Haaren, einem feinen Gesicht, wie das einer Fee aus den Weihnachtmärchen, die er mit seiner Mutter so oft gesehen hatte, große dunkle Augen, die ihn aber immer etwas traurig ansahen. Als er an ihr herunterschaute, konnte er den Grund dieser Traurigkeit erkennen. Das linke Bein war völlig verkümmert, ganz dünn und steckte in einer schrecklich anzusehenden metallenen Stellage, die mit vielen Schrauben, Stangen und Gelenken verbunden war. Damit kam sie manchmal humpelnd auf ihn zu, griff dann in seine blonden Haare und sagte nur leise: „Wie schön!“ Er hatte das Mädchen sofort in sein Herz geschlossen und es tat ihm unendlich leid. Was für eine Qual für solch ein schönes Mädchen! Zuerst glaubte er, sie wäre im Krieg verletzt worden, vielleicht unter den vielen Trümmern begraben. Seine Mutter erzählte ihm, dass Sylvia Knochen-Tuberkulose hatte und da es, so kurz nach dem Krieg, keine ausreichenden Medikamente gab, sei diese schreckliche Krankheit voll zum Ausbruch gekommen. An Hubert und seinen beiden Schwestern ist dieser Kelch vorübergegangen und sie wurden später in der Schule alle geimpft. Das empfand er jetzt, nachdem er dieses Mädchen gesehen hatte, als ein ganz großes Glück.
Die Straßen in dem Viertel, in dem Tante Annie lebte, waren noch voller Trümmer, die meisten aber schon zu Bergen zusammengekarrt, aus denen sich die Menschen oftmals Steine holten um ihre Häuser, die nur teilweise zerbombt waren, damit notdürftig zu reparieren. In dem kurzen Straßenteil der Reimarus Straße zum Stintfang hin hatte man diese Trümmer zu großen Haufen aufgetürmt. Auch standen in der Ditmar-Koel-Straße noch die Ruinen der ausgebombten Häuser, manche Fassadenmauern waren stehengeblieben und wurden zur Sicherheit von hinten mit großen Holzbalken abgestützt. Wenn Hubert durch diese Straßen ging, überkam ihn oft ein Grauen. Die leeren, ausgebrannten, schwarzen Fensterhöhlen sahen aus wie tote Augen, die anklagend und mahnend auf die Menschen herabblickten, als wollten sie sagen: „Warum habt ihr das getan!“ Aus den Trümmern hinter diesen Fassaden holten die Menschen, oft unter Lebensgefahr, alles heraus was sich noch irgendwie verwerten ließ. Nach und nach verschwanden diese Ruinen und Trümmerhaufen und es blieben nur noch überall diese großen, freien Plätze.
Die leeren, ausgebrannten, schwarzen Fensterhöhlen sahen aus wie tote Augen, die anklagend und mahnend auf die Menschen herabblickten, als wollten sie sagen: „Warum habt ihr das getan!“ (Bild 2: Getty Images)
Es gab bei Tante Annie noch einen großen Sohn, Werner, der hatte schon ein eigenes Motorrad, eine Ariel, und er nahm Hubert oft auf dem Sozius mit durch die Stadt. Meistens ging es aber in den Freihafen um irgendetwas zu „organisieren“, Kaffee und Zigaretten natürlich. Und für Hubert die ersehnten Bananen und Orangen aus dem Frucht-Schuppen. Werner kannte sich im Freihafen bestens aus. Er wusste immer, in welchen Schuppen die gesuchten Sachen lagen, beispielsweise die Südfrüchte, die von den Ladekränen heruntergefallen waren und in den Hallen herumlagen. Man durfte sie aufsammeln und mitnehmen, aber nur zum sofortigen Verzehr. Er fand auch aufgeplatzte Säcke mit Rohkaffee, aus denen man sich die Hosentaschen vollstopfte, und natürlich Tabak für Zigaretten. Werner hatte immer ein Taschenmesser mit, falls mal keiner der Säcke aufgeplatzt war half er etwas nach. Manchmal fuhren sie auch durch den alten Elbtunnel in den Freihafen. Das war immer eine ganz besonders interessante Sache. Mit einem großen Lastenfahrstuhl, in dem zwei Autos Platz hatten, ging es tief nach unten bis unter die Elbe und dann fuhr man durch zwei gekachelte Tunnelröhren auf die andere Elbseite und dort wieder mit einem Fahrstuhl nach oben. Werner bevorzugte aber zum „Organisieren“ lieber die Brücken in der Speicherstadt! Kinder wurden bei den Zollbrücken-Übergängen nie kontrolliert. Hubert also mit den Hosentaschen voll Zigaretten oder Tabak, in den Jackentaschen die rohen Kaffeebohnen und ein, zwei Bananen, diese offen in der Hand, zu Fuß durch den Zoll. Unkontrolliert! Werner per Motorrad, fünf Minuten später hinterher, manchmal gefilzt bis auf die Haut, ohne Ergebnis, aber alles war gerettet. An der nächsten Straßenkreuzung, meistens Ecke Brooksbrücke/Bei den Mühren, oftmals auch bei der Brücke St. Annen, sprang Hubert auf das Motorrad und ab ging es mit der „Sore“ zu Tante Annie, wo seine Mutter und die anderen schon warteten. Jetzt wurden die rohen Kaffeebohnen mit etwas Margarine in einer Bratpfanne geröstet, was fast eine Stunde dauerte, danach gemahlen und dann gab es frischen Kaffee, selbstgebackenen Kuchen, Kakao für die Kinder und für die Erwachsenen Zigaretten. Für alle ein unvergesslicher, schöner Tag. Abends mit Mutti per U-Bahn nach Hause. Bei Tante Annie war es immer schön, warm und wohlig. Manchmal, oft vor Weihnachten, fehlte ein Möbelstück, ein Schrank vielleicht oder ein Teppich. Der musste für eine Weile ins Pfandhaus, weil es wieder mal an Bargeld mangelte. Denn, wie Tante Leni es so richtig gesagt hatte, Geld war knapp wie Hühnerzähne. Spätestens nach ein paar Wochen war das fehlende Stück plötzlich wieder da. Ja, auf den Freihafen konnte man sich eben verlassen.
Aber halt, wir sind ja schon viel zu weit in der Zeitfolge vorangekommen. Die Geschichte der Familie Martin begann viel früher, eigentlich schon im Jahre 1934.
Aber beginnen wir mit dem Schicksalsjahr 1945, im April in einer Holzbaracke im Ohemoor, nördlich von Hamburger Flughafen, am Speckenbarg. Der Krieg ging dem Ende entgegen, die Kapitulation Deutschlands stand kurz bevor. Anna war mit ihrer Schwester Lena und den beiden Mädchen Renate und Valeska aus dem brennenden Hamburg in Richtung Norden, ins Ohemoor am Hamburger Flughafen, geflüchtet. In einer alten Holzhütte eines Bauern aus der Nähe hatten sie vorübergehend einen Unterschlupf gefunden und warteten darauf, dass der Krieg nun endlich zu Ende ginge und der Ehemann und Vater wieder nach Hause käme.
Die Todesnachricht im April 1945.
Es war ein wunderschöner Tag im April 1945, fast wie im Frühsommer. Die Sonne strahlte warm und friedlich und die Erde schien sich wieder zu beleben, nach einem langen und kalten Winter. Bald würden die Bäume ihre Blätter sprießen lassen und die Blumen warteten schon darauf endlich aus dem noch halb gefrorenen Boden sprießen zu können. Ungeachtet des Krieges, der in Deutschland wütete, heilte die Natur sich selber. Das Land stand am Rande des Kollapses, es gab viel zu viele Fronten und kaum noch Soldaten, Waffen und Munition. Deutschland hatte den Krieg endgültig verloren und der Traum vom „Tausendjährigen Reich“, von der Übermacht der arischen Rasse über die anderen Nationen, den leider zu viele hatten zerbrach. Das Volk verlor mehr und mehr die blinde Verehrung und Anbetung für den „Führer“. Die Menschen waren zerbrochen, die Nation wie gelähmt und die Männer an der Front und ihre Frauen und Kinder zu Hause beteten, dass dieser sinnlose Krieg endlich zu Ende gehen würde.
Die beiden kleinen Mädchen ließen sich ihre Gesichter von den Sonnenstrahlen wärmen, als sie den langen Feldweg entlanggingen. Sie sprangen über die Schatten der weißen Birken, die längs des Weges standen. Die Sonnenstrahlen tanzten zwischen den Bäumen und die Äste schimmerten wie Silber, die beiden Mädchen liefen in diesem Schattenspiel voller Wonne dahin. Sie schälten einige Stücke von der glitzernden Baumrinde ab und hielten sie wie einen kostbaren Schatz in ihren Kinderhänden, bis ein Windstoß sie ihnen aus den Händen blies. Bisweilen wollten sie hinterherlaufen, sprangen und streckten sich danach, aber der Wind fegte sie hoch in die Bäume bis in den endlosen Himmel.
Diese Mädchen kannten die Bedeutung ihrer jungen Existenz noch nicht, sie wussten nicht, dass sie die zukünftige Generation der Frauen sein werden, die für dieses völlig zerstörte Land neue Kinder zur Welt bringen würden, damit der Kreislauf des Lebens niemals aufhört. Sie verstanden die Bedeutung des Krieges nicht wussten nur, dass die Väter irgendwo an irgendeiner Front kämpften und dass die Frauen und Kinder zu Hause für Schutz, Obdach und Nahrung selber sorgen mussten. Da war die ständige Angst vor den Bombenflugzeugen, man konnte das Dröhnen ihrer Motoren schon lange hören, bevor sie in Sichtweite kamen. In solchen Fällen begannen überall die Sirenen zu heulen, um die Menschen vor dem bevorstehenden Luftangriff zu warnen. Aber heute war der Himmel strahlend blau und nur das Zwitschern der Vögel war zu hören; heute war keine Gefahr aus der Luft zu befürchten, es war der erste warme Tag des Jahres und nichts konnte ihn stören.
Valeska war gerade acht Jahre alt, mit ihrer feinen Gesichtsform und der aufrechten Körperhaltung würde sie eines Tages zu einer schönen, jungen Frau heranwachsen. Sie hatte haselnussbraune Augen und silberblonde Haare, welche sie zu Zöpfen geflochten hatte, die ihren Kopf lieblich einrahmten. Sie ging immer mit einer gewissen Anmut, setzte sich über alle Unbilden hinweg; über den Krieg, über den Hunger, über den Schmutz und die Hässlichkeit. Sie sah nicht ihre zerrissene Kleidung, nicht die Löcher in ihren Schuhen und die endlosen Mahlzeiten aus Kartoffeln und Kohl. Sie lebte in ihrer eigenen Welt der Möglichkeiten, in der alles immer sauber und schön war. Valeska sah und war ihrem Vater sehr ähnlich.
Ihre kleinere Schwester Renate war vier Jahre jünger; sie hatte nicht diese feinen Züge wie Valeska. Renate kam mehr nach ihrer Mutter, sie hatte ein runderes Gesicht, mit Sommersprossen, blauen Augen und ihr Haar war strohblond. Sie konnte ihre Haare nie in eine solch schöne Form bringen wie ihre Schwester, obwohl ihre Mutter sie ihr jeden Morgen aufs Neue ordentlich frisierte. Schon nach kurzer Zeit fielen ihr die Haare wieder völlig wild ins Gesicht. Auch hatte sie noch eine Erkältung vom Winter verschleppt und so wischte sie sich ständig die Nase, meistens nahm sie dafür einfach den Ärmel. Was einen Ausdruck von Ekel auf dem Gesicht ihrer Schwester zur Folge hatte, als wollte sie sagen: „Egal wie arm wir auch sind, wir dürfen niemals unsere guten Manieren vergessen.“
Als sie sahen, dass der Feldweg eine Biegung machte, wussten sie, dass sie nun gleich zu Hause sind. Ihr zu Hause war eine schäbige Baracke in der Nähe eines spärlichen kleinen Bachs. Ursprünglich ein Schuppen und Unterstand für die Feldarbeiter eines Bauern aus der Nähe, zwei Kilometer weiter im Dorf. Jetzt war es das Zuhause für die beiden Mädchen, ihre Mutter Anna und ihre Tante Lena, Annas Schwester.
Lena hatte ihren Mann früh im Krieg verloren, sie war gerade acht Monate verheiratet, als ein Soldat ihr die traurige Nachricht überbrachte. Außerdem hatte sie ihre Tochter verloren aber Anna war froh, dass sie ihre Schwester bei sich hatte, denn sie würde im Frühsommer ein drittes Kind bekommen. Beide Frauen beteten, dass der Krieg nun bald zu Ende sein würde. In der Stadt wurde schon darüber gesprochen, dass Deutschland bald kapitulieren würde, und diese Hoffnung brachte die Menschen näher zusammen. Schon bald würde Frieden sein, die Männer kämen endlich von der Front nach Hause und das Leben wäre wieder lebenswert.
Valeska blieb stehen und starrte einen Mann in Uniform an, der zu ihrer Mutter ging. „Vati“, dachte sie, „es muss Vati sein.“ Sie hoffte er sei nach Hause gekommen und würde sie zurückbringen in ihr Haus in Hamburg, wo sie ein schönes Zimmer hatte. Alles würde wieder sauber sein, sie hätte neue Kleider und es gäbe wieder elektrisches Licht und fließendes Wasser. Und vor allem wieder ein Badezimmer! Der Geruch von warmen Essen
